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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 418/419                                       Mai/Juni 2018

 

 

 

KARL MARX‘ ANFRAGE AN DIE CHRISTEN

Zum 200. Geburtstag von Karl Marx

Von Balázs Németh

Über Karl Marx zu sprechen, ist in unserer Zeit nicht einfach, weil viele ihm gegenüber in zweifacher Hinsicht voreingenommen sind: Erstens we­gen seiner Religionskritik, obwohl er – anders als andere Denker des 19. Jahrhunderts, z. B. Nietzsche – dem Atheismus keine zentrale Be­deu­tung beimisst. Zweitens wird er als Urheber für das Unrecht der sowjetischen und der sozialistischen Systeme verantwortlich gemacht. Das wä­re allerdings so, wie wenn man Jesus für die Gräueltaten der Kreuzzüge, der Religionskriege, der Inquisitionen, etc. verantwortlich machen wür­de. Ungeachtet all dessen ist Marx einer der bedeutendsten Denker der modernen Zeit, der die Nachwelt, also auch die Christen, anregt und her­ausfordert.

„Religion ist Opium des Volkes“ (Karl Marx)

Es ist wichtig zu wissen, dass es bei Marx‘ Religionskritik primär nicht um die Religion ging, sondern um eine Gesellschaft „deren geistiges Aro­ma die Religion ist“. Er beurteilte die Religion unterschiedlich und ambivalent, wobei er das Christentum im Blickfeld hatte. Das religiöse Ele­ment ist „zum einen Ausdruck des wirklichen Elends“, es ist aber auch „Protestation“ dagegen, und schließlich ist es „Seufzer der bedrängten Krea­tur“ und „Gemüt einer herzlosen Welt“. Da sie aber nur vom Erdulden und vom Trösten lebt, „ist sie das Opium des Volkes“.

Diese Religionskritik wurde in einer speziellen historischen Situation geboren – wie auch von der Kirchengeschichtsschreibung bestätigt wird – , in der Kirchlichkeit und Glaube auch dazu dienten, den Menschen in Demut und im Trost zu stärken, aber von sozial aufrührerischen Bestre­bun­gen fern zu halten. Diesbezügliche Erfahrungen hat besonders Friedrich Engels in seiner näheren Heimat, den Textilzentren Wuppertals, ge­macht. Marx machte seine Kritik sogar explizit an der lutherischen Theologie fest, indem er auf deren Ambivalenz verwies: Luther habe „den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz an die Kette gelegt hat“. Das heißt, das Bestreben nach gesellschaftlicher Freiheit wurde durch die innere Freiheit ersetzt.

Bereits diese amputierte Freiheit erinnert an die vom evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer kritisierte Vorstellung von einem „Lücken­büßergott“: „Die Religionen sprechen von Gott“, schreibt Bonhoeffer, „wenn menschliche Erkenntnis zu Ende ist, oder wenn mensch­liche Kräf­te versagen – es ist eigentlich immer der deus ex machina, den sie aufmarschieren lassen.“

Auf diesen Lückenbüßer-Mechanismus hat die evangelische Theologin Dorothee Sölle aufmerksam gemacht, in­dem sie auf Bertolt Brechts Thea­terstück „Mutter Courage“ hinwies. Darin geht es u. a. um den nächtlichen Über­fall fremder Truppen auf eine Stadt. In einer Szene erfleht eine Gruppe von Bauern, auf den Knien liegend, Gott um Hilfe, dass er das drohende Unheil abwenden möge. Ein wenig von ihnen entfernt schlägt dagegen die stumme Katrin wild auf eine Trommel, um die Stadtbewohner zu alarmieren. Dafür wird sie von den Soldaten er­schla­gen, aber die Stadt ist gerettet.

Im Hinblick auf diese Situation ist – nach Bonhoeffer – die Gottesfrage nicht eine isolierte dogmatisch theoretische Frage, sondern die Frage nach der Lebenspraxis als „Dasein für andere“. Der Grund für diese Lebensweise ist Je­sus Christus, der „nicht die griechische Gottmensch-Ge­stalt als Mensch an sich [ist], sondern der Mensch für an­de­re, darum der Gekreuzigte“ (Dietrich Bonhoeffer).

Nach Bonhoeffer ist die primäre Frage angesichts der „Gottlosigkeit“ in der Welt nicht eine theoretische Argu­men­ta­tion, sondern eine Lebens­ge­stal­tung, denn „nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben“ (Bonhoeffer).

„Radikal sein ist: die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst“ (Karl Marx)

Die Radikalität von Karl Marx bestand darin, dass er die Erscheinungen nicht an der gesellschaftlichen Oberfläche, sondern an der tiefer­lie­gen­den Wurzel, also den Erscheinungen der gesellschaftlich-wirtschaftlichen Zusammen­hän­ge im Leben der Gattung Mensch untersuchte. In der Tie­fe entscheidet sich, wer reich und wer arm ist und wer sich im Licht und wer im Dunkel befindet. Die Kategorien, die in der Tiefe wirken, sind Entfremdung, Pri­vat­eigen­tum, Ausbeutung und Klassenkampf. Sie bestimmen das Leben des Individuums und der Gesellschaft.

Konkret heißt das, dass das Geschehen in der Welt von diesen Zusammenhängen, d. h. von der „Basis“ bestimmt wird. Alles, was sich auf dem auf der Basis liegenden „Überbau“ ereignet, d. h. Kultur, Kunst, Moral und auch Re­li­gion, hängt letztlich von der Basis ab. Das Sein bestimmt das Bewusstsein und nicht umgekehrt. Der bedeutende un­garische marxistische Philosoph der Zwischenkriegszeit, Georg Lukács, sprach von „Widerspiegelung gesell­schaft­licher Verhältnisse“. Und der moderne italienische Marxist Antonio Gramsci sprach von einer Wechsel­wir­kung zwischen Basis und Überbau. Bertolt Brecht formulierte das in seiner derben Art so: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“.

Marx meinte, dass er Hegel damit auf den Kopf gestellt habe, weil er nicht mehr den Weltgeist als Angelpunkt der Ge­schichte definierte, sondern die gesellschaftlich-wirtschaftliche Komponente als deren Basis sah. Für Theologie, Kir­che und Christen war Marx‘ These ein Schock und eine Provokation, weil er sie auf dem abhängigen Überbau plat­ziert hatte.

Der deutsch-amerikanische evangelische Theologe Paul Tillich hat allerdings darauf hingewiesen, dass das Er­schei­nungsbild der Gesellschaft an der Oberfläche nicht die Komplexität der Realität widerspiegelt und oft ein fal­sches Bewusstsein erzeugt. Deshalb muss man in die Tiefe vordringen, wo Oberflächlichkeit und der Trieb nach Hö­hen­flügen überwunden werden können.

Die Vertreter der Befreiungstheologie und auch die religiösen Sozialisten haben die biblischen Geschichten mit dem Instrumentarium der Marx’schen Gesellschaftsanalyse beleuchtet und dabei die Entdeckung gemacht, dass so­zia­le Gerechtigkeit und Solidarität mit den Entrechteten und Armen eine der zentralen und wesentlichsten Aussagen der biblischen Frohen Botschaft sind. Das motivierte Theologen und Verantwortungsträger in den Kirchen, die ge­gen­wärtige Gesellschaft ebenfalls im Lichte der Marx’schen Gesellschaftsanalyse zu betrachten und zu bewerten. Es geht dabei nicht um eine Theologisierung des Marxismus und auch nicht um eine Marx’sche Verfärbung der Bi­bel, sondern um eine zuverlässige, die Verhältnisse klar beleuchtende Analyse. Um diese Bemühungen herum sind et­liche bedeutende kirchliche Stellungnahmen entstanden, die die gesellschaftliche Lage berücksichtigen und dar­aus die Konsequenzen ziehen. Ich möchte dafür nur zwei Beispiele anführen:

Das erste Beispiel ist das „Darmstädter Wort“ aus dem Jahr 1947, ausgearbeitet von einer Gruppe aus der deut­schen Bekennen­den Kirche. „Wir sind in die Irre gegangen“, bekennen sie, „weil wir das Recht zur Revolution ver­­neint, aber die Entwicklung zur absoluten Diktatur geduldet und gutgeheißen haben“. Ebenso ein Irrweg sei es ge­­wesen zu übersehen, „dass der ökonomische Materialismus, die marxistische Lehre, die Kirche an ihren Auftrag hät­te mahnen müssen“. Genauso wurde vergessen „die Sache der Armen und der Entrechteten zur Sache der Chri­sten­heit zu machen“.

Das zweite Beispiel ist das „Bekenntnis von Accra“ der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen aus dem Jahr 2004. Darin wird in Übereinstimmung mit der biblischen Botschaft festgestellt: „Das unmenschliche Wirtschafts­sy­stem des Imperiums schützt nur die eigenen Interessen ... Darum sagen wir ,Nein’ zur gegenwärtigen Weltwirt­schafts­ordnung, wie sie uns vom globalen neoliberalen Kapitalismus aufgezwungen wird. ,Nein' aber auch zu allen anderen Wirtschaftssystemen – einschließlich der Modelle absoluter Planwirtschaft – die Gottes Bund verachten, indem sie die Notleidenden, die Schwachen und die Schöpfung in ihrer Ganzheit der Fülle des Lebens berauben.“

Marxistische Gesell­schaftsanalyse verhilft den Kirchen in gesellschaftlichen Fragen zu einer klareren und solidari­schen Sicht.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.“ (Karl Marx)

Der evangelisch-reformierte Theologe der Universität Wien, Kurt Lüthi, hat Marx‘ Bemühungen als „Fremd­pro­phe­tie“ bezeichnet, weil er – ähnlich den alttestamentlichen Propheten – sich auf die Seite der Entrechteten gestellt und sich für eine gerechtere Welt eingesetzt hat, in der niemand mehr ein passives Objekt oder ein Spielball der Mäch­­tigen ist, sondern ein aktives Subjekt seiner Handlungen wird. Es wird nötig sein „alle Verhältnisse um­zu­wer­fen, in denen der Mensch ein geknechtetes und verlassenes Wesen sein muss“. Marx schwebte die Utopie vom ganzen Menschen vor – unter Bedingungen, in denen „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die Ent­wick­lung aller ist.“ Der Weg der Veränderung führt – nach Antonio Gramsci – keineswegs gewalttätig sondern allmählich über den „Transformismus“.

Die auf die Gegenwart konzentrierte Marx’sche Utopie erinnert Christen daran, dass das Reich Gottes mit seiner Fül­le wohl an die Wiederkunft Christi gebunden, aber als „Anzahlung“, wie der Apostel Pau­lus formulierte, bereits jetzt gegenwärtig ist. Darauf zielt die Mahnung des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer: „Das Diesseits darf nicht vorzeitig aufgegeben werden“, denn wir leben im „Vorletzten“ und nicht im „Letzten“, d. h. noch nicht in der Fülle des Reiches Gottes, wenn auch auf dieses hin.

Die Marx’sche Philosophie der Praxis mahnt die Christen an ihre Mission, aufgrund der befreienden Botschaft Got­tes Zeugen der Nächstenliebe zu sein und den Verlorenen nachzugehen, eng damit verbunden aber auch für solche Ver­hältnisse einzutreten, die Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Solidarität verwirklichen. Schon die Bibel kannte die strukturellen, nicht persönlichen Formen der Nächstenliebe, die eine Veränderung bewirken. Z. B. mahnte Je­sus: Neuer Wein gehört in neue Schläuche. So bildet die Max Weber’sche Gesinnungs- und Verantwortungsethik eine nahtlose Einheit als Nachvollzug des biblischen Einsseins von Hören und Tun des Wortes Gottes. Jegliche Tren­nung würde den Glauben auf eine von Marx kritisierte innere Freiheit reduzieren, die zwar duldet, sich aber vor der Welt verschließt.

An einem Punkt sitzen Christentum und Marxismus in einem Boot: beide haben verhältnismäßig spät die Verant­wor­tung für die Natur und die Umwelt entdeckt. Auch andere aktuell brennende Fragen stehen noch an, wie die Auseinandersetzung mit der Digitalisierung und das Bemühen um die weltweite Schließung der Kluft zwischen Arm und Reich. Marxisten und Christen bringen hier in ihrem Bemühen um eine Humanisierung der Welt unter­schied­liche, von ihrer unterschiedlichen Herkunft herrührende Visionen ein, die aber der einen gemeinsamen Sa­che dienen. Es ist nämlich nicht das Entscheidende, woher jemand kommt, sondern wohin er geht: in Richtung einer menschenfreundlichen oder in Richtung einer menschenverachtenden egoistischen Welt.

 

Yosé Höhne-Sparborth

IRAK ZWISCHEN KURDISCHEM REFERENDUM UND NATIONALEN PARLAMENTSWAHLEN

Es war seit 2002 mein elfter Besuch im Irak: April 2018.  Mensch bekommt dann so einiges  mit von den Ent­wick­lungen und Unterentwicklungen, besonders da ich immer einfach mit lebte. Zwar meistens im Kloster oder Bi­schofshaus, immer jedoch in Dominikanerkreisen und das bedeutet in diesem Land, leben zwischen den Chri­sten, die offene Beziehungen haben „zu den Nachbarn”. Es brachte mich in die einfachsten Familien, zum Gou­ver­­neur von Kirkuk im Empfangssaal, in die Große Moschee Sulaymaniyahs, wo jeden Freitag auch eine Sufi­grup­pe sich unter großem Zuschauerinteresse „in Trance” bringt; und seit 2014 immer unter IDP’s (interne Ver­trie­bene) oder Flüchtlinge.

Die Unterentwicklung hat alle Welt mitbekommen, auch wenn es anders genannt wurde von Bush: „Demokratie bringen”. Nun hatte das Unterentwickeln auch schon eher angefangen: 1991, mit dem totalen Boykott der Ver­ein­ten Nationen, in meinem und Ihrem Namen also. Als daran zu viele BürgerInnen und besonders Kleinkinder star­ben, wurde ein Sparprogramm „Essen für Öl” eingesetzt, unter strengster UNO-Kontrolle, damit kein Gramm Essen zuviel reinkommen würde. Das Programm schaffte es bis 2003, die Sterblichkeit bis auf eine Mil­lion hochzubringen, und nacheinander zwei UNO-Verantwortliche zurücktreten zu lassen, „weil sie keine Ver­ant­wortung übernehmen wollten für einen Genozid”: Dennis Halliday und Hans-Christof von Sponeck. Den Dritten, Francis Dubois, begegnete ich im November 2002 und er erzählte haargenau, wie furchtbar die Welt mit die­sem Land und diesem Volk umging, und wofür? 1991 war Irak das höchstentwickelte Land in dieser Re­gion, sehr modern und mit Krankenhäusern, die die ganze Arabische Welt in die irakischen Kranken­häusern brach­te. November 2002 besuchte die Friedensgruppe EFOR, mit der ich in den Irak reiste, ein Kinder­kran­ken­haus und dort konnten wir die Folgen des Unterentwickelns beobachten. Seit den Bombardements 1991 auf die sich aus Kuwait zurückziehenden irakischen Soldaten hat sich besonders die Kinderleukämie aufgrund des Ein­sat­zes von abgereichertem Uran verfünffacht – und Medizin durfte nicht ins Land rein, wie fast nichts rein durf­te. Die Kinder lagen in ihren Betten und die ermüdeten Mütter saßen und schliefen nachts am Boden daneben, und die Ärzte konnten kaum mehr als machtlos zusehen, wie alle wegsterben würden.

Damals fragten uns in den christlichen Gemeinden, die wir besuchten, ermüdete Väter: „Wir hassen Euch Euro­pä­er nicht. Aber wir können nicht mehr verhindern, dass unsere Söhne Euch hassen werden, ist es das, was Ihr wollt?” Muslimische und jüdische Gemeinden fragten nicht einmal, die wagten das nicht, denen waren wir zu fremd: sie empfingen uns müde, aber freundlich. Dieses Land und dieses Volk in diesem Zustand bekam dann die Kriegsmaschinerie von Bush über sich, 2003. Dass das mehr Unterentwickeln als Demokratie bringen war, ha­ben sowohl die USA als auch Großbritannien nachher eingeräumt.

Dank meiner jahrelangen Zusam­men­arbeit mit Dominikanern behielt ich Kontakt zum Dominikanerpater Yousif Thomas Mirkis in Bagdad. Er brachte mich 2003 und 2004 zurück in den Irak, wo ich die Bush-Zer­stö­run­gen sehen konnte. Was nicht zu sehen war, mir jedoch erzählt wurde: Bush hatte den gesamten „Staats­ap­pa­rat” nach Hause geschickt, also auch Feuerwehrleute (Bomben machen Feuer!), Mülltransportler, Polizei, Grenz­schutz. Während zuerst nicht einmal ein Bleistift oder Medizin gegen Kinderleukämie rein kam, jetzt konnte al­les reinkommen, auch wütende Fundamentalisten, die den Amerikanern gerne mal eine Rechnung präsentieren möch­ten. Als die Amerikaner das begriffen, ging nicht die Grenze zu, sondern die Amerikaner zogen sich hinter gut gepanzerten Schutz zurück; seitdem traf es das Volk, wo es sich versammelte (Moschee, Markt, Kirche). Sad­dam Hussein hatte vor seinem Sturz die Gefängnisse geöffnet, was auch Kriminelle auf die Straßen brachte und damit haufenweise Raubgeschichten; Christen wurden wegen ihres Rufes, reich zu sein,  entführt und wenn Lö­se­geld nicht schnell kam, fand man die Leiche in der Straße. Leute (besonders Christen) bekamen Drohbriefe: „10.000 Dollar zahlen oder Bombe”. Deshalb flüchteten viele Christen ins Ausland. Und in der Wüste sammelte sich das Männervolk, das sich später ISIS nannte. Bei meinen Besuchen beobachtete ich intensives gegenseitiges Be­suchen der lokalen moslemischen und christlichen Verantwortlichen, um sich nicht von den Amerikanern aus­spielen zu lassen. Dass der Irak nicht in einen Bürgerkrieg geraten ist in diesen Jah­ren, verdankt dieses Volk der eigenen lokalen Weisheit und Zusammenarbeit. Ab 2005 war es dann zu gefährlich für sie, um mich mit meinem „ame­rikanischen Gesicht” zu empfangen. Mit Yousif Tho­mas Mirkis O.P. traf ich mich jährlich in Paris, wenn er dort seinen Provinzoberen besuchte.

Seit Januar 2014 ist Mirkis Erzbischof in Kirkuk und hat mich wieder in den Irak geholt. Im August 2017 ist der ira­kische Norden in Nervosität und Aufbruchsstimmung. ISIS ist aus Mosul vertrieben (fast, nicht nennenswert was dort noch „eingegraben” ausharrt). Mosul ist so intensiv bombardiert wie einst Berlin und Dresden, sieht auch so aus. Dörfer und Städtchen um Mosul herum sind entweder auch kaputt bombardiert oder geschossen, oder aber die Häuser von ISIS ausgebrannt, ausgeräumt hinterlassen und sie vernichtete, was sie konnten. In Caracosh sollten September die Schulen wieder anfangen, also Familien zogen zurück, um sich langsam einen Neu­anfang zu ermöglichen. Andere blieben lieber in Erbil, wo arabisch-sprachige Schulen entstanden waren und sie sich zurechtgefunden hatten, wenn im Ursprungsdorf das eigene Haus nicht zu retten war. Inzwischen schließen diese Schulen, jetzt gilt es trotzdem zu entscheiden, wie weiter; welches Risiko ist das kleinere, wenn mensch Kleinkinder hat?

Und dann war da das kurdische Referendum. Die Araber/ Assyrer fürch­teten alle die Folgen des Ausgangs, der keinen Zweifel ließ. Alle Kurden, die ich fragte, bestätigten mit glänzenden Augen: natürlich für die Unab­hän­gig­keit stimmen! Über Reaktionen der Nachbarländer wollte niemand nachdenken: „Was hat denn das damit zu tun?” Nicht-Kurden zogen in die Ruinen-Dörfer zurück zum Aufbauen und fürchteten gleichzeitig das Referen­dum. Die Peshmerga waren ja die fak­tische Macht in diesen Dörfern der Ninive-Ebene und Provinz Kirkuk.

Das Referendum kam, Iraks Heer zog in den Norden, um alles, was nicht kurdisch ist, von den Peshmerga zu über­nehmen und wie ein Wunder: es wurde kaum ge­schossen. Kirkuk wurde innerhalb von zwei Stunden über­ge­ben. Es geschah fast so friedlich wie damals 1989 die Übernahme der DDR. Der Unterschied: Kurdistan ist nicht übernommen, es ist jetzt aber wohl wieder Irak. Die Autonomie seit 1991 ist erst einmal aufgelöst. Eine Rei­se durch die Gegend zeigt ein militarisiertes Land. Besonders Ausländer werden scharf kontrolliert, ISIS be­stand ja zum Großteil aus Ausländern. Im Osten, von Sulaymaniyah bis Kirkuk, sind die drei Militär-Kon­troll­po­sten jetzt scharf. Von Kirkuk nach Erbil muss man über Feldwege fahren, weil die Autobahn gesperrt ist – und alle 15 Minuten trifft man auf eine Militärkontrolle. Von Erbil nach Bashiqa, wo meist Yezidi leben, alle 10 Mi­nu­ten; von Bashiqa nach Caracosh jede 5. Minute – da kommt man in die Nähe von Mosul, und nicht alle ISIS-Leute sind dort weg. Es gab nach dem Referendum keine Kämpfe, jedoch die Irakischen Militärposten sehen sehr geschützt aus: von Erdwällen umgeben, nach allen Seiten Kontrolltürme und Schützenpanzer. Es wird nicht ge­kämpft, aber es wird auch kein Meter Land mehr abgegeben. Felder sind hier und dort umgegraben, als wäre ein großer Maulwurf durchgekrochen.

Jetzt, im April 2018, warten alle ab, was die Wahlen im Mai bringen werden (siehe dazu Kasten am Ende dieses Artikels). Das Gesicht der irakischen Demokratie, die Bush gebracht hat: 325 Sitze im Parlament in Bagdad; 240 Parteien; 8000 Kandidaten; für die Christen 5 Sitze reserviert, 74 Kandidaten, die darum kämpfen. Das Volk wählt nicht Parteien, sondern Kandidaten. Partei und Clan kann ungefähr das Gleiche sein. Die Kandidaten werden mehr oder weniger vom Clan gesteuert. 2004 sag­te Mirkis schon: die Amerikaner haben uns auch Kor­rup­tion gebracht. Sie bezahlen jeden Dienst, und alle Familien kämpfen ums Über­leben, also konkurrieren alle um diese Dienste. Und die Demokratie bedeutete erst einmal, ein Gehalt um seine Familie und gleichzeitig die Fa­­milie des Bruders zu retten, falls ein Sitz im Parlament erobert werden könnte. So finden sich unter den 8000 Kandidaten heute mehr, die die eigene Position verbessern möchten, als solche, die erst mal das Land aus dem Tief herausarbeiten möchten. Es gibt sie aber, und jetzt wird gehofft, dass das Volk vernünftiger abstimmt als die Kurden es taten. Denn die haben erst einmal vieles verloren. Autonomie weg, die Flughäfen blockiert, jetzt wer­den sie aber langsam wieder geöffnet. Bagdad kann nicht einmal die Autonomie wieder herstellen, denn sonst würde Erdogan sofort einmarschieren.

Erzbischof Mirkis hatte ab 2014 mit sei­nen 7 Priestern und 7.000 Gläubigen 4.000 IDP’s (interne Vertriebene) auf­gefangen, dazu bis 650 geflüchteten StudentInnen Unterkunft und Essen verschafft, damit sie an der Uni­ver­sität Mosul in Kirkuk im Exil das Studium fortsetzen konnten. Die Stadt Kirkuk zahlte die Studienkosten. Die Hälfte waren Yezidi-StudentInnen. Besonders die Bischofskonferenz Frankreichs hatte dieses Programm fi­nan­ziell unterstützt.

Auch die Universität Mosul sollte im September 2017 wieder in Mosul beginnen. Mirkis hatte mit Kirkuk ver­han­delt, dass die Yezidi an der Exil-Universität in Kirkuk weiter studieren durften, weil ihre Dörfer zerstört wa­ren. Das wurde genehmigt. Dann aber forderte im September der Präsident der Universität Mosul, dass alle nach Mo­sul zurückkehren, sonst würden ihnen ein oder mehr Jahre gestrichen werden. Von den 11 gemieteten Häu­sern für die StudentInnen wurden 9 geschlossen, nur zwei sind noch da für StudentInnen, die an Fakultäten Kir­kuks studieren. Der Bischof von Caracosh, der relativ viel Hilfe zum Wiederaufbau bekommt, weigerte sich, den Yezidi Unterkunft zu geben. So leben sie jetzt in Bashiqa, einem ihrer Ursprungsdörfer, in Häusern, die für die Eigentümer noch unbewohnbar sind. Und von Kirkuk her bekommen sie monatlich einen Essens-Transport und dazu das tägliche Reisegeld nach Mosul.

Erzbischof Mirkis ist fest entschlossen, den Yezidi weiter zu helfen, weil ansonsten niemand ihnen hilft. In Sinjar sind noch 244 Student­Innen, die haben schon ein Jahr verloren, von dort gibt es keinen Weg nach Mosul. Im September will er diese nach Bashiqa holen und ihnen weiter helfen. Falls notwendig wird er eigene Aufbauprojekte so lange ruhen lassen „denn die Christen bekommen genügend Hilfe, die brauchen mich nicht. Die Yezidi aber werden von allen vergessen.”

Inzwischen verhandelt er in Frankreich, ich in den Niederlanden, um besonders den Yeziden zu helfen, die ja auch am meisten gelitten haben.

Irak. Ein Land der Hoffnung, trotz alledem. Das Volk lässt sich nicht unterkriegen. Saddam Hussein hatte die kurdischen Berge abgeholzt, damit die Peshmerga zu sehen wären; 1991 und 2003 haben die Bombardements viele Bäume verbrannt; der UNO-Boykott hat den Agrarsektor vernichtet, weil nicht das kleinste Ersatzteil rein durfte. Und seit 2014 sehe ich jedes mal Sulaymaniyahs Berge grüner werden. Überall werden Bäume gepflanzt, sogar in Caracosh auf den Bürgersteigen vor den Häusern. Es lebt Hoffnung, dass es jetzt endlich einen Weg geben wird – weg aus dem dauernden Vernichten.

Wie militarisiert Kurdistan und Nord-Irak auch aussehen, keiner erwartet, dass da noch geschossen werden wird. Die nächste Probe für dieses Volk ist ökonomisch. Von 2003 bis 2014 konnten Erbil und Sulaymaniyah, Kur­distan also, boomen. Durch ISIS, von Maliki in Bagdad und Barzani in Erbil reingeholt, wurde der Boom ge­stoppt. Beide Städte sehen reich aus, mit enormen Einkaufszentren. Die Investoren jedoch verschwanden, als die Flüchtlinge und IDP’s in Millionenmassen kamen. Den syrischen Flüchtlingen wird nicht weiter geholfen als mit Zeltlagern, aber auch das kostet. Investoren werden nicht so schnell Vertrauen zurückgewinnen und zurück­keh­ren. Es stehen viele Wohntürme im Rohbau – ob da je weitergebaut werden wird? Kirkuks Leute glauben in­zwischen, dass diese Städte reich sind und man geht dort gerne einkaufen; und fühlt Neid. Bagdad verteilt jetzt das Geld aus dem Öl, auch für Kurdistan. Kurdistan bekommt zu wenig, um die Gehälter zu bezahlen, Mosul be­kommt nichts für den Wiederaufbau. Die Politiker können sich nicht einigen. Die Frage ist also: welche Po­li­ti­ker wird es nach den Wahlen geben. Solche, die in die eigene Tasche wirtschaften, oder solche, die wirklich den Nöten der Bevölkerung Rechnung tragen möchten.

Wie dem auch sei, Bischof Mirkis braucht Hilfe für die Yezidi. Er schafft es nicht mehr, es war zu viel. Und seine „Herde” hilft ihm dabei, wo sie kann. Das sind die Hoff­nungs­träger: nur alle Gruppen gemeinsam werden einen Irak des Friedens schaffen können. Die Potenz ist da. Das Volk wird neue Bäume pflanzen, damit es wieder Schatten gibt in diesem überhitzten Land. Europa und die USA haben eine Schuld gegenüber diesem Land. Die USA mindestens seit 2003. Europa, seit Frankreich und England inmitten des Ersten Weltkriegs am Bier­tisch diese Region des Öls wegen aufteilten und Kurdistan auf vier Staaten aufteilten. Shell war schon 1912 dort...

Yosé Höhne-Sparborth, geb. 1946, 1965 Eintritt in den Orden der Armen Schwestern vom Göttlichen Kind. Von 1978 bis 1994 leitete sie die Dominikanerkommunität „Giordano Bruno“ in Utrecht. Höhne-Sparborth engagierte sich in der christlichen Basisbewegung so­wie in der  Friedensbewegung (u. a. Interkirchlicher Friedensrat, „Kerk en Vrede“). Die Dominikanerschwester war auch mehr als 20 Jah­re als Friedensarbeiterin für und in Lateinamerika tätig (Nicaragua, El Salvador, Kolum­bien und Chile) und besucht nun schon seit über 15 Jahren regelmäßig den Irak, wo sie u. a. mit dem  chaldäisch-katholischen Erzbischof Mirkis in Kirkuk zusammenarbeitet.

 

Vorläufiges Ergebnis der Parlamentswahl zu Redaktionsschluss:

Die Parlamentswahlen im Irak vom 12. Mai 2018 haben eine klare Niederlage für die bisherige, vom Westen favorisierte Re­gie­rung Haider al-Abadi sowie die niedrigste Wahlbeteiligung seit dem Sturz von Saddam Hussein gebracht (44,5 Prozent ge­gen­über 79 Prozent 2015). Überraschender Wahlsieger ist das Bündnis „Vorwärts marschieren“ des Schiitenpredigers Muktada al-Sadr (früher ein „Schreckgespenst“ für die USA) mit den Kommunisten und anderen säkularen Parteien. In den Kur­den­gebieten dominieren weiter die beiden traditionellen Par­teien Demokratische Partei Kurdistans (KDP) und Patriotische Union Kur­di­stans (PUK). Es zeichnet sich allerdings keine Mehrheit für eine Regierungsbildung ab.