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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 382/383                     November/Dezember 2014

 

 

Herbert Berger:

MARXISTEN UND CHRISTEN – TRÄGER DER HOFFNUNG?

Che Guevara hat einmal gesagt, die Stunde der Freiheit würde für Lateinamerika erst dann kommen, wenn die Christen des Kontinents ihre Rolle in der Revolution erkannt haben und ausfüllen. Er sagt nicht, dass die Christen die Revolution machen werden, sondern dass ihre Teilnahme entscheidend sein wird.

Wir reden heute in Europa nicht von einer kommenden Revolution, wohl aber von großen Herausforderungen, die auf die Menschheit zukommen: zunehmende soziale Ungleichheiten, Klimakatastrophe, gewaltige Migrationsströme und Kriegsgefahr. Da sowohl Christen als auch Marxisten ihren Worten nach für soziale Gerechtigkeit und Frieden eintreten, müssten sie doch zusammenarbeiten, was aber kaum geschieht. Die Hindernisse sind geschichtlicher, philosophischer und religiöser Natur. Die christlichen Kirchen waren bekanntlich seit der konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert eng mit den Mächtigen verbunden und luden damit schwere Schuld auf sich. Die aufkommende Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert richtete sich gegen die Interessen des Kapitals, das bedingungslos von den Kirchen unterstützt wurde, was logischerweise zu einer weit verbreiteten Feindschaft unter den Arbeitern gegen die Kirchen führte. Daran konnten auch die begrenzten Wohltätigkeitsleistungen der Kirchen nichts ändern, genau so wenig wie das Beispiel des Hl. Franz von Assisi, der den Reichtum seines Vaters und der Kirche ablehnte, die Inquisition verhindern konnte.

Vor mehr als zehn Jahren haben die christlichen Kirchen Österreichs ein gemeinsames Sozialwort geschrieben. Es liest sich mindestens so progressiv wie das Programm der Sozialdemokraten. Papst Franziskus – sein Name ist Programm – sagt in seinem Rundschreiben „Evangelii Gaudium“ Folgendes: „Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt… werden sich die Probleme der Welt nicht lösen und kann letztlich überhaupt kein Problem gelöst werden. Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist die Wurzel der sozialen Übel“ (173 und 202). Der Vorsitzende der griechischen Linkspartei Syriza, Alexis Tsipras, wurde von Papst Franziskus vor einigen Wochen in Privataudienz empfangen – eingefädelt vom früheren Vorsitzenden der KPÖ, Walter Baier – und Tsipras sagte danach: „Der Papst ist kein Linker, aber er spricht wie ein Linker.“

Ist also heute alles schon anders? Leider nein, denn erstens wirken historische Traditionen noch lange nach und zweitens gibt es in den Kirchen ein sehr breites Spektrum an Meinungen und Tendenzen. In der katholischen Kirche z. B. reicht das von der Befreiungstheologie bis zum Opus Dei, wobei die reale kirchliche Macht eindeutig auf der Seite der Konservativen liegt. Die Trennung von christlicher Religion und Politik ist noch immer nicht ausreichend erfolgt. Noch gibt es konservative Parteien, die sich christlich nennen und die eine unchristliche, neoliberale Politik machen. Für diese Parteien und ihre Anhänger besteht nach wie vor ein politischer Gegensatz zwischen Christen und Marxisten. Ganz anders bei den lateinamerikanischen an der Befreiungstheologie orientierten Basisgruppen, die zur Analyse ihrer gesellschaftlichen Situation sich oft des Marxismus bedienen. Die große Bewegung der Landlosen in Brasilien hat ihren Ursprung vor allem in solchen christlichen Basisgemeinden. eine Bewegung, die schon große Erfolge bei einer gerechteren Verteilung des Grundbesitzes erreichte und ein wichtiger Faktor für den politischen Erfolg der brasilianischen Arbeiterpartei mit Präsident Lula da Silva war.

Zwischen Marxisten und Christen gibt es auch philosophische und religiöse Konflikte. Religiöse und Atheisten können natürlich auf sozialer und sogar auf politischer Ebene zusammenarbeiten, aber sie sind leicht dem Verdacht ausgesetzt, der eigenen Weltanschauung nicht treu zu sein. Denken wir nur, wie Papst Johannes Paul II. den bekannten Befreiungstheologen und Dichter Ernesto Cardenal behandelte, der um seinen Segen bat, aber nicht gesegnet, sondern öffentlich zurechtgewiesen wurde. Die Paulusgesellschaft hat schon vor Jahrzehnten Brücken geschlagen: Intellektuelle von beiden Seiten kamen immer wieder zusammen und beseitigten viele Vorurteile. In Aufrichtigkeit gegenüber den Mängeln, ja Verbrechen der eigenen Seite und gegenüber der gemeinsamen Verantwortung für die Zukunft suchten sie eine Basis des gemeinsamen Denkens und Tuns.

Gläubige haben auf die Sinnfrage eine klare Antwort: ein Leben mit Gott. So einfach die Antwort der Christen erscheint, so unterschiedlich sind doch die Interpretationen dieser Antwort. In der Befreiungstheologie ist ein Leben mit den Armen, für die Armen, ein Leben mit Gott, ja in den Armen begegnet uns Gott. Dieser Theologie steht eine vor allem auf das Jenseits bezogene Gläubigkeit gegenüber, das Fortleben in Seligkeit nach der Reinigung von allen individuellen Sünden. Meist ein Glaube, der noch einem mittelalterlichen Weltbild entspricht und dem modernen Menschen eigentlich nicht mehr zumutbar ist.

Wie beantworten Atheisten die Frage nach dem Sinn des Lebens? Haben sie eine Antwort, oder weichen sie aus? Viele Philosophen stellen sich wie Karl Jaspers dem naturwissenschaftlichen Reduktionismus entgegen und sprechen von der Undefinierbarkeit und der Freiheit des Menschen. Man könne die Freiheit zwar nicht beweisen, aber auch nicht, dass der Mensch unfrei ist. „Der Nachweis der Freiheit erfolgt nicht durch Wissen, sondern durch die Tat, aber nicht durch irgendeine einmalige Tat, sondern durch das Tun aller Tage, durch die Existenz des einzelnen Menschen, der dadurch erst mit dem anderen in eine echte, freie Gemeinschaft gelangt.“ (Zitiert von Paul R. Tarmann, Wiener Zeitung, 19./20. 7. 2014) Atheist sein bedeutet doch nicht, den Menschen auf seine materielle Substanz zu reduzieren, genau so wie der Atheist ebenso wie der Gläubige fähig ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Gläubige, die sich mit Atheisten schwer tun, sollten diese Aspekte in Betracht ziehen.

Im Evangelium von Matthäus sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Ihr seid das Licht der Welt, ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz aber schal wird, wirft man es weg, es taugt zu nichts.“ (Mt. 5,13 u. 14). Ein großer Auftrag für die Christen, eine Herausforderung. Werden sie dem heute gerecht? Ja, in Lateinamerika sind sie dem in den tausenden Basisgruppen, die die Befreiungstheologie leben, gerecht geworden. Viele ließen dabei durch das Eintreten für Gerechtigkeit ihr Leben, wie der salvadorianische Erzbischof Oscar Arnulfo Romero. Die Befreiungstheologie ist aber nicht zu uns nach Europa übertragbar, grundsätzlich nicht, weil sie in erster Linie nicht eine Lehre ist, sondern das befreiende Handeln der Armen selbst. Es stellt sich somit die Frage, wie befreiendes Tun heute bei uns in Europa aussehen muss. Eine Antwort auf diese Frage kann nur eine politische Antwort sein, oder meinetwegen eine der Nächstenliebe, die auch Strukturen verändern will. Es gibt nun, ganz konkret auf Österreich bezogen, progressive Gruppen von Christen, wie die Organisation „Wir sind Kirche“ und die Pfarrerinitiative, die den blinden Gehorsam gegenüber der kirchlichen Hierarchie verweigert, und ähnliche Gruppen. Aber sind sie das Licht der Welt? Sie beschäftigen sich vor allem mit innerkirchlichen Fragen, wie die Abschaffung der verpflichteten Ehelosigkeit der Priester, dem Priestertum von Frauen, der vollen Teilnahme am sakramentalen Leben derer, die ohne kirchlichen Segen zusammenleben und ähnlichen für die Mehrheit unwichtigen Dingen. Sie alle, und noch mehr natürlich die Bischöfe und der Vatikan, tun sich schwer zu begreifen, dass diese Fragen heute den größten Teil der Gesellschaft nicht berühren. Wie wollen sie dann Salz der Erde sein?

Träger der Hoffnung“ sollten wir Christen sein. Oskar Negt, führender deutscher Sozialphilosoph, sagte in einem Interview: „Gegenwärtig befinden wir uns in einem Orientierungsnotstand. Trotz intensiver Suchbewegung ist noch nichts Neues in Sicht. Erst wenn Alternativen sichtbar werden, wandeln sich Krisen zu Erkenntniszeiten“ (Wiener Zeitung, 20. 6. 2014). Es ist an der Zeit, dass sich Marxisten und Christen, Humanisten und Moslems, Juden und Buddhisten, ökologisch Bewegte und sozial Engagierte anstrengen, die Suchbewegung zu beschleunigen. Weiter bei Negt: „Werden jetzt keine demokratischen Angebote gemacht, die zur unmittelbaren Lösung der Probleme vieler Menschen beitragen, kann die Demokratie nachhaltig beschädigt werden…. Das Problem ist, dass in den neoliberalen Ideologien der Emanzipation durch individuelle Leistung die Idee des Gemeinwesens abhanden gekommen ist. Die Wiederherstellung dieses Prinzips ist für die demokratische Gesellschaft existenziell notwendig. Verschwindet das Gemeinwesen aus dem Bewusstsein der Menschen, dann verschwindet auch die Demokratie.“

Dr. Herbert Berger, geb. 1933, Studium der katholischen Theologie in Wien, Kaplan in Niederösterreich und Wien, 1968 – 1973 Pastoral- und Sozialarbeit in Stadtrandsiedlungen von Santiago, Chile. Nach der unfreiwilligen Rückkehr Arbeit als Meinungsforscher. Danach Assistent am Renner-Institut, zuständig für Entwicklungspolitik. In den letzten Jahren vor der Pensionierung im Jahre 1998 auch Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Entwicklungszusammenarbeit (AGEZ). 1973 – 1990 Vorsitzender der Chile-Solidaritätsfront. Berger ist auch Mitglied der AKC.

 

Aktueller Kommentar:

MITTLERER OSTEN: KRIEG IST KEINE LÖSUNG!

Von Adalbert Krims

Im Westen herrscht IS-Hysterie. Wer nicht blind alle möglichen militärischen Gegenmaßnahmen absegnet, dem wird unterschwellig vorgeworfen, dem Völkermord an Kurden, Christen oder Jesiden einfach zuzusehen”. Das schreibt der ORF-Nahostkorrespondent Karim El-Gawhary (TAZ, 1. 11. 14). Und er meint weiter: „Um einen Gegner bekämpfen zu können, muss man ihn zuallererst verstehen. Und um den Islamischen Staat (IS) zu verstehen, muss man in einem Geschichtsbuch blättern, nicht im Koran, und die Nachrichten der letzten Jahre aus Syrien und dem Irak Revue passieren lassen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Den IS zu verstehen bedeutet nicht, ihm Verständnis entgegenzubringen. Es ist nur die Voraussetzung dafür, eine zielgerichtete Gegenstrategie gegen den Terror zu entwickeln. Von dieser fehlt bislang jede Spur.

Für El-Gawhary ist der IS vor allem Produkt zweier Entwicklungen: einerseits des brutalen Krieges in Syrien, der nun schon das vierte Jahr andauert, andererseits der Lage im Irak, wo die alte sunnitische Elite vom politischen System ausgeschlossen wurde. Als Gründe für den Aufstieg des IS nennt El-Gawhary vor allem die Perspektivlosigkeit der Jugend unter den „despotischen arabischen Regimen”: „Die arabischen Despoten sind der wichtigste Wegbereiter der IS”. Die Erfolge der Dschihadisten seien aber auch „ein Ergebnis westlicher Politik und jahrzehntelanger kolonialer und postkolonialer Demütigung der Region.“ Vor allem die US-Politik im Irak habe ganz wesentlich zur Schaffung des Nährbodens für den IS beigetragen, insbesondere die Nichteinbindung der Sunniten sowie der ehemaligen Armee in die Post-Saddam-Gesellschaft. Die Terroristen kämpfen übrigens hauptsächlich mit US-amerikanischen Waffen, die teils aus den Beständen der irakischen Armee, teils von anderen bewaffneten Oppositionsgruppen in Syrien und teils aus Lieferungen Saudi-Arabiens und Katars stammen.

Die Erfolge des IS sind aber nicht nur auf die Situation im Irak und Syrien zurückzuführen, sondern haben auch darüber hinaus viel mit ungelösten Problemen in der Region sowie der bisherigen westlichen, insbesondere US-Politik zu tun. Da es sich um die ölreichste Region der Welt handelt, hat sie natürlich eine ganz besondere ökonomische und strategische Bedeutung. Deshalb gehört es auch zu den Prioritäten der USA (unabhängig von der jeweiligen innenpolitischen Konstellation), hier die Vorherrschaft auszuüben: Das geschieht einerseits durch Unterstützung der Verbündeten (von Pakistan über Saudi Arabien und die Golfstaaten bis Israel), andererseits durch Bekämpfung von Staaten bzw. Kräften, die den US-Führungsanspruch in Frage stellen. Wiederholt haben sie sogar militärisch eingegriffen (von Afghanistan über den Irak bis Libyen). Das Ergebnis dieser Militärinterventionen war aber – ganz abgesehen von den Zerstörungen und Opfern –, dass sie letztlich keine Probleme gelöst, sondern nur neue geschaffen haben. So gab es z. B. im Irak früher weder Terrorismus noch religiösen Fundamentalismus, erst nach der US-Intervention wurde das Land zu einemAufmarschgebiet für Al-Kaida und später den „Islamischen Staat“. In Afghanistan haben die USA ursprünglich jene Gruppen gefördert und aufgerüstet, gegen die sie jetzt seit über 10 Jahren kämpfen. Und Libyen ist seit dem Sturz Gadaffis wichtiger Lieferant von Waffen und Terroristen.

Dass die USA (und ihre Verbündeten) „Freunde“ und „Feinde“ bezüglich Menschenrechte und Völkerrecht unterschiedlich behandeln, hat zum berechtigten Vorwurf der „doppelten Standards“ geführt, was natürlich auch propagandistisch ausgenützt wird. Aber so lange eben die schweren und systematischen Menschenrechtsverletzungen z. B. in Saudi-Arabien oder auch die israelische Siedlungspolitik sowie die Verweigerung eines palästinensischen Staates keinerlei Konsequenzen haben, während z. B. gegenüber dem Iran Sanktionen verhängt und Libyen oder der Irak bombardiert wurden, werden diese „doppelten Standards“ auch als Argument zur Legitimation von Terror verwendet.

Letztlich kann der Terror nicht militärisch gestoppt werden, sondern es müssen politische Lösungen für die Probleme gefunden werden, die ihn ausgelöst haben. Vor allem muss der „Nachschub“ für die Terroristen gestoppt werden – und zwar nicht nur von Waffen und Geld, sondern vor allem im Hinblick auf die immer noch vorhandene Unterstützung durch Teile der Bevölkerung, vor allem im Irak. Karim El-Gawhary betont immer, man müsse den Dschihadisten „den sunnitischen Teppich unter den Füßen weg ziehen“, die Bombardierungen würden hingegen eher das Gegenteil erreichen, nämlich eine weitere Radikalisierung.

Ein wichtiger Schritt wäre, dass die Führung im Kampf gegen den IS weg von den USA hin zum UN-Sicherheitsrat verlagert würde, der als einzige Insititution völkerrechtlich zur Sicherung (und Schaffung) von Frieden und Sicherheit legitimiert ist – auch zum Einsatz von Gewalt als letztes Mittel, wenn alle friedlichen Wege gescheitert sind. Leider wählen die USA (in letzter Zeit sogar vermehrt) Alleingänge, um damit ihren internationalen Vormachtsanspruch zu demonstrieren und die gleichberechtigte Mitsprache anderer Staaten (vor allem der Ständigen Sicherheitsratsmitglieder Russland und China, aber auch der regionalen Anrainerstaaten) zu verhindern. Diese Entwicklung ist aber über den Anlassfall IS hinaus sehr bedenklich, schreibt z. B. der deutsche Journalist Andreas Zumach: „Die zunehmenden Verstöße gegen das Gewaltverbot der UN-Charta seit Ende des Kalten Krieges vor 25 Jahren führen zu einer gefährlichen Deregulierung des Völkerrechts und schwächen seine politische Bindungskraft.“ (TAZ, 23. 9. 14). Statt IS- oder gar Islam-Hysterie  wäre deshalb eine politische Debatte über friedliche Lösungen im Rahmen des Völkerrechts ein Gebot der Stunde.

 

 

Balázs Németh

IM SOG VON „AUGE UM AUGE, ZAHN UM ZAHN“

Den Drang nach Rache und fortdauernder Vergeltung kann man vergleichen mit einem Schwimmer, der in einen Strudel geraten ist, von diesem gefangen gehalten wird und in einem Kreis rotiert, aus dem kein Entkommen ist. Für die Rettung aus diesem Teufelskreis gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder bringt der rotierende Schwimmer die Kraft und den Mut auf, bis zum Grund hinunterzutauchen, um von dort aus der Gefahrenzone herauszukriechen, oder vom Ufer her wird ihm ein Rettungsseil zugeworfen, das ihn aus dem Strudel zieht.

Die Problematik der Rache für eine Untat, der Drang nach Vergeltung und Selbstjustiz bis hin zur Blutrache beschäftigte alle Gesellschaften der Antike, so auch die Welt der Bibel. Mose Gesetz über „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ (3. Mose 24: 20) war daher in der alten Welt wie ein Rettungsseil, das aus dem Vergeltungs- und Rachestrudel befreite und eine immer weiter führende Eskalation in Form von Selbstjustiz und Blutrache durch die Einführung ordentlicher Gerichte unterband. Die herrschenden Praktiken hatten bis dahin oft dazu geführt, dass benachbarte Ortschaften einander gegenseitig ausgerottet haben. Zum Schutz eines vermeintlichen Täters ließ Mose sogar Asylstädte errichten, in denen dieser Schutz genoss bis zu seiner Übergabe an ein ordentliches Gericht. Denn nicht selten beruhte die Anklage nur auf einem Verdacht. Zweifellos war Mose' Gesetz im Vergleich zur zeitgenössischen Praxis ein großer Fortschritt, wenn das auch für heutige Menschen schwer begreiflich ist, die darin geradezu den Inbegriff von Rache sehen. Doch Mose hatte damit den schmalen Pfad einer Humanisierung betreten.

Umso erstaunlicher und erschreckender ist es, dass gerade dieser schmale Pfad heute vielfach wieder verlassen wird, ja dass Vergeltung und Selbstjustiz, die von der mosaischen Gesetzgebung überwunden worden waren, geradezu wieder salonfähig geworden sind. Ich denke hierbei nicht so sehr an die albanische Blutrache, mit der Familienfehden ausgetragen werden, oder an rachsüchtige Vergeltungsaktionen mancher geschiedener Ehepaare, sondern an die zahlreichen Interventionskriege jüngerer Zeit – im Irak, in Afghanistan, in Libyen und sonstwo – , die eindeutig als Vergeltungsaktionen zu werten sind, obwohl sie als Akte der Gerechtigkeit legitimiert werden. Auch im Konflikt Israel/Palästina spielt Vergeltung eine entscheidende Rolle.

Die Bereitschaft zur Rache und Vergeltung macht stumm und sprachlos. Worte werden ersetzt durch Taten, genauso wie in archaischer Zeit, als die Armut an Sprache durch Fäuste, Prügel und Dolche kompensiert wurde. Darum gibt es noch heute in einem Wirtshaus in Wien-Fünfhaus mehr Raufereien und Tätlichkeiten als in einem vornehmen Café in der Inneren Stadt. Ingeborg Bachmann prägte dazu den Satz: „Hätten wir Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht“. Wenn die wirtschaftlichen und militärischen Interessen eines Landes den politischen Diskurs und jegliche internationale und interkulturelle Kommunikation verdrängen, dann wächst das Verlangen nach Gewalt und Vergeltung. „Wer goldene Kälber küssen will, der soll Menschen opfern“, sagte der Prophet Hosea vor dreitausend Jahren. Das trifft leider auch auf unsere Zeit zu. Denn in der Politik betritt Vergeltung – als Gerechtigkeit getarnt – zumeist dann die Bühne, wenn wirtschaftliche Interessen auf dem Spiel stehen.

Leider sind wir in der politischen Realität heute meilenweit entfernt von einer Humanisierung auftretender Konflikte, so wie dies sowohl Jesus als auch Moses anstrebten, selbstverständlich jeweils auf die damalige Zeit bezogen und in diesem Rahmen formuliert. Diese Zeitgebundenheit von identen Intentionen darf man nicht außer acht lassen, wenn sie in der formalen Äußerung einander zu widersprechen scheinen, wie z. B. Jesu Ablehnung einer wilden und spontanen Aktion von „Aug um Aug und Zahn um Zahn“.

Das Schlüsselwort Jesu zur Überwindung des Verlangens nach Vergeltung heißt: Zugehen auf den, der mir Schaden zugefügt hat. Denn die individuellen Vergeltungsaktionen gegen die römischen Besatzer, zu denen die Zeloten in Berufung auf Mose' Gesetz ermuntert haben, die Racheaktionen gegen bestechliche Richter, Kreditverweigerer und brutale Arbeitgeber, führten zu keinem gesellschaftspolitischen Wandel, sondern brachten im Gegenteil den armen Menschen unsägliches Leid. Die Bergpredigt findet dazu deutliche Worte. Das ist nicht die „Moral der Schwächlinge“, wie Nietzsche es darstellte, was Jesus hier postuliert, sondern im Gegenteil: es braucht Mut, Unrecht aufzuzeigen und öffentlich zu machen.

Von einer starken, die Rache überwindenden Kraft zeugen z. B. die Worte des gefangenen Tomas Borge, des sandinistischen Freiheitskämpfers, an seinen Gefängniswärter: „Ich werde mich an Ihnen rächen“. „Das können Sie gar nicht, Sie sind ja mein Gefangener“, erwiderte der Wärter. „Ich werde Ihnen vergeben“, war Borges Antwort... Von ähnlicher versöhnender Kraft zeugt die Arbeit der von Erzbischof Desmond Tutu geleiteten Wahrheitskommission in Südafrika nach der Überwindung des Apartheidsystems, genauso wie Nelson Mandelas Bereitschaft zur Versöhnung nach seiner Freilassung aus jahrzehntelanger Haft.

In Jesu Hinwendung zur Versöhnung verbarg sich das Wissen, dass hinter allen Taten und Untaten, hinter allen Machtdemonstrationen und Ohnmachtsbezeugungen schlechthin nur jener Mensch steht, der das Ebenbild Gottes ist und für den sein Sohn Mensch geworden ist. Es gilt, den Unterschied zu sehen zwischen dem Sein des Menschen und seinem Erscheinungsbild. Eine fälschliche Identifizierung der beiden führt häufig zu einer Dämonisierung des Andersdenkenden, des Fremden oder auch eines Feindes. Jede Dämonisierung enthebt den Menschen einer rationalen Beurteilung und öffnet einer Mythisierung in alle Richtungen Tür und Tor. Jesus spricht sehr differenziert nicht vom „bösen Menschen“, sondern vom „Menschen, der Böses tut“ (Matthäus 5,39 in der Übersetzung der Zürcher Bibel). Ich glaube, dass auch heute Glaube, Liebe und Hoffnung die Röntgenaugen sind, die den Menschen schlechthin hinter seinen „Kleidern“ erkennen lassen, auch wenn das oft schwer fällt.

Dass es bestimmte menschliche Regungen gibt, die das Verlangen nach Rache und Vergeltung wachrufen und fördern, darauf hat bereits der „Heidelberger Katechismus“, eine wichtige reformatorische Bekenntnisschrift, verwiesen, als er Neid, Hass, Zorn und Rachgier als „heimlichen Totschlag“ bezeichnete. In der globalisierten kapitalistischen Wirtschaft wächst heute die Ungleichheit, stellt der Ökonom Thomas Piketty fest, die ihrerseits Vergeltung und damit soziale Unruhen herausfordert. Treffend sind in diesem Zusammenhang auch die Worte Bertolt Brechts aus seinem Gedicht „Gewalt“: „Der reißende Fluss wird gewalttätig genannt. Aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig“.

Durch Feindesliebe und durch das Aufeinander-Zugehen hat Jesus die Gerechtigkeit aus der Gefangenschaft der Vergeltung befreit. Gemäß seiner Vorgabe heißt Gerechtigkeit Solidarität mit den Schwachen, Gedemütigten und denen auf der Schattseite des Lebens. Solidarität überwindet auch den Wunsch nach Vergeltung und Rache, in denen viele die Heilung ihres verzweifelten Zustands sehen, sich ausgegrenzt, gedemütigt oder auch als Versager abgestempelt zu fühlen. Dieses Gefühl ist ein wesentlicher Grund, warum viele an den Rand gedrückte Jugendliche in Europa für sich nur einen Ausweg als IS-Kämpfer sehen. Desolidarisierung begünstigt Vergeltung, und allein Solidarität durchbricht diesen magischen Kreislauf.

Darum ist es hoch an der Zeit, Solidarität und Versöhnung als Rettungsseil in den allgemeinen Strudel von Rache und Vergeltung zu werfen, um dauerhaft aus dem tödlichen Kreislauf zu befreien.

Dr. Balázs Németh, geb. 1931 in Budapest, ist evangelisch-reformierter Pfarrer und Oberkirchenrat i. R. Er ist ständiger Autor von „Kritisches Christentum“ und Vorstandsmitglied der „Aktion Kritisches Christentum“ (AKC).