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aus:

 

KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 386/387                                    März/April 2015

 

 

 

Alfred Kirchmayr:

FRANZISKUS – EIN WIRKLICHER CHRIST MIT HUMOR IST PAPST

Kardinal José Mario Francisco Bergoglio ist am 13. März 2013 zum Papst gewählt und am 19. März als Papst Franziskus offiziell als Nachfolger von Papst Benedikt XVI. in sein Amt eingeführt worden.

Der Wiener Theologe, Psychoanalytiker und Buchautor Alfred Kirchmayr, der sich auch als Witz- und Humorforscher einen Namen gemacht hat, sieht gerade im Humor eine besondere Eigenschaft von Papst Franziskus, wobei er ihn diesbezüglich mit Johannes XXIII. vergleicht. Näheres zum Autor finden Sie im Internet: http://www.alfred-kirchmayr.at/

Der Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils: Johannes XXIII. und Franziskus

Franziskus, der Außenseiter im Vatikan, wurde deshalb am 13. 3. 2013 im schönsten Wahllokal der Welt zum Papst gewählt, weil die vielen und vielfältigen vatikanischen Korruptionsskandale zum Himmel gestunken haben. Offenbar hat sich der „Heilige Geist“ der Kirche erbarmt. Denn die vatikanisch geprägte Kirche ist weithin Struktur gewordene Berührungsangst vor dem wirklichen Leben wirklicher Menschen und vor der befreienden, herausfordernden Botschaft Jesu. Deshalb die These von Franziskus: „Wenn die Kirche nicht auf die Menschen zugeht, erstickt sie!“

Dieser Papst lehnt den Karneval klerikal-barocker Verkleidungen und Imponiergehabe konsequent und energisch ab. Er wohnt nicht allein im Päpstlichen Palast, sondern mit vielen Pilgern im Gästehaus. Er hat keine Berührungsängste und freut sich, mit den unterschiedlichsten Menschen Kontakt zu haben. Und er setzt sich energisch, mit geduldiger Ungeduld dafür ein, dass die „um sich selber kreisende, introvertierte Kirche“ aufgebrochen wird und auf die Menschen zugeht, besonders auf die Armen und Bedrängten aller Art.

Vatikanischen Zentralismus, Papalismus, Klerikalismus, konfessionelle Überheblichkeit und Eurozentrismus lehnt er ab. Er versucht energisch, die Spiritualität und die herrschenden Strukturen zu verändern. Es geht ihm um die Evangelisierung einer Kirche, die den Geist Jesu auf weiten Strecken verraten hat.

Also sprach einst Johannes XXIII.: „Darauf kommt es an: immer in Bewegung zu bleiben, sich nicht in eingefahrenen Gewohnheiten auszuruhen, sondern immer auf der Suche nach neuen Kontaktmöglichkeiten Ausschau zu halten, unaufhörlich auf der Höhe berechtigter Forderungen der Zeit zu bleiben, in der wir zu leben berufen sind, damit Christus auf jede Weise verkündet und erkannt werde.“

Ebenso spricht Franziskus: „Man fühlt sich wie 60 Jahre zurückversetzt, vor das Konzil! … Um es klar zu sagen: Der Heilige Geist ist für uns eine Belästigung. Er bewegt uns, er lässt uns unterwegs sein, er drängt die Kirche, weiterzugehen … Er ist die Kraft Gottes, der uns Trost gibt und auch die Kraft, vorwärtszugehen. Er ist dieses ‚Vorwärtsgehen', das für uns so anstrengend ist. Die Bequemlichkeit gefällt uns viel besser … Das ist dickköpfig, das ist der Versuch, den Heiligen Geist zu zähmen. So bekommt man törichte und lahme Herzen.“

Kirche der Armen – Mitgefühl statt klerikaler Sklerose

Der „Heilige Stuhl“ ist Symbol der Macht und Sesshaftigkeit. Aber die Bergpredigt und die Gerichtsrede enthalten das Wesentliche des Christseins. Alles andere ist sekundär bis tertiär. Denn die jesuanische Tradition fordert Mitgefühl und Barmherzigkeit. Der christliche Glaube äußert sich als andauernde Herztransplantation: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz aus Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz aus Fleisch. (Ezechiel 36, 26).

Ein Seelsorger ist Papst geworden, ein Mann, der konkrete Menschen liebt, kein Richter, kein Professor mit Unfehlbarkeitsallüren. Er liebt es, mit Menschen zu leben, zu sprechen und in ihrer Lebenswelt zu begegnen. Er fährt mit den Öffis. Er geht zu Fuß zu den Sitzungen im Vatikan und trägt selber seine alte Aktentasche. Er wohnt im Gästehaus und macht sein Bett selber.

Nicht nur viele Kurienkardinäle sind völlig verstört. Manche Kardinäle und Bischöfe und deren ergebene Untertanen beten schon für die Bekehrung des neuen Papstes, der angeblich die Einheit der Kirche zerstöre und das Papsttum um seine Würde brächte. Statt an ehrwürdigen Kirchenmännern hat Franziskus die Fußwaschung an Gefängnisinsassen, noch dazu an jungen Frauen ohne Taufschein, vorgenommen. Den Kurienkardinälen hat er dafür zu Weihnachten 2014 den Kopf gewaschen, aber gründlich! Christentum und Katholizismus sind offenbar verschiedene Phänomene.

Das argentinische Präsidentenehepaar Néstor und Christine Kirchner bezeichnete den für die Armen besonders engagierten Kardinal Bergoglio als „Teufel im Talar“. Mehr als zehn Mal versuchte Bergoglio als Kardinal, einen Termin bei der Präsidentin zu bekommen, ohne Erfolg. Doch als Papst lud er sie als erste Regierungschefin zu einer Privataudienz ein und überreichte ihr weiße Babyschuhe für ihr erstes, kaum zwei Wochen altes Enkelkind. Sie war gerührt. Humor ist, wenn man trotzdem freundlich ist.

Humor ist „Ernstheiterkeit“ – eine christliche Kardinaltugend

Das Wesen des Humors besteht in der Fähigkeit zur Selbst-Distanz: Distanz zu den eigenen Selbstverständlichkeiten; Distanz zu Verletzungen und Kränkungen. Humor ist ein Kind der Lebensfreude – trotz aller Widrigkeiten.

„Humor ist Ernstheiterkeit“ (Hugo Rahner). Echter Humor entsteht durch das Zusammenspiel von drei Faktoren: Es gibt ein Problem. Das Problem wird ernst genommen. Und eine Brise Heiterkeit wird dazu gemischt. Humor ist der Gegenspieler von tierischem Ernst. Fundamentalismus, Fanatismus und Fatalismus vertragen sich nicht mit der Weisheit und Lebensfreude des Humors: „Humor ist keine Stimmung, sondern eine Weltanschauung“ (Ludwig Wittgenstein).

Humor ist ein Lösungs-Mittel für Konflikte. Er schafft Distanz zu Problemen und Nähe zu Menschen. Wenn man über negative Erfahrungen und Belastungen lachen kann, gewinnt man emotional und gedanklich Distanz: „Kitzliche Sachen löst man am besten mit Lachen!“

Treffend beschreibt der Psychoanalytiker Martin Grotjahn die befreiende Wirkung des humorvollen Lachens: „Alles, was wir lachend tun, hilft uns, menschlich zu sein. Mit Lachen kann eine unendliche Vielfalt von Emotionen ausgedrückt werden… Was wir lachend lernen, lernen wir gut. Lachen befreit und Freiheit bringt Lachen. Wer das Komische versteht, beginnt etwas von der Menschheit zu verstehen und von ihrem Kampf um Freiheit und Glück.“

Franziskus  – ein humorvoller Seelsorger

Wie Johannes XXIII. ist auch Franziskus ein Papst, der Humor hat und viel lacht.

„Die christliche Gesundheit ist die Freude! Einmal sagte ich, es gebe Christen mit einem Gesichtsausdruck, als hätten sie auf eine eingelegte Pfefferschote gebissen. Immer so ein Gesichtsausdruck … Ein Christ ohne Freude ist kein Christ. Das ist unser Siegel, die Freude. Auch im Schmerz, im Leid und auf der Flucht.“ Das erste Apostolische Schreiben von Franziskus, sein Regierungsprogramm, hat den Namen „Die Freude des Evangeliums“. Dort sagt er: „Es gibt Christen, deren Lebensart wie eine Fastenzeit ohne Ostern erscheint.“

Zum ersten Angelus-Gebet des neuen Papstes strömen etwa 150.000 Menschen auf den Petersplatz. Franziskus spricht über die Barmherzigkeit: „Ein wenig Barmherzigkeit macht die Welt weniger kalt und viel gerechter“, sagt er. Das war der Kern seiner Botschaft. Und am Ende des Angelus verabschiedet er sich herzlich und schlicht, wie ein Gemeindepfarrer, mit den Worten: „Schönen Sonntag und Guten Appetit!“

Franziskus hat einen ungewöhnlichen Sinn für die Würde aller Menschen. In seinen Augen sind alle „Würdenträger“. Deshalb begegnet er anderen Menschen auf Augenhöhe. Klerikale Überheblichkeit ist ihm fremd. Ein Beispiel: Als der junge philippinische Kardinal Luis Tagl in den Speisesaal des vatikanischen Gästehauses trat, sah er, dass der Platz neben dem Papst noch leer war. Er ging zu ihm und fragte: „Heiliger Vater, darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Da antwortet Franziskus: „Aber gerne, Heiliger Sohn!“ Offenbar saß ihm da, wie so oft, der Schalk im Nacken!

Franziskus lässt sich vom Leben der Mitmenschen berühren. Er hat auch keine Angst, sie in seiner herzlichen Art zu berühren. In einem Interview sagte er: „Ich habe mir das Papamobil angesehen... Niemand kann seine Freunde in einer Glaskiste besuchen… Einen Raum der Panzerung zwischen dem Bischof und dem Volk zu schaffen, das ist ein Wahnsinn, und ich ziehe diese Verrücktheit vor: hinaus und die Gefahr der anderen Verrücktheit eingehen... Die Nähe tut allen gut.“

Pastoraler Eros – Begegnung, Dialog und Protest

Franziskus ist von pastoralem Eros erfüllt. In ihm vereint sich die Spiritualität des Franz von Assisi mit dem Geist des Ignatius von Loyola. Er denkt großzügig, ökumenisch und undogmatisch: „Wir müssen vereint in den Unterschieden vorangehen. Es gibt keinen anderen Weg, um eins zu werden. Das ist der Weg Jesu.“ Er spricht von einer „versöhnten Verschiedenheit“ – jenseits aller Monopolansprüche. Und er ist ein Wegbereiter für einen umfassenden Dialog zwischen den christlichen Konfessionen, den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen, und mit den modernen Wissenschaften. Am liebsten ist Franziskus dort, wo Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind: in Gefängnissen, Krankenhäusern und in den Elendsvierteln.

Es ist eine Freude, wie er durch provozierende Bemerkungen fundamentalistische Tendenzen auf die Schaufel nimmt: „Gott ist nicht katholisch… der Zölibat ist kein Glaubensdogma... die Hirten sollen den Geruch der Schafe annehmen... es gibt keine absolute Wahrheit… Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht – wer bin ich, über ihn zu richten?“

Die Korruption in Kirche und Gesellschaft bezeichnet er als „moralischen Krebs“. Die drei Millionen Jugendlichen auf der Copacabana ermunterte er zu Aufmüpfigkeit: „Kehrt dem Klerikalen den Rücken … schafft Unruhe in den Pfarren… schwimmt gegen den Strom… lasst euch nicht entmutigen!“

Seine Sprache ist einfach, direkt, lebhaft, reich an Bildern und Sprachwitz. Worte der Bewegung geben den Ton an. Sowohl seine Begeisterung als auch seine Besonnenheit finden in ihr Ausdruck. Er kritisiert unverblümt, ist aber zugleich verständnisvoll angesichts menschlicher Schwächen. Sünder sind wir alle, aber Korruption ist Sünde wider den Heiligen Geist. Franziskus ist ein sehr energischer, selbstbewusster und prophetischer Papst, der aufs Gas steigt und die Ärmel aufkrempelt.

Umberto Eco legt in seinem Roman „Der Name der Rose“ dem Aufklärer Baskerville ein urchristliches Credo in den Mund. Ich denke, dass Franziskus diesen Worten angesichts der fanatischen, destruktiven Kräfte in der Welt seine Zustimmung geben würde: „Vielleicht gibt es am Ende nur eins zu tun, wenn man die Menschen liebt: sie über die Wahrheit zum Lachen bringen, die Wahrheit zum Lachen bringen, denn die einzige Wahrheit heißt: lernen, sich von der krankhaften Leidenschaft für die Wahrheit zu befreien.“

Literatur:

Bruder Papst. Anekdoten & Erinnerungen. St. Benno Verlag. Leipzig o. J.

Kuster Niklaus; Martina Kreidler-Kos: Der Mann der Armut. Franziskus – ein Name wird Programm. Herder. Freiburg i. B. 2014

Papst Franziskus: Die Freude des Evangeliums. Herder, Freiburg i. B. 2013

Englisch Andreas: Franziskus. Zeichen der Hoffnung. C. Bertelsmann. München 2013

Erbacher Jürgen: Ein radikaler Papst. Die franziskanische Wende. Pattloch. München 2014

 

 

Aktueller Kommentar:

HAT DIE UKRAINE NOCH EINE CHANCE?

Von Adalbert Krims

 

Die Lage in der Ukraine ist nach wie vor sehr gespannt und eine dauerhafte Friedenslösung nicht in Sicht. Ob das zweite Minsker-Abkommen zumindest zu einem wirklichen Waffenstillstand und einer Weiterführung eines politischen Verhandlungsprozesses führt, ist bei Redaktionsschluss (12. 3. 15) immer noch nicht absehbar. Unversöhnlich stehen sich nach wie vor die gegensätzlichen Sichtweisen über den Grundcharakter des Konflikts gegenüber: die einen sehen darin eine „russische Aggression“ gegen einen unabhängigen Nachbarstaat, die anderen das Zusammenspiel zwischen einer innenpolitischen Auseinandersetzung und einem geopolitischen Plan zur Zurückdrängung bzw. Isolierung Russlands.

In diesem Zusammenhang sollte man sich in Erinnerung rufen, was Henry Kissinger zwei Wochen nach dem politischen Umsturz in der Ukraine in der „Washington Post“ geschrieben hat (5. 3. 14): „Jeder Versuch eines Teils der Ukraine, den anderen zu dominieren, würde langfristig zu einem Bürgerkrieg oder einer Spaltung führen. Die Behandlung der Ukraine als Teil einer Ost-West-Konfrontation würde für Jahrzehnte jede Aussicht zerstören, Russland und den Westen – vor allem Russland und Europa – in einem kooperativen internationalen System zusammenzubringen.“ Kissinger, Sicherheitsberater und Außenminister mehrerer republikanischer US-Administrationen, warnte auch ausdrücklich davor, die Ukraine „auf die Seite des Westens“ zu ziehen: „Wenn die Ukraine überleben und erfolgreich sein soll, darf sie nicht der Außenposten der einen Seite gegen die andere sein – sie sollte als Brücke zwischen beiden fungieren.“ Die Warnung Kissingers und vieler anderer (darunter auch alle noch lebenden deutschen Ex-Bundeskanzler) wurde nicht nur von den neuen Machthabern in Kiew, sondern auch von den USA und der EU in den Wind geschlagen. Das Ergebnis dieser Politik ist inzwischen genau so, wie Kissinger es vor einem Jahr vorhergesagt hat.

Offenbar folgt die US-Politik nämlich eher einem anderen „Geostrategen“ und ehemaligen Sicherheitsberater demokratischer Präsidenten, Zbigniew Brzezinski. In seinem 1997 erschienenen Buch „Die einzige Weltmacht“ sieht Brezezinski die Ukraine als entscheidenden Faktor, ob Russland eine Weltmacht oder nur eine regionale Mittelmacht darstellt. Dazu kommt, dass die USA seit der Unabhängigkeit der Ukraine insgesamt 5 Milliarden Dollar für die „Unterstützung der Demokratie“ ausgegeben haben (das bestätigte die für Europa zuständige Staatssekretärin im US-Außenministerium, Victoria Nuland, am 13. Dezember 2013 in Washington vor der „U.S.-Ukraine Foundation“. Zwei Wochen vor dem Umsturz in Kiew hatte Nuland die Vermittlungsbemühungen der EU mit „fuck the EU“ kommentiert. Und Nuland war es auch, die den damals von der EU und Deutschland favorisierten Boxweltmeister und Oppositionsführer Vitali Klitschko als „keine gute Wahl“ bezeichnete und stattdessen auf den späteren Ministerpräsidenten Arseni Jazenjuk setztet.

Die falsche Alternative: Brüssel oder Moskau?

Die Europäische Union, die mit ihrem Assoziierungsabkommen die Ukraine ultimativ vor die Entscheidung „Brüssel oder Moskau“ gestellt und damit die innenpolitische Krise Ende 2013 zwar nicht verursacht, aber doch wesentlich verschärft hatte, versuchte im Februar 2014 in letzter Minute, den Konflikt doch noch friedlich zu lösen. Die Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Polens brachten Regierung und Opposition zur Unterzeichnung eines Protokolls, das u. a. eine Übergangsregierung aus allen politischen Kräften, vorgezogene Neuwahlen von Präsident und Parlament im Dezember, die Auflösung aller privaten bewaffneten Verbände sowie eine Verfassungsreform (u. a. Einschränkung der Macht des Präsidenten, Dezentralisierung der politischen Macht) vorsah. Allerdings hielt dieses Abkommen nur wenige Stunden, dann übernahm die Opposition mit Hilfe bewaffneter Demonstranten die Macht – unter Bruch nicht nur der Vereinbarung mit der EU, sondern auch der ukrainischen Verfassung. Da die EU das akzeptierte und die neue Regierung (unter Einschluss offener Faschisten, aber unter Ausschluss der bisherigen pro-russischen Regierungspartei) politisch und ökonomisch unterstützte, wurde sie zur Partei eines innenpolitischen Konflikts und konnte daher keine glaubwürdige Rolle als Vermittler zwischen Kiew und Moskau spielen.

Als Folge des Umsturzes in Kiew, der Rücknahme aller Zusagen über eine Regierung der nationalen Einheit, einer Verfassungsreform und Dezentralisierung, dem (schließlich durch EU-Intervention verhinderten) Gesetz über die Abschaffung von Russisch als zweiter Amtssprache sowie den NATO-Annäherungsplänen der neuen Machthaber formierte sich im Osten der Ukraine offener Widerstand, der von Russland unterstützt wurde. Dass  der verfassungswidrige Machtwechsel in Kiew auch Folgen für die Krim haben würde, konnte niemanden überraschen. Die Halbinsel war mehr als 200 Jahre lang Teil Russlands und die Bevölkerungsmehrheit wollte nie zur Ukraine gehören wollte. Außerdem hat Russland massive strategische Interessen; vor allem Sewastopol als einziger „winterfester“ Hafen und Standort der russischen Schwarzmeerflotte ist für Russland unverzichtbar. Die NATO-Pläne der neuen Regierung und Ankündigungen, das Stationierungsabkommen für Sewastopol nicht mehr zu verlängern, waren für Moskau ein Alarmsignal. Die Bevölkerung sprach sich in einem international nicht anerkannten Referendum mit überwältigender Mehrheit für den Beitritt zur Russischen Föderation aus, der dann auch von der Duma in Moskau beschlossen wurde. Die Mehrheit der internationalen Gemeinschaft sah darin eine völkerrechtswidrige „Annexion“ – und die USA und die Europäische Union verhängten Sanktionen gegen Russland, die seither einige Male verschärft bzw. verlängert wurden.

Der falsche Weg: Sanktionen

Während die USA wegen ihrer nur marginalen Wirtschaftsbeziehungen von den Sanktionen kaum betroffen sind, haben sie nicht nur für Russland, sondern auch für mehrere EU-Mitgliedsländer erhebliche negative ökonomische Effekte. Zwar wurde die russische Wirtschaft durch die Sanktionen, mehr aber noch durch den (von den USA mit beeinflussten) Verfall des Ölpreises, in eine schwere Krise gestürzt, was aber bisher nicht zu der wahrscheinlich erhofften Abkehr der Bevölkerungsmehrheit von der Regierung geführt hat. Die offiziell mit den Sanktionen angestrebten politischen Ziele (nämlich eine Kursänderung der russischen Ukraine-Politik, die Rückgabe der Krim sowie die Einstellung der Unterstützung pro-russischer Kräfte) wurden ebenfalls nicht erreicht, sondern es kam zu einer generellen Verschlechterung der Beziehungen des Westens zu Russland, was sich auch negativ auf andere Konfliktherde in der Welt auswirkt. Die Sanktionspolitik stellt natürlich auch eine offene, einseitige Parteinahme für die Ukraine dar, die in Kiew eher die Hardliner stärkte. Denn während gegenüber Moskau ständig mit Sanktionsverschärfungen gedroht wurde, gab es keinerlei politischen oder gar ökonomischen Druck auf Kiew. Wenn in einem Konflikt zwischen zwei Parteien ein außenstehender Dritter immer nur Druck auf eine Partei ausübt und ihr droht, dann fühlt sich natürlich die andere Partei in ihrer Haltung bestärkt und sieht keine Notwendigkeit für Kompromissbereitschaft. Für Verhandlungen und eine politische Friedenslösung würde man aber „ehrliche Makler“, also echte Vermittler benötigen, die nicht von vornherein nur die eine Seite unterstützen. Leider haben sich auch die europäischen neutralen Staaten durch ihre Einbindung in die westliche Sanktionspolitik für eine solche Rolle disqualifiziert.

Im Osten der Ukraine erklärten sich die Regionen von Donezk und Lugansk im April 2014 einseitig für „unabhängig“. Die beiden „Volksrepubliken“ wurden aber international nicht anerkannt – und ihre Repräsentanten kamen auf die Sanktionsliste der EU. Der Konflikt in der Ostukraine weitete sich im Sommer zu einem faktischen Krieg aus, wobei sich beide Seiten gegenseitig die Schuld an der Eskalation gaben. Die Zahl der Flüchtlinge liegt inzwischen bei bis zu zwei Millionen, wobei rund zwei Drittel nach Russland geflüchtet sind. Die ukrainische Regierung hat Russland wiederholt beschuldigt, mit regulären Truppen an den Kämpfen beteiligt zu sein, ja sogar von einer direkten militärischen Invasion gesprochen. Der ukrainische Generalstabschef hat dies aber sogar im privaten Fernsehsender von Poroschenko bestritten. Die NATO spricht zwar von einigen hundert russischen Militärberatern in der Ostukraine, widerspricht aber ebenfalls die Behauptung der Regierung über den Einsatz russischer Armee-Einheiten. Sicher ist aber, dass die militärischen Erfolge der sog. Separatisten ohne Unterstützung aus Russland kaum möglich wären. Ein weiterer Faktor ist allerdings auch der desolate Zustand der ukrainischen Armee und die geringe Motivation der zwangsverpflichteten Soldaten. An entscheidenden Fronten werden daher auch auf ukrainischer Seite Milizen eingesetzt, das sind von diversen Oligarchen finanzierte Privatarmeen (inkl. ausländischer Söldner). Besonders berüchtigt ist das rechtsextreme Asow-Bataillon, das offiziell dem Innenministerium unterstellt ist, aber teilweise vom Oligarchen Igor Kolomojski finanziert wird und offen Nazi-Symbole trägt.

Die ukrainische Regierung stellt den Konflikt im Osten des Landes gerne als „Terrorismusproblem“ dar, wobei Präsident Petro Poroschenko unmittelbar nach seiner Wahl Ende Mai 2014 die militärische Niederwerfung und Ausmerzung der Terroristen innerhalb weniger Wochen angekündigt hatte. Zugleich schloss er jeden Dialog mit ihnen aus. Der Versuch der ukrainischen Regierung, die Bevölkerung im Osten durch Einstellung der Versorgung sowie der Gehalts- und Rentenzahlungen quasi „auszuhungern“, hat in Wirklichkeit nur die Spaltung des Landes vertieft, den Hass auf Kiew im Osten verstärkt und außerdem dem russischen Nachbarn die Möglichkeit geboten, durch Hilfslieferungen als „Retter in der Not“ zu erscheinen.

Auf diese Weise – und sicher auch durch die russische Unterstützung der „Separatisten“ – ist im Osten der Ukraine eine Situation entstanden, die für die Zentralregierung militärisch nicht mehr zu gewinnen ist, auch wenn die Regierung Jazenjuk in ihrem Programm die Verfünffachung der Militärausgaben vorsieht (obwohl der Staat schon jetzt pleite ist). Offenbar hatte die ukrainische Führung, die im Oktober durch Verfassungsänderung die Blockfreiheit abschaffte und sich offiziell zum NATO-Beitritt bekennt, lange Zeit auf eine massivere Unterstützung durch das westliche Militärbündnis gesetzt, zumal vor allem aus Washington immer wieder Signale in diese Richtung kamen.

Keine militärische Lösung

Die Entwicklung der letzten Monate hat jedenfalls deutlich gemacht, dass es keine militärische Lösung für die Ukraine gibt und deshalb ein sofortiger Waffenstillstand sowie ein wirklicher Dialog (sowohl innerukrainisch als auch zwischen Kiew, Moskau und Brüssel) alternativlos ist. Aus diesem Grunde ist es auch zum 2. Gipfeltreffen in Minsk gekommen, bei dem sich die Staatspräsidenten der Ukraine, Russlands, Frankreichs sowie die deutsche Bundeskanzlerin nicht nur auf ein Waffenstillstandsabkommen, sondern auch auf Grundzüge eines „Friedensfahrplans“ für die Ost-Ukraine geeinigt haben. Punkt 11 der 13 Punkte umfassenden Übereinkunft lautet etwa:  „Bis Ende 2015 muss eine neue ukrainische Verfassung in Kraft treten, die eine Dezentralisierung des Landes ermöglicht und mit Vertretern der abtrünnigen Regionen abgestimmt ist. Ein Gesetz zum künftigen Sonderstatus von Donezk und Lugansk muss ebenfalls bis Jahresende verabschiedet werden.“ In Punkt 12 werden freie Wahlen unter OSZE-Aufsicht in den Regionen Donezk und Lugansk angekündigt (ohne Datum, aber noch in diesem Jahr). Bis es allerdings zu diesen Punkten 11 und 12 kommt, müssen erst die Punkte 1 bis 10 „abgearbeitet“ werden, bei denen es sowohl um militärische als auch um humanitäre Fragen sowie um die Wiederherstellung der Sozial- und Wirtschaftsbeziehungen im Konfliktgebiet geht.

Einen interessanten Lösungsansatz hat die sog. „Ukraine-Initiative“ erarbeitet, die vom ukrainischen Oligarchen Victor Pintschuk gegründet wurde und der prominente Wirtschaftsführer aus der Ukraine, Russland (darunter mehrere Vorstandsvorsitzende großer Banken, aber auch z. B. der liberale Ex-Politiker Anatolij Tschubais), den USA und der EU angehören. Mitte September 2014 hat sich diese Initiative auf Einladung des Davoser Weltwirtschaftsforums in Genf getroffen und sich auf einige zentrale Punkte eines Friedensplanes geeinigt. Dazu gehören

* die Dezentralisierung der politischen Macht, indem Rechte von der Zentralregierung abgegeben und Minderheiten- und Sprachenrechte garantiert werden;

* Die Garantierung der Sicherheit und Souveränität der Ukraine durch die internationale Gemeinschaft sowie die Anerkennung des Rechts auf Selbstbestimmung bei Beachtung einer Politik der militärischen Bündnisfreiheit für die Ukraine, vergleichbar zum Status anderer europäischer Länder wie Finnland, Schweden oder Schweiz;

* Ausarbeitung eines ökonomischen Wiederaufbauplanes, der sich mit den durch den Konflikt verursachten Verwüstungen, der Notwendigkeit humanitärer Hilfe sowie der Wiederherstellung der notwendigen Infrastruktur befasst;

* Koordinierung und Errichtung besonderer Assoziierungs- und Handelsvereinbarungen der Ukraine sowohl mit der Europäischen Union als auch mit der Russischen Föderation und später möglicherweise mit der Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft, um die Wirtschaft der Ukraine zu stabilisieren.

Wenn die Ukraine als gemeinsamer, souveräner Staat erhalten bleiben soll – und das will nicht nur die „Ukraine-Initiative“, sondern dazu haben sich auch in Minsk alle Seiten bekannt –, dann müssen dringend glaubwürdige Maßnahmen getroffen werden, das auseinandergebrochene Land wieder zusammenzuführen. Leider hat die ukrainische Regierung diesbezüglich schon mehr als ein ganzes Jahr verloren. Die wichtigste Maßnahme dazu ist der Dialog, der niemanden ausschließen darf. Um zu einer politischen Lösung zu kommen, die auch Bestand hat, muss zwar der Einfluss der radikal-nationalistischen Kräfte auf beiden Seiten zurückgedrängt, aber trotzdem müssen sie in den Friedensprozess einbezogen werden. Die künftige Struktur der Ukraine wie auch die politische Kräfteverteilung müssen letztlich das Ergebnis eines demokratischen Prozesses sein. Mit Panzern und Raketen oder mit zusätzlichen Waffenlieferungen kann die Einheit des Landes jedenfalls nicht wiederhergestellt werden.

 

 

Balázs Németh

ERNESTO CARDENAL: PERSON UND GEDANKENWELT IM DICHTERISCHEN WERK

Ernesto Cardenal: Etwas, das im Himmel wohnt – Neue Gedichte. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2014, 98 Seiten

Knapp vor seinem 90. Geburtstag (20. Jänner 2015) ist eine neue Sammlung von Ernesto Cardenals Gedichten erschienen. Sie greifen Themenkreise auf, die den Autor sein Leben lang beschäftigt und begleitet haben.

Der rote Faden in allen lyrischen Texten Cardenals ist die Liebe. Sie ist der Ursprung von allem, auch der Sprache – wie es in einem seiner Gedichte heißt. Urbild der Liebe ist für Cardenal die Vereinigung des Menschen mit Gott. Das ist für ihn die absolute Liebe. Dieses mystische Einssein mit Gott beschreibt Cardenal in gewagten erotischen und sexuellen Bildern, die sich an das alttestamentliche Hohe Lied anlehnen. Die Liebe drängt nach Vereinigung mit allem, wovon sie getrennt ist. Cardenal kehrt dabei wiederholt auf Platos Formulierung zurück, dass der Mensch wie ein zerbrochenes Gefäß sei, das sich nie füllen lässt. Dieses Bild verwendet er als Symbol für Entfremdung, die der deutsch-amerikanische Theologe Paul Tillich an die Stelle des Begriffs Sünde setzt. Der springende Punkt bei Cardenals Liebe ist, dass er nicht bei deren individueller narzisstischer Selbstbezogenheit stecken bleibt, sondern dass er sie in der gesellschaftlichen Ebene ansiedelt, z. B. als Aufhebung von Mein und Dein zugunsten einer Gemeinschaft, und als Gleichheit im Prozess der Vereinigung. So konnte Cardenal in seinen Gedichten immer wieder schreiben, dass „Revolution und Nächstenliebe für uns das Gleiche sind“ und dass das Reich Gottes eigentlich ein anderes Wort für Kommunismus sei.

Der Theologe Paul Tillich und der Philosoph Ernst Bloch haben nachgewiesen, dass mystisches „Leerwerden“ vom Ich und „Gelassenheit“ in Mut zum Sein bzw. in die Realisierung der Freiheit der Kinder Gottes umschlagen. Das gilt auch für Ernesto Cardenal. Mystik und politisch-revolutionäres Engagement gingen bei ihm von Anfang an parallel: Fast gleichzeitig mit seinen sozial aufrüttelnden „Lateinamerikanischen Psalmen“ ist sein tief mystisches „Buch der Liebe“ erschienen. Dazu waren wegweisend die Impulse seines Meisters, des Trappistenmönchs Thomas Merton (1915 – 1969), der ebenfalls Mystiker und zur gleichen Zeit ein politisch engagierter Mensch war. Cardenals Nächstenliebe mündet in der politischen und ökonomischen Gerechtigkeit einer egalitären und teilenden Gesellschaft. Dazu kam er allerdings nicht aufgrund politisch-ökonomischer Überlegungen, sondern aufgrund biblisch-theologischer Überzeugungen.

Nach Ernesto Cardenal sind Liebe und Vereinigung auch Fragen nach einer solidarischen Gesellschaft. Von diesem Blickwinkel her schrieb er einzelne Gedichte und mehrere Gedichtbände über die Indianer Amerikas. Auch in seinem jüngsten Buch sind solche Gedichte zu finden. Die Gesellschaft der Indianer stellte für ihn ein Modell dar, in dem das Mein und Dein aufgehoben waren im Sinne des urchristlichen Güterausgleichs, und so konnte sich eine auf Gleichheit und Freiheit ruhende Gesellschaft entfalten. Diese wurde allerdings durch die vernichtende Plünderung der Konquistadoren zerstört. Deren Nachfahren heute sind die Vertreter des herrschenden Kapitalismus.

Die Vereinigung im Sinne Cardenals bezieht sich auch auf die Natur. Der Mensch ist nur „der dritte Schimpanse“, wie es in einem Gedicht heißt. Er teilt 90 % seiner Gene mit den ersten und den zweiten Schimpansen. Diese Verwandtschaft erzeugt eine schöpferische Verbundenheit. Zu dem einen Prozent Unterschied gehört die Sprache – dieser „in Worte gefasste Gedanke“. Damit konnte der Mensch sich entwickeln und damit „hat er die Welt erobert“.

Mehrere Gedichte im jüngsten Band kreisen um die Fragen der Kosmologie, mit der sich Ernesto Cardenal intensiv befasste, besonders nach dem Sieg der Contras in Nicaragua. Im Gedicht „Ursprung der Arten“ verweist er darauf, dass wir alle im Kosmos miteinander verwandt sind, weil alles von einer einzigen Zelle ausgegangen ist, und nun dränge alles wieder nach Vereinigung. Somit wird jeder Tag zu einer „Schöpfungsevolution“, in der Gott die „unendliche Zukunft“ ist. Diese Evolution eint uns alle: „Wenn einer aufersteht, entstehen alle mit“. Cardenal sieht Evolution als eine revolutionäre Entwicklung, denn diese hebe den status quo auf, „den die Bankiers sehr wünschen“. Cardenal lehnt sich bei der Frage nach der Evolution an die Gedankengänge des französischen Jesuitenpaters Pierre Teilhard de Chardin an (1881 – 1955), der ebenfalls von einem kosmischen Evolutionsprozess spricht, der sich zum Omega, zur Zukünftigkeit Gottes hin entwickelt.

Seine mystisch-pantheistischen und kosmologischen Gedanken hat Ernesto Cardenal in seinem „Opus Magnum“ – wie er selbst es bezeichnet – dem „Gesang des Himmels“ dargelegt, der aus 43 Teilen und 16000 Versen besteht. Dabei geht es ihm um das Streben der menschlichen Gattung nach einem harmonischen Gesamtuniversum, nach Vereinigung und nach Einssein alles Getrennten. Er lässt in seinem umfangreichen Werk keinen Zweifel daran, dass das Reich Gottes Kommunismus bedeute. Cardenal wird oft vorgeworfen, dass er mit diesem Werk von der politischen Realität in den Himmel geflüchtet sei. Ich bin allerdings der Ansicht, dass er mit seinem „Opus Magnum“ den verzweifelten Companeros Mut machen und sich selbst Trost zusprechen wollte, wie er das ausdrückte, indem er darauf hinwies, dass auf kosmologischer Ebene eine solidarische Gesellschaft zu ihrem Ziel komme.

Ernesto Cardenal formt seine Gedichte sehr oft wie den Landeanflug eines Flugzeugs. Viele seiner Gedichte deuten dies schon in ihrem Titel an. Wie der Passagier, wenn das Flugzeug sich dem Boden nähert, immer klarer und deutlicher die Details unter sich erkennt, so wandelt sich ein Cardenal-Gedicht von einer impressionistischen Beobachter-Position in die eines tiefgründigen und engagierten Beteiligten. Kommt z. B. ein Handy in sein Blickfeld, so fällt ihm dabei sofort die unmenschliche Ausbeutung der Coltan-Schürfer im Kongo ein. [Coltan = wichtiger Bestandteil von Handys) Beobachtet er einen Salamander, wie er auf einer Hauswand ein Insekt verschluckt, so assoziiert er das damit, dass Christus mit den Sündern aß und sich selbst als Nahrung hingab. Er hört die Berichte über die Plünderung des Nationalmuseums in Bagdad und bemerkt dazu, dass die US-Soldaten nicht das Museum, sondern das Öl-Ministerium schützten. Er malt ein fast impressionistisches Bild von Venedig, um schließlich über ein Zitat von Ezra Pound (1885 – 1972) – „die Zeit ist böse“ – zu philosophieren In diesem Gedicht erfahren wir auch, dass Cardenal das Grab dieses umstrittenen amerikanischen Dichters besuchte, dessen Lyrik auch die seine beeinflusste.

Der Gedichtband klingt mit den harmonischen „Glocken in Managua“ aus, die um fünf Uhr den Abend einläuten. Ist dieser Glockenklang vielleicht ein Ausdruck von Sehnsucht nach Harmonie und Einklang, oder ist es ein persönliches Abschiednehmen? Auf jeden Fall klingt das Gedicht mit den hoffnungsvollen Worten aus: „... schweigen, und dann singt ein Vogel“.

Sich in diesen Gedichtband zu vertiefen, ist zweifellos eine große Bereicherung, denn er gibt Auskunft nicht nur über einen Theologen, Dichter und Revolutionär, sondern über einen Menschen, der die Hoffnung auf eine gerechte und humane Gesellschaft nie aufgegeben hat.