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aus:
KRIEG
IST MIT GOTTES WILLEN UNVEREINBAR
Gemeinsame
ökumenische Erklärung zur Ausweitung des Konflikts im Nahen Osten
Der
Ökumenische Rat der Kirchen, der Nahost-Kirchenrat, der Lutherische Weltbund,
die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen, der Weltrat Methodistischer Kirchen,
die Mennonitische Weltkonferenz, die Christliche Konferenz Asiens und die ACT
Alliance bringen gemeinsam ihre tiefe Besorgnis über die humanitären und
sozialen Auswirkungen des sich ausweitenden Konflikts im Nahen Osten und die
damit einhergehende Bedrohung für den Frieden und die Sicherheit der Region und
der Welt zum Ausdruck.
Nachdem
die mehr als 92 Millionen Menschen im Iran viele Jahre lang mit komplexen
politischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen konfrontiert
waren, sehen sie sich nun den unmittelbaren Bedrohungen des aktuellen Konflikts
und einer sehr ungewissen Zukunft gegenüber.
Der
Einsatz von Gewalt durch die USA und Israel gegen den Iran, die Ermordung des
iranischen Obersten Führers Ali Khamenei am 28. Februar und die darauffolgenden
iranischen Vergeltungsmaßnahmen haben zu einem Krieg geführt, der den Frieden
in der gesamten Region und darüber hinaus bedroht. Er gibt zudem Anlass zu
ernster Besorgnis um die Sicherheit und das Wohlergehen der Zivilbevölkerung.
Ein tragisches Beispiel hierfür sind die Berichte über den Tod von bis zu 175
Schülerinnen und Angestellten bei einem Raketenangriff auf eine Mädchenschule
in der südiranischen Stadt Minab.
Die
humanitären Risiken und das Leid werden sich mit der Dauer dieses Konflikts
unweigerlich ver-schärfen. Darüber hinaus sind wir zutiefst besorgt über die
zunehmenden Berichte über schwerwiegende Verstöße gegen das humanitäre
Völkerrecht während der laufenden Militäroperationen. Wir bestehen da-rauf,
dass alle Konfliktparteien aus moralischer und rechtlicher Verpflichtung die
Zivilbevölkerung vor Schaden schützen und Angriffe auf zivile Gebiete und
Infrastruktur unterlassen müssen.
Darüber
hinaus befürchten wir, dass der Konflikt eine neue Phase anhaltender Gewalt und
Instabilität in der gesamten Region auslösen könnte. Er hat bereits viele
Länder in der Region und darüber hinaus erfasst. Im Libanon ist die Situation
zu einem umfassenden israelischen Angriff eskaliert, der mehrere Regionen des
Landes, darunter die Hauptstadt Beirut, getroffen hat. In Wohngebieten im
Libanon, insbesondere in den südlichen Vororten Beiruts und in weiten Teilen
Südlibanons, wurden massive Zerstörungen angerichtet. Die Verschärfung der
Kampfhandlungen hat zu weit verbreitetem Leid unter der Zivilbevölkerung
geführt und Hunderttausende Menschen zur Flucht gezwungen. Auch der Irak ist
von der regionalen Eskalation betroffen; wachsende Spannungen und
Sicherheitsbedenken verschärfen die ohnehin fragile Lage zusätzlich. Iranische
Vergeltungsschläge haben zudem mehrere Golfstaaten sowie Zypern und
Aserbaidschan getroffen.
Darüber
hinaus sind wir zutiefst besorgt, dass diese Angriffe und ihre Folgen
wahrscheinlich zu noch größeren Bevölkerungsverschiebungen in einer Region
führen werden, in der es bereits eine sehr hohe Zahl von Binnenvertriebenen
gibt und in der die Vorkehrungen und die Planung zur Sicherstellung des
Wohlergehens von Binnenvertriebenen innerhalb des Irans oder von Flüchtlingen
in Nachbarländern völ-lig unzureichend sind.
Neben
den unmittelbaren Folgen von Tod, Zerstörung und Vertreibung im Iran und den am
stärksten betroffenen Ländern beeinträchtigt dieser Konflikt bereits jetzt das
Leben und die Existenzgrundlagen von Menschen, Gemeinschaften und
Gesellschaften in der gesamten Region. Wie die übrige Gesellschaft im Iran und
in der weiteren Umgebung sind auch Kirchen und christliche Gemeinden den
Gefahren ausgesetzt, die dieser Krieg für ihre Zukunft birgt.
Es
muss betont werden, dass die gemeinsamen Angriffe Israels und der USA eindeutig
gegen interna-tionales Recht verstoßen. Sie erfolgen ohne glaubwürdige
Begründung für die angeblich unmittelbare Bedrohung durch den Iran und stellen
einen eklatanten Verstoß gegen die UN-Charta dar, die gerade geschaffen wurde,
um die Völker der Welt vor der Geißel des Krieges zu bewahren. Die Aufgabe der
Diplomatie zugunsten eines bewaffneten Angriffs ist rücksichtslos und
unverantwortlich.
Nachdem
Israel und die Vereinigten Staaten von Amerika diesen Weg eingeschlagen haben,
darf ihnen nicht erneut erlaubt werden, Verwüstung anzurichten und dies Frieden
zu nennen. Sie müssen die Verantwortung für die Folgen ihres Handelns
übernehmen, einschließlich der Folgen für die Zukunft des iranischen Volkes,
dessen Freiheit sie angeblich fördern.
Wir
appellieren an alle Staaten, einen sofortigen Waffenstillstand zu vollziehen,
die diplomatischen Bemühungen und den politischen Dialog über die etablierten
internationalen und regionalen Mechanismen dringend wieder aufzunehmen und ihre
Verpflichtungen nach dem Völkerrecht, einschließlich der UN-Charta,
uneingeschränkt zu erfüllen.
Unser
Appell gründet sich auf unseren Glauben und unsere christlichen ethischen Werte
sowie auf Recht und Politik. Wir bekräftigen, dass Krieg mit Gottes Wesen und
seinem Willen für die Menschheit unver-einbar ist und unseren grundlegenden
christlichen Prinzipien widerspricht. Frieden ist ein moralisches und
spirituelles Gebot, das in unserem Glauben an einen gerechten und barmherzigen
Gott wurzelt und ein Geschenk ist, das nicht durch Gewalt oder Waffenstärke
erlangt werden kann. Die Würde des Menschen ist heilig und spiegelt das
Ebenbild Gottes wider. Jeder Angriff auf das Leben von Zivilisten oder jede
systematische Verletzung der Menschenrechte, sei es durch einen Angriff von
außen oder durch Unterdrückung von innen, ist ein direkter Angriff auf die von
Gott gegebene Menschenwürde und die Heiligkeit des Lebens.
In
diesem Konflikt und im globalen Kontext beklagen wir den Mangel an Moral und
Recht, die vorherrschende Arroganz und die Ideologien der Macht sowie die
Verdrängung des Gewissens durch politischen Nutzen. Als Christen erkennen wir
keine göttliche Legitimation zum Töten, Zerstören, Vertreiben oder Besetzen an.
Wir verkünden die von Gott gegebene Menschenwürde und die Rechte aller
Menschen, gleich und ohne Diskriminierung. Wir lehnen die brutale Logik von
Krieg und Herrschaft ab. Wir sehnen uns nach Frieden.
Wir
beten für die Menschen im Nahen Osten, die viel zu lange und viel zu oft unter
Gewalt gelitten haben – verursacht durch Interventionen von außen. Wir laden
alle Kirchen und Christen weltweit sowie alle Menschen des Glaubens und guten
Willens ein, sich dem Gebet für den Frieden im Nahen Osten und überall dort
anzuschließen, wo Konflikte und Streitigkeiten herrschen.
Gott,
beende Gewalt und Ungerechtigkeit.
Inspiriere
die Verantwortlichen, sich für das Wohl aller Menschen einzusetzen.
Möge
deine Liebe und dein Mitgefühl siegen und die Nationen im gemeinsamen Streben
nach Frieden vereinen.
Lass
dein Friedensreich auf Erden herrschen wie im Himmel
Quelle: Independent Catholic News,
London, 9. 3. 26, www.indcatholicnews.com
Ökumenische Nachrichten, Genf, 10. 3. 26, www.ecumenicalnews.com
IRAN-KRIEG MORALISCH NICHT GERECHTFERTIGT
Interview mit Kardinal Robert McElroy, Erzbischof von
Washington
Kardinal Robert W. McElroy, Erzbischof von Washington,
beantwortete in einem E-Mail-Interview Fragen der Zeitung „Catholic Standard“
der römisch-katholischen Erzdiözese Washington zu den US-Angriffen auf den
Iran. Seine Antworten wurden am 9. März auf der Website des „Catholic Standard“
veröffentlicht und sind in der Druckausgabe der Zeitung vom 12. März
erschienen.
Frage: Kardinal McElroy, es ist nun eine
Woche her, seit die Vereinigten Staaten und Israel Angriffe auf den Iran
gestartet haben, und Israel hat auch den Libanon angegriffen. Diese Woche haben
Sie in Pfarreien in der gesamten Erzdiözese Washington die Messe gefeiert. Was
sagen die Gemeindemitglieder, mit denen Sie gesprochen haben, zu dieser
Situation?
Kardinal McElroy: Ich habe eine sehr große Besorgnis über
den Krieg im Iran festgestellt, und viele Gemeindemitglieder haben mir ihre
Sorgen mitgeteilt. Fast alle sind zu Recht der Meinung, dass das Regime von
Khamenei seit Jahrzehnten eine brutale und repressive Regierung ist, die den
Terrorismus in der ganzen Welt verbreitet hat und ersetzt werden sollte. Aber
es gibt große Befürchtungen, dass dieser Krieg außer Kontrolle geraten und die
Vereinigten Staaten immer tiefer hineinziehen könnte. Mehrere Gemeindemitglieder
haben mir erzählt, dass sie Söhne oder Töchter beim Militär haben und
befürchten, dass diese in Gefahr geraten könnten. Viele sprechen von den beiden
früheren Kriegen im Irak und dem Mangel an Frieden und Einheit, den diese trotz
hoher amerikanischer Verluste und immenser Kosten hinterlassen haben. Andere
glauben, dass es trotz dieser Realitäten jetzt an der Zeit ist, dass die Vereinigten
Staaten die Theokratie im Iran beenden und eine freundlichere und friedlichere
Regierung einsetzen.
Frage: Welche Erkenntnisse liefert die
katholische Lehre zum Thema Krieg hinsichtlich der Angriffe auf den Iran und
der iranischen Gegenangriffe in der gesamten Golfregion?
Kardinal McElroy: Die Kirche hat eine lange und
umfangreiche Lehre zu den Themen Krieg und Frie-den. Im Mittelpunkt dieser
Lehre steht ein unerschütterlicher Widerstand gegen den Krieg. Papst Joha-nnes
Paul II. lehnte den Irakkrieg 2003 entschieden ab und erklärte kategorisch,
dass Krieg „immer eine Niederlage für die Menschheit ist“. Papst Franziskus
forderte die vollständige Abschaffung des Krieges und erklärte, dass „jeder
Krieg die Welt schlechter hinterlässt, als sie vorher war“. Papst Leo hat mit
Be-sorgnis festgestellt, dass derzeit in vielen Ländern ein rasender
Kriegseifer herrscht, der mit dem katho-lischen Glauben völlig unvereinbar ist.
Im Kern bezeugen alle diese päpstlichen Lehren, dass wir Nachfolger Jesu
Christi sind, der die Friedensstiftung in den Mittelpunkt seiner Berufung zur
Nachfolge und Treue gestellt hat. Gewaltlosigkeit muss die erste Haltung der
Katholiken in der Welt sein.
Gleichzeitig hat die Kirche in einigen
Notfällen historisch gesehen den Rückgriff auf Krieg erlaubt, wenn sechs
Bedingungen klar und gleichzeitig erfüllt sind:
1. Gerechter Grund: Der Krieg muss zur
Verteidigung gegen einen schweren und sicheren Angriff auf eine Nation, ihre
Verbündeten oder eine wehrlose menschliche Gemeinschaft geführt werden.
2. Die legitime Autorität des Landes, das
einen Krieg in Erwägung zieht, muss den Krieg erklären.
3. Das Land zieht mit der richtigen
Absicht in den Krieg, nämlich um die spezifische gerechte Sache wiederherzustellen
und den Frieden wiederherzustellen.
4. Krieg ist das letzte Mittel, um die
Aggression abzuwehren.
5. Die zu erwartenden Zerstörungen durch
den Krieg dürfen den zu erwartenden Nutzen nicht überwiegen.
6. Es besteht eine begründete Aussicht auf
Erfolg.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt erfüllt die
Entscheidung der USA, gegen den Iran in den Krieg zu ziehen, mindestens drei
Anforderungen nicht, die für einen moralisch legitimen Krieg erforderlich sind:
Das Kriterium der gerechten Sache ist
nicht erfüllt, da unser Land nicht auf einen bestehenden oder unmittelbar
bevorstehenden und objektiv nachweisbaren Angriff des Iran reagiert hat. Wie
Papst Benedikt kategorisch erklärt hat, unterstützt die katholische Lehre
keinen Präventivkrieg, d. h. einen Krieg, der durch Spekulationen über
zukünftige Ereignisse gerechtfertigt wird. Würde ein Präventivkrieg moralisch
akzeptiert, würden alle Grenzen für die Rechtfertigung eines Krieges extrem
gefährdet.
Das Kriterium der richtigen Absicht ist
bei der Entscheidung unseres Landes, den Iran anzugreifen, nicht erfüllt. Eines
der beunruhigendsten Elemente dieser ersten Tage des Krieges im Iran ist, dass
unsere Ziele und Absichten völlig unklar sind und von der Zerstörung des
konventionellen und nuklearen Waffenpotenzials des Iran über den Sturz seines
Regimes bis hin zur Errichtung einer demokratischen Regierung und der
bedingungslosen Kapitulation reichen. Man kann das Kriterium der richtigen
Absicht der Tradition des gerechten Krieges nicht erfüllen, wenn man keine
klare Absicht hat.
Schließlich entspricht unser derzeitiger
Kriegseinsatz nicht der katholischen Lehre vom gerechten Krieg, da es
keineswegs klar ist, dass die Vorteile dieses Krieges den Schaden, der
angerichtet wird, aufwiegen werden. Der Nahe Osten ist die instabilste Region
der Welt und die unberechenbarste. Der Krieg hat be-reits unbeabsichtigte
Folgen gehabt. Die moralisch verwerfliche Entscheidung des Iran, seine Nachbarn
in der Region anzugreifen, hat die Zerstörung ausgeweitet. Der Libanon könnte
in einen Bürgerkrieg stürzen. Die weltweite Ölversorgung steht unter großem
Druck. Der mögliche Zerfall des Iran könnte durchaus neue und gefährliche
Realitäten hervorbringen. Und die Möglichkeit immenser Verluste auf al-len
Seiten ist enorm.
Aus all diesen Gründen kommt die
katholische Lehre zu dem Schluss, dass unser Eintritt in diesen Krieg moralisch
nicht gerechtfertigt war.
Frage: Was raten Sie den Katholiken in der
Erzdiözese Washington, wie können sie auf die Ereignisse im Nahen Osten
reagieren?
Kardinal McElroy: Ich halte es für unerlässlich, dass die
Katholiken in unserer Erzdiözese für Frieden und ein sofortiges Ende dieses
Konflikts beten. Wir sollten für unsere Soldaten und Soldatinnen beten. Wir
sollten für die christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten beten, die dort die
letzten Bastionen des katholischen Glaubens sind, insbesondere im Libanon, wo
die große und spirituell schöne katholische Gemeinschaft weiterhin Zeugnis für
das Christentum in der Region ablegt.
Als Bürger und Gläubige sollten wir
unseren politischen Vertretern unsere Position zu diesem sich aus-weitenden
Krieg mitteilen und diesem Land, das wir so sehr lieben, unsere eigene Führung
geben. Darüber hinaus sollten wir diejenigen in unseren Familien, unseren
Gemeinden und unseren Gemeinschaften, die besorgt sind, trösten, damit der
Trost des Heiligen Geistes mit ihnen sei.
Schließlich und vor allem müssen wir
sicherstellen, dass dieser Krieg nicht zu einem langwierigen Kon-flikt wird,
der von Ziel zu Ziel und von Strategie zu Strategie taumelt. Eine der
wichtigsten katholischen Lehren über Krieg und Frieden besagt, dass Nationen
die strikte Verpflichtung haben, einen Krieg so schnell wie möglich zu beenden.
Dies gilt insbesondere dann, wenn die Entscheidung, in den Krieg zu ziehen,
moralisch nicht legitim war. Krieg folgt einer Logik, die ihn vorantreibt und
in seinem Ausmaß und seiner Dauer eskalieren lässt. Unser Land ist in der
jüngsten Vergangenheit Opfer dieser Logik des Krieges geworden, insbesondere im
Nahen Osten. Wir müssen alle zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass dieser
Expansionismus uns in einen anhaltenden Sumpf im Iran führt.
Frage: Was sind Ihre Bedenken hinsichtlich
der Zukunft unseres Landes und unserer Welt, während die-ser Krieg weitergeht?
Kardinal McElroy: Meine tiefste Sorge in diesen Fragen
gilt vor allem dem allgemeinen Verfall der moralischen Normen in unserem
eigenen Land und weltweit. Denn die moralischen Fragen, mit denen wir heute im
Iran konfrontiert sind, sind Teil eines größeren Problems der moralischen
Erneuerung und des Dialogs, das in unserem Land, das wir so sehr verehren,
dringend notwendig ist. Die Gründer unserer Nation glaubten, dass Amerika nur
dann erfolgreich sein würde, wenn seine moralischen Grundlagen solide und stark
wären. Wir vergessen so leicht, dass es zu Beginn unserer Nation als
demokratische Republik keine andere Nation gab, die eine Demokratie war. Auch
in den vorangegangenen tausend Jahren hatte es keine gegeben. Ihr Projekt war
ein echtes Experiment in Demokratie. Das gleiche Bedürfnis nach moralischer
Erneuerung, das bei unserer Gründung vorhanden war, besteht auch heute noch in
eindringlicher Weise. Ich bete dafür, dass wir in unserem 250. Jahr diese
Herausforderung mit Eifer, Einigkeit und Anmut angehen mögen.
Quelle: „Catholic Standard“, Washington,
9 3. 2026. www.cathstan.org
Robert Walter Kardinal McElroy, geb. 5. 2. 1954 in San Francisco. Er studierte
Geschichte, Politikwissenschaften
(Doktorat 1989 an der Stanford University) und Theologie (Doktorat 1987
an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom). Priesterweihe im April 1980.
Im Juli 2010 Ernennung zum Weihbischof von San Francisco durch Papst Benedikt.
Im März 2015 ernannte ihn Papst Franziskus zum Diözesanbischof von San Diego
und im August 2022 zum Kardinal. Im Jänner 2025 berief Papst Franziskus
Kardinal McElroy zum Erzbischof von Washington.
BISCHOF MAXIMILIAN AICHERN +
Ein persönlicher Nachruf
Von Adalbert Krims
Ich war einige Jahre in der Diözese Linz
angestellt und bin im März 1970 unfreiwillig ausgeschieden. Der damalige
Diözesanbischof Franz Zauner, der persönlich meine Entlassung aus allen
kirchlichen Funktionen und den Entzug der „missio canonica“ (kirchliche
Lehrerlaubnis als Religionslehrer) angeordnet hatte, hat niemals auch nur ein
Wort mit mir gesprochen. Sein Weihbischof und ab 1973 auch Generalvikar, Alois
Wagner, war vorher Diözesanjugendseelsorger und mit ihm habe ich einige
Jahre in der Leitung der diözesanen Jugendarbeit zusammengearbeitet. Er war
auch Präsident der Diözesansynode und hat die Entscheidungen des
Diözesanbischofs mitgetragen. Wagner hatte innerkirchlich einen guten Stand
sowohl bei den Priestern als auch den Laienorganisationen – und war auch gut
mit der Landeshauptmann-Partei ÖVP vernetzt. Außerdem galt er als der Doyen der
katholischen Entwicklungshilfe und war auch Geistlicher Assistent des
Österreichischen Entwicklungshilfedienstes (ÖED) und anderer kirchlicher
Entwicklungsorganisationen. Er galt daher als der logische Nachfolger von
Bischof Zauner, der 1980 seinen Rücktritt aus Altersgründen einreichte, dann
aber noch bis Anfang 1982 die Diözese als Apostolischer Administrator leitete.
Entgegen allen Erwartungen wurde aber Wagner von Rom nicht zum Diözesanbischof
erkoren. Allerdings wurde er zum Titularerzbischof ernannt (also quasi
hierarchisch aufgewertet) und nach Rom als Vizepräsident des Päpstlichen Rates
„Cor unum“ berufen, der vatikanischen Koordinationsstelle aller kirchlichen
Sozial- und Entwicklungshilfewerke.
Jedenfalls wurde im Mai 1981 der Abt des
Stiftes St. Lambrecht in der Steiermark und zum damaligen Zeitpunkt auch
Abtpräses der Österreichischen Benediktinerkongregation, Maximilian Aichern,
von Rom als neuer Linzer Diözesanbischof ausersehen. Dieser lehnte zuerst
mehrmals ab, nahm aber schließlich im Dezember auf Drängen von Kardinal König
die Ernennung an und wurde am 17. Jänner 1982 im Linzer Mariendom von Kardinal Franz
König zum Bischof geweiht (Mitkonsekratoren waren sein Vorgänger Bischof
Zauner und Weihbischof Wagner). Aichern ist in Wien als Sohn eines
Fleischhauers aufgewachsen und hat diesen Beruf auch erlernt und ausgeübt. Zu
seinem Glück war aber seine Schwester bereit, den elterlichen Betrieb zu
übernehmen, so dass er ins Benediktinerstift St. Lambrecht eintreten und in
Salzburg und Rom Theologie studieren konnte. Zu Linz und Oberösterreich hatte
er bis dahin kei-ne Beziehungen. Deshalb gab es am Anfang durchaus Skepsis
gegenüber dieser „Ernennung aus Rom“. Ich war zum damaligen Zeitpunkt bereits
mit Bischof Vekoslav Grmič befreundet, der gerade 2 Jahre zuvor von Papst
Johannes Paul II. bei der Bischofsernennung in Maribor übergangen wurde (obwohl
er zu-vor Weihbischof und Generalvikar war und nach dem Tod von Diözesanbischof
Držečnik die Diözese 2 Jahre als Kapitelvikar leitete). Grmič
sagte mir, dass er Aichern gut kenne und persönlich auch mag. Da das Stift St.
Lambrecht früher Besitzungen in der Diözese Maribor hatte, gibt es nach wie vor
gute Kontakte zwischen dem Stift und der Diözese. Dadurch habe er auch Abt
Aichern kennengelernt. Grmič meinte, er sei ein frommer Mann und passe
daher in das Bild der Bischofsernennungen durch Johannes Paul II., der fromme
Ordensmänner auch deshalb schätze, weil sie den Gehorsam gelernt haben.
(Grmič hat diese Einschätzung von Aichern später revidiert).
Bischof Grmič war in den 1980er
Jahren mehrmals bei AKC-Veranstaltungen in Österreich und ich habe für ihn
auch Vorträge organisiert, darunter (gemeinsam mit Alois Reisenbichler)
einen in Golling im Bezirk Melk. Eigentlich muss ein katholischer Bischof, der
in einer anderen Diözese auftritt, vorher den dortigen Diözesanbischof
informieren, was Grmič aber unterlassen hatte. Der damalige St. Pöltner
Diöze-sanbischof Franz Žak erließ daher für die Zukunft ein Auftrittsverbot für
Grmič in seiner Diözese und informierte darüber auch die
Bischofskonferenz, wobei er ausdrücklich vor den Ansichten von Grmič
warnte. Einige Monate später war ich mit Bischof Grmič in Oberösterreich
unterwegs, wo er zuerst einen Vortrag bei der Sozialistischen Jugend in Neumarkt
i. M. hielt und am nächsten Tag in der Arbeiterkammer in Linz. Wiederum hatte
er den zuständigen Ortsbischof nicht vorher informiert. Plötzlich erhielt er
einige Tage vor der Veranstaltung einen Anruf von Bischof Aichern und
befürchtete schon, dass er sich über die Nicht-Information beschweren würde. Aber
Aichern bedauerte nur, dass er erst jetzt von dem Vortrag in der Arbeiterkammer
erfahren habe, aber leider aus Termingründen (er hatte schon länger einen
Abendtermin außerhalb von Linz zugesagt) nicht hingehen könne. Aber Grmič
müsse unbedingt bei ihm im Bischofshof übernachten. Ich begleitete Grmič
zum Eingang des Bischofshofs in der Herrengasse. Dort öffnete uns Prälat Schicklberger,
den ich noch als Sekretär von Bischof Zauner kannte – und er mich auch! Er war
offensichtlich verwundert, dass ich Bischof Grmič begleitete und bat uns,
kurz zu warten, er werde den Bischof verständigen. Als Schicklberger zurückkam,
wollte ich mich schon von Grmič verabschieden und gehen, da sagte
Schicklberger: „Der Herr Bischof möchte auch Herrn Krims zum Kaffee einladen!“
Das war meine erste persönliche Begegnung mit Aichern, der mich gleich
begrüßte: „Sie kommen ja aus Freistadt, da war ich gerade kürzlich auf Visitation.“
Und: „Sie haben ja auch länger in der Diözese gearbeitet. Ich habe viel Gutes
über Sie gehört!“ (Wahrscheinlich nicht nur Gutes, aber das erwähnte er nicht).
In den 1980er Jahren habe ich dann aus der
Diözese Linz immer wieder Positives über Bischof Aichern erfahren. So erzählte
mir damals VOEST-Pfarrer Hans Wührer, dass ihn der Bischof im
Zusammenhang mit seinem Einsatz als Brigadist in Nicaragua im Februar 1984
anrief. Nachdem es zuvor bereits Kritik aus konservativen Kreisen an diesem
Einsatz gegeben hat (bis hin zum Vorwurf, dass das mit dem priesterlichen Amt
nicht vereinbar sei), vermutete Wührer, dass der Anruf des Bischofs damit
zusammen-hinge. So war es auch: Allerdings meinte Aichern, dass er selbst den
Einsatz nicht beurteilen könne, aber voll auf Wührer vertraue. Und er würde
gerne einen kleinen Beitrag leisten, indem er einen Sonntags-gottesdienst in
der VOEST-Pfarre als Vertretung übernehme. In der Diözese Linz gab es damals
eine recht aktive Gruppe reaktionärer Priester und Laien, die irgendwelche
„liturgischen Verfehlungen“ oder nicht lehramtsgetreue Aussagen
fortschrittlicher Priester (oder Laienfunktionären) sofort dem Bischof meldeten
(das habe ich ja einige Jahre im kirchlichen Dienst unter Bischof Zauner am
eigenen Leib erfahren). Als sie aber sahen, dass sie bei Aichern – im Unterschied
zu seinem Vorgänger – damit nichts erreichten, wurden zunehmend solche
Berichte direkt nach Rom geschickt. Es kam dann auch vor, dass Bischof Aichern
aus Rom auf angebliche Verfehlungen von Priestern hingewiesen wurde. Er rief
dann die betreffenden Priester persönlich an und teilte ihnen mit, was ihm aus
Rom übermittelt wurde. Und damit war der Fall erledigt.
Mein nächster Kontakt mit Bischof Aichern
war dann erst im März 2005 im Zusammenhang mit dem Tod von Bischof Grmič,
über den er mich informierte. Dann kam im Mai 2005 die überraschende Nachricht,
dass Papst Benedikt XVI. das Rücktrittsgesuch von Aichern aus Altersgründen
(das jeder Bischof mit 75 Jahren einreichen muss) angenommen habe. Zu diesem
Zeitpunkt war Aichern aber erst 72. Es war also offensichtlich, dass es
Intrigen gegen ihn gegeben hat. Ich war damals Redakteur in der
Reli-gionsabteilung des ORF-Hörfunks und habe auch einen Bericht zu dem Thema
gemacht. Bischof Aichern hat mir als scheidender Bischof von Linz einen Brief
geschrieben, in dem er mir ausdrücklich für meine „Verdienste für die Diözese“
gedankt hat. Das hat mich wirklich gerührt, da ich von seinem Vorgänger ja
gewissermaßen „unehrenhaft“ aus der Diözese entlassen wurde. Nun hatte mich der
(noch) amtierende Diözesanbischof quasi „rehabilitiert“.
Im Mai 2011 traf ich Bischof Aichern bei
der Verleihung des Papst-Leo-Preises in Horn, den meine Freunde Alois
Reisenbichler und Jussuf Windischer (für das
Caritas-Integrationshaus Innsbruck) erhielten. Es war auch der Linzer
Diözesanbischof Ludwig Schwarz anwesend, der mit Dienstauto und
Chauffeur angereist war. Offenbar war damals die Kommunikation im Linzer
Bischofshof nicht optimal, denn sein Vorgänger Aichern fragte Pfarrer Hans
Wührer, der ebenfalls nach Horn fuhr, ob er ihn im Auto mitnehmen könne.
Eine weitere Begegnung, an die ich mich
gut erinnere, war beim Treffen anlässlich „70 Jahre Katholische Jugend
Oberösterreich“ am 24. Juni 2016 in Eferding. Vor der Festveranstaltung redete
ich mit Bischof Aichern, der dann zu mir sagte, ich solle mich zu ihm setzen.
Auf den anderen Platz neben ihm setzte sich dann Diözesanbischof Manfred
Scheuer. Aichern wollte uns bekannt machen und fand sehr lobende Worte über
mich. Scheuer lachte und sagte: „Der ist eh schon bei uns bei Pax Christi!“ Im
März 2017 trafen wir uns dann in Bozen wieder, wo ich an einer
Pax-Christi-Delegation zur Seligsprechungsfeier von Josef Mayr-Nusser,
der Leitfigur des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus in Südtirol, teilnahm.
Auch da waren Aichern und Scheuer dabei.
In
den folgenden Jahren habe ich Bischof Aichern einige Male nur kurz gesehen – z.
B. auch bei der Verabschiedung des evangelisch-lutherischen Bischofs Michael
Bünker aus dem Bischofsamt Ende Juni 2019. Aber wir waren per Mail in
Kontakt – u. a. um den 100. Geburtstag von Bischof Grmič im Juni 2023, als
ich ihm das „KC“ mit meinem Artikel aus diesem Anlass schickte. Er abonnierte
unsere Zeitschrift sofort und schrieb mir über den Artikel: „Deine
Erinnerungen sind einfach hervorragend. Diese Arbeit ist wie ein Schatz, der
Erinnerungen schenkt. Ich danke Dir dafür wirklich bestens. Ich bin dem
Verstorbenen dankbar für viele Begegnungen in Slowenien und im Linzer
Betriebsseminar, wo er in den Sommermonaten zu Arbeitseinsätzen und zu
Reflexion darüber von der Soziallehre her immer auch Theologiestudenten aus den
Diözesen Maribor und Laibach brachte. Auch war er immer bei der österreichischen
Pastoraltagung in der Woche nach Weihnachten in Wien. Mein letzter Besuch bei
ihm im Dompfarrhof Maribor einige Monate vor seinem Ableben und das Gespräch
über Vergangenheit und Gegenwart aus theologischer und sozialer Sicht ist mir
unvergessen. Lieber Adalbert, nochmals ein großes Danke für diesen
hervorragenden Artikel.“
Am 31. Jänner d. J. habe ich im Urlaub auf
Gran Canaria erfahren, dass Bischof Maximilian Aichern gestorben ist. Das
Requiem im Linzer Mariendom am 5. Februar habe ich im Fernsehen gesehen. Die
Predigt seines Nach-Nachfolgers Manfred Scheuer war eindrucksvoll. Bischof
Scheuer sagte über Aichern: „Er steht für eine Allianz von Solidarität,
Würde und Gerechtigkeit. Für die Sozialverträglichkeitsprüfung hat er sich
ebenso eingesetzt wie für die Umweltverträglichkeit auf europäischer Ebene. ,Es
ist so wichtig, alle Arten von Grenzen zu überschreiten, einander besser
kennenzulernen und auch gemeinsame Aufgaben anzupacken.‘ Diese Worte von
Bischof Maximilian in einem Interview anlässlich eines Geburtstages beschreiben
seine Persönlichkeit, sein Wirken als Bischof von Linz, seine Teilhabe an der
Gesellschaft in wacher und aufmerksamer Zeitgenossenschaft. Bischof Maximilian
hatte das Bischofsamt in einer Konfliktgesellschaft, in vielfältigen
Polarisierungen zu realisieren. Es war und ist eine Kunst, den Spagat zwischen
Personen, Gruppen und Positionen, die Zerreißproben in Konflikten und Machtkämpfen
zu koordinieren. Bischof Maximilian lebte Kontakte über sehr viele Grenzen
hinweg, national und international, und das mit einer großen Nachhaltigkeit.“
Die Beisetzung erfolgte auf Aicherns Wunsch am 9. Februar in der Äbtegruft des
Stiftes St. Lambrecht in der Steiermark. In diesem Kloster hatte er 28 Jahre
gelebt, davon die letzten 5 als Abt.
„Der gute Bischof Maximilian“
lautete der Titel des Nachrufs von Otto Friedrich in der katholischen
Wochenzeitung „Die Furche“. Friedrich hob vor allem den Einsatz von
Bischof Aichern für das Laien-apostolat hervor und fuhr fort: „Aichern war
aber auch ein ,politischer‘ Bischof. Die katholische Soziallehre und der Blick
auf die arbeitenden Menschen waren ihm, der ja als ,Arbeiter‘ begonnen hatte,
zeit-lebens auch geistliche Richtschnur. Durchaus gegen bischöfliche
Widerstände gelang es ihm, den ,Sozialhirtenbrief der katholischen Bischöfe
Österreichs‘, der 1990 veröffentlicht wurde, durchzusetzen. Er war federführend
am 2003 veröffentlichten ‚Ökumenischen Sozialwort‘ der 14 christlichen Kirchen
Österreichs beteiligt, er unterstützte die ‚Allianz für den arbeitsfreien
Sonntag‘ und richtete die ‚Bischöfliche Arbeitslosenstiftung‘ ein. Aichern
setzte sich auch intensiv für die Seligsprechung des von den Nazis ermordeten
Wehrdienstverweigerers Franz Jägerstätter ein, der diözesane Prozess dazu wurde
in seiner Amtszeit abgeschlossen.“
Abschließend möchte ich noch Ferdinand
Kaineder zitieren, den Präsidenten der Katholischen Aktion Österreichs, der
unter Bischof Aichern Kommunikationsleiter und Mediensprecher der Diözese Linz
war: „Mit Bischof Maximilian Aichern verlieren wir einen Menschen, der
breite Menschlichkeit gelebt hat, auf menschliche und empathische Weise auf
alle zugegangen ist und allen ein offenes Ohr geliehen hat... Mit Bischof
Maximilian verlieren wir einen besonderen Mitchristen der Tat. Soziale
Gerechtigkeit und grenzenlose Zusammengehörigkeit und Solidarität hat er als
besonderen Auftrag für sich aus dem Evangelium abgeleitet. Er ist aufgestanden,
wo es eine starke Stimme für die Benachteiligten gebraucht hat. ,Höre’ ist das
erste Wort in der Benediktus-Regel und das hat er ganz und gar gelebt... Mit
Bischof Maximilian verlieren wir einen Hirten mit und unter uns, der unter den
Menschen Vertrauen und Zutrauen geschürt hat.“ Dem möchte ich mich
anschließen.
BUCHTIPP
Josef P. Mautner, SEISMOGRAPH UND IMPULSGEBERIN. Die Katholische Sozialakademie Österreichs 1958 – 2021,
Mandelbaum-Verlag, Wien 2026, 256 Seiten, € 24,--.
Die christlichen Kirchen haben sich sowohl
in ihrer Sozialethik als auch in der Praxis für solidarische gesellschaftliche
Strukturen stark gemacht. Die 1958 gegründete Katholische Sozialakademie
Österreichs (ksoe) hat über mehr als sechs Jahrzehnte die Katholische
Soziallehre in Forschung, Bildung sowie betriebliche Entwicklungsarbeit in
Kirche und Gesellschaft eingebracht. Sie war eine wesentliche Akteurin in
sozialethischen und gesellschaftspolitischen Diskursen und Prozessen. Josef
P. Mautner stellt die Arbeit der ksoe von ihrer Gründung bis zum Ende der
bisher bestehenden ksoe mit dem sogenannten »Relaunch« 2021 auf der
Basis von Gesprächen mit Mitarbeiter:innen, Kooperationspartner:innen und
Weggefährt:innen vor. Zukunftsperspektiven »von außen« bieten einen Ausblick
auf gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen.
Mautner, geb. 1955 in Salzburg, ist
Literaturwissenschafter und Theologe sowie freier Schriftsteller. Er war
jahrelang in Projekten sowie als Mitglied des Kuratoriums mit der ksoe
verbunden. 1979 - 1999 war er Bildungsreferent der Katholischen Hochschulgemeinde
Salzburg, 1999 - 2020: Geschäftsführer des Bereichs „Gemeinde &
Arbeitswelt“ in der Katholischen Aktion der Erzdiözese Salzburg. 2021 wurde
Josef P. Mautner mit dem Papst-Leo-Preis 2021 für besondere Verdienste um die
Katholische Soziallehre ausgezeichnet.
Das Buch beginnt mit Geleitworten von
Bischof emeritus Maximilian Aichern OSB, der über 2 Jahr-zehnte in der
Österreichischen Bischofskonferenz für die Katholische Sozialakademie zuständig
war, und Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der als
Wirtschaftsprofessor ab 1976 rund 25 Jahre als Referent bei den
„Dreimonatskursen“ der KSÖ tätig war. Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert.
Kapitel 1 umfasst einen geschichtlichen Abriss von der Gründung der ksoe
1958/59 bis zum Ende der „Ära Büchele“ 1983 – mit einer kurzen Vorgeschichte.
Die weiteren Kapitel behandeln die drei Arbeitsbereiche: Soziallehre und
Gesellschaftspolitik – Politische Erwachsenenbildung –
Organisationsentwicklung. In diesen drei Kapiteln wird der weitere Zeitraum von
1983 bis 2021 erfasst, und jedes schließt mit einem Ausblick auf die Gegenwart
und Zukunft dieser drei Arbeitsbereiche jenseits von 2021.
Gerade im Bereich Gesellschaftspolitik
stieß die ksoe aber immer wieder auf innerkirchlichen und politischen
Widerstand, etwa als sie ein Konzept für das „Bedingungslose Grundeinkommen“
entwickelte oder vor der „Zweidrittelgesellschaft“ warnte und sich für
Arbeitszeitverkürzungen aussprach. Während die ksoe ursprünglich als ÖVP-nahe
galt und in den 1960er Jahren auch die meisten Dozenten ÖVP-Mitglieder waren,
so kritisierten ab den 1970er Jahren führende ÖVP-Politiker den „Linkskurs“ der
ksoe. So bezeichnete 1976 der damalige ÖVP-Bundesparteiobmann Josef Taus
die ksoe als „Puppenküche für Salonrevolutionäre“ und 1978 warf der
damalige ÖAAB-Bundesobmann Herbert Kohlmaier in einem „Furche“-Artikel
der ksoe vor, „mit den abgedroschenen Phrasen ultralinker
Gesellschaftskritiker“ die „freie Gesellschaftsordnung zu attackieren“.
Letztlich war es neben „Sparzwängen“ wahrscheinlich auch dieser Druck
aus der ÖVP (vor allem dann in der „Ära Kurz“), der die Bischofskonferenz 2020
dazu bewog, einen „Relaunch“ der Katholischen Sozialakademie zu beschließen,
der das Ende der ksoe in der bisherigen Form bedeutete – auch wenn das im Buch
so nicht angesprochen wird.
Es bleiben aber 63 Jahre einer spannenden
Weiterentwicklung der Katholischen Soziallehre u. a. mit den Höhepunkten
Sozialhirtenbrief der Österreichischen Bischofskonferenz (1990) und Sozialwort
des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (2003), an deren Ausarbeitung
die Katholischen Sozialakademie einen großen Anteil hatte.