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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 400/401                     September/Oktober 2016

 

 

 

40 JAHRE „KRITISCHES CHRISTENTUM“

Anfang Oktober 1976 erschien die erste Nummer von „Kritisches Christentum“. Seither sind 40 Jahre vergangen! 400 „KC“-Hefte (seit 14 Jahren als Doppelnummern) ergeben zusammen fast 12.000 Seiten (am Anfang hatte „KC“ nur 16 Seiten – und auch noch keinen Umschlag).

Wir haben in den vergangenen 40 Jahren versucht, unserem ursprünglichen Anliegen treu zu bleiben, nämlich eine unabhängige Zeitschrift zu machen, die über das  Christentum berichtet, das sich für  Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung, für die Befreiung des Menschen und für die Humanisierung der Gesellschaft engagiert. Die Welt hat sich zwar in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert, dennoch sind diese Zielsetzungen nach wie vor aktuell, in gewisser Weise vielleicht sogar noch (über)lebenswichtiger!

Als wir in der „Aktion Kritisches Christentum“ im Frühjahr 1976 den Beschluss fassten, eine eigene Zeitschrift herauszugeben, waren wir uns nicht sicher, ob dieses Experiment gelingen und vor allem ob es sich über einen längeren Zeitraum halten würde. Dank unserer Abonnenten und FreundInnen gibt es „KC“ noch immer.

Uns war von Anfang an klar, dass eine so kleine Zeitschrift nur gemacht werden kann, wenn die Kosten möglichst niedrig sind. Deshalb wurde und wird „KC“ in unbezahlter Arbeit geschrieben, redigiert, layoutiert, versandt und verwaltet. Allerdings sind in den letzten 40 Jahren vor allem die Portokosten exorbitant gestiegen.

Natürlich kann auch eine Zeitschrift nicht ohne Geld leben: Neben Abo-Gebühren und Spenden bekommen wir auch die staatliche Publizistikförderung (die allerdings früher schon höher war). Dadurch ist es uns bisher gelungen, Die Finanzierung von „KC“ sicherzustellen.

Vor über 12 Jahren haben wir mit einer eigenen (sehr laienhaften) Website im Internet begonnen (www.akc.at). Dort finden sich nicht nur Informationen über die gedruckten „KC“-Hefte (Titelblatt, Inhaltsverzeichnis, Artikelauswahl), sondern auch Kommentare und Hintergrundberichte über Kirche und Gesellschaft sowie über Brennpunkte der Weltpolitik.

Als wir unsere Zeitschrift vor 40 Jahren gründeten, herrschte in Österreich eine Aufbruchstimmung, die sich u. a. auch in der Förderung einer kritischen Publizistik ausdrückte. Das war auch eine Chance für Gründung und Bestand kleiner Blättchen (wenn auch unter den Bedingungen der Selbst-Ausbeutung). Viele der damals gegründeten Blätter und Blättchen sind inzwischen längst wieder verschwunden. Natürlich hängt das auch mit dem Aufstieg des Internet zusammen, das völlig neue Möglichkeiten geschaffen hat, zu informieren und informiert zu werden.

Aber es hat sich in den letzten Jahrzehnten auch die gesellschaftspolitische Stimmungslage verändert (Kritik wird bestenfalls geduldet, jedoch nicht gefördert). Und es werden immer mehr Bereiche der Gesellschaft und des Lebens den Marktprinzipien untergeordnet. Alles wird zur Ware – auch die Information. Und auf dem Markt überleben die Großen und Starken – auf Kosten der Kleinen und Schwachen (die Einstellung des Bundeszuschusses für den begünstigten Postzeitungsversand im Jahre 2001 war dafür nur ein kleines, aber für die Betroffenen sehr schmerzhaftes Beispiel).

Wenn auch die äußeren Rahmenbedingungen schwieriger und die „KC“-Macher um 40 Jahre älter geworden sind, werden wir uns bemühen, nicht aufzugeben, sondern die Zeitschrift weiterzuführen. Dazu brauchen wir jedoch die Unterstützung unserer FreundInnen – vor allem bei der Gewinnung von zusätzlichen AbonnentInnen. Mehr denn je ist die Zukunft von „KC“ von unseren LeserInnen abhängig.

Zum „40-Jahr-Jubiläum“ danken wir für die Treue unserer LeserInnen und ersuchen gleichzeitig um weitere Solidarität.

Adalbert Krims

 

 

Jussuf Windischer

BESUCH BEI ROMA IN RUMÄNIEN

Eine große Chance: eingeladen bei Roma, die ansonsten tagaus tag­ein um ihr Überleben in Österreich kämpfen. Sie arbeiten hier als Zeitungsverkäufer, als Musiker, als Gelegenheitsarbeiter, einige betteln.

Eine große Chance, einmal ein bisschen hinter die Kulissen zu schauen, Familien zu besuchen, Hintergründe zu eruieren. Warum kommen immer mehr Roma in den Westen.

Die Gerüchte von gut finanzierten Romapalästen, Gerüchte, dass ein jeder, der wolle, Arbeit finden könnte, Gerüchte um organisierte Bettelei u. a. m. konnten nicht bestätigt werden.

Was uns aber auf Schritt und Tritt verfolgte, offen ausgesprochen oder auch nur insgeheim gedacht, war die Verachtung der Mehrheitsgesellschaft, manchmal auch der Hass, der gegen Roma aufgebracht wird. Egal, ob sie bitter arm sind, egal ob sie ein bescheidenes Leben führen, egal ob sie arbeiten, betteln, ihre Sachen feil bieten, egal, ob sie in einem Slum wohnen oder auch in einem der wenigen, für uns kitschig anmutenden Paläste wohnen, ob gut gekleidet oder schlecht gekleidet, Verachtung, Hass, Antiziganismus schlägt ihnen entgegen. Auch als Besucher bekommt man das mit, auf Schritt und Tritt.

Wir, eine kleine Reisegruppe, Anna und Georg (Journalisten), Vroni und ich, alle aktiv im Waldhüttl, einer Herberge für Roma, Pilger und andere. Wir alle kannten und kennen die Roma aus Rumänien schon lange. Uns verbindet Freundschaft und Vertrauen, wir kennen deren Lebensschicksale in Österreich, die Winter, die sie in Zelten am Stadtrand oder unter Brücken verbrachten, die Wochen, die sie eng aneinander gedrängt in den Autos verbrachten. Wir kennen auch deren Vertreibungen von legalen Parkplätzen. Auch wenn sie vor den Einheimischen da waren, sie wurden vertrieben, weil diese Plätze für die „Unsrigen“ sind, eben nicht für Ausländer. Wir kennen auch die Nächte, die sie auf dem Boden der Kapelle des Caritas Integrationshauses verbrachten. Seit ca. 3 Jahren haben diese rumänischen Romafamilien ca. 9 Herbergsplätze im Waldhüttl. Alle 6, 7 Monate fahren sie wieder heim, fahren sie in ihre Heimat, um ihre Familien wieder zu treffen, und ihnen auch ein bisschen Geld zu bringen. Die Roma erwarteten unseren Besuch.

Es waren lange 2000 km, endlich in der Nähe von Bukarest, endlich in der Gemeinde Pitesti und Titesti. Wir hatten vage Angaben, versuchten wiederholt und erfolglos die Mobilnummern, die uns zur Verfügung standen. Niemand meldete sich, niemand hob ab. Erst danach kapierten wir, dass in manchen Siedlungsräumen, vornehmlich in den hintersten Tälern kein Handyempfang mehr ist. Am Rande der Täler gibt es eben keinen Empfang mehr. Nach längerem hin und her fragten wir in der Abenddämmerung eine Romafamilie im Gebiet von Valea Manastiri nach dem Mann, den dort alle kennen: Vasile Alu Banu. Der Gefragte fragte wohl sehr misstrauisch, warum wir zu ihm wollten. Als ich die Namen seiner Familienangehörigen aufzählen konnte, überzog das finstere Gesicht des Mannes eine gewisse Vertrautheit und er bat uns, ihm zu folgen bis zu einer Kreuzung. Vor einem Geschäft mit Bar standen ein paar Dutzend Romamänner. Unter ihnen auch ein Freund, ein Rom aus Innsbruck. Welch Glück.

Wir besuchten gemeinsam die erste Familie. Sie erwarteten uns. Neben einem eingestürzten Lehmhaus, stand ein bescheidener Bau aus Ytong, ungefähr 5 m x 10 m, Ytong sei billiger als Ziegel. Normal bestehen die kleinen Häuschen aus 2 Räumen: Küche und Schlafzimmer. Ein Ofen dient zum Kochen und auch zur Erwärmung in den kalten Wintermonaten. Alles war aufgeräumt, vieles war neu gestrichen, ein paar Teppiche hingen an der Wand. Wir nahmen auf den Betten Platz, erzählten von unserer Reise. Vasile und seine Frau erzählten von der Familie, nannten uns die vielen Namen der vielen Angehörigen und machten uns Kaffee. Eine arme Familie in einer Romasiedlung in einem Tal. Bei der nächsten Familie kamen wir in eine größeres Haus, in einer sog. gemischten Siedlung: dort wohnen Rumänen und auch ein paar Romafamilien.

Diese Unterscheidung in Roma und Rumänen fiel noch sehr oft. Ein Zitat kam mir wieder in Erinnerung „In Rumänien hat der letzte, vom Westen als verlässlicher Partner wohl angesehene Staatspräsident Traian Basescu verlangt, das Wort 'Zigeuner' wieder als offizielle Bezeichnung der Volksgruppe einzuführen, weil 'Roma' und 'Romana' (Rumänisch) zu ähnlich klingen, weswegen die anständigen Rumä­nen Gefahr liefen, außerhalb ihres Landes mit den dreckigen Roma identifiziert zu werden.“ (Karl Mar­kus Gauß in Thurner Erika, Elisa­beth Hussl u. a. „Roma und Travellers. Identitäten im Wandel“ Innsbruck 2015 S,10)). Der Nachbar Zsolt Bayer. Ideologe der Regierungspartei Fidesz konnte die Roma ungestraft als „Tiere“ bezeichnen „unwürdig mit Menschen zu leben“ (vgl ebd. S 9)

Zurück zum größeren Haus: die ganze Familie war versammelt, um uns zu begrüßen. Die Männer und Kinder im Freien, die Frauen in der Küche. Das kleine Anwesen hatte einen Garten mit Gemüse und Mais und Gefieder. Das Haus hatte noch eine Besonderheit: es hatte verschiedenste Eingänge von außen: Räume für verschiedene jüngere Familien, auch für die Familien, die im Ausland ihren Unterhalt verdienen und auch etwas für die Großfamilie beitragen. In dieser Familie sprachen die Leute rumänisch, italienisch, deutsch und französisch.

Ghiorghe, das Familienoberhaupt, und seine Frau empfingen uns herzlich, tischten auf, wiesen uns einen wunderschönen Raum zu, lasen uns die Wünsche von den Augen ab. Ein paar Tage später schlachteten sie sogar ein Schaf, kochten das Fleisch im Kessel auf. Gemeinsam, um einen großen Tisch aßen wir, familiär und ohne Besteck. Wir formten mit der Polenta kleine Löffel und nahmen damit Fleisch und Sauce. Ghiorghe und die Angehörigen erzählten uns nun viel von ihrem Leben, von den Lebensgewohnheiten, von den Freuden des Lebens, aber auch von den Sorgen. Obwohl die Familie sonst keinen Alkohol trinkt (davon später), brachten sie uns Bier, weil sie wüssten, dass wir das so gerne hätten.

Am wichtigsten sei ihnen die Familie, wichtig, dass sie im Sommer zusammenkämen. Die meisten Familien sind wohl patriarchalisch organisiert. Die Aufgaben sind wohl klar getrennt, es ist auch klar, wer wo das Sagen hat. Kinder stehen den Eltern zu Diensten. Der Umgang mit den Eltern ist sehr respektvoll. An den kleinen Kindern scheinen sich alle zu freuen, sie tollen im Hof herum, spielen und lärmen, zwischendurch werden die Kinder geschimpft oder liebkost. Im­mer wieder bekunden die Erwachsenen den Kindern gegenüber Zärtlichkeiten und kleine Schmusereien. Ansonsten herrscht buntes Treiben, die Männer arbeiten irgendwo, die Frauen besorgen den Haushalt.

Ein Rundgang in Manastiri eröffnet uns neue Perspektiven. Wir besuchten das Kloster, eine wunderschöne Kirche aus dem 16. Jh., reichhaltig ausgestattet mit Ikonen. Ein verheirateter Priester und ein Bruder leben dort. Es sei aber die orthodoxe Kirche der Rumänen, nicht die der Roma. Die Kirche der Roma, wir sahen sie von außen: ein bescheidener großer Versammlungssaal befindet sich in ca. 1 km Entfernung. In der Nähe ist auch der Friedhof der Roma: arm und z. T. verfallen, ganz am Ende des Tales. Der orthodoxe Friedhof, der für die Rumänen, liegt in der Nähe der Kirche, die Gräber z. T. gepflegt, fast ein bisschen wohlhabend. Rückfragen ergaben, dass die Roma fast alle in die evangelikale Freikirche gehen. Sie interpretieren die Bibel z. T. sehr wörtlich, vertrauen auf die Gebete in pfingstlerischer Art. Es wird geklagt, auch geweint, einige kommen auch in Trance. All das Elend wird Gott geklagt, Bitten werden eindringlich gebetet. Die Religion verlangt von ihren Anhängern auch ein moralisch streng geordnetes Verhalten: kein Alkohol, keine weltliche Musik, kein Tanz, viel Gebet. Gelehrt wird die Liebe Gottes, gelehrt wird der Respekt vor allen Menschen. Auch wenn den Roma viele Böses antun, hassen darf man nicht. Auch wenn einige Roma stehlen, ein wildes Leben führen: das Beispiel von Jesus soll sie ermutigen, ein ordentliches Leben zu führen. Immer wieder wird vom liebenden Jesus geredet. Bilder von Jesus, Gott, Kreuze, Ikonen... das wird man in den Wohnungen der strengen Evangelikalen kaum finden. Von den orthodoxen, katholischen, reformierten Christen wurde anerkennend gesprochen, vielleicht auch, weil ich katholisch bin.

In Hinblick auf die Vergangenheit, wird im Allgemeinen bei Roma von der kommunistischen Ära auch positiv gesprochen. Unter Diktator Nicolae Ceaușescu hätten noch alle Arbeit gehabt, man konnte auch die Kinder in die Schule schicken. Es sei besser gewesen. Die älteren Leute erinnern sich aber auch daran, dass alles rationiert war, dass man aber nicht Hunger leiden musste. Bei der Besichtigung des Palastes des Diktators Ceaușescu begleitete uns ein Rom, Aron. Es war sein erster Bukarest Besuch. Bei der Besichtigung schüttelte er nur den Kopf.

Ca. 20 Millionen Menschen zählt die Gesamtbevölkerung Rumäniens. Davon sind ca. 700.000 Roma. Verschiedene Romagruppen gehen z. T. verschiedenen Gewerben nach. Die Lovari waren oder sind Pferdehändler, die Calderase Kesselflicker, die Lautari Musiker, die Ciuari Siebmacher, die Lingurani Löffelmacher. Dann gäbe es noch die Rudari, die Chorachai u. a. m. Unsere Freunde meinten, dass die Gruppen alle sehr verschieden wären, dass auch die Bräuche und die Sprache verschieden wären. Was die meisten eint: sie leben am Rand der Gesellschaft, haben eine niedrige Lebenserwartung und werden meistens diskriminiert.

Der Besuch half ein bisschen die Hintergründe zu verstehen. Titesti ist weit weg. Es braucht wohl viel Not und Verzweiflung, um die Familie, um die Heimat zu verlassen. Der Überlebenskampf scheint die Motivation zu sein.

Eine politische Nachbemerkung: wenn die Roma nicht ausgegrenzt wären, wenn sie Chancen am rumänischen Arbeitsmarkt hätten, wenn Bildungs-, Sozial- und Gesundheitssysteme auch die Roma mit einschließen würde – es gäbe weniger ArmutsmigrantInnen. Dem ist aber nicht so.

Problemlösungen für Armutsmigranten liegen nicht in nationalen Abschottungen, noch weniger in Abschiebungen, Vertreibungen und Verbotskatalogen. Erschreckend sind die Zunahme von Übergriffen auf Romasiedlungen und Roma auf der Straße: in deren Heimatländern und zunehmend auch in Österreich. Auch deren Wohn-, Bildungs-, Gesundheitssituationen in Österreich sind prekär. Deren Chancen am Arbeitsmarkt sind minimal.

Problemlösungen bedürfen einer Kreativität: die Roma, die hier leben, suchen und kämpfen um das Überleben. Es wäre eine Hilfe, wenn sie auf den Märkten Produkte feilbieten könnten, wenn sie Musik machen dürften, wenn sie in der Recyclingindustrie wenigstens einen kleinen Platz bekämen. Und wenn der Platz am Rande der Gesellschaft ist, besser als ausgeschlossen zu werden, besser als an den Müllhaufen der Gesellschaft verwiesen zu werden.

Der Besuch half ein bisschen, die Roma ein bisschen mehr zu verstehen: es sind unsere Mitmenschen.

Dr. Jussuf Windischer, geb. 1947, ist katholischer Theologe. Zuletzt war er von 2011 bis Ende Juli 2016 Gene­ral­se­kretär von Pax Christi Österreich. Seit 2012 ist er Initiator und Obmann der „Vin­zenzgemeinschaft Wald­hüttl“. In dem Projekt am Rande von Innsbruck finden Dutzende von Heimatlosen, Ar­men, Romas, Asylwer­ber u. a. ein biss­chen Heimat. Näheres zum „Waldhüttl“ unter: http://www.waldhuettl.at

 

BUCHTIPP:

Baldwin Sjollema: Dem Rassismus widerstehen. Persönliche Erinnerungen an das ökumenische Engagement gegen Apartheid und Rassismus.

Mit einem Vorwort von Margot Käßmann und einem Nachwort von Doris Peschke. Missionshilfe Verlag, Hamburg 2015, 256 Seiten; € 16,80.

In der Geschichte des Ökumenischen Rates der Kirchen stellt das in der Vollversammlung von Uppsala 1968 beschlossene „Programm zur Bekämpfung des Rassismus“ einen Höhepunkt, aber gleichzeitig auch einen Scheideweg dar. Durch dieses Programm wurden die Mitgliedskirchen aufgefordert, den verschiedenen Zwei­gen der Befreiungsbewegung gegen das Apartheidregime im südlichen Afrika humanitäre und soziale Hilfe zu leisten. Das Programm löste nicht nur unter den Kirchen, sondern auch in der säkularen Welt heftige kontroversielle Diskussionen aus.

Baldwin Sjollema, holländischer Soziologe und von 1970 bis 1981 erster Direktor dieses Pro­gramms, berichtet darüber ausführlich in seinem Buch – sowohl als Insider als auch als Gestalter. Aus seinen Schilderungen geht klar hervor, dass der Ökumenische Rat durch das Antirassismusprogramm direkt das Feld der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen betreten hat. Und dieser Schritt verstand sich expressis verbis als gelebte Nachfolge Jesu in Solidarität mit den gedemütigten und rechtlosen Menschen im südlichen Afrika. Er erntete sowohl glühenden Zuspruch als auch heftige Ablehnung. Für viele Kirchen war es einleuchtend, dass die Konsequenz biblischer Gerechtigkeit auch bedeutete, dass sie sich mit den Unterdrückten und Machtlosen solidarisierten, selbst dann, wenn diese um ihre Befreiung ringen und gegenüber ihren Unterdrückern Widerstand leisten.

Aber viele Kirchen akzeptierten diese Konsequenz aus der gelebten Nachfolge Christi nicht. Besonders viele deutsche Landeskirchen distanzierten sich von dem Programm, wobei wahrscheinlich die lutherische Zwei-Reiche-Lehre auch eine Rolle spielte. Die Evangelische Kirche H. B. in Österreich bildete inmitten des Chors der Ablehnung eine Ausnahme, denn sie unterstützte das Programm, ungeachtet des Drucks seitens des Bischofs der lutherischen Schwesterkirche. Wir erfahren aus dem Buch von Sjollema, dass die eigentliche Ablehnung sich auf zwei Punkte konzentrierte. Zum einen argumentierten die Gegner, dass jegliche Gewalt Jesu Gewaltlosigkeit widerspreche. Und zum anderen wurde zur Zeit des Kalten Krieges darauf verwiesen, dass die Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika nur eine Vorhut des Kommunismus und der sowjetischen Eroberungspolitik seien.

Der Autor des Buches hat an mehreren Stellen dargelegt, dass der Ökumenische Rat immer wieder betonte, dass die Solidarität mit den Befreiungsbewegungen sich ausschließlich als rein humanitäre und soziale Hilfe ausdrücke und keinesfalls als Subventionierung von Waffenkäufen. Aus dem Buch von Sjollema erfahren wir, dass das Antirassismusprogramm eine lange Vorgeschichte hatte und nicht spontan bei der Vollversammlung in Uppsala entstanden ist. Starke Impulse kamen von dem Kampf Martin Luther Kings gegen die Segregation in den Südstaaten der USA. Dann war es der Druck der afrikanischen Kirchen, deren Gewicht in der Ökumene stark zugenommen hatte und die auch viel dazu beigetragen haben, dass die starke Weiß- und Westlastigkeit in der Ökumene überwunden wurde. Nicht zu übersehen und zu überhören waren die vielen Stellungnahmen der südafrikanischen schwarzen Kirchen selbst, die heftig protestierten gegen die brutale und gewalttätige Unterdrückung durch die verschiedenen Organe des weißen Apartheidregimes. Gerade diese blutige Gewalt hatte zur Sensibilisierung von Christen und vielen Kirchen geführt. Des weiteren hat wohl das Auftreten des afroamerikanischen Schriftstellers James Baldwin bei der Vollversammlung in Uppsala 1968 den letzten Anstoß zum Beschluss des Programms gegeben. Dazu hat zweifellos die 68er Bewegung in Europa den atmosphärischen Hintergrund gebildet.

Theologisch wurde zum Teil auf die lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen, aber ganz besonders auf den deutschen evangelischen Theologen und Märtyrer des NS-Zeit, Dietrich Bonhoeffer, verwiesen, der einmal gesagte hatte, dass es für den Christen nicht genüge, die Wunden der Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern man müsse dem Rad in die Speichen fallen.

Das Antirassismusprogramm hat über diese direkte humanitäre und soziale Zuwendung hinaus auch andere weltweite Aktionen angeregt, wie z. B. die Boykott-Bewegung gegen südafrikanische Früchte und Weine. Viele Banken konnten dazu bewegt werden, ihre Geschäftsverbindungen mit den südafrikanischen Geldinstituten zu kündigen.

Der Autor beendet sein Buch nicht mit dem Erlangen der Freiheit Südafrikas, sondern er beschreibt auch eingehend die Tätigkeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission nach dem Ende des Apartheidregimes. Diese Kommission wurde mit­initiiert und maßgeblich getragen von Erzbischof Desmond Tutu.

Im Ökumenischen Rat der Kirchen wandte das Antirassismusprogramm nach dem Ende des südafrikanischen Apartheidsystems seine Aufmerksamkeit auf die asiatischen Befreiungsbewegungen.

Sjollemas Buch ist keineswegs eine trockene Abhandlung, sondern es atmet die Symbiose zwischen persönlicher Betroffenheit und objektiv sachlicher und faktenkundiger Zeitgeschichte. Es sind wahrlich „Persönliche Erinnerungen an das ökumenische Engagement gegen Apartheid und Rassismus“ – wie es im Untertitel des Buches heißt. Der Autor ist diesem Untertitel durchgehend treu geblieben. Das macht das Buch sehr lesenswert und bereichernd und verleiht ihm die Eigenschaft einer historischen Quelle mit der zukunftsweisenden und gegenwartsbezogenen Erkenntnis, dass es Christenpflicht ist, jeglichem Rassismus zu widerstehen.

 

Balázs Németh