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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 494/495        Jänner/Februar 2026                                         

 

 

CHRISTEN SOLLTEN DEM US-IMPERIALIS-MUS WIDERSPRECHEN

Von Pfarrerin Lori Allen Walke

Wir wussten, dass 2026 kein einfaches Jahr werden würde. Wir wussten, dass wir mit einer Verschärfung der wirtschaftlichen Belastungen, weiteren Angriffen auf Wissen-schaft und Medizin, einer steigenden Zahl von Amerikanern, die sich keine grundle-gende Gesundheitsversorgung leisten können, und einer Politik rechnen mussten, die wie eine Brechstange eingesetzt wird, um die Kluft zwischen Arm und Reich zu ver-größern, ganz zu schweigen von den Zwischenwahlen, die die Eskapaden extremistis-cher Randgruppen noch verstärken würden.

Doch dann erfuhren wir am ersten Samstag des Jahres, dass die Vereinigten Staaten ein weiteres souveränes Land angegriffen hatten. Sofort war klar, dass das Jahr noch schwieriger werden würde als befürchtet. Für diejenigen, die am ersten Sonntag des neuen Jahres auf der Kanzel stehen sollten, bedeutete dies, mindestens einen Teil des Gottesdienstes umzugestalten.

Schließlich wäre es ein Pflichtversäumnis der Geistlichen, nichts zu sagen (sei es in einem Gebet, einer Predigt oder einem anderen Moment in der Versammlung), wenn unser Land gerade einen Überfall auf das Kapitol von Venezuela durchgeführt hat, um dessen Präsidenten Nicolás Maduro zu verhaften und die Kontrolle über dessen natür-liche Ressourcen zu erlangen. Es wäre zutiefst unverantwortlich, dies nicht zu erwäh-nen, sich zu weigern, darüber nachzudenken, wie die Werte des Evangeliums unsere Reaktion beeinflussen, und so zu tun, als wären wir von der Gewalt, die in unserem Na-men ausgeübt wird, nicht betroffen. Jesus hatte viel zu sagen über Wirtschaft, darüber, was man nicht begehren sollte, und auch über gewaltfreie Strategien für einen Regime-wechsel..

Maduro war zweifellos ein schrecklicher und korrupter Diktator, und viele sind froh, dass er gestürzt wurde. Da aber mehrere Dinge gleichzeitig wahr sein können, muss man auch sagen, dass die Entscheidung der Trump-Regierung, in Venezuela einzumarschie-ren, ebenfalls schrecklich und korrupt war. Schließlich ist gesetzlose und unkontrollierte staatliche Gewalt falsch, egal ob der Täter Maduro oder Trump ist. Solche Gewalt je nach Opfer als akzeptabel oder inakzeptabel zu bewerten, ist Autoritarismus. Es bedeu-tet, ungezügelte staatliche Aggression aufgrund von Personen zu billigen.

Sicherlich sollte die Ablehnung militärischer Aktionen der USA nicht auf persönlichen Animositäten beruhen. Die Invasion eines anderen Landes zur Aneignung seiner Res-sourcen (ein von der Trump-Regierung wiederholt betonter Grund) und die unaufhörli-che imperialistische Rhetorik sind alarmierend und verwerflich, nicht weil sie von einem Präsidenten stammen, der durchweg alarmierend und verwerflich ist, sondern weil die Invasion eines anderen Landes zur Aneignung seiner Ressourcen und die unaufhörliche imperialistische Rhetorik (immer und ewig) alarmierend und verwerflich sind.

Die Geschichte zeigt, dass der Imperialismus seit jeher ein fester Bestandteil beider Par-teien ist und dass die Regierungen beider Parteien gerne die Rechtsstaatlichkeit miss-achten, wenn es ihnen passt. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Obama-Regierung argumentierte, das Kriegsbefugnisgesetz gelte nicht für ihren sich verschärfenden Luft-krieg in Libyen im Jahr 2011, da „die Beteiligung der USA keine vollumfänglichen Kriegshandlungen darstellte“. Dieselben Argumente werden immer dann vorgebracht, wenn wir uns nicht an den Grundsatz „Behandle deine Nachbarn so, wie du selbst behandelt werden möchtest“ halten wollen.

Während sich unsere Nation und die Welt in Echtzeit verändern, muss die Kirche aus Glaubensgründen ihre Stimme für Gerechtigkeit und Frieden erheben. Angesichts der sich wandelnden Ereignisse, der zunehmenden Präsenz weiterer Länder auf Trumps Wunschliste für Kolonien und der Missachtung allen Rechts und aller Ehrenhaftigkeit durch seine Berater müssen sich Christen – ob auf der Kanzel oder in der Kirche – aktiv an der Debatte beteiligen und dabei stets dem Guten und Gerechten verpflichtet sein, anstatt parteiische Propaganda unreflektiert zu wiederholen.

Lori Allen Walke ist leitende Pfarrerin der Mayflower Congregational United Church of Christ.

Quellle: The Oklahoman, Oklahoma City, www..oklahoman.com, 13. 1. 26

 

ROMERO-PREIS FÜR LUIS ZAMBRANO

In einem feierlichen Festakt wurde in Graz am 14. November der Romero-Menschrechtspreis an den peruanischen Priester und Menschenrechtsaktivisten Luis Zambrano verliehen. Die Aus-zeichnung der Katholischen Männerbewegung gilt als wichtigste österreichische Ehrung für Engagement in den Bereichen Entwicklung und Menschenrechte in Afrika und Lateinamerika. Zambranos jahrzehntelanger Einsatz für die Ärmsten im Hochland von Peru wurde im Campus Augustinum in Graz unter Beisein von Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl gewürdigt.

Ich nehme diese Anerkennung nicht für mich allein entgegen, sondern im Na­men all jener, die in Peru Hunger und Durst nach Gerechtigkeit leiden“, betonte Zambrano in seiner Dankesrede. Auch nach der Preisverleihung bleibt er kämpferisch: „Werden wir den Mut aufbringen, ein System infrage zu stellen, das nicht nur arbeitende Menschen ausbeutet, sondern auch alte Men-schen als überflüssig ansieht?

Als Priester wünscht sich Zambrano eine Kirche, „die aus den Ärmsten hervorgeht und für alle da ist, die Bürokratie und Klerikalismus, übertriebene Diplomatie und Halbherzigkeit über-windet“. Er ermutigte Gläubige in Peru und Österreich, die prophetische Kraft des Evangeliums mutig zu verkünden.

Luis Zambrano, geboren 1946 in Peru, wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Nach Studien in Lima, Innsbruck und Tübingen blieb sein Herz bei den Menschen seiner Heimat. Seit seinem Aufenthalt in Innsbruck ist Luis mit der AKC in Verbindung. 1982 kehrte er als pastoraler Mitarbeiter an den Titicaca-See zurück und begann seinen lebenslangen Einsatz für gesellschaft-liche Randgruppen. In den 1980er-Jahren geriet er zwischen die Fronten von Armee und Terror-gruppen, klagte Übergriffe und Unterdrückung an und setzte sich gegen die allgegenwärtige Ar-mut ein: „Ich will nicht nur über Gerechtigkeit sprechen. Ich will, dass Menschen sich gesehen fühlen.“

Mit Unterstützung der entwicklungspolitischen Organisation SEI SO FREI betreibt er in Puno eine Herberge für Obdachlose und Arme und gründete die Menschenrechtsorganisation FEDERH („Fe y derechos humanos“ – Glauben und Menschenrechte). Sein Einsatz brachte ihn immer wieder in Gefahr – zuletzt im Januar 2023, als er staatliche Gewalt gegen friedliche Pro-teste von Indigenen und Kleinbauern öffentlich machte.

Wir drucken auf den folgenden Seite die Rede von Luis Zambrano bei der Ro­me­ro-Preisverleihung in Graz ab:

Liebe Brüder und Schwester: Ich begrüße Euch von ganzem Herzen. Ich komme aus Juliaca in Perú, einer Stadt, die schwere Zeiten erlebt, aber deren Men­schen die Hoff-nung nicht verloren haben. Oscar Romero war mein Freund, mein Bruder, mein Vater und mein Wegweiser. Meine Verbindung zu ihm begann im Juni 1977. Ich kannte ihn nicht persönlich, aber durch seine tiefgreifende Bekehrung zum „Gott der Armen und für die Armen Gottes“ spürte ich seine aufrichtige Liebe zu den Armen.  

In einem Interview bestätigte er diese Wende mit den Worten: „Ja, ich habe mich geän-dert. Früher habe ich nicht so gedacht.“ Diese Worte eines Bischofs, der den Mut hatte, sich selbst zu hinterfragen und zu verändern, rührten mich tief. Ich hatte nie zuvor von einem Bischof gehört, dass er sich zum Guten verändert hatte. Ich schätze „sündige Hei-lige“ wie Romero und Bartolomé de las Casas im 16. Jahr­hundert. Menschen, die ihre Schwäche in Stärke verwandeln. Von diesem Moment an verfolgte ich die Schritte die-ses guten Hirten Romero mit wachem Herzen.

Ich war damals in Innsbruck, im Canisianum. Ich hatte Peru verlassen müssen, weil mei-ne Haltung im Priesterseminar von Lima als verdächtig galt. Manche Erzieher sahen es als gefährlich an, eine eigene Meinung zu haben oder die Kirche zu kritisieren. Diese Haltung brachte mir Sanktionen ein. Schließlich entschieden sie, dass ich niemals Prie-ster sein darf. Ich wurde von der Theologischen Fakultät in Lima ausgeschlossen. Sie verstanden nicht, dass meine Kritik aus Liebe zur Kirche – wie zur eigenen Mutter –  war. Ich wollte die Kirche nicht zerstören, sondern erneuern. Als letzte Maßnahme ver-teidigte ich meine Menschenrechte mit einem Hungerstreik, bis Kardinal Juan Landá-zuri eingriff und ich dank seiner Hilfe mein Theologiestudium beenden konnte.

Romero erlebte, wie erwähnt, 1977 eine tiefgreifende Wende. Einst konservativ, ja sogar dem Opus Dei verbunden, war er von den Reichen El Salvadors als Erzbischof durch-gesetzt worden – zum Leidwesen vieler Gläubiger. Er war ein guter Mensch, doch zu-nächst fehlte ihm das Bewusstsein für die soziale und politische Dimension des Evan-geliums.

Das änderte sich, als am 12. März 1977 sein Freund Rutilio Grande – gemeinsam mit seinem Messdiener und seinem Sakristan – von einem Militärkommando ermordet wur-de. Rutilio hatte sich für die Rechte der Bauern eingesetzt und war Romeros Beichtva-ter.

Erschüttert von dieser Grausam­keit und berührt von der Gnade Gottes, traf Romero eine Entscheidung, die sein Leben und das Schicksal eines ganzen Volkes verändern sollte. Vor dem Leichnam Rutilios versprach er: „Wenn sie dir das Leben genommen haben, weil du solche Dinge gesagt hast, werde ich sie von heute an weiter sagen.“

Von diesem Tag an wurde Óscar Romero zur Stimme der Stimmlosen. Er stellte sich schützend vor die Armen, die Verfolgten, die Vergessenen. In einer Zeit, in der Angst und Gewalt herrschten, war seine Stimme aus der Kathedrale San Salvador überall zu hören. Sonntag für Sonntag las er die Namen der Ermordeten vor – es waren Hunderte, deren einziges „Verbrechen“ der Wunsch nach Gerechtigkeit war. Seine Worte erschüt-terten die Mächtigen und weckten die Gewissen der Welt auf.

Er wusste, dass dieser Weg zum Kreuz führte. „Wenn sie mich töten“, sagte er, „werde ich in meinem Volk auferstehen.“ Und so geschah es. Oscar Romero wurde am 24. März 1980 von einem Killer erschossen, als er die Messe feierte. Wie Jesus, bezahlte er mit dem Le­ben – und gerade dadurch lebt er weiter: in den Träumen und im Kampf derer, die an die Würde je­des Menschen glauben.

Seine Seligsprechung am 15. Mai 2015 war für mich ein tief bewegendes Ereignis. Ich hatte nur den brennenden Wunsch, dabei zu sein. Plötzlich öffneten sich alle Türen und ich konnte teilnehmen. Als mich einige fragten, wer mich eingeladen habe, antwortete ich: „Mich hat Óscar Romero eingeladen.“

Heute führt uns dieser Geist Romeros hier in der Diözese Graz zusammen – in einem Band der Solidarität, das Grenzen und Kontinente überwindet.

Es ist die Solidarität der Katholischen Männerbewegung und von „Sei so frei“, die ihren Blick auf Menschen und Organisationen wie „Glauben und Menschenrechte“ (FEDERH) richtet. Diese Organisation, entstanden aus der Peripherie Perus, kämpft im Altiplano von Puno für das, was für Romero heilig war: die Verteidigung und Verwirklichung der Menschenrechte.

Ich nehme diese Anerkennung nicht für mich allein entgegen. Ich nehme sie im Namen all jener entgegen, die in Peru Hunger und Durst nach Gerechtigkeit leiden – die ihr Leben riskieren, um das Evangelium mit Taten zu bezeugen. Ich nehme sie besonders im Namen der 50 ermordeten Peruaner und Peruanerinnen an, davon 18 in Juliaca: die meisten waren Jugendliche, die zwischen Dezember 2022 und März 2023 von der Re-gierung Boluartes getötet wurden – nur weil sie den Mut hatten, ihre Stimme zu erheben und auf der Straße demonstriert haben. Die Regierung und die Uniformierten behaup-teten, dass Demonstrierenden Terroristen waren. Aber das war nur ihre Ausrede, um sie zu töten. Diese Menschen waren keine Terroristen. Sie waren Bürgerinnen und Bürger, die ihre Rechte verteidigten.

Edwin Poiré, der Direktor von FEDERH, der uns heute begleitet, und ich waren Zeugen dieses Massakers. Wir waren Zeugen einer unvorstellbaren Tragödie, die sich vor unse-ren Augen abspielte. Wenige Stunden vor dem Massaker zelebrierte ein Franziskaner die Messe für jene Polizisten, die kurz darauf un­schuldige Menschen getötet haben. Die Religion wurde dazu missbraucht. Wir sahen, wie Hubschrauber über Leute flogen, wie sie mit Schrotkugeln und Tränengas die wehrlosen Menschen attackierten. Dem jungen Arzt Marco Samillán, der sich wie ein barmherziger Samariter um die Verwundeten kümmerte, wurde in den Rücken geschossen und dadurch getötet. Aber wir erlebten auch das Gegenteil von Gewalt: die sofortige Hilfe von Ärzten und Pflegekräften für Hunderte von Verletzten, die Solidarität zahlreicher Gruppen und Familien, die finan-zielle Unterstützung, aufmunternde Worte und über viele Tage hinweg reichlich zube-reitete Mahlzeiten für Angehörige und Freiwillige. Wir erlebten den mutigen Einsatz des jungen Polizisten John Torres  Yataco, der, angewidert von dem Vorgehen seiner Vorgesetzten, trotz Drohungen und rechtlicher Schritte den Dienst quittierte.

Heute, fast 3 Jahre nach dem Massaker, herrscht in unserem Land noch immer Straflo-sigkeit. Keiner der Täter wurde zur Rechenschaft gezogen, weil sie Polizisten sind. Wir erleben in Peru eine schwere politische Krise. Der Kongress hat die Macht und alle Staatsorgane an sich gerissen und kürzlich einen Abgeordneten, einen sexuellen Über-griff und Korruption vorgeworfen und ihn zum Präsidenten Perus ernannt. Peru wurde zuvor vom Terrorismus des Leuchtenden Pfads und der revolutionäre Bewegung Tupac Amaru, sowie von Staatsterrorismus heimgesucht. Heute wird das Land von kriminellen Banden angegriffen, die täglich Auftragsmorde verüben. Von Jänner bis Ende August dieses Jahres gab es 30.000 Morddrohungen, 1513 Menschen wurden ermordet, davon 67 Minderjährige und 56 Busfahrer wurden erschossen. Regierung und Polizei sind nicht in der Lage, diese Welle der Gewalt mit Intelligenz und Effizienz zu begegnen. In ihren eigenen Reihen herrscht Korruption. Hunderte Polizisten sind Mitglieder dieser Banden und im Kongress beschließen Abgeordnete Gesetze, die sowohl die Kriminellen als auch sie selbst schützen. Ihr Ziel ist es, Geld und Macht anzuhäufen, um bei den Wahlen 2026 erneut zu kandidieren und ihre Straffreiheit zu sichern.

Vor drei Jahren protestierten nur die Menschen im südlichen Hochland, allen voran in Puno. Jetzt protestiert auch Lima. Ihr verzweifelter Ruf ist: LASST UNS LEBEN! Wenn friedliche Märsche stattfinden, werden sie von Tausenden Polizisten kontrolliert und aufgelöst. Wir sind eine völlig schutzlose Bevölkerung und werden gleichzeitig vom Staat unterdrückt. In den letzten Monaten sind es vor allem die Jungen, die 15- bis 25-Jährigen, die die Bevölkerung dazu aufrufen, sich dieser Situation nicht zu ergeben, son-dern auf die Straße zu gehen und für das Leben zu demonstrieren. Sie werden Generation Z genannt und sind ein Hoffnungsschimmer. IN DIESEM AUGENBLICK PROTE-STIEREN TAUSENDE VON MENSCHEN AUS PERU SCHARF UND VEHEMENT GEGEN DEN CONGRESS AUF DEN STRASSEN VON LIMA.

Ich bin nicht hier, um mich zu beklagen. Ich möchte, dass die Menschen in Österreich, meiner Wahlheimat, und ihre Regierung aus erster Hand erfahren, was in Peru wirklich geschieht. Ich möchte, dass die Kirche in Graz und in ganz Österreich die schwierige Lage unserer peruanischen Bevölkerung erkennt. Ich möchte eine tiefgreifende Erfah-rung aus meinem Leben mit Euch teilen. Ich wurde an der Küste Perus, in Ica, geboren. Schon als Kind liebte ich das Hochland und seine Bewohner. Das größte Geschenk Got-tes in meinem Leben ist es, 43 Jahre lang unter den Quechua und Aymarabevölkerung gelebt zu haben. Meine Vorfahren sind teilweise Quechua, und ich betrachte mich als Mestize mit einer indigenen Seele. Ich lerne jeden Tag von der Weisheit der Quechua und Aymara. Sie, als Teil der indigenen Völker der Welt, leben drei Werte, die die Welt retten können: die Liebe zu Gott oder dem Geist, die Liebe zur Gemeinschaft und die Liebe zu Mutter Erde oder Pachamama. So leben sie den „Buen vivir“, gutes Leben, sumaq kawsay oder suma jakaña. Das Leben von Oscar Romero fiel mit dieser uralten Erfahrung und mit dem Leben und Wort Jesu zusammen, wie es im Evangelium dar-gestellt wird. Dieser heilige Bischof lehrt uns, dass die Hinwendung zu Gott notwendi-gerweise die Abkehr von der Geldgier beinhaltet und dass die Umkehr in jedem Alter möglich ist.

Dieser Gott ist nicht der Gott des Status quo oder des Traditionalismus. Er ist der Gott des Wandels auf allen Ebenen, insbesondere des sozialen Wandels. Diese Wandlung er-fordert die Option für die Armen, die Entscheidung, sich mit den Armen und Ausge-grenzten zu solidarisieren – Gottes eigene Entscheidung, wie sie in der Bibel offenbart ist. Dieser prophetische Dienst, der in der Taufe seinen Ursprung hat, ist eine persönliche und gemeinschaftliche Berufung, die notwendigerweise Verfolgung mit sich bringt, wie in Lateinamerika zu sehen ist mit Hunderten von Märtyrern, Frauen und Männer.

ICH FRAGE NOCH: Werden wir die Kraft und die Konsequenz aufbringen, uns nicht mit der Preisverleihung zufriedenzugeben – so wichtig sie im Bereich der Menschen-rechte auch ist –, sondern in Österreich, in Peru und überall auf der Welt den Mut finden, das todbringende System des globalen Kapitalismus in seiner gegenwärtigen neolibe-ralen Ausprägung entschieden infrage zu stellen? Ein System, das nicht nur die arbeiten-den Menschen ausbeutet, sondern auch die alten Menschen überflüssig und entbehrlich behandelt. (Aparecida 65). Werden wir als Gläubige den Mut aufbringen, die propheti-sche Kraft des Evangeliums in der Kirche Österreichs und Perus zu verkünden – damit sie Bürokratie und Klerikalismus, eine rein traditionsgebundene Pastoral, übertriebene Diplomatie, Halbherzigkeit, Ausgrenzung, Unterwürfigkeit gegenüber etablierten Mächten sowie die Kommerzialisierung von Sakramenten und Segnungen überwindet? Werden wir, indem wir die Zeichen der Zeit deuten, erreichen, dass der liturgische Dienst der Laien ernst genommen wird, die Stimmen von Kindern und Jugendlichen Gehör finden und der Rat von Erwachsenen, älteren Men­schen und Menschen mit Behinderungen wertgeschätzt wird? Sodass eine Kirche entstehen kann, die aus den Ärmsten hervorgeht und für alle da ist – eine Kirche, die evangelisiert und selbst durch alle Menschen evangelisiert ist, die synodal handelt, die im Großen wie im Kleinen Soli-darität übt; eine Kirche, die inklusiv ist, die die unverzichtbare Rolle der Frau stärkt, al-len Kulturen und Religionen offen begegnet, die einfach lebt und den Dialog sucht?

Ich danke euch allen – ob nahe oder fern – von Herzen für eure Anwesenheit und Mitwirkung. In diesem Stunden kommt mir ein Wort aus dem Lukasevangelium (17,10) in den Sinn: „Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.“

 

Alfred Kirchmayr

CHRISTLICHE BEFREIUNGSBOTSCHAFT STATT KLERIKALER HERRSCHAFT

40 Jahre „Religionsverlust durch religiöse Erzie-hung“ von Erwin Ringel und Alfred Kirchmayr

Nachdem Erwin Ringel, der österreichische „Neurosenkavalier“ 1984 die „Öster-reichische Seele“ auf die Couch gelegt hatte, schrieben wir gemeinsam den nächsten Bestseller: „Religionsverlust durch religiöse Erziehung“ (Herder, Wien 1985). Die erste Auflage von 7000 Stück war nach drei Wochen (!) vergriffen. Der Verlag Herder bekam die Verärgerung maßgebender Kirchenmänner zu spüren. Nachdem etwa 40.000 Stück verkauft waren, wurde das Buch vertragswidrig nicht mehr ausgeliefert. Es folgten meh-rere Auflagen, auch eine Taschenbuchversion von Herder, Freiburg. Insgesamt wurden etwa 50.000 Stück verkauft. Der Verlag „Der Apfel“ hat es 2004 neu aufgelegt. Leider ist es immer noch aktuell.

Im Jahr 1986 hat Erwin Ringel mit seinem Vortrag über unser Buch im Großen Musik-vereinssaal mehr als 1000 Menschen ansprechen können. Das wäre heute undenkbar! Nicht nur im Vatikan siegte die Reaktion! Der Aufbruch durch den Geist des Konzils und die Besinnung auf das Wesentliche der Botschaft Jesu wurde in „Klerikalien“ – so nenne ich etwas boshaft die real existierende katholische Kirche – sehr schnell verdrängt und vergessen.

Klerikalismus – infantile Angst vor Veränderung

Die Angst vor Veränderung und das unchristliche, klerikale Selbstmissverständnis der Kirche verhinderten die wahrhaft notwendigen Reformen. Die großen Chancen des christlichen Apostolates der Laien, die als getaufte und gefirmte Christen selbstver-ständlich Gemeindeleitungen übernehmen könnten und auch wollten, hat man nicht wahrgenommen.

Übrigens heißt im neutestamentlichen Kontext Laie (laos = das Volk) schlicht „zum Volk Gottes gehörig“ – und das ist schließlich auch der Papst und jeder Kleriker. Tausende studierten in den Siebziger- und Achtzigerjahren Theologie. Pius X. hat die Laien als „Feinde der Kleriker“ bezeichnet und selbst nach dem Konzil wurden die so genannten Pastoralassistenten beiderlei Geschlechts von den geweihten Herren möglichst unter-schieden. Die unchristliche Aufteilung, etwas boshaft formuliert, in Herren und Knech-te, in Kleriker und Laien wurde weiter leicht abgeschwächt festgeschrieben.

O Gott, was unsere Ruhe störet, gestatte nicht!

Der österreichische Pastoraltheologe Ferdinand Klostermann begleitete als Experte für das christliche Apostolat Kardinal Franz König am Zweiten Vatikanischen Konzil, gemeinsam mit Karl Rahner. Die Historikerin Erika Weinzierl bezeichnete Kloster-mann als bedeutendsten Theologen Österreichs im 20. Jahrhundert. Und dieser mutige Mann sagte 1970 in oberösterreichischer Direktheit in seinem Vortrag bei den Salzbur-ger Hochschulwochen vor etwa 1000 Teilnehmer*innen: „Wenn die katholische Kirche die häretischen Strukturen nicht radikal verändert, ist jedes Reden von Reform Scheiße!“ Und häretisch ist vor allem der Klerikalismus, der vatikanische Zentralismus sowie die Struktur gewordene Angst vor der besseren Hälfte der Menschheit! Der Text eines alten Kirchenlieds beschreibt immer noch das Klima im klerikalen Kirchenraum: „O Gott, was unsere Ruhe störet, gestatte nicht!“

Die Kirche ist krank …

Das hat Kardinal Franz König 1984 in einer Ansprache an junge Menschen gesagt: „Die Kirche ist krank. Sie kämpft ums Überleben.“ Er ging den möglichen Ursachen dieser Krankheit nach. Wir haben diese analysiert und „therapeutische“ Anregungen gegeben.

Das ist unsere zentrale These: „Die katholische Kirche befindet sich geschichtlich gesehen in einer ihrer größten Krisen … Sie kann ihre Möglichkeiten, zum Heil der Menschen zu wirken, immer weniger erfüllen. Obwohl gerade heute in vielen Menschen eine neue Sehnsucht nach Religiosität, eine neue Suche nach Sinn und Orientierung aufbricht und die Kirche diesbezüglich einen reichen Schatz in sich birgt, erscheint sie immer mehr Menschen als unzugänglich, unzulänglich, unglaubwürdig, ja, nicht selten als unmenschlich.“ (S. 7ff.)

Wir beschreiben die strukturellen und spirituellen Ursachen dieser Pervertierung der Kirche. Drei „Komplexe“ wirken pathogen: ein Autoritäts-, ein Männlichkeits- und ein Reinheitskomplex. Die herrschende kirchliche Auffassung von Autorität und Gehorsam verachtet die Entfaltung christlicher Mündigkeit. Die klerikale Sexual- und Ehe-Moral ist ebenso unnatürlich wie unchristlich. Und eine tiefsitzende patriarchalische Grund-einstellung führt zur faktischen Verachtung der Frauen. Aus alldem ergibt sich ein tief gestörtes Verhältnis zu den modernen Wissenschaften, zu den ­Menschenrechten und zur Demokratie.

Sie werden goldene Worte darin finden …

Das kaum eine Woche alte Buch wurde am 3. 12. 1985 in der TV-Sendung „Orientie-rung“ von Richard Barta, Mitarbeiter und Freund von Kardinal König und Gründer der „Kathpress“, vorgestellt: „Grüß Gott, liebe Zuschauer! Das ist kein Buch für Weih-nachten, das ist ein Buch fürs ganze Jahr … Dem Verlag Herder sei dafür gedankt, dass er es gewagt hat, die kirchlicherseits keineswegs unumstrittenen Ansichten des großen Psychotherapeuten in ein Buch zu fassen. Erwin Ringel hat dieses Buch gemeinsam mit Alfred Kirchmayr geschrieben … Wenn man weiß, dass Kirchmayr, Professor für Psychologie, von der Pastoraltheologie herkommt, weiß man auch die Bedeutung dieser Gemeinschaftsarbeit richtig zu schätzen ... Ich kann nur empfehlen, das Buch zu lesen. Sie werden goldene Worte darin finden. Und wenn Sie mit diesen Worten nicht durch-wegs übereinstimmen, werden Sie zu einer fruchtbaren Auseinanderset­zung mit Fragen angeregt, die lebensbestimmend für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen sind. Für die Notwendigkeit einer solchen Auseinandersetzung zitieren die Autoren einen un-verdächtigen Zeugen, Papst Gregor VII.: ‚Christus hat nicht gesagt: Ich bin die Ge-wohnheit, sondern: Ich bin die Wahrheit. Und eine Gewohnheit mag noch so alt und vertraut sein, sie muss der Wahrheit weichen‘.“

Christliche Mündigkeit und Konfliktfähigkeit

Das Buch löste neben viel Freude und Hoffnung auf Veränderung auch Angst und Hass aus. Ein Ordenspriester schrieb einen wütenden Brief an den Direktor des Verlages: „Dieses Buch … gehört nicht nur als eines der widerlichsten auf den Index, sondern rein menschlich gesehen in den Feuerpfuhl.“ In der „Furche“-Redaktion kam es zu heftigen Diskussionen mit der Konsequenz, dass einer eher negativen Rezension eine sehr positive folgte.

In fast hundert Rezensionen im gesamten deutschen Sprachraum wurde unser Buch be-grüßt und als wohlwollende und notwendige Kritik verstanden, jenseits von Idealisie-rung oder Entwertung. In Publik-Forum war dies zu lesen: „Mit diesem Buch ist den Autoren eine meisterhafte Anleitung zu befreiendem Handeln in Sachen christlicher Glaubensvermittlung gelungen. Eindringlich warnen die beiden gleichsam vor dem re-ligiösen Selbstmord …  Gewidmet ist dieses Buch allen, die an der Kirche leiden. Sie werden sich über diesen Beitrag zu einer europäischen Befreiungstheologie freuen.“

Doch die schauerliche Angst vor Veränderung und die infantile Angst vor kultureller Vielfalt wird auch in der katholischen Kirche auf lange Sicht überwunden werden. Mei-ne hobbymäßige Beschäftigung mit der Paläoontologie stärkt mein Prinzip Hoffnung: Bevor die Ammoniten ausgestorben sind, kamen Riesenammoniten. Und bevor die vati-kanisch-klerikale Herrschaft aussterben wird, bläht sie sich nochmals riesig auf.

Denn die befreiende Botschaft Jesu lässt sich nicht vernichten. Das letzte Konzil be-zeichnet die Aufgabe der Kirche in der Welt von heute als eine umfassende Solidari-tätserklärung mit allen Menschen, besonders mit den Armen und Bedrängten: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“

DDr. Alfred Kirchmayr, geb. 1942, Theologe, Psychoanalytiker, Humorexperte und Autor. Von 1968 – 1982 Mitarbeiter von Ferdinand Klostermann und 1975 – 1994 von Erwin Ringel.