Titelblatt

Leseproben

Inhaltsverzeichnis (seit 2003)

 

zurück zur Startseite

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aktuelle Informationen

Termine

Links

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

aus:

 

KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 376/377                                   März/April 2014

 

 

 

 

 

 

 

Aktueller Kommentar

EIN NEUER „KALTER KRIEG“?

Von Adalbert Krims

Ende 1989 begann die sog. „Wende“ in Osteuropa. Michail Gorbatschow, der mit den Schlagworten „Perestroika“ und „Glasnost“ ursprünglich eine tiefgreifende Reform der Sowjetunion, aber auch das Ende des „Kalten Kriegs“ und ein neues System der europäischen Sicherheitsarchitektur (Stichwort: „Gemeinsames Haus Europa“) herbeiführen wollte, stimmte im Februar 1990 erstmals der Wiedervereinigung Deutschlands zu. Nach einem mehrmonatigen Verhandlungsprozess („2 + 4 Gespräche“) unterzeichneten die USA, die Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich sowie die BRD und die DDR am 12. September 1990 den Einigungsvertrag, der den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 8. Oktober 1990 völkerrechtlich ermöglichte. Gorbatschow wurde damals im Westen mit Lob überschüttet und erhielt im Dezember 1990 auch den Friedensnobelpreis.

Vor allem die Zugehörigkeit Gesamtdeutschlands zur NATO war damals lange umstritten. Dass Gorbatschow schließlich zustimmte, lag nach seinen eigenen Angaben nicht zuletzt daran, dass ihm die westlichen Vertragspartner mündlich zusicherten, dass die NATO nicht nach Osten vorrücken werde. Dieser Verzicht auf die „Osterweiterung“ wurde allerdings im schriftlichen Vertrag nicht festgehalten. Nach der deutschen Vereinigung kam 1991 die Auflösung des Warschauer Vertrages sowie schließlich die Auflösung der Sowjetunion und die Gründung unabhängiger Staaten.

Die Erwartung Gorbatschows, dass mit der Auflösung des östlichen Militärblocks auch die NATO obsolet würde und so eine neue europäische Friedens- und Sicherheitsordnung ohne Militärblöcke entstehen könnte, wurde aber bald enttäuscht. Die NATO löste sich nicht nur nicht auf, sondern begann schon bald mit der „Osterweiterung“: 1999 traten Tschechien, Polen und Ungarn bei; 2004 Bulgarien, Rumänien, die Slowakei und Slowenien sowie mit Estland, Lettland und Litauen erstmals sogar ehemalige sowjetische Teilrepubliken; 2009 folgten schließlich noch Kroatien und Albanien. Russland hatte die Osterweiterung von Anfang an kritisiert, die Aufnahme ehemaliger Mitglieder des Warschauer Paktes und schließlich auch der baltischen Staaten aber zähneknirschend zur Kenntnis genommen. Als 2008 aber eine Diskussion über einen möglichen NATO-Beitritt von Georgien und der Ukraine aufkam, wurde das „Nein“ aus Moskau deutlicher. Während die USA und die neuen osteuropäischen NATO-Staaten dennoch eine NATO-Perspektive für die beiden Staaten eröffnen wollten, lehnten die westeuropäischen Mitglieder dies ab. Natürlich hat Russland auch den US-Raketenschild in Osteuropa im allgemeinen und die Aufstellung von Raketen in Polen im besonderen als Bedrohung aufgefasst und daher abgelehnt (die offizielle Begründung, sie richteten sich nicht gegen den Russland, sondern gegen den Iran, kann ja wohl kaum jemand ernst nehmen).

Dieser kurze historische Abriss ist wichtig als Hintergrund für die jüngste Zuspitzung der Lage in und um die Ukraine sowie zwischen den USA und der EU auf der einen und der Russischen Föderation auf der anderen Seite. Dazu kam natürlich ein interner Konflikt in der Ukraine, bei dem es nicht nur um das Assoziierungsabkommen mit der EU, sondern auch um soziale Probleme und Korruption ging. Was die EU-Assoziierung betrifft, hatte die Regierung Janukowitsch ursprünglich zugestimmt, dann aber wegen der negativen Auswirkungen auf das Verhältnis zu Russland sowie fehlender Finanzierungszusagen von Seiten der EU im letzten Moment die Unterschrift verweigert. Die EU hatte nämlich von der Ukraine ausdrücklich verlangt, sich „zwischen EU und Russland zu entscheiden“. Dreiergespräche zwischen Kiew, Brüssel und Moskau wurden hingegen von der EU-Kommission strikt abgelehnt. Damit hat die EU direkt zu einer Verschärfung der Situation im Land sowie zu einem Auseinanderdriften zwischen dem (pro-russischen) Süden und Osten sowie dem ukrainisch-nationalistischen Westen beigetragen.

Die Proteste auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz, dem Maidan, waren hauptsächlich von Menschen aus dem Westen des Landes getragen, wobei ein Teil der Demonstranten (unrealistische) Hoffnungen bezüglich EU-Annäherung hatte, ein Teil vor allem sozialen Protest zum Ausdruck bringen wollte und ein weiterer ukrainisch-nationalistisch und anti-russisch geprägt war. Die zunehmende Radikalisierung der mehrwöchigen Proteste, zu der sicher auch die Reaktion der staatlichen Sicherheitsorgane beigetragen hatte, führte zu einer Stärkung des Einflusses von teils bewaffneten Kräften der extremen Rechten (Swoboda-Partei sowie Rechter Block) auf die gesamte Maidan-Bewegung. Am 18. und 19. Februar kam es zu Schießereien mit Dutzenden Toten auf beiden Seiten, wobei bisher nicht eindeutig erklärt ist, wer dafür verantwortlich ist.

In dieser Situation flogen die Außenminister von Deutschland, Frankreich und Polen nach Kiew, um mit Regierung und Opposition über eine Lösung der Krise zu verhandeln. Dabei legten die EU-Außenminister einen Forderungskatalog vor und drohten der ukrainischen Regierung mit Sanktionen, wenn sie diesem nicht zustimmen würde. U. a. waren darin vorgezogene Präsidenten- und Parlamentswahlen, eine Verfassungsänderung zur Einschränkung der Macht des Präsidenten, die unverzügliche Einsetzung einer Übergangsregierung, der neben der bisherigen Regierungspartei alle Oppositionskräfte (inkl. der Rechtsextremen) angehören sollten, aber auch die Entwaffnung und Auflösung der paramilitärischen Kampfverbände enthalten. Am 20. Februar wurde ein entsprechendes Abkommen sowohl von Janukowitsch als auch von den drei Oppositionsführern unterzeichnet, die dafür aber auf dem Maidan viele Pfiffe ernteten. Nach der Abreise der drei EU-Außenminister stürmten Demonstranten bereits am nächsten Vormittag die öffentlichen Gebäude und besetzten u. a. die Präsidentschaftskanzlei, mehrere Regierungsgebäude und das Parlament. In dieser Situation trat das Parlament zusammen und setzte – unter offenem Bruch nicht nur des erst vor wenigen Stunden unterzeichneten Abkommens, sondern auch der geltenden ukrainischen Verfassung – den Staatspräsidenten ab und wählte  (ebenfalls entgegen dem Abkommen und der Verfassung) eine neue Regierung, die ausschließlich aus Vertretern der bisherigen Opposition bestand. Dadurch kamen auch Rechtsextremisten und offene Faschisten in Schlüsselfunktionen der Regierung und des Sicherheitsapparats.

Obwohl die Übergangsregierung verfassungswidrig zustande gekommen war und das Abkommen mit der EU gebrochen hatte (übrigens auch bezüglich der Auflösung der rechtsextremen Kampfverbände), wurde sie von der EU sofort als legitim anerkannt und ihr politische und finanzielle Unterstützung zugesagt, ohne daran auch nur Bedingungen zu knüpfen. Lediglich als im Eiltempo ein Gesetz zum Verbot des Russischen als Amtssprache im Osten und Süden der Ukraine beschlossen wurde, intervenierten EU-Kommissionspräsident Barroso und die deutsche Bundeskanzlerin Merkel beim Übergangspräsidenten Turtschinow, der das bereits beschlossene Gesetz nicht in Kraft setzte. Die politische Wirkung war jedoch bereits irreversibel: sowohl die russisch-sprachige Minderheit in der Ukraine als auch die Regierung in Moskau werteten das Sprachengesetz – neben der Einbeziehung rechtsextremer, anti-russischer Kräfte in die Übergangsregierung – als Beweis dafür, dass die neuen Machthaber nicht nur illegitim, sondern auch eine Bedrohung für die nationalen Minderheiten seien.

Vor allem auf der Halbinsel Krim, die jahrhundertelang zu Russland gehört hat, eine klare russische Mehrheit besitzt und überhaupt nur durch einen historischen Zufall zur Ukraine gekommen ist, kam es zu Protesten gegen die „Maidan-Regierung“, die man undifferenziert als faschistisch abqualifizierte. Das Krim-Parlament – aber auch die große Mehrheit der Bevölkerung – forderte den Anschluss der Halbinsel an Russland. Aber auch in Russland selbst – natürlich auch medial und politisch lautstark orchestriert – wurde Stimmung gegen Kiew und für eine „Heimholung“ der Krim gemacht. Für die russische Führung ging es dabei nicht zuletzt um strategische Interessen: Seit über 200 Jahren ist die russische Schwarzmeerflotte in Sewastopol stationiert, ihrem einzigen eisfreien Hafen und einzigen Zugang zum Mittelmeer. Da die ukrainische Übergangsregierung einerseits gleich mit Rechtsbrüchen gestartet ist und andererseits gleich wieder die NATO-Pläne der 2010 abgewählten Ministerpräsidentin Timoschenko ausgrub, entschloss man sich in Moskau, lieber selbst vollendete Tatsachen zu schaffen als bei einem vitalen geopolitischen Interesse einer unberechenbaren bzw. sogar feindlichen Regierung in Kiew ausgeliefert zu sein. Den Völkerrechts- und Verfassungsbruch nahm man dabei offenbar in Kauf – wie das in zahlreichen anderen Fällen ja auch die USA und andere Staaten getan haben. Egon Bahr meinte vor Heidelberger Schülern: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“ („Rhein-Neckar-Zeitung“, 4.12.13).

Die Eskalation der Lage in der Ukraine (inkl. Krim) ist durch das unselige Zusammenspiel interner und externer Faktoren entstanden. Es fehlte der „Mediator“. Die EU, die sich teilweise als Vermittler ausgab, war in Wirklichkeit von Anfang an Partei und sogar wesentlich mitverantwortlich für die interne Eskalation. Dass sie dann das von ihr selbst verordnete Abkommen zwischen Regierung und Opposition „vergaß“ und einseitig die fragwürdige Übergangsregierung unterstützte, während sie zuerst Janukowitsch und dann Russland ständig mit Sanktionen drohte (und schließlich einige sogar durchführte), machte die EU völlig unglaubwürdig. Leider hat auch Österreich als neutrales Land die EU-Beschlüsse mitgetragen und ist damit ebenfalls zur Partei geworden, was eine weitere schwere Beschädigung der Neutralität darstellt. Während EU, NATO und die USA ganz eindeutig auf Seite der Kiewer Übergangsregierung stehen, sieht sich Russland als Schutzmacht der russisch-sprachigen Bevölkerung.

Wenn die vielbeschworene territoriale Integrität der Ukraine aufrechterhalten werden soll, müssten aber auch die äußeren Mächte dazu beitragen, das Land zu versöhnen und nicht weiter auseinanderzureißen. Henry Kissinger schrieb in der „Washington Post“ (5. 3. 14): „Jeder Versuch eines Teils der Ukraine, den anderen zu dominieren, würde langfristig zu einem Bürgerkrieg oder einer Spaltung“ führen. Kissinger plädiert für eine unabhängige Ukraine, die jedenfalls nicht der NATO beitritt und sich am Beispiel Finnlands orientieren könnte. Bemerkenswert auch Kissingers Feststellung: „Die Dämonisierung von Wladimir Putin ist keine Politik. Sie ist ein Alibi für die Abwesenheit von Politik.“

Der erste Schritt in Richtung einer neuen, unabhängigen Ukraine müsste eine Regierung der wirklichen nationalen Einheit sein, die alle Landesteile und Bevölkerungsgruppen repräsentiert – aber ohne Faschisten. Sie müsste rasch Maßnahmen zur nationalen Versöhnung einleiten (evt. auch den Umbau des Staates zu einer Föderation mit weitgehender Autonomie der verschiedenen Landesteile) und ein Programm zur Bekämpfung der ökonomischen und sozialen Krise ausarbeiten und umsetzen. In diesem Zusammenhang müsste sie auch internationale Kooperationen eingehen, vor allem mit der EU und Russland, wobei der Status eines immerwährend neutralen Staates eine sinnvolle Möglichkeit sein könnte, jedenfalls aber eine militärische Bündnisfreiheit. Wenn die interne Versöhnung nicht schnell und ernsthaft angegangen wird und auch die äußeren Mächte dies nicht zu einem vorrangigen Ziel ihrer Ukraine-Politik machen, drohen dem Land weitere Auseinandersetzungen bis hin zum Zerfall, was durch die Involvierung von NATO (und EU) einerseits und Russland andererseits sogar zu einer Bedrohung des internationalen Friedens werden könnte.

 

PAX CHRISTI ÖSTERREICH UND DIE KRISE IN DER UKRAINE

Mit großem Bedauern verfolgt Pax Christi Österreich  die Entwicklungen in der Ukraine.

Die Proteste in der Ukraine nahmen bekanntlich ihren Anfang, weil die legitime Regierung Janukowitsch das Assoziierungabkommen mit der EU nicht unterschrieb, um die enge Zusammenarbeit mit Russland nicht zu gefährden.

Die Proteste begannen in der Westukraine, vor allem in Kiew, konzentriert auf dem Maidan. Unter Vermittlung von drei EU-Außenministern (Deuschland, Frankreich und Polen) unterzeichneten sowohl Janukowitsch als auch die Opposition ein Abkommen, das u. a. eine Übergangsregierung der nationalen Einheit, die Auflösung bewaffneter Milizen, eine Verfassungsänderung sowie vorgezogene Präsidenten- und Parlamentswahlen vorsah. Unter dem Druck der Protestaktionen stimmte das Parlament unter Missachtung dieses Abkommens sowie der geltenden Verfassung für die Absetzung des Präsidenten und wählte Alexander Tuchynow zum Interimspräsidenten. Die neue Übergangsregierung wurde ohne Vertretung der russisch-sprachigen Bevölkerung nur aus Parteiender bisherigen Opposition gebildet.

Der maßgebliche Einfluss von rechtsradikalen und nationalistischen Gruppierungen, fast 100 Tote auf beiden Seiten, ermordet von Scharfschützen, Hunderte von Verletzten, verschiedene neue Gesetze u. a. auch die dann wieder zurückgenommene Abschaffung von Russisch als Amtssprache u. a. m. steigerte die Eskalation. Am 28. 2. 2014 appellierte der UN-Sicherheitsrat, die Einheit, territoriale Integrität und Souveränität der Ukraine und die Diversität der ukrainischen Gesellschaft zu respektieren. Ohne Erfolg.

Die Lage der autonomen Republik Krim ist sehr komplex, aber die wie auch immer begründete Konfliktbeteiligung der russischen Armee ist nicht akzeptabel.

Das Misstrauen der russischen Regierung gegenüber NATO-Visionen der ukrainischen Übergangsregierung, die Befürchtungen Russlands um die russischsprachige Mehrheitsbevölkerung in der Krim und die Befürchtungen, vitale Interessen in der Krim (u. a. bezüglich der seit über 200 Jahren in Sewastopol stationierten russischen Schwarzmeerflotte), welche historische engste und gewachsene Verbindungen mit Russland hat, sind nachvollziehbar und ernst zu nehmen. Sowohl die Sicherheitsinteressen Russlands als auch die der Ukraine müssen berücksichtigt werden.

o Pax Christi fordert auf, von militärischen Gewaltlösungen abzusehen und Gespräche zu führen.Dies betrifft die Beteiligten in der Ukraine, Russland, EU, USA u. a. m.)

o Pax Christi ersucht die österreichische Bundesregierung, dieneutrale Rolle, die Nichtangehörigkeit zu Militärbündnissen ernst zu nehmen und auch diplomatisch einzubringen. Österreich muss sich einer EU Politik widersetzen, die an Muster des alten Ost-West-Konfliktes anknüpft. Österreich muss sich einer westlichen Politik widersetzen, die über gemeinsame Nato Übungen (EU – Ukraine) ein Drohpotenzial gegenüber Russland aufbaut.

o Pax Christi bittet vor allem die religiösen Menschen und Verantwortungsträger, nicht die Waffen zu segnen, sondern als Mediatoren und Brückenbauer aktiv zu werden.

o Wir ersuchen alles Menschen guten Willens, für den Frieden zu beten.

Lasset uns beten, auf dass die Weisheit, der Friede und die Gerechtigkeit den Sieg davon trage.

Innsbruck, am 12. 3. 2014

f. d. Vorstand von Pax Christi Österreich: Jussuf Windischer, Generalsekretär

 

Balázs Németh

DIESSEITS STATT JENSEITS - SAGT DIE BIBEL!

Der evangelische Theologe und Märtyrer des Widerstands gegen die NS-Herrschaft, Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945), hat in seinen Briefen aus dem Gefängnis, die später unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ herausgegeben wurden, die Grundüberlegungen für die Theologie unserer Zeit dargestellt. Dazu gehört besonders seine Auseinandersetzung mit der Problematik des Verhältnisses zwischen Diesseits und Jenseits: „Ich habe in den letzten Jahren mehr und mehr die tiefe Diesseitigkeit des Christentums kennen und verstehen gelernt“ – schreibt er in einem Brief am 21. 8. 1944 – „Nicht ein ‚homo religiosus' sondern ein Mensch schlechthin ist der Christ, so wie Jesus – im Unterschied wohl zu Johannes dem Täufer – Mensch war ... Das Jenseits Gottes ist nicht das Jenseits unseres Erkenntnisvermögens ... Gott ist mitten in unserem Leben jenseitig ... Die Kirche steht nicht dort, wo das menschliche Vermögen versagt, an den Grenzen – sondern mitten im Dorf.“ An anderer Stelle schreibt er: „Christsein heißt nicht, in einer bestimmten Weise religiös sein ... nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben“, und: „Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion auf, sondern zum Leben.“

Mit diesen Überlegungen hängen Bonhoeffers Gedanken über das Verständnis, über Auslegung und Relevanz der biblischen Begriffe zusammen. Für ihn sind nicht nur mythologische Begriffe – wie Wunder, Himmelfahrt etc. – sondern auch die religiösen Begriffe schlechthin problematisch geworden. Man soll „die biblischen Begriffe nicht religiös interpretieren“ hat er seine Thesen zusammengefasst. Bonhoeffer meinte, dass Begriffe wie Buße, Glaube, Rechtfertigung, Wiedergeburt, Heiligung weltlich – d. h. im alttestamentlichen Sinn und im Sinne von Johannes 1, 14 – uminterpretiert werden müssen. Man sollte auch über Gott weltlich reden können, meinte Bonhoeffer.

Für Bonhoeffer waren sowohl Diesseitigkeit als auch die nicht-religiöse Interpretation biblischer Begriffe Wegweiser für den Christen in seinem Leben als „Dasein für andere“, denn Christus war nicht „eine griechische Gott-Mensch-Gestalt als Mensch an sich, sondern der Mensch für andere“. Diese Erkenntnis gibt das Kriterium für das So- und Da-Sein der Kirchen und der Christen. Bonhoeffer hat bewusst von der Diesseitigkeit als Aufgabe für Christen und Kirchen gesprochen, weil unsere Zeit das Vorletzte und nicht das Letzte ist. Unsere Aufgabe ist auf das Vorletzte konzentriert.

Wenn man mit Bonhoeffers Blick das Neue Testament anschaut, entdeckt man, dass in ihm von einer bewussten Abkehr und Abgrenzung von den gängigen sakralen und religiös verstandenen Begriffen seiner Zeit die Rede ist. So lag der Ursprung des biblischen Schlüsselbegriffes „Erlösung“ in der Welt der Sklaverei, denn dieses Wort war der Fachausdruck für das Lösegeld, mit dem ein Sklave seine Freiheit erlangen konnte. Bei „Schuld“ haben die Menschen des Neuen Testamentes nicht an etwas Moralisches gedacht, sondern an die Schuldsklaverei, die der Fluch der kapitalarmen Kleinbauern war. Das Wort „Evangelium“ war bekannt als Übermittlung einer Siegesbotschaft nach einer gewonnenen Schlacht. Der „Bischof“ war ein höherer Verwaltungsbeamter bzw. der Vermögensverwalter einer Körperschaft oder einer Verwaltungseinheit. Der „Diakon“ war ursprünglich ein Kellner oder Küchenjunge. Ein „Apostel“ war ein Abgesandter des Kaisers oder eines Provinzverwalters und zwar mit einem speziellen Auftrag versehen. Ein „Presbyter“ war ursprünglich ein älterer Mensch, dem aufgrund seines Alters mehr Erfahrung, Weisheit und Autorität zuerkannt wurde. „Sünde“ war kein abstrakter Begriff, sondern eine weltlich verstandene Verfehlung eines Reiseziels, genauso wie „Bekehrung“ das Sich-Umkehren auf einen Gegenstand oder eine Person hin bedeutete. Die Autoren der neutestamentlichen Schriften haben sich bewusst der säkularen Begriffe ihrer Zeit bedient, um sich von den gängigen „heidnischen“ und römischen sakralen Kulten klar distanzieren zu können. Das gilt auch für die Versammlungsorte der ersten Christen, die sich bewusst von den damaligen kultischen Orten abgegrenzt haben.

Diese De-Sakralisierung des Urchristentums ist auch klar ersichtlich aus dessen sozialethischer Konzeption als Realisierung des „Jesus von Nazareth, Hoffnung der Armen“ (so der Buchtitel von Luise Schottroff und Wolfgang Stegemann). Die Folge der Jesuanischen Gerechtigkeit für Arme, Schwache, Kleine und Ausgegrenzte ist eine sozial ausgleichende Gemeinde, in der der Besitz einem gemeinschaftlichen Gebrauch unterstellt ist. Der Privatbesitz muss der ganzen Gemeinde zugute kommen, damit in der Gemeinde ein Besitzausgleich unter den Gemeindegliedern möglich ist. Die Besitzenden verzichten auf freiwilliger Basis auf so viel, dass es in der Gemeinde weder Reiche noch Bedürftige gibt. So sind die Worte aus der Apostelgeschichte 2, 44 und 4,32 zu verstehen: „Es war ihnen alles gemein“, die als „Urkommunismus“ in die Geschichte eingegangen sind. Sie sind aber auf freiwilliger Basis auf die jeweilige Gemeinde beschränkt. Wenn jemand diesbezüglich die Gemeinde getäuscht oder belogen hat, so wurde er allerdings nur der Lüge und nicht des Geizes wegen bestraft. (Apg. 5, 1-6)

Die Eucharistie bzw. das Abendmahl ist gemäß der Neutestamentlichen Wissenschafterin in ihrem Kommentar zum 1. Korintherbrief ebenfalls in das sozialethische Konzept der ersten Christen über den Besitzausgleich zwischen Armen und Wohlhabenden eingebettet. In der Korinthergemeinde waren Konflikte entstanden zwischen den Armen und den Wohlhabenden, weil Letztere bei der Mahlgemeinschaft, die eine zentrale Rolle im Leben der Gemeinde hatte, ihre üppigen mitgebrachten Speisen ausschließlich selbst verzehrten, ohne sie mit den anderen zu teilen. Diese unsolidarische Praxis zerstörte nicht nur die Gemeinschaft innerhalb der Gemeinde, sondern auch die feierliche Erinnerung an den Kreuzestod Jesu, die in eine normale Mahlgemeinschaft eingebettet war. Erinnerung an den Kreuzestod Jesu und solidarische Mahlgemeinschaft gehörten zusammen, was zum nachhaltigen Kennzeichen des Urchristentums geworden ist. Diese gemeinschaftliche Solidarität bedeutete für viele Außenstehende eine starke Anziehungskraft in einer ichbezogenen römischen Gesellschaft. „Dieses tut zu meinem Gedächtnis“ bezieht sich sowohl auf das Sich-Erinnern an den Kreuzestod Christi als auch auf die Bereitschaft, das eigene Haben mit den Habelosen zu teilen. Die Trennung zwischen Sakrament und Mahlgemeinschaft ist das Ergebnis einer späteren Entwicklung, die als Konsequenz des konstantinischen Zeitalters betrachtet werden kann und die eine „Verheidnisierung der Kirche“ (Papst Franziskus) eingeläutet hat.

Die solidarische Gemeinschaft der Christen widerspiegelt auch deren Einstellung zur Sklaverei, die im Rahmen der Gemeinde aufgehoben wurde (Brief des Apostels Paulus an Philemon). Genauso änderte sich die Stellung des Mannes im Familienrahmen. Die Frau blieb zwar weiterhin Untertanin des Mannes, allerdings war der Ehemann nicht mehr der unumschränkte Herrgott im Haus, gemäß dem römischen Familienrecht, sondern er trug eine Verantwortung Gott gegenüber. All das kann man als Modell betrachten, das in seiner Auswirkung allerdings rein auf die Gemeinde beschränkt blieb bzw. bleiben konnte.

Dieser biblische Fundus erinnert uns daran, dass Bonhoeffers Ansichten über die Diesseitigkeit des Christentums eine tief fundierte biblische Grundlage haben. Es muss allerdings gesagt werden, dass diese auf Gerechtigkeit und auf Egalität ruhenden Grundzüge im Verlauf der Kirchengeschichte oft bewusst verschüttet wurden, zumeist aus machtpolitischen Gründen. Man sollte sich heute wieder auf diese Grundzüge besinnen, wenn man die Worte des Evangelisten Johannes ernst nimmt: „Das Wort wurde Fleisch“. So könnten Theologie und Kirche einen konstruktiven Beitrag leisten zu der aktuellen Diskussion über ein modernes Grundeinkommen, über eine ausgeglichene Handelspolitik, über die Frage der Gerechtigkeit und über eine humane Wirtschaftspolitik gegenüber den armen Regionen der Welt.

Dr. Balázs Németh (geb. 1931 in Budapest) ist evangelisch-reformierter Pfarrer i. R. und lebt in Wien. Er gehört u. a. dem Vorstand der Aktion Kritisches Christentum (AKC) an und ist regelmäßiger Autor von „KC“.