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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 408/409                                       Mai/Juni 2017

 

 

 

Aktueller Kommentar

SPALTUNG DER GESELLSCHAFT?

Von Adalbert Krims

Bei Wahlen und Volksabstimmungen der letzten Jahre (vor allem in der EU und in den USA) ist häufig von einer „Spaltung der Gesellschaft“ die Rede. Das war insbesondere bei zwei Volksentscheiden des ver­gangenen Jahres mit unerwartetem Ausgang der Fall: dem „Brexit“-Referendum in Großbritannien am 23. Juni sowie der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten am 4. November. Auch bei der österr­eichischen Bundespräsidentenwahl wurde eine „Spaltung der Gesellschaft“ konstatiert oder davor gewarnt. Diese „Spaltung“ wird unterschiedlich interpretiert: Rechtspopulisten sehen sie zwischen „Elite“ (oder „Establishment“) und „Volk“ – oder auch (wie Marine Le Pen) zwischen „Globalisten“ und „Patrioten“ (die von anderen als „Nationalisten“ bezeichnet werden). Im medialen Diskurs innerhalb der EU wird meistens das Begriffspaar „pro-europäisch“ und „anti-europäisch“ verwendet – wobei mit „europäisch“ natürlich die Europäische Union gemeint ist (diese begriffliche Gleichsetzung von EU und Europa hat sich leider inzwischen im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt, obwohl sie eigentlich falsch ist, da „Europa“ wesentlich größer ist als die EU). Viele Kommentatoren meinen sogar, dass das Links-Rechts-Schema überholt ist und dass die Kategorien pro- oder anti-europäisch bzw. globalistisch oder nationalistisch politisch aussagekräftiger seien.

Meiner Ansicht nach ist das Gegenteil der Fall: denn abgesehen vom eingeschränkten Europabegriff sagt das bloße abstrakte Bekenntnis zur EU politisch noch nicht viel aus, sondern verschleiert eher die realen ökonomischen und politischen Interessen. Welches „Europa“ ist denn gemeint? Die gegenwärtige EU mit ihren institutionellen Schwächen und Demokratiedefiziten? Eine EU der Konzerne mit allen Freiheiten für das Kapital? Oder eine demokratische, soziale und subsidiäre EU? Eine „Festung Europa“ oder eine auch nach außen hin solidarische Union? Eine EU der Militarisierung und Aufrüstung – oder als Teil einer gesamteuropäischen Friedensordnung? Und wo ist die Grenze zwischen EU-kritisch und anti-europäisch?

Die Reduzierung der politischen Debatte und Wahlanalysen auf pro- oder anti-europäisch greift nicht nur zu kurz, sie lenkt auch von anderen Spaltungen der Gesellschaft ab, die aber sehr real sind: in erster Li­nie ist hier die zunehmende Ungleichheit zu nennen, die ja nicht nur auf die Vermögens- und Einkommensverteilung beschränkt ist, sondern sich auf alle Bereiche der Gesellschaft (öffentlicher und politischer Ein­fluss; Zugang zu Bildung, Kultur, Freizeit etc.) auswirkt. Parallel zur wachsenden Ungleichheit nimmt auch die soziale Unsicherheit zu, die nicht nur Sozialleistungen und Pensionen betrifft, sondern vor al­lem die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt (steigende Arbeitslosigkeit, weniger fixe Jobs, unfreiwillige Teilzeitarbeit, prekäre Arbeitsverhältnisse etc.).

Das Absurde ist, dass der sich als besonders „pro-europäisch“ oder „weltoffen“ ausgebende Neoliberalismus, der Liberalisierung und Deregulierung von Wirtschaft, Handel und Finanzen als Allheilmittel be­trach­tet, gerade zu der oben genannten wachsenden Ungleichheit und Unsicherheit beiträgt. Ja, man kann sagen, dass Rechtspopulismus und Nationalismus auch eine – wenn auch fehlgeleitete – Gegenreaktion auf eine neoliberale Politik sind. Bei den Präsidentenwahlen in den USA und in Frankreich war es diesmal – etwas vereinfacht formuliert – so, dass letztlich nur noch die Entscheidung zwischen jeweils einem neo­liberalen und einem rechten Kandidaten übrig blieb – wobei es in Frankreich eine klare Absage für die rechtsextreme Marine Le Pen gab.

Der Neoliberalismus agiert – bereits unter Thatcher, aber noch mehr nach dem Ende des Kommunismus 1990 – mit der Losung „Es gibt keine Alternative“ (TINA – There is no alternative!). Diese scheinbare Al­ter­nativlosigkeit hat einerseits zu einer Entpolitisierung, andererseits aber auch zum Entstehen eines neuen Rechtspopulismus (oder -extremismus) geführt, der die Verunsicherung von Teilen der Bevölkerung auf Feindbilder bzw. Sündenböcke (Ausländer, Muslime etc.) lenkt, sich als „Anwalt der kleinen Leute“ ausgibt und „einfache Lösungen“ verspricht. Dass Politik immer stärker durch PR-Agenturen sowie „So­ziale Medien“ geprägt wird, kommt natürlich dieser Entwicklung entgegen. Wir brauchen daher eine „Repolitisierung der Politik“, also eine Debatte über inhaltliche Ziele und konkrete Schritte, um ihnen nä­her­zukommen.

Nicht: „Es gibt keine Alternative“, sondern „Eine andere (bessere) Welt ist möglich!“ müsste die Devise lauten, um die realen Spaltungen der Gesellschaft zu überwinden.

 

Balázs Németh

„BRENNEN FÜR DEN GLAUBEN – WIEN NACH LUTHER“

Eine Sonderausstellung des Wien Museums

Anlässlich der 500-Jahr-Feier der Reformation veranstaltete das Wien-Museum eine Sonderausstellung über die Spuren der Reformation in Wien. Die Ausstellung wurde kuratiert von dem Kirchenhistoriker Rudolf Leeb, dem Historiker Karl Vocelka und dem Museologen Walter Öhlinger.

Wien war nie ein Zentrum der Reformation, denn hinter seinen Mauern genoss der evangelische Glau­be keine hundert Jahre lang seine Freiheit. Allerdings war das reformatorische Gedankengut in der Reichs­haupt­stadt ein Modell dafür, wie das evangelisch-Sein in der Polarität und in der Auseinandersetzung mit dem Katholizismus direkt oder in geheimer Form existieren konnte. Der Glaube war eine ständige per­sönliche Herausforderung, weil die Evangelischen nicht in einer Mehrheitsbevölkerung untertauchen konnten. Der Titel selbst, „Brennen für den Glauben“, widerspiegelt diese Polarität zwischen intensivem Glau­bensleben und blutiger Verfolgung.

Die Ausstellung ist in vorteilhafter Serpentinenform so angelegt, dass die Besucher und Besucherinnen über zwölf Stationen geführt werden, die sie zuerst mit dem politischen, gesellschaftlichen und religiösen Rah­men der Reformation bekannt machen, wie z. B. Zeichen der neuen Zeit als Buchdruck, Entdeckung neuer Erdteile, neues Weltbild etc. Danach trifft man auf die mittelalterliche Frömmigkeit und Luthers The­sen­anschlag vom 31. Oktober 1517 samt dessen weitreichenden Folgen. Erst dann gewinnt man einen Blick auf die Frühreformation in Wien und auf die Repressalien, die besonders die Täufer, eine Grup­pie­rung vom linken Flügel der Reformation, betrafen. Das Augsburger Bekenntnis von 1530 und die Urkunde des Augsburger Religionsfriedens von 1555 sind in der nächsten Station in ihrer Originalfassung sehen. Einige Schritte weiter können sich die Besucher und Besucherinnen mit der Habsburger Herrscherfamilie vertraut machen, und im Anschluss daran mit der Universität Wien, mit der Stadt selbst und de­ren Bürgern, mit den neu angesiedelten Juden und mit der Wirtschaftsstruktur der Stadt. Die nächste Station befasst sich mit den Türkenkriegen, deren Ausläufer 1529 die Wiener Stadtmauern erreichten, was so­wohl für das Schicksal der Stadt als auch der Evangelischen eine außerordentlich große Bedeutung hatte. Die folgenden zwei Stationen der Ausstellung befassen sich mit dem Zeitraum von 1574 – 1625, als die Evangelischen mit besonderer Erlaubnis Gottesdienste halten durften: Zuerst für eine kurze Zeit direkt in der Stadt im niederösterreichischen Landhaus und danach in den evangelischen Zentren vor den To­ren Wiens in den Schlosskapellen der evangelischen Adligen. Das war die Zeit des sogenannten „Auslaufens“ der Wiener Evangelischen in die umliegenden Schlosskapellen. Die nächste Station stellt die Ge­gen­reformation und die katholische Reform Wiens vor, die sich nach der Schlacht am Weißen Berg radikalisierten und den evangelischen Glauben aus der Öffentlichkeit eliminierten. Die einzige „illegal“ mög­li­che Form des evangelischen Bekenntnisses war in den Kapellen der dänischen und der niederländischen Gesandtschaften gegeben. Erstere war für die evangelisch-lutherische und die zweite für die evangelisch-re­formierte Ausrichtung zuständig. Diese repressive Phase wurde durch das Toleranzpatent Josephs des Zweiten 1781 beendet, das mit vielen Einschränkungen die Gründung von evangelischen Pfarr­ge­mein­den und die Errichtung von „Bethäusern“ ermöglichte.

An der auf eine breite Basis gestellten, sehr informativen Aus­stel­lung sind die folgenden Punkte besonders hervorzuheben:

1. Das zur Schau gestellte reichhaltige Material an gedrucktem Schriftgut – z. B. von Luther – , die vielen Flugschriften, ohne die die Reformation sich nicht so rasch hätte verbreiten können; ebenso die Schmäh­­schriften mit spöttischen und derben Illustrationen, die sicherlich bei den zahlreichen Analphabeten großen Anklang fanden. Dieses vielfältige Schriftgut, das weitgehend aus dem Besitz der früheren Hof­bibliothek stammte, stellt eine glückliche Ergänzung dar zu den nicht so zahlreichen Ausstellungsobjekten. Es wäre allerdings gut gewesen, aus der Sammlung der Hofbibliothek auch gedruckte Schriften der reformierten Richtung der Reformation auszustellen, wie jene von Calvin, Zwingli und Bullinger, und auch die Originalausgabe des Heidelberger Katechismus von 1563, die der Kurfürst Friedrich III. dem Thron­folger Maximilian direkt übersandte. Das wäre eine Bestätigung für die Präsenz der Reformierten in Wien, die als Intellektuelle, wie z. B. Ärzte, Naturwissenschafter, Universitätsprofessoren und höhere Be­schäftigte am Hof wirkten.

2. Treffend illustriert das Ausstellungsplakat mit einem Gemälde eines zeitgenössischen Malers die ambivalente Lage der Evangeli­schen in Wien im 16. Jahrhundert: Auf der Kanzel der Augustinerkirche steht im katholischen liturgischen Ornat der Hofprediger des Thronfolgers Erzherzog Maximilian, Johann Stefan Pfauser, der eigentlich evangelisch gesinnt war und auch den Thronfolger in dieser Richtung be­ein­fluss­te. Maximilian verfolgte die Predigt gemeinsam mit seinem Bruder Ernst von oben vom Oratorium her. Die auf Christus weisende Hand des Predigers war seit Lucas Cranach ein Hinweis auf das evan­ge­li­sche „Christus allein“. Auch ein anderes Bild in der Ausstellung weist auf beeindruckende Weise auf das verhüllte Evangelische in Wien: es zeigt einen evangelischen Pfarrer auf dem Weg zu einem Kranken­abend­mahl mit der in einer Kasperlpuppe versteckten Hostie.

3. Es muss noch auf den umfangreichen und fundierten wissenschaftlichen Teil des Katalogs hingewiesen werden mit zahlreichen informativen und verständlich verfassten Aufsätzen von Fachgelehrten, die sowohl zur Einführung als auch zur Vertiefung eines Ausstellungsbesuches dienen können.

Insgesamt löste die Ausstellung bei mir Gedanken aus, die ich im Folgenden kurz skizzieren möchte.

1. Luthers Protest gegen den Ablasshandel, der ihn zum Verfassen seiner 95 Thesen bewog, hat die Verflechtung religiöser Themen – die Rettung der Seelen aus dem Fegefeuer – mit übler Geschäftemacherei auf­gezeigt. Damit prangerte er zugleich vehement den teuflischen Dienst am Mammon an. Der emeritierte Professor für evangelische Theologie in Heidelberg, Ulrich Duchrow, knüpfte seine aktuellen Über­le­gun­gen hier an und meinte, dass das richtige Feiern der Reformation nur eine Radikalisierung der Reformation sein könne, die die kapitalistische globalisierte neo­liberale Wirtschaftsordnung einer radikalen Kritik unterzieht.

2. Die reformatorische Bewegung zeigt auch in Wien, z. B. anhand des sogenannten Milchkriegs anlässlich der ersten wieder eingeführten Fronleichnamsprozession 1578, dass religiöse Konflikte immer auch eine soziale Komponente haben, so dass man die beiden nicht voneinander trennen kann. Übrigens findet sich unter den reformatorischen Bewegungen nur bei den Täu­fern, die auch in Wien ihre geheimen Zu­sam­menkünfte hatten, gesellschaftliche Egalität. Die Täufer wurden allerdings sowohl von den Katholischen als auch von den Evangelischen als Häretiker blutig verfolgt.

3. Die Ausstellung macht deutlich, dass Religion durchaus auch das Politische tangiert. Z. B. verlangten die evangelischen niederösterreichischen Stände vom Kaiser religiöse Konzessionen im Gegenzug zu der Fi­nan­zierung militärischer Ausgaben im Verlauf der Türkenkriege. Die kaiserliche Konzession von 1609, die zu einer zweiten Blüte der Evangelischen in Niederösterreich führte, war das Ergebnis des po­li­ti­schen Widerstands der Stände unter der Führung des oberösterreichischen reformierten Adeligen Georg Erasmus Tschernembl, die dem Kaiser zu huldigen nur unter der Bedingung der Gewährung von Re­li­gionsfreiheit bereit waren. Dieser politische Schritt trägt die deutliche Handschrift des reformierten Widerstandsrechts, das ein Eckpfeiler der reformierten Einstellung ist, die über die subjektiv gedeutete Rechtfertigung hinaus die gesellschaftlichen Konsequenzen der Gerechtigkeit Gottes unterstreicht. Es lässt sich fragen, ob eine strikte Trennung von Religion und Staat bzw. Gesellschaft und Politik nicht ir­re­le­vant und kontraproduktiv ist, weil viele Menschen, aus denen Staat und Gesellschaft sich nun einmal zusammensetzen, für ihr öffentliches Handeln durch ihre Religion motiviert werden.

4. Der Kirchenhistoriker Rudolf Leeb greift im Einleitungsteil des Katalogs Friedrich Heers Gedanken über die österreichische Identität auf, derzufolge die gewaltsame Rekatholisierung in Österreich ein Trau­ma auslöste, das zu Identitätskrisen und zu Selbsthass führte, deren Ergebnisse das Hin und Her zwischen Deutschnationalismus und katholischem Österreich waren. Der Kirchenhistoriker lässt zwar die Frage of­fen, aber zweifelsohne hat die Rekatholisierung bzw. die katholische Reform tiefe Spuren im Land in allen Richtungen hinterlassen. Die Lehre daraus für heute angesichts einer multikulturellen und multi­reli­giö­sen Welt kann am treffendsten mit den Worten von Rosa Luxemburg wiedergegeben werden: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“.

 

 

BUCHTIPP

Josef Innerhofer; „Treu seinem Gewissen. Das Zeugnis des Josef Mayr-Nusser 1910 – 1945“; Tyrolia-Verlag, Innsbruck – Wien 2016; 176 Seiten, € 19,95.

Am 18. März 2017 wurde Josef Mayr-Nusser im Dom von Bozen seliggesprochen. Pepi, wie er genannt wurde, wurde am 27. Dezember 1910 als viertes von sechs Kindern einer Bauernfamilie geboren. Sein Va­ter Jakob Mayr starb im Septem­ber 2015 im Ersten Weltkrieg an der Südfront bei Görz an Cholera. Der Nusserhof am Stadtrand von Bozen ist ein alter Familienbetrieb mit Obst- und Weinbau sowie Vieh­zucht (heute ist er im Besitz eines Neffen, der hauptsächlich Wein produziert). Nach dem Besuch der Grund-, Bürger- und Handelsschule in Bozen wurde Josef Mayr-Nusser Buchhalter in einem Textilgeschäft in der Bozener Innenstadt. Seit seiner Jugend beschäftigte er sich stark mit religiösen Fragen und las theologische Bücher (u. a. von Thomas von Aquin und Thomas Morus). Mit 22 Jahren wurde er Mitglied der „Vinzenzkonferenz“ (5 Jahre später ihr Präsident), die sich der Betreuung von Armen widmete, und mit 24 Jahren Diözesanführer der männlichen Jugend des „Deutschen Anteils“ der Erzdiözese Trient. Ne­ben persönlicher Weiterbildung, Gebet und täglichem Messbesuch stand für Mayr-Nusser der Einsatz für die Mitmenschen im Mittelpunkt seiner christlichen Lebensauffassung.

Für die deutschsprachige Bevölkerung in Südtirol, die täglich unter der Diskriminierungs- und Italienisierungspolitik des italienischen Faschismus zu leiden hatte, war damals die Versuchung groß, den Auf­stieg des nationalsozialistischen Deutschland als Chance für die Rettung von deutscher Kultur und Sprache in ihrer Heimat zu betrachten. So, schreibt der Südtiroler Historiker Leopold Steurer, „entstand 1933/34 aus dem Zusammenschluss verschiedener deutschnational ausgerichteter Jugendgruppen aus dem Umfeld der verbotenen Turnerbünde, des Alpenvereins und der studentisch-städtischen Jugend eine neue ‚Bewegung‘ mit dem Namen Völkischer Kampfring Südtirol (VKS). Struktur, Programm und politische Aktivität des VKS waren ganz der NSDAP nachempfunden und auf das Dritte Reich ausgerichtet: Füh­rerprinzip, Volksgemeinschaft und bedingungsloses Bekenntnis zum Reich waren dabei die Kernpunkte. Das Ziel des VKS war es, ausgehend von der Organisation und politischen Schulung der Jugend, durch Propaganda die Bevölkerung mit der NS-Weltanschauung zu durchdringen und damit Südtirol auf die erhoffte ‚Heimholung‘ durch den Führer vorzubereiten.“ Die Katholische Jugend unter Leitung von Josef Mayr-Nusser und Diözesanjugendseelsorger Josef Ferrari ging einen anderen Weg. Sie nutzte geschickt die durch das Konkordat garantierten Freiräume für die deutschsprachige kirchliche Arbeit in Süd­tirol. Dazu schreibt Steurer: „Durch das Konkordat vom 11. 2. 1929 war der Katholischen Aktion vom faschistischen Staat die Möglichkeit der legalen religiös-kulturellen Betätigung unter der Bedingung ihrer ‚politischen Neutralität‘ zugestanden und garantiert worden. Gleiches galt für das weitere Erscheinen der deutschsprachigen Presse-Erzeugnisse (Dolomiten, Volksbote, Katholisches Sonntagsblatt, Reim­michl-Kalender, Jugendwacht, Vinzenzbriefe, die Frau, St. Antoniusblatt, Priesterkonferenzblatt, St. Josefs Missionsbote, Stern derNeger, Kassians Kalender, Liebeswerk Kalender) des katholischen Vo­gel­weide-Verlages (ab 1936 Athesia).“

Mayr-Nusser schrieb nicht nur viele Artikel in den diversen katholischen Publikationen, sondern er leitete auch zahlreiche Schulungen und Seminare und leistete damit einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der deutschen Sprache und Kultur in Südtirol unter dem Faschismus. „Darüber hinaus war und bleibt es das historische Verdienst von Josef Mayr-Nusser und des geistlichen Assistenten der K.A., Josef Ferrari, das Eindringen der antichristlichen und menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus in Südtirol frühzeitig als Gefahr für das Land erkannt zu haben.“ (Steurer). „So prangerte er die Um­keh­rung und Ablehnung aller christlichen Werte an, dass in der Ideologie des Nationalsozialismus geradezu eine neue Religion entdeckt wurde, ‚die Rasse, Blut und Boden als höchste Werte setzt und die Erlö­sung durch den Gottmenschen leugnet, weil, wie sie behauptet, der germanische Mensch nicht erlösungsbedürftig ist‘. Entschieden lehnte er den Führerkult ab, da er darin die größte Gefahr der Manipulation und Entmündigung des Menschen und der Missachtung menschlicher Grundrechte sah.“ (so der Südtiroler Kapuzinerpater Daniel Maas, der mehrere Arbeiten über die Gewissensentscheidung von Josef Mayr-Nusser veröffentlicht hat).

Im Buch von Josef Innerhofer sind mehrere Passagen aus Briefen, Artikeln und Vorträgen von Mayr-Nusser zitiert, in denen er sich speziell mit dem „Führerkult“ des Faschismus beschäftigt hat („Was wir heue an Führerkult miterleben, ist oft geradezu Götzendienst“ – S 72). Er sah die Welt vor der Entscheidung zwischen zwei großen Fronten: „Die eine, deren Wahlspruch lautet: ‚Die Welt für Christus‘, und die andere, die Satan als ihrem obersten Führer huldigt“ (74). In Schulungskursen für Jungführer setzte sich Mayr-Nusser intensiv mit Hitlers „Mein Kampf“ und Rosenbergs „Mythos des 20. Jahrhunderts“ aus­einander und entlarvte das menschenverachtende und kirchenfeindliche System des Nationalsozialismus. „Gewissensbildung, Wertevermittlung, die Auseinandersetzung mit den religiösen Strömungen und den diktatorischen Ideologien, hatten in seiner Jugendarbeit höchste Priorität. Mayr-Nusser begreift sein eigenes Handeln und seine Entscheidung als Antwort auf den totalen Herrschaftsanspruch Christi, als Zeug­nisgeben (Bekennung) von der Herrschaft Gottes in dieser Welt.“ (P. Daniel Maas).

Nachdem sich Hitler und Mussolini schon seit 1936 politisch angenähert hatten, kam es kurz vor Beginn des 2. Weltkrieges im Jahre 1939 zum Durchbruch, indem der einzige Störfaktor für ein Bündnis aus dem Weg geräumt wurde: Südtirol. Im „Optionsabkommen“ vom 23. Juni 1939 wurde vereinbart, dass jene Südtiroler, die deutsch bleiben wollten, ins Deutsche Reich umgesiedelt werden sollten, und jene, die ihre Heimat nicht verlassen wollten, die deutsche Sprache und Kultur aufgeben und italienisiert werden. (S 80) Mitte Oktober 1939 wurde als Frist für die Entscheidung das Jahresende 1939 festgelegt. Dies führ­te zu einer Spaltung der Südtiroler Gesellschaft in „Optanten“ (die sich zur Umsiedlung ins Deutsche Reich entschieden) und „Dableibern“ (die sich zum Verbleib in der Heimat entschieden). Auch die ka­tho­lische Kirche war gespalten: Im östlichen Teil Südtirols, der zur Diözese Brixen gehörte, unterstützte der hohe Klerus überwiegend die „Option“ und Fürstbischof Johannes Geisler, der selbst für Deutsch­land stimmte, untersagte den Priestern sogar, Werbung für das „Dableiben“ zu betreiben. Im „Deutschen Anteil“ des Erzbistums Trient (zentrales und westliches Südtirol um Bozen und Meran) war die Situa­tion anders: hier war der Klerus fast geschlossen gegen Deutschland. Josef Mayr setzte sich entschieden für den Verbleib in der Heimat ein und schloss sich dem im Herbst 1939 gegründeten „Andreas-Hofer-Bund“ an, der den „Optanten“ zeigen wollte, dass „Dableiben“ nicht Zustimmung zur Assimilierung und Italienisierung bedeutete. Zugleich versuchte der Bund, die Bevölkerung vom menschenverachtenden und kirchenfeindlichen Charakter des Nationalsozialismus zu überzeugen und die „Optanten“ zu einer Rücknahme ihrer Entscheidung zu bewegen.

Der nationalsozialistische „Völkische Kampfring Südtirol“ hatte jedoch wesentlich mehr finanzielle und Propagandamittel. Und natürlich war auch die Politik des faschistischen Italien gegenüber Südtirol ein wichtiges Argument für die „Optanten“. Ganz wesentlich war die wirtschaftliche Not im Lande. Dazu schreibt Innerhofer: „Aufgrund der gezielten Italienisierungspolitik der Faschisten hatte die einheimische Be­­völkerung zu vielen Arbeitsbereichen wie Schule, Eisenbahn, öffentliche Verwaltung und die neu angesiedelten Fabrikbetriebe in Bozen und Meran keinen Zugang und somit kein gesichertes Einkommen. In Deutsch­land hingegen wurde ihnen Arbeit und Brot versprochen.“ (S 83).

Angesichts dieser Situation sprachen sich rund 85 Prozent der deutsch- und ladinischsprachigen Bevölkerung Südtirols für die Aussiedlung ins Deutsche Reich aus. (d. h. rund 210.000 der knapp 250.000 Südtiroler). Ganz anders sah es jedoch bei den katholischen Priestern aus: 80 Prozent des Klerus des Südtiroler Anteils der Diözese Brixen entschieden sich für das „Dableiben“, im deutschsprachigen Anteil der Erzdiözese Trient sogar 90 Prozent. In den ersten Monaten des Jahres 1940 verließ praktisch täglich ein Zug mit „Optanten“ Südtirol. Durch die Entwicklung des Krieges ließ das deutsche Interesse an der Aus­­siedlung der Südtiroler bereits Anfang 1941 spürbar nach und kam schließlich mit dem Sturz Mussolinis am 25. Juli 1943 ganz zum Erliegen (S 91). Insgesamt verließen von 1940 bis 1943 rund 75.000 Süd­tiroler (also rund ein Drittel!) ihre Heimat.

Am 26. Mai 1942 heiratete Josef Mayr-Nusser die ebenfalls als katholische Jugendführerin tätige Hildegard Straub. Am 1. August 1943 wurde ihr Sohn Albert geboren, der seit vielen Jahren in Florenz lebt und bis zu seiner Pensionierung Professor für elektronische Musik am dortigen Konservatorium war.

Nach dem Sturz Mussolinis und dem Übertritt Italiens auf die Seite der Alliierten rückten die deutschen Truppen vor und besetzten bis Mitte September Italien. „Bombenangriffe, Widerstand, Verfolgung und In­haftierungen gab es nun auch in Süd­tirol.“ (S 91). Die Nazis beriefen nun in Südtirol entgegen dem Völkerrecht auch ita­lienische Staatsbürger zum Militärdienst ein, was bei den meisten auch auf keinen Wider­stand stieß. Josef Mayr-Nusser erhielt im August 1944 den Einberufungsbefehl zur Waffen-SS, wobei er zunächst noch hoffte, dass es ihm gelingen würde, zur Wehrmacht abgeschoben zu werden. Er war bereits zuvor dreimal zur italienischen Armee eingezogen worden, wobei er beim Eid den Vorbehalt hinzufügte „unbeschadet der Gesetze Gottes und seiner Kirche“. Insgesamt dauerte sein italienischer Mi­li­tär­dienst fast 3 Jahre. Mayr-Nusser war also kein Pazifist oder prinzipieller Wehrdienstverweigerer. Deshalb leistete er dem Einberufungsbefehl zunächst auch Folge. Am 7. September 1944 wurde er ge­mein­sam mit ca. 80 weiteren Südtirolern auf dem Bahnhof Bozen in einen Viehwaggon mit der Aufschrift „Fracht Bozen – Konitz“ verladen. Nach dreitägiger Fahrt kamen sie in dem westpreußischen Ort, 130 km südwestlich von Danzig, an. Dort wurden die Südtiroler in einer ehemaligen Anstalt für geistig Behinderte untergebracht, deren frühere Insassen der „Endlösung“ zugeführt worden waren. Hier fand die Re­kru­ten­ausbildung („Schleiferei“) statt, wobei Mayr-Nusser immer noch hoffte, der Wehrmacht zugeteilt zu werden und nach ein paar Monaten nach Südtirol zurückkehren zu können. Zugleich stand aber seine Ge­wis­sensentscheidung fest, dass er keinesfalls den SS-Eid auf den Führer ablegen würde. Es war ihm bewusst, dass die Verweigerung des Eids das Todesurteil bedeuten könnte, wobei er in Briefen an seine Frau die Hoffnung äußerte, dass seine italienische Staatsbürgerschaft in den Augen der Richter ein Milderungsgrund wäre.

Am 4. Oktober hielt ein Unteroffizier vor der Kompanie eine Rede über den SS-Eid. Mayr-Nusser meldete sich zu Wort und erklärte, dass und warum er den Schwur nicht ablegen könne. Der Unteroffizier frag­te nach: „Dann sind Sie also kein hundertprozentiger Nationalsozialist?“ Mayr-Nusser antwortete ruhig: „Nein, ich bin keiner!“ Er musste seine Weigerung noch schriftlich geben und wurde dann in eine Zelle gesperrt. Zu einem Südtiroler Kameraden sagte er damals noch: „Wenn nie jemand den Mut aufbringt, ihnen zu sagen, dass er mit ihren nationalsozialistischen Anschauungen nicht einverstanden ist, dann wird es nicht anders.“ In der Untersuchungshaft wurde er mehrmals verhört und dann am 14. November nach Danzig überführt, wo der Sitz des zuständigen SS-Gerichts war. Ein Brief vom 5. Dezember 1944 an seine Frau war das letzte Lebenszeichen von Josef Mayr-Nusser. Er wurde wegen „Wehrkraftzersetzung“ angeklagt und zum Tod verurteilt. Über den Prozess gibt es keinerlei Unterlagen – nicht ein­mal das Datum ist bekannt.

Offenbar wurde Mayr-Nusser im Gefängnis in Danzig gefoltert, bevor er Anfang Februar 1945 – gemeinsam mit rund 40 anderen Todeskandidaten – in einem unbeheizten Viehwaggon zur Hinrichtung ins KZ Dachau geschickt wurde. Schwer krank und halb verhungert sollte er in Erlangen zur Untersuchung in ein Militärkranken­haus gebracht werden. Da es keinen Krankenwagen gab, musste Mayr-Nusser mit einem SS-Wächter den kilometerlangen Weg zu Fuß zurücklegen. Doch der Stabsarzt schickte ihn – offenbar wegen der Aussichtslosigkeit einer Genesung – zurück zum Bahnhof, wo er in der Nacht zum 24. Februar 1945 im Viehwaggon verstarb. Seine Leiche wurde am 1. März in Erlangen begraben, wobei auf dem Grabkreuz stand: „SS-Mann“. Seine Witwe konnte erst in den Jahren nach Ende des Krieges das Grab besuchen und musste erst Dokumente beschaffen, um die Behörden davon zu überzeugen, dass Josef Mayr-Nusser kein SS-Mann, sondern ein Opfer der NS-Diktatur war. 1958 wurden die Gebeine von Er­langen nach Südtirol überführt und im Frühjahr 1963 an der Außenmauer der Kirche von Lichtenstern am Ritten beigesetzt. Seine endgültige Ruhestätte fand Josef Mayr nach der Seligsprechung im Dom von Bozen.

Josef Mayr-Nusser blieb über seinen Tod hinaus in Südtirol umstritten. Fast ein halbes Jahrhundert musste seit seinem Tod vergehen, bis man sich in der Diözese entschloss, den Seligsprechungsprozess einzuleiten. Der damalige Bischof Karl Golser begründete laut Innerhofer diese Verzögerung so: „Man befürchtete Spannungen zwischen Dableibern und Optanten… Als größtes Hindernis nannte Golser aber den Widerstand vieler Heimkehrer, die den SS-Eid geleistet hätten und die fürchteten, deshalb schuldig und als Christen zweiter Kategorie eingestuft zu werden“. (S 165). Sogar im Seligsprechungsverfahren äußerten sich Zeugen abschätzig: „Wir haben die Strapazen des Krieges auf uns genommen, er hat sich feige gedrückt. Er hat auch seine Familie im Stich gelassen – Im Grunde war er ein Spinner!!!“ (S 174)

Am 8. Juli 2016 unterzeichnete Papst Franziskus – nach einem elfjährigen kirchlichen Verfahren – das Dekret zur Seligsprechung von Josef Mayr-Nusser – und am 18. März 2017 wurde sie im Dom von Bozen vollzogen. Der Diözesanbischof von Bozen – Brixen, Ivo Muser, begrüßte die Seligsprechung mit den Worten: „Josef Mayr–Nusser hat uns und unserer Zeit viel zu sagen. Er ist nicht nur derjenige, der den Eid auf Adolf Hitler verweigert hat. Er ist einer, der die christliche Identität gepflegt und gelebt hat. Ich verstehe diese mutige und unbequeme Gestalt, die uns mit einem dunklen und für viele leidvollen Kapitel unserer Geschichte konfrontiert, vor allem als einen glaubwürdigen und konsequenten Zeugen, der dem eigenen Gewissen folgt; einem Gewissen, das sich ausrichtet am Evangelium und an der Lehre der Kirche. Er ist ein Mann, der aus der biblischen Überzeugung handelt, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen. Und jetzt dürfen und sollen wir mit Überzeugung bekennen: Josef Mayr–Nusser hat im Sinn eines Menschen verachtenden und Menschen vernichtenden Systems verloren, in den Augen Gottes aber hat er gewonnen!“ Albert Mayr, der Sohn des Seliggesprochenen, verband einen Wunsch mit dem kirchlichen Akt: „Persönlich wünsche ich mir, dass die Seligsprechung meines Vaters zum Anlass genommen wird, dass das Thema Glaube/Kirche und Widerstand ausführlicher behandelt wird als bisher.“ Und er fügte den Appell an alle hinzu, „gegen die alltäglichen Ungerechtigkeiten, Unterdrückungen, Diskriminierungen (die) Stimme zu erheben, und zwar in der jeweiligen Situation direkt, nicht nachträglich bequem vom Schreibtisch aus.“

Abschließend noch eine kleine Kritik am Buch selbst: Der Autor war der offizielle diözesane Postulator im kirchlichen Seligsprechungsprozess, was natürlich auch sei­­ne Perspektive prägt. Die politische Bedeutung des Widerstands von Mayr-Nusser tritt gegenüber dem Anliegen der Seligsprechung deutlich in den Hintergrund. Faktenreich und lesenswert ist das Buch trotzdem.