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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 388/389                                        Mai/Juni 2015

 

 

 

Adalbert Krims:

DOM HÉLDER CÂMARA: SELIGSPRECHUNGSPROZESS ERÖFFNET

Am 23. Mai ist Oscar Arnulfo Romero in San Salvador selig gesprochen worden. Das Verfahren war jahrelang im Vatikan „blockiert“, bis Papst Franziskus im August 2014 die unter seinen Amtsvorgängern aufgestellten „Hürden“ offiziell beiseite räumte. Dann ging es relativ rasch. Anfang Jänner 2015 erkannte die Theologenkommission der Heiligsprechungskongregation die Ermordung des Erzbischofs am 24. März 1980 in der Kirche als Martyrium in odium fidei an. Papst Franziskus bestätigte die Entscheidung am 3. Februar und machte damit den Weg zur Seligsprechung endgültig frei.

Am 3. Mai, also noch vor der Seligsprechung Romeros, ist das Seligsprechungsverfahren für einen weiteren lateinamerikanischen Erzbischof und Wegbereiter der Befreiungstheologie eröffnet worden: Dom Hélder Câmara. Wie kaum ein anderer verkörperte er nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) die Theologie der Befreiung und die Hinwendung der katholischen Kirche zu den Armen.

Hélder Pessõa Câmara wurde am 7. Februar 1909 als elfter von 13 Söhnen eines Buchhalters und einer Volksschullehrerin in Fortaleza, der Hauptstadt des Bundesstaates Ceará im unterentwickelten Nordosten Brasiliens geboren (5 seiner Geschwister starben im Kindesalter bei einer Grippe-Epidemie). Hélder wollte schon als Kind Priester werden, trat 1923 ins Priesterseminar ein und wurde 1931 (im Alter von 22 Jahren!) zum Priester geweiht. Er war von Anfang an sozial engagiert und baute in Ceará die Katholische Aktion und eine katholische Gewerkschaft auf. Allerdings war er damals vom „Integralismus“, einer klerikalen Spielart des Faschismus, inspiriert (Ação Integralista Brasileira) und übernahm 1934 – auf ausdrücklichen Wunsch des Erzbischofs von Fortaleza – sogar die Funktion des Staatssekretärs für das Erziehungswesen im Bundesstaat Ceará. 1936 löste sich Câmara vom Integralismus, dessen Unterstützung er später als „Jugendsünde“ bezeichnete.

1936 übersiedelte er in die damalige Hauptstadt Rio de Janeiro, wo er eine wichtige Funktion im staatlichen Erziehungswesen übernahm. Mitte der 1940er Jahre kehrte Câmara in den kirchlichen Dienst zurück. Beim Weltkongress für das Laienapostolat in Rom 1950 lernte er den damaligen Substituten im vatikanischen Staatssekretariat, Giovanni Montini (den späteren Papst Paul VI.) kennen, der von seinen Ideen begeistert war und wesentlich dazu beitrug, dass gegen den Widerstand vieler Bischöfe die Brasilianische Bischofskonferenz gegründet wurde. Hélder Câmara wurde 1952 zum Weihbischof von Rio ernannt und war von 1952 bis 1964 Generalsekretär der Bischofskonferenz. Während dieser Zeit entwickelte sich dieses Gremium zu einer der einflussreichsten Institutionen der Theologie der Befreiung. 1955 war er auch Generalsekretär des Eucharistischen Weltkongresses; im selben Jahr ging aus seiner Initiative der Lateinamerikanische Bischofsrat CELAM hervor.

Dom Hélder Câmara war von 1962 bis 1965 auch Teilnehmer des II. Vatikanischen Konzil, wo er einer der profiliertesten Sprecher der Dritten Welt war – und zwar weniger im Plenum als durch viele Gespräche, Predigten und Vorträge. In einem offenen Brief an alle Konzilsteilnehmer trat er für eine „Kirche der Armen“ ein und beschwor seine Mitbischöfe,  den äußeren Reichtum abzulegen, um die Distanz zwischen ihnen und den arbeitenden Menschen zu verringern. Diese Initiative mündete am 15. November 1965 in den sog. „Katakombenpakt“, einer Selbstverpflichtung von 40 Konzilsbischöfen zu einem einfachen Lebensstil und zum Dienst an den Armen.

Am 12. März 1964, wenige Wochen vor dem Militärputsch in Brasilien, wurde Câmara von Papst Paul VI. zum Erzbischof von Olinda und Recife in Nordostbrasilien ernannt. Sein Verhältnis zur Militärdiktatur war von Anfang an gespannt und verschärfte sich wegen der Kritik des Erzbischofs an Menschenrechtsverletzungen. Umgekehrt versandten die Militärs Rundschreiben an alle Priester, in denen Câmara als „Agitator der Linken“ bezeichnet wurde. Der Erzbischof wurde ab 1970 einer doppelten Zensur unterworfen: er durfte in Brasilien nicht publizieren – und es durfte auch nicht über ihn geschrieben werden. Außerdem gab es fast täglich Morddrohungen gegen ihn – und es wurden mehrere Anschläge verübt. Obwohl ihn die Militärs einerseits totschweigen wollten, andererseits öffentlich diffamierten, war er in seiner Diözese – vor allem bei den Armen – äußerst beliebt. Und auch im Ausland stieg sein Bekanntheitsgrad. So sprach er im Mai 1970 im Pariser Sportpalast vor mehr als 10.000 Menschen und klagte die Militärregierung wegen der Folterung politischer Gefangener an. Zahlreiche Vortragsreisen führten ihn in die USA, nach Kanada, Japan und Europa. Im Ausland kritisierte er aber nicht nur die brasilianische Diktatur, sondern auch die Weltwirtschaftsordnung, indem er „die Versklavung der Völker der Dritten Welt durch die internationale Hochfinanz“ verurteilte sowie „das dem kapitalistischen System innewohnende Profitstreben einer kleinen Gruppe Privilegierter, deren Reichtum auf Kosten des Elends von Millionen von Mitbürgern aufrechterhalten wird.“ In der Schweiz erhielt Câmara sogar Redeverbot, weil er die Verstrickung Schweizer Banken in die Ausbeutung der Dritten Welt anprangerte. Immer wieder antwortete er auf die Frage: „Was können wir für die Dritte Welt tun?“ mit der Aufforderung: „Ändert die Erste Welt!“

Câmara war auch zweimal auf Einladung von Bundeskanzler Bruno Kreisky bzw. dessen Wiener Instituts für Entwicklungsfragen in Österreich: Im Mai 1970 bei einer Konferenz „Jugend und Entwicklung“ in Salzburg sowie im Juli 1975 in Wien, wo er in der Hofburg vor über 2.000 Zuhörern über „Soziale Gerechtigkeit und Entwicklung“ sprach. Câmara wurde mit internationalen Friedenspreisen und 32 Ehrendoktoraten ausgezeichnet. Anfang der 1970er Jahre entfachten die Militärs eine geheime Kampagne gegen seine mehrfache Kandidatur für den Friedensnobelpreis, den er  in der Tat nie erhielt; dafür wurde ihm 1974 der Alternative Friedensnobelpreis verliehen.

Zentrales Anliegen von Dom Hélder Câmara war die soziale Gerechtigkeit, die er aus der Schöpfung ableitete: „Gott erschuf den Menschen nach seinem Ebenbild und so ist der Mensch Mitschöpfer und nicht Sklave.“ „Mit Gerechtigkeit meine ich eine bessere Verteilung der Güter auf nationaler und internationaler Ebene.“ Und er wies darauf hin, dass das Elend nicht allein durch Caritas beseitigt werden könne, sondern dass es dazu grundlegender Strukturveränderungen bedürfe. Wegen solcher Aussagen und seines Engagements wurde er nicht nur in Brasilien, sondern auch international und im Vatikan als „roter Bischof“ bezeichnet. Auf die Frage, ob es richtig sei, Gewalt zu gebrauchen, um Gerechtigkeit herzustellen, sagte er: „Die Gewalt Nummer 1, die Mutter aller Gewalt, entspringt den bestehenden Ungleichheiten. Sie wird Ungerechtigkeit genannt. Und so antworten junge Menschen, die sich für die Unterdrückten einsetzen wollen, auf die Gewalt Nummer 1 mit der Gewalt Nummer 2. Und diese wiederum provoziert die Gewalt Nummer 3, die faschistische Gewalt. Ich billige keine dieser 3, aber ich kann Nummer 2 sehr gut verstehen. Ich verachte jeden, der ruhig bleibt, und achte nur jene, die kämpfen.“ Zur Frage, ob der bewaffnete Aufstand in Lateinamerika möglich sei, meinte er: „Er ist gerechtfertigt, aber unmöglich. Gerechtfertigt, weil er provoziert wird, und unmöglich, weil er niedergeschlagen werden würde“. (Zitate aus: „Katholizismus in Lateinamerika“, herausgegeben vom Wiener Institut für Entwicklungsfragen 1975, S 5 f.). Zu den berühmtesten Zitaten von Erzbischof Câmara gehört wohl: „Wenn ich einem Armen zu essen gebe, nennen sie mich einen Heiligen. Wenn ich aber frage, warum die Armen nichts zu essen haben, dann nennen sie mich einen Kommunisten.“ Auch die Feststellung, dass „die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer“ werden, geht auf den brasilianischen Erzbischof zurück.

Im Alter von 75 Jahren bot Dom Hélder Câmara dem Papst seinen Rücktritt an. Zu seinem Nachfolger ernannte Johannes Paul II. den konservativen Bischof von Paracatu, José Cardoso Sobrinho, der am 2. April 1985 sein Amt antrat und viele Reformen von Câmara rückgängig machte, z. B. die Priesterausbildung, weil im Priesterseminar von Recife angeblich nicht „der wahre katholische Glaube“, sondern eine marxistisch inspirierte Befreiungstheologie gelehrt worden sei. Câmara selbst führte sein bescheidenes Leben in seiner einfachen Wohnung in der Fronteiras-Pfarre weiter, in der er seit seinem Auszug aus dem Erzbischöflichen Palais 1968 wohnte. Dort war er bis zu seinem Lebensende als Seelsorger tätig. Am 27. August 1999 verstarb Dom Hélder Câmara im Alter von 90 Jahren.

Zwei persönliche Anmerkungen

1. Ich halte die Selig- und Heiligsprechungen in der katholischen Kirche inkl. der damit verbundenen Verfahren überhaupt für verzichtbar. Da es sie aber seit Jahrhunderten gibt und den Seligen und Heiligen kirchenamtlich eine Vorbildfunktion für die Gläubigen sowie eine Verehrenswürdigkeit zuerkannt wird, ist es dennoch nicht unwichtig, welche Menschen und Lebenswege eine solche offizielle Anerkennung erhalten. Wenn man bedenkt, dass z. B. unter Johannes Paul II. der (pro-faschistische) Opus-Dei-Gründer Escriva de Balaguer heilig- sowie der letzte Habsburgerkaiser Karl I. (der den Einsatz von Giftgas im Ersten Weltkrieg anordnete) seliggesprochen wurden, dann ist es gut, wenn Papst Franziskus nun mit Erzbischof Romero und künftig auch mit Erzbischof Câmara Symbolfiguren der „Kirche der Armen“ und der Befreiungstheologie zu Vorbildern für eine christliche Lebensweise erklärt.

2. Ich habe Erzbischof  Câmara bei seinem einzigen Besuch in Wien Anfang Juli 1975 zweieinhalb Tage begleiten und betreuen dürfen. Er kam damals auf Einladung von Bundeskanzler Bruno Kreisky zu einer Kuratoriumssitzung des Wiener Instituts für Entwicklungsfragen (in dem ich arbeitete) und hielt außerdem einen Vortrag in der Hofburg. Ich holte ihn vom Flugzeug ab und war überrascht, dass sein ganzes Gepäck für seine einwöchige Europareise aus einer relativ kleinen Reisetasche und einer älteren Aktentasche bestand. Bekleidet war der kleine, unscheinbare Mann mit einer etwas abgetragenen Soutane, die er auch bei seinen offiziellen Auftritten trug. Er stieg in meinen alten Peugeot 204 und ich fragte ihn nach seinen Wünschen. Er sagte: „Ich habe keine Wünsche. Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung“. Er wolle nur ein paar Stunden frei, um alleine durch die Stadt zu gehen und direkten Kontakt zu den Menschen zu haben. Außerdem wolle er nach der Frühmesse eine halbe Stunde ins Haus des Kardinals gehen (Kardinal König empfing ihn dann auch persönlich). Am ersten Tag hatte er drei öffentliche Auftritte: am Nachmittag ein Fernsehinterview im Hotel Sacher, dann ein Vortrag in der Hofburg und am Abend eine 1 1/2stündige Live-Diskussion im Radio. Am zweiten Tag gab’s wieder Pressetermine,  dann die Kuratoriumssitzung des Wiener Instituts für Entwicklungsfragen und am Abend einen Heurigen. Am Sonntag Vormittag ging der nach der Messe allein in der Stadt spazieren. Am Nachmittag flog er wieder ab. Ich werde diese Tage, an denen ich gewissermaßen Câmaras Sekretär und Chauffeur war, nie vergessen.

Ich hatte später noch zweimal brieflichen Kontakt – zuletzt bekam ich Ende Mai 1998 einen Brief von ihm, in dem er schrieb, dass er sich noch gut an seinen Wien-Aufenthalt und meine Begleitung erinnern könne. Und sein „Pensionistendasein“ in der Fronteiras-Pfarre schilderte er so: „Hier bin ich seit vielen Jahren von meinen Freunden und Mitarbeitern umgeben, die in der von mir gegründeten und geleiteten Organisation ‚Obras Frei Francisco' engagiert sind, um den armen und unglücklichen Menschen zu helfen. Weit weg von den Verpflichtungen als Erzbischof von Olinda und Recife altere ich im Frieden Gottes, zelebriere mit meinen Freunden in dieser lieblichen Kirche und widme mein Leben jeden Tag dem Herrn.“

 

 

Balázs Németh

REINHEITSFANATISMUS UND GEWALT

Eine bekannte Ballade des ungarischen Dichters János Arany (1817-1882) beginnt mit dem Vers: „Weißes Leintuch wäscht Frau Agnes / Wäscht es in der reinen Quelle / Weißes Leintuch, blut'ges Leintuch / hascht behend die wilde Welle / O barmherziger Gott, verlass mich nicht!“

In diesen Zeilen ist beispielhaft beschrieben, wie durch kultische Reinigung und Sühneopferriten – notfalls mit Blut und Gewalt – das Reine vom Unreinen getrennt wird und seinen ursprünglichen Zustand wieder zurück erhält. Auf diesen Mechanismus hat schon die englische Ethnologin Mary Douglas in ihrem Buch „Reinheit und Gefährdung“ hingewiesen.

Diesen reinigenden Opferkult hat Jesus durch das Beispiel seiner Tempelreinigung radikal in Frage gestellt. In seiner Klage, dass die Schriftgelehrten den Tempel in eine Räuberhöhle verwandelt hätten, griff Jesus die alte prophetische Tradition auf. Dabei bezog er sich speziell auf den Propheten Jeremia, als er die doppelte Moral der reinigenden Sühneopfer anprangerte, die den Reichen erlaubten, unter der Woche ihre Sklaven und alle Schwachen in der Gesellschaft zu drangsalieren, zu unterdrücken und auszubeuten, um am Sabbat im Tempel ihre Seelen durch reichhaltige Opfergaben von allen Untaten wieder reinzuwaschen. Solche Reinigungsrituale legitimierten also unter der Woche Unterdrückung und am Sabbat ein frommes Gesicht.

Jesus vertrat den Standpunkt – im Einklang mit den Propheten –, dass der Glaube nicht durch reinigende Opfergaben relevant wird, sondern durch Akte der Gerechtigkeit, der Nächsten- und der Fremdenliebe. Nicht kultische Reinheit ist das entscheidende Kriterium, sondern Solidarität und Menschenfreundlichkeit im Leben. Daher bedeutete Jesu Handlungsweise einerseits eine Absage an den traditionellen Reinigungskult, von dem nur die Reichen profitierten und der das Unrecht perpetuierte, und andererseits geschah die Tempelreinigung um der Menschwerdung der geschundenen Menschen willen, die immer mehr in die Tiefe gestoßen wurden, auch durch falsche Kulthandlungen.

Jesus hat aber nicht nur durch seine Handlungsweise schockiert, sondern auch durch seine Wortwahl, indem er die Profiteure des Opferkultes als Räuber bezeichnete, einem Wort, das im damaligen Sprachgebrauch in diffamierender Absicht auf die Zeloten gemünzt war, die Anschläge auf römische Einrichtungen verübten. Jesu Worte wirkten damals sicherlich so schockierend wie der Spruch Bertolt Brechts: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ (Dreigroschenoper). Die Grundidee hinter Jesu Tempelreinigung wurde dann allerdings im Laufe der Geschichte total verdreht. Jesu Einsatz für Gerechtigkeit und Menschenfreundlichkeit wurde missdeutet und im Namen der Reinheit umgewandelt in einen Akt der Gewalt.

Eifrige Anhänger dieser verhängnisvollen Fehlinterpretation waren im 16. Jahrhundert die sogenannten Bilderstürmer, darunter die Reformierten in Frankreich und Holland, die in römisch-katholischen Kirchen und Klöstern wüteten, Bilder und Statuen zerstörten und sogar zahlreiche Priester und Gläubige töteten. Diese Gewaltakte wurden systematisch und kultisch ritualisiert. Die amerikanische Historikerin Natalia Zeman Davis spricht in ihren Studien von „Gewaltriten“, die von der Angst um die Bewahrung der eigenen religiös verstandenen Reinheit angetrieben wurden und von der Furcht, vom römisch-katholischen Glauben, von den Statuen, Bildern, Menschen und Schriften befleckt zu werden. Diese Gewaltriten waren zum Teil durch archaische Vorstellungen motiviert, dass im Abbild der Abgebildete persönlich und real präsent sei. Das war z. B. der Grund, warum mit Vorliebe die Tabernakel mit den geweihten Hostien zerstört wurden.

Ausgangspunkt für die Bilderstürmer war ihr radikales Verständnis des zweiten Gebotes, das Kultbilder als Götzenbilder verbietet. Sowohl die römisch-katholische als auch die lutherische Kirche haben das zweite Gebot nicht in ihre Tradition aufgenommen. [Stattdessen wurde das zehnte Gebot geteilt und dadurch trotzdem die Zahl 10 erreicht] Die reformierten Prediger verwiesen darauf, dass Gott im Alten Testament die Zerstörung der Statuen der „Gottlosen“ anordnete, und sie beriefen sich darauf, dass im Feuer des Schmelzprozesses das edle Metall vom unedlen getrennt und damit geprüft würde. Auch durch die Verschlechterung der damaligen allgemeinen Wirtschaftslage wurden die Menschen sensibilisiert und alarmiert. In Frankreich zeigte sich das im steigenden Brotpreis, wovon besonders die niederen Schichten betroffen waren, die die Hälfte ihres Lohnes für Brot ausgeben mussten. In den Niederlanden war es die enorm gestiegene Steuerlast, die von der spanischen Provinzverwaltung als Vergeltungsmaßnahme gegenüber den Bürgern eingeführt worden war, die vom evangelischen Glauben nicht lassen wollten. Chiliastische Vorstellungen stimulierten viele Unruhen, so auch die der Bilderstürmerei. Sie schufen Ängste und weckten ein gesteigertes Gewaltpotenzial, damit das Reich Gottes bei seinem Kommen ein reines Haus vorfinden solle. Calvin hat übrigens die Bilderstürmer unter seinen Glaubensgenossen scharf verurteilt.

Auf die reformierten „Gewaltriten“ folgte die katholische Vergeltung mit eskalierender Intensität. Man muss nur an die sogenannte „Bluthochzeit“ und die folgende Bartholomäusnacht am 23./24. August 1572 erinnern, in deren Folge in ganz Frankreich etwa 13.000 Protestanten getötet wurden.

In allen ethnischen und religiösen Säuberungen steckt die Angst, von der „Unreinheit“ befleckt zu werden. Die nationalsozialistische Rassenideologie hat ihren Ursprung im 19. Jahrhundert, als Joseph Arthur Graf von Gobineau die These von der Überlegenheit der arischen Rasse aufstellte und vor einer Rassenvermischung warnte, die nur zum Ruin führen könne. Diese These legitimierte u. a. den Umgang der Kolonialisten mit ihren schwarzen Untertanen und rechtfertigte den Sklavenhandel. Gobineau löste mit seiner Theorie eine verhängnisvolle Lawine aus! Diese Eskalation hat sein Nachfolger im Geiste, Houston Stewart Chamberlain, noch weitergeführt durch seine Behauptung, dass die germanische Rasse die überlegenere Rasse sei, und in Anlehnung an DarwinsKampf ums Dasein“ zum Kampf der Rassen aufforderte, um die Reinheit der germanischen Rasse zu bewahren. Die NS-hörigen Deutschen Christen nahmen diese Blut-und-Boden-Ideologie auf und versuchten, sie theologisch zu begründen, indem sie Rasse und Blut zur Uroffenbarung und damit zur Schöpfungsordnung erklärten. Das NS-Regime führte diesen Rassenkampf bis zur Ermordung von sechs Millionen Juden weiter, um die Reinheit des deutschen Blutes und der germanischen Rasse zu bewahren.

Ein wichtiger Aspekt auch bei der aktuellen brutalen Gewalt der IS-Kämpfer im Nahen Osten gegenüber allen „Nichtgläubigen“, bei ihrer Zerstörung alter Kulturgüter und bei der Erniedrigung, Vertreibung und Tötung der religiös „Unreinen“ ist die Angst um die eigene kultisch verstandene Reinheit. Die als chiliastisch zu bezeichnenden Vorstellungen radikalisieren und beschleunigen die Gewaltakte, um die Angst zu bannen, dass das erwartete Kalifat kein reines Haus vorfinden könne. Dabei muss man auch bedenken, dass der Islam das Bilderverbot im Vergleich zum reformierten Verständnis noch weiter radikalisiert hat. Sehr anschaulich schildert diesen Umstand der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk in seinem Roman „Rot ist mein Name“. Zur derzeitigen Radikalisierung im Nahen Osten hat zweifelsohne auch die jetzige Wirtschaftslage beigetragen, verbunden mit dem starken demografischen Druck. Bei den zahlreichen jungen europäischen IS-Söldnern muss in Betracht gezogen werden, dass – um mit Freud zu reden – ein vereiteltes Leben unweigerlich zur Destruktion führt als Kompensation für das nichtgelebte Leben. Es kann aber auch zu einer Art Katharsis führen.

In einer verfeinerten und verschleierten Form lebt auch heute in Europa der Kult um die Trennung von Rein und Unrein weiter. Ich denke an die Ausgrenzung der Fremden durch hohe und sichere Mauern, die die Grenzen, nicht aber das Leben schützen. Ich denke an die Einstellung, die dem wirtschaftlichen Profit den Vorrang gibt, nicht aber den Menschen. Ich denke an die bewachten und abgesicherten exklusiven Wohngegenden der Reichen, die sie von dem schmutzigen „Plebs“ trennen. Die Bipolarität von Rein und Unrein ist im allgemeinen Bewusstsein ident geworden mit der immer tiefer werdenden Bruchlinie zwischen Arm und Reich, zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern und zwischen „wertlosen“ und „wertvollen“ Menschen.

Ich war sehr betroffen, als ich kürzlich in einer Zeitschrift las, dass angesichts der Dschihadisten mit der schrankenlosen Nächstenliebe sicher kein Staat zu machen sei! Besagter Journalist übersah hier wohl bewusst oder unbewusst die Ursachen für den zunehmenden Dschihadismus: Es waren die verschiedenen Interventionskriege im Nahen Osten, die bewirkt haben, dass die Zahl der Terroristen von ca. 1.000 im Jahr 2003 auf etwa 100.000 im Jahr 2014 angestiegen ist, wie man kürzlich aus seriöser Quelle lesen konnte. D. h. es ist offenkundig, dass Militärinterventionen den Terrorismus nur anstacheln, ihn aber niemals zum Verschwinden bringen können. In einem kürzlich veröffentlichten Interview lehnte die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Margot Käßmann, militärische Interventionen generell ab mit der Begründung, dass „das Militär niemals die Ursachen eines Konflikts behebt“. Und Nächstenliebe, so füge ich hinzu, ist darüber hinaus keine Gefühlsduselei, sondern eine komplexe Größe, die Solidarität mit den Schwachen und Gerechtigkeit im gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und humanen Bereich umfasst. Und hier schließt sich der Kreis zum Akt der Tempelreinigung Jesu.

Dr. Balázs Németh ist evangelisch-reformierter Pfarrer i. R., war viele Jahre stellvertretender Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft „Christen für die Friedensbewegung” und ist ständiger Autor von „KC“.