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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 378/379                                       Mai/Juni 2014

 

 

 

 

 

 

 

Balázs Németh

WENN UNKRAUT WIEDER NEU ZU SPRIESSEN BEGINNT...

Es ist eine alte gärtnerische Erfahrung, dass Unkraut, wenn es nur niedergetreten und nicht mit der Wurzel ausgerissen wird, sich mit der Zeit wieder erhebt und neu zu sprießen beginnt. Dieses Bild kommt mir in den Sinn, wenn ich unsere gegenwärtige Weltpolitik betrachte.

Vor Jahrzehnten schon schien der „Kalte Krieg“, d. h. die verschiedenen Phasen und Intensitäten des Ost/West-Gegensatzes endgültig beendet. Doch der Schein trog: Man hatte zwar die Aushängeschilder gewechselt, die Inhalte blieben aber dieselben. Die Medien sprechen zwar heute davon, dass im Zuge des Ukraine/Russland-Konfliktes der Kalte Krieg neu geboren wurde; ich behaupte aber, dass er auch nach der Wende in Wahrheit nie aufgehört sondern im Stillen weiterhin die Politik bestimmt hat.

Ein Beispiel dafür ist die Fortsetzung der alten Roll-Back-Politik der USA. John Foster Dulles, der 1948 bei der Gründungsvollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Amsterdam die Konturen dieser Politik skizzierte, hätte im Traum nicht daran gedacht, dass seine Intention, die eigentlich die in Jalta 1943 vereinbarten Grenzen rückgängig machen und die westliche Einflusssphäre bis zu den Grenzen der damaligen Sowjetunion ausdehnen wollte, in der heutigen Realität um etliches übertroffen sein würde. Die Gorbatschow gegebene Zusage, im Gegenzug zur sowjetischen Zustimmung zur Wiedervereinigung Deutschlands die NATO nicht weiter nach Osten auszudehnen, wurde nicht eingehalten, sondern es wurden nicht nur Länder des Warschauer Paktes, sondern sogar Teilrepubliken der früheren Sowjetunion in das westliche Militärbündnis aufgenommen. Die nur halbherzige Anerkennung Russlands als gleichwertiges Mitglied in verschiedenen internationalen Foren gehört genauso zu dieser stillen Roll-Back-Politik wie die Irreführung und Diskriminierung der russischen Politik, wie z. B. bei der Libyen-Invasion.

Der führende Theologe des linken Flügels der Bekennenden Kirche in Deutschland, Hans-Joachim Iwand, der Mit-Begründer der Christlichen Friedenskonferenz (CFK) war und ein entschiedener Verfechter einer Versöhnung zwischen Ost und West, sprach damals zur Zeit des Kalten Krieges von einer „anarchischen ethischen Haltung“. Er verstand darunter das irrationale Freund/Feind und Licht/ Schatten-Denken und verband damit die propagierte Kündigung des Mitmensch-Status jeglichen Andersdenkenden. Diese Haltung bezeichnete Iwand als praktische Gottlosigkeit. Diese „anarchische“ Einstellung ist auch maßgebend gewesen bei der Personalisierung der russischen Politik wie sie über Jahrzehnte hin üblich war. Heute spricht man zwar nicht mehr von Kommunismus, aber bei der Erwähnung von Putins Namen wird selten das Adjektiv „früherer Geheimdienstler“ vergessen, und oft wird bei bestimmten in Russland getroffenen Maßnahmen darauf verwiesen: „wie in der Sowjetunion“. Der alte bekannte Begriff von der „Freien Welt“ wird heute durch „den Westen“ ersetzt und der „Kommunismus“ durch den „russischen Nationalismus“, die „gelenkte Demokratie“ oder eine „autoritäre Herrschaft“. Das düstere, drohende Russlandbild muss unter allen Umständen aufrecht erhalten werden, sonst würde die Kreuzzugs-Ideologie vom Freund/Feind nicht mehr funktionieren. Zeichen einer Kreuzzugs-Ideologie ist, dass sie Ängste konstruiert und erzeugt. Das hat den Nebeneffekt, dass die eigenen Reihen geschlossen werden und die inneren Gegensätze überbrückt. Möglicherweise hilft dieser wieder aufgeflammte Kalte Krieg, den Abschluss des vieldiskutierten Handelsabkommens zwischen der EU und den USA zu erleichtern, und den USA gelingt es, die Europäer mehr in ihre militärischen Einsätze hinein zu ziehen.

In diesem Zusammenhang steht auch die Instrumentalisierung der Menschenrechte, wovor der Historiker Eric Hobsbawm immer gewarnt hat. Menschenrechte werden schamlos in den Dienst des Kalten Krieges gestellt, indem man sie relativiert, je nach Interessenslage. Stehen nämlich eigene politische oder militärische Interessen auf dem Spiel, so ist deren Verletzung bei verbündeten Staaten oft überhaupt keiner Erwähnung wert. Dagegen werden bestimmte Menschenrechtsverletzungen auf östlicher Seite oft maßlos aufgebauscht, offensichtlich mit dem Ziel, eine negative Stimmung zu erzeugen. Ein Beispiel dafür ist die Pussy-Riot-Affäre. Auf der anderen Seite jedoch werden gravierende Menschenrechtsverletzungen auf westlicher Seite, wie beispielsweise Drohnen-Angriffe, Folter, weltweite IT-Überwachung, in erschreckender Weise heruntergespielt. Biblisch gesprochen: Man sieht die Splitter in den Augen der anderen, aber die Balken im eigenen Auge sieht man nicht.

In der intensiven Phase des Kalten Krieges, d. h. in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, bemühten sich besonders die Vertreter der Bekennenden Kirche in Deutschland um Versöhnung, um einen Brückenschlag zwischen Ost und West und um den Abbau aller Vorurteile. Ich habe die wichtigsten theologischen und politischen Äußerungen aus jener Zeit seitens der Vertreter der Bekennenden Kirche durchgeschaut und habe dabei festgestellt, dass sie ihre Relevanz auch noch für unsere Zeit haben und sie auch die heutigen Kirchen herausfordern

Heute wie damals geht es um Buße angesichts der „organisierten Unbußfertigkeit“ (Hans-Joachim Iwand). Das bedeutet vor allem, die Politik der erhobenen Zeigefinger zu überwinden. Der erhobene Zeigefinger sieht die Schuld nämlich immer nur bei den anderen und lenkt von den Übeln in den eigenen Reihen ab. In diesem Zusammenhang sind besonders manche Sätze des sogenannten „Darmstädter Wortes“ des Bruderrates der Evangelischen Kirche in Deutschland im Jahr 1947, also auf der Schwelle zum Kalten Krieg, besonders auch für unsere Zeit wichtig und aktuell: „Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, eine christliche Front aufzurichten ...“, „Wir sind in die Irre gegangen, als wir meinten, eine Front der Guten gegen die Bösen, des Lichtes gegen die Finsternis, der Gerechtigkeit gegen die Ungerechtigkeit im politischen Leben bilden zu müssen ...“, „Wir haben es unterlassen, die Sache der Armen und Entrechteten ... zur Sache der Christenheit zu machen“.

Es wäre entscheidend wichtig, sich die mahnenden Worte von Hans-Joachim Iwand zu eigen zu machen, dass bei allen Versöhnungsbemühungen eine neue Sicht der Liebe nötig ist, dass nämlich „die Liebe in erster Linie ein neues Sehen bedeutet“. Dazu gehört heute zweifellos, die Ängste und dunklen Erinnerungen vieler Russen zu sehen, die „das radikal Böse“ (Titel des Filmes von Stefan Rusowitzky) des organisierten millionenfachen Mordes an Zivilisten durch die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg ausgelöst hat. Man muss auch sehen, dass diese Erinnerungen politische Reaktionen und Handlungen beeinflussen, die von außen gesehen als aggressiv erscheinen. Zu diesem neuen Sehen fordert die konservative und national argumentierende Denkweise der russisch-orthodoxen Kirche heraus, die sehr stark historisch begründet ist. Man muss diese Dinge verstehen, auch wenn man sie nicht unbedingt gutheißt. Zu diesem neuen Sehen gehört auch zu erkennen, dass das westeuropäische Demokratiemodell, wieder historisch begründet, für Russland nicht im Verhältnis eins zu eins umzusetzen ist.

In den Fünfziger und Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unterstrichen viele Persönlichkeiten der Bekennenden Kirche die Einheit und die Zusammengehörigkeit der Menschen aus verschiedenen politischen und weltanschaulichen Lagern. Denn „Gott lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten“ (Matthäus 5, 45). Das war auch der eine Beweggrund für die Gründung der CFK 1959. Diese Einheit und Zusammengehörigkeit wurde theologisch begründet sowohl von der Schöpfung als auch von der Erlösungstat Christi her. Jesus hat die gesellschaftlichen, weltanschaulichen und nationalen Trennmauern zwischen Mensch und Mensch niedergerissen, betonte der Apostel Paulus. Darum sehen Christen in ihren Mitmenschen nicht mehr Fremde oder gar Feinde, sondern zuerst und vor allem Brüder und Schwestern. Diese Zusammengehörigkeit ging so weit, dass die ersten Christen sich für eine ökonomische Harmonisierung und für einen Ausgleich zwischen Arm und Reich einsetzten in dem Sinne: Dass sie alles gemeinsam hatten (Apg. 4, 32).

Dies waren einige Beispiele, wie die Bekennende Kirche in Deutschland zur Zeit des Kalten Krieges die Situation gesehen hat und sich für Versöhnung zwischen Ost und West einsetzte. Sie verstand sich auch als Sprachrohr der anderen Seite und artikulierte die Sicht und Gefühle der anderen Seite, was zu Missverständnissen und auch oft Unverständnis einer Mehrheit in der Gesellschaft geführt hat. Aber es ist eine biblische Wahrheit, dass eine eingefleischte Konvention gegen den Strich gelesen und gedeutet werden muss – um eine Bloch'sche Formulierung zu aktualisieren.

 

 

Aktueller Kommentar

WELTKRIEGS(GE)DENKEN

Von Adalbert Krims

Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn dem Königreich Serbien den Krieg und löste damit den Ersten Weltkrieg aus. Am 1. September 1939 marschierte die Deutsche Wehrmacht in Polen ein und damit begann der Zweite Weltkrieg. Der 100. bzw. 75. Jahrestag des Beginns dieser beiden größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts sind Anlass, nicht nur der Opfer zu gedenken, sondern sich auch mit den Ursachen der Kriege zu beschäftigen und Lehren daraus zu ziehen. Vor allem zu „100 Jahre Erster Weltkrieg“ gibt es zahlreiche Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt sowie viele Ausstellungen und andere Veranstaltungen.

Dass Kriege vor allem ökonomische Ursachen haben, ist inzwischen weitgehend anerkannt und trifft auch – und besonders – auf die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts zu. Was die beiden Weltkriege von den Kriegen früherer Jahrhunderte unterscheidet, ist – neben der großen Anzahl der beteiligten Länder – einerseits das Ausmaß der Opfer und Zerstörung, andererseits aber auch die massenhafte Kriegsbegeisterung. Im 1. Weltkrieg wurde neben Plakaten, Flugblättern und Zeitungen erstmals auch der Film als Propagandamedium eingesetzt. Die Kriegspropaganda konzentrierte sich darauf, einerseits die eigene Stärke und Überlegenheit herauszustreichen, andererseits – auch durch gezielte Falschinformation – ein möglichst negatives Bild des „Feindes“ zu vermitteln („Gräuelpropaganda“). Die im 1. Weltkrieg entwickelte Kriegspropaganda wurde dann vor und während des 2. Weltkriegs durch Joseph Goebbels perfektioniert. Die Propaganda wurde so zu einem wesentlichen Teil der Kriegsführung selbst („psychologische Kriegsführung“).

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“, erklärte der republikanische US-Senator Hiram Johnson 1917 in Anlehnung an Aischylos, den Schöpfer der Griechischen Tragödie (525 – 456 v. Chr.). Dabei geht es nicht nur um offene Lügen bzw. Falschmeldungen, sondern auch um die einseitige Auswahl bzw. Interpretation von Informationen, um das Weglassen einerseits und das Aufbauschen andererseits, durch das Hinzufügen von verstärkenden oder abschwächenden Beiwörtern etc. Da die „psychologische Kriegsführung“ nicht erst beginnt, wenn der erste Schuss fällt, und außerdem schleichend daherkommt, ist sie nicht immer leicht zu erkennen. Gerade deshalb sollte man die Worte eines so erfahrenen und besonnenen Politikers wie Helmut Schmidt über die aktuelle Lage bezüglich Russland/ Ukraine ernst nehmen: „Ich halte nichts davon, einen dritten Weltkrieg herbeizureden, erst recht nicht von Forderungen nach mehr Geld für Rüstung der Nato. Aber die Gefahr, dass sich die Situation verschärft wie im August 1914, wächst von Tag zu Tag...  Europa, die Amerikaner, auch die Russen verhalten sich so, wie es der Autor Christopher Clark in seinem lesenswerten Buch über den Beginn des Ersten Weltkriegs beschrieben hat: wie Schlafwandler.“ (BILD, 16. 5. 14). Und schon jetzt sind alle Elemente von Kriegsberichterstattung zu erkennen: einseitige Parteinahme, Doppelmoral, Verzerrungen, Verharmlosung, Verschweigen, Unterstellungen, Mutmaßungen. Dass dies nicht nur auf einer Seite geschieht, macht die Sache nicht besser, sondern nur gefährlicher, weil sich die Spirale weiterdreht.

Wenn wir also in diesem Jahr an zwei Weltkriege erinnert werden, so sollten wir nicht nur an Vergangenes denken, sondern auch fragen, inwieweit heute ökonomische Interessen, Feindbilder und psychologische Kriegsführung erneut den Frieden bedrohen – auch, aber nicht nur in Bezug auf Ukraine und Russland.

 

 

Herbert Berger

HOFFENTLICH IRRE ICH MICH!

Früher hatte ich klare Hoffnungen: Sieg der Sandinisten in Nicaragua, Ende der Diktatur in Chile, Überwindung der Apartheid in Südafrika, sozialer Fortschritt in Österreich, demokratischer Sozialismus in immer mehr Ländern Europas und der Welt, Ende des Elends und der Ausbeutung in den damals sogenannten Entwicklungsländern, mit einem Wort: immer mehr Gerechtigkeit, Freiheit und Geschwisterlichkeit unter allen Menschen, unter allen Völkern.

Es ist nicht nötig aufzuzählen was tatsächlich in den letzten Jahrzehnten besser wurde, genau so wenig wie ich an die Rückschläge und Niederlagen erinnern muss. Aber worauf ich eingehen möchte, ist das heute weit verbreitete Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem Lauf der Geschichte, der weit verbreiteten Orientierungslosigkeit, der mangelnden Zielsetzungen für einen Kampf, für den es sich lohnt, sein Leben einzusetzen. Ich muss mich sofort korrigieren, denn es gibt nicht nur zahllose Menschen, die in Selbstlosigkeit und Tapferkeit für eine bessere Welt eintreten und es gibt in allen Ländern zahlreiche Gruppen, wo Frauen und Männer gemeinsam für Menschenrechte, gegen Umweltzerstörung, für Asylsuchende, für Benachteiligte jeder Art, für Aufklärung und Bewusstseinsbildung engagiert sind und größere oder kleinere Erfolg erreichen. Aber was ich nicht sehe, was ich vermisse, das ist eine gemeinsame Grundausrichtung all dieser Kämpfer und Idealisten, eine gemeinsame große Idee, die nicht nur den Aktiven eine unerschütterliche geistige Basis ist, sondern auch die Strahlkraft hat, die große Mehrheit zu motivieren und zu bewegen. Ich vermisse vor allem die Diskussion über diesen Mangel, eine Diskussion über die Frage, wo der Schwerpunkt unserer Kämpfe liegen muss, ob wir ein allen spezifischen Anliegen übergeordnetes gemeinsames Ziel haben.

Eric Hobsbawm, der große englische Historiker, schreibt in seinem Werk „Das Zeitalter der Extreme, Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts“: „Die Zukunft kann keine Fortsetzung der Vergangenheit sein. Es gibt nicht nur äußere, sondern gleichsam innere Anzeichen dafür, dass wir am Punkt einer historischen Krise angelangt sind.“ Eine historische Krise, da weder der Kapitalismus noch der sogenannte reale Sozialismus zukunftsfähig sind. „Wenn die Menschheit eine erkennbare Zukunft haben soll, dann kann sie nicht darin bestehen, dass wir die Vergangenheit oder Gegenwart lediglich fortschreiben. Wenn wir versuchen, das dritte Jahrtausend auf dieser Grundlage aufzubauen, werden wir scheitern. Und der Preis für dieses Scheitern, die Alternative zu einer umgewandelten Gesellschaft, ist Finsternis.“ (S. 720)

Im neuen Jahrtausend müssten nach Hobsbawm soziale Umverteilung, Reduzierung des Bevölkerungswachstums und die ökologischen Probleme im Mittelpunkt stehen. Die Wirtschaftswachstumsrate gegen Ende des 20. Jahrhunderts „wird mit Sicherheit die Lebensmuster in der Biosphäre verändern und sie damit vielleicht für die uns bekannte menschliche Spezies in ihrer derzeitigen Anzahl unbewohnbar machen….Die Zeit, die uns noch bleibt, um mit diesen Problemen fertig zu werden…kann nicht mehr in Jahrhunderten, sondern nur noch in Jahrzehnten gemessen werden.“ (S. 701) Das schrieb Hobsbawm bereits in den frühen Neunzigerjahren! Und heute, zwei Jahrzehnte später, setzen wir noch immer die Vergangenheit fort und werden die oben genannten Probleme zur Seite geschoben. Aktuell sehen wir es z. B. daran, dass es praktisch Null Echo auf den eben veröffentlichen UN-Weltklimabericht gibt, der vor den dramatischen Folgen der Erderwärmung warnt. Gier nach Geld und Macht bestimmt die Wirtschaft und die Politik.

Das Denken unserer Zeit und die Politik der meisten Staaten beherrscht der Neoliberalismus, dessen Versagen durch das Elend der Menschenmassen im Süden und den Frust der Menschen im Norden täglich bewiesen wird, dessen auf das große Kapital gestützte Herrschaft aber andauert. Wieso lassen wir uns das seit Jahrzehnten bieten, wieso ertragen es die Benachteiligten in aller Welt? Haben wir alle schon die Hoffnung aufgegeben? Wieso wird aus den vielen zahlreichen positiven Initiativen, die es ja wirklich überall auf der Welt gibt, keine globale Bewegung, die dem neoliberalen Übel ein Ende bereitet?

Oder gibt es doch eine positive Entwicklung der Menschheit, die wir, weil wir enttäuscht wurden in den letzten Jahrzehnten, nicht richtig sehen? Jeremy Rifkin schrieb das Buch „Die empathische Zivilisation“ und zeichnet eine global verbreitete Empathie als mögliche Zukunft der Welt. Er analysiert die menschliche Geschichte unter dem Blickwinkel von immer größer werdenden konzentrischen Kreisen der Empathie. War sie früher auf den eigenen Stamm oder Clan begrenzt, so hätte die Empathie immer weitere Gruppen, Staaten und Staatengruppen erfasst und stünde nun die weltweit empfundene Empathie als nahe Zukunft bevor. Die Frage sei nur, ob die globale Empathie den Wettlauf mit der ökologischen Zerstörung gewinnt, ob die Umkehr unseres Verhaltens zur Natur noch rechtzeitig einsetzt. Das heißt, ob die menschliche Zivilisation durch eine ökologische Katastrophe zugrunde geht, bevor wir eine globale empathische Zivilisation erreichen.

Also auch bei diesem an sich positiven und sehr optimistischen Ansatz (Rifkin bewertet sicherlich viele Konfliktbereiche zu wenig) steht die Gefahr der ökologischen Katastrophe im Zentrum der Zukunftsüberlegungen. Robert Jungk, der durch seinen Kampf gegen die Atomenergie und für den Frieden, aber auch durch sein Eintreten für eine auf der Sonnenergie basierende Gesellschaft bekannt wurde, schreibt im „Sonnenbuch“: „Wie lange der Übergang von der heutigen, durch zahlreiche einander überschneidenden und gegenseitig sich aufschaukelnden Krisen gekennzeichneten Situationen zu dieser neuen Periode der Menschheitsgeschichte (das Sonnenzeitalter, Anm. d. Autors) dauert, und ob er überhaupt gelingt, hängt wesentlich davon ab, wie geschickt und beharrlich die Besorgten auf eine hellere Zukunft drängen werden. Sie kommen heute aus allen Kontinenten, allen Völkern, allen Schichten und allen politischen Lagern. Bisher eint sie nur die Ablehnung des Bestehenden und die oft unerträgliche Last ihrer Betroffenheit, doch sie werden unter dem Druck der Ereignisse allmählich gemeinsame Überlebensstrategien entwickeln.“ (S. 19)

Ich hoffe mich zu irren, wenn ich zu wenig Geschicklichkeit und Beharrlichkeit von uns, die wir uns betroffen fühlen, zu sehen meine.

PS: Der Autor würde sich über Reaktionen freuen – per e-mail an: herbert_berger@tele2.at

Dr. Herbert Berger, geb. 1933, Studium der katholischen Theologie in Wien, 1968 – 1973 Pastoral- und Sozialarbeit in Chile. Nach der unfreiwilligen Rückkehr Arbeit als Meinungsforscher bei IFES und in der SPÖ-Zentrale. Danach am Renner-Institut zuständig für Entwicklungspolitik. In den letzten Jahren vor der Pensionierung im Jahre 1998 Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Entwicklungszusammenarbeit.