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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 432/433                      November/Dezember 2019

 

 

 

AMAZONIEN-SYNODE: SUCHE NACH NEUEN WEGEN

Die Amazoniensynode vom 6. bis 27. Oktober 2019 im Vatikan stand unter dem Thema „Amazonien – neue Wege für die Kirche und eine ganz­heitliche Ökologie“. Sie war eine Sonderversammlung von Kardinälen, Bischöfen, Ordensvertretern sowie Experten aus Ländern der Ama­zo­nasregion, vatikanischen Behörden sowie der Weltkirche (aus Österreich Kardinal Schönborn und Bischof Kräutler). Von den rund 280 Teil­neh­mern waren 35 Frauen. Stimmrecht hatten aber nur die 185 Bischöfe und Ordensoberen.

Folgende Themen wurden auf der Synode besprochen: Probleme, die sich durch die Ausbeutung der Rohstoffvorkommen und durch Mono­kul­tu­ren ergeben, vor allem für die indigene Bevölkerung wie Landkonflikte, Vertreibung, Umweltverschmutzung, mehr Aufmerksamkeit für indi­ge­ne Traditionen, Seelsorge in einem riesigen und schwer zugänglichen Gebiet.

Die Synode wurde offiziell am Sonntag, 27. Oktober, mit einer feierlichen Papstmesses beendet. Das Schlussdokument wurde jedoch schon am 26. von den teilnehmenden Bischöfen verabschiedet, wobei für jeden der 120 Abschnitte die Zweidrittelmehrheit erforderlich war. Obwohl die Ab­­schlusserklärung eigentlich nur eine Empfehlung an den Papst ist (der sie annehmen, verändern oder auch verwerfen kann), wurde sowohl der Wortlaut des Dokuments als auch das Abstimmungsergebnis – im Unterschied zu Bischofssynoden der vergangenen Pontifikate – sofort ver­­öffentlicht.

In der Medienberichterstattung über die Synode dominierten eindeutig die Frage des Zölibats bzw. der Priesterweihe für verheiratete Männer so­wie der Diakonatsweihe für Frauen. Die diesbezüglichen Beschlüsse gingen vielen Teilnehmern nicht weit genug, anderen hingegen bereits zu weit. Immerhin ist es gelungen, für die gefundenen Kompromisse nicht nur die erforderliche Zweidrittel-, sondern sogar eine Dreiviertel­mehr­heit zu bekommen.

Diese medial im Vordergrund stehenden Themen waren aber nicht die eigentlichen zentralen Zielsetzungen der Versammlung. Papst Franzis­kus, der die Synode schon vor zwei Jahren einberufen hatte, nannte damals als „Hauptziel... neue Wege der Evangelisierung für diesen Teil des Volkes Gottes zu finden, insbesondere für die Indigenen, die regelmäßig vergessen werden und keine Aussicht auf eine gute Zukunft haben“. Dass die indigenen Völker in ihrer Existenz bedroht sind, habe ursächlich mit der Krise des Amazonas-Urwalds zu tun, „der Lunge von größter Wichtigkeit für unseren Planeten“, erklärte Franziskus am 15. Oktober 2017. Für den Papst war die Amazonas-Synode eigentlich eine Fortsetzung und Konkretisierung seiner Umwelt-Enzyklika „Laudato Si“. Es geht ihm um den Schutz des Regenwaldes und seiner Bewohner.

Das 33 Seiten lange Abschlussdokument gliedert sich in 5 Kapitel, wobei das erste die Grundlage der restlichen vier bildet.

1. Ganzheitliche Bekehrung

Das Kapitel spricht vom Schrei der Armen, den „Attentaten gegen die Natur“, dem bedrohlichen Verlust des Regenwaldes, der Migration, der Aus­beutung und der Antwort der Kirche in dieser Lage. Heute habe „die Kirche die historische Chance, sich von den neuen Kolonialkräften zu un­terscheiden, indem sie den amazonischen Völkern zuhört“ (Abschnitt 15). Darüber hinaus öffne „die sozio-ökonomische Krise neue Ge­legen­hei­ten, Christus in all seiner befreienden und humanisierenden Kraft“ zu verkünden. Der Schrei der Erde und der Schrei der Armen nötige der Kir­che eine umfassende Bekehrung ab, persönlich ebenso wie gemeinschaftlich. Mittelpunkt dieser Bekehrung sei „das lebendige Evangelium, das Jesus Christus ist“ (19).

2. Pastorale Bekehrung

„Kirche ist Mission!“ (21), heißt es mit Ausrufezeichen im 2. Kapitel. Die Synode stellt hier ihr Grundlagenverständnis einer Kirche der Zukunft vor: eine samaritanische, barmherzige, solidarische Kirche, eine „magdalenische“ Kirche, „die sich geliebt und versöhnt fühlt und mit Freude und Überzeugung den gekreuzigten und auferstandenen Christus verkündet“ (22). Es folgt ein Verweis auf Ökumene und den Dialog mit indi­ge­nen Religionen: die Beziehungen zu Pfingstkirchen, Charismatikern und Evangelikalen sei in Amazonien „nicht einfach“, die Anzie­hungs­kraft dieser Kirchen für katholische Gläubige müsse Anlass zur Gewissenserforschung sein (24).

Indigene Religionen jedoch „verdienen gekannt und in ihren eigenen Ausdrücken und ihren Beziehungen zum Wald und zur Mutter Erde ver­stan­den zu werden“ (25). In der Begleitung amazonischer Völker soll die katholische Kirche indigene Berufungen gezielt fördern: „Amazonien muss auch durch Amazonier evangelisiert werden“ (26).

Mehr Aufmerksamkeit müsse Migranten und Jugendlichen gelten. Die Kirche sehe in den jungen Menschen einen „theologischen Ort“, sie seien „Pro­pheten der Hoffnung“, dialogorientiert und aufmerksam für „das gemeinsame Haus“, also die Schöpfung.

3. Kulturelle Bekehrung

Wirklich „einheimische“ katholische Kirchen in Amazonien können nur dort entstehen, wo das Evangelium „inkulturiert“, also kulturell be­hei­ma­tet ist. Solche Kirchen seien „vereint im einen Glauben an Christus und verschieden in ihren Weisen, diesen Glauben zu leben, zu zeigen und zu feiern“ (42).

In diesem Kapitel ergreift die Synode klar Partei für eine Allianz mit den amazonischen Völkern. Sie spricht von der Notwendigkeit, „Attentate gegen das Leben und die Gemeinschaften Indigener“ anzuzeigen und Projekte zu demaskieren, die deren Rechte einschränken. „Die An­we­sen­heit der Kirche in den indigenen und traditionellen Gemeinden braucht das Bewusstsein, dass die Verteidigung der Erde keinen anderen Zweck hat als die Verteidigung des Lebens“ (46). Für die Kirche sei diese Verteidigung des Lebens, der Gemeinschaften, der Gebiete und der Rechte der Indigenenvölker „ein Prinzip des Evangeliums“ (47).

Klar weist das Synodendokument die Vorstellung zurück, Kirche könne heute noch gleichsam als Kolonialherrin, von oben herab, auftreten. „Wir alle sind dazu eingeladen, uns den amazonischen Völkern auf Augenhöhe zu nähern, ihre Geschichte, ihre Kulturen, ihren Stil des ,guten Le­bens´ zu respektieren. Kolonialismus ist das Auferlegen bestimmter Lebensarten von einem Volk auf das andere, wirtschaftlich, kulturell oder re­ligiös. Wir weisen eine Evangelisierung im Kolonialstil zurück.“ (55).

4. Ökologische Bekehrung

Unser Planet ist ein Geschenk Gottes“, beginnt dieses Kapitel (65) und lenkt den Blick auf dringend erforderliches Handeln angesichts einer „so­zioökologischen Krise“ im noch nie dagewesenen Ausmaß. Sich als katholische Kirche mit der unbegrenzten Ausbeutung des „gemeinsamen Hau­ses und seiner Bewohner“ auseinanderzusetzen, sei dringend. Zur ganzheitlichen Ökologie gebe es keine Alternative, sie sei nicht irgendein zu­sätzlicher Weg, den die Kirche wählen könne, um die Zukunft dieses Gebiets zu sichern: „Sie ist der einzige mögliche Weg.“ (67)

Die Synode beklagt die Kriminalisierung von Führungspersonen, die die Rechte der angestammten Bevölkerung verteidigen. Die Verteidigung der Menschenrechte, für Einzelne wie für Gemeinschaften, sei für Christen nicht einfach optional (70), sondern „ein Erfordernis des Glau­bens“. Auch wenn es nicht immer möglich sei, das vorherrschende zerstörerische Entwicklungsmodell zu ändern, müsse die Kirche zumindest klar machen, auf welcher Seite sie steht und „wie sie die politische und ethische Dimension“ ihres Glaubens übermittelt.

Drei Absätze des Kapitels gelten neuen Modellen für gerechte, solidarische und nachhaltige Entwicklung. Das neue Paradigma müsse „sozial in­klu­siv“ sein und wissenschaftliche wie traditionelle Erkenntnisse zu vereinen wissen, auch das überlieferte Wissen der Indigenen mit ihrer Kos­mo­vision (73). Jedes einzelne Vorhaben zum Abbau von Rohstoffen in Amazonien müsse auf seinen Wert für das Gebiet und seine Be­völ­ke­rung hin bewertet werden. Profit dürfe nicht höher stehen als Umweltfragen und Menschenrechte. Die Soziallehre der Kirche umfasse schon län­gere Zeit auch die ökologische Frage, heute sehe sie sich „bereichert mit einem umfassenderen Blick“. Wie Indigene mit ihren Lebensgebieten um­gehen und sie schützen, sei eine gute Leitlinie für die Umkehr zur ganzheitlichen Ökologie (79).

5. Neue Wege der synodalen Bekehrung

Damit die Kirche wirklich miteinander voranschreitet, braucht sie heute eine Umkehr zur synodalen Erfahrung (88), hält die Synode fest. Den Weg zu diesem neuen Miteinander bereite eine Kultur des Dialogs und des Zuhörens, der geistlichen Unterscheidung, des Konsens „um Räume und Modalitäten geteilter Entscheidung zu finden und auf die pastoralen Herausforderungen zu antworten“. So werde sich im Leben der Kir­che eine geteilte Verantwortung „im Geist des Dienens“ herausbilden. Die Synode stellt diese Aufgabe als dringlich heraus, um „Klerikalismus und willkürliche Eingriffe“ zu überwinden.

Besonders hebt die Synode die Mitverantwortung der Laien hervor. „Wir erkennen die Notwendigkeit an, die Räume für die Teilhabe von Laien zu stärken und zu erweitern, beim Beraten wie auch beim Entschei­den“ (94). Für die amazonische Kirche sei es dringend, „Dienste an Männer und Frauen gleichermaßen“ zu verleihen.

Predigt des Papstes

Mit einer feierlichen Papstmesse im Petersdom ging die Synode am 27. 10. zu Ende. In seiner Predigt verurteilte Papst Franziskus die Ver­ach­tung fremder Traditionen und ein Überlegenheitsdenken, das zu Unterdrückung und Ausbeutung führe. Auch unter praktizierenden Katholiken sei ein solches Denken verbreitet, kritisierte der Pontifex. Er beklagte ein „vernarbtes Antlitz Amazoniens“. Die Fehler der Vergangenheit hätten nicht genügt, damit aufzuhören, „die anderen auszuplündern und unseren Geschwistern wie auch unserer Schwester Erde Wunden zuzufügen“. Zum Abschluss warb er für kulturelle Vielfalt in der katholischen Kirche und einen eigenen Amazonas-Ritus

Quelle: „AMERICA. The Jesuit Review“, New York, Leitartikel der Herausgeber, 30. 8. 19.

 

EINWANDERUNG UND RASSISMUS

Hirtenbrief von Bischof Mark Seitz (El Paso)

Die restriktive Einwanderungspolitik der Regierung Trump hat die Situation an beiden Seiten der Grenze zwischen den USA und Mexiko weiter ver­schärft. Auf der US-Sei­te sind 5.500 Soldaten im Einsatz, außerdem hat Trump gerichtlich durchgesetzt, dass für den geplanten Mauerbau Mit­tel aus dem Verteidigungshaushalt durch eine Not­standserklärung umgewidmet werden dürfen, nachdem zunächst die Demokraten im Kon­gress ein eigenes Budget für den Grenzwall verhindert hatten. Guatemala, El Salvador und Honduras, aus denen die meisten Migranten kom­men, haben auf Druck der USA ein Abkommen unterzeichnet, mit denen sie zu „sicheren Drit­t­staa­ten“ erklärt wurden und sie sich zur Rück­nah­me illegaler Einwanderer bereiterklärten. Auch Mexiko steht unter schwerem Druck der US-Regierung und setzt 250.000 Sol­daten an den Gren­zen zu Guatemala und den USA ein, um die illegale Migration zu unterbinden. Diese Maßnahmen haben zwar zu einem drastischen Rück­gang der Ein­wanderungszahlen geführt, zugleich aber die humanitäre Situation auf beiden Seiten der Grenze zwischen den USA und Mexiko ver­schärft. Anlässlich des Welttags der Flüchtlinge und Migranten am Sonntag, 29. September, haben fünf katholische Bischöfe aus Grenz­diö­ze­sen der USA sich ein Bild von der Lage gemacht.

Für Bischof Oscar Cantu von San José hat das Thema Einwanderung eine persönliche Dimension. Seine Eltern kamen vor sechs Jahrzehnten aus einer kleinen mexi­ka­ni­schen Stadt bei Monterrey in die USA. Sie fanden in Texas Arbeit und gründeten eine Familie. Der kleine Oscar kam als fünftes von acht Kindern in der texanischen Metropole Houston zur Welt. Er besuchte dort eine katholische Schule, studierte in Dallas, erhielt 1994 die Priesterweihe und qualifizierte sich an der Päpstlichen Uni­ver­si­tät Gregoriana in Rom für höhere Aufgaben.

Gemeinsam mit mehreren anderen US-Bischöfen besuchte er die US-Südgrenze und traf mit Flüchtlingen und Migranten im texanischen El Paso und im mexikanischen Ciu­dad Juarez zusammen. Die Bischöfe zeigten sich besorgt. Es sei verheerend, die Träume der Migranten zerstört zu se­hen, zitiert der katholische US-Pressedienst CNS Bi­schof Cantu. „Träume, die meine eigenen Eltern als Einwanderer aus Mexiko vor 60 Jahren hatten.“ Die Bischöfe, zu denen auch Mark Seitz von El Paso, Peter Bal­dacchino von Las Cruces, Brendan Cahill von Victoria und John Stowe von Lexington gehörten, waren zuvor diesseits und jenseits der Grenze mit Flüchtlingen und Migranten zusammengetroffen. Auf mexikanischem Boden begegneten sie Menschen, die auf eine Einreise hofften, in den USA Migranten, die auf ihre Ab­schie­bung warteten.

Wir sind ganz besonders besorgt über die Flüchtlinge, die in Ciudad Juarez festsitzen", sagt der Bischof von El Paso, Mark Seitz. Laut CNS war­teten zum Zeitpunkt des Besuchs der Bischöfe rund 1.750 mexikanische Staatsangehörige an der Grenze auf die Möglichkeit, einen Asyl­an­trag in den USA zu stellen. Seit die US-Regierung am Kongress vorbei sogenannte sichere Drittstaaten-Regelungen schuf und neue Bestim­mun­gen erließ, die es Flüchtlingen drastisch erschweren, in die USA zu kommen oder dort zu bleiben, sind die Kapazitäten auf mexikanischer Seite ausgereizt.

Zwei Wochen nach dem gemeinsamen Besuch von 5 Bischöfen an der US-mexikanischen Grenze veröffentlichte Bischof Mark J. Seitz von El Paso einen Hirtenbrief über Rassismus, in dem er die „Fremdenfeindlichkeit, die die USA zerstört“, scharf verurteilt und die Grenzmauer als „Denk­mal des Hasses“ beschreibt. Das Dokument ist das erste seiner Art von einem kirchlichen Amtsträger, der den Rassismus aus der Per­spek­ti­ve der Grenze behandelt und ein Ende weiterer Abschiebungen fordert.

Die Veröffentlichung erfolgte am 13. Oktober, am Vorabend des kontroversiellen Feiertages, zu dem der „Kolumbustag“ (Anm.: zum Geden­ken an die Landung von Christoph Kolumbus in Amerika am 12. Oktober 1492. In den USA wird es aber am 2. Montag im Oktober begangen, das war heuer der 14.) geworden ist, beschreibt er – un­ter Hinweis auf die Rolle der Kirche beim Rassismus an der Grenze, insbesondere unter den indigenen Gemeinschaften, – den Schmerz der Latinos im Gebiet von El Paso nach einer Massenerschießung im August, fordert aber auch die Behörden auf, das Leben des beschuldigten Täters zu schonen.  (Anm.: Am 3. August d. J. hatte ein rassistisch motivierter Attentäter in einem Kaufhaus von El Paso mehr als 20 Menschen getötet).

Bereits im 1. Absatz des Hirtenbriefes betonte Bischof Seitz etwas, was die US-Bischofskonferenz als kollektives bischöfliches Gremium im Herbst vergangenen Jahres nicht leisten konnte: Er benannte die Realität der weißen Vorherrschaft in den Vereinigten Staaten und sprach die hi­sto­rische und anhaltende Gewalt des systemischen Rassismus in unserer Mitte direkt an: „Wenn wir ehrlich sind, geht es beim Rassismus wirk­lich darum, ein System von weißen Privilegien und Vorteilen auf der Grundlage der Hautfarbe voranzubringen, zu unterstützen und nicht zu be­kämpfen. Wenn dieses System beginnt, unsere öffentlichen Entscheidungen zu beeinflussen, unser gemeinsames Leben gemeinsam zu struk­tu­rie­ren und zu einem Werkzeug der Klasse zu werden, wird dies zu Recht als institutionalisierter Rassismus bezeichnet. Maßnahmen zum Aufbau die­ses Systems des Hasses und der Untätigkeit gegen seine Demontage sind das, was wir zu Recht als weiße Vorherrschaft bezeichnen. Dies ist das Böse und der ,Vater der Lügen‘ (Johannes 8,44), der in unseren täglichen Entscheidungen und Lebensstilen sowie in unseren Gesetzen und In­sti­tutionen inkarniert ist.

Seitz beschwört Märtyrer, darunter den Heiligen Oscar Romero, den Seligen Stanley Rother, Martin Luther King jr. und vier Maryknoll-Mis­sio­na­rinnen, die in El Salvador getötet wurden, und wünscht sich wie sie: „Ich kann ohne Angst sprechen, wenn es nötig ist, und helfen, de­nen, die nicht gehört wurden, eine Stimme zu geben“.

Der Brief mit dem Titel „Es wird nicht mehr Nacht sein“ wurde am Ende einer Versammlung katholischer Latino-Organisatoren, -Gewerk­schafts­führer, -Wissenschafter und -Aktivisten in El Paso vom 11. bis 13. Oktober veröffentlicht. Der Brief  beginnt und endet mit dem Ge­spenst des 3. August, das auf ein Walmart-Kaufhaus in der Stadt schießt, ein gewalttätiges und blutiges Ereignis, von dem die Behörden glau­ben, dass es gezielt gegen Latinos gerichtet war.

Der Hass besuchte unsere Gemeinschaft und Latino-Blut wurde als Opfer für den falschen Gott der weißen Vorherrschaft vergossen“, schrieb der Bischof. Dieses Ereignis veranlasste ihn, den Brief zu schreiben, erklärte er, „nach dem Gebet und dem Gespräch mit dem Volk Gottes der Kir­che von El Paso“, um „gemeinsam über das Böse nachzudenken, das uns 22 Leben geraubt hat“. Unter anderem über das, was er gehört hat: „Latinos sa­gen mir jetzt, dass sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben unsicher fühlen, sogar in El Paso. Sie haben das Gefühl, dass sie auf­grund ihrer Hautfarbe und Sprache Zielscheiben auf dem Rücken haben. Sie haben das Gefühl, dass sie in ihrem eigenen Haus als ,Fremde in einem fremden Land‘ leben müssen.“

Der Mord sei ein Beispiel für den Rassismus gegenüber Latinos, der in der Nation „einen gefährlichen Fieberpegel“ erreicht habe. „Unsere höchsten gewählten Vertreter haben das Wort ,Invasion’ und ,Mörder’ über 500 Mal verwendet, um sich auf Migranten zu beziehen, behan­del­ten Migrantenkinder als Bauern auf einem politischen Schachbrett, unterstellten, dass farbige Richter und Gesetzgeber unamerikanisch seien und machten den Mauerbau zu einem zentralen politischen Projekt", heißt es in dem Hirtenbrief. In den Worten von Papst Franziskus, diese „Zei­chen der Bosheit, die wir um uns herum sehen, verstärken unsere Angst vor dem anderen“.

Der gleiche tödliche Sünden­pfuhl, der den Angriff auf Migran­ten motiviert, die Sicherheit und Zuflucht in unserer Grenzgemeinde suchen, hat die Ermordung unserer Nachbarn am 3. August motiviert", setzte Bischof Seitz fort. „Die Sünde vereint Menschen um Angst und Hass he­r­um. Wir müssen den Rassismus benennen und bekämpfen, der sein Haupt im Zentrum unseres öffentlichen Lebens erhebt und die Kräfte der Dun­kel­heit ermutigt hat.“

Obwohl Seitz das Massaker scharf verurteilte, bat er die Behörden, das Leben des beschuldigten Schützen Patrick Crusius zu verschonen, des 21-Jährigen, der angeblich Nachrichten in den sozialen Medien hinterlassen hat, in denen er zum Ausdruck brachte, dass er die Schießerei we-gen der „hispanischen Invasion von Texas“ durchführte. Die texanische Staatsanwaltschaft hat angekündigt, dass sie die Todesstrafe beantragen wer­de, wenn er verurteilt wird. „Gerechtigkeit ist sicherlich notwendig. Aber der Kreislauf von Hass, Blut und Rache an der Grenze muss sein Ende finden“, schrieb der Bischof. „Während die Maßstäbe der Gerechtigkeit zugunsten der Notwendigkeit tödlicher Vergeltung zu kippen schei­nen, bietet uns Gott noch eine weitere Chance, das Leben zu wählen. Eine Wahl in einer Weise, die der Menschlichkeit würdig ist“. Er er­läu­terte, wie Rassismus „zu einem Zuhause in unseren Herzen werden kann, unsere Vorstellungskraft und unseren Willen verzerrt und sich in in­di­viduellen Handlungen von Hass und Diskriminierung ausdrückt“.

Dieses Geheimnis des Bösen schließt auch den grundlegenden Glauben ein, dass einige von uns wichtiger, verdienstvoller und würdiger sind als andere. Dazu gehört die hässliche Überzeugung, dass dieses Land mit seiner Geschichte und seinen Chancen und Ressourcen sowie un­se­rem wirtschaftlichen und politischen Leben eher zu den ,weißen‘ Menschen gehört als zu den Menschen nichtweißer Hautfarbe“, schrieb er im Hir­tenbrief. „Dies ist eine perverse Denkweise, die die Menschen aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Hautfarbe in ,uns‘ und ,sie‘, ,würdig‘ und ,un­würdig‘ teilt und den Weg zur Entmenschlichung ebnet.“

Dunkelhäutige Menschen unterliegen unterschiedlichen Standards und Behandlungen, und die katholische Kirche ist daran nicht ohne Schuld, be­tonte Bischof Seitz und fügte hinzu, dass „selbst einige unserer Seminaristen über Erfahrungen in Seminaren in verschiedenen Teilen des Lan­des gesprochen ha­ben, von denen angenommen wur­de, dass ihre akademische Vorbereitung minderwertig war und dass sie die Pointe von Witzen waren, die darauf hindeuteten, dass ihre Familien etwas über Drogenhandel wissen müssen“.

Der Bischof der Grenzdiözese El Paso schrieb, dass die vorgeschlagene Grenzmauer ein Symbol für diese Art der Ausgrenzung ist. „Die Mauer ver­tieft rassistisch aufgeladene Wahrnehmungen darüber, wie wir die Grenze sowie Mexikaner und Migranten verstehen. Sie erweitert das ras­si­stische Gerede von einer ,Invasion‘. Sie verewigt den rassistischen Mythos, dass das Gebiet südlich der Grenze gefährlich und fremd ist und dass wir nur passive Beobachter bei der Zunahme der Drogengewalt und des Menschen- und Drogenhandels sind.“, schrieb er. „Die Mauer ist eine physische Erinnerung an das Versagen zweier befreundeter Nationen, ihre inneren und zwischen­staatlichen Probleme auf gerechte und friedliche Weise zu lösen… Sie ist eine zerstörerische Kraft für die Umwelt. Die Mauer tötet Familien und Kinder. Es wird einen Tag geben, an dem wir, nachdem diese Mauer eingestürzt ist, zurückblicken und uns an die Mauer als ein Denkmal des Hasses erinnern werden", heißt es wört­lich in dem Hirtenbrief.

Aber so wie der Brief Kritik äußerte, bot er Lösungen. „Wir müssen uns dafür einsetzen, dass alle unsere Kinder Zugang zu qualitativ hoch­wer­ti­gen Bildungsmöglichkeiten haben, Ungleichheiten in den Kolonien beseitigen, die Einwanderungsreform verabschieden, Diskriminierung be­sei­tigen, den universellen Zugang zur Gesundheitsver­sorgung garantieren, den Schutz des gesamten menschlichen Lebens gewährleisten, die Geißel der Waffengewalt beenden, die Löhne auf beiden Seiten der Grenze verbessern, gerechte und nachhaltige Entwicklungsmöglichkeiten an­bieten, die Umwelt schützen und die Würde jedes Einzelnen achten“, schrieb Bischof Seitz.

So schreiben wir ein neues Kapitel in unserer Geschichte der Solidarität und Freundschaft, an das sich zukünftige Generationen mit Stolz er­in­nern können“, fügte er hinzu. „Dieses Werk der Überwindung des Rassismus und des Aufbaus einer gerechten Gesellschaft ist heilig, denn es trägt zum Aufbau der universellen Stadt Gottes bei, die das Ziel der Geschichte der Menschheitsfamilie ist.“

Während der Messe können Priester die Menschen „zu einem tieferen Bewusstsein für das Gewicht der gemeinsamen und historischen Sünde füh­ren, die wir im Bußritus an den Tisch des Herrn bringen“, schrieb er. „Wir sollten uns sorgfältig fragen, wer noch nicht anwesend ist und wes­sen Kulturen sich noch nicht beim Festmahl des Herrn widerspiegeln, das wir am Altar feiern?“

Am Ende des Schreibens richtete der Bischof von El Paso einen Appell an US-Präsident Donald Trump, die Mitglieder des Kongresses und die Rich­ter des Obersten Gerichtshofs: „Ich bitte Sie, auf die Stimme des Gewissens zu hören und die Abschiebung all jener zu stoppen, die keine Ge­­fahr für unsere Gemeinschaften darstellen, die Trennung der Familien zu stoppen und die Abschiebung der Flüchtlinge und den Tod an der Gren­ze ein für allemal zu beenden“, schrieb Bischof Seitz.

Quellen: „Catholic News Agency“, 15. 10. 19

„America. Jesuit Review“, 13. 10. 19

„National Catholic Reporter“, 16. 10. 19

 

POPULISMUS UND MENSCHENRECHTE

Kirchenkonferenz in Spanien

Die Kirchen „beobachten mit großer Sorge, wie der populistische Diskurs in vielen europäischen Gesellschaften auf dem Vormarsch ist“ und sie „verurteilen jene Formen und Ausprägungen, die eine Gefahr für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit darstellen, von der soziale Gerechtig­keit und friedliches Zusammenleben in unseren Gesellschaften abhängen.“ Diese Feststellungen hat eine kirchliche Konferenz Spanien ge­trof­fen, die Fragen des Populismus und der Menschenrechte eingehend untersucht und ein gemeinsames Verständnis dafür entwickelt hat, wie euro­päi­sche Kirchenakteure dem populistischen Diskurs entgegenwirken und gemeinsam für Zusammenhalt und Toleranz eintreten können.

Die Konferenz unter dem Titel „Alternative zum Populismus aus menschenrechtlicher Sicht“ fand vom 17. bis 19. Oktober im Ökumenischen Zen­trum Los Rubios in Málaga statt. Die von der Konferenz der Europäischen Kirchen (KEK) und der Spanischen Evangelischen Kirche or­ga­ni­sier­te Veranstaltung brachte 40 Teilnehmer aus verschiedenen Kirchen und Religionsgemeinschaften zusammen.

Als Schlüsselelemente populistischer Politik bezeichneten die Referenten Antiglobalismus, Anti-Elitismus, Anti-Pluralismus und den Aufstieg eines neuen „Diktatursyndroms“ in der Politik. Die Teilnehmer äußerten ihre Besorgnis über die populistischen Narrative unter Verwendung des Be­griffs „wir“ gegenüber „ihnen“, der Spaltungen aufgrund von Religion oder Glauben schafft und so die Kluft zwischen den verschiedenen Grup­pen in der Gesellschaft vertieft.

Sie brachten die Notwendigkeit zum Ausdruck, dass die Mainstream-Parteien und Institutionen, die Furcht und Ängste, die viele Menschen dazu brin­gen, populistischen Ideen zuzuhören, ernst nehmen, betonten aber gleichzeitig die Notwendigkeit, die religiöse Vielfalt und die Men­schen­rech­te für alle aktiver zu fördern.

Bei der Eröffnung der Konferenz sagte der UN-Sonderberichterstatter für Minderheitenfragen, Fernand de Varness: „In Europa gibt es einen Trend zur Zunahme von Hassreden und Hassverbrechen gegen religiöse Minderheiten.“ Vorträge und Diskussionen konzentrierten sich darauf, wie man Hassreden und Hassdelikte gegen religiöse Gläubige und Gemeinschaften bekämpfen kann. KEK-Präsident Christian Krieger sagte: „Das Evangelium als Botschaft der Liebe und des Vertrauens in Gott und die Menschheit zu bezeugen, ist eine der Möglichkeiten für die Kir­chen, damit umzugehen. Das Evangelium ruft uns zu einem dringenden Bedürfnis auf, die Menschenrechte für alle zu verteidigen, füreinander ein­zustehen und sich über unsere eigene Gemeinschaft hinaus zu engagieren.“

Die Teilnehmer der Konferenz betonten, dass Religionen „Botschaften der Hoffnung, die auf Glauben, Überzeugungen und positiven ethischen Stan­dards basieren“ verkünden. Der „populistische Diskurs“ hingegen sende überwiegend negative Botschaften aus: „,Dagegen sein', z. B. durch Anti-Establishment-Rhetorik, Ablehnung der Institutionen des Teilens und von Ausgleichsmacht, Diskreditierung pluralistischer Medien, In­fragestellung von Minderheitenrechten sowie allgemeinere Propagierung antiliberaler Einstellungen, die in ihrer Propaganda eine her­aus­ra­gen­de Rolle spielen.“ Dieser Ansatz nähre sich von den „Ängsten eines breiten Teils der Gesellschaft: Menschen, die sich zurückgelassen fühlen durch Globalisierung und ihre Ausdrucksformen wie Migration und Pluralisierung. Es sind nicht unbedingt nur marginalisierte Gruppen, die der populistischen Versuchung zum Opfer fallen, sondern auch diejenigen, die sich durch Veränderungen unwohl fühlen und unsicher sind, wie sich diese auf ihren sozialen Status auswirken werden und ob sie es tun werden.“ „Der populistische Diskurs stützt sich auf solche Ängste, ver­stärkt sie, indem er Zweifel an Vernunft und Wissenschaft weckt, Fakten verdreht, Verschwörungstheorien verbreitet und die Welt allgemein in einem schwarz-weißes Muster beschreibt, das die Gesellschaft in ,uns‘ und ,sie‘ unterteilt. Populistische Politiker behaupten dann, dass sie das ,Wir‘ repräsentieren, definiert als eine numerische Wahlmehrheit, die den anderen ihre Lebensweise aufzwingt, indem sie Minderheiten und an­de­re Meinungen ausgrenzt, unterdrückt und auf lange Sicht ausschließt. Im Populismus besteht die Tendenz, die Demokratie als die Regel einer sol­chen Mehrheit darzustellen, und er lehnt es ab, dass sie durch die Rechtsstaatlichkeit ausgeglichen werden muss, einschließlich der Men­schen­rechte für alle, insbesondere für die Dissidenten, die Kritiker und die Minderheiten im Allgemeinen.“

Die Konferenz betonte, wie wichtig es ist, einander zuzuhören, zu versuchen, eine andere Position zu verstehen und zu akzeptieren, den Wert je­des Einzelnen zu fördern und die Würde aller Menschen zu respektieren, und forderte die Religionsgemeinschaften auf, gegen Vorurteile auf­zu­treten und auf Zusammengehörigkeit hinzuarbeiten. Wörtlich heißt es in der Abschlusserklärung: „Die Mitglieder der Konferenz Euro­päi­scher Kirchen (KEK) sind aufgerufen, das Evangelium von Christus zu bekennen öffentlich in dieser Welt, sowohl in Wort als auch in Tat. Die Es­senz dieses Evangeliums ist es, Gott zu lieben, von ganzem Herzen und unseren Nächsten – nah oder fern, Verwandte oder Fremde, Freunde oder Feinde – wie uns selbst. (Lukas 10,27). Dieses Gebot verpflichtet die Christen, andere Menschen zu respektieren, unabhängig von ihrer Her­kunft, Glauben oder Überzeugung, ihrer Ethnie oder Nationalität, ihrer Klasse, ihres Geschlechts und ihrer sexuellen Orientierung. Sie ver­pflichtet sie daher zur Achtung der grundlegenden Menschenrechte, zu Mitgefühl und Dialog.“

In der Abschlusserklärung der Konferenz wurde auch Selbstkritik geübt: „Bei der Diskussion möglicher Reaktionen auf den Populismus aus re­li­giöser und menschenrechtlicher Sicht und der Suche nach Alternativen gingen unsere Überlegungen von der selbstkritischen Erkenntnis aus, dass Spannungen zwischen konfessionellen und religiösen Gruppen in Vergangenheit und Gegenwart zu einem Klima beitragen, in dem Re­li­gion leichter durch populistische Rhetorik missbraucht werden kann.“

In vielen europäischen Ländern haben die Kirchen eine einzigartige Position und einzigartige Möglichkeiten, populistischem Denken und Han­deln entgegenzuwirken“, heißt es in dem Kommuniqué der Konferenzteilnehmer, in dem die wichtigsten Ergebnisse der Veranstaltung zu­sam­mengefasst werden.

Die Kirchen könnten dazu beitragen, „das Bewusstsein für die Gefahren des Populismus zu schärfen, indem sie eine stille und möglicherweise des­interessierte Mehrheit der Menschen in den Kampf für Demokratie und Menschenrechte einbeziehen und verhindern, dass die Ängstlichen und Desorientierten in die Falle autoritärer, illiberaler Ideologien tappen.“ Allerdings müsse unterschieden werden „zwischen populistischen Po­litikern, die darauf abzielen, liberale Demokratien, Rechtsstaatlichkeit und friedliches Zusammenleben zu untergraben und jenen Menschen, die sich für populistische Parteien entscheiden, weil sie von Ängsten getrieben und ohne Vertrauen und Hoffnung sind.“ Die Erklärung schloss mit dem Appell: „,Haben Sie Hoffnung, keine Angst‘ ist eine genuin religiöse Botschaft – und eine, die in unserer unruhigen Welt so dringend ge­braucht wird.“

Brüssel, 21. Oktober 2019

Konferenz Europäischer Kirchen (https://www.ceceurope.org)öffentliches Zeugnis eines Christen, der als Bi­schof deutliche Spuren in seiner Kirche (und darüber hinaus) gelegt und auch hinterlassen hat.