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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 398/399                                    Mai/Juni 2016

 

 

 

„GERECHTER FRIEDEN“ STATT „GERECHTER KRIEG“

Konferenz von Pax Christi International und Iustitia et Pax in Rom

Verabschiedet sich die katholische Kirche von der Idee des „gerechten Kriegs“? Das könnte sein. Vom 11. bis 13. April hat im Vatikan eine Tagung stattgefunden, die in Deutschland kaum Beachtung fand, dafür in anderen Ländern durchaus heftige Reaktionen hervorgerufen hat. Unter dem Titel „Gewaltfreiheit und gerechter Friede“ hatten der Päpstliche Rat Justitia et Pax und die internationale katholische Friedensbewegung Pax Christi nach Rom geladen. Am Ende stand eine Erklärung, in der die Teilnehmer den Papst auffordern, die Lehre vom „gerechten Krieg“ nicht mehr fortzuschreiben und in einer Friedensenzyklika Perspektiven eines „gerechten Friedens“ aufzuzeigen. Marie Dennis, die Co-Präsidentin von Pax Christi International begründete den Vorstoß am Ende der Tagung damit, die Vorstellung, dass es einen „gerechten Krieg“ gebe, mindere das Engagement, nach gewaltfreien Lösungen von Konflikten zu suchen. Und der Papst? Der hatte mehrfach davon gesprochen, dass es legitim sei, einen ungerechten Aggressor zu stoppen. Ob er damit den Einsatz militärischer Gewalt erlaubte, wurde im Anschluss an die Äußerungen immer wieder heftig diskutiert.

Vatikan ergriff Initiative für Konferenz

Die Initiative für die Tagung vergangene Woche ging vom Vatikan aus. Im Januar bekamen Theologen und Mitglieder von Pax Christi Post, dass man sich Mitte April in Rom über gewaltlose Konfliktlösungen unterhalten möchte. Am Ende kamen knapp 100 Fachleute für drei Tage in Rom zusammen. Breiten Raum nahmen Berichte von Bischöfen und Theologen aus Konfliktregionen ein. Sie kamen unter anderem aus Pakistan, Afghanistan, Südsudan, Uganda und dem Irak. Wie ein roter Faden habe sich durch die Erfahrungsberichte der Grundtenor gezogen, so Teilnehmer, dass (militärische) Gewalt als Antwort auf Gewalt nicht zu dauerhaften friedlichen Lösungen geführt habe. In der Abschlusserklärung der Tagung berufen sich die Teilnehmer auf neuere wissenschaftliche Studien, die belegten, dass gewaltfreie Widerstandsstrategien doppelt so erfolgreich seien wie gewaltsame. Die Teilnehmer begründen ihre Forderung nach einer Abkehr von der Lehre vom „gerechten Krieg“ mit dem Verweis auf Jesus, der eine radikale Gewaltfreiheit gepredigt und zum gewaltfreien Widerstand aufgerufen habe.

Für die katholische Kirche wäre die Abkehr von der Lehre des „gerechten Kriegs“ eine kleine Revolution. Angefangen von Augustinus, über Thomas von Aquin gibt es dazu eine lange Tradition in der kirchlichen Lehre. Im Katechismus der katholischen Kirche (2309)* werden die Bedingungen genannt, unter denen eine militärische Aktion zu rechtfertigen wäre. Es sind enge Grenzen gesetzt. Allerdings zeige der Blick in die Geschichte, so die Teil­nehmer der Konferenz im Abschlussstatement, dass die engen Grenzen, die die kirchliche Lehre setzt, unsinnige militärische Aktio­nen nicht verhindern konnten. Viel­mehr habe sie sogar dazu beigetragen, Kriege zu führen anstatt sie zu verhindern oder zu begrenzen. Marie Dennis erklärte zum Abschluss der Tagung, dass es natürlich notwendig sei, einen ungerechten Aggressor zu stoppen. Die Frage sei aber wie. „Wir glauben, so lange wir sagen, man kann das mit militärischen Mitteln machen, investieren wir nicht die kreative Energie, das intensive Denken, die finanziellen und menschlichen Ressourcen in die Suche nach Alternativen, die genau den Unterschied ausmachen könnten.“ So lange man da­von ausgehe, dass Bombenabwürfe die Lösung des Problems seien, werde man keine anderen Lösungen finden. „Ich glaube, das wird uns mehr und mehr bewusst“, so Dennis.

Gibt es eine Friedensenzyklika?

Die Tatsache, dass der Anstoß für den Meinungsaustausch aus dem Vatikan kam, könnte darauf hindeuten, dass man dort in der Tat über ein Papier zum Thema nachdenkt. Die Idee einer Enzyklika schwirrte während der Beratungen durch den Raum, so Teilnehmer. In der Abschlusserklärung wird Franziskus konkret dazu aufgefordert, ein solches Lehrschreiben über Gewaltlosigkeit und „gerechten Frieden“ zu verfassen. Der Papst selbst hat in seiner Botschaft an das Treffen einmal mehr vom „dritten Weltkrieg in Teilen“ gesprochen. Das Thema beschäftigt ihn sehr. Das hat er immer wieder bei den Pressekonferenzen mit Journalisten durchblicken lassen. Seine Stichworte waren dann meist der Dialog, die scharfe Verurteilung von Waffenhandel und Waffenproduktion, der Zusammenhang von Gerechtigkeit, Umweltschutz und Frieden. In den Botschaften zum katholischen Weltfriedenstag hat Franziskus bereits verschiedene Aspekte beleuchtet. Vielleicht ist es mehr als 50 Jahre nach der Enzyklika Pacem in terris von Papst Johannes XXIII. an der Zeit, sich noch einmal neu dem Thema zu widmen, nachdem der überwunden geglaubte Ost-West-Konflikt wieder neu aufbricht und es zu einem immer schärferen Nord-Süd-Konflikt kommt, nachdem die militärischen Formen der Kampfführung neue Dimensionen annehmen und die Brutalität der Konflikte zuzunehmen scheint.

Franziskus liebäugelt sehr stark mit dem gewaltlosen Widerstand. Zwar erinnert er in seiner Botschaft an die Tagung an die Aussage des II. Vatikanischen Konzils in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes, dass „wenn alle Möglichkeiten einer friedlichen Lösung ausgeschöpft seien, man den Regierungen das Recht einer legitimen Verteidigung nicht versagen könne“. (vgl. GS 79). Dennoch ist die Botschaft von den typischen Franziskusvokabeln geprägt: der offene und ehrliche Dialog, direktes Gespräch, Begegnung, Brücken bauen. Er spricht von „aktiver Gewaltlosigkeit“, über die man nachdenken müsse.

In einem Punkt trifft sich Franziskus ganz klar mit seinen Vorgängern: Wiederholt verurteilte er nationale Alleingänge bei Konfliktlösungen und forderte ein international abgestimmtes Vorgehen bei Kon­flikten – sprich die UNO braucht mehr Gewicht und Gewalt. Die spannende Frage wird sein, wie das Lehramt die Kurve vom „gerechten Krieg“ zum „gerechten Frieden“ hinbekommen will. Natürlich haben auch die Päpste der letzten 100 Jahre, angefangen von Benedikt XV., Kriege scharf verurteilt und betont, dass sie keine Lösung sind. Man erinnere sich etwa an den Ein­satz von Johannes Paul II. gegen den Irakkrieg. Doch am Ende haben sie auch die Lehre vom „gerechten Krieg“ vertreten und im Katechismus festgeschrieben. Schon werden kritische Stimmen laut, die sagen, dass nicht alle Konflikte gewaltfrei zu lösen seien. Auch die früheren Päpste seien sich der Ambivalenz der Idee des „gerechten Kriegs“ bewusst gewesen, hätten aber so viel Realitätssinn gehabt, um einzusehen, dass es ganz ohne militärische Mittel nicht geht. Franziskus ist zuzutrauen, dass er auch bei diesem Thema einen ganz eigenen Weg geht.

* Im Katechismus der katholischen Kirche heißt es dazu in Abschnitt 2309:

„Die Bedingungen, unter denen es einem Volk gestattet ist, sich in Notwehr militärisch zu verteidigen, sind genau einzuhalten. Eine solche Entscheidung ist so schwerwiegend, dass sie nur unter den folgenden strengen Bedingungen, die gleichzeitig gegeben sein müssen, sittlich vertretbar ist:

– Der Schaden, der der Nation oder der Völkergemeinschaft durch den Angreifer zugefügt wird, muss sicher feststehen, schwerwiegend und von Dauer sein.

– Alle anderen Mittel, dem Schaden ein Ende zu machen, müssen sich als undurchführbar oder wirkungslos erwiesen haben.

– Es muss ernsthafte Aussicht auf Erfolg bestehen.

– Der Gebrauch von Waffen darf nicht Schäden und Wirren mit sich bringen, die schlimmer sind als das zu beseitigende Übel. Beim Urteil darüber, ob die­se Bedingung erfüllt ist, ist sorgfältig auf die gewaltige Zerstörungskraft der modernen Waffen zu achten.

Dies sind die herkömmlichen Elemente, die in der sogenannten Lehre vom „gerechten Krieg“ angeführt werden.

Die Beurteilung, ob alle diese Voraussetzungen für die sittliche Erlaubtheit eines Verteidigungskrieges vorliegen, kommt dem klugen Ermessen derer zu, die mit der Wahrung des Gemeinwohls betraut sind.“

** Im Jahr 2000 hat die Deutsche Bischofskonferenz Überlegungen zu einem „gerechten Frieden“ vorgelegt. Darin versucht sie den Schritt zu gehen, der jetzt bei der Tagung in Rom als gesamtkirchliche Linie gefordert wurde. Auch der Ökumenische Rat der Kirchen fordert seit langer Zeit einen solchen Paradigmenwechsel in der kirchlichen Verkündigung und dem kirchlichen Engagement.

Jürgen Erbacher, geb. 1970 in Hartheim/Rhein (Baden-Württemberg), studierte Politikwissenschaft und Katholische Theologie im Freiburg in Breisgau und Rom. Er arbeitete bis zum Jahre 2005 bei Radio Vatikan. Seit 2005 ist er Redakteur beim ZDF (ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“) und berichtet über die The­men Papst, Va­tikan, Theologie und Katholische Kirche. Er arbeitet die meiste Zeit des Monats für das ZDF von Mainz aus, pendelt jedoch regelmäßig zwischen Mainz und Rom. Seit ca. September 2012 betreut er: blog.zdf.de/papstgefluester. Diesem Internet-Blog (vom 26. 4. 16) ist auch dieser Beitrag entnommen.

 

Balázs Németh

STIMMUNGSBILDER UNGARISCHER STAMMTISCHE

Wenn in unseren Medien über Ungarn berichtet wird, dann ist es stets Ministerpräsident Orbán allein, auf den die Aufmerksamkeit fokussiert ist. Selten oder nie wird erwähnt, dass es eigentlich die Stamm­tische im Land sind, die ihn erst hervorgebracht haben und die ihn jetzt tragen. Orbáns große Popularität ist der beste Beweis dafür. Nach dem Urteil von Mei­nungs­for­schern sind zum jetzigen Zeitpunkt 34 % der Wahlberechtigten sichere Wähler von Fidesz, der Partei Or­báns; 31 % zählen zu den Unentschiedenen. Auf einige der Kulminationspunkte dieser Geisteshaltung möchte ich im Folgenden hinweisen, um das Gesagte zu illustrieren.

Punkt 1: Entscheidend im politischen Diskurs in Ungarn ist die Wiederbelebung der Vergangenheit, d. h. die massive Tendenz zur Restauration. Nach offizieller Geschichtsdeutung verlor Ungarn seine Unabhängigkeit am 19. März 1944, als deutsche Truppen das Land besetzten, und erlangte sie erst wieder 1989 mit dem Ende des Kommunismus. Alles, was vor diesen Märztagen 1944 liegt, also die gesamte sogenannte Horthy-Ära mit ihren autoritären, feudalen und faschistoiden Strukturen, wird nicht hinterfragt und im Großen und Ganzen für in Ordnung befunden. Und diese Zeit wird für heute als richtungsweisend gesehen. Erinnern möchte ich allerdings daran, dass schon diese Ära vom Legitimismus, d. h. vom Traum der Wiederherstellung „Groß-Ungarns“, von wildem Antikommunismus und Antisemitismus gekennzeichnet war. Das markanteste Beispiel für diese sich schon ab 1989 abzeichnende restaurative Tendenz in Ungarn ist der Beschluss des Parlaments im Jahr 1990, das Staatswappen der Horthy-Ära mit der ungarischen Krone auch für den neuen Staat wieder zu übernehmen.

Die Wurzeln dieser restaurativen Entwicklung lassen sich deutlich bis zu den Stammtischen zurück verfolgen, vor allem in der Ablehnung des Liberalismus als einer angeblichen Vorstufe des Kommunismus. Daher die weitgehende Zustimmung zur Orbán'schen restaurativen Medienpolitik, der in den Medien einen Hort des Liberalismus zu erkennen glaubte. Ein anderes Beispiel ist die Wiederbelebung der historischen Uniformen und Trachten, sowohl in der Öffentlichkeit als auch vor allem in den Schulen. Eine weitere Auffälligkeit ist, dass auf vielen Land- und Autokarten, ebenso auf den überall sichtbar angebrachten Aufklebern, die Grenzen Ungarns in seiner früheren Gestalt als „Großungarn“ markiert sind, inklusive der ausschließlich alten ungarischen Ortsbezeichnungen, wie z. B. im Burgenland. In vielen Schulen beginnt der Tagesunterricht, ähnlich wie zur Zeit Horthys, mit dem Bekenntnis: „Ich glaube an einen Gott und an ein Vaterland. Ich glaube an eine ewige göttliche Gerechtigkeit und an die Auferstehung Ungarns“. Sehr verbreitet ist auch das Bild vom „ungarischen Golgotha“, das ein Kruzifix zeigt, an dem ein mit Nägeln durchlöchertes Großungarn hängt. Sehr auffällig ist die Vermehrung von Gedenksteinen und Statuen von Persönlichkeiten der Geschichte mit vaterländischem Akzent. Auch in der Theaterwelt dominieren die Rückgriffe auf das 19. Jahrhundert, also auf die Romantik. Auffallend und typisch für die Stammtische ist die generelle Verweigerung einer Auseinandersetzung mit der Moder­ne in allen Bereichen von Kunst und Kultur.

Das betrifft auch die breite Ableh­nung der Homosexualität und die Diskussionsverweigerung in der Abtreibungsfrage. Viele Menschen meinen, dass die demografischen Defizite im Land durch eine größere Gebärfreudigkeit der Mütter bewältigt werden sollten. Dass die neue ungarische Verfassung sich expressis verbis zum Christentum bekennt, fand die Zustimmung brei­ter Schichten der Bevölkerung, die der Ansicht sind, dass Ungarn ein christliches Land sei. Auch der Wunsch nach einer Säuberung der öffentlichen Plätze von „störendem Hässlichen“, – gemeint sind Bettler, Obdachlose und „Zigeuner“ –, ist ty­pisch. Für den Stammtisch ist cha­rakteristisch, dass er auf das optisch Äußerliche, aber niemals auf das Tiefergehende achtet. „Zigeu­ner, Bettler und Obdachlose sind faul, sie sollen arbeiten'“, ertönt es von dort her. Das Wort „sozial“ ist im Land generell ein rotes Tuch, weil es Anklänge an den „So­zia­lis­mus“ hat. Alle diese Beispiele rufen Stimmungsbilder wach aus der Hor­thy-Zeit.

Nur von wenigen Menschen im Land wird wahrgenommen, dass diese restaurativen Tendenzen im IT- Zeitalter eine gesellschaftliche Diskrepanz darstellen und Bruchlinien aufreißen, die schwerwiegende Probleme mit sich bringen können. Viele aus Westeuropa heim­keh­rende Arbeitnehmer erkennen bereits diese Diskrepanz.

Punkt 2: Das ungarische Natio­nal­­bewusstsein, das wie ein Klein­od gehegt und gepflegt wird, ist ein spezieller Zweig der restaurativen Tendenzen. Es hat zwei Wurzeln: einmal die Erinnerung an berühmte Freiheitskämpfe, darunter besonders jene, die zu Niederlagen führten wie 1848 und 1956, deren Jah­res­tage feierlich begangen werden. Und zweitens die Belebung des Trianon-Traumas, d. h. die Erinne­rung an die Zerstückelung Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg, durch die der Nationalismus in jüngsten Zeit ganz besonders angestachelt wurde.

Der ungarische Nationalismus wird primär als Abwehr gegenüber Rumänen und Slowaken, Völker der sogenannten Nachfolgerstaa­ten, virulent. Diese Völker werden herabgewürdigt und oft auch als minderwertig betrachtet. Der Na­tio­na­lismus in Ungarn lebt einerseits von der Angst vor Verfremdung und Zerstörung der Identität, und an­derseits von der Abwehr der An­de­ren, der Fremden. In jüngster Zeit haben Meinungsforscher fest­ge­stellt, dass 53 % der Ungarn die jet­zigen Fremden, d. h. die Flücht­lin­ge, hassen, und nur 1 % hat eine po­sitive Meinung von ihnen. Diese Angst und Abwehr haben zum einen Teil damit zu tun, dass die offiziellen Medien diese Stimmung be­wusst schüren, aber zum anderen Teil hängt das auch mit der objektiven Tatsache zusammen, dass Ungarn ein homogenes Land ist und kaum Fremde innerhalb seiner Grenzen leben. Allerdings werden auch viele der westlichen Investo­ren und Geschäftsleute, die nach der Wende ins Land gekommen sind, als Eindringlinge und Fremde be­trachtet. Fremde im eigenen Land sind die Roma, die „Zi­geu­ner“, die fast 10 % der Bevölkerung ausmachen und die konzentriert im Nord­osten des Landes leben, wo die Arbeitslosigkeit am höchsten und der Verdienst am niedrigsten ist. Diese Umstände erhöhen noch die Ablehnung der Roma. Das ih­nen gegenüber verwendete Voka­bu­lar „Schwarz contra Weiß“ wurde vom US-Rassismus übernommen. Laut Meinungsforschung habe allerdings die Ablehnung der Roma in jüngster Zeit geringfügig ab-, dafür aber der Migrantenhass zugenommen.

Nationalbewusstsein als Vater­lands­­liebe und Patriotismus sind wichtige Erziehungsziele in der Schu­le, aber darüber hinaus auch in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Diese Art von Nationalismus hat wesentliche rassistische Züge. Z. B. wird der Begriff „Blutsbrüder“ immer öfter im öffentlichen Diskurs verwendet, selbst in Predigten von der Kanzel. Und die genetische Abstammungslehre, mit zum Teil skurrilen Auswüchsen, wie z. B. der Erforschung eines „Ur-Ungarntums“, ist weit verbreitet und genießt breite Anerkennung. Damit einher geht ein selektiver Umgang mit der Ge­schichte. Z. B. wird an die systematische Ermordung von Ungarn durch Tito-Partisanen feierlich erinnert, aber das mörderische Wüten an Serben und Juden durch ungarische Truppen und Gendarmen während des Zweiten Weltkriegs in der heutigen Batschka in Serbien ist kaum einer Erwähnung wert. Der Stammtisch hat aufgejault, als un­längst eine wissenschaftliche Ar­beit, mit Quellen untermauert, die Gräueltaten ungarischer Soldaten in der Ukraine im Zweiten Weltkrieg publik gemacht hat.

Dieser Nationalismus, der von Angst, Abwehr, Feindbildern und von einer oft zitierten Mentalität des „Wir sind allein“ geprägt ist, sieht überall Feinde, die sich Un­garns bemächtigen wollen. Das prägt nicht nur die sogenannte Flüchtlings-Un/Politik, sondern auch die Ablehnung der Euro­pä­ischen Union. Damit entsteht langsam eine geschlossene ungarische Gesellschaft mit verriegelten Fen­stern und Türen, ohne frische Luft­zu­fuhr. Eine solche Gesellschaft erstickt mit der Zeit an ihrer Selbst­genügsamkeit.

Punkt 3: Auch wenn in Ungarn lt. Meinungsforschung nur 25 % der Be­­völkerung Antisemiten sind, ist der Antisemitismus in breiten Schich­­ten in einer subtilen Form prä­sent. Zum Beispiel wird über die Tat­sache, dass in NS-Vernich­tungs­la­gern über 600 000 ungarische Ju­den ermordet wurden, an den Stamm­tischen kaum geredet. „Auschwitz“ wurde von „Recsk“, einem berüchtigten Straflager der Rákosi-Ära, verdrängt. Und die Zahl der Holocaust-Leugner ist lt. Mei­nungsforschung im Wachsen. Über Sachfragen wird in jenem Moment nicht mehr geredet, in dem über eine Person bekannt wird, dass die­se jüdisch ist. So ist z. B. in den Augen des Stammtischs das We­sent­liche an Agnes Heller nicht, dass sie eine weltbekannte Philo­so­phin, sondern dass sie eine Jüdin ist Eine „aufgezwungene Identität“ (Max Frisch) beraubt aber jemanden seines Mensch- und Person-Seins. So ergeht es im öffentlichen Leben im heutigen Ungarn allen Ju­den, oder auch allen, denen nach­ge­sagt wird, dass sie Juden seien. Z. B. wird der liberalen Presse generell unterstellt, dass sie jüdisch ge­lenkt sei, und das ist mit ein Grund, warum die Mehrheit der Bevölkerung Ungarns mit dem antiliberalen und autoritären Kurs Or­báns einverstanden ist. Vor kurzem wollten sogar einige Kreise einen Ri­tualmord-Prozess aus dem 19. Jahr­hundert wieder aufrollen, weil die damals beschuldigten Juden frei­gesprochen worden waren. Kurz nachdem Imre Kertész, der einer ungarischen jüdischen Fami­lie entstammte, 2002 den Literatur-Nobelpreis erhalten hatte, hat ein Journalist in einer Zeitung die Frage gestellt: „Wann bekommt endlich ein Ungar den Literatur-No­bel­preis?“ Auch in den im Land weit ver­breiteten Verschwörungstheorien spielen die Juden immer die entscheidende Rolle. Beim völkischen Antisemitismus wirkten zwei historische Faktoren als Verstärker: Erstens die starke Präsenz der jüdischen Intelligenz in der Horthy-Ära, vor der besonders die bürgerlichen Schichten Angst hatten, und zweitens die Tatsache, dass nach 1945 viele der führenden Kommunisten, auch in der verhassten Geheim­po­li­zei, Juden waren, wenn auch säkularisiert. Es scheint schwer zu sein, diesen historischen Klotz loszuwerden.

Punkt 4: Die traditionellen Kir­chen spielen in diesem Spektrum eine wichtige Rolle als theologische Überhöhung der wahren ungarischen Werte und als Wächter der Moral. Sie haben viel dazu beigetragen, dass zwischen Glauben und Liebe zum Vaterland ein Gleichheitszeichen gesetzt wird. Dem jetzigen Staat gegenüber sind sie dank­bar für die in der Verfassung bekräftigte Erklärung, dass Ungarn ein christlicher Staat sei, und für die reichhaltige direkte und indirekte Dotierung.

Unter den traditionellen Kirchen setzt in diesem Zusammenhang jede ihre speziellen Akzente. Die Römisch-Katholische Kirche mit ihrer das ganze Leben umspannenden Zelebration der Liturgie. Die Reformierte Kirche mit ihrer kirchlich-theologischen Tradition als Ideologe der nationalen Freiheitskämpfe. Da bildet die Evangelisch-Lutherische Kirche, die mit ihren früheren deutsch- und slowakisch-stämmigen Mitgliedern in der Öffentlichkeit lange nicht als ungarische Kirche betrachtet wurde, eine Ausnahme, besonders in der Flüchtlings-, Bettler- und sozialen Frage. Das ist besonders in der Flüchtlingspolitik aufgefallen, zu der die meisten Kirchenleute geschwiegen oder die offizielle Sprachregelung übernommen haben, die nicht von Flüchtlingen sondern von Migranten und illegalen Einwanderern sprach. Viele der Freikirchen, die sich bei der Flüchtlingsbetreuung und der Sozialarbeit mit Obdachlosen sehr engagieren, spielen eine ähnliche Rolle wie die Lutherische Kirche.

Viele reformierte Pfarrer tun sich schwer, gegen den Stammtisch zu argumentieren, weil die Angst groß ist, dass die jeweilige Gemeinde oder gar die ganze Kirche darüber auseinander brechen könnte. Man konnte das beispielhaft beobachten anhand eines Disziplinarverfahrens gegen einen Pfarrer, der in der Öffentlichkeit wüste antisemitische und faschistische Auslassungen von sich gegeben hatte. Nach langem Hin und Her wurde das Verfahren mit einem Alibiurteil abgeschlossen.

Dr. Balázs Németh, geb. 1931 in Budapest, Schulbesuch in seiner ostungarischen Heimatstadt Nagykörös. 1949 – 54 Studium an der  Reformierten Theologischen Akademie von Budapest. Németh kam 1956 nach Österreich. 1957 – 1960 Studium an den Universitäten Heidelberg und Wien. Von 1964 bis zu seiner Pensionierung 1998 war er Pfar­rer der evangelisch-reformierten Gemeinde Wien-West. Németh ist seit Beginn (1976) ständiger „KC“-Autor.