Aktueller
Kommentar
100
JAHRE ANC
Von
Adalbert Krims
Am 8.
Jänner 1912 wurde in Bloemfontein der South African Native National Congress
gegründet, der 1923 in African National Congress (ANC) umbenannt wurde. Die
Gründer dieser ältesten politischen Organisation des afrikanischen Kontinents
waren Häuptlinge, Intellektuelle und Vertreter der schwarzen Mittelschicht.
Ziele der Bewegung waren die Einheit der Afrikaner, die Verteidigung ihrer
Freiheiten gegen zunehmende rassistische Diskriminierung und gegen die
Einschränkung grundlegender Menschenrechte der schwarzen Bevölkerungsmehrheit.
Jahrzehntelang versuchte der ANC, seinen Forderungen durch
Appelle,. Petitionen und Streiks
Gehör zu verschaffen. Da er aber bei den Regierenden auf taube Ohren
stieß, kam es innerhalb des ANC zu einer gewissen Radikalisierung – einerseits
durch die Zusammenarbeit mit der Südafrikanischen Kommunistischen Partei,
andererseits aber auch durch die 1944 gegründete ANC-Jugendliga (u. a. Nelson
Mandela, Walter Sisulu und Oliver Tambo), denen die Führung der „Alten“ zu
gemäßigt war.
Nach dem Wahlsieg der Nationalpartei 1948 kam es zur
offiziellen Einführung der Apartheid, d. h. der verfassungsrechtlichen
Festschreibung der Ungleichheit der Menschen und der gesetzlichen
Diskriminierung auf Grund ethnischer Kriterien (u. a. Einführung getrennter
Wohngebiete, Registrierungspflicht nach Rassenzugehörigkeit, Verbot von
Mischehen etc.). Der ANC und andere Organisationen reagierten
darauf mit Boykott, Streiks und zivilem Ungehorsam. 1950 folgte das
Gesetz zur Unterdrückung des Kommunismus, mit dem zuerst die Kommunistische
Partei verboten und dann schrittweise jeglicher Protest gegen den Staat
verfolgt wurde (so wurden auch führende Vertreter des ANC immer wieder
„gebannt“).
Freiheitscharta
Für Juni 1955 rief der ANC zu einem „Volkskongress“ in Kliptown auf, an dem auch Delegierte anderer
Organisationen teilnahmen. Dort wurde die legendäre „Freiheitscharta“
beschlossen, die die Grundsätze für ein neues, nicht-rassistisches Südafrika
beinhaltete, wie dass „Südafrika allen gehört, die dort leben, Schwarze wie
Weiße, und dass keine Regierung rechtmäßig Autorität beanspruchen kann, solange
sie nicht auf dem Willen des Volkes beruht“ oder „Die Rechte der Menschen
sollen die gleichen sein, ungeachtet der Rasse, der Hautfarbe oder des
Geschlechts.“ Diese fundamentale Gleichheit sollte laut Freiheitscharta auch
auf für den Bereich der Wirtschaft gelten: „Die Menschen sollen sich den
Reichtum des Landes teilen!“, was u. a. auch die Verstaatlichung von Bergbau,
Banken und Monopolindustrie sowie eine neue, gerechte Landverteilung umfassen
sollte.
Das Apartheid-Regime antwortete auf die Freiheitscharta mit
verschärften Repressionen sowie einem Hochverratsprozess gegen beinahe die
gesamte ANC-Führung. Am 21. März
1960 wurde der Prozess durch das Massaker von Sharpeville, bei dem Polizisten
69 unbewaffnete Demonstranten töteten, unterbrochen. Danach
wurde der Ausnahmezustand verhängt und der ANC (sowie der PAC) nach dem
Kommunismusgesetz verboten. Der ANC brachte einige Führer (darunter
Oliver Tambo) ins Ausland, andere bereiteten sich auf
die Tätigkeit im Untergrund vor.
Im März 1961 wurden Mandela und alle
anderen Angeklagten freigesprochen. Mandela, Sisulu u. a.
gingen aber trotzdem in den Untergrund. Nach
Beratungen des ANC mit anderen Organisationen wurde Mandela bevollmächtigt,
eine neue militärische Organisation aufzubauen, die den Namen „Umkhonto We
Sizwe“ („Der Speer der Nation“) tragen würde. Durch
selektive Anschläge gegen militärische Einrichtungen, Kraftwerke,
Telefonleitungen und Transportverbindungen sollte nicht nur die militärische
Effektivität des Staates beeinträchtigt, sondern auch ausländisches Kapital
abgeschreckt und somit die Ökonomie geschwächt werden. Die militärische
Ausbildung erfolgte in bereits unabhängig gewordenen afrikanischen Staaten, von
denen auch Waffen geliefert wurden (aber auch z. T. von außerhalb Afrikas wie
der Sowjetunion). Mandela verließ Anfang Februar 1962 illegal
Südafrika und reiste durch mehrere afrikanische Länder (einige Wochen erhielt
er militärische Ausbildung in Äthiopien). Nach seiner Rückkehr wurde er
verhaftet, aber „nur“ wegen Aufwiegelung zum Streik
und Verlassen des Landes ohne gültige Reisedokumente angeklagt und zu insgesamt
5 Jahren Haft verurteilt.
Rivonia-Prozess
1963 wurde in einem Vorort von
Mandelas Haft dauerte 26 Jahre – davon verbrachte er den
Großteil auf der KZ-Insel Robben
Mitte der 1980er Jahre setzte sich in der Führung der
Nationalpartei immer mehr die Erkenntnis durch, dass das System ohne „Reformen“
nicht mehr überlebensfähig ist. So wurden indirekte Kontakte zu Mandela
geknüpft und ihm sogar die Freilassung in Aussicht gestellt, wenn er öffentlich
„der Gewalt abschwört“. Mandela stellte aber klar, dass es ihm nicht um seine
persönliche Freilassung, sondern um das Ende der Apartheid ging. Der innere und äußere Druck wurde so stark, dass Präsident P. W.
Botha im August 1989 seinen Rücktritt erklärte. Sein Nachfolger F. W. de
Klerk beseitigte viele Diskriminierungen der sog.
„Kleinen Apartheid“ und ließ mehrere politische
Gefangene frei, um das System insgesamt noch zu retten. Am 2.
Februar 1990 kündigte F. W. de Klerk vor dem Parlament überraschend die
Aufhebung des Verbots von ANC, PAC, Kommunistischer Partei und 31 anderen
verbotenen Organisationen, die Freilassung politischer Gefangener, die
Abschaffung der Todesstrafe sowie von Beschränkungen durch den Ausnahmezustand
an. Eine Woche später wurde Nelson Mandela ohne Bedingungen freigelassen.
Das Ende der Apartheid
Auch wenn im Februar 1990 ein entscheidender Schritt zur
Überwindung der Apartheid getan wurde, so war der Prozess bis zu den ersten
freien und demokratischen Wahlen in der Geschichte des Landes noch schwierig
und auch von Gewalt begleitet. Erst am 18. November 1993 wurde durch die
Interimsverfassung und die Einsetzung des Übergangs-Exekutivrates das
endgültige Aus für das Apartheidsystem besiegelt.
Der ANC ging aus den Wahlen vom 26. bis
29. April 1994 als klarer Sieger hervor und erreichte 62,7
Prozent der Stimmen. Nelson Mandela, der „Terrorist“ und
langjährige politische Gefangene, wurde zum ersten nicht-weißen Präsidenten
Südafrikas gewählt. Er übte dieses Amt bis 1999 aus und übergab es dann seinem
Vizepräsidenten Thabo Mbeki. Dieser trat im September 2008 zurück – und nach
einer Übergangsperiode übernahm der derzeitige Präsident Jacob Zuma im Mai 2009
das höchste Amt im Staate, nachdem er bereits im Dezember 2007 Mbeki an der
Spitze des ANC abgelöst hatte.
Bemerkenswert ist, wie stabil die Zustimmung der
Bevölkerung zum ANC trotz langer Regierungsdauer (und damit verbundenen
Verschleißerscheinungen und inneren Krisen) und unabhängig vom jeweiligen
Spitzenkandidaten ist: Von den 62,7 Prozent bei der ersten Wahl 1994 steigerte
sich der ANC auf 66,4 im Jahre 1999 und sogar 69,7 % im Jahr 2004. Und auch
nach der vielfach als „Niederlage“ kommentierten Wahl 2009 blieb der ANC mit
65,9 % über seinem als „großen Sieg“ gefeierten Ergebnis von 1994.
Der ANC als Regierungspartei
In zahlreichen Zeitungskommentaren zum 100-Jahr-Jubiläum
wurde eine ziemlich negative Bilanz über die knapp 18jährige
Regierungstätigkeit des ANC gezogen. Sogar die früher als „linksliberal“ eingeordnete „Frankfurter Rundschau“ meinte: „Grund zur
Freude haben nur wenige Menschen, zur Trauer hingegen viele – denn nie war er
so überflüssig wie heute“. Die liberale deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ beklagte den „moralischen Niedergang der Partei“. 100 Jahre ANC also kein Grund zum Feiern? Der
ANC eine Ansammlung von Korruptionisten und Machtbesessenen? Und die Bevölkerungsmehrheit arm und von der Bildung ausgeschlossen
wie eh und je? In vielen Kommentaren wurde jedenfalls dieses (Zerr)Bild vermittelt.
Es kann natürlich nicht geleugnet werden, dass die
Korruption in Südafrika (und im ANC) ein ernstes Problem darstellt. Und es kann
auch nicht geleugnet werden, dass es im Land nach wie vor eine massive
Ungleichheit gibt und die Schere zwischen arm und
reich noch weiter aufgeht. Auch das Schulsystem ist
eine Misere geblieben. Ja, es ist eine Tatsache, dass zwischen dem, was der ANC
vor 18 Jahren versprochen hat und der heutigen Realität in Südafrika eine
riesige Kluft besteht, die nicht ausschließlich auf objektive Faktoren
zurückzuführen ist.
Und dennoch: es trifft einfach nicht zu, dass die
Regierungspolitik des ANC (fast) ausschließlich durch Versagen gekennzeichnet ist. Dabei geht es nicht nur um nachweisbare Fortschritte in
Teilbereichen (Schaffung von Arbeitsplätzen durch staatliche Infrastrukturprogramme;
Bekämpfung von AIDS; Schaffung einer gesetzlichen Krankenversicherung sowie von
Sozialprogrammen etc.), sondern vor allem um den historischen Quantensprung,
den der ANC in Südafrika geschafft hat: von einer Gesellschaft, die auf
Rassismus und in der Verfassung verankerten Ungleichheit beruht, hin zu einer
demokratischen, nicht-rassistischen Gesellschaft, deren Verfassung auch
international Vorbildcharakter hat.
Wenn oft zu Recht kritisiert wird, dass bei der
Einkommens-, Vermögens- und Landverteilung praktisch nichts geschehen ist, so
ist das nicht einfach der Regierung anzulasten, sondern vor allem eine
Konsequenz der Einbindung Südafrikas in das neoliberale Weltwirtschaftssystem,
das in grundlegenden Systemfragen kaum nationale Handlungsspielräume zulässt.
Hätte der ANC die ökonomischen Ziele der Freiheitscharta zur Regierungspolitik
gemacht, hätte sich Südafrika aus den internationalen Finanzinstitutionen
zurückziehen und sich von der Weltwirtschaft „abkoppeln“ müssen, was nach 1994
aber keine realpolitische Option war.
Der ANC hat Südafrika wieder in die internationale
Gemeinschaft geführt, von der das Apartheidregime weitgehend isoliert wurde. So wurde Südafrika wirtschaftlich und politisch zu einer
Führungsmacht nicht nur im südlichen, sondern im gesamten Afrika. Nach
dem Ende der Apartheid wurde Südafrika Mitglied der Bewegung der Blockfreien
Staaten, deren Vorsitz es von 1998 bis 2003 innehatte. Ende 2010 wurde
Südafrika in die Gruppe der führenden Schwellenländer, die sog.
BRICS-Staaten (Brasilien, Russland,
Die welthistorische Bedeutung des ANC steht ohnehin außer
Zweifel. Die älteste Befreiungsbewegung des afrikanischen Kontinents hat aber
nicht nur eine große Geschichte hinter sich, sondern sie hat auch eine Zukunft
vor sich. Das zeigt sich nicht zuletzt an der nach wie
vor großen Zustimmung der südafrikanischen Bevölkerung – trotz aller Probleme,
Widersprüche und Rückschläge, die den ANC als langjährige Regierungspartei auch
kennzeichnen.
Jussuf Windischer:
BRASILIEN NACH 30 JAHREN
1978 – General Ernesto Geisel war noch
Präsident Brasiliens. Die brutale, langjährige Militärdiktatur ging seinem Ende
entgegen. Wir konnten damals als Entwicklungshelfer des IIZ einreisen, Visum
bekamen wir keines. Mit einigen Tricks konnten wir das Touristenvisum
verlängern, sogar der Erzbischof von Curitiba (Paraná) half uns dabei.
Wöchentlich hatten wir einen Termin bei der Fremdenpolizei. Es waren eigentlich
Verhöre: was wir wollen, warum wir mit der Kirche arbeiten, welche Arbeit wir
machen usw. Wollte ich eine Frage nicht beantworten, redete ich mich auf meine
schlechten Portugiesischkenntnisse aus. Bei den Versammlungen in der
Basisgemeinde war immer wieder jemand von der Zivilpolizei dabei. Schwestern
und Patres warnten mich frühzeitig. Nach 18 Monaten erhielten wir die
Ausweisung. Innerhalb von 7 Tagen sei das Land zu verlassen, bei Nichtbefolgung
wurde Festnahme und Haft angedroht. Genau in diesen Tagen wurde unser zweiter
Sohn geboren, nach damals geltendem Recht brasilianischer Staatsbürger durften
Eltern nicht ausgewiesen werden. Wir durften bleiben. Ich blieb aber offiziell
„persona non grata“. Dieses damalige Faktum wurde auch viele Jahre später
offiziell per Amtsblatt bestätigt.
Wir, d. h. meine Frau Vroni und unser
Sohn Matthias, später noch zwei weitere Söhne, wohnten gemeinsam mit einem
Priester in einer Hütte in einem Randviertel, genauer gesagt in der Vila Rex
(Curitiba), halfen bei Basisgemeinden, bei der Gründung von Genossenschaften,
Gewerkschaften, Kindergärten und Frauenbewegungen mit. Die
Oppositionsbewegungen wurden immer stärker. Die ersten Zellen der Partido dos
Trabalhadores (PT) bildeten sich an der Peripherie Curitibas (Paraná), an den
Peripherien der Großstädte. In unserem Pfarrteam war auch Gilberto Carvalho,
engagierter Laientheologe, heute Minister. Er wohnte auch in einer bescheidenen
Hütte des Viertels. Er schleuste sich in einer Metallfabrik ein, gründete und
animierte die Metallarbeitergewerkschaften Curitibas. Die Streiks begannen in
Sao Paolo, und Belo Horizonte, Curitiba folgte. Die kleine
Genossenschaftsbewegung, in der ich arbeitete, war zuständig, streikende
Metallarbeiterfamilien zu versorgen und zu ermutigen.
Die Militärdiktatur fiel, auch deren
Ausläufer, eine Opposition erstarkte, nach wiederholten Anläufen wurde der
Metallarbeiter und Gewerkschaftsführer Luis Ignacio da Silva, kurz Lula, zum
Präsidenten gewählt. Seine Nachfolgerin wurde Dilma Rouzef. Sie wurde gewählte
Präsidentin. Sie stritt nie ab, im Guerillakampf von Araguaia aktiv gewesen zu
sein. Sie ist anerkannte, engagierte Präsidentin Brasiliens.
Der Kontakt zu den Bewegungen und zu
den FreundInnen in Brasilien ist nie abgebrochen. Gegenseitige Besuche fanden
statt. Diverse Projekte konnten finanziert werden, „Bruder in Not“,
Dreikönigsaktion und auch die Brasiliengruppen Österreichs leisteten immer
wieder Beiträge.
Die Genossenschaften – eine rasante
Entwicklung
Als ich vor 30 Jahren im
Genossenschaftswesen in Paraná (CECOMA) arbeitete, steckte das meiste noch in
den Kinderschuhen. Konsumenten der Basisgemeinden organisierten sich, um
gemeinsam einzukaufen; Kleinbauern organisierten sich, um ihre Produkte,
vornehmlich Bohnen, zu vermarkten. Die Gruppen (über 20) trafen sich, um die
Lage zu besprechen. Die Genossenschaften wurden von der damaligen Regierung
bekämpft und als subversiv eingestuft. Die Genossenschaftsgruppen wurden mit
allen möglichen Mitteln bekämpft und auch bedroht. Die damalige Opposition aber
meinte: um Gesellschaftsstrukturen zu verändern, bräuchte es: Gewerkschaft,
Partei, Genossenschaft und ein Finanzsystem, kontrolliert vom Volk. Einiges hat
sich sehr schnell entwickelt.
Heute gibt es in Südbrasilien eine
Genossenschaftsbank, die CRESOL (Cooperativas de credito rural com interacao
solidaria). Mitglieder können Kleinbauern sein, vornehmlich Bauern der sog.
„agricultura familiar“ (kleine intensive Landwirtschaft von Familien
betrieben), Mitglieder von Bewegungen, welche diese Politik unterstützen. Sie
funktioniert mit sog. Kleinkrediten. Für die Mitglieder von CRESOL heißt Armut
nicht nur arm zu sein, sondern auch keine Gelegenheit zu Verbesserungen zu
haben. Konkret: arme Leute bräuchten bei einer günstigen Gelegenheit rasch und
unkompliziert einen Kredit (für Samenkauf, eine Maschine, eine neue Erfindung,
Werkzeug, Bau eines Lagers…). Die CRESOL ermöglicht das. Man wird Mitglied, die
Gruppe genehmigt, garantiert, verleiht. Es gibt inzwischen schon über 200
Filialen Die Filialen schauen aus wie kleine Bankfilialen in Österreich, etwas
einfacher, etwas bescheidener, keineswegs Repräsentativbauten, vielmehr
zweckmäßige Büros bzw. Schalter. Die Rückzahlungsmoral ist hervorragend. Das
beweisen die Bilanzen. Ein Gründungsmitglied von CECOMA begleitete den Prozess,
half beim Aufbau. Diese Genossenschaftsbanken haben eine besondere Werteskala: Umwelt,
Produktionsvielfalt, biologischer Anbau, Solidarität ist hierbei hoch
eingestuft. Es geht also nicht um Gewinnmaximierung, sondern um Wertsteigerung.
Insofern unterscheidet sich dieses Banksystem von handelsüblichen Banksystemen.
Der Pferdefuß: nachdem Brasilien in
einer kapitalistischen Wirtschaftswelt leben muss, funktioniert dieses
alternative Bankensystem nur integriert im System. CRESOL gibt sich auch keiner
Illusion hin. Die Banco do Brasil (Großbank) verwahrt das Geld der CRESOL zu
guten Zinssätzen, die Banco do Brasil gewährt Vorschüsse, erfreut sich auch des
Wirtschaftsaufschwungs der Kleinbauern und übernimmt viele Kunden der CRESOL,
wenn sie größer und stärker sind. Das sind bedauerliche Wirtschaftsrealitäten.
Trotz alledem: schön, kleine Banken zu erleben, die sich ethischen Grundsätzen,
letztlich auch dem Menschen verschreiben, nicht nur dem Kapital.
Landflucht und trotzdem noch ein
bisschen Optimismus
Vor ca. 30 Jahren organisierten die
Basisgemeinden Genossenschaftstreffen im Landesinneren, u. a. in Alvorada
(Paraná). Das war und ist ein Gebiet von Kleinbauern (ca. 500 km von Curitiba
entfernt) neben Großfazendas. Damals gab es schon den „Exodus“, heute stehen
ein Drittel der kleinen Landgüter leer. Die verbliebenen Bauern pflanzen fast nichts
mehr an. Weder die Arbeit, noch der Verkaufspreis von Bohnen, Reis, Mais würden
dazu animieren. Die Arbeit ist total hart, der Preis ist sehr niedrig. Dort, wo
früher Felder waren, ist heute nur mehr Weideland. Die wenigen verbliebenen
Bauern verkaufen Milch. Die Jugend ist ausgewandert. Das Dorf ist kleiner
geworden, Schulen haben zugemacht, auch einige Kapellen sind außer Betrieb und
verfallen.
Wir besuchten viele Familien, es gab
sehr berührende Gespräche, einige meinten, man müsste wieder Versammlungen
machen, einige erinnerten sich an die Gründungen von Gewerkschaften, vor allem
die Gewerkschaft von Pitanga, mit dem berühmten Gewerkschaftsführer Osmano (er
kam aus Alvorada). Warum gab es den Niedergang? Einige meinten, weil jeder
Bauer für sich arbeitete, für sich vermarktete und so langsam verarmte.
Trotzdem sprachen die Bauern von Zukunftsperspektiven: wenn das MST (movimento
sem terra = Landlosenbewegung mit Landbesetzungen) in der Region einziehen
würde, die hätten eine gute Organisation, Genossenschaften, ein kollektives
System, eigene Busse usw. Ja, wenn es nur diese Brücke über den Fluss gäbe, die
würden sofort kommen und alles beleben. Es wäre der Beginn einer
Landwirtschaft, es gäbe dann sicher wieder ein Transportwesen, Schulen,
Geschäfte. Sie wünschten sich so, dass die brachliegenden Ländereien wieder
intensiv von Familien bebaut werden würden.
Diese Bewegung (MST) wurde früher
verfolgt, diese Bewegung hatte viele Märtyrer. Heute ist das MST eine
respektierte, manchmal herbeigesehnte Bewegung. Dies gilt für den Großteil der
Bevölkerung und auch Landwirtschaftsreformer. Alteingesessene
Großgrundbesitzer, die es übrigens noch zur Genüge gibt, auch deren Killer und
Jaguncos, sind über solche Bewegungen natürlich nicht glücklich.
Es gibt in Paraná ca. 100 große
Landbesetzungen (je 100 - 1000 Familien). MST wird von der Regierung Dilma z.
T. unterstützt und hat radikale Landreformsvorstellungen, denen allerdings
weder Lula noch Dilma entsprechen konnten. Eventuelle Vorschläge zur Landreform
scheiterten an der fehlenden gesetzgebenden Mehrheit
CEBes Communidades Ecclesiaises de
Base (Basisgemeinden)
Vor 30 Jahren beschäftigten sich
Basisgemeinden mit dem Evangelium, den Sorgen und Freuden der Gemeinden, mit
dem sozialen Leben, mit Genossenschaften, mit Gewerkschaften,
Stadtviertelvertretungen und der Sozialpolitik. Wir haben jetzt Gemeinden
besucht, haben mit Gemeindevertretern gesprochen, sind durch die Stadtviertel
spaziert. Die noch aktiven Basisgemeinden an der Peripherie Curitibas, in Paraná,
sind viel weniger. Sie feiern genauso wie vor 30 Jahren, der liturgische Ritus
hat sich kaum verändert. Aber die Gesprächsthemen haben sich radikal verändert,
es geht selten um Politik, es geht selten um Volksbewegungen, Gewerkschaften,
Demonstrationen u. ä. m. Die Inhalte sind eher frommer Natur. Die Leute
erzählten, dass viele ehemalige Basisgemeindemitglieder in verantwortlichen
politischen Funktionen (Partei, Gewerkschaft, Genossenschaft, Politik,
Verwaltung...) sind. Der verbliebene Rest, die noch aktiven Leute vollziehen die Versammlung sehr selbstbewusst, geben dem
Meditativen, dem Musikalischen viel Raum, predigen und segnen. Zugleich gehen
die Leute auch in die großen Kirchen, in denen Volksfrömmigkeiten und den
Priestern viel zentraler Platz eingeräumt wird, von und über Politik sehr wenig
geredet wird. Es gibt Pfarren, die die Basisgemeinden immer mehr entwerteten
und große Kirchen bauten. Es gibt Pfarren, die engagierte
(politische) Priester mobbten, bis sie gingen.
Es gibt die Basisgemeinden aber noch
immer, aber nicht mehr viele: eine größere Zeitung der Basisgemeinden, in hoher
Auflage, hat folgende interessante Schlagzeilen: der feministische Kampf – ein
Kampf von allen (luta feminista, uma luta de todos); öffentliches
Verkehrssystem, skandalöse Einsparungen: PT kritisiert; ein Internet für das
Volk (internet popular) unterstützt und finanziert von der Regierung;
Wallfahrtsort St. Rita – Wallfahrt mit Rosen; Papst erinnert an Tauferneuerung;
Bibel in feministischer Leseart.
Die traditionellen Kirchen
(katholisch, lutherisch, methodistisch, presbyterianisch…) arbeiten nach wie
vor zusammen, arbeiten z. T. auch in einer emanzipatorischen, befreienden
Tradition (Landarbeiterpastoral – CPT, Indianerpastoral – CIMI,
Arbeiterpastoral – Pastoral operaria, Landlosenbewegung MST usw…). Es sind aber
kleine, bescheidene Kirchen geworden.
Evangelikale Gemeinden im Aufwind
Was augenscheinlich ist: es gibt viel,
viel weniger Basisgemeinden. Die Basisgemeinden sind nicht mehr so politisch.
Die Kirche wurde „charismatischer“ (z. T. im komischen Sinne). Es gibt sehr,
sehr viele neue Kirchen (Sekten), noch mehr Neugründungen, große
individualistische Tendenzen. Die Egozentrik scheint zum Kult geworden zu sein.
Evangelikale Gruppen, große evangelikale Fernsehstationen mit Ganztagsprogramm,
unzählige Berichte von Heilungserfahrungen, Wundern, begeisterten und lauten
Gebeten u. ä., diese Kirchen erleben einen Aufschwung.
Die sog. „Crentes evangelicos“
(evangelikale Freikirchen) sind inzwischen in Brasilien in der Mehrheit.
Einzelne Mitglieder dieser Kirchen arbeiten sicher auch in Gewerkschaften,
politischen Parteien oder Volksbewegungen. Die Kirchenleitungen unterstützen
aber selbige Option kaum, warnen sogar ihre Mitglieder vor einer Teilnahme. Es
gibt in Brasilien hunderte von sog. Freikirchen: Versammlung Gottes, Kirche
Jesu Christi, Brasilianische Kongregation, Wahre Kirche des Erlösers, Kirche
des Hl. Geistes usw. Am Straßenrand stehen Dutzende von Kirchen mit
verschiedensten Bezeichnungen. Manche Kirchen sind so groß wie Messehallen,
fassen an die 2.000 Leute und viel mehr, manche nur 30 – 40.
Diese Kirchen haben eines gemeinsam:
fast alle stehen dem Fundamentalismus sehr nahe. Für sie sind andere
Weltreligionen falsch, auch die traditionellen Kirchen, insbesondere die
katholische und evangelische sind am Irrweg. Sie beteiligen sich weder am
Dialog der Weltreligionen, noch an ökumenischen Treffen. Die Bibel wird
einfach, direkt und wortwörtlich interpretiert. Kritische Exegese,
zeitgeschichtlicher Kontext und Wissenschaft wird abgelehnt. Die Bekehrung
erfolgt in der jeweils neuen Kirche durch die persönliche Jesuserfahrung plus erstmals
gültiger Wiedertaufe, vermittelt durch die jeweils neue Kirche: „Ich lernte
Jesus in dieser Kirche kennen, er hat mich gerettet.“ Durch den neuen Glauben
wird Gesundheit, Glück, Eintracht, manchmal sogar Reichtum versprochen.
Demokratiepolitisch sind die
Kirchenleitungen der evangelikalen Gruppen eher konservativ bzw. rechts. Die
Basisgemeinden waren und sind ihnen immer ein Dorn im Auge, zu politisch.
Befreiungstheologie wird von evangelikalen Kirchen schärfstens verurteilt, die
Kritik von manchen Päpsten hört sich im Vergleich dazu fast harmlos an.
Ein Problem dieser Religionsausübung
liegt sicher in der Entfremdung. Religion kann auch entfremden, kann zum Opium
werden. Die Kirchenleitungen verlangen auch sehr viel Geld von ihren Gläubigen.
Ob es im Sinne Jesu ist, wenn
Ungerechtigkeiten gesundgebetet werden, wenn fanatisch gebetet wird, wenn
Bibelzitate durch die Gegend fliegen, aber über soziales und politisches
Engagement eher gelächelt wird.
Ob es im Sinne Jesu ist, wenn
Notsituationen durch Hallelujagebete (manchmal hysterisch anmutend) verdrängt
und vergessen werden, wenn das Engagement an Hilfsprojekt aber abgelehnt wird,
übertönt durch „Jesus hilft, du musst nur glauben…“.
Am Fronleichnamstag bewegten sich
manch kleine bescheidene Prozessionen von katholischen Pfarren durch Sao Paulo,
die evangelikalen Freikirchen versammelten aber am „Jesusbekenntnistag“ einige
Millionen Leute. Die Fernsehstationen berichteten begeistert über diesen großen
Event, die katholische Kirche wurde in einer kurzen Randnotiz erwähnt.
Realitäten haben sich nach 30 Jahren geändert. Die Welt der Freikirchen ist in
Brasilien viel präsenter als die katholische Kirche bzw. die Kirchen des
ökumenischen Weltkirchenrates.
Nachdenkliches
Die Kirche, auch die wohl viel
bescheidenere prophetische, befreiungstheologische Kirche hat heute eine andere
Funktion wie vor 30 Jahren. Viele Bischöfe wurden durch eher konservative
Bischöfe, z. T. sogar Opus-Dei-Bischöfe ersetzt. Auch Volksbewegungen,
inzwischen kleiner und institutionalisierter, haben offenkundig heute eine
andere Funktion als in Zeiten von Unterdrückung, als in Zeiten einer
Opposition. Die Nucleos der PT (Parteizellen an der Basis) gibt es schon lange
nicht mehr. Die Instrumentarien der Opposition wurden z. T. staatstragend.
„Sozialistische“ Grundsatzziele haben sich der staatstragenden Realität
angepasst. Auch wenn die Regierung Dilma auf „Bundesebene“ einiges Positives
für die Bevölkerung tut, es gibt noch immer parlamentarische Mehrheiten, die in
Opposition zu Dilma stehen. Es gibt etliche Landeshauptleute und Bürgermeister,
welche einer rechten Politik verhaftet sind. Sie stehen im Dienste von
Konzernen, im Dienste von Unternehmern, Großgrundbesitzern, Banken und anderer
Interessensvertretungen. Lula und Dilma konnten sich auch nicht gegen die Lobby
der Industrie, der Urwaldroder und Umweltzerstörer, der großen Holzfirmen in
Belo Monte durchsetzen. Schlimmer noch: sie machten Belo Monte zu ihrem
Projekt. Belo Monte wird zum gigantischen. fast größten Stausee Lateinamerikas
zur Gewinnung von Strom für große Industrien. Der Protest der Bevölkerung, der
Umweltschützer und auch des Bischofs von Xingo, Dom Erwin Kräutler, blieb ohne
Erfolg. Das Wirtschaftssystem Brasiliens ist neoliberal. Das
Wirtschaftswachstum ist enorm. Die Regierungsvertreter der USA und der EU holen
sich nicht nur Ratschläge zum Thema Wirtschaft. Banken oder Entschuldung, sie
verhandeln sogar in Augenhöhe, um Anleihen zu bekommen.
Was sicher stimmt, was uns auch öfters
fröhlich stimmte: den Brasilianern geht es besser, es gibt weniger Hunger,
abertausende von Familien haben bescheidene kleine Häuser, viele Familien
können sich ein Auto, elektronische Geräte und auch Flachbildschirme leisten.
In Sao Paulo herrscht Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, aber auch an
Hilfsarbeitern. Viele Menschen sind sehr sehr stolz auf die Entwicklung ihres
Brasiliens.
Vor 30 Jahren wollten die
Genossenschaftsmitglieder wissen, was „Sozialdemokratie“ ist. Sie ließen sich
das Modell der Sozialpartnerschaft erklären. Sie kannten den Namen Kreisky. Sie
wollten wissen, wie sich die Bauern Europas aus der Leibeigenschaft befreiten,
wie Tiroler Bauern Genossenschaften bildeten, was die Bauern taten, damit
Genossenschaften nicht konzernähnlich würden. Natürlich wollten die Leute auch
etliche Wirtschaftstheorien kennenlernen und diskutieren: sie fragten nach
Kapitalismus, Sozialismus, Liberalismus; sie diskutierten Marx, Engels, Lenin,
Mao und Tito. In Zeiten der Militärdiktatur wurde Kuba damals interessanter
Referenzpunkt. Heute pflegt Brasilien mit „sozialistischen“ Regierungen beste
Kontakte, aber auch mit anderen.
Am Flughafen traf ich noch zwei große
Gruppen von brasilianischen Wirtschaftsstudenten; eine Gruppe flog in die
Türkei, die andere flog nach China. Warum sie daselbst 2 oder 3 Jahre studieren
wollen, warum sie diese fremden Sprachen lernen wollten? Ja, dort gibt es
Wirtschaftswachstum, dort läge auch wirtschaftliche Zukunft.
Es scheint, dass der Neoliberalismus
sehr viel Macht hat, er droht auch den letzten Rest von „Sozialismus“ zu
ersticken. Optimistisch formuliert: vielleicht entwickelt sich aus Brasilien
heraus etwas anderes, vielleicht sogar eine politische Alternative. Hoffentlich
nicht erst dann, wenn der Urwald gerodet und Sao Paulos Verkehr durch Millionen
Autos hoffnungslos, vielleicht endgültig verstopft ist. Einerseits freut man
sich, wenn es Millionen von BrasilianerInnen besser geht, andererseits bleibt
man nachdenklich: die Welt hat ihre Grenzen. Die Ideologie vom freien Markt und
unendlichen Wirtschaftswachstum ist verderblich.
Dr. Jussuf Windischer, geb. 1947, ist
katholischer Theologe in Innsbruck und Generalsekretär von Pax Christi
Österreich. Theologiestudium in Trier, Strasbourg, Innsbruck. Religionslehrer
BMS. Soziale Dienste in Zimbabwe, Brasilien (IIZ), Innsbruck (Jugendzentrum Z6,
Obdachlose/homeless people, Mentlvilla - Notschlafstelle für schwer
drogenkranke Personen. 12 Jahre Leiter des Caritas Integrationshauses). Dozent
Sozialakademie Innsbruck. Windischer ist auch Vorstandsmitglied der AKC.
Balázs Németh
HERODES IST HEUTE ÜBERALL
Viele bekannte Maler legen in ihren
Bildern die Bibel aus. Zu ihnen zählt auch Pieter Bruegel d. Ä. mit seinem
bekannten Bild „Der Kindermord zu Bethlehem“. Bruegel malte diese biblische
Szene ganz im gegenständlichen Sinne, indem er sie aktualisierte und in seine
eigene Zeit versetzte, als der spanische Statthalter Herzog Alba sein
Schreckensregiment führte und den Aufstand der unterdrückten Niederländer
brutal und blutig niederwarf. In Bruegels Bild entdecken wir bei genauem Hinsehen
viele überraschende Kontraste und Gegensätze: So hat der Maler auf seinem Bild
nicht nur das szenische Bethlehem, sondern das gesellschaftliche Leben seiner –
und damit auch unserer – Zeit eingefangen.
Ein solcher Kontrast zeigt sich auch
zwischen dem verschneiten idyllischen Dorf in echt weihnachtlicher Atmosphäre
auf der einen und dem grauenvollen Toben und Morden der Soldateska auf der
anderen Seite – hier die friedvolle Idylle und da die Ausgeburt des Bösen.
Angesichts dessen fragt sich wohl jeder: wie kann Gott so etwas zulassen? Wo
bleibt hier seine zugesagte Gnade? Könnte Gott dem Bösen in der Welt nicht von
vornherein Einhalt gebieten? Kein Wunder, dass Dostojewskis Aljoscha in seinem
Roman „Die Brüder Karamasow“ das Eintrittsbillet in den Himmel Gott zurückgeben
will, als er mit ansehen musste, wie ein Kind geschlagen wird..
Könnte allerdings hinter dieser Frage
nicht ein patriarchalisches, statisches Bild von einem Gott stecken, der die
Puppen tanzen lässt und damit die Menschen von jeglicher Verantwortung der Welt
und den Geschehnissen gegenüber entbindet? Wir können nicht angesichts des
Bösen in der Welt nur passiv als Zuschauer diese Frage an Gott richten, und sei
es in Form eines Gebets, sondern wir sind herausgefordert und aufgerufen, den Ursachen
des Bösen auf die Spur zu kommen und zu seiner Überwindung beizutragen. Denn
wir sind weder Zuschauer noch Marionettenfiguren eines namenlosen Schicksals,
sondern wir sind die zur Nächstenliebe Befreiten.
Einen starken Kontrast bilden auf dem
Bild auch die stolzen in Panzer gehüllten und hoch zu Ross dastehenden Soldaten
auf der einen Seite, und auf der anderen zu ihren Füßen auf Knien rutschende
und flehende Mütter und Väter, die händeringend um das Leben ihrer Kinder
betteln. Das ist der immerwährende große Gegensatz und das Gefälle zwischen
Oben und Unten, zwischen Klasse und Klasse, die fortdauern bis in unsere Tage
und dabei eher noch größer werden, auch wenn Einige diese Realität leugnen oder
verschleiern. Es ist unbestreitbar, dass auf der einen Seite die Zahl der
ausgegrenzten Armen und derer zunimmt, die um Arbeit und Brot betteln, und auf
der anderen Seite gerade die Wirtschaftskrise viele Reiche noch reicher gemacht
hat.
Besonders im Licht von Weihnachten
spüren wir schmerzlich dieses Unrecht, denn die Menschwerdung Gottes
signalisiert, dass niemand mehr behaupten kann, dass er der Herr sei und über
anderen stehe, denn jeder Mensch – und daher Mitmensch – ist zuerst und vor
allem unser Bruder und unsere Schwester. Wir können uns einander nur in
Augenhöhe begegnen, mit allen daraus folgenden Konsequenzen.
Ein anderer Kontrast auf Bruegels Bild
ist die zur Schau gestellte Machtdemonstration der Soldaten mit ihren sofort
ins Auge springenden todbringenden Lanzen gegenüber den wehrlosen unbewaffneten
Dorfbewohnern. In Wahrheit entlarvt diese barbarische Brutalität eine
tiefsitzende Angst, die durch die Gewalt beseitigt werden sollte. Denn die
spanischen Berittenen hatten vor den wehrlosen Holländern ebensolche Angst wie
Herodes vor dem kommenden Messias und der ägyptische Pharao vor den
israelitischen Sklaven.
Gewalt, Brutalität und Aggression
entstehen meistens auf dem Boden der Angst. Angst ist sozusagen das Treibhaus
für Gewalt. Menschen möchten ihre Ängste loswerden durch Gewalttätigkeit. So werden
biedere Familienväter und Ehemänner oft zu Schlägertypen. Aus Angst werden
Ausgegrenzte oder an den Rand Gedrängte aggressiv. Vater vieler Kriege war fast
immer die Angst – Angst vor dem Verlust der führenden Position, Angst vor der
Übermacht, Angst vor dem Umzingeltwerden... Angst macht auch Atommächte
unberechenbar. Diese Angst überwinden können aber nur Liebe und Solidarität,
die die Bausteine sind für ein Haus des Friedens.
Der allergrößte Kontrast aber, den
Bruegel auf seinem Bild sichtbar macht, ist der, dass die kleine Stadt
Bethlehem auf der einen Seite Geburt und werdendes Leben schlechthin
signalisierte und auf der anderen Seite zum Schauplatz einer
lebensvernichtenden ungeheuerlichen Mordtat wurde. Es wäre kühn zu sagen, so
etwas könne, auch nach dem Grauen der Shoa, heutzutage bei uns nicht mehr
passieren. Mit Recht erinnert uns Bertolt Brecht daran, dass es vielerlei Arten
des Tötens gibt: man kann einen Menschen nicht nur töten, indem man ihm ein
Messer in den Rücken stößt, sondern man kann ihm Arbeit und Brot wegnehmen und
ihn in den Selbstmord treiben... Und viele dieser Tötungsarten sind nicht
strafbar... Daher konnte der bedeutende Menschenrechtler und Soziologe Jean
Ziegler den unter die Haut gehenden Satz aussprechen – und etliche Male
wiederholen: „Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet“. Jede 5. Sekunde
wird auf diese Art ein Kind in den armen Teilen unserer Welt ermordet... 57.000
Kinder und Erwachsene, sagte Jean Ziegler, sterben jährlich direkt an Hunger
oder an dessen Folgen – und im Jahr 2011 waren es wahrscheinlich noch
wesentlich mehr. Ziegler sprach ungeschminkt aus, dass für diesen Zustand eine
„kannibalische Weltordnung“ mit ihren Halunken von Bankmogulen die
Verantwortung trage. Die Profiteure unserer globalisierten Weltwirtschaft seien
die Schuldigen, die nur darauf bedacht seien, dass ihre Profite ständig
steigen, ungeachtet von Hunger und Tod in den armen Ländern der Welt. Die
Berufung auf den Klimawandel als allein Schuldigem an vielen Katastrophen
kaschiert oft die traurige Tatsache, dass auch Ausbeutung tötet. Woran es
mangelt, das ist die Umsetzung der Botschaft des Vaterunsers, nämlich das
eigene Brot mit den Brotlosen zu teilen. Eine Wirtschaftsordnung auf der Basis
der Bereitschaft zum Teilen würde uns frei machen, so dass wir mit gutem
Gewissen beten können: „Unser tägliches Brot gib uns heute“.
Die enormen Rüstungsausgaben mancher
Länder, über die man in den Medien wenig hört und liest, töten ebenfalls, auch
wenn nicht einmal ein Schuss fällt. Der Dichter Erich Fried stellt in seinem
Gedicht „Bethlehem heißt ‚Haus des Brotes'“ den Zusammenhang her zwischen dem
Hungertod in der Welt der Armen und den enormen Rüstungsausgaben in der reichen
Welt. Denn Rüstung frisst das Brot der Armen. Mit den 4.000 Milliarden Dollar,
die die beiden sinnlosen und blutigen Kriege in Irak und Afghanistan in den
letzten 10 Jahren verschluckt haben, hätten die USA das Problem des Hungers in
der Welt lösen und dazu einen maßgeblichen Beitrag zur Befriedung dieser
besagten Weltregion leisten können. Maßnahmen des Teilens sind das wahre
Zeugnis dafür, ob ein Land eine wirkliche Demokratie ist oder nicht, denn das
Kriterium dafür sind nicht nur sogenannte freie Wahlen, sondern auch der
Einsatz für die Schwachen und Erniedrigten außerhalb der eigenen Grenzen. Das
ist Maßstab der Menschlichkeit und das ist die gelebte Konsequenz aus der
Menschwerdung Gottes.
Bethlehem weist allerdings nach dem
Bericht des Evangelisten Matthäus noch einen anderen Kontrast auf: Während
nämlich in der Stadt die meisten Kinder ermordet wurden, konnte allein das
Jesuskind gerettet werden, weil der Engel Josef vorgewarnt hatte. In diesem
Zusammenhang lässt mich die Frage des portugiesischen Literatur
Nobelpreisträgers José Saramago nicht in Ruhe, die er uns in seinem Buch „Das
Evangelium nach Jesus Christus“ gestellt hat: Warum hat Josef die Eltern der
anderen Kinder in Bethlehem nicht gewarnt? Neutestamentliche Wissenschafter
haben darauf verwiesen, dass der Evangelist Matthäus offensichtlich nur die
Linie Jesu im Blickfeld hatte, wie das auch andere Autoren im Altertum mit
ihren Helden getan haben, allerdings mit dem Wissen, dass Jesus nicht am Anfang
sondern am Ende der Kreuzestod erwartete. Diesen Gedanken greift der bedeutende
Schweizer Dichter und reformierte Pfarrer Kurt Marti auf: nicht ägypten ist
fluchtpunkt der flucht - das kind wird gerettet für härtere tage - fluchtpunkt
der flucht ist das kreuz.
Ungeachtet dessen erinnert uns
Saramagos Frage daran, dass das Florianiprinzip auch den Christen nicht fremd
ist. Christenverfolgungen in Nigeria und Ägypten z. B. rufen zu Recht Proteste
hervor, nicht so aber wenn Muslime irgendwo verfolgt werden, oder wenn deren
religiöse Rechte in unserem Land nicht respektiert werden. Dabei vergessen wir
allzu leicht, dass die Menschwerdung Gottes die Mauer niedergerissen hat
zwischen Freund und Feind und auch zwischen Einheimischen und Fremden – und
dies für alle Zeiten. Doch leider spukt wieder der Ungeist früherer Zeiten
durch unsere Tage, der sich anmaßte, zwischen wertvollem und unwertem Leben zu
unterscheiden. Unser historisches Bewusstsein ist nämlich europalastig, und
daher beurteilen wir andere Kulturen rein von diesem Blickwinkel her. So lernt
man das in der Geschichte. Naturkatastrophen in Europa erhalten Schlagzeilen,
aber Abertausende ertrunkener Bootsflüchtlinge zwischen Nordafrika und Italien
nur kleine Fußnoten am Rande, und die globale Marktwirtschaft schützt und
fördert nur unseren Kulturkreis, aber schadet den Ländern des Südens.
Bethlehem, sowohl der Ort der Geburt
Jesu als auch jener des Kindermordes – und heute eingesperrt zwischen hohen
Mauern – stellt uns immer beunruhigende Fragen. Darum gehört diese
schockierende Geschichte über den Bethlehemitischen Kindermord gerade auch in
die Weihnachtsgeschichte, sonst würde der Zauber der Festtage das
himmelschreiende Böse und die unsägliche Unmenschlichkeit in der Welt
verdecken. Von deren Macht zu befreien, ist Gott Mensch geworden und hat uns zu
seinen Mitarbeitern berufen.
Dr. Balázs Németh ist
evangelisch-reformierter Pfarrer i. R., Vorstandsmitglied der AKC und ständiger
KC-Autor.