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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 500/501                          September/Oktober 2026                                         

 

 

Frei Betto:

WAS VERSTEHEN WIR UNTER „KRISE“?

 

Derzeit scheint alles in der Krise zu stecken: die Kapitalordnung, die Wirtschaft, die Politik, die Wissenschaft, die Ethik, die Werte, die Religionen und, bei uns in Brasilien sogar der Fußball. Kurz gesagt, wir befinden uns in einer Zivilisations­krise, also in einer Krise unserer Lebensweise, unserer Gesellschaftsorganisation und der Werte und Gesetze, die unser Leben bestimmen. Es gibt kein klares Bild, insbesondere nicht mit Blick auf die Zukunft.

 

Es kann eine Tragödie darstellen, de­ren Ausgang destruktiv sein kann wie im griechischen Theater, oder ein Drama, dessen Ende gesegnet sein kann, wie in der christlichen Liturgie, die die Osterauferstehung nach dem Karfreitag feiert.

 

Die Menschheit steht vor dieser Ent­scheidung: Entweder wir machen weiter wie bisher und riskieren eine Tragödie unserer Zivilisation, oder wir beschreiten einen neuen Weg, der sicherlich von Dramen geprägt sein wird, aber eine bessere Zukunft verspricht.

 

Die Erd-Charta, eines der wichtigsten UN-Dokumente zur Zukunft unseres Planeten, erklärt: „Die Grundlagen der globalen Sicherheit sind bedroht; diese Entwicklungen sind gefährlich, aber nicht unausweichlich. Wir stehen vor der Wahl: Entweder wir bilden ein globales Bündnis zum Schutz der Erde und unserer Mitmenschen oder wir riskieren unsere eigene Vernichtung und die Vernichtung der Artenvielfalt“ (Präambel). Dies ist die radikale Krise, vor der wir stehen.

 

Zunächst einmal sollten wir klären, was wir unter Krise verstehen. Die meisten Menschen verwenden das chinesische Schriftzeichen für Krise: sowohl als Risiko als auch als Chance, was ich aufschlussreich finde. Ich bevorzuge jedoch die vielschichtige Bedeutung von Krise im Sanskrit, da sie die Grund­lage unserer Sprache bildet und in anderen Wörtern Resonanz findet.

 

Im Sanskrit stammt das Wort für Krise von „kir“ oder „kri“ , was reinigen und säubern bedeutet. Von „kri“ kommt auch das Wort für Schmelztiegel, der Schmelztiegel zur Goldraffination. Raffinieren bedeutet, elegant ausgedrückt, auch dekantieren. Eine schwere Krankheit löst beim Betroffenen eine tiefe Krise aus. Nach Überwindung der Krise überdenkt er den Sinn des Lebens und entdeckt den Wert der alltäglichen Dinge neu. Krise bedeutet daher einen entscheidenden Prozess, eine Reinigung von allem Unwesentlichen. Das Zufällige bleibt zufällig.

 

Wenden wir uns nun dem Wesen der Krise zu. Der erste, der sich eingehend mit dem Zusammenhang zwischen Krise und Angst befasste, war Søren Kierkegaard (1813–1855), der als einer der Begründer des Existentialismus gilt. Der Philosoph und Theologe verfasste „Der Begriff der Angst“ (Vozes, 2010) sowie „Die Krise“ und „Eine Krise im Leben einer Schauspielerin“. Für ihn ist das Leben ein ständiger Prozess aus Ängsten und Krisen sowie aus der Überwindung dieser Ängste und Krisen.

 

Ein weiterer grundlegender Denker in der Krisenbewältigung war der spanische Philosoph José Ortega y Gasset (1883–1955), bekannt als Urheber des Ausspruchs „Ich bin ich selbst und meine Umstände“. Er verfasste 1942 einen Essay, der später unter dem Titel „Around Galileo Galilei: Schemes of Historical Crises“ (Vozes 1989) veröffentlicht wurde. Darin zeigte er, dass die Geschichte aufgrund ihrer Brüche und Wiederaufnahmen eine Krisenstruktur aufweist.

 

Dem Autor zufolge folgt dies folgender Logik: (1) Die herrschende Ord­nung verliert ihre klare Bedeutung; (2) es entsteht die Wahrnehmung, dass sich eine Mauer vor uns erhebt, weshalb Zweifel, Skepsis und weitverbreitete Kritik vorherrschen; (3) eine Entscheidung ist dringend erforderlich, die neue Gewissheiten und eine andere Bedeutung schafft; doch wie soll man entscheiden, wenn die Lage unklar ist? Ohne eine Entscheidung gibt es jedoch keinen Ausweg aus der Krise; (4) Sobald die Entscheidung getroffen ist, selbst unter Risiko, eröffnet sich ein neuer Weg und ein neuer Raum für Freiheit. Die Krise ist überwunden. Eine neue Ordnung kann beginnen.

Dies wird einen anderen Verlauf der Ereignisse nach sich ziehen. Dann, der Logik der Krise folgend, wird auch diese Ordnung in eine Krise geraten. Und dies wird, nach einem kritischen Prozess der Verfeinerung und Läuterung, die Entstehung einer neuen Ordnung ermöglichen.  So entwickelt sich die Geschichte der Menschheit Schritt für Schritt.

 

Die Krise hat auch eine persönliche Dimension, insbesondere die große Krise, die durch den Tod symbolisiert wird. Sie offenbart zudem eine kosmische Dimension: das Ende des Universums. Ich glaube, dieses Ende führt nicht zu thermischem Tod und völliger Leere, sondern zu einer Explosion und Implosion in die höchste Wirklichkeit.

 

Doch jeder Reinigungsprozess verläuft nicht ohne Brüche und Umbrüche. Daher die Notwendigkeit der Entscheidung. Entschei­dung bedeutet einen Bruch mit dem Vorhergehenden und leitet Neues ein. Lasst uns also die griechische Bedeutung von Krise neu begreifen.

 

Im Griechischen bezeichnet „krisis“ (Krise) den Entscheidungspro­zess eines Richters oder Arztes. Der Richter wägt die Argumente für und gegen eine Erkrankung ab, der Arzt berücksichtigt die verschiedenen Krankheitssymptome. Auf dieser Grundlage entscheiden beide über das zu verhängende Urteil oder die zu behandelnde Krankheit. Dieser Entscheidungsprozess wird als Krise bezeichnet. Sobald eine Lösung gefunden ist, ist die Krise überwunden.

 

Das Johannesevangelium verwendet das Wort „Krise“ 30 Mal im Sinne einer Entscheidung, was die meisten Übersetzer, die den Reichtum des ursprünglichen Wortes „krisis“ nicht erkennen, mit „Gericht“ übersetzen. Tatsächlich erschien Jesus als „die Krise der Welt“ (krisis tou cosmou), denn er zwang die Menschen, sich für oder gegen seine Botschaft und seine Person zu entscheiden.

 

Brasilien schiebt seine Krisen seit Jahrhunderten auf, weil seinen Führern der historische Mut fehlt, Entscheidungen zu treffen, die mit seiner verhängnisvollen Vergangenheit brechen. Verhandlungslösungen wurden und werden weiterhin unter dem Vorwand der Regierbarkeit geschlossen (vgl. das Standardwerk von José Honório Rodrigues, „Versöhnung und Reform in Brasilien“, 1965). Auf diese Weise werden die Privilegien der rückständigen Eliten subtil bewahrt, und die große Mehrheit ist erneut dazu verdammt, in Elend oder Ausgrenzung zu verharren.

 

Die Krise des Kapitalismus ist berüchtigt. Wie Carl Polanyi in seinem Werk „Die große Transformation“ (Campus, 2000) darlegte, ist aus einer Gesellschaft mit einem Markt eine Gesellschaft des Marktes geworden. Alles wird zur Ware gemacht (selbst menschliche Organe), etwas, das Marx bereits 1847 voraussagte und als „Zeit allgemeiner Korruption und universeller Bestechlichkeit“ bezeichnete („Das Elend der Philosophie“). Heute herrscht spekulatives Kapital vor, das nicht einmal einen einzigen Nagel produziert, sondern nur Geld und noch mehr Geld. Dies wird mit Sicherheit in einer beispiellosen Krise enden, die Millionen armer Menschen grausam treffen wird.

 

Wie Platon inmitten der Krise der griechischen Kultur treffend sagte: „Großes geschieht nur im Chaos, in der Krise.“ Mit Entschlossenheit verschwinden Chaos und Krise, und eine neue Ordnung kann entstehen. So endete Martin Heidegger, zeitweise Nationalsozialist, seine Antrittsvorlesung als Rektor der Universität Freiburg.

 

Hoffentlich erwächst aus dieser planetaren Krise ein neues zivilisatorisches Unterfangen, das hoffentlich inklusiver, humanitärer, spiritueller und fürsorglicher sein wird. Andernfalls…

 

Quelle: https://leonardoboff.org/, 2. 8. 26

 

Leonardo Boff, geboren 1938 in Concordia im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina, ist Theologe, Philosoph, Schriftsteller und Mitbegrün­der der internationalen Initiative „Erdcharta“. Boff schreibt u. a.  für das Magazin LIBERTA (ICL: https://www.revistaliberta.com.br)

 

 

Kuno Füssel

DIGITALE DIKTATUR ODER MENSCHSEIN IN WÜRDE?

Klare Worte von Papst Leo XIV. zum System der Künstlichen Intelligenz

1) „Magnifica Humanitas -Großartige Menschheit“

Unter diesem Titel hat Papst Leo XIV. am 25. Mai sein erstes großes Lehrschreiben veröffentlicht. Wer den Titel angesichts der aktuellen Misere der Menschheit für eine fromme Übertreibung hält, kann sich durch die genauere Lektüre eines Besseren belehren lassen.

Papst Leo XIII. hatte im Jahre 1891 in seiner Enzyklika „Rerum Novarum“ die industrielle Revolution des 19.Jh. als Herausforderung für eine Katholische Soziallehre erkannt und darauf reagiert.. Ebenso nimmt nun Papst Leo XIV., der mit seinem Namen bewusst bei Papst Leo XIII. anknüpft, eine präzise und kritische Analyse der großen Umbrüche der Gegenwart vor, in deren Zentrum der Vormarsch der KI steht, die alle unsere Lebensbereiche erfasst.

Papst Leo XIV. verkündet programmatisch: Zuerst kommt der Mensch, dann der technische Fortschritt. Damit setzt er den technologischen Heilsversprechen die Heilszusagen der Reich-Gottes-Botschaft entgegen. Vor dem Hintergrund dieser klaren Option skizziert er den Aufbau einer dementsprechenden Gesellschaftsordnung, in der Liebe und Gerechtigkeit walten -„Zivilisation der Liebe“ genannt - und nicht die Macht des Kapitals global neue Formen der Sklaverei schafft, das Klima und die Umwelt zerstört und brutale Kriege auslöst. Wie schon bei den Wortmeldungen seines Vorgängers Papst Franziskus fand die neue Enzyklika spontan eine enorme öffentliche Beachtung. Eine Umsetzung in gesellschaftliche Wirklichkeit müsste der Begeisterung aber auf breiter Front folgen, damit sie ihren Zweck erfüllt..

Im Folgenden gebe ich zunächst einen kurzen thematischen Überblick zum Aufbau der Enzyklika. Danach aber soll der kritischen Analyse der KI und ihrer Wirkungen als Verkörperung und Verdichtung des dominanten technologischen Paradigmas die Hauptaufmerksamkeit geschenkt werden.

2) Der inhaltliche Aufbau der Enzyklika. Ein kurzer Überblick

Im Einführungsteil und den beiden ersten Kapiteln vermittelt Papst grundlegende Kenntnisse zur historischen Entwicklung der offiziellen kirchlichen (katholischen) Soziallehre (=KSL), sowie ihre Grundlagen und Prinzipien.

Im programmatischen Kapitel III, überschrieben mit „Technik und Herrschaft. Die Größe der menschlichen Person angesichts der Ver­sprechen der KI“, entfaltet der studierte Mathematiker Robert Prevost, nunmehr Papst Leo XIV., eine breitgefächerte Auseinandersetzung mit der KI, die er keineswegs als Teufelswerk verdammt, sondern wegen ihrer Verdienste und Schaffung neuer Möglichkeiten für Arbeit und Leben der Menschen gebührend zu würdigen weiß.

Im Kapitel IV widmet sich Papst Leo dann drei großen Bereichen, die er durch die Expansion und Verselbständigung der verschiedenen KI-Systeme besonders gefährdet sieht: „Wahrheit, Arbeit und Freiheit“.

Im Kapitel V wird die fundamentale. Polarisierung zwischen der „Kultur der Macht“ und der „Zivilisation der Liebe“ behandelt, auf deren Herausarbeitung ja die umfangreiche Kritik des technokratischen Paradigmas in den vorangehenden Kapiteln bereits fokussiert war. Waren die dort behandelten, mit der Innovation verknüpften Faktoren von Ausgrenzung und Herrschaft schon alarmierend genug, so gilt nun die Aufmerksamkeit dem „noch dramatischeren Thema des Krieges“. (Nr.182)

Im Schlussteil koppelt der Papst dann seine Überlegungen noch einmal zurück an theologische Grundüberzeugungen wie die Lehre von der Menschwerdung Gottes, in der er die stärkste theologische Zurückweisung von Ideologien wie dem Transhumanismus sieht. Es ist sicher mehr als eine routinierte Frömmigkeitsübung, wenn der Papst am Ende an das Magnifikat (Lk 1, 46-56) als Lied der Hoffnung erinnert, in dem Maria, eine junge Frau aus den Bergen Galiläas, den Sturz der Mächtigen besingt.

3) Das Schwerpunktthema der Enzyklika: Die KI, ihr Ort, ihre Struktur und ihre Funktion als invasives System

Der Papst reagiert mit seiner Kritik der KI erkennbar auf die in den letzten Jahren um die KI entfachte Hype und eine durch vermeintlich rasante Weiterentwicklungen der KI begünstigte Tendenz, das Projekt Mensch-Sein mehr oder weniger abzuschreiben. Vor allem aber beunruhigt ihn, dass sich im digitalen Bereich durch die Verfügung über Plattformen, Infrastrukturen, Daten und Rechenleistung eine Machtkonzentration in den Händen weniger wirtschaftlicher und technologischer Akteure/Unternehmen gebildet hat, die immer undurchsichtiger wird und sich der öffentlichen Kontrolle entzieht. Diese Situation ruft zur „Prüfung auf, ob die Macht digitaler Infrastrukturen und Algorithmen tatsächlich Teilhabe und Ver­antwortung fördert, die Schwachen schützt, Chancengleichheit gewährleistet und auf das Wohl aller ausgerichtet bleibt.“ (Nr.96) Diese Probleme und nicht so sehr ein rein technisch-mathematisches Interesse leiten seine Auseinandersetzung mit der KI und bestimmen seine Herangehensweise. .

Aber ein unmittelbares Problem jeder Auseinandersetzung mit „KI“ liegt in der begrifflichen Unschärfe des Sprachgebrauchs, der alleine schon durch den Singular „die KI“ insinuiert, es handle sich um einen subjekthaften Akteur. Vielmehr geht es um einen Sammelbegriff, unter dem sehr unterschiedliche technische Verfahren, theoretische Konzepte und Unternehmen subsumiert werden. Es ist daher einleuchtend, wenn Papst Leo in Nr.99 erklärt, dass es unmöglich ist, „eine eindeutige und umfassende Definition von Künstlicher Intelligenz zu geben.“

 Als erstes wendet er sich dagegen, dass der Begriff Intelligenz vom Menschen auf Maschinen übertragen wird, und entfaltet von dort aus den Schwerpunkt seiner weiteren Analyse und seiner Einwände: „Diese Systeme ahmen bestimmte Funktionen der Menschlichen Intelligenz nach. Dabei übertreffen sie diese oft an Geschwindigkeit und Rechenleistung… Diese Leistungsfähigkeit hat jedoch ausschließlich mit der Datenverarbeitung zu tun.“ (Nr.99) Erkennbar In der Tradition des Philosophen und Mathematikers G.W. Leibniz (1646 1716) stehend, der schon zu seiner Zeit den Denk-Maschinen die Fähigkeit des Bewusstseins absprach,  listet der Papst dann ausführlich die fundamentalen Unterschiede und Defizite der Maschinen im Vergleich mit dem Menschen auf: „Sogenannte künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet. Sie haben auch kein moralisches Gewissen: Sie unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse,… Sie können Empathie oder Verständnis simulieren, aber sie verstehen nicht, was sie damit bewirken… Auch wenn diese Werkzeuge als <lernfähig> dargestellt werden, unterscheidet sich ihre Art des Lernens von dem einer menschlichen Person.“ (Nr.99) Vor diesem Hintergrund lässt sich aber auch besser nachvollziehen, wa­rum der Papst seiner Enzyklika diesen – nun gar nicht mehr pathetisch klingenden – Titel gegeben hat.

Weil das KI-System diese Ausfälle und Defizite hat, ist klar, dass der Einsatz der KI niemals eine rein technische Angelegenheit sein kann. Eine zwingende Konsequenz liegt auf der Hand: „Wir können KI nicht als moralisch neutral betrachten…. Wenn ein System so konzipiert oder eingesetzt wird, dass es bestimmte Formen von Leben als weniger wertvoll behandelt.., dann ist es nicht ein einfaches Werkzeug, das <gut genutzt> werden kann: Es führt bereits ein Kriterium ein, das der unveräußerlichen Würde des Menschen entgegensteht.“ (Nr. 104) Damit aber die KI die Menschenwürde achtet, müssen die Verantwortlichkeiten klar benannt werden, „angefangen bei jenen, die die Systeme entwerfen und trainieren, bis hin zu jenen, die sie nutzen und ihnen konkrete Entscheidungen anvertrauen.“ (Nr.105)

Die Zuweisung von Verantwortung auf allen Ebenen und die zum Schutz der Menschenwürde und des Gemeinwohls unumgängliche institutionelle Regulierung des technokratischen, ökonomischen und politischen Systems der KI gehören daher zu den Dauerforderungen des Papstes, welche die ganze Enzyklika durchziehen.

Papst Leo lässt es aber nicht bei einer eher moderaten Form seiner Forderungen bewenden, sondern spitzt sie erheblich und kampfeslustig zu, indem er davon spricht, dass die KI „entwaffnet“ werden muss, wobei dieser Begriff mehrere Bedeutungsebenen umfasst: Zunächst einmal geht es darum, die „KI der Logik des bewaffneten Wettbewerbs zu entziehen“, der sich heute nicht nur des Militärs, son­dern auch der Wirtschaft und der Wissenschaft als Waffen bedient. Es lohnt sich, die weitere Passage ganz zu zitieren, die zu den markantesten der ganzen Enzyklika zählt: „Entwaffnen bedeutet, diese Gleichsetzung von technischer Macht und dem Recht zu herrschen aufzubrechen. Entwaffnen bedeutet nicht, auf die Technologie zu verzichten, sondern zu verhindern, dass sie den Menschen beherrscht. Es bedeutet, sie Monopolen zu entziehen, sie hinterfragbar und anfechtbar und damit lebensfreundlich zu machen, sie der Vielfalt menschlicher Kulturen und Lebensweisen zurückzugeben… Daher reicht es nicht aus, sie zu regulieren: Sie muss entwaffnet und lebensfreundlich gemacht werden.“ (Nr.110)

Wir sollten es dem Papst nicht übelnehmen, dass er den Hauptfeind, den in all seinen Facetten kon­kret beschriebenen globalisierten Kapitalismus, nicht ausdrücklich beim Namen nennt und nicht sagt, dass das Kapital entwaffnet werden muss, damit der Mensch lebe. Ebenfalls zu fragen wäre er, wie er es sich vorstellen kann, dass die von den kapitalistischen Produktionsverhältnissen erlösten Produktivkräfte ein menschenfreundliches Gesicht annehmen.

4) Was tun?

Dem System („Kultur“) der Macht, das die KI zu seinem wichtigsten „Lebenselixier“ zu machen sucht, stellt der Papst die „Zivilisation der Liebe“ als Gegenpol gegenüber, von der er erwartet, dass sie gerade im digitalen Zeitalter durch jeden einzelnen genauso wie durch die Gesellschaft und die Staaten verwirklicht wird.. Gemeint ist eine „Gesellschaftsordnung, in der Gerechtigkeit und Nächstenliebe miteinander verflochten werden und die Liebe zum Ordnungsprinzip des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens wird.“ (Nr.186) Bei der „Zivilisation der Liebe“ handelt es sich nicht um eine naive und rührselige Utopie, sondern es geht um ein anspruchsvolles Projekt. Zu dessen Durchführung schlägt der Papst sieben konstruktive Schritte bzw. Methoden vor: Die Worte entwaffnen; Frieden und Gerechtigkeit aufbauen; die Perspektive der Opfer einnehmen; einen aufgeklärten Realismus praktizieren; den Dialog neu anstoßen; Diplomatie und Multilateralismus ankurbeln; Beten und Hoffen (vgl. Nr. 210-228).

Dem ist nichts hinzuzufügen, bis auf die boshafte Bemerkung, dass viele fromme Individuen und ganze kirchliche Kreise meinen, mit dem siebten Schritt sei es schon getan. Aber auch da könnte allein eine kämpferische Form des Betens sie eines Besseren belehren, wie das Magnifikat beweist. Dem Beten müssen die Taten folgen, sonst bleibt das Gebet ein leeres Wort. .Das wäre sicher nicht im Sinne des „Heiligen Vaters“.

Kunibert „Kuno“ Füssel, geb. 23. 9. 1941 in Trier, hat Mathematik und Physik studiert, später Theologie in Münster bei Karl Rahner und Johann Baptist Metz, bei dem er mit einer Arbeit über Wissenschaftstheorie promoviert hat. Von 1971 bis 1982 war er Wissenschaftlicher Assistent von Metz am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie und von Herbert Vorgrimler am Lehrstuhl für Dogmatik. Von 1998 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2007 war Füssel Lehrer für Mathematik, Physik und Religion an der Berufsbildenden Schule Wirtschaft in Koblenz. Kuno Füssel hat sich als Befreiungstheologe international einen Namen gemacht – vor allem auch durch seine „materialistische Bibellektüre“. Er ist Autor zahlreicher Bücher.

 

AFRIKANISCHE PRIESTER SOLIDARISCH MIT PALÄSTINA

Stellungnahme afrikanischer Mitglieder des internationalen katholischen Netzwerks „Priester gegen Völkermord“

Wir sind afrikanische katholische Priester, sei es von Geburt an oder aus Berufung. Unser Kontinent kennt den Krieg. Wir tragen die Erinnerung an die Bürgerkriege in Mosambik und Angola, den Völkermord in Ruanda und die Kriege in Liberia und Sierra Leone in uns. Heute erleben wir erneut Krieg im Sudan und Südsudan, im Osten der Demokratischen Republik Kongo, in der Sahelzone und in Cabo Delgado im Norden Mosambiks. Millionen von Menschen in ganz Afrika wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, manche als Flüchtlinge, viele weitere als Binnenvertriebene in ihren eigenen Ländern.

Wir sprechen daher über Palästina und den andauernden Völkermord in Gaza nicht, weil das Leid der Afrikaner weniger bedeutend wäre, sondern weil unser eigenes Leid uns gelehrt hat, das Leid anderer zu erkennen. Nelson Mandela erklärte 1997: „Unsere Freiheit ist unvollständig ohne die Freiheit des palästinensischen Volkes.“ Südafrika, eine Nation, die Apartheid und Enteignung kennt, hat kürzlich beim Internationalen Gerichtshof Klage gegen Israel gemäß der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes eingereicht.

Da wir in unserer eigenen Geschichte die Entmenschlichung erkannt haben, können wir uns ihr auch bei anderen Völkern nicht entziehen. Völkermord ist nicht einfach gleichbedeutend mit Krieg: Laut Völkerrecht bezeichnet er Handlungen, die mit der Absicht begangen werden, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu vernichten. Gestützt auf die Argumente internationaler Juristen und weltweit anerkannter Völkermordexperten sind wir der Ansicht, dass die Politik und das Vorgehen der israelischen Regierung im Gazastreifen Völkermord darstellen.

Die südliche Tradition von Ubuntu erinnert uns daran, dass unsere Menschheit eine Einheit bildet. Die Heilige Schrift stellt dieselbe Frage in den ersten Seiten der Genesis: „Wo ist dein Bruder?“ (Gen 4,9). Der Heilige Paulus bringt dieselbe Wahrheit zum Ausdruck: „Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit“ (1 Kor 12,26). Kains ausweichende Antwort – „Bin ich denn meines Bruders Hüter?“ – kann nicht die Antwort von Christen sein, wenn ein anderes Volk vor unseren Augen leidet. Jeder Mensch trägt das Bild Gottes (Gen 1,27); Würde wird nicht durch Staatsbürgerschaft, ethnische Zugehörigkeit oder militärische Macht verliehen.

Das Zweite Vatikanische Konzil zählt Völkermord zu den Taten, die „die menschliche Gesellschaft vergiften“ (Gaudium et Spes, 27). Besonders erschreckend an diesem Völkermord ist, dass es für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Gazas keinen sicheren Weg in ein sicheres Gebiet gab, sondern nur wiederholte Vertreibungen innerhalb eines abgeriegelten Territoriums, von einem unsicheren Ort zum nächsten. Menschen zur Flucht aufzufordern, wenn es keinen sicheren Zufluchtsort gibt, ist kein Schutz.

Unsere Sorge um das Heilige Land schmälert nicht unsere Sorge um Afrika. Die Bischöfe Mosambiks erklärten: „Mosambiks Zukunft kann nicht auf Gewalt aufgebaut werden.“ Die katholischen Bischöfe des Sudan und Südsudans bezeichneten die Tötung von Zivilisten als „Sünde gegen Gott“ und warnten: „Rache ist keine Gerechtigkeit. Kollektivbestrafung ist keine Stärke.“ Auch das Südliche Afrika kennt die Apartheid, die von seinen Bischöfen bereits 1957 als „in sich böse“ verurteilt wurde. Diese Geschichte mahnt uns zur Wachsamkeit gegenüber Mustern territorialer Trennung, Einschränkung der Bewegungsfreiheit und Enteignung. B’Tselem, Human Rights Watch und Amnesty International kamen zu dem Schluss, dass die israelische Politik gegenüber den Palästinensern einer Apartheid gleichkommt, und 2024 urteilte der Internationale Gerichtshof, dass die israelischen Maßnahmen eine „nahezu vollständige Trennung“ zwischen palästinensischen und Siedlergemeinschaften im Westjordanland und in Ostjerusalem aufrechterhalten. Erzbischof Desmond Tutu sagte nach seinem Besuch im Heiligen Land: „Es erinnerte mich sehr an das, was uns Schwarzen in Südafrika widerfahren ist.“

Wir können die Apartheid in unserer Geschichte nicht verurteilen und gleichzeitig die gleichen Muster, die den Palästinensern angetan wurden, leugnen. Unsere Verurteilung richtet sich gegen die israelische Regierung und die von ihr verantwortete Politik und Handlungen, nicht gegen Juden oder das Judentum. Wir lehnen Antisemitismus und Islamophobie ent­schieden ab. Wir verurteilen unmissverständlich die Tötung von Zivilisten, die Geiselnahme und andere schwere Verbrechen, die von der Hamas und anderen bewaffneten Gruppen am 7. Oktober 2023 begangen wurden. Doch diese Verbrechen mindern weder Israels Verpflichtungen nach internationalem Recht, noch rechtfertigen sie Völkermord oder Kollektivstrafen. Wir werden auf Entmenschlichung nicht mit Entmenschlichung reagieren.

Auch Afrikas unmittelbare Interessen stehen auf dem Spiel. Überwachungs-, Gesichtserkennungs- und automatisierte Screening-Technologien wurden zur Kontrolle der Palästinenser entwickelt und verfeinert und anschließend international – auch in Afrika – als „kampferprobt“ vermarktet. Afrikanische Länder haben die Gefahren solcher Technologien bereits durch Systeme wie Pegasus erfahren müssen, und diejenigen, die diese Systeme entwickeln, genehmigen und einsetzen, tragen weiterhin die moralische Verantwortung für ihr Handeln.

Papst Leo XIV. forderte die „Abrüstung“ künstlicher Intelligenz und einen „entwaffneten und entwaffnenden Frieden“ – Forderungen, die, wie dieser Völkermord zeigt, untrennbar miteinander verbunden sind. Wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, ist Frieden „das Werk der Gerechtigkeit“ (Gaudium et Spes, 78).

Aus diesen Gründen und weil Völkermord gestoppt und nicht erst im Nachhinein beklagt werden muss, fordern wir:

1. Die sofortige Einstellung der völkermörderischen Politik und Aktionen im Gazastreifen sowie der Gewalt im Westjordanland, mit vollem humanitären Zugang und Schutz für Zivilisten, medizinisches Personal, humanitäre Helfer und Journalisten.

2.  Das Ende der Zwangsumsiedlung und der Zerstörung der für das zivile Leben im Heiligen Land notwendigen Bedingungen.

3. Volle Zusammenarbeit mit internationalen Justiz- und Ermittlungsmechanismen.

4. Die Aussetzung der Produktion von Waffen und Technologien, bei denen ein hohes Risiko besteht, dass sie bei schweren Verstößen gegen das Völkerrecht eingesetzt werden, sowie die Überprüfung der von afrikanischen Regierungen erworbenen Überwachungs-, KI- und Militärtechnologien.

5. Ethische Prüfung von Investitionen durch christliche Institutionen, die mit schwerwiegenden Verletzungen der Menschenwürde in Verbindung stehen, sowie nachhaltige humanitäre, medizinische und traumatherapeutische Unterstützung für die Geschädigten, verbunden mit Wahrheit, Rechenschaftspflicht und Wiedergutmachung.

und 6. Eine politische Zukunft, die auf dem Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser und der Würde, Freiheit, Gleichheit und Sicherheit sowohl der Palästinenser als auch der Israelis beruht.

Als Afrikaner appellieren wir eindringlich an unsere Regierungen und die Afrikanische Union: Wir können uns nicht auf das Völkerrecht für die Palästinenser berufen und es gleichzeitig für Zivilisten im Sudan, Südsudan, Ost­kongo oder Cabo Delgado missachten. Unser Appell beruht nicht auf der Annahme, palästinensische Leben seien wertvoller als israelische oder afrikanische, sondern darauf, dass sie nicht weniger wert sind. Unsere Antwort darf nicht Schweigen sein. Unsere Antwort darf nicht Hass sein. Unsere Antwort muss Wahrheit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und wahrer Frieden sein, der niemals bloß die Abwesenheit von Kämpfen bedeutet. Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, dass „Frieden nicht einfach die Abwesenheit von Krieg ist“, sondern „ein Werk der Gerechtigkeit“ (Gaudium et Spes, 78). Der Prophet Jesaja bringt dieselbe Wahrheit zum Ausdruck: „Die Frucht der Gerechtigkeit aber ist Friede“ (Jesaja 32,17).

Johannesburg, 21. August 2026

Im Namen von „Priests Against Genocide – Africa“ (PAGA), dem afrik­a­ni­schen Zweig des internationalen Netzwerks „Priests Against Genocide“

Kardinal Stephen Brislin (Südafrika)

Pater Kufre Afangide, SPS (Nigeria)

Pater Matthew Charlesworth, SJ (Simbabwe)

Pater Hans-Joachim Lohre, MAfr (Frankreich/Mali)

Fr. Bonaventure Mashata, MAfr (Südafrika)

Fr. Mokesh Morar (Südafrika)

Abt Magloire Nkounga Tagne (Italien/Kamerun)

Quelle: https://www.religiondigital.org, 22. 8. 26

Association of Priests against Genocide: https://associationofcatholicpriests.ie/

Das internationale katholische Netzwerk „Priester gegen Völkermord“ entstand im August 2025 als Initiative einer Gruppe katholischer Priester in Irland, die angesichts des andauernden Völkermords im Gazastreifen, auch innerhalb der Kirche, nicht länger schweigen konnten.

Innerhalb kurzer Zeit wuchs das Netzwerk auf über 2.200 Priester und Bischöfe von allen fünf Kontinenten an, die der Wunsch vereint, Glaube, Gerechtigkeit und das Engagement für einen wahren und dauerhaften Frieden zu vereinen.

 

BUCHTIPP

Hans Joas: Universalismus – Weltherrschaft und Menschheitsethos.  Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/M. 2025. 976 Seiten, € 48,--

Dies ist ein außergewöhnliches Buch. Es umspannt 3000 Jahre mit detaillierten wissenschaftlichen Erörterungen und stellt gleichzeitig die (Über-)Lebensfragen der Menschheit heute. Die Schlüsselthese lautet: „Da das Ideal der gleichen Würde aller Menschen sich keineswegs als organische Entwicklung moralischer Vorstellungen herausgebildet hat, sondern eine schöpferische Reaktion auf politische Weltherrschaftsansprüche ist, bleibt sein Schicksal prekär und wird dieses Schicksal auch weiterhin vom Umgang mit den Kämpfen um Weltherrschaft abhängig sein“ (895). Die Entstehung der frühesten Formen von moralischem Universalismus sieht J. in der von Karl Jaspers so genannten Achsenzeit von ca. 800-200 v.u.Z. Hier formierten sich Religionen und Philosophien in Eurasien, die einerseits die Universalität der Imperien aufnehmen, dies aber kritisch gegenüber der politischen Macht tun: israelischer Monotheismus (Propheten), griechische Vernunftethik (Platos Philosophenkönige), die universalistische Aufladung kultureller Wertmuster in China (Konfuzius), die ethische Askese in Indien  (Buddha). Das Christentum als Radikalisierung des universalistischen Potentials des antiken Judentums ist die zweite Welle, gefolgt später vom Islam.

Die Imperien fordern aber die Religionen und Philosophien nicht nur zu kritischen Re­aktion heraus, sondern nutzen diese auch als Ideologie für ihren imperialen Universalismus. Klassische Beispiele dafür sind die Imperialisierung des Christentums durch Kaiser Konstantin am Anfang des 4. nachchristlichen Jahrhunderts und der imperiale Konfuzianismus der Han-Dynastie. Als 410 Rom vom Gotenkönig Alarich erobert wurde und sich das Römische Reich seinem Ende zuneigte, rettete der Kirchenvater Augustinus den Universalismus, ohne ein Imperium oder die Kirche zu sakralisieren (De civitate Dei). Ebenso überlebte der Buddhismus den Zusammenbruch des Maurya-Reichs von Kaiser Ashoka. Im Mittelalter geht es dann um „organische Sozialethik“, aber auch  um die Frage der Sakralisierung von Herrschern. Dante entwickelt in dem Zusammenhang die Vorstellung einer Universalmonarchie.

In der frühen Neuzeit gibt es eine doppelte Herausforderung des Universalismus durch die neue Art der Staatsbildung im Sinn von Machiavellis Entmoralisierung der Macht und durch neu entdeckte Völker. Im Blick auf letztere wird der Kampf Bartholomé de las Casas für die Menschenrechte der Indigenen ausführlich gewürdigt, ebenso die beispielhafte Jesuitengemeinschaft in Paraguay.

Die amerikanische und französische Revolution im 18. Jahrhundert und die Frage ihres Verhältnisses zu Religion und Rationalismus werden in ihrer Zweideutigkeit für die Menschenrechte dargestellt – auch in ihrem Verhältnis zur Globalgeschichte. Sie sind ein besonders wich­tiges Kapitel des moralischen Universalismus. Das gilt trotz des Fehlens der Gleichberechtigung von Frauen und Sklaven. In diesem Zusammen­hang ist die Sklavenrevolution in Haiti wichtig.

Zentral ist das Kapitel 8 zum totalitären Staat des Nationalsozialismus als Versuch, mit Gewalt jeden moralischen Universalismus zu zerstören, und zur Entstehung einer trans­nationalen Menschenrechtsordnung als Reaktion darauf (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte). Martin Luther King und die amerikanische Bürgerrechtsbewe­gung sind die Antwort auf weißen christlichen Rassismus. Der gewaltfreie Widerstand gegen koloniale Unterdrückung und Kastenwesen findet seinen reinsten Ausdruck in Gandhis Unabhängigkeitsbewegung in Indien. Besonders hervorzuheben sind dabei seine interreligiösen Bemühungen.

Mao Zedong wird als der große Widerspruch zwischen säkularer universaler Utopie ohne Sakralität der Person und gewaltsamer Vernichtung aller Religion dargestellt. Die Frage nach dem Verhältnis des Islam zum moralischen Universalismus ist komplex, aber der antikoloniale Kampf und wichtige Figuren wie Muhamad Iqbal mit seinen interreligiösen Versuchen weisen klar in diese Richtung.

Im Schlusskapitel wird die Bedrohung der Menschheit durch nuklearen Krieg und die Gefährdung der außermenschlichen Lebewesen hervorgehoben. Sie ruft heute nach einem Universalismus ohne Imperialismus.

Nur einmal (S.79) wird im Zusammenhang der Achsenzeit die Frage aufgeworfen, ob nicht auch die  Fragen des „Handels, des Geldes und des Münzwesens“ behandelt werden müssten. Das wird dann aber abgelehnt mit dem Hinweis, dass der historische Materialismus diese Frage diskreditiert habe durch die These, alle Entwicklungen seien durch die ökonomischen Entwicklungen determiniert. Damit blendet J. einen gesamten Forschungsbereich aus, in dem nachgewiesen wurde, wie die Verwandlung des gemeinschaftlichen Wirtschaftens in eine Geldvermehrungswirtschaft nicht nur den expansiven Charakter der Imperien beeinflusst hat, sondern wie sie die sozialen Spaltungen und die Individualisierung der Mentalität hervorrief, auf die die achsenzeitlichen Philosophien und Religionen zentral antworteten.  Durch diesen historischen Mangel versäumt er auch systematisch, die zentrale Bedeutung des Kapitalismus für seine Fragestellung nach dem moralischen Universalismus heute zu thematisieren. Denn der kapitalistische Grundansatz, alles Wirtschaften auf die Profitmaximierung zur Kapitalakkumulation auszurichten, erzeugt den Wachstumszwang, der vor allem durch die von ihm verursachte Klimakatastrophe die Lebensbedingungen der Menschheit zerstören wird, wenn der Kapitalismus nicht durch eine Wirtschaft im Dienst des Lebens überwunden wird.

So würde ich Hans Joas einladen, zu diesem Thema einen ebenso hochqualifizierten 2. Band zu seinem beeindruckenden 1. Band hinzuzufügen.

Ulrich Duchrow