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aus:
Frei Betto:
TRUMP
UND DER PAPST
In
seiner arroganten Wut beleidigte Trump Papst Leo XIV., weil dieser seine wahnwitzige
Kriegstreiberei kritisiert hatte. Verärgert erklärte der Möchtegern-Kaiser,
Prevost sei nur dank ihm Papst geworden und müsse ihm daher Dankbarkeit
entgegenbringen. Anders gesagt: Unterwerfung.
Konflikte
zwischen Päpsten und Staatsoberhäuptern ziehen sich über Jahrhunderte der
Geschichte und offenbaren eine beständige Spannung zwischen spiritueller
Autorität und politischer Macht. Seit dem Mittelalter haben diese
Auseinandersetzungen Grenzen geprägt, Kriege beeinflusst und die Rolle der
Religion im öffentlichen Leben neu definiert.
Eine
der symbolträchtigsten Episoden ereignete sich im sogenannten Investiturstreit
des 11. Jahrhunderts. Papst Gregor VII. geriet mit Heinrich IV.,
dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, König von Italien und Herzog von
Bayern, in Konflikt. Im Mittelpunkt des Streits stand die Frage, wem die
Befugnis zur Ernennung von Bischöfen zustand: dem Papst oder dem Kaiser.
Der
Streit gipfelte in der Exkommunikation Heinrichs IV. 1077 musste er sich der
vom Papst auferlegten Demü-tigung unterziehen: Vor den Toren von Schloss
Canossa in Norditalien wartete der Kaiser drei Tage lang im Schnee, in Lumpen
gekleidet, um um Vergebung zu bitten. Dieses Ereignis
symbolisiert die päpstliche Vorherrschaft über die weltliche Macht des
Mittelalters.
Mit
der Stärkung der Nationalstaaten entstanden neue Konflikte. Ein markantes
Beispiel hierfür ist der Konflikt zwischen Papst Bonifatius VIII. und König
Philipp IV. von Frankreich. Bonifatius verteidigte die Vorherrschaft der
Kirche über die Könige, wie in der Bulle Unam Sanctam (1302) zum Ausdruck gebracht. Philipp reagierte
entschieden und ordnete die Verhaftung des Papstes an.
Diese
Aggression markierte die Schwächung der päpstlichen Macht und ebnete den Weg
für die Periode, die als „Avignon-Papsttum“ bekannt wurde, als die Päpste unter
starken französischen Einfluss gerieten.
Im
16. Jahrhundert, mit der Reformation, erreichten die Konflikte eine neue
Eskalationsstufe. König Heinrich VIII. von England brach mit Papst
Clemens VII., weil dieser sich weigerte, seine Ehe annullieren zu lassen,
um eine neue einzugehen. Dies führte zur Gründung der Anglikanischen Kirche und
zur Trennung von London und Rom.
Im
19. und 20. Jahrhundert nahmen die Konflikte einen deutlicheren ideologischen
Charakter an. Papst Pius IX. stellte sich dem von König Viktor
Emanuel II. angeführten Einigungsprozess Italiens entgegen. Der Verlust des
Kirchenstaates – eines Gebietsverbundes in Mittelitalien, der von 756 bis 1870
direkt von Päpsten regiert wurde – markierte einen entscheidenden Wandel: Die
Rolle des Papstes wandelte sich von der eines territorialen Herrschers hin zu
einer spirituelleren.
Papst
Pius XI. verurteilte den Faschismus 1931 in der Enzyklika „Nonabbiamo bisogno“ (Wir brauchen
nichts), in der er Mussolinis „Statolatrie“
kritisierte und die Menschenwürde verteidigte. 1937 bezog er erneut mutig Stellung,
indem er in der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ auch den
Nationalsozialismus verurteilte. Enzykliken tragen üblicherweise lateinische
Titel, doch Pius XI. machte eine Ausnahme und gab ihr, wie bereits der
Enzyklika gegen den Faschismus, einen deutschen Titel.
Trotz
des 1933 mit der deutschen Regierung unterzeichneten Konkordats zum Schutz der
katholischen Kirche verschärfte sich die nationalsozialistische Repression, und
Pius XI. begann, Hitler die Stirn zu bieten. Exemplare der Enzyklika, die am
Palmsonntag heimlich in deutschen Kirchen verlesen wurden, wurden später von
der Gestapo beschlagnahmt, und die Pfarrer wurden verfolgt. Für Pius XI. war
der Nationalsozialismus eine „rassistische Ideologie“ und Hitler ein „Wahnsinniger
von widerlicher Arroganz“ – eine Bezeichnung, die auch auf Trump durchaus
zutrifft.
Stalin,
der die Sowjetunion drei Jahrzehnte lang (1922 – 1953) regierte, war in seiner
Jugend orthodoxer Seminarist gewesen. Nachdem er sich dem Marxismus zugewandt
hatte, wurde er Atheist und verfolgte nach seiner Machtergreifung eine
religionsfeindliche Politik. Während des Zweiten Weltkriegs soll er angesichts
katholischer Kritik am Kommunismus gefragt haben: „Wie viele Divisionen hat
der Papst?“ Ähnlich wie Trump verkannte er die spirituelle und symbolische
Macht des Mannes, der auf dem Stuhl Petri sitzt.
Während
der Haft der Dominikanerbrüder in Brasilien, als wir von der Militärdiktatur
des „Terrorismus“ beschul-digt und zu vier Jahren
Gefängnis verurteilt wurden (1969 – 1973), sicherte uns Papst Paul VI. seine
volle Unter-stützung zu und schenkte uns einen Rosenkranz, dessen Perlen aus
Olivenkernen aus dem Garten Gethsemane in Jerusalem bestehen. Der Papst
kritisierte wiederholt die Menschenrechtsverletzungen in Brasilien und
unterstützte die prophetische Haltung von Bischöfen wie Dom Helder Câmara,
Dom Paulo Evaristo Arns und Dom Pedro Casaldáliga, die das
Militärregime anprangerten.
Papst
Johannes Paul II. unterhielt komplexe Beziehungen zu
politischen Regimen, insbesondere im Kontext des Kalten Krieges, und
sympathisierte mit der antikommunistischen Politik von Ronald Reagan und
Margaret Thatcher. Obwohl der polnische Pontifex mit der sandinistischen
Regierung Nicaraguas aneinandergeriet, knüpfte er während seines Besuchs in
Kuba ausgezeichnete Beziehungen zu Fidel Castro.
Papst
Franziskus hatte auch öffentliche Auseinandersetzungen mit
politischen Führern zu Themen wie Einwanderung, Umwelt und sozialer
Ungleichheit. Man sollte nicht vergessen, dass Franziskus während seines
Pontifikats zweimal Kuba besuchte und die Wiederaufnahme der diplomatischen
Beziehungen zwischen der sozialistischen Insel und dem Weißen Haus vermittelte.
Die
Auseinandersetzungen zwischen Päpsten und Staatsoberhäuptern im Laufe der
Geschichte offenbaren einen andauernden Kampf um Legitimität und Einfluss.
Während diese Konflikte einst Exkommunikationen und Kriege zur Folge hatten,
manifestieren sie sich heute in diplomatischen und ethischen Debatten. Häufig
kritisiert der Papst die nationale Politik im Namen humanitärer Werte.
In
den USA haben Trumps aggressive und respektlose Äußerungen gegenüber Papst
Leo XIV. scharfe Kritik von katholischen Würdenträgern hervorgerufen,
darunter auch von langjährigen Verbündeten des Präsidenten. Dieser beispiellose
öffentliche Streit hat Besorgnis über seine Auswirkungen auf die Unterstützung
der Republikaner durch katholische Wähler im Vorfeld der Zwischenwahlen im
November geweckt.
Die
amerikanische katholische Hierarchie verurteilte Trumps Beleidigungen aufs
Schärfste. Erzbischof Paul S. Coakley, Präsident der US-amerikanischen
Bischofskonferenz, zeigte sich „bestürzt“ über die „abfälligen Worte“
des Präsidenten und betonte, dass „Papst Leo weder sein Rivale noch ein
Politiker ist“. Kardinal Joseph William Tobin aus Newark warf dem
Präsidenten vor, einen „besorgniserregenden Mangel an Respekt vor dem
Glauben von Millionen von Menschen“ an den Tag zu legen.
Die
Kritik beschränkte sich nicht auf progressive religiöse Führer. Bischof
Robert Barron, eine prominente konservative Persönlichkeit und Mitglied von
Trumps eigener Kommission für Religionsfreiheit, nannte die Äußerungen des
Präsidenten „völlig unangemessen und respektlos“ und erklärte: „Ich
denke, der Präsident schuldet dem Papst eine Entschuldigung.“
Die
Demokraten verurteilten den Präsidenten umgehend. Der Minderheitsführer im
Repräsentantenhaus, Hakeem Jeffries, erklärte: „Gläubige Menschen
werden niemals einen Möchtegern-König verehren.“ Und Senator Mark Kelly,
selbst Katholik, nannte den Angriff „abscheulich“.
Am
beunruhigendsten für Trump dürfte die Spaltung
innerhalb der MAGA-Koalition sein. Die ehemalige Kongressabgeordnete Marjorie
Taylor Greene, eine glühende Anhängerin Trumps, erklärte, sie verachte die
Äußerungen des Präsidenten zutiefst: „Ich bete, dass sie sich nicht
bewahrheiten.“ Auch der konservative Kommentator Riley Gaines
kritisierte ein von Trump veröffentlichtes, KI-generiertes Bild, das ihn als
Christus-ähnliche Figur bei der Heilung eines Kranken darstellte
Politische
Analysten äußerten die Befürchtung, dass der Streit bei den Wahlen im November
Stimmen katholi-scher Wähler in wichtigen
Bundesstaaten wie Michigan, Ohio, Wisconsin und Arizona kosten könnte. Ein
Mitbegründer der konservativen Gruppe „Catholic Vote“, die Trump bei der
letzten Wahl unterstützt hatte, bezeichnete die Äußerungen des Präsidenten als
„lächerlichen Fehler“. Vizepräsident JD Vance, der kürzlich zum
Katholizismus konvertiert ist, verteidigte den Präsienten
auf „Fox News“: „In manchen Fällen wäre es besser, wenn sich der
Vatikan auf moralische Fragen beschränkte … und der Präsident der Vereinigten
Staaten sich darauf konzentrierte, die amerikanische Politik zu diktieren.“
Außenminister Marco Rubio, ebenfalls ein hochrangiger Katholik in der
Regierung, lehnte eine öffentliche Stellungnahme zu Trumps Kritik am Papst ab.
Quelle: www.freibetto.org, 29. 4.
26
Frei Betto,
geboren 1944 als Carlos Alberto Libânio Christo in Belo Horizonte (Brasilien),
ist Schriftsteller, politischer Aktivist, Befreiungstheologe und
Dominikanerbruder. 1969 – 1973 wurde er von der Militärdiktatur wegen Menschenschmuggels
aus Brasilien inhaftiert. Frei Betto ist weiterhin in
der brasilianischen Politik aktiv. Er arbeitete in der ersten Regierung von
Präsident Lula da Silva als Koordinator des „Null-Hunger-Programms“.
Betto hat 56 Bücher geschrieben, die in
23 Sprachen erschienen sind. 2013 verlieh ihm die UNESCO den José
Martí-Preis. U. a. erhielt er auch den Alternativen Nobelpreis (2001) und den
Bruno-Kreisky-Preis für Menschenrechte (1988).
WENN ISRAEL NICHT GESTOPPT WIRD, GIBT ES IN PALÄSTINA 2050
KEINE CHRISTEN MEHR
Rabia Ali sprach mit Pfarrer Mitri Raheb in Bethlehem
Palästinensische Christen sehen sich unter
der israelischen Besatzung einer existenziellen Krise gegenüber: Bewegungsbeschränkungen,
wirtschaftlicher Zusammenbruch und zunehmende Angriffe durch extremistische
Besatzer zwingen Familien zur Flucht, so der bekannte palästinensische Pastor
und Theologe Mitri Raheb. Raheb warnte, dass die Christen innerhalb weniger Jahrzehnte
aus Palästina verschwinden könnten, sollten die derzeitigen Bedin-gungen anhalten. „Die Lage verschlechtert sich derart,
dass ich glaube, wenn dies so weitergeht, wird es bis 2050 keine Christen mehr
in Palästina geben“, sagte Raheb, der auch Gründer und Präsident der Dar
al-Kalima-Univer-sität in Bethlehem ist.
Im Gespräch mit der türkischen Agentur
Anadolu aus der besetzten Stadt Bethlehem im Westjordanland sagte Raheb, das
tägliche Leben unter israelischer Besatzung sei für viele palästinensische
Christen zunehmend unerträglich geworden, was immer mehr Familien zur
Auswanderung veranlasse. „In den letzten zwei Jahren sind über 200
christliche Familien aus der Region Bethlehem ausgewandert und haben Palästina
verlassen, weil sie um ihr Leben und das ihrer Kinder fürchten.“ Laut Raheb
leben noch etwa 45.000 Christen im besetzten Westjordanland und weniger als 600
im Gazastreifen. Etwa 120.000 palästinensische Christen leben innerhalb
Israels, neben rund 30.000 weiteren Christen, die größtenteils europäischer
oder russischer Herkunft sind.
Bewegungsbeschränkungen
Raheb sagte, Israels sich ausweitendes
Netz aus Militärkontrollpunkten und Straßensperren habe die Fortbewegung im
besetzten Westjordanland für Palästinenser zu einem „Albtraum“ gemacht. „Rund
um Bethlehem gibt es 54 Kontrollpunkte und Tore“, sagte er. „Auf
Knopfdruck können sie (die Israelis) all diese Tore schließen, und so werden
wir im Grunde zu Gefangenen in unserer eigenen Stadt.“ Er sagte, das Reisen
zwischen palästinensischen Städten sei zunehmend schwieriger geworden, auch für
Professoren seiner Universität, die von Ramallah nach Bethlehem pendeln – eine
Strecke von rund 20 Kilometern. Da es ihnen verboten sei, durch Jerusalem zu
fahren, seien sie gezwungen, Umwege von fast 70 Kilometern über mehrere
Kontrollpunkte zu nehmen. „Ich habe nicht einmal eine Genehmigung, um nach
Jerusalem zu fahren, das nur 10 Kilometer von Bethlehem entfernt ist, und der
Hauptsitz unserer Kirche befindet sich in Jerusalem“, sagte er.
Während des Ramadan und der Karwoche,
fügte er hinzu, sei es sowohl Muslimen als auch Christen untersagt worden, nach
Jerusalem zu gelangen, um in der Al-Aqsa-Moschee und der Grabeskirche zu beten.
„Europäische Christen durften die Kirche betreten, aber den einheimischen
Christen, den dort ansässigen Christen, war dies nicht gestattet“, sagte
er. Raheb erklärte, die Beschränkungen hätten auch Geistliche und
Kirchenvertreter betroffen. Er führte den Fall von Kardinal Pierbattista
Pizzaballa an, dem obersten katholischen Würdenträger in Jerusalem, dem der
Zutritt zur Grabeskirche verwehrt wurde, um die Palmsonntagsmesse zu feiern.
„Solange Israel all das ungestraft tun
kann und nicht zur Rechenschaft gezogen wird, solange es dafür keine Sanktionen
gibt, wird es damit weitermachen“, sagte er. Raheb kritisierte zudem die
seiner Meinung nach stille und selektive internationale Reaktion auf Angriffe
auf christliche Stätten. „Stellen Sie sich vor, eine Synagoge würde
angegriffen – die ganze Welt wäre in Aufruhr. Aber als die Kirche in Gaza ins
Visier genommen wurde, gab es keine wirklich starken Stimmen, die dies nicht
nur verurteilten, sondern auch Rechenschaft einforderten.“ Seit Beginn des
Gaza-Krieges sind mehrere Kirchen unter israelischen Beschuss geraten, darunter
die Kirche des Heiligen Porphyrius in Gaza-Stadt – eine der ältesten Kirchen
der Welt –, wo bei einem israelischen Angriff im Okto-ber
2023 18 Zivilisten getötet wurden. Monate später tötete ein israelischer
Scharfschütze laut Angaben lokaler Kirchenvertreter eine Mutter und ihre
Tochter in Gazas einziger katholischer Kirche.
Schikanen und wirtschaftlicher Druck
Raheb warf der rechtsextremen israelischen
Regierung vor, eine Atmosphäre zu fördern, die Angriffe auf Christen ermutigt.
„Die derzeitige israelische Regierung … gibt tatsächlich grünes Licht für
Angriffe auf Christen, weil dies Teil ihrer religiösen
Ideologie ist“, sagte er. Er verwies auf das Argument des israelischen
Ministers für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir,
wonach es nicht als Straftat gelten sollte, wenn israelische Juden Christen
anspucken.
Raheb sagte, kirchliche Gruppen hätten
allein in diesem Jahr mehr als 62 Vorfälle dokumentiert, die sich gegen
Christen in Jerusalem richteten, darunter auch Fälle, in denen Geistliche in
der Öffentlichkeit angespuckt wurden. Er bezeichnete extremistische Besatzer
als „Terroristen“, die darauf abzielen, Christen einzuschüchtern und sie
aus Jerusalem und anderen Gebieten zu vertreiben, und verwies dabei auf den
jüngsten Vorfall, bei dem ein jüdischer Mann gefilmt wurde, wie er eine
französische Nonne im von Israel besetzten Ostjerusalem umstieß und trat. Er
warf den israelischen Behörden zudem vor, eine Politik zu verfolgen, die darauf
abziele, christliches Eigentum in der Altstadt von Jerusalem zu übernehmen. „Den
Christen in Jerusalem gehören fast 40 % der Altstadt“, sagte er. „Die
Israelis möchten diese Ländereien und diese Immobilien eigentlich besetzen und
übernehmen.“ Raheb sagte, die Kirchen stünden unter wachsendem finanziellen
Druck, einschließlich Versuchen, Steuern zu erheben und Bankkonten der Kirchen
einzufrieren. „All dies sind Mittel, um palästinensische Christen
einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen, die es wagen, ihre Stimme zu
erheben“, sagte er.
Die Wirtschaft Bethlehems, die stark vom
Tourismus abhängig ist, hat in den letzten Jahren ebenfalls schwere Rückschläge
erlitten. „Bethlehem lebt vom Tourismus, und in den letzten vielleicht fünf
Jahren kamen eigentlich keine Touristen mehr“, sagte er. „Die
wirtschaftliche Lage wird sehr schwierig.“
„Ein radikalisiertes Israel“
Raheb sagte, die israelische Gesellschaft
habe sich in den letzten zwei Jahrzehnten stark nach rechts verschoben, was
extremistischen Politikern und Besatzern Auftrieb gegeben habe, die zunehmend
Palästinenser ins Visier nehmen, darunter auch Christen. „Das Friedenslager
in Israel gibt es nicht mehr“, sagte er. „Heute ist es die extreme
Rechte in Israel, die an der Macht ist.“ Er argumentierte, dass der Krieg
im Gazastreifen das Gefühl der Straf-freiheit unter israelischen Politikern,
Soldaten und Besatzern noch verstärkt habe. „Niemand wird sie tatsächlich
vor Gericht stellen oder sie auch nur … fragen, was sie tun. Sie genießen
völlige Straffreiheit“, sagte er. „Tatsächlich werden diese Menschen,
die Palästinenser ermordet haben, als Helden gefeiert.“
Raheb sagte, das Versagen der
internationalen Gemeinschaft, Israel für den Völkermord in Gaza zur
Rechenschaft zu ziehen, habe auch extremistische Elemente innerhalb der
israelischen Gesellschaft ermutigt. Er argumentierte zudem, dass es Israel
zunehmend unangenehm sei, dass palästinensische Christen ihre Erfahrungen im
Ausland über kirchliche Netzwerke in Europa und Nordamerika teilen.
„Israel hatte über 70 Jahre lang ein
Monopol auf die Darstellung der Ereignisse“, sagte er. „Jetzt stellen palästinensische
Christen diese Darstellung tatsächlich in Frage, und als Christen haben wir
Zugang zu Kirchen in der westlichen Welt, was Israel nicht gefällt, und deshalb
glaube ich, dass sie uns loswerden wollen.“
In Verbindung mit den täglichen
Einschränkungen und den sich verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen, so
sagte er, habe das derzeitige Klima viele Familien davon überzeugt, das Land zu
verlassen. „Alles wird so kompliziert, dass die Menschen denken: ‚Wir wollen
nicht, dass unsere Kinder oder Enkelkinder in einer derart militarisierten Zone
aufwachsen, in der unser Leben nichts zählt.‘“
Quelle:
Anadolu Agency (www.aa.com.tr), 11. 5. 26
Mitri Raheb, geb.
1962 in Bethlehem, ist Theologe, Autor
zahlreicher Bücher Von 1980 bis 1984
studierte er evangelische Theologie am Missionsseminar Hermannsburg, 1988
promovierte er an der Philipps-Universität Marburg zum Doktor der Theologie mit
einer Dissertation zum Thema „Das reformatorische Erbe unter den
Palästinensern“. Raheb war von 1988 bis 2017 leitender Pastor der
Evangelisch-Lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem und ist Gründer (2006)
und seither Präsident der Dar al-Kalima Universität in Bethlehem. 2011 – 2016
war Raheb Präsident der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien
und dem Heligen Land.
Mitri Raheb wurde mit mehreren internationalen Preisen
ausgezeichnet, darunter 2006 der Preis der Holy Land Christian Ecumenical Foundation, 2008 der
Aachener Friedenspreis, 2011 der Deutsche Medienpreis, 2015 der
Olof-Palme-Preis und 2017 in Köln der Toleranz-Ring der Europäischen Akademie
der Wissenschaften und Künste
Homepage: www.mitriraheb.org
BUCHTIPP
Manifest des Kollektivs <Anastasis> : Das Evangelium
drängt zur Tat
„Steh auf, bewege dich und geh an die
Arbeit“ sagt, frei übersetzt, Jesus im Markus–Evangelium (Mk
2,12) zu einem Gelähmten, den er aus dem Gefängnis seiner Bewegungslosigkeit
befreit hatte. Die Evangelien erzählen Geschichten der Heilung immer als
Geschichten des Sicherhebens als praktische Beendigung des Daniederliegens,
damit aber auch als Anleitung zum Aufstand gegen die unmenschlichen
Verhältnisse und bereiten damit das Verständnis von „Auferstehung“ als
siegreichem Aufstand gegen den Tod vor. Der griechische Begriff für aufstehen,
sich erheben und dann theologisch Auferstehung lautet: <Anastasis>.
Das Kollektiv <Anastasis> in Paris
knüpft mit seiner Namensgebung direkt an die biblische Bedeutung an, er-weitert
diese aber auch unmittelbar durch die Bezeichnung <Kollektiv> um eine
erkennbare Bezugnahme auf die lange Tradition der Arbeiterklasse und anderer
basisdemokratischer Bewegungen. Nicht das begeisterte und ergriffene
Individuum, sondern das aus den Individuen eine Gemeinschaft formende Kollektiv
ist das handlungsfähige Subjekt des Befreiungsprozesses.
Dieses Kollektiv <Anastasis> ist
eine Gruppe mit mehrheitlich christlichem Hintergrund, die seit einigen Jahren,
mit einem Ausgangspunkt im politisch wie weltanschaulich spannungsgeladenen
Milieu der Pariser Vorstädte, theologisch-politisch aktiv ist. Das Kollektiv
hat im Jahr 2025 ein Manifest veröffentlicht mit dem französischen Titel: “L’urgence évangélique“, das
nun unter dem Titel „Die Bedrängnis des Evangeliums“ vom ITP in Münster
auch auf Deutsch veröffentlicht wurde. Die Übernahme des Begriffs Bedrängnis in
den deutschen Titel versucht dabei die doppelte Bedeutung von „Dringlichkeit“
(l’urgence) hervorzuheben, dass das Evangelium
auf baldige Erfüllung drängt und damit aber auch seine Hörer unter gehörigen
Druck setzt. Michael Ramminger hat in einem Vorwort ( S.9-18)
hermeneutische und politische Verständnishilfen formuliert, die die Rezeption
des Manifests in unserem Sprachraum erleichtern.
In welchen Auseinandersetzungen und
wogegen soll nun die befreiende und weltverändernde Kraft des Evangeliums von
Liebe und Gerechtigkeit unverzüglich in Gang gesetzt werden? Nicht lange
begründet werden muss, dass beim derzeitigen Zustand der Welt die
kapitalistische Produktionsweise und ihre zerstörerischen Folgen für die
Menschheit und die Erde nicht nur für linke Christen, sondern für alle Menschen
„guten Willens“ im Zentrum des Kampfes ums Überleben stehen und einen
universalen Themenkatalog bilden. Das Manifest entfaltet einen Rahmen und seine
erkenntnisleitende Relevanz für eine Analyse der Bedrohungssituation im Kapitel
„Kapitalismus und Zerstörung der Welt“ (S.27-37) und behandelt dann drei
Schwerpunkte und Tendenzen, auf die hier kurz eingegangen sei:
a)
Die verhängnisvolle Osmose einer Faschisierung des Christentums und einer Christianisierung
des Faschismus (S.39-51). Diese beiden Tendenzen bilden in ihrer Wechselwirkung
eine für den Weltfrieden bedrohliche explosive Mischung nicht nur in der
momentanen Politik der US-Regierung, sondern als gefährliche Tendenz auch in
Frankreich. Diese verfälscht sogar den biblischen Begriff des Nächsten, der
alle Menschen einschließt, bis hin zu einem Ausschluss oder gar einer Verfolgung
des ungeliebten Fremden. Andererseits stülpt sie der faschistischen Konzeption
einer identitären Gesellschaft die christliche Idee von der Gemeinschaft der
Heiligen als Maske über.
b)
Die gegensätzlichen Varianten einer „politischen Theologie“ (S.53-61). Zu
unterscheiden sind historisch und systematisch zwei verschiedene Formen einer
<politischen Theologie>: Erstens die Reflexion und Kritik durch
Veränderung der politischen Verhältnisse im Lichte des Glaubens und der
Theologie. Wir dürfen bereits die Verkündigung des Evangeliums und die darauf
aufbauende Kritik von Reichtum und Ungerechtigkeit bei den Kirchenvätern als
frühe Form einer politischen Theologie ansehen. Einfacher dürfte es fallen, die
aktuellen Ausformungen einer Befreiungstheologie als Beispiel zu nehmen.
Zweitens die Instrumentalisierung von Glaubensinhalten und theologischen
Theorien zur Legitimation politischer Verhältnisse. An historischen Beispielen
fehlt es nicht. Nehmen wir nur die Rechtfertigung von Ausbeutung und Rassismus
im Kolonialismus und aktuell, wie schon erwähnt, die Vereinnahmung eines
fundamentalistischen Christentums durch die US-Regierung.
c) die Schaffung einer Zivilisation der
Liebe durch einen grenzüberschreitenden, effizient antikapitalistischen Glauben
( S. 63-74). Hier ist das Kollektiv beim Zentrum seiner Programmatik und
kirchlichen wie allgemein theo-politischen Praxis
angekommen. „Wenn die Kirchen sich zum Sprachrohr für die Rechte der
Menschen, insbesondere der Unterdrückten, machen, erscheinen sie wie eine
Konstellation einzigartiger Orte, an denen die Einheit der Menschheit wieder
hergestellt wird, die wir aufgrund politischer Ideologien, Spaltungen zwischen
Staaten und der Herrschaft von Klassen, Rassen und Geschlechtern aus den Augen
verloren haben.“ (S.72)
Mit seinem Manifest bezieht das Kollektiv
<Anastasis> einerseits Stellung gegen die resignativen und anpassungswilligen
Inszenierungen des traditionellen volkskirchlichen Christentums, wie
andererseits gegen den geistlosen Zynismus einer postsäkularen Gesellschaft,
welche die Ressource Religion für die Grundlegung des Zusammenlebens meint
ersatzlos streichen zu können.
Das Kollektiv hat seine ersten
theologisch-politischen Bewährungsproben im spannungsgeladenen Pariser Milieu
seit 2023 bestanden und markierte damit nicht nur einen ungeahnten Aufbruch im
traditionellen französischen Katholizismus, sondern sucht für eine erweiterte
Umsetzung und Ausweitung seiner Erfahrungen und zündenden Ideen auch
international nach Bündnispartnern und Weggenossen. Dies kommt am Schluss des
Manifests noch einmal deutlich zum Ausdruck:
„Unser tiefer Wunsch ist es, in unserem
Land ein Christentum zu leben, das die Radikalität des Evangeliums ernst nimmt.
…Unser Wunsch ist es, uns mit bereits bestehenden Initiativen und Bewegungen zu
verbinden und Allianzen zu konkreten Themen zu schmieden.“ (S. 78)
Dieser Wunsch aus Frankreich trifft damit
grenzüberschreitend uns alle, die daran glauben, dass eine andere Welt in der
bestehenden möglich ist.. Nutzen wir also gemeinsam diesen Kairos!
Kuno Füssel
Kollektiv Anastasis: Die Bedrängnis des
Evangeliums. Manifest für einen egalitären Universalismus als Alternative zur
kapitalistischen Globalisierung.
Edition ITP-Kompass, Band 42, Münster
2026, ISBN 978-3-910882-05-8, 84 Seiten, Hard-cover, Preis: 16,80 €. Das Buch
ist erhältlich beim Institut für Theologie und Politik, Friedrich-Ebert-Str. 7,
D - 48153 Münster. kontakt@itpol.