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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 438/439                                         Mai/Juni 2020

 

 

 

Leonardo Boff

DAS CORONAVIRUS ERWECKT DEN MENSCHEN IN UNS

Die Coronavirus-Pandemie zwingt uns alle zum Nachdenken: Was zählt wirklich: Leben oder materielle Güter? Der Individualismus eines jeden für sich allein, ohne sich um den anderen zu küm­mern, oder die Solidarität des einen mit dem anderen? Können wir die natürlichen Güter und Dienstleistungen gedankenlos weiter nutzen, um bequemer zu leben, oder können wir uns um die Natur, die Vitalität von Mutter Erde und um das Gute Leben kümmern, nämlich die Harmonie zwischen und mit allen Wesen der Natur? Hat es sich jemals für die kriegsliebenden Länder gelohnt, immer mehr Massenvernichtungswaffen anhäufen, jetzt, da sie vor einem unsichtbaren Virus in die Knie gezwungen werden, das die Ineffizienz all dieses tödlichen Apparats offenbart? Können wir un­se­ren konsumbetonten Lebensstil fortsetzen und grenzenlosen Reichtum in den Händen Weniger auf Kosten von Millionen armer und elender Menschen anhäufen? Ist es immer noch sinnvoll, dass je­des Land seine Souveränität gegenüber anderen Ländern bekräftigt, während wir eine globale Regierung brauchen, um globale Probleme zu lösen? Warum haben wir immer noch nicht das ein­zig­arti­ge Gemeinsame Haus, Mutter Erde, und unsere Pflicht entdeckt, uns um sie zu kümmern, damit wir alle, die Natur eingeschlossen, darin Platz finden?

Das sind Fragen, denen wir nicht ausweichen können. Niemand hat die Antworten. Ein Sprichwort, das Einstein zugeschrieben wird, ist jedoch wahr: „Die Weltsicht, die die Krise verursacht hat, kann nicht die gleiche sein wie die, die uns aus der Krise führt“. Wir müssen uns drastisch ändern. Das Schlimmste wäre, wenn alles würde wie zuvor, mit der gleichen konsumbetonten und spe­ku­la­ti­ven Lo­gik, möglicherweise mit noch größerer Heftigkeit. Dann, vielleicht, weil wir nichts gelernt haben, würde uns die Erde ein weiteres Virus schicken, das möglicherweise dem katastrophalen Mensch­­li­chen Projekt ein Ende setzen könnte.

Doch wir können den Krieg, den das Coronavirus weltweit hervorruft, aus einem anderen, positiven Blickwinkel betrachten. Das Virus zwingt uns, unsere tiefste und authentischste menschliche Na­tur zu entdecken. Unsere Natur ist zweideutig, gut und schlecht. Schauen wir uns die gute Seite an.

In erster Linie sind wir Wesen, die in Beziehungen miteinander stehen. Wir sind, wie ich schon mehrfach erwähnt habe, ein Knoten totaler Beziehungen in alle Richtungen. Folglich ist niemand eine In­­sel. Wir neigen dazu, Brücken in alle Richtungen zu bauen.

Zweitens, was daraus folgert, sind wir alle aufeinander angewiesen. Der afrikanische Ausdruck „Ubuntu“ drückt es gut aus: „Ich bin ich selbst durch dich“. Folglich ist jeder Individualismus, die See­le der kapitalistischen Kultur, falsch und menschenfeindlich. Das Coronavirus ist ein Beweis dafür. Die Gesundheit des einen hängt von der Gesundheit des anderen ab. Diese gegenseitige Ab­hän­gig­keit, bewusst übernommen, wird Solidarität genannt. In einer anderen Zeit ermöglichte uns die Solidarität, die anthropoide Welt zu verlassen, und half uns, menschlich zu werden, zusammenzuleben und einander zu helfen. In diesen Wochen haben wir bewegende Gesten wahrer Solidarität gesehen, bei der nicht nur Überflüssiges gespendet wird, sondern das geteilt wird, was man besitzt.

Drittens sind wir im Grunde genommen fürsorgliche Wesen. Ohne Fürsorge, vom Augenblick unserer Zeugung an durch das ganze Leben hindurch, könnte niemand leben. Wir müssen für alles sor­gen: für uns selbst, sonst könnten wir krank werden und sterben; wir müssen uns um die anderen kümmern, um die, die mich retten könnten, oder ich könnte sie retten; ich muss mich um die Natur küm­mern, sonst wird sie mit einem schrecklichen Virus, verheerenden Dürren und Überschwemmungen, extremen Wetterereignissen über uns kommen; uns um Mutter Erde kümmern, damit sie uns wei­ter­hin alles gibt, was wir zum Leben brauchen, und damit sie uns immer noch auf ihrem Boden haben will, auch wenn wir sie seit Jahrhunderten erbarmungslos verwundet haben. Gerade jetzt, un­ter dem Angriff des Coronavirus, müssen wir alle für die Schwächsten sorgen, zu Hause bleiben, soziale Distanz wahren und uns um die sanitäre Infrastruktur kümmern, ohne die wir eine humanitäre Ka­tastrophe biblischen Ausmaßes erleben würden.

Viertens stellen wir fest, dass wir alle mitverantwortlich sein müssen, das heißt, uns der positiven oder böswilligen Folgen unserer Handlungen bewusst zu sein. Leben und Tod liegen in unseren Hän­den, Menschenleben, soziales, ökonomisches und kulturelles Leben. Es reicht nicht, dass der Staat oder ein paar Leute Verantwortung zeigen. Es muss die Verantwortung aller sein, denn wir sind alle be­­troffen, und jeder von uns kann den anderen schaden. Wir alle müssen die Ausgangssperre akzeptieren.

Letztendlich sind wir spirituelle Wesen. Wir entdecken die Kraft der spirituellen Welt, die uns in der Tiefe ausmacht, wo große Träume geschaffen werden, wo die ultimativen Fragen über den Sinn un­se­res Lebens entstehen und wo wir das Gefühl haben, dass es eine liebevolle und machtvolle Energie gibt, die alles durchdringt; eine Energie, die den Sternenhimmel und unser eigenes Leben auf­recht­erhält, worüber wir nicht die volle Kontrolle haben. Wir können uns dieser Energie öffnen, sie wie in einer Wette willkommen heißen, darauf vertrauen, dass diese Energie uns in ihrer Hand Ge­bor­genheit verleiht und trotz aller Widersprüche ein gutes Ende für das ganze Universum garantiert, für unsere Geschichte, die sowohl weise als auch verrückt ist, und für jeden von uns. Wenn wir diese spirituelle Welt kultivieren, fühlen wir uns stärker, fürsorglicher, liebevoller und schließlich auch menschlicher.

Mit diesen Werten besitzen wir die Fähigkeit zu träumen und eine andere Art von Welt zu schaffen: eine Welt, die sich um das Leben dreht, in der die Wirtschaft, geleitet durch eine andere Raison, eine weltweit integrierte Gesellschaft unterstützt, die mehr durch affektive Bündnisse gestärkt wird als durch rechtliche Verträge. Es wird die Gesellschaft der Fürsorge, der Sanftmut und der Lebens­freude sein.

Wöchentliche Kolumne von Leonardo Boff vom 22. 4. 2020, Übersetzt von Bettina Gold-Hartnack.

Quelle: https://traductina.wordpress.com/

 

 

Wolfgang Palaver

ZUR PROBLEMATIK DES BEGRIFFS „POLITISCHER ISLAM“

Im Regierungsprogramm 2020 - 2024 nimmt der Kampf gegen den „politischen Islam“ ähnlich wie im Programm der Vorgängerregierung eine prominente Stelle ein. Sechs Mal wird der Begriff – unter anderem im Zusammenhang mit der geplanten Errichtung einer Forschungs- und Dokumentationsstelle für den religiös motivierten politischen Extremismus – genannt.

Religion nur Privatsache?

Der Begriff „politischer Islam“ ist problematisch, weil er indirekt unterstellt, dass ein guter Islam ein unpolitischer sein müsse. Damit hängt eine allgemeine Tendenz in unserer Gesellschaft zusam­men, Religion zu privatisieren und ihr zunehmend jeden öffentlichen Raum abzusprechen.

Natürlich gibt es gefährliche Formen politisch agierender Religionen. Wir brauchen dabei nur an Fehlformen des politischen Katholizismus denken. Grundsätzlich gilt aber, dass religiöse Menschen sich gerade aus ihrem Glauben heraus politisch engagieren, Religion daher nie völlig unpolitisch sein kann. Wir verdanken diese Einsichten in der katholischen Theologie nicht zuletzt dem kürzlich ver­storbenen Theologen Johann Baptist Metz. Mit der Erklärung über die Religionsfreiheit hat das Zweite Vatikanische Konzil sich zwar klar vom Gebrauch staatlicher Zwangsmittel für religiöse Zwecke distanziert, damit aber keine Privatisierung von Religion vertreten, sondern das politische und gesellschaftliche Engagement der Kirche vor allem dem Bereich der Zivilgesellschaft zu­ge­wie­sen.

Im aktuellen Kampf gegen den politischen Islam zeigt sich die problematische Tendenz zur Privatisierung von Religion. So verteidigte die Politikwissenschaftlerin Nina Scholz, die zusammen mit Heiko Heinisch Bundeskanzler Sebastian Kurz in Sachen politischer Islam berät, in einem Artikel im Standard das Regierungsprogramm und bemerkte, dass damit ja nicht „Religion als spirituelle und persönliche Angelegenheit“ beeinträchtigt sei. Religion aber ist nicht bloß Privatsache. Eine ähnliche Problematik zeigt sich auch im „Verfassungsschutzbericht 2018“ des Innenministeriums, in dem erstmals ausdrücklich auch ein Kapitel zum politischen Islam vorkommt. Darin wird islamischen Gruppen vorgeworfen, im Blick auf Bildung, soziale Fürsorge und „der Ausgestaltung des kultu­rel­len Lebens für Muslime“ ein „umfassendes Gegenmodell zur bestehenden nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft in Österreich zu schaffen“, das „ein ‚Aufgehen‘ (Assimilation) von Muslimen in die­ser Gesellschaft“ verhindere. Wird hier nicht indirekt ein Assimilationszwang für Muslime vertreten?

Verstärkung der Islamfeindlichkeit in Österreich?

Problematisch im Regierungsprogramm ist auch die Tatsache, dass der Islam fast nur negativ als „politischer Islam“ zur Sprache kommt. Dadurch besteht die Gefahr, dass die hohe negative Ein­stel­lung der österreichischen Bevölkerung gegenüber dem Islam noch verstärkt wird. Eine kürzlich vorgenommene Untersuchung belegt deutlich die negative Sicht des Islam: „80 Prozent der Österreicher wollen … , dass islamische Einrichtungen stärker beobachtet werden. 70 Prozent denken, dass der Islam nicht in die westliche Welt passt, und 60 Prozent fürchten, dass unter Muslimen Te­rroristen sind.“ Diese Zahlen belegen zwar, dass das Regierungsprogramm die Stimmung in der Bevölkerung gut wiedergibt, aber Aufgabe einer Regierung wäre es, solchen Vorurteilen entgegen zu wir­ken. Die Verstärkung der islamfeindlichen Haltung in der Bevölkerung bewirkt nämlich umgekehrt, dass sich als Reaktion auf die ablehnende Haltung fundamentalistische Strömungen in musli­mi­schen Gruppen verstärken werden. Hier besteht ein gefährlicher Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt.

Was ist zu tun?

Zuerst gilt es, den Begriff des politischen Islam fallen zu lassen. Schon dessen Identifikation mit „Islamismus“, wie ihn beispielsweise Heiko Heinisch und Nina Scholz vertreten, muss zurückge­wie­sen werden, denn wer den Islamismus kritisieren will, soll ihn auch direkt so benennen. Übrigens stehen genügend klare Begriffe wie Fundamentalismus, Dschihadismus oder islamistischer Extre­mis­mus zur Verfügungen, um Fehlentwicklungen im Islam zu benennen. Die ungenaue Anprangerung eines politischen Islam stellt leichtfertig eine ganze Religion unter Verdacht.

Zweitens darf beim Kampf gegen religiös motivierten politischen Extremismus nicht nur eine einzige Religion in den Blick genommen werden. Im österreichischen Rechtsstaat muss auf die Einhal­tung der Verfassung und damit der Menschenrechte mit dem fundamentalen Recht auf Religionsfreiheit geachtet werden. Die Einhaltung dieser Rechte gilt es zu fördern und Übertretungen sind ent­spre­chend zu ahnden. Dazu braucht es aber kein spezielles Vorgehen gegen eine Religion. Vermutlich ist hier schon der besondere Fokus auf Religion problematisch, weil es ja letztendlich um die Ab­wehr von Verfassungsfeinden gehen muss, egal ob religiös oder nichtreligiös motiviert.

Wolfgang Palaver, geb. 1958 in Zell/Ziller, ist Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck (seit 2002). Bis 2013 leitete er das Institut für Systematische Theologie. Von März 2013 bis Februar 2017 war Wolfgang Palaver auch Dekan der Katholisch-Thelogischen Fa­kultät der Universität Innsbruck.

Palaver ist seit März 2019 Präsident von Pax Christi Österreich (PCÖ).

 

Adalbert Krims:

VOR 50 JAHREN

Autobiographisches zu Kirche und Politik

1968 und in den darauffolgenden Jahre haben auch in Österreich Umbrüche in (katholischer) Kirche und Gesellschaft stattgefunden. In „KC“ sind dazu zwei Zeitzeugen zu Wort gekommen, die an unterschiedliche Aspekte dieser Ent­wicklung erinnert haben: Richard Langthaler schrieb über „1968 und die katholische Kirche“ (KC 422/423, November/Dezember 2018) und Jussuf Windischer über „Die Geschichte der ‚68’er in Tirol“ (KC 426/427, März/April 2019). Adalbert Krims war von 1967 bis 1970 in leitenden Funktionen der Katholischen Jugend in Oberösterreich tätig und direkt in die damaligen Auseinandersetzungen involviert. Er schildert im folgenden Beitrag, wie er als Be­tei­lig­ter die kirchlich-politischen Konflikte vor 50 Jahren in Oberösterreich erlebt hat.

 

Am 8. Dezember 1965 wurde in Rom das II. Vatikanische Konzil beendet. Knapp 3 Jahre später, vom 24. August bis 6. September 1968, fand in Medellín die 2. Generalversammlung des La­tein­ame­ri­kanischen Bischofsrates (CELAM) statt, die erstmals in einem offiziellen Dokument der römisch-katholischen Kirche die „bevorzugte Option für die Armen“ festschrieb und somit ein wichtiger Im­puls­geber für die „Theologie der Befreiung“ war. Das Jahr 1968 war im säkularen, politischen Bereich durch die Proteste gegen den Vietnamkrieg und die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA, die Mai-Unruhen in Frankreich sowie die Studentenbewegung und die Außerparlamentarische Opposition in der Bundesrepublik Deutschland geprägt (all dies schwappte auch in ab­geschwächter Form und zeitlicher Verzögerung nach Österreich über) – und natürlich auch vom „Prager Frühling“ sowie  dem sowjetischen Einmarsch am 21. August.

 

Kirche und ÖVP in Oberösterreich

 

Die katholische Realität – nicht nur in Oberösterreich – war zu dieser Zeit: Der Bischof regierte in der Kirche ziemlich alleine, war in seinen Entschlüssen oft nicht berechenbar und hörte nur auf bestimmte Personen, die er sich selbst aussuchte. Auf Kritik – vor allem wenn sie öffentlich geäußert wurde – reagierte er grundsätzlich allergisch. Auf der anderen Seite war Oberösterreich schon damals die Hochburg des Laienkatholizismus – also der Katholischen Aktion und ihrer Gliederungen, die – geschlechtlich getrennt - alle mit einem zentralen Stab hauptamtlicher MitarbeiterInnen (OrganisationsreferentInnen, Geistliche Assistenten und BüromitarbeiterInnen) ausgestattet waren und über eine Organisationsstruktur von der Diözese über die Dekanate bis in die Pfarren verfügten. Allerdings mussten alle Leitungsfunktionen vom Bischof bestätigt werden. Diese Abhängigkeit führte natürlich auch zu einer besonderen Vorsicht (der Fachterminus dafür hieß „Klugheit“).

 

Auf der politischen Ebene war Oberösterreich damals (wesentlich mehr noch als heute) fest in ÖVP-Hand. Zwar galt seit dem „Mariazeller Manifest“ vom Mai 1952, dass die katholische Kirche nicht nur Staatskirchentum oder ein Bündnis von Thron und Altar, sondern auch die Bindung an eine Partei klar ablehnt, dennoch blieben eine Nähe, ja sogar organisatorische Verbindungen zwischen Kirche und ÖVP erhalten. Wahlempfehlungen von der Kanzel gab es zwar nur noch selten und auch höhere Laienfunktionäre der Katholischen Aktion wurden verpflichtet, sich in Wahlkampfzeiten besondere Zurückhaltung aufzuerlegen, aber es gab dennoch zahlreiche personelle Überschneidungen (vor allem auf lokaler Ebene), ja sogar institutionelle Anbindungen, wenn etwa das „Linzer Volksblatt“ (Parteizeitung der ÖVP) bis 1971 im Eigentum des Katholischen Pressvereins der Diözese war.

 

Konflikte in der KSJ

 

Vor diesem kirchen-politischen Hintergrund habe ich im September 1967 meine Tätigkeit als Diözesansekretär der KSJ (damals: „Katholische Studierende Jugend“ – zuständig für die Oberstufe der Allgemeinbildenden Höheren Schulen sowie für die Berufsbildenden Höheren Schulen) in Linz begonnen. Als junger Idealist und „Weltverbesserer“ dachte ich, es müsse doch möglich sein, durch Informations- und Aufklärungsarbeit Institutionen zu verändern. Und so schrieb ich Artikel und Informationsmaterialien, aber auch Leserbriefe an Tageszeitungen und die „Linzer Kirchenzeitung“. Dabei ging es sowohl um gesellschaftspolitische als auch um innerkirchliche Themen (von innerkirchlicher Demokratie über Zölibat bis hin zu Wehrdienstverweigerung). Ich bedachte jedoch nicht, dass auch Leute mitlasen, die mir weniger gut gesonnen waren. Es gab da nämlich einige Herren im Bischöflichen Seelsorgeamt, die kritische Artikel fotokopierten und auch an den Bischof schickten.

 

Konflikte gab es aber auch in der eigenen Organisation. Die KSJ lud gemeinsam mit der Katholischen Hochschuljugend (KHJ) jedes Jahr im Sommer die Maturanten aus ganz Oberösterreich zu einer „Maturantenwoche“ ein, in der es um Informationen über das Studium ging. Dazu baten wir die Religionsprofessoren um die Adressen der Maturanten, um sie persönlich einladen zu können. Mein Dienststellenleiter, der zugleich auch Hochschulseelsorger war, kopierte die Adressen und schickte sie an das Landesparteisekretariat der ÖVP. Da das Päckchen den Absenderstempel der KHJ trug, rief ich deren Primus an und hielt es mit dessen Einverständnis zurück. Außerdem rief ich einen Religionsprofessor an und fragte ihn, ob der damit einverstanden sei, wenn die Adressen seiner Maturanten an die ÖVP weitergegeben werden, was er empört zurückwies. Das hätte dann fast dienstrechtliche Konsequenzen für mich gehabt, weil mein Dienststellenleiter behauptete, ich habe seine Privatpost zurückgehalten. Dass das Päckchen den Stempel der KHJ trug, sei ein Irrtum der Sekretärin gewesen. Die Angelegenheit ging bis ins Präsidium der Katholischen Aktion, dessen Präsident (übrigens Sparkassendirektor und ÖVP-Gemeinderat in Mauthausen) aber meine Vorgangsweise korrekt fand.

 

Ein anderer Konflikt betraf eine Resolution zu Wehrdienstverweigerung und Alternativdienst, die ich am Diözesanseelsorger vorbei mit dem Linzer „Gebietsführungs“-Team und einigen „Schulführern“ für den „Diözesanführungskreis“ in Schloss Puchberg bei Wels vorbereitet hatte. Da die Tagung am Sonntag Mittag zu Ende ging, hatte ich den Text (mit Sperrfrist) schon am Vortag dem ORF-Landesstudio in Linz gegeben und vereinbart, dass ich nach 12 Uhr anrufe, ob die Resolution angenommen worden war. Dieses Thema war damals sehr umstritten und es hatte sich bis dahin noch keine einzige offizielle katholische Organisation für den zivilen Wehrersatzdienst ausgesprochen. Im Gegenteil: es gab heftige Widerstände dagegen, weshalb auch der Diözesanseelsorger in der Diskussion meinte, es wäre „unklug“, so etwas zu beschließen. Trotzdem bekamen wir eine große Mehrheit für die Resolution – und als wir um 13 Uhr beim Mittagessen saßen, kam bereits die Meldung in den Radio-„Landesnachrichten“, was natürlich den Diözesanseelsorger und ein paar andere ziemlich verärgerte, während die Mehrheit eher stolz darauf war, dass die KSJ im Radio erwähnt wurde.

 

„Diözesanjugendführer”

 

Während ich in der KSJ vor allem bei der „Geistlichkeit“ zunehmend auf Schwierigkeiten stieß, kamen im Frühjahr 1968 Vertreter der Katholischen Landjugend und der Katholischen Arbeiterjugend auf mich zu und fragten mich, ob ich bereit wäre, als „Diözesanjugendführer“ zu kandidieren (also als Landesvorsitzender der gesamten Katholischen Jugend von Oberösterreich). Die KSJ war die kleinste der Gliederungen der KJ und wurde von den anderen auch ein bisschen scheel angesehen, weil man ihr unterstellte, sich geistig überlegen zu fühlen. Andererseits standen aber KLJ und KAJ teilweise in Konkurrenz, weil die Abgrenzung am Land nicht immer leicht war. Die KLJ war zwar mit Abstand die größte Teilorganisation, aber gerade deshalb wollten ihr die anderen Gliederungen nicht unbedingt auch noch den Gesamtvorsitz der KJ übertragen. Da ich in der KSJ ohnehin Schwierigkeiten hatte und außerdem persönlich gute Beziehungen zu den meisten KLJ- und KAJ-Ver­ant­wortlichen (vor allem zu Lois Sattleder von der KLJ und Rainer Remsing von der KAJ, die damals in ihren Organisationen für kritisches Denken und gegen eine einseitige ÖVP-Bindung auftraten, und mit denen ich heute noch befreundet bin. Sattleder war später Volkshilfe-Geschäftsführer und SPÖ-Stadtrat in Vöcklabruck, Remsing Landessekretär zuerst der Chemiearbeitergewerkschaft und dann des ÖGB in Linz)), sah man in mir offenbar einen guten Kompromisskandidaten. Und so wurde ich dann auch auf Burg Altpernstein vom Diözesanführungs­kreis der Katholischen Jugend zum ehrenamtlichen „Diözesanjugendführer“ gewählt, blieb allerdings bis Sommer 1969 noch hauptamtlich KSJ-Diözesansekretär und unterrichtete dann ab Herbst an einer Linzer Hauptschule Religion.

 

In meiner neuen Funktion gelang es mir, einen Studientag für alle Gliederungen zum Thema „Studentenrevolution“ in Puchberg zu organisieren, bei dem Klaus Lang (damals noch Assistent an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, 1969 zum Vorsitzenden des Dachverbands der Katholischen Studentengemeinden in Deutschland gewählt und später Abteilungsleiter bei der deutschen Industriegewerkschaft Metall. Klaus Lang, mit dem ich heute noch in Verbindung bin, referierte auch im Februar 1972 beim Gründungsseminar der AKC in Linz).

 

Einmal im Jahr lud der Landesjugendreferent der oberösterreichischen Landesregierung (ein ehemaliger KSJ-Diözesanführer) die Vorsitzenden aller Jugendorganisationen zu einem Treffen zur Vorbereitung einer gemeinsamen Jugendaktion am Nationalfeiertag ein. Sein Vorschlag: ein Sternmarsch der Jugend nach St. Florian und dort ein abschließendes Orgelkonzert im Stift. Da meldete ich mich als Chef der Katholischen Jugend zur Wort: Die Idee eines gemeinsamen Marsches gefalle mir gut, aber St. Florian sei vielleicht für andere Jugendliche doch „zu katholisch“. Man könnte auch eine Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart schlagen und von Enns, der ältesten Stadt Österreichs, nach Mauthausen gehen und dort eine Gedenkveranstaltung im ehemaligen KZ machen. Die Reaktion des Landesjugendreferenten verwunderte mich schon damals und wäre wahrscheinlich heute gar nicht mehr vorstellbar. Er meinte nämlich: „Das wäre dann ja eine rein sozialistische Veranstaltung“!

 

Diözesansynode

 

Im September 1969 wurde der ehemalige Diözesanjugendseelsorger Alois Wagner zum Weihbischof von Linz ernannt und anschließend von Diözesanbischof Franz Zauner zum Präsidenten der für 1970 geplanten Diözesansynode bestellt. Ich wurde von der Katholischen Jugend in die Vorbereitende Zentralkommission entsandt und von dieser im Oktober in deren achtköpfigen Vorstand gewählt. Nach dem Synodenstatut war ich damit auch „von Amts wegen“ Delegierter zur Diözesansynode. Als Motto für die Synode wurde „Kirche um der Menschen willen“ gewählt. Dieses Thema kam mir sehr entgegen und ich engagierte mich daher aus vollster Überzeugung in der Synodenvorbereitung. U. a. habe ich ein paar Wochen vor der Synode eine Diskussionsgrundlage erarbeitet, die ich als „Manifest engagierter Katholiken“ an die Synodendelegierten verteilte und die von rund 20 (der insgesamt 289) Delegierten unterschrieben wurde.

 

Zum Motto „Kirche für die Menschen“ schrieb ich, dass der Mensch nicht als „Objekt kirchlicher Seelsorge“ und auch nicht nur als „Einzelwesen“ zu sehen ist, sondern er ist auch „in die Welt verflochten, die durch soziale, politische und ökonomische Strukturen entscheidend geprägt wird“. „Für das christliche Liebesgebot wird dessen sozialpolitische Implikation immer wichtiger… Die Kirche kann heute ihre Heilsbotschaft nicht mehr glaubwürdig verkünden, wenn sie nicht aktiv am Aufbau einer heilen Welt – schon hier und heute – mitarbeitet“. In dem Manifest wurde kritisiert, dass in der Synodenvorbereitung eindeutig „rein innerkirchliche Probleme überwiegen“ und „die sie ergänzenden Fragen des Sozialbereichs… sich größtenteils der privaten Sphäre des Menschen zuordnen (lassen)“, während „der Bereich des Gesellschaftlich-politischen weitgehendst nicht berücksichtigt“ wird. Deshalb schlug ich vor, dass sich die Synode vordringlich mit dem Fragenkreis „Kirche und Gesellschaft“ sowie den „Fragen der kirchlichen Strukturen“ beschäftigen solle. Es solle darum gehen, „sich grundsätzlich mit der Stellung der Kirche zu besonders wichtigen Realitäten wie etwa Wirtschaft, Politik etc. und daraus resultierenden Aufgaben der Kirche auseinanderzusetzen“.

 

Die SPÖ-Zeitung „Tagblatt“ bot mir am 12. Februar die Möglichkeit, mein Grundanliegen in einem Leitartikel darzulegen, in dem ich unter dem Titel „Kirche und Politik“ bewusst nicht nur auf den Beginn der Diözesansynode, sondern auch auf die eine Woche zuvor stattfindende Nationalratswahl Bezug nahm. Ich wandte mich zuerst gegen die Vorstellung einer „unpolitischen Kirche“, die es gar nicht geben könne, aber auch nicht solle: „Die Kirche hat nämlich geradezu als Auftrag, diese Welt zu verändern, indem sie gegen Unrecht, Unterdrückung und jede Art von Diskriminierung der Menschen eintreten muss. Die Kirche hat immer auf der Seite der Armen, Ausgebeuteten, der ‚Geringsten der Brüder‘ zu stehen und notfalls zu ‚kämpfen‘“. Dieser „politische Auftrag“ der Kirche schließe aber aus, „dass die Kirche und kirchliche Gemeinschaften von vornherein eine Bindung zu einer politischen Partei haben. Kirche muss für alles positiv Menschliche eintreten, gleich, woher es kommt. Und keine Partei kann behaupten, dass nur sie positive Lösungen für die Menschen erbringt.“ Mein Schlusssatz: „Für die Kirche als Institution heißt dies: sie darf nicht ‚unpolitisch‘ sein (und dadurch auch soziales, politisches und ökonomisches Unrecht tolerieren unter dem Vorwand, eine ‚rein religiöse‘ Institution zu sein), aber sie muss selbst und in ihren Organisationen glaubhaft parteiungebunden sein.“

 

Ich bekam auf meinen Leitartikel viele zustimmende Reaktionen, allerdings meinten einige Leute im Seelsorgeamt, sie seien zwar inhaltlich einverstanden, aber es sei doch „unklug“, einen solchen Artikel unter Angabe der kirchlichen Funktionen (Diözesanjugendführer der Katholischen Jugend, Mitglied des Vorstandes der vorbereitenden Zentralkommission der Diözesansynode Linz) zweieinhalb Wochen vor der Nationalratswahl auf der Titelseite der SPÖ-Tageszeitung zu veröffentlichen. Der damalige ÖVP-Landesparteiobmann und Landeshauptmann-Stellvertreter Erwin Wenzl stellte in einem Schreiben an Diözesanbischof Zauner die Frage, ob meine Stellungnahmen zu Bundesheer und Wehrdienst sowie mein jüngster Leitartikel im „Tagblatt“ vor einer Wahl mit führenden Funk­tionen in der Katholischen Aktion vereinbar seien. Dieser Brief lag auch dem eilig einberufenen Diözesanausschuss der Katholischen Aktion (dem alle Mitgliedsorganisationen angehören) vor, der über die „Causa Krims“ beriet (ich selbst war bei der Sitzung als Vertreter der KJ dabei). Dort herrschte die einhellige Meinung, dass der Inhalt des Artikels der Linie der Kirche entsprochen habe, aber mehrere Mitglieder vertraten die Auffassung, dass der Umstand, dass er kurz vor der Wahl in einer SPÖ-Zeitung veröffentlicht wurde, dem Wahlkampf-Stillhalteabkommen für KA-Spitzen­funk­tio­näre zuwiderlaufe. Es wurde aber kein Beschluss gefasst, weil einige einflussreiche Personen (wie der damalige Vorsitzende der Katholischen Männerbewegung und KA-Vizepräsident Eduard Ploier) meinten, Sanktionen gegen mich würden nur einen „Märtyrer“ schaffen.

 

Bischof Zauner reagierte auf den Wenzl-Brief in gewohnt cholerischer Manier und ohne jeden persönlichen Kontakt zu mir – oder gar eine Anhörung: er widerrief meine Ernennung zum Synodendelelegierten (was allerdings eine Änderung des Synodenstatuts erforderlich machte, weil ich ja ein „ex-offo“-Mitglied war). Außerdem stellte er dem Diözesanjugendseelsorger ein Ultimatum: Entweder müsse die Katholischen Jugend mich meiner Funktion entheben – oder sie würde kein Geld mehr von der Diözese bekommen. In dieser Situation wurde am 26. Februar in einer Routinesitzung des Hauptführungskreises der KJ (die Diözesanverantwortlichen der einzelnen Gliederungen), die ich leitete, zu meiner Überraschung zu Beginn von meinem Diözesansekretär der Antrag auf einen zusätzlichen Tagesordnungspunkt („Vertrauensabstimmung über den Vorsitzenden“) gestellt und angenommen. Ich wurde gefragt, ob ich zurücktreten wolle. Nachdem ich das verneint hatte, musste ich zu diesem Punkt den Raum verlassen und erfuhr bei meiner Rückkehr, dass nach einer Diskussion das Gremium in offener Abstimmung bei einer einzigen Gegenstimme (Rainer Remsing von der KAJ. Lois Sattleder hatte bereits zu Jahresbeginn seine Tätigkeit bei der KLJ beendet) mich mit sofortiger Wirkung als Vorsitzenden abberufen und meinen Diözesansekretär bis zu einer Neuwahl im Mai mit der provisorischen Vorsitzführung beauftragt habe. Wie mir nachher berichtet wurde, hatte der Diözesanjugendseelsorger einen sehr eindringlichen Appell an alle gerichtet, dass es um die Zukunft der Katholischen Jugend gehe. Zwar lobte er ausdrücklich meine Tätigkeit und betonte, dass mir Unrecht geschehe, aber man müsse hier die Person hinter die Sache zurückstellen.

 

Da auch die oberösterreichischen Zeitungen über den Konflikt berichteten und das „Tagblatt“ sowie die „Sozialistische Korrespondenz“ die Schlagzeile brachten: „VP-Wenzl fordert Kopf von Diözesanjugendführer“, veröffentlichte die Diözese am 27. Februar eine „Klarstellung“, in der betont wurde, dass meine Abberufung nichts mit dem Brief des ÖVP-Obmanns zu tun habe, sondern auf meine „publizistische Tätigkeit“, die „schon seit langer Zeit schwere innerkirchliche Probleme bereitet hat“, zurückzuführen sei. Außerdem wurde angeführt, mein Leitartikel im „Tagblatt“ habe „kirchliche Bestimmungen der Politik gegenüber verletzt“.

 

Der komplette Text des bereits erwähnten „Manifests engagierter Katholiken an die Diözesansynode“ wurde Anfang März 1970 in der von Günther Nenning herausgegebenen Zeitschrift „Neues Forum“ (XVII. Jahr, Heft 195/I, S 219 ff.) veröffentlicht, die bei der Synodeneröffnung am 7. März an der Kepler-Universität in Linz gratis verteilt wurde. Dort traf ich auch den Synodenpräsidenten, Weihbischof Alois Wagner, der mich auf den „Medienwirbel“ um meine Person ansprach und wörtlich meinte: „Adalbert, warum hast Du mir das angetan!“ Ich war einigermaßen sprachlos – und eine Woche später auch arbeitslos, da Bischof Zauner mir auch die „Missio Canonica“ (Kirchliche Lehrbefugnis) entzog und das Bischöfliche Schulamt meinen Dienstvertrag als provisorischer Religionslehrer auflöste.

 

Inzwischen hatte am 1. März die Nationalratswahl stattgefunden, die der SPÖ zum ersten Mal in der Geschichte Österreichs eine klare relative Mehrheit brachte. Das „Tagblatt“ berichtete auch in den nächsten Tagen noch über den „Fall Krims“ sowie am Tag vor Synodenbeginn ausführlich über das „Manifest engagierter Katholiken“. Der Leiter des Seelsorgeamts, Prälat Franz Viehböck, betonte bei einer Pressekonferenz, dass meine publizistische Tätigkeit unter Berufung auf meine Funktionen „innerkirchlich nicht mehr tragbar“ gewesen sei und sprach wörtlich vom „Fall Olah der Diözese Linz“. Zugleich unterstrich er die strenge Distanz der Kirche zu allen Parteien und wies darauf hin, dass sich unter den Synodendelegierten auch deklarierte Sozialisten befinden. Zwei Tage nach der Synode lud mich der Chefredakteur des „Tagblatts“, Hermann Czekal, zu einem Gespräch ein und sagte mit, dass er persönlich großen Wert auf meine weitere Mitarbeit beim „Tagblatt“ gelegt hätte, dass der Landesparteivorsitzende, Landeshauptmann-Stellvertreter Stephan Demuth, dies untersagt habe. Demuth schätze zwar meine Arbeit und finde, dass mir Unrecht geschehen sei, aber die SPÖ sei an einem guten Verhältnis zur katholischen Kirche interessiert und deshalb könne die Parteizeitung keine Artikel von mir oder über mich mehr bringen.

Ich war also nicht nur arbeitslos, sondern in Linz auch ohne berufliche Perspektive. In dieser Situation bot mir Günther Nenning an, ab Herbst beim „Neuen Forum“ in Wien zu arbeiten, das er damals zu einer Wochenzeitung ausbauen wollte. Nach einigen Monaten Arbeitslosigkeit übersiedelte ich im September 1970 nach Wien, wo ich nicht nur beruflich ein neues Leben begann. Aus dem „Exil“ wurde für mich bald eine neue Heimat.