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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 440/441                      September/Oktober 2020

 

 

 

PEDRO CASALDALIGA – PROPHETISCHES ZEUGNIS

 

Nachruf auf den brasilianischen Bischof, Befreiungstheologen und Dichter

 

Von Frei Betto

 

Am 8. August 2020 ist Dom Pedro Casaldáliga, einer der wichtigsten Vertreter der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und langjähriger Indio-Bischof in Ama­zonien, im Alter von 92 Jahren gestorben. Geboren wurde er am 16. Fe­bruar 1928 in Balsareny, Katalonien. Nach der Priesterweihe 1952 war er 6 Jahre Religionslehrer in Ka­talonien, bevor er in die Mission ging. 1970 wurde Casaldáliga von Papst Paul VI. zum Leiter der Titularprälatur São Félix do Ara­guaia im brasilianischen Bun­des­staat Mato Grosso berufen und im Jahr darauf zum Bischof geweiht. Er stellte allerdings zwei Bedingungen, um das Bischofsamt anzunehmen: 1. Priester, Ordensleute und Volk müssen gefragt wer­den, ob sie ihn als Bischof wollen; 2. Er akzeptierte als Mitra nur den Strohhut der Kleinbauern und als Ring und Hirtenstab Symbole der in­di­genen Bevölkerung seiner künftigen Diözese: den schwarzen Ring aus der Tucum-Pal­me und ein Ruder der Tapirapé-Indianer.

 

Seine Amtszeit war von politischen und innerkirchlichen Auseinandersetzungen geprägt, da er von Anfang an eine konsequente Option für die Armen und gegen die Groß­grundbesitzer und die Militärdiktatur praktizierte. Außerdem un­terstützte er offen die Sandinistische Revolution in Nicaragua und war auch solidarisch mit Kuba. Seine Parteinahme und sein Einsatz für soziale Gerechtigkeit trugen ihm Konflikte mit einigen Behörden im Vatikan ein.

 

Wir bringen einen Nachruf des bekannten brasilianischen Befreiungstheologen Frei Betto, der mit Casaldáliga jahrzehntelang persönlich befreundet war. Er stammt von seinem Blog auf der Seite brasil247.com

 

Dom Pedro feierte Allerseelen auf dem ärmsten Friedhof von São Félix do Araguaia im Bundesstaat Mato Grosso. Dort liegen die sterblichen Über­reste von Indigenen und Arbeitern, die der Traum von einem besseren Leben an den Amazonas zog. Viele von ihnen sahen nicht nur ihre Er­wartungen enttäuscht, sondern wurden auch ermordet.

 

Der Bischof sagte zu den Menschen und Pastoralbeauftragten der Prälatur: „Hören Sie mit einem aufmerksamen Ohr. Ich werde etwas sehr Ernstes sagen. Hier möchte ich begraben werden“.

 

Zum Ausruhen / Ich will nur dieses Holzkreuz / wie Regen und Sonne; / diese sieben Palmen und die Auferstehung! (Gedicht „Friedhof des Hinterlandes“, von Dom Pedro)

 

Seit Jahren von der Parkinson-Krankheit, die er als „Bruder Parkinson“ bezeichnete, gezeichnet, verschlechterte sich Pedros Gesundheitszustand in der ersten Augustwoche im Alter von 92 Jahren. Die Ressourcen in São Félix sind prekär, und die Pandemie des neuen Coronavirus verschärft die Armut noch zusätzlich. Die Claretiner-Kongregation, der Pedro angehörte, beschloss, ihn nach Bata­taís im Bundesstaat São Paulo zu ver­legen, wo er besser versorgt wäre. Am Samstag, dem 8. August – dem Fest des heiligen Dominikus, eines Spaniers wie Pedro – starb er kurz nach 9 Uhr morgens. Sei­ne Mitbrüder erfüllten seinen Wunsch, ihn auf dem Friedhof der Karajá (eine Indio-Volksgruppe im Mato Grosso) in São Félix zu begraben.

 

Pedro kam 1968, während der Militärdiktatur, als Missionar nach Brasilien. Er kam, um den Weg des Christentums umzusetzen. Als er jedoch auf die Ausbeutung von Tagelöhnern auf Farmen im Ama­zonasgebiet stieß, traf er eine radikale Entscheidung für die Armen. Arbeitslose und un­gelernte Arbeiter zogen auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen in die Wälder, angezogen von der Ausdehnung der Latifundien im Amazonasgebiet. Sie wurden buchstäblich in die Städte getrieben und gerieten in die Falle der Sklavenarbeit. Sie hatten keine andere Wahl, als Vorräte und Klei­dung in den Lagerhäusern der Farm zu exorbitanten Preisen zu kaufen, wodurch sie ins Netz der nicht bezahlbaren Schulden ge­rieten. Wenn sie versuchten zu fliehen, wurden sie von ihren Vor­arbei­tern gejagt, ermordet oder zurückgebracht, ausgepeitscht und oft ver­stüm­melt, wobei ihnen ein Ohr abgeschnitten wurde.

 

Pedro zum Bischof ernannt

 

São Félix ist eine amazonische Ge­meinde in Mato Grosso, die vor der Insel Bananal auf einem Gebiet von 36.643 km2 liegt. In den 1970er Jah­ren erweiterte die Militärdiktatur (1964 – 1985) die Gren­zen der Agrargebiete Brasiliens durch Feuer, verwüstete einen Teil des Amazo­nas­ge­biets und zog Großgrundbesitzer an, die Bäume fällten, um Weideland für die Viehherden zu erschließen.

 

Casaldáliga, Hirte eines Volkes, das keine Orientierung hatte und von Sklavenarbeit bedroht war, nahm die Verteidigung dieser Menschen auf und geriet mit Großbauern, Landwirtschafts-, Bergbau- und Holzfällerunternehmen sowie mit Politikern in Konflikt, die im Tausch gegen fi­nan­ziel­le Unterstüt­zung und Stimmen die Umweltzerstörung vertuschten und die Landausdehnung legalisierten, oh­ne die Einhaltung der Arbeits­ge­set­ze zu verlangen.

 

Am 13. Mai 1969 gründete Papst Paul VI. die Prälatur von São Félix do Araguaia. Die Verwaltung wurde der Kongregation der Claretiner an­ver­traut, und von 1970 bis 1971 war Pater Pedro Casal­dá­li­ga der erste apostolische Administrator der neuen Prälatur. Bald darauf wurde er zum Bi­schof ernannt. Er machte sich Prinzipien zu eigen, die seine pastorale Tätigkeit buchstäblich leiten sollten: „Nichts besitzen, nichts mit sich tra­gen, nichts verlangen, nichts verschweigen und, vor allem, nichts töten“. An seinem Finger, als bischöfliche Insignien, ein Ring aus Tucum, der zum Symbol der Spi­ritualität der Anhänger der Befreiungstheologie wurde.

 

Im Pastoralbrief von 1971, „Eine Kirche des Amazonas im Konflikt mit dem Latifundium und der sozialen Marginalisierung“, positionierte Pedro die neu geschaffene Prälatur an der Seite der Ärm­sten: „Wir – Bischof, Priester, Schwestern, engagierte Laien – sind hier, zwischen Araguaia und Xingu, in dieser Welt, real und konkret, marginalisiert und anklagend, die ich soeben kurz vorgestellt habe. Entweder wir ermöglichen die ret­tende Menschwerdung Christi in dieser Umgebung, in die wir gesandt wurden, oder wir verleugnen unseren Glauben, wir schämen uns des Evan­geliums und ver­raten die Rechte und die quälende Hoffnung eines Volkes, das auch das Volk Gottes ist: die Waldbewohner, die Klein­häusler, die Taglöhner, dieses brasilianische Stück Amazonas. Weil wir hier sind, hier müssen wir uns engagieren. Eindeutig. Bis zum Ende“.

 

Dichter und Prophet

 

Fünfmal gab es Verfahren, ihn aus Brasilien auszuweisen, aber Casaldáliga lebte in einer einfachen Hütte, in der es kein anderes Sicherheits­sy­stem gab als das, das von drei Personen gewährleistet wur­de: dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Casaldáliga zog nur Flip-Flops und Klei­dung an, die so bescheiden war wie die der Taglöhner, die durch die Stadt zogen, und erweiterte seine apo­stolische Ausstrahlung durch in­ten­sive literarische Tätigkeit. Als renommierter Dichter brachte er seine Seele mit den großen Errungenschaften des Volkes im großen la­tein­ame­ri­kanischen Va­ter­land in Einklang. Er erhob seine Stimme und seine Feder bei Protesten gegen den Internationalen Währungsfonds (IWF), bei den Einmischungen des Weißen Hauses in die Länder des Konti­nents, bei der Verteidigung der kubanischen Revolution, bei der Solidarität mit der sandinistischen Revolution oder um die Verbrechen des Militärs in El Salvador und Guatemala anzuprangern.

 

Bei einer Gelegenheit unternahm er eine lange Reise zu Pferd, um die Familie eines Kleinhäuslers zu besuchen, der im Gefängnis saß. Er kam oh­ne Vorwarnung an. Vor einem Teller mit weißem Reis und einem weiteren mit Bananen entschuldigte sich die älteste Tochter verlegen beim Mit­tagessen: „Hätten wir gewusst, dass der Bischof kommen würde, hätten wir eine andere Mahlzeit zubereitet“. Die kleine Eva, sieben Jahre alt, re­a­gierte: „He, Bischof, Sie sind nicht besser als wir!“ Diese Lektion merkte er sich und praktizierte sie immer, indem er Privilegien und Ver­gün­sti­gungen vermied.

 

Wenn die Karajás von der Insel Ba­nanal kommend in die Stadt fuhren, kehrten sie immer in Pedros Haus ein. Dort aßen sie, nahmen Wasser, ruh­ten sich vom Fuß­marsch nach São Félix aus.

 

Ca­sal­dáliga, Gründer der Pastora­len Landkommission (CPT) und des Ra­tes der für die Indio-Mission (Cimi) der Brasilianischen Bischofs­kon­fe­renz, gab zu, dass die Volks­weisheit sein großer Leh­rer war. Er fragte einen Kleinhäusler, was er für seine Kinder erwarte. Der Mann ant­wor­tete: „Ich will nur mehr oder weniger für alle“. Pedro bewahrte die­se Lektion und kämpfte für eine Welt, in der jeder ein Recht auf „mehr oder we­ni­ger“ hat. Nicht zu viel, nicht zu wenig.

 

Pedro in Kuba

 

Im September 1985 reiste ich mit den Brüdern und Theologen Leonardo und Clodovis Boff nach Kuba. Wir teilten Fidel mit, dass sich Dom Pedro in Managua aufhielt und am Gebetstag für den Frie­den teilnahm. Der kubanische Führer bestand darauf, dass wir ihn nach Havanna brin­gen. Sobald er am 11. September in der kubanischen Hauptstadt gelandet war, wurde er direkt in Fidels Büro ge­bracht, der sich damals für be­frei­ungstheologische Literatur interessierte. Pedro bemerkte mit feiner Ironie: „Die Rechten ziehen es vor, den Papst gegen die Befreiungs­theo­lo­gie als Fidel dafür zu ha­­ben.“

 

Am selben Abend sprach Casaldáliga bei der Eröffnung eines Weltjugendkongresses über die Auslandsschulden: „Es ist nicht nur unmoralisch, die Auslandsschulden einzutreiben, es ist auch un­mo­ra­lisch, sie zu begleichen, denn unweigerlich bedeutet dies eine fortschreitende Ver­schul­dung unserer Völker.

 

Chomy Miyar, Fidels Sekretärin, bemerkte, dass die Schuhe des Prälaten in einem schrecklichen Zustand waren, und bot ihm ein neues Paar an. „Meine Schuhe überlasse ich dem Museum der Revo­lu­tion“, scherzte Dom Pedro.

 

Am 13. September 1985 reisten wir gemeinsam nach Nicaragua. Dort beteiligte er sich an zahlreichen Aktionen gegen die Aggression der US-Re­gie­rung gegen das Werk der Sandinisten und taufte Da­niel Ortegas vierten Sohn, Maurice Facundo.

 

Bei seiner zweiten Reise nach Kuba im Februar 1999 erklärte Casaldáliga öffentlich in Pinar del Río: „Der Kapitalismus ist eine Todsünde. Der So­zialismus kann eine Kardinaltugend sein: Wir sind Brü­der und Schwestern, die Erde ist für al­le da, und wie Jesus von Nazareth zu sagen pfleg­te, man kann nicht zwei Herren dienen, und der andere Herr ist eben das Kapital. Wenn das Kapital neo­li­be­ral ist, nur nach dem Profit und dem totalen Markt ausgerichtet und die großen Mehrheiten ausschließt, dann ist die Todsünde offen tödlich.“ Und er betonte: „Es wird keinen Frie­den auf der Er­de geben, keine Demokratie, die es verdient, diesen entweihten Namen einzulösen, wenn es keine Vergesellschaftung der Erde auf dem Land und des Bodens in der Stadt, von Gesundheit und Bil­dung, von Kommunikation und Wissen­schaft gibt.“

 

In einem Gespräch mit Dom Pedro bei einer Gelegenheit sagte er mir: „Ich denke an den Satz Jesu: ,Wird es Glauben auf Erden geben, wenn ich wiederkomme?‘ Es wird ihn geben, aber nicht an sein Wort, sondern den Glauben an den Markt, die große Gottheit. Wenn man bedenkt, dass von den drei Wirtschaftswissenschaftern, die in den letzten dreißig Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wur­den, zwei aus der Chicago School kamen... Deshalb glaubte die Schwedische Akademie an mathematische Modelle, die geschaffen wurden, um Fi­nanz­spe­ku­la­tio­nen zu begünstigen und die Sum­me der Menschheit als Individuen zu betrachten, die nur durch persönliche Interessen mo­ti­viert und in den schärfsten Wettbewerb mit ihren Mitmenschen ver­wickelt sind. Heute gehen nur diejenigen in die Kirche, die sich den Besuch von Kon­sumtempeln nicht leisten können. Das neue Gotteshaus ist das Einkaufszentrum, das als Tor zum Paradies gilt, denn hier gibt es kei­ne Bet­tler, keinen Müll, keine Straßenkinder, keine Drohungen; alles erstrahlt in paradiesischem Glanz. Wir alle sind treue Anhänger des Wer­be­ka­te­chismus. Er flößt uns die Über­­zeugung ein, dass die individuelle Erlösung durch Kon­sum erfolgt. Ausgeschlossen ist nicht derjenige, der sündigt, sondern derjenige, der kein Geld hat. Ketzer ist nicht derjenige, der mit den Dog­men der Kirche nicht einverstanden ist, sondern der­je­ni­ge, der sich den Dogmen des Kapitalis­mus entgegenstellt. Der Apostel ist nicht derjenige, der den christlichen Glauben verkündet, son­dern der­­jenige, der sich zu einem anderen Glauben bekennt, in der Überzeugung, dass es außerhalb des Marktes keine Rettung gibt.“

 

Nachfolge

 

Im Jahr 2003, im Alter von 75 Jah­­ren, stellte Casaldáliga das Ge­such um Rücktritt von der Leitung der Prälatur, wie es der Vatikan von allen Bi­schöfen mit Ausnahme des Papstes, des Bischofs von Rom, fordert. Im Jahr 2005 ernannte der Va­ti­kan den Nachfolger. Zuvor schickten sie ihm je­doch einen Bischof, der ihn im Namen Roms aufforderte, die Prälatur zu verlassen, um den neuen Prä­la­ten nicht in Ver­le­gen­heit zu bringen. Bi­schof Pedro gefiel der Appell nicht und so weigerte er sich, ihn – im Einklang mit seinen Bemühungen, den Prozess der Bischofswahl de­mo­kra­tischer und trans­parenter zu gestalten – zu befolgen. Der neue Bischof, P. Leo­nar­do Ulrich Steiner, beendete die Sackgasse, indem er erklär­te, dass Bischof Pedro in São Felix willkommen sei.

 

Bedrohungen

 

Dom Pedro war das Ziel mehrerer Morddrohungen. Die schlimmste war 1976 in Ribeirão Cascalheira am 12. Oktober – dem Fest der Schutz­hei­li­gen Brasiliens, Unserer Lie­ben Frau von Aparecida. Als er dort in Begleitung des Jesuiten­mis­sio­nars und Indigenisten João Bosco Penido Burnier ankam, erfuhren sie, dass zwei Frauen auf der Polizeistation gefoltert wurden. Sie gingen dorthin und hat­ten eine heftige Aus­ein­an­der­set­zung mit der Mi­li­tärpolizei. Als Pater Burnier da­mit drohte, die dortigen Ge­scheh­nisse bei den Behörden anzuzeigen, schlug ihn einer der Sol­da­ten, stieß ihn mit einem Kol­ben und schoss ihm dann in den Hinterkopf. Nach wenigen Stunden verstarb der Märtyrer von Ribeirão Cascal­heira. Neun Tage später drangen die Menschen in die Polizeistation ein, ließen die Ge­fangenen frei, brachen alles nieder, rissen die Mauern ein und legten Feuer. An diesem Ort wird heute eine Kirche gebaut, die einzige Kirche der Welt, die den Märtyrern gewidmet ist.

 

Wegen seiner evangeliumsge­mäßen Positionen wurde Pedro beschuldigt, ein „Bischof der Arbei­ter­partei“ zu sein. Er kümmerte sich nie um die An­­schuldigungen, die er erlitten hatte. Er wusste, dass dies der Preis dafür war, die Privilegien der Landbesitzer nicht verteidigt zu haben. Im Prä­si­dentschafts­wahl­kampf 2018, am Tag vor dem ersten Wahlgang, zog eine Pro-Bolsonaro-Wagenkolonne durch die Stadt und hupte, als sie vor sei­nem bescheidenen Bischofshaus vorbeifuhr.

 

Niemand verkörpert und symbolisiert die Befreiungstheologie so sehr wie Bischof Pedro. Er wurde zu einer Weltreferenz dieser Theo­lo­gie, die sich auf die Rechte der Ar­men konzentriert.

 

Ein Kämpfer der Utopie

 

Pedro war ein Dichter. Die Poesie war seine bevorzugte Ausdrucks- und Gebetsform. Er hinterließ uns mehrere Bücher mit Gedichten aus sei­nem Werk, wahre Psalmen von heute.

 

Eines seiner Lieblingslieder war diese Version von Chico Buarque und Ruy Guerra von „O homem de la Mancha“, einer musikalischen Dar­­bietung:

 

„Träume einen weiteren unmöglichen Traum, / kämpfe, wenn es leicht ist, nachzugeben, / überwinde den unbesiegbaren Feind, / leugne, wenn die Regel lautet, zu verkaufen".

 

Er bat den Rechtsanwalt und Pa­sto­ralreferenten Zezé, es in der Ka­pel­le zu singen.

 

Pedro wurde in eine arme Familie von Kleinbauern in Katalonien geboren und wuchs bei seinem Vater auf. 1940, im Alter von 12 Jahren, trat er in das Seminar ein, um Mis­sio­nar zu werden. Mit 24 Jahren wur­de er im Mai 1952 zum Priester geweiht.

 

Im letzten Jahr seiner pastoralen Aus­bildung in Galicien hielt er Kontakt zu Arbeitern und Migran­ten, darunter vielen Arbeitern in Tex­tilfabriken. Er verdiente sich die Spitznamen „Priester der Schur­ken“ oder „Vater der Behinderten“. Nachdem er das Praktikum in der Arbeiterpastoral ab­sol­viert hatte, war seine nächste Station Barce­lo­na. Im Alter von 32 Jahren ging er nach Äquatorialguinea, damals eine spanische Kolonie, um den „Christlichen Weg“ (Cursilhos de Cristandade) zu gründen. Dort erkannte er, dass das europäische Kir­­chenmodell nicht in periphere Län­­der ex­por­tiert werden sollte.

 

Als Bischof in Brasilien trug Pedro nie ein Abzeichen, das ihn von anderen Menschen unterscheiden und ihn als Prälaten ausweisen wür­de.

 

Sie werden mich subversiv nennen. / Und ich werde ihnen sagen: Das bin ich. / Für mein Volk im Kampf lebe ich. / Mit meinem Volk auf dem Marsch gehe ich / Ich habe den Glauben eines Guerillero / Und die Liebe zur Revolution". („Das Lied von der Sense und dem Balken“)

 

Jetzt bin ich mir völlig bewusst, dass ich einem Heiligen und Pro­phe­ten begegnet bin: Pedro Casal­dáliga. Ein Heiliger für seine radikale (im etymologischen Sinne von „zu den Wurzeln gehen“) Treue  zum Evangelium und ein Prophet für die Lebensrisiken, denen er ausgesetzt war, und die Widrigkeiten, die er erlitt.

 

 

 

RECHTS-KONSERVATIVE POLITIK MIT GRÜNEM ANSTRICH

Die „Dokumentationsstelle Politischer Islam“ stößt auf Kritik

Leon Wystrychowski*

Ursprünglich war im Programm der aktuellen österreichischen Regierung von einer „Forschungs- und Dokumentationsstelle für Antisemitismus, für den religiös motivierten politischen Extremismus (politischer Islam) und für den Rassismus im 21. Jahrhundert“ die Rede. Übriggeblieben ist eine „Dokumentationsstelle Politischer Islam“, die Mitte Juli ihre Arbeit aufgenommen hat. Das scheint zwar bezeichnend für ein Land, in dem in den letzten 20 Jahren gleich zweimal – von 2000 bis 2005 und von 2017 bis 2019 – die rechtspopulistische FPÖ die Staatspolitik mitbe­stimmt hat. Interessant ist es jedoch trotzdem, denn aktuell bildet die konservative ÖVP eine Koalition mit den Grünen – ein Modell, das deut­sche Medien unter Verweis auf Österreich immer wieder auch für die BRD ins Spiel bringen.

Institutionalisierter Generalverdacht

Nachdem die Regierung aus ÖVP und FPÖ infolge der sogenannten Ibiza-Affäre Mitte 2019 zerbrochen war, bildete sich Anfang diesen Jahres die neue schwarz-grüne Bundesregierung. Liest man deren Koalitionsvereinbarung, so stellt man fest, dass das Schlagwort „Islam“ 15 Mal vorkommt, ausschließlich im Zusammenhang mit „Extremismus“ und/oder staatlicher Überwachung und Reglementierung. Schon damals stellte der Politikwissenschaftler und Herausgeber des Jahrbuchs für Islamophobieforschung, Farid Hafez, fest, dass die neue Koalition in Sachen Islam-Politik in die Fußstapfen der Vorgängerregierung trete.

Ähnlich sieht es Murat Gürol vom Netzwerk muslimische Zivilgesellschaft. Er stellt dabei gegenüber MiGAZIN heraus, dass die ÖVP seit 1987 in allen Regierungen saß und damit der Migrations- und Islampolitik des Landes maßgeblich ihren Stempel aufdrücken konnte, was den gesamt­ge­­sellschaftlichen Diskurs weit nach rechts verschoben habe. Das sogenannte Islamgesetz von 2015 sei dabei eine Zäsur gewesen, welche seit­her die Richtung für die Politik gegenüber Muslimen vorgebe: „Die Verdächtigung von allem, was muslimisch ist.“

Das gelte zum einen für die von Rechts-Konservativ verabschiedete Ausweitung des Kopftuchverbots für Schülerinnen, die Grün-Konservativ gleich zu Beginn der Regierungszeit bestätigt und umgesetzt hat. Und zum anderen für die „Dokumentationsstelle Politischer Islam“, die mit einem Startkapital von einer halben Million Euro bedacht wurde. Diese werde „letztenendes dazu führen, dass jegliche muslimische Meinungs­äuße­rung kriminalisiert wird.“ Zwar werde behauptet, eine Grenze zwischen dem Islam als Religion und dem „politischen Islam“ als „ex­tre­mi­sti­­scher Ideologie“ zu ziehen. Da es aber keine Definition gebe, sei diese Grenzziehung de facto nicht vorhanden. Somit handle es sich le­dig­lich um eine Einrichtung, die der Überwachung von Muslimen ein wissenschaftliches Mäntelchen umhängen solle. Damit seien sowohl die Wir­kung als auch die dahinterstehende Absicht klar rassistisch.

Religion, Kultur oder Ideologie?

Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein. Farid Hafez bezeichnet die Dokustelle als „Institutionalisierung des Generalverdachts“. Die Isla­mi­sche Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), die als offizielle Vertretung der über 700.000 Muslime in Österreich, anders als in Deutsch­land, vom Staat als solche anerkannt ist, hat bereits die Zusammenarbeit mit der Stelle abgelehnt. Zuvor hatte sie eine wissenschaftliche Kon­fe­renz einberufen, um eine mögliche Arbeitsdefinition des Begriffs „politischer Islam“ festzulegen. Das Ergebnis bestätigt, was viele Poli­tik- und Islam­wissenschaftler schon länger problematisieren: Eine einheitliche wissenschaftliche Definition gibt es nicht. Dafür aber ist der Terminus, wie auch der des „Islamismus“, längst zum viel gebrauchten Kampfbegriff verkommen.

Es gibt Menschen, die Religion politisch instrumentalisieren und umgekehrt solche, die aus ihrer Religion nicht nur Ethik, sondern auch politi­sches Handeln ableiten. Über den jeweiligen Inhalt ist damit noch nichts gesagt: Man kann aus seinem christlichen Glauben heraus Kreuzzüge und Ketzerverbrennungen genauso befürworten, wie Pazifismus und Soziallehre. Und man kann den Glauben sowohl für Krieg als auch für Frie­den instrumentalisieren. Mit der Gleichsetzung von „politischem Islam“ und „religiösem Extremismus“ wird jedoch von vornherein jegliches musli­misches Engagement unter Verdacht gestellt. Diese Vermischung von Religion und „Extremismus“ wird noch ergänzt durch das, was Ras­sis­­musforscher „Rassifizierung von Kultur“ nennen: Menschen werden feste Eigenschaften aufgrund der in ihrer vermeintlichen Herkunfts­re­gion vorherrschenden Kultur zugeschrieben. Im Fall von Personen mit Wurzeln im Nahen Osten bedeutet das konkret, diese seien per se alles, was „dem Islam“ unterstellt wird: rückständig, gewalttätig, intolerant und frauenfeindlich.

Wie ein solch kulturalisierender Rassismus aussieht, wird anhand eines ZDF-Beitrags über die Dokumentationsstelle ersichtlich: Er beginnt mit einer Aufnahme von Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der kurdischen PKK und den türkischen Grauen Wölfe Ende Juni in Wien. Was die Zuschauer nicht erfahren, ist dass die PKK eine säkular-nationalistische Organisation ist; die Grauen Wölfe dagegen sind in erster Linie Fa­schisten, deren Bezug auf den Islam vor allem folkloristisch ist. Mit dem sogenannten Islamismus haben beide nichts zu tun. Den Bei­trags­ma­chern scheint das egal, entscheidend ist, dass beide Organisationen aus musli­misch geprägten Kulturen stammen, sie und vor allem ihre Gewalt also doch irgendwie vom Islam geprägt sein müssen.

Grüne Unschuld?

Mittlerweile kommt auch Kritik vom grünen Koalitionspartner an der von Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP) vorgestellten Doku­men­ta­tions­stelle. Der Integrationssprecher der Grünen, Nikolaus Kunrath, beklagte, dass deren Arbeit auf den „religiösen Extremismus“ und dabei aus­schließlich auf den „politischen Islam“ reduziert worden sei. Raab konterte, dass sie sich dabei auf den entsprechenden Passus im Koa­li­tions­­vertrag bezogen habe, in dem der „politische Islam“ hervorgehoben worden sei. Dem dürften die Grünen wenig entgegensetzen können. Murat Gürol glaubt auch nicht, dass sie das wirklich wollen: „Es mag vielleicht einzelne Stimmen geben, die sagen, das ist nicht in Ordnung. Aber im Allgemeinen, glaube ich, wird es von den Grünen und auch von der Sozialdemokratie gerne mitgetragen.“ Trotz gegenteiliger Aus­sa­gen von Grünen-Politikern spricht auch Susanne Raab von einem „breiten Konsens“ innerhalb der Koalition, was etwa die mögliche Aus­wei­tung des Kopftuchverbots auf Lehrerinnen angeht.

In den letzten Monaten unter Schwarz-Grün tat sich Wien auch in Sachen Flüchtlingsabwehr hervor: Hier sitzt nämlich das International Centre for Migration Policy Development (ICMPD), das im Auftrag der EU Tunesien zu einem europäischen Außenposten gegen Geflüchtete aufbaut und dem Deutschland im Mai beigetreten ist. Zudem fand in der Hauptstadt im Juli ein Gipfel statt, auf dem die 18 teilnehmenden Staaten eine bessere Zusammenarbeit bei der Abwehr und Rückführung von Flüchtlin­gen, die über die Mittelmeer- und Westbalkanroute kommen, be­schlos­sen. Der Asyl- und Menschenrechtsexperte der Österreichischen Diakonie, Christoph Riedl, hatte in diesem Zusammenhang kritisiert, Öster­reich sei „bei den Hardlinerpositionen immer ganz vorne mit dabei.“ Alles freilich unter Ägide eines ÖVP-Politikers, nämlich von Innen­mi­­nister Karl Nehammer. Den passenden Kommentar hatte Simon Kravagna schon im Januar im Magazin „Biber“ formuliert: Die Grünen könn­ten „mit einer restriktiven Migrationspolitik bestens leben, solange sie selbst ihre Hände in Unschuld waschen können“, vermutete er.

Von „rot-grünem Multikulti“ kann in Österreich also nicht die Rede sein. Multikulti als eine positive Idee sei in der Tat längst tot, meint Murat Gürol. Dabei sieht er auch die Rolle der politischen Linken problematisch: „Viele haben aus einem dogmatischen Säkularismus oder aus Vor­ur­tei­len gegenüber Muslimen den Kampf für eine antirassistische und friedliche Gesellschaft aufgegeben“, zum Teil hätten sie sogar selbst islam­feind­liche Positionen übernommen. Auch die Betroffenen würden sich zu wenig zur Wehr setzen: „Die Muslime hier versuchen den Ball mög­lichst flach zu halten und möglichst wenig aufzufallen.“

Auf die Frage, ob noch mit weiterem Protest vonseiten der muslimischen Community zu rechnen sei, gibt er zu bedenken, dass das Thema nun mit­ten im Sommerloch aufgekommen sei und Corona noch hinzukäme. Doch zeigt er sich hoffnungsvoll, dass es zumindest von Teilen der Com­munity noch Protestaktionen geben werde. Insgesamt scheint er allerdings eher resigniert auf die Lage in Österreich zu blicken. Das Land sei schon deutlich weiter nach rechts gerückt als etwa die BRD. Darum hat der gebürtige Baden-Württemberger, der seit Mitte der 2000er in Wien lebt, auch eine klare Meinung über das „Modell Schwarz-Grün“: „Hinsichtlich Minderheitenpolitik sollte diese Regierung kein Vorbild für Deutsch­land sein!

* Der Artikel erschien in leicht gekürzter Form im Onlinemagazin MIGAZIN .

Leon Wystrychowski, studiert Islam­wis­senschaften und Ge­schich­­te in Bo­chum, schreibt u. a. für das MIGAZIN und Dis:orient und ist Redakteur der Fachzeitschrift JUSUR..

 

 

BUCHTIPP

 

Aladin El-Mafaalani, „DAS INTEGRATIONS-PARADOX. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“.

Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, 4. Auflage 2018, 240 Seiten, Euro 15,50.

 

Die Integration der Nicht-Alteingesessenen in unsere Gesellschaft hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Sollte es dann nicht mit der Zeit weniger Probleme mit den Zugezogenen geben? Oder ent­stehen die Probleme nur, weil weitere nachkommen?

 

Nein, sagt El-Mafaalani, es liegt daran, dass die Menschen mit internationaler Geschichte nicht mehr so wie ihre (angeworbenen) Großeltern an­spruchs­los am Boden rund um die Gesellschaft am Tisch sitzen, sondern sich auch an den Tisch zu setzen beginnen, sie wollen einen schönen Platz und ein Stück vom Kuchen. Die 3. Generation will sogar mitbestellen, über das Rezept des Kuchens mitreden und -entscheiden. Es kommt zu einer Inflation der Erwartungen, durch welche die realen Verbesserungen nichts mehr wert sind.

 

Und zusätzlich gibt es ständig eine neue 1. Generation (nun nicht mehr angeworben), 2. und 3. Generation, alles verläuft parallel, auch das erhöht das Konfliktpotential.

 

Durch die Migration kommt es zu grundlegenden Veränderungen in den westeuropäischen Großstädten (Nutzung des öffentlichen Raumes, Ess­gewohnheiten, Sprachgebrauch, wie gefeiert wird, Be­deu­tung des Religiösen), aber Migranten selbst treiben Wandel nicht aktiv voran, sie wün­schen sich eher eine „klarere Orientierung in ihrem neuen Land.“ (63) Erste Begegnungen mit Einheimischen sind in Deutschland (Mah: oder in Österreich) oft irritierend im Unterschied zu multikulturellen Teilen der USA, wo den meisten Menschen die Einwanderungsgeschichte sehr bewusst ist. Dort ent­wickelte sich eine „benutzerfreundliche Oberfläche“ (von uns oft als Oberflächlichkeit missverstanden), jede oder je­der, mit der oder dem man es zu tun hat, kann Amerikaner, Migrant oder Tourist sein. Danach, warum jemand wie spricht, wird nicht gleich nach­gefragt, Auskünfte und Erklärungen werden selbst-verständlich gegeben usw.

 

Integration ist eine allgemeine Herausforderung, die auch abgehängte und resignierte Milieus betrifft, Menschen, die auf Grund ihrer Diversität be­hindert werden (sic!), Arbeitslose und nicht zuletzt die vollständige Teilhabe von Frauen. „Gelungene Integration führt zu einer He­te­ro­ge­ni­sie­rung … der Gesellschaft, zu mehr Dissonanz und Neuaushandlungen.“ (79)

 

Auch Rassismus kann sich verstärken, weil Integration gelingt. Was in den Menschen geschieht, wenn sie auf Fremdes treffen, wurde an­thro­po­lo­gisch intensiv beforscht: Anspannung – Vorsicht – Neu­gier. Das Erkennen der Differenz ist normal, die Deutung der Differenz als Minder­wer­tig­keit ist Rassismus. Diese Deutung ist nicht angeboren, sondern wird in Kindheit und Jugend erlernt. Um dem entgegenzuwirken, „müssen ge­samtgesellschaftlich massive Unsicherheiten und das Gefühl des Kontrollverlustes vermieden werden.“ (97)

 

Desto mehr Teilhabechancen bei den Neo-Bürgern gesehen werden, desto mehr rassistische Vorurteile können bei den Alteingesessenen ent­ste­hen. Und die Neo-Bürger, die mit am Tisch sitzen, er­war­ten viel mehr und manches auch viel schneller als erfüllbar, sie fühlen sich dadurch dis­kriminiert, anders als die, die noch am Boden sitzen.

 

Der Islam in der offenen Gesellschaft

 

Der Bedeutungsverlust der Religionen in den westeuropäischen Ländern ist keine globale Erscheinung. Für viele der Migranten gehört Religion zu dem, was sie aus der alten Heimat mitnehmen, das ist auch eine emotionale Beziehung. (Anm. Mah: Bei meinen Aufenthalten in Frankreich wur­de mir das Mitfeiern des Sonntagsgottesdienstes plötzlich wieder wichtig.)

 

Muslime sehen den Islam als letzte der abrahamitischen Religionen, was gewisse Vorstellung von Erfüllung und Vollendung implizieren kann. Und genau dann wird vieles in der Realität als be­son­ders bedrückend empfunden. Manche Muslime sehen als Ursache dafür, dass ihre Religion zu wenig praktiziert wird. Die Einheit und Dominanz des Islams wird sowohl von Islamgegnern als auch von Fundamentalisten behauptet.

 

(Anm. Mah: Oft wird in diesem Zusammenhang gefragt, warum es im Islam nicht die Phase der Aufklärung gab, mit welcher in Europa die Ablösung des Christentums von der politischen Macht ein­setz­te. Zwei Hinweise dazu aus dem sehr erhellenden Buch von Christoph de Bellaigue – Die islamische Aufklärung, S. Fischer Verlag 2018: 1. Im Islam fehlt die Hierarchie als anzusprechende, manch­mal mitwirkende Institution. 2. Der Kolonialismus hat nachweisbare Beiträge zur Erstickung der Aufklärungsansätze geleistet.)

 

El-Mafaalani sieht auch eine besondere Bedeutung der Frage „Gehört der Islam zu Deutschland?“/Österreich? – Abgesehen von Dis­kus­sions­bei­trägen oder Antworten dazu: Diese Frage hätte vor 20 Jah­ren noch niemand gestellt. Und wenn sich Muslime an einem „Nein“ als Antwort stoßen, drückt dies ein enormes Gefühl der Zugehörigkeit aus.

 

Kon­flikte bringen eine Gesellschaft voran

 

Eigentlich alles, was Qualität unserer Gesellschaften ausmacht, ist das Ergebnis von Konflikten (Sozialstaat, Teilhabe von Frauen, Ermög­li­chung von unterschiedlicher geschlechtlicher Ausrichtung, Men­schenrechte) und ihrer konstruktiven Bewältigung.

 

Wichtig ist es, den Zusammenhang zwischen Einwanderung und Weiterentwicklungen zu sehen. „Einwanderungsgesellschaften“ sind ähnlich kom­plex wie die Welt: „Sie haben schon alle Kompe­ten­zen der Welt innerhalb ihrer eigenen Gesellschaft, sie kennen schon alle Probleme und Kon­flikte, alle Denk- und Handlungsmuster, die es gibt. Das ist nicht gemütlich, aber es macht enorm hand­lungs­fähig und robust.“ (160) Diese Ge­sellschaften müssen sich regelmäßig fragen, was sie bewahren wollen, was den Fortschritt aufhält, welche Werte überdacht werden müssen. Während der Flucht­be­wegungen der letzten fünf Jahre gab es Fortschritte hinsichtlich der Gleichstellung von Mann und Frau und CSU-Politiker an­erkannten die Werte, die in gleichgeschlechtlichen Partner­schaf­ten gelebt werden. Vielleicht ist in Deutschland auch eine kritischere Sicht von Waffenexporten und Zöllen als Ursache von Fluchtbewegungen dazugekommen.

 

Die Schlussfolgerung: Es sind nicht die Konflikte, welche die große Herausforderung darstellen, sondern der Umgang mit ihnen.

 

Zum Autor:

 

Aladin El-Mafaalani, 1978 im Ruhrgebiet geboren. Er studierte in Bochum Politikwissenschaft, Soziologie, Wirtschaftswissenschaft und Ar­beits­­wissenschaft. Zu­nächst war er Lehrer an einem Be­rufs­kolleg, dann Professor für Politikwissenschaft und politische Soziologie an der Fach­hochschule Münster und später Abteilungsleiter im nordrheinisch-westfälischen Ministerium für Kinder, Fa­mi­lie, Flüchtlinge und Inte­gra­tion.

 

Seit Juli 2019 ist El-Mafaalani Inhaber des Lehrstuhls für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Universität Osnabrück.

 

Ich wurde durch eine Rezension in der „Wiener Zeitung“ Ende 2019 auf das „Integrationsparadox“ aufmerksam. Beim Erscheinen in Deutsch­land 2018 wurde über das Buch heftig diskutiert. Wenn dies sicher auch berechtigt, enthält es nach meiner Meinung doch interessante Aspekte.

 

Im Februar 2020 erschien ebenfalls bei Kiepenheuer & Witsch El-Mafaalanis jüngstes Werk „Mythos Bildung“, in welchem er darauf hinweist, dass durch die Investitionen im Bildungsbereich derzeit Ungleichheiten eher verschärft als abgebaut werden. „Die Schule ist traditionell an den Kindern der Mittelschicht ausgerichtet … sie setzt Dinge voraus, die in ihr auch gelernt werden könnten oder soll­ten.“ (S. 163f.)

 

Margareta Mahidi (Soziologin, pensionierte Beamtin der Statistik Austria und AKC-Vorstandsmitglied)