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aus:

 

KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 396/397                                    März/April 2016

 

 

 

FLÜCHTLINGE: KIRCHLICHE STIMMEN AUS ÖSTERREICH

 

Erklärung des Vorstands des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich:

„Eine humane Lösung des Flüchtlingsproblems ist nur möglich, wenn in Europa das Prinzip der Solidarität in den Mittelpunkt gestellt wird“: Dies betonte der Vorstand des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ)  in einer gemeinsamen Erklärung. Wörtlich heißt es in der Erklärung: „Es geht nicht an, die EU-Mitgliedsländer  im Süden, vor allem Griechenland und Italien, mit der Belastung allein zu lassen. Das Projekt Europa steht und fällt damit, dass die Probleme im Miteinander aller Betroffenen gelöst werden, Sonderwege einzelner Staaten oder Staatengruppen führen in die Irre“.

 Zugleich ruft der ÖRKÖ-Vorstand das Wort von Papst Franziskus in Erinnerung, dass nicht Zäune, sondern Brücken gebaut werden sollen: „Die Christen sind sich der Tatsache bewusst, dass der Zustrom der Flüchtlinge nach Europa viele Probleme mit sich bringt. Wenn man sich aber nur darauf konzentriert, diesen Zustrom unter Einsatz aller Mittel einzuengen, ist das nicht zielführend. Wir brauchen Lösungen, die an die Wurzel gehen und die menschliche Würde aller Beteiligten wahren“.

www.oekumene.at, 24. 2. 2016

 

Stellungnahme des griechisch-orientalischen Metropoliten Arsenios von Austria

Metropolit Arsenios mahnt Europas Politiker zu mehr Solidarität in der Bewältigung der Flüchtlingsbewegungen und wirbt um Verständnis für die Lage in Griechenland. „Es geht darum, Menschen zu retten. Es geht aber längst auch darum, Europa zu retten“ so der Metropolit in einer aktuellen Stellungnahme. Er habe großes Verständnis für die Suche nach Lösungen, um die Flüchtlingszahlen pro Land zu verringern. Griechenland mit den hohen Flüchtlingszahlen alleine zu lassen, sei jedoch ein „unfairer Akt und keine Lösung“, so Metropolit Arsenios, der zugleich vor einer schweren humanitäre Krise in Griechenland warnt.

Die Europäische Union und die Nationalstaaten stünden in diesen Tagen vor einer „Schicksalsentscheidung“: „Werden Humanität, Solidarität und Wille zur Gemeinschaft die Oberhand behalten – oder lässt man es zu, dass sich die Kräfte des Egoismus und Nationalismus durchsetzen?“, fragt Metropolit Arsenios. Die viel beschworenen „europäischen Werte“ und „christlichen Wurzeln“ des Kontinents müssten sich nun bewähren. Die Länder müssten sich gemeinsam um Lösungen bemühen.

In Griechenland wie in Österreich und anderen europäischen Ländern leisteten viele Menschen bis an den Rand ihres Leistungsvermögens einen „selbstlosen Einsatz“ für Hilfe suchende Flüchtlinge, der ihm großen Respekt abverlange, betont der Metropolit. Es gebe in der Flüchtlingsfrage auch eine Überforderung von Staaten. „Aber das gilt eben auch für Griechenland –- ein Land, das derzeit eine ökonomische Krise von gewaltigem Ausmaß durchzustehen hat und mit enormer Arbeitslosigkeit und der Verarmung großer Teile der Bevölkerung konfrontiert ist“, erinnerte Metropolit Arsenios.

Dauerhafte Lösungen könnten nur gemeinsam und im Dialog miteinander gefunden werden, appellierte der Metropolit an die Politik. Kein Verständnis hat er für Forderungen, wonach Griechenland seine Grenze besser sichern müsse: „Es muss doch einleuchten, dass ein Küstenstaat mit vielen Inseln seine Grenzen nicht so sichern kann wie ein Binnenstaat.“ Und noch einmal: „Es geht um Menschen, die auf der Flucht sind. Die Freude über jedes einzelne gerettete Menschenleben sollte über allem anderen stehen.“

Die europäischen Regierungen dürften sich nicht auseinanderdividieren lassen, sondern sollten umso entschiedener das Gespräch suchen und gemeinsam Lösungen entwickeln. Ausdrücklich nimmt Metropolit Arsenios dabei auch jene Länder in die Pflicht, „die in der Krise bisher abseits standen“. Letztere müssten kurzfristige Interessen zurückzustellen und sich solidarisch zeigen. Österreichs Politiker wiederum bittet der Metropolit, Griechenland mit Verständnis zu begegnen, mit den Griechen zu sprechen und gemeinsam eine Lösung zu suchen, „wie es sich für Partner gehört.“

www.metropolisvonaustria.at  26. 2. 16

 

Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich

„Die derzeitige Asylpolitik der meisten EU-Mitgliedstaaten, darunter Österreichs, ist die systematische Zerstörung eines gemeinsamen Europa. Sie geschieht unter dem höhnischen Beifall nationalistischer und rechtsextremer Kräfte, und dafür klopfen sich christdemokratische und sozialdemokratische Politiker auch noch selbst auf die Schulter“, kritisiert die Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ), Gerda Schaffelhofer.  „Die österreichische Regierung hat sich nun an die Spitze jener Länder gestellt, die die Balkanroute für Flüchtlinge mit Grenzzäunen dichtmachen und Griechenland mit abertausenden Flüchtlingen alleinlassen wollen; das ist  beschämend, unsolidarisch, unchristlich. Nationale Abschottung kann nie und nimmer die Antwort auf die derzeitigen Herausforderungen sein. Solche Versuche sind zum Scheitern verurteilt, mögen sie aus wahltaktischen Überlegungen und im neuen Schulterschluss zwischen den Koalitionsparteien noch so schöngeredet werden.“

„Wir wünschen uns eine Politik für die Menschen! Wenn Politiker bei so grundlegenden Fragen wie den Menschenrechten ihr Augenmerk primär auf das Abschneiden ihrer Partei bei den nächsten Wahlen richten, wenn ständig von der eigenen Überforderung die Rede ist und Appelle der EU ignoriert werden, dann wird es schwierig in einer EU, die laut ihren eigenen Verträgen eine Solidargemeinschaft aller sein sollte. Hinweise auf jene, die noch weniger in diese Solidargemeinschaft einbringen als wir, sind nicht mehr als ein Ablenkungsmanöver und führen nicht weiter“, betont die KAÖ-Präsidentin.

Kritik übt Schaffelhofer auch am Antwortschreiben von Justizminister Wolfgang Brandstetter an EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos. Der Justizminister stellt darin zwar fest, dass die derzeitigen Dublin-Regeln zu den Asylverfahren „unfertig und unbefriedigend“ wären, weil sie die Bürden einigen wenigen Ländern – Griechenland, Italien und Malta – auferlegten. „Gleichzeitig zieht Brandstetter genau diese Regeln als juristische Rechtfertigung dafür heran, dass Österreich die europäische Solidarität in der Flüchtlingspolitik aussetzt“, so Schaffelhofer. „Brandstetter bezeichnet sich selbst als überzeugten Europäer, und das nehme ich ihm auch ab. Umso irritierter lässt mich das Argument des Justizministers zurück, die Österreicher hätten 1995 nach der Flüchtlingswelle aus dem ehemaligen Jugoslawien für einen EU-Beitritt gestimmt, um im gesicherten Umfeld der EU nie wieder mit einem Flüchtlingsproblem konfrontiert zu werden.“

„Die EU ist doch kein Wellnesshotel, in dem einem alle Bürden abgenommen werden, sondern eine Solidargemeinschaft; und Solidarität kann auch anstrengend sein“, stellt die KAÖ-Präsidentin dazu fest. „Und wenn der Justizminister viel vom vorbildhaften Verhalten Österreichs schreibt, dann kann ich dazu nur festhalten: Vorbildhaft verhalten sich tausende Ehrenamtliche und Hilfseinrichtungen, die sich seit Monaten um Flüchtlinge kümmern. Das Vorbildhafte der jetzigen Regierungspolitik mit ihrer Konzeptlosigkeit und ihrem Zaudern erschließt sich mir nicht.“

„Besonders bedrückend an der jetzigen Form der Debatte ist für mich, dass so viel von untragbaren Lasten für die hiesige Bevölkerung die Rede ist. Ja, wir sind gefordert, aber noch lange nicht überfordert. Und vielleicht sollten wir auch einmal von den Lasten sprechen, die den Flüchtlingen aufgebürdet werden. Diese sind nämlich viel untragbarer, aber darüber redet kaum jemand“, unterstreicht Schaffelhofer.

Gänzlich abzulehnen ist nach Auffassung der KAÖ-Präsidenten, dass die Flüchtlingscausa immer häufiger unter dem Aspekt der Kriminalitätsbekämpfung thematisiert wird: „Natürlich muss gegen einzelne Kriminelle und Gewalttäter vorgegangen werden. Was aber derzeit passiert, ist eine generelle Umkehr des Opfer-Täter-Verhältnisses. Die Flüchtlinge werden nicht mehr als Opfer eines Krieges wahrgenommen, der auch durch hiesige Waffenlieferungen und fehlende Politik befeuert wurde und wird, sondern werden zunehmend zu Tätern stilisiert, die unsere Ruhe und Sicherheit stören. Das ist schlichtweg unerträglich. Flüchtlinge sind in ihrer großen Mehrheit keine Kriminellen, und offene Grenzen innerhalb Europas sind kein Hindernis in einem gemeinsamen Kampf gegen Kriminalität.“

„Leider hat sich in den vergangenen Wochen der Eindruck verstärkt, dass die derzeitige Flüchtlingskrise die vielleicht gefährlichste aller Krisen der EU ist. Das Prinzip der Solidargemeinschaft wird derzeit derart mit Füßen getreten, wie ich es bis vor kurzem noch nicht für möglich gehalten hätte. Ein Beleg dafür sind auch die jüngsten Zugeständnisse an Großbritannien. Es ist gespenstisch, mit welcher Freude auch hierzulande die Möglichkeit, ein Stück unsolidarischer mit Arbeitskräften aus Osteuropa und deren Familien zu sein, aufgenommen wird. Und die Freude von Menschen über brennende Asylheime zeigt, wie weit die Entsolidarisierung schon gediehen ist. Aus der Geschichte wissen wir, wie schnell eine solche Stimmung einen Massenbrand entfachen kann. Dies gilt es unter allen Umständen zu verhindern, wobei die Verantwortung für diese Entsolidarisierung nicht Brüssel trägt, sondern die Nationalstaaten. Ich appelliere dringend an die österreichische Regierung, diesen Weg nicht weiter zu gehen und nicht weiter zu unterstützen.“

www.kaoe.at, 24. 2. 2016

 

Aktueller Kommentar

POLITIK DER ÄNGSTE

Von Adalbert Krims

Die Flüchtlingskrise wird von der Mehrheit der europäischen Bevölkerung als größte Bedrohung der EU angesehen. Das ergab eine Umfrage in allen EU-Staaten und Beitrittskandidaten im Rahmen des sog. „Eurobarometers“. Demnach stufen 58 Prozent (in Deutschland sogar 76 Prozent; in Österreich 56 %) die Migrationsströme als größte Gefahr ein. An zweiter Stelle folgt der Terrorismus (27 Prozent). Arbeitslosigkeit (22 %), Klimawandel (6 %) und Umwelt (5 %) liegen weit dahinter.

Wenn man solche Umfrageergebnisse liest, versteht man das hektische Agieren der Regierungen besser, die meinen, dass man mit irgendwelchen Gesetzesverschärfungen oder „Sicherheitsmaßnahmen“ die Bevölkerung „beruhigen“ müsse und könne. Von sozialdemokratischen Regierungsmitgliedern kommt dann noch häufig das Argument, dass man dadurch auch den Rechtspopulisten das Wasser abgraben würde. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall: je mehr Forderungen der Rechtspopulisten von bürgerlichen sowie sozialdemokratischen Parteien übernommen werden, desto mehr stärkt das die Rechtspopulisten, weil ihnen durch die Verschärfungen nachträglich recht gegeben wird – und die Wähler dann eher zum Schmied als zum Schmiedl gehen (FPÖ-Chef HC Strache hat beispielsweise auf die Plakatkampagne des Innenministeriums, mit der Afghanen von einer Flucht nach Österreich abgebracht werden sollen, geantwortet: „Wir sind das Original, Rotschwarz die Kopie. Rot & Schwarz tun genau das, wofür sie die FPÖ verteufeln“). Ähnliche Prozesse sind auch in anderen EU-Ländern festzustellen, wie zuletzt auch das Wahlergebnis in der Slowakei zeigte (dort führte der sozialdemokratische MInisterpräsident Fico einen Anti-Flüchtlingswahlkampf, obwohl es in der Slowakei fast keine Flüchtlinge gibt. Er verlor 16 Prozentpunkte bzw. mehr als ein Drittel seines Wähleranteils und damit auch die absolute Mehrheit, aber Rechtsextreme – bis offene Faschisten – kamen ins Parlament).

Dem immer wieder vorgebrachten Argument, die Politik müsse die „Sorgen und Ängste der Menschen“ ernst nehmen, kann man kaum widersprechen. „Ernst nehmen“ ist allerdings etwas anderes, als sie zu verstärken und oder gar zu schüren! Eine verantwortliche Politik sollte versuchen, den Menschen Sorgen und Ängste zu nehmen bzw. jene Probleme zu lösen, die hinter diesen Sorgen und Ängsten stehen. Und dabei geht es wohl in erster Linie um soziale Probleme, für deren Nicht-Lösung Asylanten bzw. Ausländer als Sündenböcke herhalten müssen. Dass dieses Sündenbock-Syndrom immer noch gut funktioniert, zeigt die Tatsache, dass beim Eurobarometer fast dreimal so viele Menschen Angst vor Flüchtlingen als vor der Arbeitslosigkeit haben. Diese Angst wird auch täglich geschürt, z. B. durch erfundene oder einseitige Medienberichte über Straftaten von Flüchtlingen, wobei hier die „sozialen Medien“ den Boulevard noch übertrumpfen. Politiker der FPÖ (bzw. der AfD in Deutschland) sind führend bei der Erfindung und Verbreitung von Gerüchten beteiligt.

Die Absicht ist klar: Der Rechtspopulismus – unterstützt von Boulevardmedien – versucht, benachteiligte Gruppen gegeneinander auszuspielen und „Zuwanderern“ die Schuld am tatsächlichen oder befürchteten Sozialabbau bei „Einheimischen“ zuzuschieben. Dem müsste eine verantwortliche Politik entgegenwirken, indem sie sowohl den Sozialstaat sichert als auch das Asylrecht verteidigt. Natürlich erfordert beides finanzielle Ressourcen. Aber statt bei „unseren“ Armen zu kürzen (z. B. die Mindestsicherung), sollte das Geld in Form einer Solidaritätsabgabe auf Vermögen und/ oder Spitzeneinkommen aufgebracht werden. Denn nur wenn der soziale Zusammenhalt aufrechterhalten bleibt, werden auch die Probleme durch die Aufnahme und spätere Integration von Flüchtlingen bewältigt werden können. Die Flüchtlingsproblematik bekommt nämlich erst im Zusammenhang mit der gleichzeitig verfolgten Austeritätspolitik ihre soziale und politische Sprengkraft.

Leider scheint der Trend in Europa weiter in Richtung Einsparungen einerseits und Abschottung andererseits zu verlaufen. Das wird die Spaltung der Gesellschaften noch vertiefen und den Rechtspopulisten weiteren Zulauf bescheren. Die Antwort soll und kann aber nicht eine Rückkehr zum Nationalismus sein. Stattdessen müssen soziale Gerechtigkeit und Solidarität wieder auf die politische Tagesordnung gesetzt werden.

 

 

Herbert Berger:

NACHRUF AUF P. FERNANDO CARDENAL S. J.

Nicaragua stand durch den erfolgreichen Befreiungskampf der Sandinisten Ende der Siebzigerjahre im politischen Mittelpunkt aller, die ein Ende der imperialen Unterdrückung Lateinamerikas durch die USA herbeisehnten. Die Sandinistische Revolution, bedroht vom Imperialismus der USA, musste ums Überleben kämpfen und war für alle, die die weltweiten Befreiungsbewegungen mit großer Hoffnung verfolgten, ein leuchtendes Beispiel. In Nicaragua prallte für uns alle der Gegensatz zwischen einer sozialistischen Zukunft auf demokratischer Basis und der Fortsetzung der kapitalistischen und kolonialen Ausbeutung der Menschen zusammen. Die Solidarität mit Nicaragua stand daher im Zentrum unserer politischen Bemühungen Wir sahen im Überleben des revolutionären Nicaragua einen neuen Weg für eine bessere Zukunft der Unterdrückten.

Meine Arbeit im Dr.-Karl-Renner-Institut erlaubte mir nicht nur durch Bildungsveranstaltungen einen Beitrag zur Solidarität mit Nicaragua zu leisten, sondern auch durch gut vorbereitete organisierte Reisen nach Nicaragua mit Interessierten das Verständnis für und die Solidarität mit Nicaragua in Österreich zu stärken. Bei diesen Reisen in den Sommermonaten, wo wir auch immer ein anderes Land wie Kuba, Guatemala oder El Salvador besuchten, hatten wir ein dichtes Programm mit politischen, kulturellen und sozialen Kontakten. Ein ausführliches Gespräch mit dem Unterrichtsminister Fernando Cardenal war immer dabei und alle schätzten seine klaren und von einer großen inneren Überzeugung getragenen Aussagen. Er war nicht nur äußerlich ein eindrucksvoller Mann, sondern er strahlte seine Begeisterung und sein bedingungsloses Engagement für die Revolution so aus, wie ich es kaum jemals erlebte. Darüber hinaus hatte ich mehrmals Gelegenheit mit ihm längere, persönliche Gespräche zu führen.

Am 20. Februar 2016 ist Fernando Cardenal mit 82 Jahren gestorben. Er war der Sohn einer begüterten Familie in der Stadt Granada, sein imposantes Elternhaus hat sein älterer Bruder Ernesto Cardenal zu einem Kultur- und Bildungszentrum umgestaltet. Sein Vater und mehrere Geschwister waren oder sind Gegner der Sandinisten, aber die Mutter versammelte dennoch jeden Sonntag die ganze Familie in diesem Haus und die Politik hatte keinen Platz am Familientisch. Fernando schreibt in seinen Memoiren, dass seine wunderbare Mutter ihm und Ernesto voll vertraute. In diese Familie wurde er am 26. Jänner 1934 hineingeboren, er besuchte das Jesuitenkolleg in Granada, er wollte Priester und Jesuit werden. 1952, nach harten inneren Kämpfen machte er das Noviziat in El Salvador, dann folgten Studien der Philosophie und Theologie in Ecuador, Nicaragua und Guatemala. 1967 Priesterweihe in Mexiko, danach lebte er zwei Jahre als dritte Bewährungszeit in einem Kolleg inmitten eines Slum bei Medellin. Die hautnahe tägliche Begegnung mit dem großen Leid der Menschen prägte ihn nachdrücklich und bei seinem Weggang schwor er, immer im Dienste dieser Menschen leben zu wollen.

1970 kehrte er nach Managua zurück und wurde Vizerektor der von den Jesuiten geführten UCA (Universidad Centroamericana). Es gab einen Streik der Studenten, Fernando war mitten unter ihnen und sie drückten ihm das Mikrophon in die Hand. Die Forderungen der Studenten waren für ihn gerechtfertigt, aber sollte er gegen den Rektor, seinen Freund reden? Er entschied sich für die gerechten Forderungen und wurde sofort entlassen. Er arbeitete mit Jugendlichen in der „Bewegung der revolutionären Christen.“ 1973 Professor für Philosophie an der „Autonomen Universität Nicaraguas.“ 1976 Einladung durch den Kongress der USA zu einer Rede über Nicaragua. Er deckte schonungslos die Verbrechen der Diktatur des Präsidenten Somoza auf und kritisierte die Politik der USA gegenüber seinem Land. Zurück in Managua strafte ihn die Diktatur mit einem Ausreiseverbot. 1976 gründete er die Menschenrechtskommission Nicaraguas und nahm Kontakte zur Frente Sandinista de Liberación Nacional auf. Daniel Ortega ersuchte ihn 1977 nach Costa Rica zu gehen und zusammen mit anderen Intellektuellen die „Gruppe der Zwölf“ zu bilden. Wegen des Ausreiseverbotes musste er die Grenze illegal überqueren. Nach dem Sieg der Revolution am 19. Juli 1979 Rückkehr nach Nicaragua, schon im August wurde er zum nationalen Koordinator der Alphabetisierungskampagne ernannt.

Trotz des Fehlens von ausreichenden technischen und finanziellen Mitteln und trotz mangelhafter Kommunikations- und Verkehrsmittel wurde die Kampagne zu einem großartigen Erfolg, dank des ehrenamtlichen Engagement von 60.000 Studentinnen und Studenten und von mehreren Tausenden Lehrern, Professoren und Erziehern, die fast ein Jahr lang mit den Campesinos arbeiteten und lebten. Die Analphabetenrate ging von über 50 % auf 12 % zurück. Diese beispielslose nationale Alphabetisierungskampagne wurde schon 1981 von der UNESCO ausgezeichnet. Fernando Cardenal blieb auch danach Vizekoordinator der „Juventud Sandinista“ und wurde Mitglied der „Asamblea Sandinista“. Ab 1984 war er Unterrichtsminister in der Sandinistischen Regierung und konnte nun durch den Auf- und Ausbau des Schulsystems die Bildungsarbeit für alle Schichten der Bevölkerung vorantreiben.

Fernando Cardenal hatte nun eine zweifache Verpflichtung: Er war Priester und Jesuit und zugleich Minister einer revolutionären Regierung. Teofilo Cabestrero, der Herausgeber eines Buches über die drei Minister, die Priester waren, also über Ernesto und Fernando Cardenal und Miguel D'Escoto. („Ministros de Dios, Ministros del Pueblo“, Managua 1983 – auf deutsch: „Priester für Frieden und Revolution“, Peter-Hammer-Verlag, Wuppertal 1985) Cabestrero, fragte Fernando, ob er mit dieser doppelten Aufgabe nicht in Konflikte komme, mit der kirchlichen Hierarchie und auch mit seinem eigenen Gewissen. Fernando sagte, dass er von Seiten des Ordens immer volle Unterstützung fand und die Bischöfe vor seiner Zeit als Minister auch keine Kritik übten. In seinem Gewissen habe er völlige Klarheit, denn er sehe die sandinistische Bewegung und Revolution wie den Barmherzigen Samariter im Evangelium, der sich des beraubten, verwundeten Menschen annahm, wo hingegen der Priester und der Sakristan an ihm vorbeigingen. „Vom ersten Moment an wusste ich, dass meine Teilnahme an der Sandinistischen Front mir unmittelbar half, das Evangelium radikaler zu leben.“ (Memoiren Band II S.87) Er habe auch kein Problem, in zwei Gemeinschaften zu leben, mit den Jesuiten und mit den Sandinisten, „das Beispiel der Compañeros und Campañeras brachte mir wesentlich mehr als Exerzitien oder Einkehrtage.“ (Mem. II S.89) Er verstehe sich auch nicht als ein Priester, der diese Revolution segnen müsse: „Für uns und für jeden ehrlich und sachlich Denkenden legitimiert sich die Revolution durch sich selbst, sie braucht keinen Priester hereinholen, um sie zu segnen.“ (Mem. II S. 83) Nach Fernando Cardenal „hat diese Revolution ihren eigenen Charakter, da ist vor allem die Teilnahme von Christen, von vielen Christen. So ist das bei der Sandinistischen Jugend und auf allen strukturellen Ebenen. Viele gläubige Studenten sind in der Sandinistischen Jugend aktiv.“ (Mem. II S.93)

Das anfängliche Einverständnis der Bischöfe mit seiner politischen Tätigkeit war aber nicht von Dauer. Die Ursache war nicht in erster Linie das Ministeramt der drei Priester, sondern es war die ideologische Gegensätzlichkeit zwischen der Revolution und der Oberschicht, auf deren Seite die Bischöfe standen. Die Agrarreform und die Verstaatlichung vieler Betriebe waren der Grund, um den Sandinisten einen gottlosen Marxismus nach dem Muster Kubas vorzuwerfen. Um dagegen anzukämpfen, war der Oberschicht und den Bischöfen jedes Mittel recht. Die starke Präsenz von Christen in der Revolution war für sie nicht eine Garantie gegen eine antireligiöse Entwicklung der Revolution, sondern sie sahen im revolutionären Engagement der Christen eine Verschleierung dieser Gefahr und eine Irreführung der Gläubigen. Fernando hingegen meinte: „Ich möchte, dass niemand das trennt was Gott hier in Nicaragua vereint hat, für mich hat er mein Priestertum und meine sandinistische Volksrevolution vereint.“ (Mem. II S.96)

Die Bischöfe verlangten gemäß den Bestimmungen des Kirchenrechtes den Rücktritt der drei Priester von ihrem Ministeramt. Diese jedoch betonten, dass hier in Nicaragua erstmals eine Revolution nicht gegen die Christen, sondern in Gemeinschaft mit den Christen stattfindet. Der Generalobere des Jesuitenordens, Pedro Arrupe, verstand die Position der Priester und unterstützte sie. Da er schwer krank wurde, ernannte Papst Johannes Paul II. Paolo Dezza vorläufig zum Generaloberen, bis die Jesuiten Hans Peter Kolvenbach als Nachfolger wählen konnten. Unter Dezza wurde ein Kompromiss geschlossen: Fernando Cardenal konnte Minister bleiben, sollte aber als Gegenleistung darauf verzichten, die Sakramente zu spenden und die Messe zu feiern. Es fiel Fernando sehr schwer, diesen Verzicht zu leisten, aber er stimmte zu. Doch der Kompromiss hielt nicht lange, da sich die Beziehung zwischen der Regierung und den Bischöfen in Nicaragua ständig verschlechterte, obwohl die Regierung dreimal eine Mission nach Rom entsandte, um Konflikte aus dem Weg zu räumen. Kolvenbach sah sich gezwungen, Fernando Cardenal vor die harte Entscheidung zu stellen, entweder den Orden zu verlassen oder das Ministeramt aufzugeben. Nicaragua befand sich damals in einem verlustreichen Abwehrkampf gegen die von den USA finanzierten Konterrevolutionäre und die Wirtschaft litt unter den vom Norden verhängten Sanktionen. Das Regierungsamt zurückzulegen, wäre vom Volk als Fahnenflucht dieser beliebten Priester angesehen worden und Fernando schreibt in seinen Memoiren „ich konnte mir nicht vorstellen, dass Gott von mir verlangt meine Verpflichtung mit dem Volk aufzugeben.“ (M II/199) Kolvenbach verstand diese Haltung und musste dennoch nach dem Kirchenrecht handeln. Er war aber einverstanden, dass Fernando in der Gemeinschaft der Jesuiten weiter mit seinen Freunden zusammenleben kann. Das war 1984.

1990 war die zweite Parlamentswahl, die erste hatten 1984 die Sandinisten gewonnen. Auch jetzt waren alle davon überzeugt, dass die Sandinisten wieder gewinnen werden, doch es kam anders. Es siegte die Konservativen mit Violeta Chamorro an der Spitze. Hauptursache war wohl der schon lang andauernde Krieg mit den Contras, der vielen jungen Menschen das Leben kostete und viele hofften, dass durch einen Regierungswechsel die USA den Druck auf Nicaragua wegnehmen würden. Bis zur Übergabe der Regierung an Violeta Chamorro waren einige Monate Zeit. Fernando war überzeugt, dass die in dieser Zeit ungerechte Übernahme von Vermögenswerten durch sandinistische Funktionäre der Anfang der Korruption unter den Sandinisten war. Einige Jahre später sah er, dass durch das Beispiel der Führung die Korruption in breite Schichten der Frente Sandinista vorgedrungen sei. Zuerst dachte er, er werde die Partei nicht verlassen, sollten doch die Korrupten gehen, doch da das Fehlverhalten so weite Kreise zog und für ihn keine Hoffnung bestand, dass das geändert wird, schrieb er im Jänner 1995 einen offenen Brief an seine Sandinistischen Brüder um seinen Austritt zu veröffentlichen und zu begründen.

Fernando Cardenal gründete nach dem Ausscheiden vom Ministeramt mit einigen Freunden ein Institut zur Volksbildung und da meinten einige in seiner Umgebung, er könne doch nun um eine Wiederaufnahme in den Jesuitenorden ersuchen und angeblich wäre Kolvenbach dieser Idee zugänglich. Andere meinten, das wäre unmöglich, so etwas sei seit der Gründung des Ordens vor 460 Jahren nicht vorgekommen. Nach einem Gespräch mit Kolvenbach wurde dieser Traum wahr und Fernando begann 1996 neuerdings das Noviziat als erste Stufe zum Wiedereintritt. Erst 2004 konnte er die letzten Gelübde ablegen und war nun wieder Vollmitglied. 25 Jahre des Konfliktes mit der Kirche waren beendet. Er wurde zum Professor für Theologie auf der UCA ernannt und seiner Berufung zum Dienst an den Armen folgend machte er Sozial- und Pastoralarbeit im nahen Barrio Edgar Munguía. Das Elend hatte wieder viele Menschen mit großer Intensität erfasst, es fehlte an ausreichender Ernährung, medizinischer Betreuung und Bildung, nicht zu reden von den elenden Slumhütten. Nach Studien waren nur 7 % der Bevölkerung Nicaraguas krankenversichert, nur sie bekamen die Medikamente gratis.

Es gibt in Nicaragua die mit den Jesuiten verbundene Initiative „Fe et alegria“ (Glaube und Freude), die sich in erster Linie für die Errichtung von Schulen in den Barrios kümmert. Der Provinzial machte 1999 Fernando zum Leiter dieses Werkes, das 60 Schulen führt. Fernando diente nun wieder im Bildungsbereich den Menschen, da die Bildung eine Voraussetzung für die Überwindung des Elendes ist. Er erlebte, dass dieser Dienst alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen miteinander stark verbindet und ihnen eine tiefe Freude gibt.

Fernando schließt seine Memoiren mit einem aus dem Gedächtnis zitierten Wort vom hinduistischen Dichter Rabindranat Tagore:

Ich schlief und träumte das Leben sei Freude,

ich wachte auf und sah, das Leben ist Dienst,

ich diente und sah, dass der Dienst Freude ist.

Dieser Beitrag ist auch in den „Nicaragua-Nachrichten“ erschienen. (Bezugsadresse: ARGE für Informationen über Nicaragua,  Hauptstraße 69, 3494 Brunn im Felde)

Dr. Herbert Berger, geb. 1933, Studium der katholischen Theologie in Wien, 1968 – 1973 Pastoral- und Sozialarbeit in Chile. Nach der unfreiwilligen Rückkehr nach Österreich Arbeit als Meinungsforscher bei IFES und in der SPÖ-Zentrale  Danach am Renner-Institut zuständig für Entwicklungspolitik. In den letzten Jahren vor der Pensionierung im Jahre 1998 Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Entwicklungszusammenarbeit. Ehrenamtlich langjähriger Präsident der Chile-Solidaritätsfront (ab 1973) sowie in der Nicaragua-Solidaritätsbewegung (seit 1980).

 

 

Balázs Németh

NÄCHSTENLIEBE IST WIE EIN BLAULICHTFAHRZEUG

Predigt

In jüngster Zeit ist vehement die Frage aufgetaucht: Wer ist tatsächlich mein Nächster / meine Nächste? Ist es wirklich so, dass Nächstenliebe keine „Fernstenliebe“ ist, weil wir auch auf „unsere Leute“ schauen müssen? Der Irritation bei der Beantwortung dieser Frage kann man leicht begegnen, indem man die Bibel zu Rate zieht

Im Frühgriechischen z. B. ist der Nächste der, der aus demselben Mutterschoß geboren wurde, d. h. Bruder oder Schwester. Auch in bestimmten Teilen des Alten Testamentes dominierte noch die Blutsverwandtschaft bei der Frage nach dem Nächsten. Diese Enge wurde allerdings an etlichen Stellen, besonders bei den Propheten, eindeutig durchbrochen, und die Nächstenliebe überschritt die Bereiche der Blutsverwandtschaft. Das Alte Testament, die Hebräische Bibel, dachte nämlich im wesentlichen nicht in Kategorien der Blutsverwandtschaft, sondern in denen der Adoption. Hinter dieser Vorstellung lag die Überzeugung, dass Gott durch seine Schöpfung die Menschen adoptierte und dadurch zum Vater aller Menschen wurde. In Gott ist unter den Menschen Einssein, Zusammengehörigkeit und Gemeinsamkeit schon gegeben, und damit ist der Mitmensch auch gleichzeitig der Nächste. Wenn wir das Vaterunser beten, so sprechen wir uns gleichzeitig für diese universelle Geschwisterlichkeit aus. Diese Offenheit wird konkretisiert im Mosaischen Gesetz, in dem der Fremde als Nächster bezeichnet wird, für den gleichermaßen die Nächstenliebe gilt (3. Mose 19:18,33 und 34). Als Begründung lesen wir, „denn auch ihr seid Fremdlinge gewesen in Ägyptenland“. Der Bezug auf die Befreiung aus der Sklavenschaft, die auch im Neuen Testament wiederkehrt, ist eine oft wiederholte Begründung für den erweiterten Begriff vom Nächsten.

In den Evangelien hat Jesus die Grenzen zum Nächsten noch stärker erweitert, indem er in der Bergpredigt sagte: „Liebet eure Feinde; segnet die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen“ (Matthäus 5,44). Ein durchgängiger roter Faden in Jesu Verkündigung war, dass er diesen Spruch nicht nur gepredigt, sondern ihn vorgelebt hat. Zum Beispiel durch das Gespräch mit der Samariterin am Jakobsbrunnen, durch die Hilfe für eine Syrophönizierin und durch seine Gemeinschaft mit den sogenannten Sündern, in denen viele damalige Fromme Feinde des wahren Glaubens sahen. Am eindrucksvollsten ist allerdings Jesu Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, der das Leben eines Israeliten, Erzfeind der Samariter (Lukas 10, 30-37), gerettet hat.

Auch Paulus hat ganz im Sinne Jesu den Begriff des Nächsten ausgedehnt. Seine Überlegung war, dass die Erlösungstat Jesu alle Menschen betroffen und damit Gemeinsamkeit, Zusammengehörigkeit und das Einssein unter ihnen bewirkt hat. Nicht unsere Übereinstimmung bewirkt dieses Einssein, sondern wir sind eins in Christus aufgrund seiner grenzenlosen Liebe, schreibt Paulus sinngemäß im Galaterbrief (Galater 3: 28). Dieses Einssein ist der Kern des Menschseins, aber auch des Mitmenschseins. Wenn die Blicke der Menschen nur an der Oberfläche hängen bleiben, so sehen sie nicht diesen Kern, sondern nur die Unterschiede. Darum meinte Calvin: „....dass unter dem Nächsten auch jeder ganz fremde Mensch zu verstehen ist..., denn wir sollen die Menschen nicht an und für sich selbst, sondern in Gott ansehen“. Ähnlich formulierte Dietrich Bonhoeffer in seinem berühmten Gedicht: „Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not, sättigt den Leib und die Seele mit seinem Brot, stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod, und vergibt ihnen beiden“.

Allein die akute Not ist ausschlaggebend für die Nächstenliebe – so lautet die Botschaft Jesu. Man könnte auch den Vergleich mit einem Blaulichtfahrzeug wagen, das bei einem Notfall absoluten Vorrang hat vor allen anderen Fahrzeugen. Als Zeitgenossen Jesus vorwarfen, dass er sich zu viel mit den Sündern und zu wenig mit den treuen Gläubigen befasse, gab er ihnen zur Antwort: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“ (Lukas 5, 31). Diese „Einseitigkeit“ beschreibt punktgenau die biblische Gerechtigkeit, die besagt: Nicht jedem ist die gleiche Portion zuzuteilen, sondern den Schwachen, unabhängig von Ferne oder Nähe und Sympathie, ist ein Mehr an Zuwendung zu gewähren. Es ist der Andere – der Nächste in seiner Not –, von dem her Menschlichkeit zu verstehen ist.

Jesus hat sich stets in die Lage der Menschen versetzt, und seine Liebe war keine von oben herab gewährte Charity. Jesus hat mit den Mühseligen und Beladenen zusammengelebt, mit ihnen gefühlt und mit ihnen gelitten. Das ist mit seiner 'Erniedrigung' gemeint. Wer sich nicht zum Nächsten, d. h. zum Mitmenschen macht, kann auch nicht „für Andere da sein“, wie Dietrich Bonhoeffer summarisch den Lebensweg von Christen skizzierte.

Nächstenliebe wird in der Bibel lebendig auf zweierlei Art und Weise. Die eine ist die persönliche direkte Zuwendung, Hilfe und Unterstützung. Die andere, die oft vergessen oder sogar geleugnet wird, ist die indirekte Form der Nächstenliebe. Durch sie sollten dabei die wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse so verändert werden, dass Menschen unter humanen und gerechten Bedingungen leben können. Jesus hat auf der einen Seite Menschen direkt geholfen, er hat Kranke geheilt, Verzagte getröstet, Hungernde gesättigt, Mühselige und Beladene aufgerichtet. Aber auf der anderen Seite ist er für die Veränderung von solchen Gesetzen eingetreten, die die Schwachen und Kleinen knebelten. Martin Luther King sagte einmal, dass es nicht genüge, die von den Räubern Überfallenen zwischen Jerusalem und Jericho zu verarzten, sondern man müsse die Straße zwischen den beiden Städten sicher machen. Diese Bemerkung hat auch heute ihre Gültigkeit nicht verloren.

Der größte Feind der biblischen Nächstenliebe ist der Eigennutz. Von dem großen Naturphilosophen Rousseau stammt der Satz: „Wer den ersten Zaunpfahl in die Erde rammte und dazu sagte: dieses Land ist mein, war eigentlich der Begründer der bürgerlichen Gesellschaft“. Das führte in der Folge zum Schutz des Eigenen vor dem des Anderen und damit auch zur Entfremdung vom Nächsten. Damit hat Eigennutz den Vorrang errungen vor der Nächstenliebe, und er eroberte auch die Bereiche der modernen Welt, die – nach den Worten des Schweizer Soziologen und früheren UNO-Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, – eine „kannibalische Weltordnung“ ist. Calvin bezeichnete zu Recht die Eigenliebe als „schädliche Pestilenz“. Auf diesem Boden ist die eigennützige Lebensphilosophie entstanden „Uns ist das Hemd näher als der Rock“. Eigenliebe von heute verwandelt sich allerdings morgen in Angst und Vorurteile, übermorgen in Einigelung und in eine Wagenburgmentalität und dann in Gewalt! Die Schwelle zur Zukunft kann aber nur eine offene Nächstenliebe sein als Besinnung darauf, dass Christus uns frei gemacht hat.

Dr. Balázs Németh, geb. 1931 in Budapest, kam 1956 nach Österreich. Von 1964 bis zu seiner Pensionierung 1998 war Németh Pfarrer der evangelisch-reformierten Gemeinde Wien-West. Er ist ständiger “KC-Autor.