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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 394/395                           Jänner/Februar 2016

 

 

 

OLOF-PALME-PREIS AN MITRI RAHEB UND GIDEON LEVY

Der Olof-Palme-Preis 2015 wird an den palästinensische evangelische Pfarrer Dr. Mitri Raheb und den israelischen Journalisten Gideon Levy verliehen, für ihren mutigen und unermüdlichen Kampf gegen Besatzung und Gewalt und für einen künftigen Mittleren Osten, der durch die friedliche Koexistenz und Gleichheit für alle charakterisiert ist. Durch ihre Arbeit sind beide ein Hoffnungsstrahl in einen Konflikt, der Millionen Menschen quält und weiterhin quälen wird und den Weltfrieden gefährdet.

Mitri Raheb sendet als Prediger und Pfarrer in der Lutherischen Kirche eine klare Botschaft an die junge Generation von Palästinensern: „Wir wollen, dass ihr lebt und nicht sterbt für Palästina“. In einer Stadt Bethlehem, die an drei Seiten durch die Mauern der israelischen Besatzungsmacht eingeschlossen ist, hat es Raheb durch die Gründung des Dar-al-Kalima Universitätskollegs für Kunst und Kultur und seine innovative künstlerische Ausbildung für Film, Kunst und Drama für junge Menschen möglich gemacht, ihre palästinensische Identität zu erforschen, Schönheit zu erfahren und in eine Kultur des Lebens als Werkzeuge eines kreativen Widerstands gegen eine würgende Gefangenschaft und für die Bildung der Nation zu investieren.

Gideon Levy, Kolumnist der israelischen Tageszeitung „Haaretz“, arbeitet für Frieden und Versöhnung durch die leidenschaftliche Suche nach der Wahrheit und einen furchtlosen Glauben an den Sieg der Vernunft in einer Region, die heimgesucht ist von Vorurteil und Gewalt, Propaganda und Fehlinformation. Mit Eltern, die gezwungen waren, aus der von den Nazis besetzten Tschechoslowakei zu emigrieren, und als wahrer Patriot hat er die Versöhnung mit dem palästinensischen Volk zur Mission seines Lebens gemacht.

Der Olof-Palme-Preis wird seit 1987 im Gedenken an den am 28. Februar 1986 ermordeten schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme vom „Olof-Palme-Gedächtnisfonds für internationale Verständigung und gemeinsame Sicherheit in Stockholm“ vergeben und ist mit 75.000 US-Dollar dotiert. Die Preisverleihung an Raheb und Levy findet am 29. Jänner 2016 statt.

Internet: http://www.palmefonden.se/

 

REVOLUTION ALS CHRISTENPFLICHT

Zum 50. Todestag von Camilo Torres

Von Adalbert Krims

Am 15. Februar 1966 fiel der kolumbianische Soziologe, Priester und Revolutionär Camilo Torres im Guerillakampf. Zum 10. Todestag, am 15. 2. 1976, veranstaltete die Aktion Kritisches Christentum einen Gedenkabend mit Texten von Camilo Torres und lateinamerikanischer Musik im Wiener Künstlerhaus. Es war damals die erste größere öffentliche Veranstaltung der AKC in Wien. Zugleich brachten wir eine Broschüre mit den Torres-Texten heraus („Camilo Torres – Priester und Revolutionär“, Wien 1976, 25 Seiten).

„An erster Stelle steht im Katholizismus die Liebe zum Nächsten… Wenn diese Liebe echt sein soll, so muss sie auch versuchen, wirksam zu sein. Wenn Wohltätigkeit, Almosen, einige kostenlose Schulen, einige Wohnungsprojekte, kurz das, was man Caritas nennt, nicht genügen, um die Mehrheit der Hungrigen zu speisen, die Mehrheit der Nackten zu bekleiden, die Mehrheit der Unwissenden zu unterweisen, dann müssen wir nach wirksameren Mitteln suchen.

Die privilegierten Minderheiten, die über die Macht verfügen, werden nicht nach solchen Mitteln suchen, denn dann müssten sie ihre Privilegien aufgeben… Wir müssen also den privilegierten Minderheiten die Macht nehmen und sie den Massen der Armen geben. Dass das so schnell wie möglich geschieht, ist das Hauptziel einer Revolution. Die Revolution kann friedlich vor sich gehen, wenn die Minderheiten keinen gewaltsamen Widerstand zu leisten.

Die Revolution ist also die Form, zu einer Regierung zu kommen, die die Hungrigen speist, die Nackten bekleidet, die Unwissenden unterweist, die also die Werke der Caritas, der Nächstenliebe nicht nur gelegentlich und vorübergehend, nicht nur an einigen wenigen, sondern an der Mehrheit unserer Nächsten erfüllt. Daher ist die Revolution für die Christen, die in ihr die einzige wirksame und umfassende Möglichkeit sehen, die Liebe zu allen Menschen zu verwirklichen, nicht nur erlaubt, sondern sie ist seine Pflicht.“

Das sind einige Schlüsselsätze des „Aufrufs an die Christen“, den Camilo Torres am 26. August 1965 in der von ihm redigierten Zeitung „Frente Unido“ veröffentlichte und in dem er seine Motivation als Christ und Priester, sich der Revolution in Kolumbien anzuschließen zusammenfasste.

Jorge Camilo Torres Restrepo wurde am 3. Februar 1929 als Sohn wohlhabender Eltern geboren, verbrachte schon vor Schuleintritt drei Jahre in Spanien und Belgien, besuchte dann in Bogotá die deutsche Volksschule und maturierte schließlich an einem Elite-Gymnasium der kolumbianischen Hauptstadt. Es folgten Theologiestudium und Priesterweihe. Von 1954 bis 1959 studierte Camilo Torres Soziologie in Löwen. 1960 kehrte er nach Kolumbien zurück, wo er als Dozent und Studentenseelsorger an der Nationaluniversität arbeitete. Er setzte seine bereits in Löwen begonnenen soziologischen Studien über die soziale Wirklichkeit in Kolumbien fort, wobei er sich insbesondere mit der Universitätsausbildung sowie der Agrarreform befasste. Die von ihm entwickelten Reformvorschläge waren nicht nur technischer Natur, sondern er sah sie auch als praktische Umsetzung der christlichen Soziallehre.

1962 protestierte Torres gemeinsam mit 200 anderen Professoren gegen die Relegierung von 10 kommunistischen Studenten durch den Rektor der Nationaluniversität. Es kam zu einem Studentenstreik, bei dem Torres vermitteln wollte und von den Studenten sogar als Rektor vorgeschlagen wurde. In dieser Situation griff Kardinal Concha ein und berief Torres von der Universität ab, damit die Kirche nicht in den Konflikt hineingezogen würde. Torres leistete Gehorsam. Gegenüber einer katholischen Zeitung erklärte er u. a.: „Trotz der Frustrationen, die die Unterwerfung unter den Willen einer anderen Person mit sich bringt, besonders wenn man anders urteilt, liegt doch ein großer Friede und eine große Ruhe in dem Wissen, dass man damit am Aufbau des Gottesreiches im Glauben und im Gehorsam mitarbeitet.“ Kardinal Concha betraute Torres mit der Leitung der Hochschule für Verwaltung und entsandte ihn als Vertreter der Kirche in das Kolumbianische Institut für Agrarreform.

Da Torres keine abstrakte Wissenschaft betrieb, sondern die konkrete Situation in Kolumbien analysierte, kam er immer mehr zu der Überzeugung, dass die von ihm angestrebten Sozialreformen angesichts der bestehenden Machtverhältnisse undurchführbar waren. In einer im Juni 1964 verfassten Studie schrieb er, dass Kolumbien aus einer oberen Klasse von rund 15 Prozent der Bevölkerung sowie einer unteren von 85 Prozent bestehe. Diese beiden Klassen entwickelten sich immer weiter auseinander, ein Dialog werde zunehmend unmöglich. Allerdings sei die untere Klasse durch einen Fatalismus geprägt, dessen Überwindung eine Voraussetzung für einen gesellschaftlichen Wandel sei. Erst wenn sich die Bevölkerungsmehrheit als pressure group organisiere, sei eine Demokratie möglich. In diesem Zusammenhang entwickelte Torres das Konzept der „Einheitsfront“, in der die verschiedenen, nicht mit dem System kompromittierten Gruppen sowie Unorganisierte zusammenarbeiten.

Seine soziologischen Analysen einerseits sowie seine christliche Überzeugung andererseits führten Camilo Torres immer mehr zum direkten politischen Engagement. Er begann mit der Vorbereitung eines Programms für die „Einheitsfront“ und führte Gespräche mit Vertretern linker Parteien, Gewerkschaften und anderer gesellschaftlicher Organisationen. Torres reiste durchs Land und nahm an diversen Meetings teil. Dabei wurde eine Rohfassung der Plattform auch vorzeitig öffentlich bekannt, und zwar am 12. März 1965 in Medellín. Unmittelbar darauf begannen die Intrigen, um Camilo Torres von der Hochschule für öffentliche Verwaltung zu entfernen. Von kirchlicher Seite wurde ihm nahegelegt, entweder nach Europa zu gehen, um in Löwen das Doktorat für Soziologie zu erlangen, oder eine Tätigkeit im Pastoralinstitut des Erzbistums Bogotá anzunehmen. Aufgrund des Drucks der Kirche und des Direktoriums der Hochschule entschied sich Torres für die Demission. Außerdem schrieb er schon am 20. März einen Brief an den Kardinal, in dem er um die Rückversetzung in den Laienstand ansuchte. Allerdings schickte er den Brief dann nicht ab, sondern wartete noch einige Monate ab.

Am 22. Mai legte Torres den endgültigen Text der „Plattform für die Volkseinheitsfront“ der Öffentlichkeit vor. Sie umfasste 10 Kapitel: 1. Agrarreform; 2. Stadtreform; 3. Planung; 4. Steuerpolitik; 5. Verstaatlichungen; 6. Internationale Beziehungen; 7. Sozialversicherung und Gesundheitswesen; 8. Familienpolitik; 9. Streitkräfte; 10. Rechte der Frau. Das Programm trug eindeutig sozialistische Züge und stieß daher auf totale Ablehnung bei der Oligarchie, der kirchlichen Hierarchie, den höheren Rängen der Militärs, aber auch bei den großen Medien. Bei den „einfachen Menschen“ stieß die „Plattform“ zwar auf breite Zustimmung, doch fand das kaum Niederschlag in einer organisierten Bewegung.

Kardinal Concha erklärte am 25. Mai öffentlich, dass in der von Torres vorgelegten „Plattform für die politisch-soziale Aktion... mit der Lehre der Kirche unvereinbare Punkte enthalten“ seien. Auf die Rückfrage, welche Punkte „im Gegensatz zur Lehre der katholischen Kirche“ stünden, ging der Kardinal nicht näher ein, sondern wiederholte nur den Vorwurf, Torres habe sich „wissentlich von diesen Lehren entfernt“. Konkret nannte der Kardinal aber nur die „Pontifikaldirektiven“, die „es dem Geistlichen verbieten, sich politisch zu betätigen“. Am 18. Juni veröffentlichte Concha eine Erklärung an alle Gläubigen: „Der Erzbischof von Bogotá hält es für seine Gewissenspflicht, den katholischen Gläubigen zu sagen, dass Pater Camilo Torres sich bewusst von den Lehren und Direktiven der katholischen Kirche abgewandt hat… Die Tätigkeit von Pater Camilo Torres ist mit seiner Stellung als Priester und mit dem Priestergewand, das er trägt, unvereinbar. Möglicherweise werden einige Katholiken durch diese beiden Umstände dazu veranlasst, den irrigen und schädlichen Lehren zu folgen, die Pater Torres in seinen Programmen vorbringt.“

Für Torres war nun endgültig der Zeitpunkt gekommen, seinen kirchlichen Vorgesetzten den Gehorsam zu verweigern und offiziell um die Rückversetzung in den Laienstand zu ersuchen. In einer öffentlichen Erklärung vom 24. Juni betonte er u. a.: „In der augenblicklichen Struktur der Kirche wurde es mir unmöglich gemacht, das Priesteramt weiter auszuführen, was den äußeren Kult betrifft. Jedoch besteht das christliche Priesteramt nicht nur in der Feier äußerlicher Riten. Die Messe, die das letzte Ziel der priesterlichen Handlung ist, ist eine grundlegend gemeinschaftliche Tat. Man kann nicht in gebührender Art das Opfer bringen, wenn man vorher nicht effektiv den Vorsatz der Nächstenliebe ausgeführt hat... Ich glaube, dass die Revolution ein christlicher und priesterlicher Kampf ist. Bei den konkreten Verhältnissen unseres Landes kann man nur durch sie die Nächstenliebe verwirklichen.“

Für Camilo Torres war es von Anfang an wichtig, dass die Einheitsfront auf das Ziel der Entmachtung der Oligarchie und die Machtübernahme durch die „untere Klasse“ ausgerichtet ist und Differenzen in anderen Bereichen ausgeklammert werden: „Die Menschen, die von entgegengesetzten religiösen, philosophischen und politischen Systemen ausgehen, haben sich mit der Tatsache abzufinden, dass sie für menschliche Ziele zusammenarbeiten müssen… Die Kooperation kann einzig und allein auf der Grundlage gemeinsamer Berührungspunkte ihre Erfüllung finden. Solche gemeinsamen Berührungspunkte sind in den Aktionsprogrammen enthalten.“ In diesem Zusammenhang übte Torres auch Kritik an sektiererischen Tendenzen innerhalb der Linken. Im Leitartikel von „Frente Unido“ im August 1965 schrieb er z. B: „Während die zwar in der Minderheit befindliche, aber allmächtige Klasse der Herrschenden zur Verteidigung ihrer Interessen zusammengeht, greifen sich die Führer der Linken untereinander an, rufen in den Volksmassen Verwirrung hervor und vertreten auf treueste Weise Standpunkte, die von Tradition, Sentimentalität, Spekulation und ideologischem Kolonialismus geprägt sind“.

Die Entwicklung der Volkseinheitsfront verlief im Sommer 1965 nicht so, wie sich Torres das vorgestellt hatte. Es gab weiterhin Sektierertum innerhalb der Linken, der von ihm erhoffte massive Zustrom „Unorganisierter“ hielt sich in Grenzen und auch die landesweite Ausdehnung der Organisationsstruktur stockte. Dazu kam, dass Torres und andere die Gegenstrategie der herrschenden Institutionen wahrscheinlich unterschätzt hatten. Diese reichte von direkter Repression bis hin zur Verbreitung negativer Gerüchte. Eine ideologische Hauptwaffe gegen die Einheitsfront im allgemeinen und gegen Camilo Torres im besonderen war der Antikommunismus, der in Kolumbien schon seit langem gegen jegliche Opposition eingesetzt wurde und in breiten Bevölkerungskreisen (gerade auch kirchlich geprägten) verankert war. Medien und Klerus behaupteten, Torres habe sich dem Kommunismus ausgeliefert und vertrete kommunistische Thesen.

Im September 1965 wurden die Risse innerhalb der Einheitsfront immer größer und es kam sogar zum Bruch mit der Christlich-Sozialdemokratischen Partei (vor allem wegen internationaler Fragen wie z. B. Kuba). Eine für Oktober geplante Massendemonstration scheiterte u. a. daran, dass die Pläne offenbar von Spitzeln an die Sicherheitskräfte weitergeleitet wurden und diese daher die Route blockierten. Auch andere Veranstaltungen der Einheitsfront wurden zunehmend entweder von der Polizei aufgelöst oder von Gegnern gestört, wobei Torres selbst einige Male tätlich angegriffen wurde.

Der innere Zerfall der Einheitsfront sowie die zunehmende staatliche Repression gegen die Bewegung, aber auch gegen ihn persönlich (so erfuhr er, dass er auf einer „schwarzen Liste“ des Geheimdienstes stand, also möglicherweise ermordet werden sollte) führten dazu, dass sich Camilo Torres Ende Oktober 1965 der Guerilla anschloss. Wie sein langjähriger Freund, Mitstreiter und spätere Biograph German Guzman schrieb: „Der Notwendigkeit einer wahren Revolution entsprechend und überzeugt davon, dass seine Arbeit in der Stadt beendet sei, entschloss er sich, den höchsten Beweis seiner völligen Hingabe zu erbringen: Er ging zu den Partisanen und zeigte damit, dass der bewaffnete Kampf das einzige wirksame Mittel sei, die Macht der Oligarchien zu brechen.“ (German Guzman, „Camilo Torres. Persönlichkeit und Entscheidung“, Berlin/DDR 1971, S 281).

Am 18. Oktober wurde Torres zum letzten Mal in Bogotá gesehen. Dann verschwand er und hinterließ seinen engsten Freunden nur eine kurze Nachricht, dass er „in die Berge gegangen“ sei. Er schloss sich der sog. Nationalen Befreiungsarmee an, die im Gebiet von San Vicente de Chucurí im nordöstlichen Zentralland Kolumbiens kämpfte. Am 17. Jänner 1966 meldete sich Camilo Torres zum letzten Mal mit einem Aufruf an seine Landsleute, in dem es u. a. hieß: „Viele Jahre lang haben die Armen unseres Vaterlandes auf das Signal zum Endkampf gegen die Oligarchie gewartet… Jetzt hat es mit dem Glauben des Volkes ein Ende. Das Volk glaubt nicht mehr an die Wahlen. Das Volk weiß, dass die legalen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Das Volk weiß, dass nur noch der Weg des bewaffneten Kampfes bleibt… Ich habe mich in den bewaffneten Kampf eingereiht. Von den kolumbianischen Bergen aus gedenke ich den Kampf mit der Waffe in der Hand fortzusetzen, bis die Macht für das Volk errungen ist. Ich bin der Nationalen Befreiungsarmee beigetreten, weil ich in ihr die gleichen Ideale wie in der Einheitsfront fand.“

Am 15. Februar gegen Mittag kam es im Gemeindegebiet von San Vicente zu einem Schusswechsel zwischen einer Guerillagruppe und einer Armeepatrouille. Dabei wurden 4 Soldaten und 5 Guerilleros getötet. Unter den Toten befand sich auch Camilo Torres. Am 17. Februar meldeten Rundfunk und Zeitungen: „Camilo Torres ist tot!“ Sein Leichnam wurde an einem bis heute geheim gehaltenen Ort begraben.

Obwohl Torres' Einschätzung der Massenbasis sowohl der Volkseinheitsfront als auch der Guerilla sich als Wunschdenken erwiesen hat, war sein Kampf nicht vergeblich. Er hat zwar das von ihm angestrebte Ziel nicht erreicht, aber er wurde dennoch zu einem Beispiel für die Verbindung von Christentum und Revolution und hat die einige Jahre später entstandene Theologie der Befreiung sowie viele Christen an der Basis inspiriert.

Torres’ Freund Guzman schreibt am Schluss seiner Biographie: „Er glaubte an seinen Auftrag ohne jede prahlerische Erlösergestik. Er konnte sich mit dem bestehenden Elend nicht abfinden. Er blieb seiner Idee treu. Er war kein Gelegenheitsrevolutionär. Er war wahrhaftig. Er hatte den Mut, mit ganzer Ehrlichkeit den Ausbeutern des Volkes entgegenzutreten. Er war eine Idee in Aktion. Er war vom Ruf nach Gerechtigkeit durchdrungen. Er besaß den Mut zu dem Risiko, selbst von den eigenen Freunden enttäuscht zu werden. Er war mutig genug, frei zu denken. Er bezog Stellung. Er war von seiner Sache überzeugt. Sein Name verkörperte eine Sache. Camilo Torres ist eine Antwort auf den Schrei Lateinamerikas“. (Guzman, a. o. O., S 338)

 

 

Balázs Németh

BEI DEN WURZELN ANSETZEN!

Predigt

Im Lukasevangelium wird uns davon berichtet, wie Menschen einmal zu Jesus kamen und ihm erzählten, welche Gräueltaten der Statthalter Pilatus an den Juden in Galiläa verübt habe, und dass in Jerusalem beim Teich Schiloach Bauarbeiter unter einem eingestürzten Bauwerk begraben wurden. Mit diesen Berichten wollten die Zuhörer von Jesus erfahren, wie er über die Vorstellung denke, dass Gott die Menschen ihrer Sünden wegen durch Kriege und Katastrophen bestrafe und sie dadurch zur Besserung erziehen möchte. Jesus hat die Frage aber nicht direkt beantwortet, sondern er erzählte – wie er das des öfteren tat – ein Gleichnis, und das lautete so (Lukasevangelium 13, 6-9):

„Ein Weingartenbesitzer ließ in seinem Weingarten einen Feigenbaum pflanzen“, begann er. „Drei Jahre lang wartete er, aber der Baum brachte keine Früchte. Darauf sagte er zu seinem Winzer: Haue ihn um, wozu soll er den Boden aussaugen.“

Den Zuhörern schien dieser Vorgang logisch, denn wenn etwas keinen Nutzen bringt, wozu soll man es am Leben erhalten? Das schien das Gesetz der Natur, und das war der allgemeine Brauch. Die Zuhörer verstanden aber genau, dass Jesus mit dem Gleichnis eigentlich auf die Menschen abzielte, denn im Alten Testament wurde das Volk Israel oft mit einem Feigenbaum verglichen. Und da es in jener Gesellschaft natürlich keine Sozial- und Altersversicherung gab und zusätzlich massive religiöse Vorurteile herrschten, gehörten Viele zu den angeblich überflüssigen Menschen, die niemand mehr als solche anerkannte und wahrnahm, und die nur am Rande der Gesellschaft dahin vegetierten.

Auch in unserer heutigen modernen Gesellschaft werden Viele auf's Abstellgleis gestellt, entweder weil sie aus dem Arbeitsprozess gefallen sind, alt oder krank sind, weil sie sich nicht den Normen der Gesellschaft anpassen wollen, oder auch weil sie in den sogenannten Armenregionen der Welt leben. Selbstverständlich kann man die jetzigen Verhältnisse nicht mit jenen in der Zeit Jesu vergleichen, aber es geht um die Intention und die Motivation. Sehr weise vorausschauend sagte der Dichter Heinrich Heine schon im 19. Jahrhundert: „Ein Recht zum Leben haben nur die, die etwas haben“. Wie zum Beweis für die Richtigkeit dieser Aussage kann man heute immer öfter in den Wirtschaftsnachrichten vom ‚Humankapital' hören oder lesen, das heißt im Klartext, dass der Wert des Menschen rein nur an seiner Verwertbarkeit gemessen wird.

Diesem Menschenbild gegenüber meinte Jesus, dass der Wert des Menschen nicht in seiner Verwertbarkeit, sondern in seinem Menschsein als Geschöpf Gottes liegt. Und Fruchtbringen heißt in der Botschaft Jesu nicht Verwertbarkeit im materiellen Sinn oder Instrumentalisierung, sondern eine Lebensführung, die von Nächstenliebe und von Gerechtigkeit geprägt ist. Die Verkündigung Jesu sagt uns ganz deutlich, dass nur durch Liebe und Annahme eine Erziehung zum positiven Menschsein möglich ist, nicht aber durch Drohungen. Heute müsste noch hinzugefügt werden, dass das auch für die Integration für Flüchtlinge gilt, was im Umkehrschluss heißt, dass Drohungen absolut kontraproduktiv wirken.

Jesus setzte im folgenden seine Gleichniserzählung aber nicht der allgemeinen Erwartung entsprechend fort, sondern er überraschte seine Zuhörer, indem er den Winzer dem Weingartenbesitzer folgendes antworten ließ: „Herr, lass ihm noch dieses Jahr, bis ich rings um ihn umgegraben und Dünger ausgelegt habe. Vielleicht bringt er in Zukunft doch noch Frucht. Wenn aber nicht, dann lass ihn umhauen.“

Bei diesem Gnadenjahr für den Feigenbaum geht es hier nicht um ein kalendarisches Jahr, sondern dieses Gnadenjahr will heißen, dass das ganze Leben eine Gnadenzeit ist bis zur Wiederkunft Christi. Das ist die Sprache der Bibel. Und diese Gnadenzeit gilt auch für das Jahr 2016.

Beim Deuten der Worte des Winzers hat mir ein Text von Bertolt Brecht maßgeblich geholfen, der in einem Gedicht schrieb: „Der Obstbaum, der kein Obst bringt, wird unfruchtbar gescholten. Wer aber untersucht den Boden?“

Wir tendieren im allgemeinen dazu, die Menschen danach zu beurteilen, wie sie sich zeigen, wie sie erscheinen und wie sie sich äußern. Wir sind zumeist auch davon überzeugt, dass das, was wir sehen, der Wahrheit entspricht, vergessen aber dabei, dass es nur das Faktische ist, was wir sehen, die Wahrheit aber tiefer im Verborgenen liegt, so wie die Wurzel eines Baumes. Wehe zum Beispiel dem Schiffskapitän, der einen Eisberg bloß nach dem Zehntel von dessen Größe beurteilt, das an der Oberfläche zu sehen ist, und nicht nach den verborgenen neun Zehnteln unter dem Wasser! Darum muss man immer an den Wurzeln ansetzen und am Boden um die Wurzeln herum! Das ist die echte Radikalität, die mit der Freilegung der verborgenen Wurzel zu tun hat. Sicherlich hat die moderne elektronische und visuelle Medienwelt viel dazu beigetragen, dass die Menschen häufig dem Irrtum erliegen, die Wahrheit mit dem Augenscheinlichen und Offenkundigen gleichzusetzen.

Haben wir zum Beispiel schon einmal daran gedacht, dass jemand, der in der Öffentlichkeit ständig aggressiv ist, damit nur seine Probleme im privaten Bereich oder in der Arbeitswelt abreagiert? Sollte man bei der Beurteilung nicht bei der Ursache ansetzen? Haben wir schon einmal daran gedacht, dass viele Drogensüchtige vor Arbeitslosigkeit, vor unschöner Kindheit oder vor ihrer Randsituation in die Welt der Drogen fliehen? Haben wir schon daran gedacht, dass am Flüchtlingsstrom unserer Zeit neben der Flucht vor dem realen Krieg auch die Flucht vor einer „kannibalischen Weltordnung“ steckt – wie der Soziologe Jean Ziegler es nannte?

Den Boden umgraben und düngen, wie das Gleichnis es bildhaft ausdrückt, heißt für uns heute, die Verhältnisse humanisieren und eine Welt mitgestalten, in der der Mensch und nicht die Wirtschaft den Vorrang hat. Wie sagte der große evangelische Theologe Karl Barth: „Nachdem Gott Mensch geworden ist, ist der Mensch zum Maß aller Dinge geworden“. Jesus war radikal im wortwörtlichen Sinn des Wortes, er stieß zu den Wurzeln vor, weil es ihm nicht um religiöse Dogmen und Gesetze ging, sondern um die Menschwerdung des Menschen. Radikal sein heißt, sich für den Menschen einzusetzen.

Jesu Wirken war geprägt durch Düngen und Pflegen der Wurzel, um bildhaft zu sprechen und die Worte des Gleichnisses aufzugreifen. Er stand damit auf der Seite derer, die aus religiösen Vorurteilen aus der Gesellschaft ausgeschlossen oder zu Sündern abgestempelt wurden. Nicht diese Menschen tragen Schuld, sagte er, sondern jene Gesetze, die das Gesetz Mose instrumentalisiert und zu ihrem eigenen Nutzen und zum Schaden der Schwachen umgedeutet haben. Diese instrumentalisierten Gesetze müssen ein Ende haben. Jesus stand auch auf der Seite der verachteten Frauen, weil er wusste, dass diese zumeist Opfer der grausamen Kreditpolitik von Geschäftemachern jener Zeit waren, die aus den Töchtern von verschuldeten Kleinbauern Schuldsklavinnen, d. h. Prostituierte gemacht hat. Da musste der Hebel angesetzt werden und nicht bei einer oberflächlichen und schein-moralischen Betrachtungsweise, die nur die Auswirkung, nicht aber die Ursachen im Blickfeld hat. Ich glaube, dass es auch heute viele Wirtschafts- und Handelsgesetze gibt, die in den armen Regionen der Welt mehr Armut verursachen als sie zu lindern und die daneben auch der Umwelt erheblichen Schaden zufügen.

Genau dieser Punkt, nämlich dass Jesus sich in erster Linie um die Gefallenen, Ausgegrenzten und Verachteten kümmerte, wurde ihm von vielen Zeitgenossen zum Vorwurf gemacht. Sie warfen ihm vor, sich um die Gläubigen und Gesetzestreuen überhaupt nicht zu kümmern, obwohl er doch ein Mann Gottes sei. Und dass er sich nur um die Nichtsnutze sorge. Ganz Ähnliches hören wir auch heute: Wo bleibt die Fürsorge für die eigenen Leute, wenn so viel Geld für die Flüchtlinge, für die Dritte Welt und für die Sozialschmarotzer verwendet wird? Jesu damalige Antwort auf diese Frage hat auch heute ihre Gültigkeit nicht verloren: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken! Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen sondern Sünder!“ Ergänzend muss ich hier hinzufügen, dass ein heutiger demokratischer Humanismus, der sich auch auf diese Basis stützt, nicht bedeutet, dass jedem die gleiche Portion zugeteilt wird, sondern dass dem Schwachen, unabhängig von jeder moralischen Frage, ein Mehr an Zuwendung gebührt. Das ist die biblisch verstandene Gerechtigkeit.

Ein anderer Vorwurf, der Christen gegenüber heute erhoben wird, wiegt dagegen schwer. Man wirft ihnen nämlich vor, sich nur um die Seele der Menschen zu kümmern und nicht um ihre äußeren Lebensverhältnisse. So lautet z. B. der Text eines bekannten Weihnachtsgedichtes: „Es darf nicht immer Friede sein, wer's recht begriff, der gibt sich drein. Hat jedes seine Zeit. Nur deinen Frieden, lieber Herr, begehren wir je mehr und mehr, je mehr die Welt voll Streit.“ (Rudolf Alexander Schröder. 1878 - 1962)

Besonders der Philosoph Karl Marx wandte sich gegen diese verinnerlichte Religiosität und dabei insbesondere gegen Luthers Rechtfertigungslehre. Nach Marx' Worten hat Luther „den Menschen von dieser äußeren Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz in Ketten gelegt hat.“ (Aus: Kritik der Hegel'schen Rechtsphilosophie) Nach Marx entspricht also der inneren Freiheit die äußere Unfreiheit und deren passiv duldende Hinnahme. So werde der Mensch zerrissen zwischen Innerem und Äußerem und entfremde sich von sich selbst. Damit sei die Religion einerseits „der Ausdruck des wirklichen Elends“ und andererseits „Protestation gegen das wirkliche Elend“. Schlussendlich sei die Religion „Opium des Volkes“. Marx dachte bei dieser Formulierung an den chinesischen Kuli, der nach einem schweren Arbeitstag eine Opiumpfeife rauchte, um das Elend zu vergessen und in eine Traumwelt fliegen zu können.

Es wäre falsch, diese harte kritische Frage als Unterstellung abzutun. Eher dient sie als ein „Stachel im Fleisch“, um das Wort des Apostels Paulus aufzugreifen, der uns ermahnt, dass wir die Ganzheitlichkeit des Menschen nicht vergessen dürfen. Der Mensch ist Körper und Seele, aber auch das Zusammenspiel von Ereignissen und Verhältnissen, die den Menschen berühren und mit denen er verflochten ist. Besonders Paulus betonte immer wieder diese Ganzheitlichkeit den gnostischen Versuchungen gegenüber, die zwischen Leib und Seele eine einander ausschließende Trennlinie gezogen haben.

Die Pflege von Wurzel und Boden ist also für den Baum entscheidend wichtig. Genauso wichtig und entscheidend für die Zukunft der Welt und der Menschen sind gerechte gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Verhältnisse als Grundlage eines gemeinsamen Lebens in einer kleiner gewordenen Welt. Man kann den Hunger nach dem Seelenfrieden nicht gegen den Hunger nach Brot ausspielen. Man kann zwischen Heil und Wohl des Menschen genauso wenig einen Unterschied machen wie zwischen moralischen und strukturellen Sünden. Nächstenliebe ist auch nicht bloß die persönliche Zuwendung zum Nächsten, sondern sie betrifft auch die Herstellung von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen, die dem Wohl des Menschen und einer Vermenschlichung der Gesellschaft dienen. Die Gefahr einer einseitigen Spiritualität besteht darin, dass sie den Boden um die Wurzel herum übersieht und sich allein um den Baum kümmert. Eine einseitige Spiritualisierung spielt in die Hände derer, die nur die Menschen und die Welt beherrschen wollen.

Zum Schluss muss noch die Frage geklärt werden, wie die Antwort Jesu lautete auf die Frage der Zeitgenossen über einen möglichen Zusammenhang zwischen Kriegen und Katastrophen als Strafe Gottes für die Sünden der Menschen. Die Antwort ist eindeutig: Hoffnung und Liebe für die Menschen und für die Welt darf man nicht aufgeben, und man muss auch in unserer Zeit Röntgenaugen entwickeln für das in der Tiefe Verborgene. So sind wir Winzer Gottes und Nachfolger Christi im Jahr 2016.

Dr. Balázs Németh, geb. 1931 in Budapest, kam 1956 nach Österreich. Von 1964 bis zu seiner Pensionierung 1998 war Németh Pfarrer der evangelisch-reformierten Gemeinde Wien-West. Er ist ständiger “KC-Autor.