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aus:

 

KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 384/385                            Jänner/Februar 2015

 

 

 

IS HAT DEN ISLAM GEKLAUT

Yosé Höhne-Sparborth beim irakischen Erzbischof Youssif Thomas Mirkis O.P.

 

Auf Einladung von Erzbischof Youssif Thomas Mirkis verbrachte ich sieben Wochen im Irak: Kirkuk, Erbil, Suleymania. Ich lebte teilweise im Bischofshaus Kirkuk, wo Soldaten uns Tag und Nacht „überwachten“. Eine Maßnahme seit 2003, seit die Amerikaner das Land übernahmen und alle Grenzwächter nach Hause schickten. Seitdem ist der Irak ein Spielplatz geworden für alle Arten von Extremisten und Kriminellen, die mit den Amerikanern oder mit dem globalisierenden Markt noch eine Rechnung offen haben, oder einfach reich werden wollen. Assad von Syrien allerdings hat ein eigenes Interesse daran, den Irak zu schwächen. Auch 2003, als ich mit den Dominikanerinnen in Mossul lebte, donnerten schon täglich die Schüsse um uns herum. Damals kamen die meisten aus Syrien, später fügten die aus Falluja sich hinzu. So häufte sich ein Gemenge von Kleingruppen: Mafia, Al-Qaida, einfach wütende irakische Jugendliche, ferngesteuerte (Syrien, Saudi-Arabien..) Gruppen, und weiß was noch. Assad hatte eine feste Strategie. Er ließ seine eigenen Extremisten agieren und lud frustrierte Immigranten aus westlichen Ländern zu sich ein, die aus dem Flugzeug direkt mit Bussen in den Irak verfrachtet wurden. Seine eigene Geheimpolizei übernahm die Führung. Bei unbewachten Grenzen war das kein Problem.

Bischof Mirkis war im Oktober 2014 in den Niederlanden und lud mich zu sich ein. In den Niederlanden hatte er beteuert: „IS hat nichts mit dem Islam zu tun. Die Muslime sind ihre ersten Opfer, denn IS hat ihre Religion geklaut und eine Vernichtungswaffe daraus gemacht. Und bei uns werden Muslime getötet von IS, Moscheen werden gesprengt.“

Ich lebte jetzt zwei Wochen in Suleymania direkt zwischen den Flüchtlingen, die über Nacht Caracosh verlassen. Einige sagten mir, ich solle Europa warnen, denn die Muslime werden unseren Kontinent überrollen. Die Ängste stecken denen noch in den Gliedern. In Kirkuk war ich regelmäßig in der kleinen Schule der Pfarrgemeinde des Bischofs, die seit der Flut der Flüchtlinge ihre Kinderzahl verdoppeln sah. Dort ist eine Dominikanerin aus Caracosh führend, selbst Flüchtling, und Angst, Müdigkeit, Entsetzen stecken ihr in den Gliedern. Aber von den 8 jungen Lehrerinnen sind 6 Muslime, und sie arbeitet in großer Freundschaft mit ihnen zusammen.

In Erbil lebte ich mit den Dominikanerinnen in ihrem Altersheim, wo über Nacht die Bewohnerzahl von 18 auf 62 anstieg. Ein überfülltes Haus. Ein Teil der geflüchteten Schwestern ist inzwischen auf die restlichen 9 Häuser verteilt. Sie verloren 20 Häuser, und 6 von den 9 eigenen Schulen. In einer Nacht sagte Schwester Huda zu mir: „Der Ordensgeneral war hier, und sagt uns, wir sollten vergeben. Aber ich kann nicht vergeben. Jedenfalls, noch nicht. Alle Schwestern müssen noch ihren Platz im Leben wiederfinden.“

In Suleymania, einen Tag nach den Mordanschlägen von Paris, treffe ich Bischof Mirkis zum letzten Mal vor meiner Abreise. Er mit Koffer, auf dem Flug nach Bagdad. Ich mit Koffer, zurück in sein Haus, dann Erbil, dann in die Niederlande.

Ich erzähle ihm von den furchterfüllten Behauptungen über Muslime unter seinen Gläubigen und frage ihn, wie er als Pastor damit umgeht. „Ich lasse es ihnen sagen. Sie sollen das ruhig sagen, sie brauchen es. Es ist pure Angst, und die muss raus. Aber ich, als Bischof, als Theologe, ich darf mich nicht von Emotionen mitreißen lassen. Ich muss außerdem zu unterscheiden wissen zwischen Angst und Hass. Daesh (so nennt man hier im Irak IS) ist hasserfüllt, predigt Hass, lebt vom Hass. Sie wollen, dass wir beben vor Angst. Als jemand, der eine Führungsaufgabe hat , darf ich mich also auch nicht der Angst hingeben, denn dann hat Daesh schon gesiegt. Aber dass betroffene Flüchtlinge Angst haben, natürlich. Ich lass sie reden.“

„Meine erste Aufgabe ist es jetzt, dafür zu sorgen, dass aus der Angst kein Hass wird. Wenn wir uns an den Hass verlieren, sind wir verloren.“

„Europa und die ganze ‘westliche Welt’ steckt jetzt in dieser Gefahr, sich an den Hass zu verlieren und die ganze Welt dem Hass zu übergeben. Der Anschlag in Paris ist furchtbar, aber es ist nichts Neues. Wir leben seit über zwanzig Jahren in dieser Kriegsform. Und diese westliche Welt hat zu erkennen, in welchem Maße sie selber diese Kriegsart verursacht und prolongiert.“

„Der Westen fing an zu generalisieren. Der Westen generalisiert, was ‘die Anderen’ sind. Ihr als Journalisten habt die Aufgabe, nicht nur die dominanten Kräften eurer Gesellschaft zu bedienen, indem ihr die Kameras direkt auf einen Anschlagort stellt und das Bild vermittelt, wie bedrohlich der Islam sei. Ihr habt die Aufgabe, euch zu fragen wieso euer ökonomisches System immer einen Feind braucht. Erst waren das die Kommunisten. Innerhalb eines Jahres nach dem Mauerfall hattet ihr einen neuen Feind, ‘den Islam’. Im Irak können wir davon erzählen, was euer Krieg gegen diesen neuen Feind uns allen gebracht hat. Noch ist unser Land, unser Volk lebensfähig, aber wir sind an den Rand des Abgrunds geführt worden. Warum haben eure politischen und ökonomischen Kräfte unser Volk als Opfer benötigt? Warum braucht euer Marktsystem Menschenopfer in diesem Ausmaß? Ist die Waffenindustrie so mächtig, so fundamental für euch, dass ihr Feind nach Feind und Konflikt nach Konflikt braucht, damit die Gewinne bleibend ansteigen?“

„Und, wieso glauben eure Mächtigen, dass da Reaktionen ausbleiben würden? Ich verteidige den Anschlag nicht, ich verteidige IS nicht. IS sind reine Kriminelle, es ist eine Bande; unser Land wurde von einer sehr kriminellen Bande übernommen. Als solches sollten sie behandelt und bekämpft werden. Man darf Kriminellen nicht solchen Spielraum geben. Man darf ihnen auch nicht die Ehre einer Militärstrategie geben. Ebensowenig darf man sie töten, und das wäre sogar dumm. Sie sollten gefangen genommen werden, um dann auf Jahre herauszufinden, was sie zu diesen Taten und dieser Ideologie geführt hat. Die Piraten von Somalia werden polizeilich bekämpft, das wäre die bessere Strategie gegen IS.“

„Aber es sind auch Symptome dafür, dass die Reaktionen auf der brutalen Marktdominanz organisierter, kräftiger, gefährlicher werden. Es bedarf jetzt der Intelligenz, damit Europa, die USA und die ganze Welt nicht in einen neuen Weltkrieg geraten. Ihr müsst verstehen, was los ist, und dann bedarf es des Abstandes. Ihr Journalisten habt den Abstand zu wahren, auch zu eurer eigenen Gesellschaft, um zu sehen, was sie bewirkt. Europa stellt sich wie eine Burg dar. Es baut sich auf nach dem Modell von Israel: Hohe Mauern um sich herum, damit niemand herein kann. Und nicht mehr über die Mauer schauen, um zu sehen, was ihr hinter dieser Mauer anderen Völkern zufügt. Lampedusa ist Symbol dieser Burg: es starben insgesamt schon 40.000 Menschen vor eurer Mauer. Diese Menschenopfer lösen bei euch nicht die gleichen Emotionen aus wie jetzt die Opfer in Paris. Aber diese 40.000 Menschenopfer im Mittelmeer lösen Emotionen aus hinter dieser Mauer. Wenn ihr nicht lernt, diese Analyse scharf und für eure Politiker verständlich zu machen, dann werdet ihr nie mehr in Frieden leben können. Und die erste Lektion ist: IS ist nicht der Islam.“

„IS hat den Islam geklaut, und ihr müsst euren Muslimen helfen, um sich bei euch wirklich zurechtfinden zu können, trotz dieser furchtbaren Situation um ihren Glauben herum. Ihr könnt ihnen helfen, indem ihr darauf hinweist, wie über 500 Jahre lang brutalster Kolonialismus betrieben wurde im Namen der Christenheit. Die europäischen Christen wissen um die Verführung, sich gegenüber Anderen überheblich zu fühlen.“

„Ich als Bischof, als Dominikaner und als Theologe glaube an die Erbsünde im Thomistischen Sinne, als gesellschaftliches Übel. Die Gesellschaft ist von Sünde durchzogen in ihren Mechanismen, und alle haben wir Anteil an dieser Sünde. Daran zu glauben, macht mich bescheiden. Einerseits weiß ich damit, dass der Andere nur teilweise Verantwortung trägt für sein Handeln, und genau dieses Wissen macht es möglich zu vergeben. Und, ich weiß dass ich selber Teil dieser gemeinsamen Sünde bin, und also nicht den Anderen zum Sünder erklären kann.“

„IS tut gerade das: ‘Den Anderen (alle Anderen) zu Sündern erklären und also töten.’ Es ist die Ideologie des Nazismus, es ist die perverse Form der Überheblichkeit, die 500 Jahre kolonisierende Europäer über die Welt gestülpt haben. Zwar feiert ihr auch den Liberalismus, den freien Gedanken. Aber gleichzeitig hat euer Marktsystem eine furchtbar gleichschaltende und uniformierende Wirkung in der ganzen Welt. Und was sich nicht gleichschalten lässt, hat keinen Existenzgrund. IS reagiert gegen all eure Institutionen, ob die nun gleichschaltender Markt sind oder wirklich Zeugen der Demokratie, der Menschenrechte und der Freiheit. Sie kopieren diese Arroganz in einer kriminellen und extremistischen Form. Alles, was nicht sein will wie sie, ist zu töten. Die Christen sind aus Mossul geflüchtet. Die Muslime blieben. Sie dachten, sie seien nicht in Gefahr. Von ihnen sind viele getötet worden.“

„IS ist, Hass, IS predigt Hass, IS klaut den Islam, um nur sich rein zu erklären und alle Anderen zum Reich der Sünde zu machen. So legitimieren sich diese frustrierten Kriminellen. Das darf ich als Theologe und Pastor nicht nachahmen. Gerade jetzt habe ich allererst selber zu wissen, dass ich als Christ berufen bin zur Vergebung und zur Versöhnung, damit Leben auf dieser Erde möglich ist. Also gleichzeitig habe ich den Emotionen meiner Menschen Raum zu bieten, die in Furcht leben, in Hoffnungslosigkeit, weil ihre ganze Existenz erst mal weg ist, die Zukunft unsicher und finster. Und ich muss mich selber von Emotionalität fernhalten, damit ich sehen kann, was wirklich los ist und mich nicht verführen lasse, um in die Falle des Hasses, die IS mir stellt, zu tappen.“

„Also nein, IS ist nicht Islam, und die Muslime in meiner Stadt sind meine Brüder. Mein Nachbar, der Imam, hat mich zu Weihnachten besucht, gratuliert zu diesem Fest. Ich habe ihm gesagt, dass wir Christen leben zur Vergebung, zur Versöhnung. Und am nächsten Tag hörten wir vom Minarett seine Predigt, in der er seine Leute aufrief, zu werden wie de Christen: ‘Vergeben zu leben und Versöhnung zu leben. Sonst gibt es für uns alle keine Zukunft.“

Ich war dort zu Weinhnachten. Ich habe den Besuch des Imam gesehen, ich habe am nächsten Tag die Stimme aus dem Minarett donnern gehört, ich habe erlebt wie der Koch Sami lachend ins Speisezimmer trat, um den Bischof von dieser Predigt zu erzählen. Europa braucht jetzt die spirituelle Kraft, die ich in und um dieses Bischofshaus in Kirkuk zu Weihnachten erlebte.

Yousif Thomas Mirkis ist chaldäisch-katholischer Erzbischof von Kirkuk-Sulaimaniya. 1949 in Mossul geboren, Eintritt ins dortige Priesterseminar. Dann Studium der katholischen Theologie  in Straßburg und der Ethnologie in Paris sowie Eintritt in den Dominikanerorden, Priesterweihe 1980. 1989 war Yousif Thomas Mirkis Mitbegründer der theologischen und philosophischen Fakultät des Babel College in Bagdad. Von 1989 bis 2001 war er Professor am Babel College. Die Bischofssynode der chaldäisch-katholischen Bischöfe wählte ihn zum Erzbischof von Kirkuk. Papst Franziskus stimmte seiner Wahl zum Erzbischof von Kirkuk am 11. Jänner 2014 zu, am 24. Jänner 2014 empfing Mirkis die Bischofsweihe.

Yosé Höhne-Sparborth ist Ordensschwester der Vorsehung und Friedensaktivistin in Utrecht, Niederlande. Friedensarbeit in Osteuropa, Irak, Kolumbien, Nicaragua und El Salvador. Zuletzt von Ende November 2014  bis MItte Jänner 2015 im Irak.

 

 

Aktueller Kommentar:

WIR BRAUCHEN KEINEN „KAMPF DER KULTUREN“!

Von Adalbert Krims

Der US-Politologe Samuel Huntington prophezeite nach dem Ende des „Kalten Krieges“ einen neuen Konflikt, und zwar zwischen dem Westen einerseits sowie dem islamischen (und dem chinesischen) Kulturraum andererseits, wobei dies zu einem Dritten Weltkrieg führen könnte. Ausführlich stellte er seine These in einem 1996 erschienenen Buch „Kampf der Kulturen“ dar. Obwohl Huntingtons Theorie von vielen Wissenschaftern widerlegt wurde, fühlt man sich heute – insbesondere im Zusammenhang mit der Diskussion nach den Pariser Mordanschlägen – wieder daran erinnert. Natürlich war es ein schrecklicher Terrorakt – aber es gibt fast täglich irgendwo auf der Welt Anschläge mit mehr Opfern und selbst in Europa gab es mehrere mit noch mehr Toten (zuletzt 77 durch den Islamhasser Anders Breivik in Norwegen 2011).

Die Hochstilisierung als „Angriff auf die Werte der freien Welt und auf alles, was uns lieb und teuer ist, wie die Freiheit der Presse und der Meinungsäußerung“ (Angela Merkel) sowie der Opfer zu „Märtyrern der Meinungsfreiheit“ (symbolisiert auch durch die millionenfache Identifikation mit dem Satireblatt: „Ich bin Charlie“) ist aber eine medial inszenierte Übertreibung, die letztlich nur den Zielen der Täter dient, die sich ja als „Gotteskämpfer“ und „Märtyrer“ betrachtet haben, die die Gesellschaft spalten und dabei ein Maximum an Furcht und Schrecken verbreiten wollten.  Genau das haben sie erreicht (siehe auch nebenstehender Auszug aus einem Artikel des israelischen Friedensaktivisten und Publizisten Uri Avnery).

Dass die europäischen Innenminister gleich Forderungen nach (beinahe militärischer) Aufrüstung der Polizei, Vorratsdatenspeicherung (also flächendeckender Überwachung aller BürgerInnen), Verschärfung von Einreise- und Asylbestimmungen etc. erheben, können die Attentäter noch posthum als Erfolg für sich verbuchen (übrigens: alle drei Attentäter sind weder aus dem Ausland eingereist, noch hatten sie Asyl beantragt – und sie waren ohnehin polizeibekannt. Außerdem: die Redaktion stand seit Jahren unter Polizeischutz.) Wie auch schon in der Vergangenheit dient der „Kampf gegen den Terrorismus“ auch jetzt wieder als wohlfeile Begründung für den Abbau demokratischer Rechte. Unter der Flagge der „Sicherheit“ und des „Schutzes der Freiheit“ wird genau diese Freiheit eingeschränkt.

Dass nun ausgerechnet „Charlie Hebdo“ nicht nur von der französischen, sondern praktisch von allen europäischen Regierungen zum Symbol der Meinungsfreiheit, ja der (westlichen) Freiheit überhaupt gemacht wird, ist beinahe schon grotesk. Denn lange Zeit war das Satireblatt allen französischen Regierungen ein Dorn im Auge, wandte es sich doch ursprünglich gegen die Mächtigen (inkl. der katholischen Kirche). Erst in den letzten Jahren schwenkte „Charlie Hebdo“ auf „Islamkritik“ um, was böse Zungen mit dem Verkaufsrückgang und der schlechten finanziellen Lage der Zeitschrift in Zusammenhang brachten. Durch vulgäre Mohammed-Karrikaturen und eine generelle Verächtlichmachung des Islams und dadurch ausgelöste Proteste und Drohungen von Islamisten erregte „Charlie“ in den letzten Jahren öfters Aufmerksamkeit. Die Zeitschrift hat mit Bildern und Texten dazu beigetragen, dass der Hass auf Muslime mittlerweile bis in linke Kreise hinein „zum guten Ton“ gehört. In dem von Abgeordneten der deutschen Linken herausgegebenen Internet-Magazin „Marx21“ heißt es dazu: „Die Journalisten von ‘Charlie Hebdo’ haben oft darauf hingewiesen, dass sie keineswegs nur den Islam, sondern ebenso das Christentum und andere Religionen kritisieren und sich über sie lustig machen. Doch damit verkennen sie, dass der Islam, anders als das Christentum, in Frankreich die Religion einer unterdrückten Minderheit ist. Die Kritik an ihm wird seit Jahren missbraucht, um rassistische Vorurteile gegen Menschen aus Afrika, dem Nahen Osten und andere Migranten zu verbreiten.“

Genau das ist auch der Punkt, wo der in letzter Zeit sehr oft zitierte Satz von Kurt Tucholsky nicht greift: „Was darf Satire? Alles!“ Abgesehen davon, dass Tucholsky „darf“ und nicht „soll“ oder „muss“ geschrieben hat, hat er Satire als Kritik an den herrschenden Zuständen und damit den Herrschenden gesehen. Aber nach seinem Verständnis tritt Satire nicht nach unten! Dazu kommt, dass das Tucholsky-Zitat vom Jänner 1919 stammt – also lange bevor Satire und Karikatur von den Nationalsozialisten gezielt für ihre Hetze gegen die Juden eingesetzt wurden. „Damals hat die NSDAP mit ähnlichen Argumenten, die heute gegen den Islam verwendet werden, gegen das Judentum gehetzt. Es gelang den Nazis auch durch antisemitische Karikaturen, den Glauben an den gefährlichen Charakter des ‘weltweiten Judentums’ weit in bürgerliche Kreise zu tragen. Das war die Grundlage dafür, später Juden verprügeln, durch die Straßen treiben oder ermorden zu können, ohne dass es einen massenhaften Aufstand gegeben hätte.“ (Marx21).

Aufgrund dieser historischen Erfahrung gibt es heute richtigerweise eine gesellschaftliche Sensibilität in Bezug auf Antisemitismus. Daher sind auch antisemitische Karikaturen geächtet und kaum jemand würde diesbezüglich die Berufung auf die „Meinungsfreiheit“ akzeptieren. Über diese unterschiedlichen Standards sollte auch nachgedacht werden, ohne gleich nach Zensur zu rufen oder gar Gewalt oder Mord zu rechtfertigen oder zu relativieren. Aber wenn man sich auf die „westlichen Werte“ beruft, so gehört dazu vor allem auch der gesellschaftliche Zusammenhalt, der gegenseitige Respekt und die Achtung vor der Würde aller Menschen. Was wir jedenfalls nicht brauchen, ist ein „Kampf der Kulturen“ und schon gar nicht die Anwendung von Gewalt.

 

 

Balázs Németh

DER MALER PIETER BREUGHEL BILANZIERT WEIHNACHTEN

„In der Tiefe ist die Wahrheit“ sagte der deutsch-amerikanische Theologe Paul Tillich. Damit hat er zweierlei gemeint: einerseits eine Absage an Oberflächlichkeit und das bloß Formale, dafür aber eine Konzentration auf das Zentrale; andererseits bedeutete diese Feststellung eine Zurückweisung von allem, was hoch und abgehoben ist, dafür aber eine Zuwendung nach unten, zum Erdgebundenen. Was in der Praxis diese beiden Stoßrichtungen bedeuten, kann man am besten in Pieter Breughels Bild „Volkszählung“ nachspüren.

Breughel lässt auf seinem Bild alle weihnachtlichen Ausschmückungen und Rahmenelemente weg – wie Krippe, Stall und Hirten. Er konzentriert sich auf das Gasthaus am Rande des Bildes mit dem habsburgischen Wappen an seiner Frontseite, zu dem auch Maria und Josef eilen, weil dort die Volkszählung, d. h. die steuerliche Erfassung der Menschen, erfolgt. Das beschäftigte die Menschen damals in Bethlehem. Breughel aktualisiert die Steuererfassung des Augustus in seinem Bild, in dem die damaligen Menschen sofort ihre eigene Situation erkannten, nämlich die enorme steuerliche Belastung, unter der die Niederlande litten und die 1567 zum allgemeinen Aufstand gegen die spanisch-habsburgische Verwaltung führte. Diese steuerlichen Erfassungen, sowohl zur Zeit der Geburt Jesu als auch in späteren Zeiten, waren immer ein Instrument der Ausbeutung und der Unterdrückung und führten immer wieder zu lokalen Erhebungen, umso mehr, weil der kleine Mann gewusst hat, dass mit den herausgequetschten Geldmitteln die militärische Ausrüstung und die Prunkbauten der Herrschenden finanziert wurden.

Es erstaunt nicht, dass gerade der Apostel Lukas, der bei Jesus den Freund der Armen und der sozialen Gerechtigkeit hervorkehrte, dieses Instrument der Unterdrückung und als Folge davon die Verelendung des kleinen Mannes als Rahmen für die Menschwerdung Gottes in den Vordergrund stellte. Denn Lukas hat unter „Erlösung“ auch die Befreiung aus der Sklaverei verstanden. Das war eine Rückbesinnung auf den „roten Faden“ des Alten Testamentes: „Ich habe dich aus dem Sklavenhaus herausgeführt“. Lukas verstand diese Befreiung nicht spiritualisiert und vergeistigt, sondern in ihrem ganz realen Sinn als eine Befreiung aus der Schuldsklaverei, in die der kleine Mann leicht geraten konnte, wenn er die vorgeschriebene Steuer nicht imstande war zu zahlen. Daher: Zuerst Volkszählung und nicht Krippe und Stall!

Volkszählung bedeutete in der Welt der Bibel auch Entmenschlichung und Entfremdung, als Erinnerung an Davids Volkszählung, mit der der König die militärische Schlagkraft seines Volkes erfassen wollte. Dafür handelte er sich allerdings den Zorn Gottes ein, denn nach damaliger Auffassung bedeutete das Zählen der Menschen, sich Verfügungsgewalt über sie, Gottes Ebenbilder, anzueignen. Jedes Verfügungspotential entfremdet und beraubt den Menschen seiner Persönlichkeit. Das ist allerdings nicht nur Altertum, sondern auch Gegenwart. Ich denke an die modernen Überwachungssysteme, die den Menschen keinen freien Raum mehr lassen, wie wir das im Zuge der NSA-Affäre erfahren konnten. Ich denke aber auch daran, dass heute oft der Wert des Menschen nicht mehr in seinem nackten Menschsein liegt, ohne wenn und aber, sondern in seinem Potential, das ihn finanziell verwertbar macht. D. h. im Klartext: der Mensch wird zu einer Handelsware degradiert. Darum werden viele Individuen ausgequetscht wie eine Zitrone. Sind sie nicht mehr verwertbar, so werden sie aufs Abstellgleis geschoben, oder wenn sie nie verwertbar waren, wie viele Bewohner des Südens, so werden sie von Anfang an auf den Abfallhalden der Welt liegen gelassen!

Um all das kaschieren zu können, wurde Weihnachten instrumentalisiert. Das haben bereits die Malerkollegen von Breughel angefangen, indem sie den Stall in eine Kathedrale, die Krippe in einen Königsthron und die Hirten in fromme Mönche umgewandelt haben. Dient heute die üppige Ausschmückung von Weihnachten nicht dazu, die innere Leere und die Weigerung, sich der sozialen Verantwortung zu stellen, woran die Menschwerdung Gottes uns erinnert, zu kaschieren? Dient die reiche, blendende Beleuchtung der Straßen und Wohnungen nicht dazu, um die im Schatten Vegetierenden nicht sehen zu müssen? Tendieren die festlichen Rituale nicht zu einer Musealisierung, damit das Christkind ja nicht zum Christus werde, der womöglich angesichts der Ungerechtigkeiten von heute wieder zur Peitsche greift, wie damals im Tempel von Jerusalem?

Auf Breughels Bild fällt auf, dass Maria und Josef im Unterschied zu vielen anderen zeitgenössischen Weihnachtsbildern keinen Heiligenschein tragen. Breughel hat mit der Menschwerdung Gottes Ernst gemacht! Gott ist nun dort zuhause, wo das Unten und die Erdgebundenheit, wo die Mühseligen und Beladenen, die Elenden und die Verzagten zu finden sind. Damit hängt auch Breughels Vorliebe für die braune erdene Farbe zusammen. Der Heiligenschein, dieses religiöse Adelswappen, signalisiert Abgehobenheit, Höhe und eine Trennung zwischen Oben und Unten. In so einer Atmosphäre können weder Liebe noch Solidarität entstehen, sondern nur eine herablassende Distanziertheit oder gar Verfügungsgewalt. Die Worte Erich Frieds klingen mahnend: Die Gewalt fängt nicht an / wenn einer einen erwürgt / Sie fängt an / wenn einer sagt:/ „Ich liebe dich: / Du gehörst mir!“

Voraussetzung für Solidarität und Gemeinschaft ist, dass die Begegnung unten auf derselben Ebene, d. h. als Bruder und Schwester, stattfindet. Aus dieser Erkenntnis bezogen die ersten Christen ihre mitmenschliche Verantwortung über gegenseitige Akzeptanz und über eine Gemeinschaft, in der alles miteinander geteilt wurde, bis hin zum Modell einer frühchristlichen Gütergemeinschaft. Um so ein Leben relevant zu machen, haben sie summarisch von der Menschwerdung Gottes gesprochen. Diese wird bekannt und gefeiert im solidarischen Einsatz für die Herstellung des wahren Menschseins der geschundenen Menschen.

Der große Betriebsunfall in der Kirchengeschichte geschah, als diese Zusammengehörigkeit zwischen Himmel und Erde, zwischen Seele und Körperlich-Materiellem und zwischen Heil und Wohl auseinander gerissen wurde. Von da an wurden Kirche und Glaube für die Seele, und die jeweiligen Herrscher für den Körper und das Weltliche zuständig. Diese Trennung schuf eine doppelte Moral: Es konnte ein gewalttätiger Herrscher als tiefreligiöser Christ gefeiert werden, da die zwei Bereiche einander ja nicht berührten. Und das ist nicht nur Mittelalter, sondern auch Gegenwart! Zum Beispiel fing die Bush-Administration ihre Beratungen im Oval Office des Weißen Hauses stets mit einer Andacht an, um dann nach einer kurzen Pause z. B. neue Interventionskriege zu beschließen.

In jüngster Zeit ist jedoch ein Wandel eingetreten in vielen Kirchen und in deren Theologie, indem sie das Wohl mit dem Heil, die Seele mit dem Materiellen und den Glauben mit der irdischen Gerechtigkeit wieder zusammenführten - als Rückbesinnung auf den Kern der Bethlehemer Geburt, die Menschwerdung Gottes. Das zeigt sich zum Beispiel in den kritischen Erklärungen vieler Kirchen zur globalisierten kapitalistischen Wirtschaftsordnung und zur repressiven, menschenfeindlichen Asyl- und Fremdenpolitik, die viele Menschen ihres Menschseins beraubt und sie ins Elend stürzt. Viele Politiker meinen dazu, die Kirche solle bei ihrer Sache bleiben und sich um die Seele und nicht um Politik kümmern. Sich allerdings in Sachen einzumischen, bei denen es um den Menschen und seine Würde und seinen Wert geht, das bedeutet, der Botschaft der Menschwerdung Gottes treu zu bleiben: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen seines Wohlgefallens“.

Dr. Balázs Németh, geb. 1931 in Budapest, ist evangelisch-reformierter Pfarrer und Oberkirchenrat i. R. Er ist ständiger Autor von „Kritisches Christentum“ und Vorstandsmitglied der „Aktion Kritisches Christentum“ (AKC).