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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 442/443                      November/Dezember 2020

 

 

 

„FRATELLI TUTTI“ – EINLADUNG ZU EINER LIEBE, DIE ALLE POLITISCHEN UND RÄUMLICHEN GRENZEN ÜBERSTEIGT

 

Die neue Enzyklika von Papst Franziskus

 

Von Michael Ramminger

 

„Fratelli Tutti“, an „alle Brüder und Schwestern“, wie in der deutschen Übersetzung steht, so heißt die zweite Enzyklika von Papst Franziskus, die am 3. Oktober am Grab von Franziskus von Assisi unterschrieben und veröffentlicht wurde. Es ist zugleich die zweite Sozialenzyklika neben der oft als Umweltenzyklika bezeichneten „Laudato Si“ aus 2015, die sich auf gesellschaftliche Fragen bezieht. Enzykliken sind in der römisch-ka­tho­lischen Kirche für alle Gläubigen verbindliche Lehrschreiben: ein Charakteristikum, das in Zeiten massiv bröckelnden Zusammenhalts und schwin­dender gesellschaftlicher Bedeutung der Kirche weltweit allerdings zunehmend an Relevanz verliert.

 

Kapitalismuskritik als Glaubenswahrheit

 

Der Untertitel dieser in acht Kapitel mit über 285 Punkten unterteilten Enzyklika lautet: „Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freun­d­schaft. Das Bemerkenswerte an ihr ist die Tatsache, dass in den Unmengen an Anmerkungen so gut wie alle wichtigen Ansprachen, Predigten und Reden von Franziskus vorkommen, und damit deren kritische Einlassungen in den Rang verbindlicher Glaubensaussagen gehoben werden: Kapitalismus- und Globalisierungskritik, globale Ungleichheit, Krieg und Rü­stung, Umweltzerstörung.

 

Nächstenliebe, Solidarität und Kapitalismus

 

Die soziale Freundschaft, von der er gleich zu Beginn redet, ist für ihn „politische Liebe“ (186), sie ist Soli­da­rität nicht nur als gemeinsames In­teresse der Ausgebeuteten, sondern als Kampf gegen die strukturellen Ursachen der Armut, der Ar­beitslosigkeit etc.: „Die Solidarität, … ist eine Art und Weise, Ge­schich­te zu machen, und genau das ist es, was die Volksbewe­gun­gen tun.“ (116)

Dieses Verständnis von Näch­sten­­liebe durchzieht die gesamte En­zyklika und gründet in der uni­ver­sellen Würde der Menschen, die unbedingt ist. Fran­ziskus konfrontiert das immer wieder mit den real existierenden globalkapitalistischen Verhältnissen und der irrigen Vorstellung, dass aus liberalistisch verstandener Autonomie und indi­vi­dueller Freiheit so etwas wie eine solidarische Gesellschaft entstehen könne. Wie schon oft zu­vor kritisiert er den neoliberalen Kapita­lis­mus und dessen Idee, dass aus der Verfolgung individueller Interessen das größ­tmögliche Gemeinwohl ent­stehen könne (103), und besteht darauf, dass eine Gesellschaft gerade die Bedürfnisse der Schwächsten und Ärmsten zu berücksichtigen hat: „Solange unser Wirtschafts- und Sozialsystem auch nur ein Opfer hervorbringt und solange auch nur eine Per­son ausrangiert wird, kann man nicht feierlich von uni­versaler Geschwisterlichkeit sprechen“ (110).

 

Eigentum ist Diebstahl

 

So wie die Menschenwürde unabdingbar und universell ist, so gilt für Franziskus auch, dass die Erde und ihre Güter allen zugänglich sein müs­sen, und daher dem Privatbesitz entzogen sein sollten: „Die Erde ist für alle da“ (118). Das be­deutet für ihn umgekehrt, dass Armut und Elend nicht einfach nur Ausschluss von Besitz und Gebrauch von Gütern und Rohstoffen ist, sondern dass das Privateigentum dort, wo es den Ande­ren zum Leben fehlt, als Diebstahl bezeichnet werden muss. „Den Armen nicht einen Teil ihrer Güter zu geben bedeutet, von den Armen zu steh­len, es bedeutet, sie ihres Lebens zu berauben; und was wir besitzen, gehört nicht uns, sondern ihnen“, zitiert er den frühchristlichen Theologen Jo­han­nes Chrysostomus. (119)

 

Es wundert nicht, dass angesichts dieses universalistischen Ansatzes auch das Thema von Flucht und Migration wieder, wie schon so oft zuvor, bei Franziskus eine hervorragende Rolle spielt. Sie sind für ihn im Grunde auch Effekt globaler Ungleichheit und des Diebstahls an den Armen (124ff.) Und er wiederholt das Recht der Menschen zu bleiben und zu gehen – und zu kom­men: „in den Herkunftsländern die Bedingungen für ein Leben in Würde und Wachstum … Solange es jedoch keine wirklichen Fortschritte in diese Richtung gibt, ist es unsere Pflicht, das Recht eines jeden Menschen zu respektieren, einen Ort zu finden, an dem er … sich auch als Person voll verwirklichen kann.“ (129)

 

Das System ist nicht reformierbar

 

Diejenigen, die die Ansprachen und Texte des Papstes in den letzten Jahren verfolgt haben, werden sich fragen, ob er in seiner Enzyklika etwas Neues zu sagen hat? Im Grunde nicht: er fasst seine Analysen und Urteile der letzten Jahre zusammen, kreist um die Themen, vertieft und er­gänzt sie an manchen Stellen. Da, wo er zum Beispiel das Problem von Nationalismus und Rechtspopulismus thematisiert, wo er auf die ideo­lo­gi­­sche Unterwerfung der Menschen durch kulturelle Kolonisation, Geschichtsvergessenheit und Nationalismus und falsche Identitätspolitik ver­weist.

 

Finanzkrise 2007 und Pandemie

 

Seinen Text durchzieht eine gewisse Melancholie, wo er von den verpassten Chancen einer politischen Umkehr nach der Finanzkrise 2007 und jetzt gerade in der Zeit der Pandemie spricht: „Wenn einer meint, dass es nur um ein besseres Funktionieren dessen geht, was wir schon gemacht haben, oder dass die einzige Botschaft darin besteht, die bereits vorhandenen Systeme und Regeln zu verbessern, dann ist er auf dem Holzweg.“ (7) (In der spanischen und italienischen Version heißt es: „verweigert sich der Realität“; darauf hat Norbert Arntz hingewiesen.)

 

Viele KatholikInnen im reichen globalen Norden werden kritisieren, dass die Frage von Frauenrechten und Priesteramt, die Fragen von Ge­schlech­­terdifferenz oder von Missbrauch in der Kirche nicht auftauchen. Viele KatholikInnen im globalen Süden werden sich in ihren Kämpfen da­gegen bestärkt fühlen, werden diese Enzyklika nicht für eine gefährliche „Verleitung zur Unterstützung von Diktatoren mit sozialistischen Heils­­versprechen wie Hugo Chavez“ halten, wie z. B. der Präsident des Münchner Ifo-Instituts Clemens Fuest (Interview Domradio 5.10.2020), sondern als Ermunterung und Bestätigung. Franziskus bleibt sich und der Wirklichkeit treu.

 

Quelle: Institut für Theologie und Politik (ITP). https://www.itpol.de/

 

Michael Ramminger (1960), Dr. theol., ist katholischer Theologe und Mitbegründer des Institut für Theologie und Politik in Münster. 2012 Mitarbeit an der Universität Goiais (Brasilien) mit dem Projekt „Kapitalismus als Religion“.

 

 

INTERRELIGIÖSES TREFFEN: „WIR BRAUCHEN FRIEDEN! MEHR FRIEDEN!"

Vertreter der christlichen Konfessionen, des Islam, Judentums, Hinduismus und des Buddhismus haben am 20. Oktober am Abend in Rom einen Friedensappell unter­zeich­net. Dieser wurde den anwesenden Politikern übergeben. Trotz der Coronavirus-Pandemie waren auch einige Religionsvertreter aus fernen Ländern, wie etwa Ja­pan, zum interreligiösen Friedenstreffen auf dem Kapitolsplatz gekommen. Gemeinsam mit Franziskus setzten sie ein starkes Zeichen gegen Diskriminierung und Hass. Die interreligiösen Friedenstreffen der katholischen Gemeinschaft Sant'Egidio, die normalerweise in Assisi stattfinden, haben inzwischen eine lange Tradition – seit 1986 gibt es sie bereits. Dieses Jahr trafen sich Vertreter der großen Religionen in Rom, auf dem Kapitolsplatz. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie war die Teilnehmerzahl be­grenzt, einige konnten nicht kommen, wie etwa Anglikaner-Primas Justin Welby. Sämtliche Teilnehmer kamen mit Mund-Nasenschutz – auch Papst Franziskus. Corona-bedingt herrschte stets ein gewisser Sicherheitsabstand. Schon allein dass das Treffen trotz der Pandemie stattfand, war ein starkes Zeichen.

FRIEDENSAPPELL

Wir sind hier in Rom im „Geist von Assisi“ zusammengekommen, geistlich verbunden mit den Glaubenden in aller Welt und mit allen Frauen und Männern guten Willens vereint. So haben wir Seite an Seite gebetet, um die Gabe des Friedens auf unsere Erde herabzuflehen. Wir ge­dach­ten der Wunden der Menschheit; wir tragen im Herzen das stille Gebet so vieler Leidender, die viel zu oft ohne Namen und ohne Stimme sind. Aus diesem Grunde fühlen wir uns verpflichtet, diesen Friedensappell zu leben und ihn den Verantwortlichen der Staaten wie auch den Bür­gerin­nen und Bürgern der ganzen Welt feierlich zu unterbreiten.

Auf diesem Kapitolsplatz haben kurz nach dem Ende des größten kriegerischen Konflikts, den die Geschichte je gekannt hat, die einst krieg­füh­ren­den Nationen ein Bündnis geschlossen, das auf einer Vision der Einheit gründete und im vereinten Europa Wirklichkeit wurde. Heute, in die­ser Zeit der Orientierungslosigkeit und getroffen von den Folgen der Covid-19-Pandemie, die den Frieden durch die Ausbreitung von Ungleich­heit und Angst bedroht, sagen wir mit Nachdruck: Keiner kann sich allein retten, kein Volk, niemand!

„Keiner kann sich allein retten, kein Volk, niemand!“

Die Kriege und der Frieden, die Pandemien und die Gesundheit, der Hunger und der Zugang zur Nahrung, die globale Erwärmung und die Nach­­haltigkeit der Entwicklung, die Wanderung von Bevölkerungsgruppen, die Beseitigung der nuklearen Gefahr und die Verringerung der Un­gleich­heit betreffen nicht nur einzelne Nationen. Das verstehen wir heute besser, in einer Welt, die total verbunden ist, aber oft den Sinn für die Ge­schwisterlichkeit verliert. Wir alle sind Brüder und Schwestern! Wir bitten den Höchsten, dass es nach dieser Zeit der Prüfung nicht mehr „die an­deren“, sondern ein großes, vielfältiges „Wir“ gibt. Es ist erneut Zeit für die kühne Vision, dass der Friede möglich ist, dass eine Welt ohne Krieg keine Illusion ist. Deshalb wollen wir noch einmal sagen: „Nie wieder Krieg!“.

Leider scheint der Krieg für viele wieder ein möglicher Weg zur Lösung internationaler Streitigkeiten zu sein. Das ist aber nicht so. Bevor es zu spät ist, wollen wir alle daran erinnern, dass die Welt nach einem Krieg immer schlech­ter sein wird, als sie vorher war. Der Krieg ist ein Schei­tern der Politik und der Menschlichkeit.

„Wir appellieren an die Regierenden, dass sie die Sprache der Spaltung zurückweisen“

Wir appellieren an die Regierenden, dass sie die Sprache der Spaltung zurückweisen, die sich oft aus Gefühlen der Angst und des Misstrauens nährt. Sie mögen sich nicht auf Wege begeben, die keine Umkehr kennen. Schauen wir gemeinsam auf die Opfer. Es gibt so viele, zu viele noch offene Konflikte.

Den Verantwortlichen der Staaten sagen wir: Lasst uns gemeinsam an einer neuen Architektur des Friedens arbeiten. Vereinen wir unsere Kräfte für das Leben, für die Gesundheit, für die Erziehung und für den Frieden! Der Zeitpunkt ist gekommen, dass die Ressourcen, die eingesetzt wur­den, um immer zerstörerischere, todbringende Waffen herzustellen, jetzt genutzt werden, um für das Leben einzutreten und für die Men­schen sowie für unser gemeinsames Haus Sorge zu tragen. Verlieren wir keine Zeit! Beginnen wir mit erreichbaren Zielen: vereinen wir fortan unsere Anstrengungen, um der Verbreitung des Virus Einhalt zu gebieten, solange es noch keinen geeigneten, allgemein verfügbaren Impfstoff gibt! Diese Pandemie macht uns deutlich, dass wir alle blutsverwandt, Schwestern und Brüder sind.

„Machen wir uns eine Kultur des Dialogs zu eigen!“

Zu allen Glaubenden und zu den Frauen und Männern guten Willens sagen wir: Seien wir kreativ und werden wir zu Handwerkern des Friedens; bauen wir soziale Freundschaft auf; machen wir uns eine Kultur des Dialogs zu eigen! Der aufrichtige, beharrliche und mutige Dialog ist das Heil­mittel gegen das Misstrauen, gegen die Spaltungen und gegen die Gewalt. Der Dialog löst von der Wurzel her die Ursachen der Kriege auf, die das Projekt der Geschwisterlichkeit zerstören, das zutiefst zur Berufung der Menschheitsfamilie gehört.

Keiner kann sich dem entziehen. Wir sind alle mitverantwortlich. Wir alle haben es nötig, zu vergeben und um Vergebung bitten. Die Ungerech­tig­keiten der Welt und der Geschichte heilen nicht durch Hass und Rache, sondern durch Dialog und Vergebung.

Gott gebe uns allen diese Ideale ein für den Weg, den wir gemeinsam gehen; er berühre die Herzen aller und mache uns zu Boten des Friedens.

Rom, auf dem Kapitol, 20. Oktober 2020

 

Christian Wolff:

GEDANKEN ZUM TERROR

Der evangelische Theologe und langjährige Pfarrer der Thomaskirche in Leipzig, Christian Wolff, betreibt auf seiner Internetseite (http://wolff-christian.de/) einen Blog, in dem sich mit aktuellen Ereignissen auseinandersetzt und versucht, die christliche Botschaft im säkularen Umfeld zu kommunizieren. So hat er sich in den letzten Wochen mit den islamistischen Anschlägen – von Dresden über Paris und Nizza bis Wien –, insbesondere mit deren religiöser Legitimierung, beschäftigt. Christian Wolff hat der Veröffentlichung seiner Blogeinträge vom 23. 10. („Vom Elend des Fudamentalismus“) sowie vom 3. 11. („Wieder Terror – und wieder die Frage: wie darauf reagieren?“) in „KC“ zugestimmt.

VOM ELEND DES FUNDAMENTALISMUS

Blog vom 23. Oktober 2020

Die grausame Enthauptung des französischen Geschichtslehrers Samuel Paty auf offener Straße im Pariser Vorort Conflans-Saint-Honorine durch einen Islamisten und der tödliche Messerangriff eines syrischen Islamisten auf zwei Touristen in Dresden am 4. Oktober 2020 legen schonungslos offen: Jede Form von Fundamentalismus ist nicht nur menschenfeindlich, Fundamentalismus ist der Vorhof des Terrorismus. An solch horrenden Verbrechen gibt es nichts zu rechtfertigen oder zu beschönigen. Wenn wir aber nun eine Debatte über die Vorgänge in Paris und Dresden führen, dann haben wir sehr zu differenzieren zwischen dem gewalttätigen Fundamentalismus und der Ideologie, dem politischen Pro­gramm, der Religion, auf die er sich beruft. Denn das Wesen des politischen, religiösen, moralischen Fundamentalismus besteht da­rin, dass durch ihn anders denkende, anders glaubende Men­schen in ihrer Integrität so entwertet werden, dass die Auslöschung ihres Lebens als hel­den­haf­te Tat gewertet wird. Im Fundamentalismus geht es eben nicht darum, die eigene Position und Überzeugung zu entwickeln, zu festigen und in einen öffentlichen Diskurs einzubringen. Vielmehr werden die eigene Ideen- oder Glaubenswelt absolut gesetzt, und alle, die sich dort nicht be­hei­maten wollen bzw. diese ablehnen, als lebensunwerter Störfaktor betrachtet. Man macht aus ihnen Ungeheuer, Geziefer, Untermenschen, Teu­felsanbeter, die ihr Lebensrecht verwirkt haben. So wird je­de Hemmung vor todbringender Gewalt ab- und die Brücke zum Terrorismus gebaut.

Es ist der Fundamentalismus, der so gefährlich ist – nicht aber der Islam, das Christentum, der jüdische Glaube, die Moral oder eine radikal links oder rechts ausgerichtete politische Überzeugung. Sie sind für sich genommen Teile der Vielfalt menschlichen Lebens. Über sie muss offen ge­strit­ten werden können. Darum sollten wir uns hüten, fundamentalistische Gewalttaten dazu zu missbrauchen, Religion, Politik, Moral als solche zu bekämpfen. Gleichzeitig müssen aber gerade Religionsgemeinschaften, insbesondere Kirchen und islamische Verbände, ihren Beitrag dazu lei­sten, dass sie offensiv und unaufgefordert den mit ihrem Glauben verbundenen oder den sich auf diesen Glauben berufenden Fun­da­men­ta­lis­mus eindämmen. Sie sind vor allem aufgerufen, den Fundamentalismus grundsätzlich zu ächten. Das schließt ein, dass die eigene Vergangen­heit darauf hin kritisch überprüft wird, wo die Kirche als Institution fundamentalistisch aufgetreten ist.

In diesem Sinn verstehe ich die jüngsten Äußerungen von Papst Franziskus zur Homosexualität als einen – zugegebenermaßen winzigen – Schritt in die richtige Richtung. Der Papst erkennt endlich die Realität der Homosexualität als legitime Lebensäußerung von Menschen an. Damit bricht er mit einer kirchlichen Praxis, Homosexualität als Sünde, Krankheit, Perversität zu betrachten und von Gesellschaften zu erwarten, diese Sicht zu übernehmen. In früheren Zeiten führte das in den Kirchen dazu, Schwule und Lesben gewalttätig auszugrenzen und ihrer Vernichtung ta­tenlos zuzusehen (wie in der Nazizeit). Auch heute noch fühlen sich fundamentalistische Kreise aufgerufen, homosexuell Lebende mit Gewalt zu bedrohen oder Frauen, die abgetrieben haben, bzw. Ärzte, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, an den Pranger zu stellen, ge­walt­tä­tig zu ächten, zu terrorisieren. Darum ist es wichtig, dass die Institutionen, auf deren Glaubensgrundlagen sich Fundamentalisten in ihrem schänd­lichen Tun berufen, klar stellen: Auch wer für sich Homosexualität für eine Sünde oder Perversität hält, auch wer für sich Schwan­ger­schafts­abbruch als Tötungsdelikt wertet – Menschen, die den eigenen Maßstäben nicht genügen, haben ein unveräußerliches Lebensrecht. Die­ses muss gerade von Juden, Christen, Moslems ohne Wenn und Aber verteidigt werden. Gleiches gilt natürlich für die kritische Auseinander­set­zung über Glaubensgüter in einer freien und offenen Gesellschaft. Hier kann und darf es keine Beschränkungen geben – außer denen, die durch das Strafrecht vorgegeben sind.

Es wäre viel geholfen, wenn wir uns in einer demokratischen Gesellschaft einig werden können: Der Fundamentalismus, also die Absicht, nicht nur andere Überzeugungen zu bekämpfen, sondern den Andersdenkenden und Andersglaubenden zu vernichten, ist eine große, Tod bringende Ge­fahr für das multireligiöse und multikulturelle Zusammenleben – und zerstört wie in Paris und Dresden Menschenleben und stürzt die An­ge­hö­rigen der Ermordeten in tiefes Leid. Gerade das muss uns wachrütteln.

 

WIEDER TERROR – UND WIEDER DIE FRAGE: WIE DARAUF REAGIEREN?

Blog vom 3. November 2020

Wieder ein schrecklicher Terroranschlag. Dieses Mal in Wien. Wieder einer, für den offensichtlich islamistisch eingestellte Menschen die Ver­ant­wortung tragen. Wie sollen wir mit einem so horrenden Verbrechen umgehen? Wie darauf als Bürger*in reagieren? Wie Orientierung finden? Was ist zu tun? Dazu sechs Anmerkungen:

Wir müssen als Erstes die Opfer in den Mittelpunkt stellen. Sie und die Angehörigen der Verletzten und Ermordeten sind diejenigen, die die un­ge­heure Last der Tat zu ertragen haben und darunter zum Teil ein Leben lang leiden. Darum gehört ihnen dauerhaft tatkräftige Anteilnahme, Schutz und materielle wie psychologische/seelsorgerische Unterstützung und Empathie.

Das Massaker von Wien wie die Attentate in Dresden, Paris und Nizza müssen ohne jeden Vorbehalt, ohne jeden Anschein einer Recht­ferti­gung ver­urteilt werden. Keine Tat wird durch Hinweis auf noch schlimmere Verbrechen geringer oder erträglicher!

Für die Tat sind natürlich zuerst und vor allem der bzw. die Täter*innen verantwortlich. Dennoch muss bei ideologisch abgeleiteten Verbrechen auch das Umfeld der Täter*innen ausgeleuchtet werden – in diesem Fall islamistische Gruppierungen in den Städten, in denen Terroranschläge ge­plant und ideologisch abgesegnet werden.

Es kommt darauf an, dass diejenigen, die nichts mit diesen gewalttätigen Gruppierungen bzw. Einzeltätern zu tun haben, die aber auch den Islam als ihre Glaubensgrundlage und religiöse Heimat ansehen, sich sehr klar und unmissverständlich von solchen Gruppen und ihren Taten di­stan­zieren und ihren Glauben gegen gewalttätige Fundamentalisten verteidigen. Das gilt aber nicht nur im Blick auf den Islam. Jede Religion muss klare Trennlinien zu denen ziehen, die den Glauben als ideologische Rechtfertigung von Verbrechen missbrauchen.

Alle, die von den Attentaten nicht unmittelbar betroffen sind, aber solche Taten als Angriff auf ihre Lebens- und Glaubensweise verstehen, soll­ten sich davor bewahren, von solchen Verbrechen auf – in diesem Fall – Menschen muslimischen Glaubens zu schließen und entsprechende Aus­grenzzungen vorzunehmen. Ich möchte als evangelischer Christ auch nicht, dass von einem rechtsextremistischen Massenmörder Anders Breivik, der sich 2011 beim Massaker in Oslo und auf der Insel Utoya auf das Christentum berief, auf den christlichen Glauben geschlossen und somit jeder Christenmensch als potentieller Terrorist angesehen und verdächtigt wird.

Von allen Politiker*innen muss erwartet werden, dass sie sich nicht von den islamistischen resp. fundamentalistischen Täter*innen auf die Ebe­ne der Gewalt und des Krieges ziehen lassen. Darum ist es mehr als widersinnig und höchst gefährlich, wenn der französische Innenminister Gérald Darmanin davon spricht, dass „wir … uns jetzt im Krieg gegen den Islamismus (befinden)“. Wer so redet, gönnt den Terroristen einen enor­men ideologischen Erfolg. Denn genau das suchen und wollen sie: Krieg.

Schlussfolgerung: Gerade weil die Terroristen mit brachialer Gewalt alle Grundwerte der Religionen und des menschlichen Miteinanders be­kämp­fen, sind im Kampf gegen den fundamentalistischen Terrorismus die Grundwerte wie Menschenwürde, Freiheit, Gleichberechtigung, Näch­stenliebe, Rücksichtnahme, Gewaltlosigkeit die stärksten Waffen! Sie auch in der Prävention entschlossen anzuwenden, trocknet langfristig gesehen jede Form von Fundamentalismus aus und bewahrt uns das, was Terroristen zerstören wollen.

Quelle: http://wolff-christian.de/blog/

Christian Wolff, 1949 in Düsseldorf geboren, studierte evangelische Theologie in Wuppertal und Heidelberg. Nach dem Vikariat trat er 1977 die Pfarrstelle an der Unions­kirche in Mannheim-Käfertal an. Von 1992 bis 2014 war er Pfarrer an der Thomaskirche Leipzig, seit 1998 1. Pfarrer und Pfarramtsleiter.

2014 hat er die Initiative „Willkommen in Leipzig – eine weltoffene Stadt der Vielfalt“ ins Leben gerufen, die sich für das Grundrecht auf Asyl, für eine menschen­wür­di­ge Aufnahme von Flüchtlingen und für eine multireligiöse und multikulturelle Stadtgesellschaft einsetzt. Seit 2014 ist er als Blogger und Berater für Kirche, Politik und Kultur tätig und hält Predigten und Vorträge zu kirchlichen und gesellschaftspolitischen Themen im In- und Ausland.

Christian Wolff hat mehrere Bücher veröffentlicht: darunter „Osterweiterung. Leben im neuen Deutschland“. Evangelische Verlagsanstalt, 2. Auflage, Leipzig 2013 und „Die Thomaskanzel. Orientierung zwischen Zweifel und Gewissheit“. Evangelische Verlagsanstalt, 2. Auflage, Leipzig 2004. 2017 veröffentlichte er zusammen mit Friedrich Schorlemmer das Memorandum „Reformation in der Krise – wider die Selbsttäuschung

 

 

BUCHTIPP

 

ZELLER, Christian: Revolution für das Klima. Warum wir eine ökosozialistische Alternati­ve brauchen. oekom, München 2020. 248 Seiten, € 22,70

 

Dieses Buch ist ein Muss für alle Mitglieder von sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und vor allem der Umweltbewegung. Es geht konse­quent von der Einsicht aus, dass der grenzenlose Wachstumszwang, der den begrenzten Planeten als Lebensgrundlage für die Menschheit zer­stört, nur gebrochen werden kann, wenn der Zwang zur Kapitalakkumulation, also der Kapitalismus überwunden wird. Die Alternative in Pro­duk­tion, Zirkulation und Konsum wird nicht nur als Forderung oder utopische Vision verkündet, sondern in konkreten Übergangsstrategien in ver­schiedenen Sektoren dargestellt: Umbau der Produktion (Rüstung, Energie, Industrie, Landwirtschaft, radikale Verkürzung der Arbeitszeit), Um­bau der Städte und Ausbau gesellschaftlicher Infrastruktur sowie Umbau des Finanzsystems zu einem öffentlichen Gemeingut. Die öko­so­zia­listische Perspektive wird nicht nur in ihren Grundlagen behandelt, wobei das Scheitern des Kommandosozialismus ausführlich analysiert wird, um daraus zu lernen. Vielmehr werden auch konkrete Strategien der gesellschaftlichen Aneignung dargestellt (Frage des Gemein­eigen­tums, Aneignung der Produktion, der Wissenschaft und Technologieentwicklung), die Überwindung der staatlichen Identifizierung mit den Ka­pi­talinteressen usw. Sehr interessant ist auch die Darstellung des Umbaus der globalen Planungsstrategien der Konzerne zur Profitmaximierung hin zu einer gesamtgesellschaftlichen Planung unter Einbeziehung aller betroffenen Gruppen im Interesse des Gemeinwohls und des nach­hal­ti­gen Stoffwechsels mit der Natur.

 

Zentral ist aber vor allem die Frage der Subjekte der Transformation. Es ist üblich geworden, die Hoffnung auf die sozialen Bewegungen zu set­zen, die so auf den demokratischen Staat einwirken sollen, dass er im Rahmen des existierenden Kapitalismus die Reformen radikalisiert. Dazu gibt es vor allem die Ansätze des radikalen Reformismus (Joachim Hirsch), der sozial-ökologischen Transformation (Ulrich Brand/Markus Wis­sen) und der realutopischen Theorie im Anschluss an Rosa Luxemburg (Michael Brie/Mario Candeias). Zeller argumentiert überzeugend, dass an­gesichts der zeitlichen Dringlichkeit der Klimakatastrophe die Konzerne niemals rechtzeitig die Umsteuerung vornehmen werden – wofür in Deutsch­land der sog. Kohlekompromiss ein jüngstes schlagendes Beispiel ist. Deshalb müssen zentral besonders die Energie- und Auto- sowie die Finanzkonzerne gesellschaftlich angeeignet werden. Das aber kann nur gelingen, wenn sich möglichst viel organisierte Lohnabhängige mit den sozialen und Umweltbewegungen verbünden. Denn sie sind die einzigen, die durch Streiks bis hin zu un­be­fristeten Generalstreiks die Ka­pi­tal­eigentümer unter Druck setzen können, die Produktionsentscheidungen zu demokratisieren. Gleichzeitig muss dies aber von wachsenden Mehr­heiten der Bevölkerung als BürgerInnen und KonsumentInnen mitgetragen werden. Damit entsteht eine neue pluralistische Gestalt eines hi­sto­ri­schen Subjekts in der Verbindung von Lohnabhängigen, KonsumentInnen und AnwohnerInnen. Zusammen können sie radikalere Struk­tur­reformen über die Wahl von Reformregierungen vorbereiten, aber zentral ist, dass diese von den Bündnissen unterstützt werden, den Pres­sio­nen durch die Kapitaleigner zu widerstehen.

 

Ich halte es für das Gebot der Stunde, dass sich die genannten radikal-reformerischen Kräfte mit den hier vertretenen ökosozialistischen Bünd­nis­sen intensiv ins Benehmen setzen und wenn möglich verbünden, was sich konzeptionell nahelegt. Hier wäre Elmar Altvater ein wichtiger Ver­mittler gewesen, dessen Arbeiten schon viele Grundlagen für den hier vorgestellten Entwurf enthalten. Vor allem aber kann durch diesen An­satz die jugendliche Bewegung Fridays for Future nicht nur die naturwissenschaftliche Unterstützung wie durch Scientists for Future er­hal­ten, sondern eine solide gesellschaftspolitische Strategie entwickeln. Denn zu hoffen, ihre Appelle würden von den herrschenden Eigentü­merIn­nen und den mit diesen verbundenen PolitikerInnen gehört werden, ist leider Illusion. Ein weiterer Gesichtspunkt für die Bündnisse in Deutsch­land wäre es zu prüfen, wie weit diese die Artikel 14.2 und 15 des Grundgesetzes, die Sozialpflichtigkeit des Eigentums und die Ver­ge­sell­schaftung von Schlüsselindustrien betreffend, als einen rechtlichen Hebel für die hier vorgeschlagenen politischen Strategien nützen könn­ten.

 

Ulrich Duchrow, Heidelberg