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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 452/453                        November/Dezember 2021

 

 

 

Leonardo Boff:

 

COP26 HAT ES VERSÄUMT, AUF DEN KLIMANOTSTAND ZU ANTWORTEN

 

Der Weltklimakonferenz in Glasgow fehlte der Mut, einen tragischen Klimawandel bis 2030 wirksam zu verhindern. Der Vorschlag des „schritt­weisen Ausstiegs“ aus der Nutzung von Kohle wurde insbesondere auf Druck Indiens auf „schrittweises Auslaufen“ geändert, d. h. Kohle mit ho­hen CO2-Emissionen darf weiterhin genutzt werden. Es war eine Unverschämtheit der reichen Länder, gegen die Einrichtung eines Fonds zur Be­he­bung der Schäden in den durch den Klimawandel bedrohten armen Ländern zu protestieren. Außerdem wurde kein verbindlicher Beschluss gefasst, was bedeutet, dass Länder wie Brasilien und andere wenig oder gar nichts tun, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern. Alles wurde sehr vage gehalten, um einen Minimalkonsens zwischen den 197 dort vertretenen Ländern zu erreichen. Das Problem ist global und ernst und erfordert Dringlichkeit und einen angemessenen Konsens über Grenzwerte, auf die wir nicht warten dürfen.

 

Das durch das Schmelzen der Polkappen und des Permafrosts freigesetzte Methan, das 80-mal schädlicher ist als CO2, hat die Klimastörungen er­heblich verschärft, da es zu den anderen Treibhausgasen CO2, Ozon (O3) und Distickstoffoxid (N2O) hinzukommt. Wir werden also die glo­ba­le Erwärmung nicht bewältigen. Wir sind in sie eingetaucht. Das Pariser Abkommen von 2015 über die Reduzierung von Treibhausgasen, das eini­ge Hoffnungen weckte, wurde nicht erfüllt. Im Gegenteil, die Emissionen stiegen um 60 %. China ist mit 30,3 % der größte Emittent, gefolgt von den Vereinigten Staaten mit 14,4 % und den Europäern mit 6,8 %. Die Verschlechterung war weit verbreitet.

 

Wissenschafter und Klimaexperten haben bereits den Klimanotstand ausgerufen. Patricia Espinosa, UN-Exekutivsekretärin für Klimawandel, sagte bei der Eröffnung der COP26: „Wir sind auf dem Weg zu einem globalen Temperaturanstieg von 2,7 Grad Celsius, obwohl wir das Ziel von 1,5 Grad erreichen sollten.“ Wir wissen, dass sich bei dieser Erwärmung viele Arten nicht anpassen können und verschwinden werden. Mil­lio­nen von armen und schutzbedürftigen Menschen werden in großer Gefahr sein. Angesichts all dessen hat Papst Franziskus in seiner Schluss­bot­schaft zur COP26 zu Recht gesagt: „Wir haben einen Garten erhalten und überlassen unseren Kindern und Enkeln eine Wüste“.

 

Was ist die Ursache? Die Daten der Wissenschafter, die zur COP26 entsandt wurden, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, geben eine Ant­wort: „Der Klimawandel wird durch die Art der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung verursacht, die durch die Natur der capital­isti­schen Gesellschaft hervorgerufen wird, die sich als nicht nachhaltig erweist“. Das Problem ist also nicht das Klima, sondern der Kapitalismus, der weder eine umweltbezogene noch eine sozialpolitische Ökologie kennt.

 

Angesichts der Dringlichkeit des ökologischen Notstandes waren die Ergebnisse der COP26 unzureichend, ja sogar frustrierend. Die einzigen Emp­fehlungen lauteten, die Gase und den Einsatz von Kohle bis 2030 schrittweise zu reduzieren. Sie sollten auf die Hälfte reduziert werden, aber niemand hat sich dieses Ziel gesetzt. Viele haben, vage, unter dem Druck der Kritik in ihren Ländern, wie z. B. Brasilien, Zusa­gen gemacht, jedoch ohne jegliche Verbindlichkeit. China und Indien, die für den Klimaschutz und die An­pas­sung an den Klimawandel entscheidend sind, schwiegen, und erst im letzten Moment einigten sich China und die USA auf eine vor­sichtigere Politik in Bezug auf die Kohlenutzung.

 

Auf den Konferenzen der Vertragsparteien (COP) sitzen Vertreter von Regierungen, praktisch alle von kapitalistischen Regimen. Letztere sind auf­grund ihrer inneren Dynamik überhaupt nicht an Veränderungen interessiert, da dies ein Widerspruch in sich wäre. Sie werden von den großen Kohle-, Öl- und Gaskonzernen unterstützt, die sich stets gegen Änderungen gewehrt haben, um ihre Gewinne nicht zu verlieren. Sie wa­ren stets bei allen COPs anwesend und üb­ten starken Druck auf die Teil­neh­mer im Sinne der Verweigerung aus. Über Kohle und die Um­stel­lung auf saubere Energie ist viel diskutiert worden, aber nur 13 kleine Länder haben sich dazu verpflichtet.

 

Ein anderes Szenario war die Pa­ra­llel­veranstaltung zur COP26, an der Tausende von Vertretern aller Völ­­ker der Welt auf der Straße teilnahmen. Dort wurde die Wahrheit ge­sagt, die die Machthaber nicht hö­­ren wollen: Wir haben wenig Zeit, wir müssen den Kurs ändern, wenn wir das Leben und unsere Zivilisation retten wollen. Auf vielen Plakaten stand: „Ihr stehlt unsere Zu­kunft, wir wollen eine lebendige Erde“.

 

In diesem Zusammenhang war der „5. Internationale Gerichtshof für die Rechte der Natur und des Amazonasgebiets“ wichtig. Neben anderen Un­ter­stützern waren auch Vertreter der 9 Länder des Amazonas anwesend. Die Tatsache, dass die Natur und die Erde Subjekte von Rechten sind, wurde bekräftigt, wie es bereits in den Verfassungen von Ecuador und Bolivien verankert ist und mehr und mehr zu einer neuen Realität im kol­lektiven Bewusstsein wird.

 

Das Amazonasgebiet mit seinen rund 6 Millionen Quadratkilometern, das von etwa 500 verschiedenen Völkern bewohnt wird, erhielt besondere Auf­merksamkeit. Der grundlegende Slogan lautete: „Der Amazonas: ein bedrohtes Lebewesen“. Indigene Völker kamen mit ihren verschiedenen Organisationen und legten Zeugnis ab von ihrem Widerstand, von der Ermordung ihrer Anführer, von der Invasion ihrer Gebiete, sie brachten Vi­deos ihrer Kulturen, Tänze, Ausdrucksformen ihrer fernen Abstammung.

 

Aus den Tiefen des Dschungels kam der Ruf nach einer anderen Art zu leben und sich mit der Natur zu verbrüdern, um zu beweisen, dass es mög­­­­lich ist, gut zu leben, ohne sie zu zerstören. Die Indigenen sind unsere Lehrmeister, denn sie empfinden die Natur als eine Erweiterung ihres Or­ganismus, weshalb sie sie pflegen und lieben, als wäre es ihr eigener Körper.

 

Nach einer gründlichen wissen­schaftlichen Untermauerung, die als Grundlage für die Diskussionen, ob persönlich oder virtuell, diente, wurde die­­ses Urteil gefällt:

 

Das Tribunal verurteilt diejenigen, die direkt für die Verbrechen des Ökozids, des Ethnozids und des Völkermords am Amazonas und seinen Völ­kern verantwortlich sind, nämlich: Banken, Finanziers von Megaprojekten; internationale Unternehmen: Bergbau- und Privatunternehmen, Unternehmen der Agrarindustrie. Und schließlich die Staaten, die kriminelle Handlungen gegen das Amazonasgebiet zulassen, für die struk­tu­rel­le Gewalt, die die Handlungen krimineller Organisationen unterstützt, die in die Gebiete traditioneller Völker eindringen und ungestraft Mor­de, Entführungen von indigenen Führern und Verteidigern der Menschenrechte und der Rechte der Natur begehen“.

 

In dem Urteil werden mehrere Maßnahmen genannt, die vor allem zugunsten der indigenen Völker als natürliche Verteidiger des Amazonas­ge­bie­tes, der Anerkennung des Amazonasgebietes als Rechtssubjekt, der Wiedergutmachung und Wiederherstellung seiner Integrität und der De­kom­mo­difizierung der Natur ergriffen werden müssen. Es entstand der Ausdruck: Wir müssen uns amazonisieren, um das Klima zu regulieren und die Zukunft der biologischen Vielfalt zu sichern.

 

Dieser Artikel von Leonardo Boff ist die leicht gekürzte Fassung des Beitrags „La COP26 no ha respondido a la emergencia climática“, der am 14. No­vem­ber 2021 auf seiner Internetseite  er­schie­nen ist: https://leonardoboff.org

 

 

WAS IST „THEOLOGIE DER BEFREIUNG“?

 

„KC“-Interview mit Pablo Richard

 

Der lateinamerikanische Befreiungstheologe Pablo Richard war einer der Mitbegründer der Bewegung „Christen für den Sozialismus“ 1972 in Chile sowie 1977 – gemeinsam mit Franz Josef Hinkelammert und Hugo Assmann – des  Departamien­to Ecumenico de Investigaciones (DEI)“ in San José de Costa Rica. Unser AKC-Gründungsmitglied Herbert Berger, der am 3. April d. J. verstorben ist, war 1973 in Chile ebenfalls bei den „Christen für den Sozialismus“ enggiert und mit Pablo Richard gut bekannt. Anfang Jänner 1984 nahm Richard in Barcelona an der „Weltversammlung der Christen in den Befreiungskämpfen“ teil. Adalbert Krims, der als einziger Vertreter aus Österreich dabei war, hat Pablo Richard dort persönlich kennengelernt und mit ihm ein Interview für „Kritisches Christentum“ geführt. Am 20. 9. 2021 ist Richard im Alter von 82 Jahren in San José gestorben. Aus diesem Anlass drucken wir das Interview mit ihm aus „KC“ Nr. 75, Februar 1984 (S 9 ff.) in gekürzter Form noch einmal ab.

 

KC: In den letzten Jahren ist in Europa – auch in den Kirchen – viel von „Befreiungstheologie" die Rede. Von Konservativen wird sie mit dem Hin­weis abgelehnt, daß es sich dabei in Wirklichkeit um „Marxismus“ handelt. Reformkatholiken sehen sie hingegen oft als AIternative zum Ma­r­xismus, also als eine Art „Dritten Weg“, Nun ist die Befreiungstheologie in Lateinamerika entstanden. Wie siehst du ihre Rolle?

 

Richard: Die „Theologie der Befreiung" ist weder eine marxistische Theologie, noch eine Alternative zum Marxismus. Es ist sehr schwierig, sie außer­halb des lateinamerikanischen Kontextes zu verstehen. Denn die „Theologie der Befreiung" ist in einem spezifischen historischen Kontext ent­standen; und diesem Kontext ist die Integration der Christen in den Kampf für Befreiung, und zwar in allen Formen dieses Kampfes. Es geht nicht um eine „christliche Praxis" oder um eine „christliche Volksbewegung", sondem es gibt nur eine Volksbewegung, eine revolutionäre Pra­xis, in die die Christen integriert sind. Innerhalb dieser Praxis machen die Christen Erfahrungen, denken sie über ihren Glauben nach, teilen sie ihn mit und feiern ihn.

 

lch möchte es so formulieren: Theologie der Befreiung ist die Reflexion von Christen in der Befreiungspraxis, Wenn Christen ihren Glauben im Be­freiungsprozeß leben und darüber reflektieren, so ist dies Befreiungstheologie. Es handelt sich daher nicht um eine „marxistische Theolo­gie“. Es ist natürlich auch möglich, als Theologe in der Schreibstube den Marxismus als rationalen Rahmen für das Betreiben von Theologie an­zu­nehmen, so wie man früher Theologie in einem aristotelischen Rahmen betrieben hat. Das ist natürlich möglich, aber es ist nicht „Theo­lo­gie der Befreiung“.

 

Für uns steht die Praxis an erster Stelle und erst an zweiter Stelle kommt die Reflexion über die Praxis. Und hier ist natürlich der Marxismus ein wichtiges Instrument, um diese Praxis zu verstehen – und daher kann auch die Theologie marxistisches Denken verwenden. Aber das ist erst der zweite Schritt. Das Wichtigste für die Theologie der Befreiung ist, daß der Glaube in der Praxis gelebt wird.

 

Daher kann Befreiungstheologie auch niemals Ersatz für Praxis sein, weil diese eine Vorbedingung für die Befreiungstheologie ist. Hier muß al­ler­dings klar zwischen Praxis und Aktion unterschieden werden, denn Praxis ist mehr als Aktion. Praxis hat drei Dimensionen: eine theo­re­ti­sche, eine organisatorische und eine politische Dimension. Die politische Dimension bedeutet, daß sie immer in Beziehung zu einer Klasse steht, zur Volksbewegung. Es ist nicht eine individuelle Praxis, sondern eine gesellschaftliche Praxis und diese hat auch ihre theoretische Di­men­sion. Und es gibt keine Praxis ohne politische Organisation. Wenn man sagte, daß Befreiungstheologie Reflexion über den Glauben inner­halb der Praxis ist, so muß man immer diesen Begriff von Praxis – in seinen drei Dimensionen – vor Augen haben.

 

KC: Wenn du davon sprichst, daß Praxis auch eine organisatorische und politische Dimension hat, so beinhaltet das ja auch eine Strategie. Kann diese Strategie auf der Basis der Theologie entwickelt werden oder bedarf es dazu des Marxismus?

 

Richard: Die Ausarbeitung der Strategie ist keine theologische Aufgabe, sondern eine politische Aufgabe. Und Christen arbeiten daran ge­mein­sam mit anderen Menschen mit, ohne besondere Vorrechte und auf derselben Ebene wie andere auch. Wenn Christen im Rahmen von Volks­be­wegungen an der Ausarbeitung einer Theorie und Strategie und am Aufbau einer politischen Organisation mitarbeiten, so besitzen sie dafür kei­ne spezifisch christlichen Kenntnisse oder Erkenntnisse. Christen schaffen die politische Praxis daher nicht „als Christen“, aber dennoch nehmen sie als Christen an dieser Praxis teil. Insofern haben natürlich Glaubenserfahrungen und theologische Reflexionen auch einen Einfluß in den Volksbewegungen.

 

Dieser Einfluß ist schon dadurch geg­ben, daß sich Christen mit religiösen Problemen beschäftigen, die ja auch ein Bestandteil der Realität sind. Und da­durch sind religiöse Probleme auch politische Probleme und auch die Kirche ist – soziologisch gesprochen – ein politisches Problem. Die Christen sind im Befreiungsprozeß natürlich in erster Linie dafür verantwortlich, wie diese Probleme behandelt und gelöst werden. Das ist ähn­lich, wie wenn ein Künstler in eine Partei oder Volksbewegung eintritt. Er wird sich dann in erster Linie für spezielle Aufgaben in bezug auf Volks­kultur usw. verantwortlich fühlen.

 

Zwar werden wir als Christen aus demselben Grunde zu Revolutionären wie andere Menschen auch, aber es gibt eine Dimension in dieser Pra­xis, die keinen direkten Nutzwert hat und die man als „Gnade“ bezeichnen könnte. D. h. daß es für den Christen im Befreiungskampf ein spirituelles Erlebnis gibt, das man rational nicht erklären kann, das aber in bezug auf die Glaubenserfahrung inmitten der Praxis wichtig ist.

 

Und es gibt noch einen anderen Aspekt: die Transzendenz. Wir Christen glauben, daß wir Gott nur in der Geschichte – und zwar konkret in der Be­freiungspraxis – begegnen können. Es gibt keinen anderen Ort der Gottesbegegnung. Wir treffen Gott als die komplette und totale Ver­wirk­li­chung der Praxis – in der Bibel wird dies ausgedrückt im „neuen Himmel“ und der „neuen Erde“ und daß Gott „alles in allem“ ist. Christen glau­­ben, daß sie Gott nur in der Vervollkommnung der Geschichte, in der Praxis, begegnen können und daß die vollkommene Befreiung mög­lich ist. Dieser Glaube kann nicht rational bewiesen werden, sondern wird innerhalb der Praxis als Transzendenz erfahren.

 

Allerdings ergibt sich daraus keine neue Motivation für die Revolution. Ich bin in der Revolution, weil die Revolution notwendig ist, weil es Tod, Armut und Ungerechtigkeit gibt. Wir kämpfen gegen die Ungerechtigkeit, weil dies vernünftig ist. Christen haben dafür keine andere Mo­­ti­va­tion als andere Menschen. Aber wenn ich gegen die Ungerechtigkeit kämpfe, dann mache ich diese spirituelle, transzendentale Er­fah­rung und ich lebe und drücke das in einer Gemeinschaft aus, in meiner Basisgemeinde. Ich denke über diese Erfahrung nach – und das ist Theologie der Befreiung.

 

KC: Wenn Christen keine spezifische Motivation für die Revolution haben, bedeutet das dann, daß es aus der Sicht der Theologie der Be­frei­ung gleichgültig ist, ob ein revolutionärer Prozeß sich selbst christlich begründet oder nicht?

 

Richard: Wir müssen hier zwischen Theologie und Ideologie unterscheiden. Theologie der Befreiung ist keine revolutionäre Ideologie. Ihr Ziel ist es nicht, die revolutionäre Praxis zu rechtfertigen oder für Christen akzeptabel zu machen. Die revolutionäre Praxis hat ihren Sinn in sich selbst und sie rechtfertigt sich aus sich selbst heraus. Eine Revolution ist gut, wenn sie den Menschen Brot, Arbeit, Gesundheit usw. gibt. Wenn wir in dieser Revolution unseren Glauben erfahren, so ist dies nicht eine Rechtfertigung. Denn wenn wir die Revolution von der Theologie her recht­fertigen, dann machen wir aus der Theologie eine Ideologie. Dann sind wir wieder bei der christlichen Ideologie, der christlichen Praxis, der christlichen Partei.

 

Es ist sehr wichtig, daß wir für die Revolution dieselbe Motivation haben wie andere Menschen auch. Als ich nach Kuba kam, akzeptierte ich die Revolution mit demselben Enthusiasmus wie andere Revolutionäre. Für mich ist es nicht wichtig, ob es dort eine christliche Präsenz gibt. Na­türlich leide ich darunter, daß ich eine Kirche sehe, die außerhalb der Revolution steht. Aber auch wenn die Beteiligung der Christen an die­ser Revolution nicht sehr groß ist, erfahre ich in ihr Christus. Aber die Motivation, die kubanische Revolution zu akzeptieren, sind ihre Taten, sind die Schulen, Spitäler usw.

 

In Nicaragua ist das natürlich anders. Dort gibt es eine sehr bedeutende christliche Präsenz in der Revolution. Und das ist auch sehr wichtig, weil es den Christen ermöglicht, diese Revolution als ihre eigene zu verstehen. Für Leute ohne politisches Bewußtsein kann es sogar sein, daß die­­­se christliche Präsenz eine Motivation bzw. Rechtfertigung wird, an der Revolution teilzunehmen.

 

KC: Normalerweise ist der christliche Glaube eher ein Hindernis, sich einem revolutionären Prozeß anzuschließen. Ist es daher nicht legitim, daß Christen oft eine spezifisch christliche Motivation brauchen, um diese Hindernisse überwinden zu können?

 

Richard: Natürlich ist das Christentum, die herrschende Theologie, traditionellerweise an die oberen Klassen gebunden. Es ist ein ideologisches Chri­­stentum. Und sicherlich ist dieses Christentum, diese Kirche, ein großes Hindernis, um in einen revolutionären Prozeß einzutreten. Aber es hat in den letzten Jahrzehnten eine Erneuerungsbewegung gegeben   z. B. das II. Vatikanische Konzil, Medellin, Puebla –, die, wenn auch auf eine sehr reformistische Weise, zu einer Öffnung geführt hat.

 

In Lateinamerika gibt es – historisch betrachtet – drei Phasen: das konservative Christentum, das soziale Christentum und das revolutionäre Chri­­stentum. Das soziale Christentum, das seinen politischen Ausdruck in Christdemokratischen Parteien gefunden hat, hat sicherlich zu einem Auf­brechen des konservativen Christentums geführt und hat soziale Werte in das theologische Denken eingebracht. Und es hat die Kirche gegenüber der Volksbewegung geöffnet, allerdings im Rahmen eines Bündnisses, das von den oberen Klassen dominiert wurde.

 

Dieses Projekt des Populismus – also der Zusammenarbeit eines Teils der nationalen Bourgeoisie, der Mittelschichten und der Volks­be­wegung un­ter bürgerlicher Hegemonie – ist seit den 60er Jahren gescheitert. Einerseits deswegen, weil der Oligarchie – also dem harten Kern der oberen Klas­sen – die Reformen zu weit gingen, und andererseits, weil die Volksbewegungen autonom wurden und sich der Führung durch die Bour­geoisie entzogen. Der Aufschwung der Volksbewegungen wurde allerdings von der Oligarchie durch die Errichtung von Militärdiktaturen brutal un­terdrückt.

 

Die heutige Repression in Lateinamerika führt zu einer Krise des sozialen Christenturns. Denn für ihr Projekt des Populismus gibt es keine Ba­sis mehr. Die reformistische Kirche steht daher vor der Entscheidung, sich entweder wieder mit der Oligarchie zu verbünden – wie früher das konservative Christentum – was aber aufgrund der Repression und der Menschenrechtsverletzungen schwer möglich ist, oder einen Schritt weiterzugehen und sich mit der Volksbewegung zu verbünden, wovor sie ebenfalls Angst hat. Diese Situation, daß das soziale Christentum bzw. die reformistische Kirche vor einer Entscheidungssituation steht, sich aber nicht entscheiden will, bildet den eigentlichen Inhalt der Krise. Aber es ist keine Krise der Kirche, sondern nur eine Krise der reformistischen Kirche. Denn die Volkskirche wird zwar verfolgt, aber sie befin­det sich in keiner Krise. In der Volkskirche gibt es heute eine Konzentration an Theologie – und auch an Märtyrern.

 

 

BUCHTIPP:

 

HINKELAMMERT, Franz J.: Gott wird Mensch und der Mensch macht die Moderne. Zur Kritik der mythischen Vernunft in der abendländischen Geschichte. Ein Essay. Edition Exodus, Luzern 2021. 144 Seiten, Euro 22,--

 

Wer in der Tiefe begreifen will, warum der bürokratische Sozialismus gescheitert ist und warum der totalitäre Kapitalismus lebensgefährlich schei­tern wird und schon scheitert, greife zu diesem Buch. Wer die grundsätzliche Alternativperspektive einer möglichen Rettung der Lebens­be­­din­gungen der Menschheit inmitten der multiplen Krise unserer Zivilisation kennen lernen will, tue es ebenfalls.

 

H. beginnt damit, dass er zeigt, wie der Apostel Paulus im Sinn der Reich Gottes-Botschaft Jesu die erste Charta der Menschenrechte entwirft: Kei­ne Überlegenheit einer Kultur, eines Volkes über die anderen, keine Sklaven und keine Herren, keine Patriarchen und keine unterworfenen Frau­en – kurz, die Gleichheit und Gleichberechtigung aller Menschen und menschlichen Gemeinschaften (vgl. Gal 3, 26-28). Außerdem ent­wirft die Offenbarung Johannis (Apokalypse) die Vision einer Gesellschaft ohne Markt und Geld sowie ohne Staat und Tempel. Beide Ent­wür­fe, die des Paulus und des Johannes haben ihre Wurzel und Gemeinsamkeit in der Überzeugung: Gott wurde und wird Mensch.

 

Diese aus der jüdisch-christlichen Tradition kommende Vorstellung von der Gleichheit wird in der Moderne in verschiedenen Rebellionen als um­zusetzendes Programm aufgegriffen, insbesondere in der französischen Revolution und in Marx' Auffassung, dass der Mensch das höchste We­sen für den Menschen sei und darum alle Verhältnisse umgeworfen werden müssen, in denen der Mensch verelendet wird (s.u.). Das Pro­blem ist nur, wenn man die mythischen Visionen des Paulus und des Johannes als Ziele missversteht, die Schritt für Schritt umzusetzen sind. Dann entstehen „transzendentale Illusionen“, die lebensgefährliche Konsequenzen für die Menschheit haben können. Beispiele sind das Schei­tern des real existierenden Sozialismus und die heute die menschliche Welt in den Abgrund treibende Illusion eines sich selbst regulierenden Marktes. Diese hier knapp angerissenen Themen werden im weiteren Verlauf des Buches entfaltet.

 

Die Moderne bringt in mehrerer Hinsicht die Vorstellung idealer Welten und Kon­zep­te der Perfektion hervor: den perfekten Beobachter in den empirischen Wissenschaften (Max Planck und Wittgenstein), die Ausschaltung der „Werturteile“ (und damit der inhaltlichen Ethik) aus den Tat­sachenurteilen (Max Weber). Dadurch wird die gefährliche Illusion perfekter Funktionsmechanismen erzeugt (vollkommener Wettbewerb, Ma­gie der unsichtbaren Hand und damit der Selbstregulierung des Marktes, Kapitalismus als fetischistische Religion, aber auch die perfekte Pla­­nung). Der Totalitarismus des Marktes in der neoklassischen Ökonomie und der Wirtschaftsordnung des Neoliberalismus mit seinem Klas­sen­kampf von oben zeigt sich u. a. darin, dass nach der Bundeskanzlerin Merkel die Demokratie marktkonform sein muss (statt umgekehrt der Markt demokratiekonform). Wie wir heute sehen, führt dies in den kollektiven Selbstmord.

 

Der Klassiker der Kritik dieser transzendentalen Illusionen ist Karl Polanyi mit seiner Forderung der Einbettung der Wirtschaft in das soziale Ge­füge der Gesellschaften. Aber auch in den alten Weisheiten gibt es Vorstellungen des gelungenen Zusammenlebens wie bei Paulus Gal 3, 26-28, auch bei Laotse, dem Begründer des Daoismus. In der Moderne kommt es zum Kriterium der kommunistischen Gerechtigkeit: Jeder nach sei­nen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Zentral geht es dabei darum, diese Konzepte nicht als Ziele für asymptotische Annähe­rung mit dem Anspruch der Endgültigkeit zu versehen, sondern als Orientierungspunkte, an denen die jeweiligen Kämpfe um Verbes­serum­gen auszurichten sind. Die Befreiung von transzendentalen Illusionen ist eine zentrale Aufgabe von Befreiungstheologie.

 

Kernpunkt ist in der Situation der Überlebenskrise die Orientierung an der Lebenswirklichkeit und den konkreten Lebenszusammenhängen, deren ultimativer Ausdruck die Auferstehungsperspektive des Neuen Testaments ist. Die Herrschaft des Geldes und des Marktes bedeuten Tod. Da sie aber nicht abzuschaffen sind – das hat sich im sowjetischen Experiment auch empirisch gezeigt – geht es nun um systematische Inter­ven­tionen in den Markt in sozialer und ökologischer Perspektive. Schon im Prager Frühling (bis 1968) und im Chile Allendes, nach dem Sieg der Unidad Popular (1970-73) gab es die Diskussionen (an denen H. persönlich teilnahm, dass Sozialismus zu verstehen sei als „systematische Intervention in den Märkten“ (124). Dies ist durchaus mit dem „kategorischen Imperativ“ von Marx identisch, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (MEW 1, 385).

 

Hier wäre nun weiterzuarbeiten. Was könnte systematische Intervention in den Märkten konkret bedeuten? „Systematisch“ würde ja wohl heißen, dass nicht nur nachträgliche Umverteilung kapitalistisch erwirtschafteter Gewinne stattfinden soll, wie es in der sog. Sozialen Markt­wirt­schaft nach dem 2. Weltkrieg der Fall war. Das würde heute auf keinen Fall ausreichen, da das damalige Modell auf maximalem Wachstum auf­baute. Gerade der Wachstumszwang der Wirtschaft muss gebrochen werden, der dadurch entsteht, dass Kapital seinem Wesen nach wach­sen muss. Deshalb ist die kapitalistische Wirtschaft dadurch gekennzeichnet, dass ihr Motor Profitmaximierung ist. Systematische Intervention müss­te also heißen, in der Marktwirtschaft so weit wie möglich das kapitalistische Prinzip auszuschalten. Wo müsste man da einsetzen? Es gin­ge um die vier Grundsäulen des herrschenden kapitalistischen Systems: Eigentums-, Geld und Arbeitsordnung, dazu die Frage des Zugriffs auf die Natur. Das Eigentum müsste umfassend gemeinwohlpflichtig gemacht werden (vgl. DUCHROW, Ulrich / Hinkelammert, Franz J.: Leben ist mehr als Kapital. Alternativen zur globalen Diktatur des Eigentums. Oberursel: Publik Forum (2002), 2005 2. Aufl., Kap. 7). Das Geld- und Kre­dit­system müsste zu einem öffentlichen Gut werden (vgl. BENDER, Harald /Norbert Bernholt, Klaus Simon, Akademie solidarische Öko­no­mie (Hrsg.): Das dienende Geld. Die Befreiung der Wirtschaft vom Wachstumszwang. München: oekom, 2013). Arbeit wäre partizipatorisch zu or­ganisieren (vgl. DIEFENBACHER, Hans u.a.: Zwischen den Arbeitswelten. Übergang in die Postwachstumsgesellschaft. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch, 2016). Mit der Natur müssen wir Wirtschaftlich in einer „Ökonomie der Verbundenheit“ umgehen (vgl. SCHEIDLER, Fabian: Der Stoff, aus dem wir sind. Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen. München: Piper, 2021). In den Arbeiten der welt­wei­ten christlichen Ökumene seit fast 40 Jahren werden diese Ansätze bezeichnet mit dem gemeinsamen Begriff „Wirtschaft(en) im Dienst des Lebens“ (vgl. https://kairoseuropa.de/veroeffentlichungen/bestellungen-shop/).

Ulrich Duchrow