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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 496/497               März/April 2026                                         

 

 

KRIEG IST MIT GOTTES WILLEN UNVEREINBAR

Gemeinsame ökumenische Erklärung zur Ausweitung des Konflikts im Nahen Osten

Der Ökumenische Rat der Kirchen, der Nahost-Kirchenrat, der Lutherische Weltbund, die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen, der Weltrat Methodistischer Kirchen, die Mennonitische Weltkonferenz, die Christliche Konferenz Asiens und die ACT Alliance bringen gemeinsam ihre tiefe Besorgnis über die humanitären und sozialen Auswirkungen des sich ausweitenden Konflikts im Nahen Osten und die damit einhergehende Bedrohung für den Frieden und die Sicherheit der Region und der Welt zum Ausdruck.

Nachdem die mehr als 92 Millionen Menschen im Iran viele Jahre lang mit komplexen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen konfrontiert waren, sehen sie sich nun den unmittelbaren Bedrohungen des aktuellen Konflikts und einer sehr ungewissen Zukunft gegenüber.

Der Einsatz von Gewalt durch die USA und Israel gegen den Iran, die Ermordung des iranischen Obersten Führers Ali Khamenei am 28. Februar und die darauffolgenden iranischen Vergeltungsmaßnahmen haben zu einem Krieg geführt, der den Frieden in der gesamten Region und darüber hinaus bedroht. Er gibt zudem Anlass zu ernster Besorgnis um die Sicherheit und das Wohlergehen der Zivilbevölkerung. Ein tragisches Beispiel hierfür sind die Berichte über den Tod von bis zu 175 Schülerinnen und Angestellten bei einem Raketenangriff auf eine Mädchenschule in der südiranischen Stadt Minab.

Die humanitären Risiken und das Leid werden sich mit der Dauer dieses Konflikts unweigerlich ver-schärfen. Darüber hinaus sind wir zutiefst besorgt über die zunehmenden Berichte über schwerwiegende Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht während der laufenden Militäroperationen. Wir bestehen da-rauf, dass alle Konfliktparteien aus moralischer und rechtlicher Verpflichtung die Zivilbevölkerung vor Schaden schützen und Angriffe auf zivile Gebiete und Infrastruktur unterlassen müssen.

Darüber hinaus befürchten wir, dass der Konflikt eine neue Phase anhaltender Gewalt und Instabilität in der gesamten Region auslösen könnte. Er hat bereits viele Länder in der Region und darüber hinaus erfasst. Im Libanon ist die Situation zu einem umfassenden israelischen Angriff eskaliert, der mehrere Regionen des Landes, darunter die Hauptstadt Beirut, getroffen hat. In Wohngebieten im Libanon, insbesondere in den südlichen Vororten Beiruts und in weiten Teilen Südlibanons, wurden massive Zerstörungen angerichtet. Die Verschärfung der Kampfhandlungen hat zu weit verbreitetem Leid unter der Zivilbevölkerung geführt und Hunderttausende Menschen zur Flucht gezwungen. Auch der Irak ist von der regionalen Eskalation betroffen; wachsende Spannungen und Sicherheitsbedenken verschärfen die ohnehin fragile Lage zusätzlich. Iranische Vergeltungsschläge haben zudem mehrere Golfstaaten sowie Zypern und Aserbaidschan getroffen.

Darüber hinaus sind wir zutiefst besorgt, dass diese Angriffe und ihre Folgen wahrscheinlich zu noch größeren Bevölkerungsverschiebungen in einer Region führen werden, in der es bereits eine sehr hohe Zahl von Binnenvertriebenen gibt und in der die Vorkehrungen und die Planung zur Sicherstellung des Wohlergehens von Binnenvertriebenen innerhalb des Irans oder von Flüchtlingen in Nachbarländern völ-lig unzureichend sind.

Neben den unmittelbaren Folgen von Tod, Zerstörung und Vertreibung im Iran und den am stärksten betroffenen Ländern beeinträchtigt dieser Konflikt bereits jetzt das Leben und die Existenzgrundlagen von Menschen, Gemeinschaften und Gesellschaften in der gesamten Region. Wie die übrige Gesellschaft im Iran und in der weiteren Umgebung sind auch Kirchen und christliche Gemeinden den Gefahren ausgesetzt, die dieser Krieg für ihre Zukunft birgt.

Es muss betont werden, dass die gemeinsamen Angriffe Israels und der USA eindeutig gegen interna-tionales Recht verstoßen. Sie erfolgen ohne glaubwürdige Begründung für die angeblich unmittelbare Bedrohung durch den Iran und stellen einen eklatanten Verstoß gegen die UN-Charta dar, die gerade geschaffen wurde, um die Völker der Welt vor der Geißel des Krieges zu bewahren. Die Aufgabe der Diplomatie zugunsten eines bewaffneten Angriffs ist rücksichtslos und unverantwortlich.

Nachdem Israel und die Vereinigten Staaten von Amerika diesen Weg eingeschlagen haben, darf ihnen nicht erneut erlaubt werden, Verwüstung anzurichten und dies Frieden zu nennen. Sie müssen die Verantwortung für die Folgen ihres Handelns übernehmen, einschließlich der Folgen für die Zukunft des iranischen Volkes, dessen Freiheit sie angeblich fördern.

Wir appellieren an alle Staaten, einen sofortigen Waffenstillstand zu vollziehen, die diplomatischen Bemühungen und den politischen Dialog über die etablierten internationalen und regionalen Mechanismen dringend wieder aufzunehmen und ihre Verpflichtungen nach dem Völkerrecht, einschließlich der UN-Charta, uneingeschränkt zu erfüllen.

Unser Appell gründet sich auf unseren Glauben und unsere christlichen ethischen Werte sowie auf Recht und Politik. Wir bekräftigen, dass Krieg mit Gottes Wesen und seinem Willen für die Menschheit unver-einbar ist und unseren grundlegenden christlichen Prinzipien widerspricht. Frieden ist ein moralisches und spirituelles Gebot, das in unserem Glauben an einen gerechten und barmherzigen Gott wurzelt und ein Geschenk ist, das nicht durch Gewalt oder Waffenstärke erlangt werden kann. Die Würde des Menschen ist heilig und spiegelt das Ebenbild Gottes wider. Jeder Angriff auf das Leben von Zivilisten oder jede systematische Verletzung der Menschenrechte, sei es durch einen Angriff von außen oder durch Unterdrückung von innen, ist ein direkter Angriff auf die von Gott gegebene Menschenwürde und die Heiligkeit des Lebens.

In diesem Konflikt und im globalen Kontext beklagen wir den Mangel an Moral und Recht, die vorherrschende Arroganz und die Ideologien der Macht sowie die Verdrängung des Gewissens durch politischen Nutzen. Als Christen erkennen wir keine göttliche Legitimation zum Töten, Zerstören, Vertreiben oder Besetzen an. Wir verkünden die von Gott gegebene Menschenwürde und die Rechte aller Menschen, gleich und ohne Diskriminierung. Wir lehnen die brutale Logik von Krieg und Herrschaft ab. Wir sehnen uns nach Frieden.

Wir beten für die Menschen im Nahen Osten, die viel zu lange und viel zu oft unter Gewalt gelitten haben – verursacht durch Interventionen von außen. Wir laden alle Kirchen und Christen weltweit sowie alle Menschen des Glaubens und guten Willens ein, sich dem Gebet für den Frieden im Nahen Osten und überall dort anzuschließen, wo Konflikte und Streitigkeiten herrschen.

Gott, beende Gewalt und Ungerechtigkeit.

Inspiriere die Verantwortlichen, sich für das Wohl aller Menschen einzusetzen.

Möge deine Liebe und dein Mitgefühl siegen und die Nationen im gemeinsamen Streben nach Frieden vereinen.

Lass dein Friedensreich auf Erden herrschen wie im Himmel

 

Quelle: Independent Catholic News, London, 9. 3. 26, www.indcatholicnews.com

Ökumenische Nachrichten, Genf, 10. 3. 26, www.ecumenicalnews.com

 

 

IRAN-KRIEG MORALISCH NICHT GERECHTFERTIGT

Interview mit Kardinal Robert McElroy, Erzbischof von Washington

Kardinal Robert W. McElroy, Erzbischof von Washington, beantwortete in einem E-Mail-Interview Fragen der Zeitung „Catholic Standard“ der römisch-katholischen Erzdiözese Washington zu den US-Angriffen auf den Iran. Seine Antworten wurden am 9. März auf der Website des „Catholic Standard“ veröffentlicht und sind in der Druckausgabe der Zeitung vom 12. März erschienen.

Frage: Kardinal McElroy, es ist nun eine Woche her, seit die Vereinigten Staaten und Israel Angriffe auf den Iran gestartet haben, und Israel hat auch den Libanon angegriffen. Diese Woche haben Sie in Pfarreien in der gesamten Erzdiözese Washington die Messe gefeiert. Was sagen die Gemeindemitglieder, mit denen Sie gesprochen haben, zu dieser Situation?

Kardinal McElroy: Ich habe eine sehr große Besorgnis über den Krieg im Iran festgestellt, und viele Gemeindemitglieder haben mir ihre Sorgen mitgeteilt. Fast alle sind zu Recht der Meinung, dass das Regime von Khamenei seit Jahrzehnten eine brutale und repressive Regierung ist, die den Terrorismus in der ganzen Welt verbreitet hat und ersetzt werden sollte. Aber es gibt große Befürchtungen, dass dieser Krieg außer Kontrolle geraten und die Vereinigten Staaten immer tiefer hineinziehen könnte. Mehrere Gemeindemitglieder haben mir erzählt, dass sie Söhne oder Töchter beim Militär haben und befürchten, dass diese in Gefahr geraten könnten. Viele sprechen von den beiden früheren Kriegen im Irak und dem Mangel an Frieden und Einheit, den diese trotz hoher amerikanischer Verluste und immenser Kosten hinterlassen haben. Andere glauben, dass es trotz dieser Realitäten jetzt an der Zeit ist, dass die Vereinigten Staaten die Theokratie im Iran beenden und eine freundlichere und friedlichere Regierung einsetzen.

Frage: Welche Erkenntnisse liefert die katholische Lehre zum Thema Krieg hinsichtlich der Angriffe auf den Iran und der iranischen Gegenangriffe in der gesamten Golfregion?

Kardinal McElroy: Die Kirche hat eine lange und umfangreiche Lehre zu den Themen Krieg und Frie-den. Im Mittelpunkt dieser Lehre steht ein unerschütterlicher Widerstand gegen den Krieg. Papst Joha-nnes Paul II. lehnte den Irakkrieg 2003 entschieden ab und erklärte kategorisch, dass Krieg „immer eine Niederlage für die Menschheit ist“. Papst Franziskus forderte die vollständige Abschaffung des Krieges und erklärte, dass „jeder Krieg die Welt schlechter hinterlässt, als sie vorher war“. Papst Leo hat mit Be-sorgnis festgestellt, dass derzeit in vielen Ländern ein rasender Kriegseifer herrscht, der mit dem katho-lischen Glauben völlig unvereinbar ist. Im Kern bezeugen alle diese päpstlichen Lehren, dass wir Nachfolger Jesu Christi sind, der die Friedensstiftung in den Mittelpunkt seiner Berufung zur Nachfolge und Treue gestellt hat. Gewaltlosigkeit muss die erste Haltung der Katholiken in der Welt sein.

Gleichzeitig hat die Kirche in einigen Notfällen historisch gesehen den Rückgriff auf Krieg erlaubt, wenn sechs Bedingungen klar und gleichzeitig erfüllt sind:

1. Gerechter Grund: Der Krieg muss zur Verteidigung gegen einen schweren und sicheren Angriff auf eine Nation, ihre Verbündeten oder eine wehrlose menschliche Gemeinschaft geführt werden.

2. Die legitime Autorität des Landes, das einen Krieg in Erwägung zieht, muss den Krieg erklären.

3. Das Land zieht mit der richtigen Absicht in den Krieg, nämlich um die spezifische gerechte Sache wiederherzustellen und den Frieden wiederherzustellen.

4. Krieg ist das letzte Mittel, um die Aggression abzuwehren.

5. Die zu erwartenden Zerstörungen durch den Krieg dürfen den zu erwartenden Nutzen nicht überwiegen.

6. Es besteht eine begründete Aussicht auf Erfolg.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt erfüllt die Entscheidung der USA, gegen den Iran in den Krieg zu ziehen, mindestens drei Anforderungen nicht, die für einen moralisch legitimen Krieg erforderlich sind:

Das Kriterium der gerechten Sache ist nicht erfüllt, da unser Land nicht auf einen bestehenden oder unmittelbar bevorstehenden und objektiv nachweisbaren Angriff des Iran reagiert hat. Wie Papst Benedikt kategorisch erklärt hat, unterstützt die katholische Lehre keinen Präventivkrieg, d. h. einen Krieg, der durch Spekulationen über zukünftige Ereignisse gerechtfertigt wird. Würde ein Präventivkrieg moralisch akzeptiert, würden alle Grenzen für die Rechtfertigung eines Krieges extrem gefährdet.

Das Kriterium der richtigen Absicht ist bei der Entscheidung unseres Landes, den Iran anzugreifen, nicht erfüllt. Eines der beunruhigendsten Elemente dieser ersten Tage des Krieges im Iran ist, dass unsere Ziele und Absichten völlig unklar sind und von der Zerstörung des konventionellen und nuklearen Waffenpotenzials des Iran über den Sturz seines Regimes bis hin zur Errichtung einer demokratischen Regierung und der bedingungslosen Kapitulation reichen. Man kann das Kriterium der richtigen Absicht der Tradition des gerechten Krieges nicht erfüllen, wenn man keine klare Absicht hat.

Schließlich entspricht unser derzeitiger Kriegseinsatz nicht der katholischen Lehre vom gerechten Krieg, da es keineswegs klar ist, dass die Vorteile dieses Krieges den Schaden, der angerichtet wird, aufwiegen werden. Der Nahe Osten ist die instabilste Region der Welt und die unberechenbarste. Der Krieg hat be-reits unbeabsichtigte Folgen gehabt. Die moralisch verwerfliche Entscheidung des Iran, seine Nachbarn in der Region anzugreifen, hat die Zerstörung ausgeweitet. Der Libanon könnte in einen Bürger­krieg stürzen. Die weltweite Ölversorgung steht unter großem Druck. Der mögliche Zerfall des Iran könnte durchaus neue und gefährliche Realitäten hervorbringen. Und die Möglichkeit immenser Verluste auf al-len Seiten ist enorm.

Aus all diesen Gründen kommt die katholische Lehre zu dem Schluss, dass unser Eintritt in diesen Krieg moralisch nicht gerechtfertigt war.

Frage: Was raten Sie den Katholiken in der Erzdiözese Washington, wie können sie auf die Ereignisse im Nahen Osten reagieren?

Kardinal McElroy: Ich halte es für unerlässlich, dass die Katholiken in unserer Erzdiözese für Frieden und ein sofortiges Ende dieses Konflikts beten. Wir sollten für unsere Soldaten und Soldatinnen beten. Wir sollten für die christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten beten, die dort die letzten Bastionen des katholischen Glaubens sind, insbesondere im Libanon, wo die große und spirituell schöne katholische Gemeinschaft weiterhin Zeugnis für das Christentum in der Region ablegt.

Als Bürger und Gläubige sollten wir unseren politischen Vertretern un­sere Position zu diesem sich aus-weitenden Krieg mitteilen und diesem Land, das wir so sehr lieben, unsere eigene Führung geben. Darüber hinaus sollten wir diejenigen in unseren Familien, unseren Gemeinden und unseren Gemeinschaften, die besorgt sind, trösten, damit der Trost des Heiligen Geistes mit ihnen sei.

Schließlich und vor allem müssen wir sicherstellen, dass dieser Krieg nicht zu einem langwierigen Kon-flikt wird, der von Ziel zu Ziel und von Strategie zu Strategie taumelt. Eine der wichtigsten katholischen Lehren über Krieg und Frieden besagt, dass Nationen die strikte Verpflichtung haben, einen Krieg so schnell wie möglich zu beenden. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, moralisch nicht legitim war. Krieg folgt einer Logik, die ihn vorantreibt und in seinem Ausmaß und seiner Dauer eskalieren lässt. Unser Land ist in der jüngsten Vergangenheit Opfer dieser Logik des Krieges geworden, insbesondere im Nahen Osten. Wir müssen alle zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass dieser Expansionismus uns in einen anhaltenden Sumpf im Iran führt.

Frage: Was sind Ihre Bedenken hinsichtlich der Zukunft unseres Landes und unserer Welt, während die-ser Krieg weitergeht?

Kardinal McElroy: Meine tiefste Sorge in diesen Fragen gilt vor allem dem allgemeinen Verfall der moralischen Normen in unserem eigenen Land und weltweit. Denn die moralischen Fragen, mit denen wir heute im Iran konfrontiert sind, sind Teil eines größeren Problems der moralischen Erneuerung und des Dialogs, das in unserem Land, das wir so sehr verehren, dringend notwendig ist. Die Gründer unserer Nation glaubten, dass Amerika nur dann erfolgreich sein würde, wenn seine moralischen Grundlagen solide und stark wären. Wir vergessen so leicht, dass es zu Beginn unserer Nation als demokratische Republik keine andere Nation gab, die eine Demokratie war. Auch in den vorangegangenen tausend Jahren hatte es keine gegeben. Ihr Projekt war ein echtes Experiment in Demokratie. Das gleiche Bedürfnis nach moralischer Erneuerung, das bei unserer Gründung vorhanden war, besteht auch heute noch in eindringlicher Weise. Ich bete dafür, dass wir in unserem 250. Jahr diese Herausforderung mit Eifer, Einigkeit und Anmut angehen mögen.

Quelle: „Catholic Standard“, Washington, 9 3. 2026. www.cathstan.org

Robert Walter Kardinal McElroy, geb. 5. 2. 1954 in San Francisco. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaften  (Doktorat 1989 an der Stanford University) und Theologie (Doktorat 1987 an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom). Priesterweihe im April 1980. Im Juli 2010 Ernennung zum Weihbischof von San Francisco durch Papst Benedikt. Im März 2015 ernannte ihn Papst Franziskus zum Diözesanbischof von San Diego und im August 2022 zum Kardinal. Im Jänner 2025 berief Papst Franziskus Kardinal McElroy zum Erzbischof von Washington.

 

 

BISCHOF MAXIMILIAN AICHERN +

Ein persönlicher Nachruf

Von Adalbert Krims

Ich war einige Jahre in der Diözese Linz angestellt und bin im März 1970 unfreiwillig ausgeschieden. Der damalige Diözesanbischof Franz Zauner, der persönlich meine Entlassung aus allen kirchlichen Funktionen und den Entzug der „missio canonica“ (kirchliche Lehrerlaubnis als Religionslehrer) angeordnet hatte, hat niemals auch nur ein Wort mit mir gesprochen. Sein Weihbischof und ab 1973 auch Generalvikar, Alois Wagner, war vorher Diözesanjugendseelsorger und mit ihm habe ich einige Jahre in der Leitung der diözesanen Jugendarbeit zusammengearbeitet. Er war auch Präsident der Diözesansynode und hat die Entscheidungen des Diözesanbischofs mitgetragen. Wagner hatte innerkirchlich einen guten Stand sowohl bei den Priestern als auch den Laienorganisationen – und war auch gut mit der Landeshauptmann-Partei ÖVP vernetzt. Außerdem galt er als der Doyen der katholischen Entwicklungshilfe und war auch Geistlicher Assistent des Österreichischen Entwicklungshilfedienstes (ÖED) und anderer kirchlicher Entwicklungsorganisationen. Er galt daher als der logische Nachfolger von Bischof Zauner, der 1980 seinen Rücktritt aus Altersgründen einreichte, dann aber noch bis Anfang 1982 die Diözese als Apostolischer Administrator leitete. Entgegen allen Erwartungen wurde aber Wagner von Rom nicht zum Diözesanbischof erkoren. Allerdings wurde er zum Titularerzbischof ernannt (also quasi hierarchisch aufgewertet) und nach Rom als Vizepräsident des Päpstlichen Rates „Cor unum“ berufen, der vatikanischen Koordinationsstelle aller kirchlichen Sozial- und Entwicklungshilfewerke.              

Jedenfalls wurde im Mai 1981 der Abt des Stiftes St. Lambrecht in der Steiermark und zum damaligen Zeitpunkt auch Abtpräses der Österreichischen Benediktinerkongregation, Maximilian Aichern, von Rom als neuer Linzer Diözesanbischof ausersehen. Dieser lehnte zuerst mehrmals ab, nahm aber schließlich im Dezember auf Drängen von Kardinal König die Ernennung an und wurde am 17. Jänner 1982 im Linzer Mariendom von Kardinal Franz König zum Bischof geweiht (Mitkonsekratoren waren sein Vorgänger Bischof Zauner und Weihbischof Wagner). Aichern ist in Wien als Sohn eines Fleischhauers aufgewachsen und hat diesen Beruf auch erlernt und ausgeübt. Zu seinem Glück war aber seine Schwester bereit, den elterlichen Betrieb zu übernehmen, so dass er ins Benediktinerstift St. Lambrecht eintreten und in Salzburg und Rom Theologie studieren konnte. Zu Linz und Oberösterreich hatte er bis dahin kei-ne Beziehungen. Deshalb gab es am Anfang durchaus Skepsis gegenüber dieser „Ernennung aus Rom“. Ich war zum damaligen Zeitpunkt bereits mit Bischof Vekoslav Grmič befreundet, der gerade 2 Jahre zuvor von Papst Johannes Paul II. bei der Bischofsernennung in Maribor übergangen wurde (obwohl er zu-vor Weihbischof und Generalvikar war und nach dem Tod von Diözesanbischof Držečnik die Diözese 2 Jahre als Kapitelvikar leitete). Grmič sagte mir, dass er Aichern gut kenne und persönlich auch mag. Da das Stift St. Lambrecht früher Besitzungen in der Diözese Maribor hatte, gibt es nach wie vor gute Kontakte zwischen dem Stift und der Diözese. Dadurch habe er auch Abt Aichern kennengelernt. Grmič meinte, er sei ein frommer Mann und passe daher in das Bild der Bischofsernennungen durch Johannes Paul II., der fromme Ordensmänner auch deshalb schätze, weil sie den Gehorsam gelernt haben. (Grmič hat diese Einschätzung von Aichern später revidiert).

Bischof Grmič war in den 1980er Jahren mehrmals bei AKC-Veranstaltungen in Österreich und ich ha­be für ihn auch Vorträge organisiert, darunter (gemeinsam mit Alois Reisenbichler) einen in Golling im Bezirk Melk. Eigentlich muss ein katholischer Bischof, der in einer anderen Diözese auftritt, vorher den dortigen Diözesanbischof informieren, was Grmič aber unterlassen hatte. Der damalige St. Pöltner Diöze-sanbischof Franz Žak erließ daher für die Zukunft ein Auftrittsverbot für Grmič in seiner Diözese und informierte darüber auch die Bischofskonferenz, wobei er ausdrücklich vor den Ansichten von Grmič warnte. Einige Monate später war ich mit Bischof Grmič in Oberösterreich unterwegs, wo er zuerst einen Vortrag bei der Sozialistischen Jugend in Neumarkt i. M. hielt und am nächsten Tag in der Arbeiterkammer in Linz. Wiederum hatte er den zuständigen Ortsbischof nicht vorher informiert. Plötzlich erhielt er einige Tage vor der Veranstaltung einen Anruf von Bischof Aichern und befürchtete schon, dass er sich über die Nicht-Information beschweren würde. Aber Aichern bedauerte nur, dass er erst jetzt von dem Vortrag in der Arbeiterkammer erfahren habe, aber leider aus Termingründen (er hatte schon länger einen Abendtermin außerhalb von Linz zugesagt) nicht hingehen könne. Aber Grmič müsse unbedingt bei ihm im Bischofshof übernachten. Ich begleitete Grmič zum Eingang des Bischofshofs in der Herrengasse. Dort öffnete uns Prälat Schicklberger, den ich noch als Sekretär von Bischof Zauner kannte – und er mich auch! Er war offensichtlich verwundert, dass ich Bischof Grmič begleitete und bat uns, kurz zu warten, er werde den Bischof verständigen. Als Schicklberger zurückkam, wollte ich mich schon von Grmič verabschieden und gehen, da sagte Schicklberger: „Der Herr Bischof möchte auch Herrn Krims zum Kaffee einladen!“ Das war mei­ne erste persönliche Begegnung mit Aichern, der mich gleich begrüßte: „Sie kommen ja aus Freistadt, da war ich gerade kürzlich auf Visitation.“ Und: „Sie haben ja auch länger in der Diözese gearbeitet. Ich habe viel Gutes über Sie gehört!“ (Wahrscheinlich nicht nur Gutes, aber das erwähnte er nicht).

In den 1980er Jahren habe ich dann aus der Diözese Linz immer wieder Positives über Bischof Aichern erfahren. So erzählte mir damals VOEST-Pfarrer Hans Wührer, dass ihn der Bischof im Zusammenhang mit seinem Einsatz als Brigadist in Nicaragua im Februar 1984 anrief. Nachdem es zuvor bereits Kritik aus konservativen Kreisen an diesem Einsatz gegeben hat (bis hin zum Vorwurf, dass das mit dem priesterlichen Amt nicht vereinbar sei), vermutete Wührer, dass der Anruf des Bischofs damit zusammen-hinge. So war es auch: Allerdings meinte Aichern, dass er selbst den Einsatz nicht beurteilen könne, aber voll auf Wührer vertraue. Und er würde gerne einen kleinen Beitrag leisten, indem er einen Sonntags-gottesdienst in der VOEST-Pfarre als Vertretung übernehme. In der Diözese Linz gab es damals eine recht aktive Gruppe reaktionärer Priester und Laien, die irgendwelche „liturgischen Verfehlungen“ oder nicht lehramtsgetreue Aussagen fortschrittlicher Priester (oder Laienfunktionären) sofort dem Bischof meldeten (das habe ich ja einige Jahre im kirchlichen Dienst unter Bischof Zauner am eigenen Leib erfahren). Als sie aber sahen, dass sie bei Aichern – im Unterschied zu sei­nem Vorgänger – damit nichts erreichten, wurden zunehmend solche Berichte direkt nach Rom geschickt. Es kam dann auch vor, dass Bischof Aichern aus Rom auf angebliche Verfehlungen von Priestern hingewiesen wurde. Er rief dann die betreffenden Priester persönlich an und teilte ihnen mit, was ihm aus Rom übermittelt wurde. Und damit war der Fall erledigt.

Mein nächster Kontakt mit Bischof Aichern war dann erst im März 2005 im Zusammenhang mit dem Tod von Bischof Grmič, über den er mich informierte. Dann kam im Mai 2005 die überraschende Nachricht, dass Papst Benedikt XVI. das Rücktrittsgesuch von Aichern aus Altersgründen (das jeder Bischof mit 75 Jahren einreichen muss) angenommen habe. Zu diesem Zeitpunkt war Aichern aber erst 72. Es war also offensichtlich, dass es Intrigen gegen ihn gegeben hat. Ich war damals Redakteur in der Reli-gionsabteilung des ORF-Hörfunks und habe auch einen Bericht zu dem Thema gemacht. Bischof Aichern hat mir als scheidender Bischof von Linz einen Brief geschrieben, in dem er mir ausdrücklich für meine „Verdienste für die Diözese“ gedankt hat. Das hat mich wirklich gerührt, da ich von seinem Vorgänger ja gewissermaßen „unehrenhaft“ aus der Diözese entlassen wurde. Nun hatte mich der (noch) amtierende Diözesanbischof quasi „rehabilitiert“.

Im Mai 2011 traf ich Bischof Aichern bei der Verleihung des Papst-Leo-Preises in Horn, den meine Freunde Alois Reisenbichler und Jussuf Windischer (für das Caritas-Integrationshaus Innsbruck) erhielten. Es war auch der Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz anwesend, der mit Dienstauto und Chauffeur angereist war. Offenbar war damals die Kommunikation im Linzer Bischofshof nicht optimal, denn sein Vorgänger Aichern fragte Pfarrer Hans Wührer, der ebenfalls nach Horn fuhr, ob er ihn im Auto mitnehmen könne.

Eine weitere Begegnung, an die ich mich gut erinnere, war beim Treffen anlässlich „70 Jahre Katholische Jugend Oberösterreich“ am 24. Juni 2016 in Eferding. Vor der Festveranstaltung redete ich mit Bischof Aichern, der dann zu mir sagte, ich solle mich zu ihm setzen. Auf den anderen Platz neben ihm setzte sich dann Diözesanbischof Manfred Scheuer. Aichern wollte uns bekannt machen und fand sehr lobende Worte über mich. Scheuer lachte und sagte: „Der ist eh schon bei uns bei Pax Christi!“ Im März 2017 trafen wir uns dann in Bozen wieder, wo ich an einer Pax-Christi-Delegation zur Seligsprechungsfeier von Josef Mayr-Nusser, der Leitfigur des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus in Südtirol, teilnahm. Auch da waren Aichern und Scheuer dabei.

 In den folgenden Jahren habe ich Bischof Aichern einige Male nur kurz gesehen – z. B. auch bei der Verabschiedung des evangelisch-lutherischen Bischofs Michael Bünker aus dem Bischofsamt Ende Juni 2019. Aber wir waren per Mail in Kontakt – u. a. um den 100. Geburtstag von Bischof Grmič im Juni 2023, als ich ihm das „KC“ mit meinem Artikel aus diesem Anlass schickte. Er abonnierte unsere Zeitschrift sofort und schrieb mir über den Artikel: „Deine Erinnerungen sind einfach hervorragend. Diese Arbeit ist wie ein Schatz, der Erinnerungen schenkt. Ich danke Dir dafür wirklich bestens. Ich bin dem Verstorbenen dankbar für viele Begegnungen in Slowenien und im Linzer Betriebsseminar, wo er in den Sommermonaten zu Arbeitseinsätzen und zu Reflexion darüber von der Soziallehre her immer auch Theologiestudenten aus den Diözesen Maribor und Laibach brachte. Auch war er immer bei der österreichischen Pastoraltagung in der Woche nach Weihnachten in Wien. Mein letzter Besuch bei ihm im Dompfarrhof Maribor einige Monate vor seinem Ableben und das Gespräch über Vergangenheit und Gegenwart aus theologischer und sozialer Sicht ist mir unvergessen. Lieber Adalbert, nochmals ein großes Danke für diesen hervorragenden Artikel.“

Am 31. Jänner d. J. habe ich im Urlaub auf Gran Canaria erfahren, dass Bischof Maximilian Aichern gestorben ist. Das Requiem im Linzer Mariendom am 5. Februar habe ich im Fernsehen gesehen. Die Predigt seines Nach-Nachfolgers Manfred Scheuer war eindrucksvoll. Bischof Scheuer sagte über Aichern: „Er steht für eine Allianz von Solidarität, Würde und Gerechtigkeit. Für die Sozialverträglichkeitsprüfung hat er sich ebenso eingesetzt wie für die Umweltverträglichkeit auf europäischer Ebene. ,Es ist so wichtig, alle Arten von Grenzen zu überschreiten, einander besser kennenzulernen und auch gemeinsame Aufgaben anzupacken.‘ Diese Worte von Bischof Maximilian in einem Interview anlässlich eines Geburtstages beschreiben seine Persönlichkeit, sein Wirken als Bischof von Linz, seine Teilhabe an der Gesellschaft in wacher und aufmerksamer Zeitgenossenschaft. Bischof Maximilian hatte das Bischofsamt in einer Konfliktgesellschaft, in vielfältigen Polarisierungen zu realisieren. Es war und ist eine Kunst, den Spagat zwischen Personen, Gruppen und Positionen, die Zerreißproben in Konflikten und Machtkämpfen zu koordinieren. Bischof Maximilian lebte Kontakte über sehr viele Grenzen hinweg, national und international, und das mit einer großen Nachhaltigkeit.“ Die Beisetzung erfolgte auf Aicherns Wunsch am 9. Februar in der Äbtegruft des Stiftes St. Lambrecht in der Steiermark. In diesem Kloster hatte er 28 Jahre gelebt, davon die letzten 5 als Abt.

Der gute Bischof Maximilian“ lautete der Titel des Nachrufs von Otto Friedrich in der katholischen Wochenzeitung „Die Furche“. Friedrich hob vor allem den Einsatz von Bischof Aichern für das Laien-apostolat hervor und fuhr fort: „Aichern war aber auch ein ,politischer‘ Bischof. Die katholische Soziallehre und der Blick auf die arbeitenden Menschen waren ihm, der ja als ,Arbeiter‘ begonnen hatte, zeit-lebens auch geistliche Richtschnur. Durchaus gegen bischöfliche Widerstände gelang es ihm, den ,Sozialhirtenbrief der katholischen Bischöfe Österreichs‘, der 1990 veröffentlicht wurde, durchzusetzen. Er war federführend am 2003 veröffentlichten ‚Ökumenischen Sozialwort‘ der 14 christlichen Kirchen Österreichs beteiligt, er unterstützte die ‚Allianz für den arbeitsfreien Sonntag‘ und richtete die ‚Bischöfliche Arbeitslosenstiftung‘ ein. Aichern setzte sich auch intensiv für die Seligsprechung des von den Nazis ermordeten Wehrdienstverweigerers Franz Jägerstätter ein, der diözesane Prozess dazu wurde in seiner Amtszeit abgeschlossen.“

Abschließend möchte ich noch Ferdinand Kaineder zitieren, den Präsidenten der Katholischen Aktion Österreichs, der unter Bischof Aichern Kommunikationsleiter und Mediensprecher der Diözese Linz war: „Mit Bischof Maximilian Aichern verlieren wir einen Menschen, der breite Menschlichkeit gelebt hat, auf menschliche und empathische Weise auf alle zugegangen ist und allen ein offenes Ohr geliehen hat... Mit Bischof Maximilian verlieren wir einen besonderen Mitchristen der Tat. Soziale Gerechtigkeit und grenzenlose Zusammengehörigkeit und Solidarität hat er als besonderen Auftrag für sich aus dem Evangelium abgeleitet. Er ist aufgestanden, wo es eine starke Stimme für die Benachteiligten gebraucht hat. ,Höre’ ist das erste Wort in der Benediktus-Regel und das hat er ganz und gar gelebt... Mit Bischof Maximilian verlieren wir einen Hirten mit und unter uns, der unter den Menschen Vertrauen und Zutrauen geschürt hat.“ Dem möchte ich mich anschließen.

 

BUCHTIPP

Josef P. Mautner, SEISMOGRAPH UND IMPULSGEBERIN. Die Katholische Sozialakademie Österreichs 1958 – 2021, Mandelbaum-Verlag, Wien 2026, 256 Seiten, € 24,--.

Die christlichen Kirchen haben sich sowohl in ihrer Sozialethik als auch in der Praxis für solidarische gesellschaftliche Strukturen stark gemacht. Die 1958 gegründete Katholische Sozialakademie Österreichs (ksoe) hat über mehr als sechs Jahrzehnte die Katholische Soziallehre in Forschung, Bildung sowie betriebliche Entwicklungsarbeit in Kirche und Gesellschaft eingebracht. Sie war eine wesentliche Akteurin in sozialethischen und gesellschaftspolitischen Diskursen und Prozessen. Josef P. Mautner stellt die Arbeit der ksoe von ihrer Gründung bis zum Ende der bisher bestehenden ksoe mit dem sogenannten »Relaunch« 2021 auf der Basis von Gesprächen mit Mitarbeiter:innen, Kooperationspartner:innen und Weggefährt:innen vor. Zukunftsperspektiven »von außen« bieten einen Ausblick auf gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen.

Mautner, geb. 1955 in Salzburg, ist Literaturwissenschafter und Theologe sowie freier Schriftsteller. Er war jahrelang in Projekten sowie als Mitglied des Kuratoriums mit der ksoe verbunden. 1979 - 1999 war er Bildungsreferent der Katholischen Hochschulgemeinde Salzburg, 1999 - 2020: Geschäftsführer des Bereichs „Gemeinde & Arbeitswelt“ in der Katholischen Aktion der Erzdiözese Salzburg. 2021 wurde Josef P. Mautner mit dem Papst-Leo-Preis 2021 für besondere Verdienste um die Katholische Soziallehre ausgezeichnet.

Das Buch beginnt mit Geleitworten von Bischof emeritus Maximilian Aichern OSB, der über 2 Jahr-zehnte in der Österreichischen Bischofskonferenz für die Katholische Sozialakademie zuständig war, und Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der als Wirtschaftsprofessor ab 1976 rund 25 Jahre als Referent bei den „Dreimonatskursen“ der KSÖ tätig war. Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert. Kapitel 1 umfasst einen geschichtlichen Abriss von der Gründung der ksoe 1958/59 bis zum Ende der „Ära Büchele“ 1983 – mit einer kurzen Vorgeschichte. Die weiteren Kapitel behandeln die drei Arbeitsbereiche: Soziallehre und Gesellschaftspolitik – Politische Erwachsenenbildung – Organisationsentwicklung. In diesen drei Kapiteln wird der weitere Zeitraum von 1983 bis 2021 erfasst, und jedes schließt mit einem Ausblick auf die Gegenwart und Zukunft dieser drei Arbeitsbereiche jenseits von 2021.

Gerade im Bereich Gesellschaftspolitik stieß die ksoe aber immer wieder auf innerkirchlichen und politischen Widerstand, etwa als sie ein Konzept für das „Bedingungslose Grundeinkommen“ entwickelte oder vor der „Zweidrittelgesellschaft“ warnte und sich für Arbeitszeitverkürzungen aussprach. Während die ksoe ursprünglich als ÖVP-nahe galt und in den 1960er Jahren auch die meisten Dozenten ÖVP-Mitglieder waren, so kritisierten ab den 1970er Jahren führende ÖVP-Politiker den „Linkskurs“ der ksoe. So bezeichnete 1976 der damalige ÖVP-Bundesparteiobmann Josef Taus die ksoe als „Puppenküche für Salonrevolutionäre“ und 1978 warf der damalige ÖAAB-Bundesobmann Herbert Kohlmaier in einem „Furche“-Artikel der ksoe vor, „mit den abgedroschenen Phrasen ultralinker Gesellschaftskritiker“ die „freie Gesellschaftsordnung zu attackieren“. Letztlich war es neben „Sparzwängen“ wahrscheinlich auch dieser Druck aus der ÖVP (vor allem dann in der „Ära Kurz“), der die Bischofskonferenz 2020 dazu bewog, einen „Relaunch“ der Katholischen Sozialakademie zu beschließen, der das Ende der ksoe in der bisherigen Form bedeutete – auch wenn das im Buch so nicht angesprochen wird.

Es bleiben aber 63 Jahre einer spannenden Weiterentwicklung der Katholischen Soziallehre u. a. mit den Höhepunkten Sozialhirtenbrief der Österreichischen Bischofskonferenz (1990) und Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (2003), an deren Ausarbeitung die Katholischen Sozialakademie einen großen Anteil hatte.