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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 354/355                            Jänner/Februar 2012

 

 

 

 

Aktueller Kommentar

 

100 JAHRE ANC

 

Von Adalbert Krims

 

Am 8. Jänner 1912 wurde in Bloemfontein der South African Native National Congress gegründet, der 1923 in African National Congress (ANC) umbenannt wurde. Die Gründer dieser ältesten politischen Organisation des afrikanischen Kontinents waren Häuptlinge, Intellektuelle und Vertreter der schwarzen Mittelschicht. Ziele der Bewegung waren die Einheit der Afrikaner, die Verteidigung ihrer Freiheiten gegen zunehmende rassistische Diskriminierung und gegen die Einschränkung grundlegender Menschenrechte der schwarzen Bevölkerungsmehrheit.

Jahrzehntelang versuchte der ANC, seinen Forderungen durch Appelle,. Petitionen und Streiks Gehör zu verschaffen. Da er aber bei den Regierenden auf taube Ohren stieß, kam es innerhalb des ANC zu einer gewissen Radikalisierung – einerseits durch die Zusammenarbeit mit der Südafrikanischen Kommunistischen Partei, andererseits aber auch durch die 1944 gegründete ANC-Jugendliga (u. a. Nelson Mandela, Walter Sisulu und Oliver Tambo), denen die Führung der „Alten“ zu gemäßigt war.

Nach dem Wahlsieg der Nationalpartei 1948 kam es zur offiziellen Einführung der Apartheid, d. h. der verfassungsrechtlichen Festschreibung der Ungleichheit der Menschen und der gesetzlichen Diskriminierung auf Grund ethnischer Kriterien (u. a. Einführung getrennter Wohngebiete, Registrierungspflicht nach Rassenzugehörigkeit, Verbot von Mischehen etc.). Der ANC und andere Organisationen reagierten darauf mit Boykott, Streiks und zivilem Ungehorsam. 1950 folgte das Gesetz zur Unterdrückung des Kommunismus, mit dem zuerst die Kommunistische Partei verboten und dann schrittweise jeglicher Protest gegen den Staat verfolgt wurde (so wurden auch führende Vertreter des ANC immer wieder „gebannt“).

Freiheitscharta

Für Juni 1955 rief der ANC zu einem „Volkskongress“ in Kliptown auf, an dem auch Delegierte anderer Organisationen teilnahmen. Dort wurde die legendäre „Freiheitscharta“ beschlossen, die die Grundsätze für ein neues, nicht-rassistisches Südafrika beinhaltete, wie dass „Südafrika allen gehört, die dort leben, Schwarze wie Weiße, und dass keine Regierung rechtmäßig Autorität beanspruchen kann, solange sie nicht auf dem Willen des Volkes beruht“ oder „Die Rechte der Menschen sollen die gleichen sein, ungeachtet der Rasse, der Hautfarbe oder des Geschlechts.“ Diese fundamentale Gleichheit sollte laut Freiheitscharta auch auf für den Bereich der Wirtschaft gelten: „Die Menschen sollen sich den Reichtum des Landes teilen!“, was u. a. auch die Verstaatlichung von Bergbau, Banken und Monopolindustrie sowie eine neue, gerechte Landverteilung umfassen sollte.

Das Apartheid-Regime antwortete auf die Freiheitscharta mit verschärften Repressionen sowie einem Hochverratsprozess gegen beinahe die gesamte ANC-Führung. Am 21. März 1960 wurde der Prozess durch das Massaker von Sharpeville, bei dem Polizisten 69 unbewaffnete Demonstranten töteten, unterbrochen. Danach wurde der Ausnahmezustand verhängt und der ANC (sowie der PAC) nach dem Kommunismusgesetz verboten. Der ANC brachte einige Führer (darunter Oliver Tambo) ins Ausland, andere bereiteten sich auf die Tätigkeit im Untergrund vor.

Im März 1961 wurden Mandela und alle anderen Angeklagten freigesprochen. Mandela, Sisulu u. a.  gingen aber trotzdem in den Untergrund. Nach Beratungen des ANC mit anderen Organisationen wurde Mandela bevollmächtigt, eine neue militärische Organisation aufzubauen, die den Namen „Umkhonto We Sizwe“ („Der Speer der Nation“) tragen würde. Durch selektive Anschläge gegen militärische Einrichtungen, Kraftwerke, Telefonleitungen und Transportverbindungen sollte nicht nur die militärische Effektivität des Staates beeinträchtigt, sondern auch ausländisches Kapital abgeschreckt und somit die Ökonomie geschwächt werden. Die militärische Ausbildung erfolgte in bereits unabhängig gewordenen afrikanischen Staaten, von denen auch Waffen geliefert wurden (aber auch z. T. von außerhalb Afrikas wie der Sowjetunion). Mandela verließ Anfang Februar 1962 illegal Südafrika und reiste durch mehrere afrikanische Länder (einige Wochen erhielt er militärische Ausbildung in Äthiopien). Nach seiner Rückkehr wurde er verhaftet, aber „nur“ wegen Aufwiegelung zum Streik und Verlassen des Landes ohne gültige Reisedokumente angeklagt und zu insgesamt 5 Jahren Haft verurteilt.

Rivonia-Prozess

1963 wurde in einem Vorort von Johannesburg praktisch das gesamte Oberkommando von Umkhonto verhaftet und zahlreiche Dokumente beschlagnahmt. Damit war aber auch die Untergrundstruktur im Inland weitestgehend zerstört und es dauerte viele Jahre, bis sich der ANC von diesem Schlag erholen konnte. Am 20. April 1964 wurden Nelson Mandela, Walter Sisulu und fünf weitere Angeklagte zu lebenslanger Haft verurteilt. Mandelas Verteidigungsrede erregte internationales Aufsehen, war sie doch eine flammende Anklage gegen das Apartheid-Regime. Die Schlusssätze sprach er frei: „Mein Leben lang habe ich mich diesem Kampf des afrikanischen Volkes gewidmet. Ich habe gegen weiße Vorherrschaft gekämpft, und ich habe gegen schwarze Vorherrschaft gekämpft. Ich habe das Ideal der Demokratie und einer freien Gesellschaft hochgehalten, in der alle Menschen in Harmonie und mit gleichen Möglichkeiten zusammenleben. Es ist ein Ideal, für das ich zu leben und das ich zu erreichen hoffe. Doch wenn es sein soll, so bin ich für dieses Ideal auch zu sterben bereit.“

Mandelas Haft dauerte 26 Jahre – davon verbrachte er den Großteil auf der KZ-Insel Robben Island, zusammen mit anderen politischen Gefangenen. In dieser Zeit kämpfte der ANC im Ausland, aber auch in Südafrika selbst, weiter gegen die Apartheid. Und er erhielt Unterstützung von afrikanischen und sozialistischen, aber auch einigen westlichen Ländern – und nicht zuletzt von der internationalen Anti-Apartheid- und Solidariätsbewegung. Die USA hingegen setzten den ANC als Organisation und auch Nelson Mandela als Person auf ihre „Terrorliste“, von der sie erst im Juni 2008 (!) offiziell gestrichen wurden! Die Vereinten Nationen erklärten die Apartheid 1973 in einer eigenen Konvention zum „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Vor allem die internationalen Sanktionen, zu denen der ANC aufrief, schwächten das Regime erheblich. Aber die Apartheid forderte auch weiterhin viele Opfer – darunter mehr als 500 bei der Niederschlagung der Schülerproteste in Soweto am 16. Juni 1976.

Mitte der 1980er Jahre setzte sich in der Führung der Nationalpartei immer mehr die Erkenntnis durch, dass das System ohne „Reformen“ nicht mehr überlebensfähig ist. So wurden indirekte Kontakte zu Mandela geknüpft und ihm sogar die Freilassung in Aussicht gestellt, wenn er öffentlich „der Gewalt abschwört“. Mandela stellte aber klar, dass es ihm nicht um seine persönliche Freilassung, sondern um das Ende der Apartheid ging. Der innere und äußere Druck wurde so stark, dass Präsident P. W. Botha im August 1989 seinen Rücktritt erklärte. Sein Nachfolger F. W. de Klerk beseitigte viele Diskriminierungen der sog. „Kleinen Apartheid“ und ließ mehrere politische Gefangene frei, um das System insgesamt noch zu retten. Am 2. Februar 1990 kündigte F. W. de Klerk vor dem Parlament überraschend die Aufhebung des Verbots von ANC, PAC, Kommunistischer Partei und 31 anderen verbotenen Organisationen, die Freilassung politischer Gefangener, die Abschaffung der Todesstrafe sowie von Beschränkungen durch den Ausnahmezustand an. Eine Woche später wurde Nelson Mandela ohne Bedingungen freigelassen.

Das Ende der Apartheid

Auch wenn im Februar 1990 ein entscheidender Schritt zur Überwindung der Apartheid getan wurde, so war der Prozess bis zu den ersten freien und demokratischen Wahlen in der Geschichte des Landes noch schwierig und auch von Gewalt begleitet. Erst am 18. November 1993 wurde durch die Interimsverfassung und die Einsetzung des Übergangs-Exekutivrates das endgültige Aus für das Apartheidsystem besiegelt.

Der ANC ging aus den Wahlen vom 26. bis 29. April 1994 als klarer Sieger hervor und erreichte 62,7 Prozent der Stimmen. Nelson Mandela, der „Terrorist“ und langjährige politische Gefangene, wurde zum ersten nicht-weißen Präsidenten Südafrikas gewählt. Er übte dieses Amt bis 1999 aus und übergab es dann seinem Vizepräsidenten Thabo Mbeki. Dieser trat im September 2008 zurück – und nach einer Übergangsperiode übernahm der derzeitige Präsident Jacob Zuma im Mai 2009 das höchste Amt im Staate, nachdem er bereits im Dezember 2007 Mbeki an der Spitze des ANC abgelöst hatte.

Bemerkenswert ist, wie stabil die Zustimmung der Bevölkerung zum ANC trotz langer Regierungsdauer (und damit verbundenen Verschleißerscheinungen und inneren Krisen) und unabhängig vom jeweiligen Spitzenkandidaten ist: Von den 62,7 Prozent bei der ersten Wahl 1994 steigerte sich der ANC auf 66,4 im Jahre 1999 und sogar 69,7 % im Jahr 2004. Und auch nach der vielfach als „Niederlage“ kommentierten Wahl 2009 blieb der ANC mit 65,9 % über seinem als „großen Sieg“ gefeierten Ergebnis von 1994.

Der ANC als Regierungspartei

In zahlreichen Zeitungskommentaren zum 100-Jahr-Jubiläum wurde eine ziemlich negative Bilanz über die knapp 18jährige Regierungstätigkeit des ANC gezogen. Sogar die früher als „linksliberal“ eingeordnete „Frankfurter Rundschau“ meinte: „Grund zur Freude haben nur wenige Menschen, zur Trauer hingegen viele – denn nie war er so überflüssig wie heute“. Die liberale deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ beklagte den „moralischen Niedergang der Partei“. 100 Jahre ANC also kein Grund zum Feiern? Der ANC eine Ansammlung von Korruptionisten und Machtbesessenen? Und die Bevölkerungsmehrheit arm und von der Bildung ausgeschlossen wie eh und je? In vielen Kommentaren wurde jedenfalls dieses (Zerr)Bild vermittelt.

Es kann natürlich nicht geleugnet werden, dass die Korruption in Südafrika (und im ANC) ein ernstes Problem darstellt. Und es kann auch nicht geleugnet werden, dass es im Land nach wie vor eine massive Ungleichheit gibt und die Schere zwischen arm und reich noch weiter aufgeht. Auch das Schulsystem ist eine Misere geblieben. Ja, es ist eine Tatsache, dass zwischen dem, was der ANC vor 18 Jahren versprochen hat und der heutigen Realität in Südafrika eine riesige Kluft besteht, die nicht ausschließlich auf objektive Faktoren zurückzuführen ist.

Und dennoch: es trifft einfach nicht zu, dass die Regierungspolitik des ANC (fast) ausschließlich durch Versagen gekennzeichnet ist. Dabei geht es nicht nur um nachweisbare Fortschritte in Teilbereichen (Schaffung von Arbeitsplätzen durch staatliche Infrastrukturprogramme; Bekämpfung von AIDS; Schaffung einer gesetzlichen Krankenversicherung sowie von Sozialprogrammen etc.), sondern vor allem um den historischen Quantensprung, den der ANC in Südafrika geschafft hat: von einer Gesellschaft, die auf Rassismus und in der Verfassung verankerten Ungleichheit beruht, hin zu einer demokratischen, nicht-rassistischen Gesellschaft, deren Verfassung auch international Vorbildcharakter hat.

Wenn oft zu Recht kritisiert wird, dass bei der Einkommens-, Vermögens- und Landverteilung praktisch nichts geschehen ist, so ist das nicht einfach der Regierung anzulasten, sondern vor allem eine Konsequenz der Einbindung Südafrikas in das neoliberale Weltwirtschaftssystem, das in grundlegenden Systemfragen kaum nationale Handlungsspielräume zulässt. Hätte der ANC die ökonomischen Ziele der Freiheitscharta zur Regierungspolitik gemacht, hätte sich Südafrika aus den internationalen Finanzinstitutionen zurückziehen und sich von der Weltwirtschaft „abkoppeln“ müssen, was nach 1994 aber keine realpolitische Option war.

Der ANC hat Südafrika wieder in die internationale Gemeinschaft geführt, von der das Apartheidregime weitgehend isoliert wurde. So wurde Südafrika wirtschaftlich und politisch zu einer Führungsmacht nicht nur im südlichen, sondern im gesamten Afrika. Nach dem Ende der Apartheid wurde Südafrika Mitglied der Bewegung der Blockfreien Staaten, deren Vorsitz es von 1998 bis 2003 innehatte. Ende 2010 wurde Südafrika in die Gruppe der führenden Schwellenländer, die sog. BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) aufgenommen, wodurch sein weltpolitische Gewicht weiter erhöht wurde. Die Eigenständigkeit und das Selbstbewusstsein des neuen Südafrika löste bei den USA und ihren Verbündeten nicht immer Freude aus, wenn es zusammen mit den anderen BRICS-Staaten etwa die Libyen- oder Iranpolitik des Westens kritisierte. Aber vielleicht liegt gerade auch darin ein Grund für die negativen Kommentare zum 100-jährigen ANC-Jubiläum in vielen westlichen Medien.

Die welthistorische Bedeutung des ANC steht ohnehin außer Zweifel. Die älteste Befreiungsbewegung des afrikanischen Kontinents hat aber nicht nur eine große Geschichte hinter sich, sondern sie hat auch eine Zukunft vor sich. Das zeigt sich nicht zuletzt an der nach wie vor großen Zustimmung der südafrikanischen Bevölkerung – trotz aller Probleme, Widersprüche und Rückschläge, die den ANC als langjährige Regierungspartei auch kennzeichnen.

 

 

Jussuf Windischer:

 

BRASILIEN NACH 30 JAHREN

 

1978 – General Ernesto Geisel war noch Präsident Brasiliens. Die brutale, langjährige Militärdiktatur ging seinem Ende entgegen. Wir konnten damals als Entwicklungshelfer des IIZ einreisen, Visum bekamen wir keines. Mit einigen Tricks konnten wir das Touristenvisum verlängern, sogar der Erzbischof von Curitiba (Paraná) half uns dabei. Wöchentlich hatten wir einen Termin bei der Fremdenpolizei. Es waren eigentlich Verhöre: was wir wollen, warum wir mit der Kirche arbeiten, welche Arbeit wir machen usw. Wollte ich eine Frage nicht beantworten, redete ich mich auf meine schlechten Portugiesischkenntnisse aus. Bei den Versammlungen in der Basisgemeinde war immer wieder jemand von der Zivilpolizei dabei. Schwestern und Patres warnten mich frühzeitig. Nach 18 Monaten erhielten wir die Ausweisung. Innerhalb von 7 Tagen sei das Land zu verlassen, bei Nichtbefolgung wurde Festnahme und Haft angedroht. Genau in diesen Tagen wurde unser zweiter Sohn geboren, nach damals geltendem Recht brasilianischer Staatsbürger durften Eltern nicht ausgewiesen werden. Wir durften bleiben. Ich blieb aber offiziell „persona non grata“. Dieses damalige Faktum wurde auch viele Jahre später offiziell per Amtsblatt bestätigt.

Wir, d. h. meine Frau Vroni und unser Sohn Matthias, später noch zwei weitere Söhne, wohnten gemeinsam mit einem Priester in einer Hütte in einem Randviertel, genauer gesagt in der Vila Rex (Curitiba), halfen bei Basisgemeinden, bei der Gründung von Genossenschaften, Gewerkschaften, Kindergärten und Frauenbewegungen mit. Die Oppositionsbewegungen wurden immer stärker. Die ersten Zellen der Partido dos Trabalhadores (PT) bildeten sich an der Peripherie Curitibas (Paraná), an den Peripherien der Großstädte. In unserem Pfarrteam war auch Gilberto Carvalho, engagierter Laientheologe, heute Minister. Er wohnte auch in einer bescheidenen Hütte des Viertels. Er schleuste sich in einer Metallfabrik ein, gründete und animierte die Metallarbeitergewerkschaften Curitibas. Die Streiks begannen in Sao Paolo, und Belo Horizonte, Curitiba folgte. Die kleine Genossenschaftsbewegung, in der ich arbeitete, war zuständig, streikende Metallarbeiterfamilien zu versorgen und zu ermutigen.

Die Militärdiktatur fiel, auch deren Ausläufer, eine Opposition erstarkte, nach wiederholten Anläufen wurde der Metallarbeiter und Gewerkschaftsführer Luis Ignacio da Silva, kurz Lula, zum Präsidenten gewählt. Seine Nachfolgerin wurde Dilma Rouzef. Sie wurde gewählte Präsidentin. Sie stritt nie ab, im Guerillakampf von Araguaia aktiv gewesen zu sein. Sie ist anerkannte, engagierte Präsidentin Brasiliens.

Der Kontakt zu den Bewegungen und zu den FreundInnen in Brasilien ist nie abgebrochen. Gegenseitige Besuche fanden statt. Diverse Projekte konnten finanziert werden, „Bruder in Not“, Dreikönigsaktion und auch die Brasiliengruppen Österreichs leisteten immer wieder Beiträge.

Die Genossenschaften – eine rasante Entwicklung

Als ich vor 30 Jahren im Genossenschaftswesen in Paraná (CECOMA) arbeitete, steckte das meiste noch in den Kinderschuhen. Konsumenten der Basisgemeinden organisierten sich, um gemeinsam einzukaufen; Kleinbauern organisierten sich, um ihre Produkte, vornehmlich Bohnen, zu vermarkten. Die Gruppen (über 20) trafen sich, um die Lage zu besprechen. Die Genossenschaften wurden von der damaligen Regierung bekämpft und als subversiv eingestuft. Die Genossenschaftsgruppen wurden mit allen möglichen Mitteln bekämpft und auch bedroht. Die damalige Opposition aber meinte: um Gesellschaftsstrukturen zu verändern, bräuchte es: Gewerkschaft, Partei, Genossenschaft und ein Finanzsystem, kontrolliert vom Volk. Einiges hat sich sehr schnell entwickelt.

Heute gibt es in Südbrasilien eine Genossenschaftsbank, die CRESOL (Cooperativas de credito rural com interacao solidaria). Mitglieder können Kleinbauern sein, vornehmlich Bauern der sog. „agricultura familiar“ (kleine intensive Landwirtschaft von Familien betrieben), Mitglieder von Bewegungen, welche diese Politik unterstützen. Sie funktioniert mit sog. Kleinkrediten. Für die Mitglieder von CRESOL heißt Armut nicht nur arm zu sein, sondern auch keine Gelegenheit zu Verbesserungen zu haben. Konkret: arme Leute bräuchten bei einer günstigen Gelegenheit rasch und unkompliziert einen Kredit (für Samenkauf, eine Maschine, eine neue Erfindung, Werkzeug, Bau eines Lagers…). Die CRESOL ermöglicht das. Man wird Mitglied, die Gruppe genehmigt, garantiert, verleiht. Es gibt inzwischen schon über 200 Filialen Die Filialen schauen aus wie kleine Bankfilialen in Österreich, etwas einfacher, etwas bescheidener, keineswegs Repräsentativbauten, vielmehr zweckmäßige Büros bzw. Schalter. Die Rückzahlungsmoral ist hervorragend. Das beweisen die Bilanzen. Ein Gründungsmitglied von CECOMA begleitete den Prozess, half beim Aufbau. Diese Genossenschaftsbanken haben eine besondere Werteskala: Umwelt, Produktionsvielfalt, biologischer Anbau, Solidarität ist hierbei hoch eingestuft. Es geht also nicht um Gewinnmaximierung, sondern um Wertsteigerung. Insofern unterscheidet sich dieses Banksystem von handelsüblichen Banksystemen.

Der Pferdefuß: nachdem Brasilien in einer kapitalistischen Wirtschaftswelt leben muss, funktioniert dieses alternative Bankensystem nur integriert im System. CRESOL gibt sich auch keiner Illusion hin. Die Banco do Brasil (Großbank) verwahrt das Geld der CRESOL zu guten Zinssätzen, die Banco do Brasil gewährt Vorschüsse, erfreut sich auch des Wirtschaftsaufschwungs der Kleinbauern und übernimmt viele Kunden der CRESOL, wenn sie größer und stärker sind. Das sind bedauerliche Wirtschaftsrealitäten. Trotz alledem: schön, kleine Banken zu erleben, die sich ethischen Grundsätzen, letztlich auch dem Menschen verschreiben, nicht nur dem Kapital.

Landflucht und trotzdem noch ein bisschen Optimismus

Vor ca. 30 Jahren organisierten die Basisgemeinden Genossenschaftstreffen im Landesinneren, u. a. in Alvorada (Paraná). Das war und ist ein Gebiet von Kleinbauern (ca. 500 km von Curitiba entfernt) neben Großfazendas. Damals gab es schon den „Exodus“, heute stehen ein Drittel der kleinen Landgüter leer. Die verbliebenen Bauern pflanzen fast nichts mehr an. Weder die Arbeit, noch der Verkaufspreis von Bohnen, Reis, Mais würden dazu animieren. Die Arbeit ist total hart, der Preis ist sehr niedrig. Dort, wo früher Felder waren, ist heute nur mehr Weideland. Die wenigen verbliebenen Bauern verkaufen Milch. Die Jugend ist ausgewandert. Das Dorf ist kleiner geworden, Schulen haben zugemacht, auch einige Kapellen sind außer Betrieb und verfallen.

Wir besuchten viele Familien, es gab sehr berührende Gespräche, einige meinten, man müsste wieder Versammlungen machen, einige erinnerten sich an die Gründungen von Gewerkschaften, vor allem die Gewerkschaft von Pitanga, mit dem berühmten Gewerkschaftsführer Osmano (er kam aus Alvorada). Warum gab es den Niedergang? Einige meinten, weil jeder Bauer für sich arbeitete, für sich vermarktete und so langsam verarmte. Trotzdem sprachen die Bauern von Zukunftsperspektiven: wenn das MST (movimento sem terra = Landlosenbewegung mit Landbesetzungen) in der Region einziehen würde, die hätten eine gute Organisation, Genossenschaften, ein kollektives System, eigene Busse usw. Ja, wenn es nur diese Brücke über den Fluss gäbe, die würden sofort kommen und alles beleben. Es wäre der Beginn einer Landwirtschaft, es gäbe dann sicher wieder ein Transportwesen, Schulen, Geschäfte. Sie wünschten sich so, dass die brachliegenden Ländereien wieder intensiv von Familien bebaut werden würden.

Diese Bewegung (MST) wurde früher verfolgt, diese Bewegung hatte viele Märtyrer. Heute ist das MST eine respektierte, manchmal herbeigesehnte Bewegung. Dies gilt für den Großteil der Bevölkerung und auch Landwirtschaftsreformer. Alteingesessene Großgrundbesitzer, die es übrigens noch zur Genüge gibt, auch deren Killer und Jaguncos, sind über solche Bewegungen natürlich nicht glücklich.

Es gibt in Paraná ca. 100 große Landbesetzungen (je 100 - 1000 Familien). MST wird von der Regierung Dilma z. T. unterstützt und hat radikale Landreformsvorstellungen, denen allerdings weder Lula noch Dilma entsprechen konnten. Eventuelle Vorschläge zur Landreform scheiterten an der fehlenden gesetzgebenden Mehrheit

CEBes Communidades Ecclesiaises de Base (Basisgemeinden)

Vor 30 Jahren beschäftigten sich Basisgemeinden mit dem Evangelium, den Sorgen und Freuden der Gemeinden, mit dem sozialen Leben, mit Genossenschaften, mit Gewerkschaften, Stadtviertelvertretungen und der Sozialpolitik. Wir haben jetzt Gemeinden besucht, haben mit Gemeindevertretern gesprochen, sind durch die Stadtviertel spaziert. Die noch aktiven Basisgemeinden an der Peripherie Curitibas, in Paraná, sind viel weniger. Sie feiern genauso wie vor 30 Jahren, der liturgische Ritus hat sich kaum verändert. Aber die Gesprächsthemen haben sich radikal verändert, es geht selten um Politik, es geht selten um Volksbewegungen, Gewerkschaften, Demonstrationen u. ä. m. Die Inhalte sind eher frommer Natur. Die Leute erzählten, dass viele ehemalige Basisgemeindemitglieder in verantwortlichen politischen Funktionen (Partei, Gewerkschaft, Genossenschaft, Politik, Verwaltung...) sind. Der verbliebene Rest, die noch aktiven Leute vollziehen die Versammlung sehr selbstbewusst, geben dem Meditativen, dem Musikalischen viel Raum, predigen und segnen. Zugleich gehen die Leute auch in die großen Kirchen, in denen Volksfrömmigkeiten und den Priestern viel zentraler Platz eingeräumt wird, von und über Politik sehr wenig geredet wird. Es gibt Pfarren, die die Basisgemeinden immer mehr entwerteten und große Kirchen bauten. Es gibt Pfarren, die engagierte (politische) Priester mobbten, bis sie gingen.

Es gibt die Basisgemeinden aber noch immer, aber nicht mehr viele: eine größere Zeitung der Basisgemeinden, in hoher Auflage, hat folgende interessante Schlagzeilen: der feministische Kampf – ein Kampf von allen (luta feminista, uma luta de todos); öffentliches Verkehrssystem, skandalöse Einsparungen: PT kritisiert; ein Internet für das Volk (internet popular) unterstützt und finanziert von der Regierung; Wallfahrtsort St. Rita – Wallfahrt mit Rosen; Papst erinnert an Tauferneuerung; Bibel in feministischer Leseart.

Die traditionellen Kirchen (katholisch, lutherisch, methodistisch, presbyterianisch…) arbeiten nach wie vor zusammen, arbeiten z. T. auch in einer emanzipatorischen, befreienden Tradition (Landarbeiterpastoral – CPT, Indianerpastoral – CIMI, Arbeiterpastoral – Pastoral operaria, Landlosenbewegung MST usw…). Es sind aber kleine, bescheidene Kirchen geworden.

Evangelikale Gemeinden im Aufwind

Was augenscheinlich ist: es gibt viel, viel weniger Basisgemeinden. Die Basisgemeinden sind nicht mehr so politisch. Die Kirche wurde „charismatischer“ (z. T. im komischen Sinne). Es gibt sehr, sehr viele neue Kirchen (Sekten), noch mehr Neugründungen, große individualistische Tendenzen. Die Egozentrik scheint zum Kult geworden zu sein. Evangelikale Gruppen, große evangelikale Fernsehstationen mit Ganztagsprogramm, unzählige Berichte von Heilungserfahrungen, Wundern, begeisterten und lauten Gebeten u. ä., diese Kirchen erleben einen Aufschwung.

Die sog. „Crentes evangelicos“ (evangelikale Freikirchen) sind inzwischen in Brasilien in der Mehrheit. Einzelne Mitglieder dieser Kirchen arbeiten sicher auch in Gewerkschaften, politischen Parteien oder Volksbewegungen. Die Kirchenleitungen unterstützen aber selbige Option kaum, warnen sogar ihre Mitglieder vor einer Teilnahme. Es gibt in Brasilien hunderte von sog. Freikirchen: Versammlung Gottes, Kirche Jesu Christi, Brasilianische Kongregation, Wahre Kirche des Erlösers, Kirche des Hl. Geistes usw. Am Straßenrand stehen Dutzende von Kirchen mit verschiedensten Bezeichnungen. Manche Kirchen sind so groß wie Messehallen, fassen an die 2.000 Leute und viel mehr, manche nur 30 – 40.

Diese Kirchen haben eines gemeinsam: fast alle stehen dem Fundamentalismus sehr nahe. Für sie sind andere Weltreligionen falsch, auch die traditionellen Kirchen, insbesondere die katholische und evangelische sind am Irrweg. Sie beteiligen sich weder am Dialog der Weltreligionen, noch an ökumenischen Treffen. Die Bibel wird einfach, direkt und wortwörtlich interpretiert. Kritische Exegese, zeitgeschichtlicher Kontext und Wissenschaft wird abgelehnt. Die Bekehrung erfolgt in der jeweils neuen Kirche durch die persönliche Jesuserfahrung plus erstmals gültiger Wiedertaufe, vermittelt durch die jeweils neue Kirche: „Ich lernte Jesus in dieser Kirche kennen, er hat mich gerettet.“ Durch den neuen Glauben wird Gesundheit, Glück, Eintracht, manchmal sogar Reichtum versprochen.

Demokratiepolitisch sind die Kirchenleitungen der evangelikalen Gruppen eher konservativ bzw. rechts. Die Basisgemeinden waren und sind ihnen immer ein Dorn im Auge, zu politisch. Befreiungstheologie wird von evangelikalen Kirchen schärfstens verurteilt, die Kritik von manchen Päpsten hört sich im Vergleich dazu fast harmlos an.

Ein Problem dieser Religionsausübung liegt sicher in der Entfremdung. Religion kann auch entfremden, kann zum Opium werden. Die Kirchenleitungen verlangen auch sehr viel Geld von ihren Gläubigen.

Ob es im Sinne Jesu ist, wenn Ungerechtigkeiten gesundgebetet werden, wenn fanatisch gebetet wird, wenn Bibelzitate durch die Gegend fliegen, aber über soziales und politisches Engagement eher gelächelt wird.

Ob es im Sinne Jesu ist, wenn Notsituationen durch Hallelujagebete (manchmal hysterisch anmutend) verdrängt und vergessen werden, wenn das Engagement an Hilfsprojekt aber abgelehnt wird, übertönt durch „Jesus hilft, du musst nur glauben…“.

Am Fronleichnamstag bewegten sich manch kleine bescheidene Prozessionen von katholischen Pfarren durch Sao Paulo, die evangelikalen Freikirchen versammelten aber am „Jesusbekenntnistag“ einige Millionen Leute. Die Fernsehstationen berichteten begeistert über diesen großen Event, die katholische Kirche wurde in einer kurzen Randnotiz erwähnt. Realitäten haben sich nach 30 Jahren geändert. Die Welt der Freikirchen ist in Brasilien viel präsenter als die katholische Kirche bzw. die Kirchen des ökumenischen Weltkirchenrates.

Nachdenkliches

Die Kirche, auch die wohl viel bescheidenere prophetische, befreiungstheologische Kirche hat heute eine andere Funktion wie vor 30 Jahren. Viele Bischöfe wurden durch eher konservative Bischöfe, z. T. sogar Opus-Dei-Bischöfe ersetzt. Auch Volksbewegungen, inzwischen kleiner und institutionalisierter, haben offenkundig heute eine andere Funktion als in Zeiten von Unterdrückung, als in Zeiten einer Opposition. Die Nucleos der PT (Parteizellen an der Basis) gibt es schon lange nicht mehr. Die Instrumentarien der Opposition wurden z. T. staatstragend. „Sozialistische“ Grundsatzziele haben sich der staatstragenden Realität angepasst. Auch wenn die Regierung Dilma auf „Bundesebene“ einiges Positives für die Bevölkerung tut, es gibt noch immer parlamentarische Mehrheiten, die in Opposition zu Dilma stehen. Es gibt etliche Landeshauptleute und Bürgermeister, welche einer rechten Politik verhaftet sind. Sie stehen im Dienste von Konzernen, im Dienste von Unternehmern, Großgrundbesitzern, Banken und anderer Interessensvertretungen. Lula und Dilma konnten sich auch nicht gegen die Lobby der Industrie, der Urwaldroder und Umweltzerstörer, der großen Holzfirmen in Belo Monte durchsetzen. Schlimmer noch: sie machten Belo Monte zu ihrem Projekt. Belo Monte wird zum gigantischen. fast größten Stausee Lateinamerikas zur Gewinnung von Strom für große Industrien. Der Protest der Bevölkerung, der Umweltschützer und auch des Bischofs von Xingo, Dom Erwin Kräutler, blieb ohne Erfolg. Das Wirtschaftssystem Brasiliens ist neoliberal. Das Wirtschaftswachstum ist enorm. Die Regierungsvertreter der USA und der EU holen sich nicht nur Ratschläge zum Thema Wirtschaft. Banken oder Entschuldung, sie verhandeln sogar in Augenhöhe, um Anleihen zu bekommen.

Was sicher stimmt, was uns auch öfters fröhlich stimmte: den Brasilianern geht es besser, es gibt weniger Hunger, abertausende von Familien haben bescheidene kleine Häuser, viele Familien können sich ein Auto, elektronische Geräte und auch Flachbildschirme leisten. In Sao Paulo herrscht Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, aber auch an Hilfsarbeitern. Viele Menschen sind sehr sehr stolz auf die Entwicklung ihres Brasiliens.

Vor 30 Jahren wollten die Genossenschaftsmitglieder wissen, was „Sozialdemokratie“ ist. Sie ließen sich das Modell der Sozialpartnerschaft erklären. Sie kannten den Namen Kreisky. Sie wollten wissen, wie sich die Bauern Europas aus der Leibeigenschaft befreiten, wie Tiroler Bauern Genossenschaften bildeten, was die Bauern taten, damit Genossenschaften nicht konzernähnlich würden. Natürlich wollten die Leute auch etliche Wirtschaftstheorien kennenlernen und diskutieren: sie fragten nach Kapitalismus, Sozialismus, Liberalismus; sie diskutierten Marx, Engels, Lenin, Mao und Tito. In Zeiten der Militärdiktatur wurde Kuba damals interessanter Referenzpunkt. Heute pflegt Brasilien mit „sozialistischen“ Regierungen beste Kontakte, aber auch mit anderen.

Am Flughafen traf ich noch zwei große Gruppen von brasilianischen Wirtschaftsstudenten; eine Gruppe flog in die Türkei, die andere flog nach China. Warum sie daselbst 2 oder 3 Jahre studieren wollen, warum sie diese fremden Sprachen lernen wollten? Ja, dort gibt es Wirtschaftswachstum, dort läge auch wirtschaftliche Zukunft.

Es scheint, dass der Neoliberalismus sehr viel Macht hat, er droht auch den letzten Rest von „Sozialismus“ zu ersticken. Optimistisch formuliert: vielleicht entwickelt sich aus Brasilien heraus etwas anderes, vielleicht sogar eine politische Alternative. Hoffentlich nicht erst dann, wenn der Urwald gerodet und Sao Paulos Verkehr durch Millionen Autos hoffnungslos, vielleicht endgültig verstopft ist. Einerseits freut man sich, wenn es Millionen von BrasilianerInnen besser geht, andererseits bleibt man nachdenklich: die Welt hat ihre Grenzen. Die Ideologie vom freien Markt und unendlichen Wirtschaftswachstum ist verderblich.

Dr. Jussuf Windischer, geb. 1947, ist katholischer Theologe in Innsbruck und Generalsekretär von Pax Christi Österreich. Theologiestudium in Trier, Strasbourg, Innsbruck. Religionslehrer BMS. Soziale Dienste in Zimbabwe, Brasilien (IIZ), Innsbruck (Jugendzentrum Z6, Obdachlose/homeless people, Mentlvilla - Notschlafstelle für schwer drogenkranke Personen. 12 Jahre Leiter des Caritas Integrationshauses). Dozent Sozialakademie Innsbruck. Windischer ist auch Vorstandsmitglied der AKC.

 

 

Balázs Németh

HERODES IST HEUTE ÜBERALL

 

Viele bekannte Maler legen in ihren Bildern die Bibel aus. Zu ihnen zählt auch Pieter Bruegel d. Ä. mit seinem bekannten Bild „Der Kindermord zu Bethlehem“. Bruegel malte diese biblische Szene ganz im gegenständlichen Sinne, indem er sie aktualisierte und in seine eigene Zeit versetzte, als der spanische Statthalter Herzog Alba sein Schreckensregiment führte und den Aufstand der unterdrückten Niederländer brutal und blutig niederwarf. In Bruegels Bild entdecken wir bei genauem Hinsehen viele überraschende Kontraste und Gegensätze: So hat der Maler auf seinem Bild nicht nur das szenische Bethlehem, sondern das gesellschaftliche Leben seiner – und damit auch unserer – Zeit eingefangen.

Ein solcher Kontrast zeigt sich auch zwischen dem verschneiten idyllischen Dorf in echt weihnachtlicher Atmosphäre auf der einen und dem grauenvollen Toben und Morden der Soldateska auf der anderen Seite – hier die friedvolle Idylle und da die Ausgeburt des Bösen. Angesichts dessen fragt sich wohl jeder: wie kann Gott so etwas zulassen? Wo bleibt hier seine zugesagte Gnade? Könnte Gott dem Bösen in der Welt nicht von vornherein Einhalt gebieten? Kein Wunder, dass Dostojewskis Aljoscha in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ das Eintrittsbillet in den Himmel Gott zurückgeben will, als er mit ansehen musste, wie ein Kind geschlagen wird..

Könnte allerdings hinter dieser Frage nicht ein patriarchalisches, statisches Bild von einem Gott stecken, der die Puppen tanzen lässt und damit die Menschen von jeglicher Verantwortung der Welt und den Geschehnissen gegenüber entbindet? Wir können nicht angesichts des Bösen in der Welt nur passiv als Zuschauer diese Frage an Gott richten, und sei es in Form eines Gebets, sondern wir sind herausgefordert und aufgerufen, den Ursachen des Bösen auf die Spur zu kommen und zu seiner Überwindung beizutragen. Denn wir sind weder Zuschauer noch Marionettenfiguren eines namenlosen Schicksals, sondern wir sind die zur Nächstenliebe Befreiten.

Einen starken Kontrast bilden auf dem Bild auch die stolzen in Panzer gehüllten und hoch zu Ross dastehenden Soldaten auf der einen Seite, und auf der anderen zu ihren Füßen auf Knien rutschende und flehende Mütter und Väter, die händeringend um das Leben ihrer Kinder betteln. Das ist der immerwährende große Gegensatz und das Gefälle zwischen Oben und Unten, zwischen Klasse und Klasse, die fortdauern bis in unsere Tage und dabei eher noch größer werden, auch wenn Einige diese Realität leugnen oder verschleiern. Es ist unbestreitbar, dass auf der einen Seite die Zahl der ausgegrenzten Armen und derer zunimmt, die um Arbeit und Brot betteln, und auf der anderen Seite gerade die Wirtschaftskrise viele Reiche noch reicher gemacht hat.

Besonders im Licht von Weihnachten spüren wir schmerzlich dieses Unrecht, denn die Menschwerdung Gottes signalisiert, dass niemand mehr behaupten kann, dass er der Herr sei und über anderen stehe, denn jeder Mensch – und daher Mitmensch – ist zuerst und vor allem unser Bruder und unsere Schwester. Wir können uns einander nur in Augenhöhe begegnen, mit allen daraus folgenden Konsequenzen.

Ein anderer Kontrast auf Bruegels Bild ist die zur Schau gestellte Machtdemonstration der Soldaten mit ihren sofort ins Auge springenden todbringenden Lanzen gegenüber den wehrlosen unbewaffneten Dorfbewohnern. In Wahrheit entlarvt diese barbarische Brutalität eine tiefsitzende Angst, die durch die Gewalt beseitigt werden sollte. Denn die spanischen Berittenen hatten vor den wehrlosen Holländern ebensolche Angst wie Herodes vor dem kommenden Messias und der ägyptische Pharao vor den israelitischen Sklaven.

Gewalt, Brutalität und Aggression entstehen meistens auf dem Boden der Angst. Angst ist sozusagen das Treibhaus für Gewalt. Menschen möchten ihre Ängste loswerden durch Gewalttätigkeit. So werden biedere Familienväter und Ehemänner oft zu Schlägertypen. Aus Angst werden Ausgegrenzte oder an den Rand Gedrängte aggressiv. Vater vieler Kriege war fast immer die Angst – Angst vor dem Verlust der führenden Position, Angst vor der Übermacht, Angst vor dem Umzingeltwerden... Angst macht auch Atommächte unberechenbar. Diese Angst überwinden können aber nur Liebe und Solidarität, die die Bausteine sind für ein Haus des Friedens.

Der allergrößte Kontrast aber, den Bruegel auf seinem Bild sichtbar macht, ist der, dass die kleine Stadt Bethlehem auf der einen Seite Geburt und werdendes Leben schlechthin signalisierte und auf der anderen Seite zum Schauplatz einer lebensvernichtenden ungeheuerlichen Mordtat wurde. Es wäre kühn zu sagen, so etwas könne, auch nach dem Grauen der Shoa, heutzutage bei uns nicht mehr passieren. Mit Recht erinnert uns Bertolt Brecht daran, dass es vielerlei Arten des Tötens gibt: man kann einen Menschen nicht nur töten, indem man ihm ein Messer in den Rücken stößt, sondern man kann ihm Arbeit und Brot wegnehmen und ihn in den Selbstmord treiben... Und viele dieser Tötungsarten sind nicht strafbar... Daher konnte der bedeutende Menschenrechtler und Soziologe Jean Ziegler den unter die Haut gehenden Satz aussprechen – und etliche Male wiederholen: „Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet“. Jede 5. Sekunde wird auf diese Art ein Kind in den armen Teilen unserer Welt ermordet... 57.000 Kinder und Erwachsene, sagte Jean Ziegler, sterben jährlich direkt an Hunger oder an dessen Folgen – und im Jahr 2011 waren es wahrscheinlich noch wesentlich mehr. Ziegler sprach ungeschminkt aus, dass für diesen Zustand eine „kannibalische Weltordnung“ mit ihren Halunken von Bankmogulen die Verantwortung trage. Die Profiteure unserer globalisierten Weltwirtschaft seien die Schuldigen, die nur darauf bedacht seien, dass ihre Profite ständig steigen, ungeachtet von Hunger und Tod in den armen Ländern der Welt. Die Berufung auf den Klimawandel als allein Schuldigem an vielen Katastrophen kaschiert oft die traurige Tatsache, dass auch Ausbeutung tötet. Woran es mangelt, das ist die Umsetzung der Botschaft des Vaterunsers, nämlich das eigene Brot mit den Brotlosen zu teilen. Eine Wirtschaftsordnung auf der Basis der Bereitschaft zum Teilen würde uns frei machen, so dass wir mit gutem Gewissen beten können: „Unser tägliches Brot gib uns heute“.

Die enormen Rüstungsausgaben mancher Länder, über die man in den Medien wenig hört und liest, töten ebenfalls, auch wenn nicht einmal ein Schuss fällt. Der Dichter Erich Fried stellt in seinem Gedicht „Bethlehem heißt ‚Haus des Brotes'“ den Zusammenhang her zwischen dem Hungertod in der Welt der Armen und den enormen Rüstungsausgaben in der reichen Welt. Denn Rüstung frisst das Brot der Armen. Mit den 4.000 Milliarden Dollar, die die beiden sinnlosen und blutigen Kriege in Irak und Afghanistan in den letzten 10 Jahren verschluckt haben, hätten die USA das Problem des Hungers in der Welt lösen und dazu einen maßgeblichen Beitrag zur Befriedung dieser besagten Weltregion leisten können. Maßnahmen des Teilens sind das wahre Zeugnis dafür, ob ein Land eine wirkliche Demokratie ist oder nicht, denn das Kriterium dafür sind nicht nur sogenannte freie Wahlen, sondern auch der Einsatz für die Schwachen und Erniedrigten außerhalb der eigenen Grenzen. Das ist Maßstab der Menschlichkeit und das ist die gelebte Konsequenz aus der Menschwerdung Gottes.

Bethlehem weist allerdings nach dem Bericht des Evangelisten Matthäus noch einen anderen Kontrast auf: Während nämlich in der Stadt die meisten Kinder ermordet wurden, konnte allein das Jesuskind gerettet werden, weil der Engel Josef vorgewarnt hatte. In diesem Zusammenhang lässt mich die Frage des portugiesischen Literatur Nobelpreisträgers José Saramago nicht in Ruhe, die er uns in seinem Buch „Das Evangelium nach Jesus Christus“ gestellt hat: Warum hat Josef die Eltern der anderen Kinder in Bethlehem nicht gewarnt? Neutestamentliche Wissenschafter haben darauf verwiesen, dass der Evangelist Matthäus offensichtlich nur die Linie Jesu im Blickfeld hatte, wie das auch andere Autoren im Altertum mit ihren Helden getan haben, allerdings mit dem Wissen, dass Jesus nicht am Anfang sondern am Ende der Kreuzestod erwartete. Diesen Gedanken greift der bedeutende Schweizer Dichter und reformierte Pfarrer Kurt Marti auf: nicht ägypten ist fluchtpunkt der flucht - das kind wird gerettet für härtere tage - fluchtpunkt der flucht ist das kreuz.

Ungeachtet dessen erinnert uns Saramagos Frage daran, dass das Florianiprinzip auch den Christen nicht fremd ist. Christenverfolgungen in Nigeria und Ägypten z. B. rufen zu Recht Proteste hervor, nicht so aber wenn Muslime irgendwo verfolgt werden, oder wenn deren religiöse Rechte in unserem Land nicht respektiert werden. Dabei vergessen wir allzu leicht, dass die Menschwerdung Gottes die Mauer niedergerissen hat zwischen Freund und Feind und auch zwischen Einheimischen und Fremden – und dies für alle Zeiten. Doch leider spukt wieder der Ungeist früherer Zeiten durch unsere Tage, der sich anmaßte, zwischen wertvollem und unwertem Leben zu unterscheiden. Unser historisches Bewusstsein ist nämlich europalastig, und daher beurteilen wir andere Kulturen rein von diesem Blickwinkel her. So lernt man das in der Geschichte. Naturkatastrophen in Europa erhalten Schlagzeilen, aber Abertausende ertrunkener Bootsflüchtlinge zwischen Nordafrika und Italien nur kleine Fußnoten am Rande, und die globale Marktwirtschaft schützt und fördert nur unseren Kulturkreis, aber schadet den Ländern des Südens.

Bethlehem, sowohl der Ort der Geburt Jesu als auch jener des Kindermordes – und heute eingesperrt zwischen hohen Mauern – stellt uns immer beunruhigende Fragen. Darum gehört diese schockierende Geschichte über den Bethlehemitischen Kindermord gerade auch in die Weihnachtsgeschichte, sonst würde der Zauber der Festtage das himmelschreiende Böse und die unsägliche Unmenschlichkeit in der Welt verdecken. Von deren Macht zu befreien, ist Gott Mensch geworden und hat uns zu seinen Mitarbeitern berufen.

Dr. Balázs Németh ist evangelisch-reformierter Pfarrer i. R., Vorstandsmitglied der AKC und ständiger KC-Autor.