Titelblatt

Leseproben

Inhaltsverzeichnis (seit 2003)

 

zurück zur Startseite

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aktuelle Informationen

Termine

Links

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

aus:

 

KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 380/381                     September/Oktober 2014

 

 

BOSNIEN – GIBT ES EINE GEMEINSAME ZUKUNFT?

Tagebuchnotizen von der interreligiösen

Pax-Christi-Studienreise nach Sarajevo (6. - 10. 9. 14)

Von Adalbert Krims

1. Tag:

Wir fahren am 7. 9. mit dem Bus von Zagreb nach Sarajevo. Unmittelbar nach der kroatisch-bosnischen Grenze steht ein großes Schild: „Welcome to Republic of Srpska“ (Bosnien-Herzegowina wird nicht erwähnt). An der Straße sieht man viele zerstörte und verlassene Häuser; in Orten und an Häusern manchmal Fahnen, aber ausschließlich serbische. Es wirkt alles ziemlich arm und teilweise heruntergekommen. In der (muslimisch-kroatischen)  Föderation Bosnien-Herzegowina sieht man dann kaum zerstörte Häuser und auch die Orte wirken weniger verlassen (eine Erklärung für diesen Unterschied habe ich nicht).

Sarajevo selbst ist sehr belebt. Es gibt schon vereinzelt beschädigte Häuser, aber auch sehr viele, ganz moderne Hochhäuser. Die Stadt, die vor dem 1. Weltkrieg 50.000 Einwohner hatte, ist inzwischen auf ca. 300.000, der Kanton Sarajevo auf rund 440.000, angewachsen. Die erste Station der Stadtführung ist das „Tunnelmuseum“. 25 m des früheren Tunnels von 800 m Länge sind noch erhalten. Dort wurden während des Bosnien-Krieges (1992 – 1995) mit Wissen der UNO heimlich Hilfsgüter, aber auch Waffen in die belagerte Stadt gebracht bzw. auch Leute hinausgeschmuggelt. In dem Museum wird auch ein Film über die fast 4 Jahre dauernde Belagerung und den Beschuss der Stadt durch die „serbischen Aggressoren“ gezeigt. Die „offizielle“ Versorgung Sarajevos erfolgte über eine Luftbrücke der Vereinten Nationen.

Nachdem wir die Geschichte Bosniens aus der Sicht der Bosniaken gehört haben (angeblich sind die Bosnier eine eigene Nation und gehen auf das bosnische Königreich vom 10. bis zum 15. Jhdt. zurück; erst im 19. Jhdt. sei das geleugnet und eine Einteilung nach katholischen Kroaten, orthodoxen Serben und muslimischen Bosniaken getroffen worden – eine allerdings nicht unumstrittene Geschichtsbetrachtung), besichtigen wir die Altstadt – natürlich zuerst das von den Serben zerstörte Alte Rathaus (in dem nach 1945 die Nationalbibliothek untergebracht wurde, die im August 1992 – so die bosniakische Sicht – von den serbischen Aggressoren gezielt zerstört wurde, um das Geschichtsbewusstsein der Bosnier auszulöschen). Die Altstadt ist wirklich sehenswert – vor allem die Moscheen aus dem 16. Jhdt., die engen Gassen und Basare aus der osmanischen Zeit. Die orthodoxe Kathedrale stammt aus dem 18., die katholische aus dem 19. Jhdt. (beide wurden und werden von den Muslimen immer respektiert, auch während des Krieges).

2. Tag:

Am Vormittag hatten wir ein Gespräch mit der Direktorin des Instituts für islamische Tradition der Bosniaken. Das moderne Gebäude mit Bibliothek, Cafeteria, Veranstaltungsräumen und kleinem Museum ist ein Geschenk des Staates Katar (ohne Bedingungen). Die Direktorin gibt einen ausführlichen Überblick über die bosnische Geschichte, wobei sie betont, dass sich die Muslime heute überwiegend nicht mit der osmanischen Geschichte, sondern mit der Zeit der österreichisch-ungarischen Verwaltung Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts identifizieren. Es gebe sogar eine wahre „Nostalgie“ in Bezug auf diese „gute Zeit“! Der Erste und Zweite Weltkrieg werden ausgelassen – es folgt der Bosnienkrieg mit dem bekannten Schema: die Bosnier lebten bis zur serbischen Aggression friedlich zusammen – und nach den Gräueltaten zwischen 1992 und 1995 blockieren die Serben heute eine notwendige Verfassungsreform für eine gemeinsame Zukunft des Landes. Durch den Krieg sind viele „Kulturmuslime“ zu bewussten Muslimen geworden – und die Solidarität islamischer Staaten trug ebenfalls dazu bei. Trotzdem hat Bosnien einen eigenständigen, europäischen Islam, der auch offen ist für den interreligiösen Dialog und das Zusammenleben. 

Interessant war am späten Nachmittag das Gespräch mit dem Hohen Repräsentanten für Bosnien-Herzegowina, Valentin Inzko. Seine eher positive Sicht überraschte mich. Auch er gab einen kurzen geschichtlichen Überblick, legte dann aber den Schwerpunkt auf den Friedensvertrag von Dayton, dessen Annex 4 die heute gültige Verfassung von Bosnien und Herzegowina darstellt. Die Einhaltung des Vertrages sowie die Interpretation der Verfassung obliegen dem Hohen Repräsentanten (OHR), der einem Lenkungsausschuss von 11 Staaten verantwortlich ist. Der OHR hat weitgehende Vollmachten, zu denen auch die Entlassung von Politikern (inkl. des Verbots politischer Betätigung) und die Erlassung von Gesetzen gehören. Seine Vorgänger (inkl. Petritsch) haben davon öfters Gebrauch gemacht, er nicht, sondern er hat im Gegenteil inzwischen alle Politikverbote aufgehoben. Inzko sieht durchaus positive Entwicklungen und hofft, noch in seiner Amtszeit den OHR abschaffen zu können, weil das Ziel erreicht ist, dass BiH „unumkehrbar auf euro-atlantischem Kurs“ ist. Das absolut größte Problem ist für den Hohen Repräsentanten der nicht funktionsfähige Rechtsstaat (inkl. Korruption). Außerdem die hohe Arbeitslosigkeit von 45 Prozent (davon sind allerdings rund die Hälfte in Schwarzarbeit beschäftigt), die Jugendarbeitslosigkeit beträgt sogar 70 Prozent. Trotzdem gibt es auch Erfolge in der wirtschaftlichen Entwicklung – allein 2013 ist die Industrieproduktion um 6 %, der Export um 7 Prozent gestiegen.

Seinen Optimismus begründete Inzko einerseits damit, dass „Diplomaten bezahlte Optimisten“ sind, andererseits aber auch mit den Erfahrungen inter-ethnischer und inter-religiöser Hilfe bei der jüngsten Überschwemmungskatastrophe. Auch bei einem aktuellen Grubenunglück habe sich das gezeigt. Es stimme also nicht, was die Politiker und die Medien immer sagen, dass die Völker nicht zusammenleben können und wollen. Auch auf Gemeindeebene oder im wirtschaftlichen Bereich gebe es Zusammenarbeit über die ethnisch-religiösen Grenzen hinweg.

 

Pax-Christi-Delegation beim Hohen Repräsentanten für Bosnien und Herzegowina, Valentin Inzko

 

3. Tag:

Am dritten und letzten Tag in Sarajevo gab es ein Gespräch mit dem Caritaspräsidenten, einem katholischen Monsignore und natürlich Kroaten. Der bosnische Staat sei ohne internationale Gemeinschaft (noch) nicht existenzfähig. Hauptproblem sei nach wie vor das nationale Problem – und für die Wirtschaft sei es die Politik. Die Serben haben ihre Republik und würden sie am liebsten mit Serbien vereinigen. Die Kroaten sind in der „Föderation“ die Minderheit, viele wollten zu Kroatien, haben sich aber damit abgefunden, dass das nicht geht – und sie (außer in den Kantonen, in denen sie die Mehrheit haben) in der Politik wenig zu reden haben. Daher sind viele nach Kroatien oder in die EU ausgewandert (fast die Hälfte!). Das geht auch leicht, weil alle bosnischen Kroaten zwei Pässe haben und somit als kroatische Staatsbürger auch EU-Bürger sind. Die Muslime wollen einen gemeinsamen Einheitsstaat. Die in Dayton den Konfliktparteien international aufgezwungene und immer noch gültige Lösung ist ein Kompromiss: Der (schwache) Gesamtstaat ist in zwei „Entitäten“ unterteilt. Die Serben haben eine eigene Republik bekommen (49 Prozent des Staatsgebietes), die muslimisch-kroatische „Föderation“ (51 Prozent) ist in 10 Kantone unterteilt (5 mit muslimischer und 5 mit kroatischer Mehrheit), wobei diese in vielen Bereichen eigene Gesetze haben. Dazu kommt der Distrikt Brcko. Insgesamt gibt es in B.-H. 14 Regierungen. Im sozialen Bereich z. B. sind die beiden „Entitäten“ ausschlaggebend, aber auch die Kantone, während die gesamtstaatliche Ebene keine Zuständigkeit hat.

Für die Caritas ist die Ausbildung der Schwerpunkt. Sie arbeitet nicht nur für Katholiken, sondern grundsätzlich für alle Volksgruppen. Bei Projekten, die von ausländischen Partnern finanziert werden, muss der „nicht-katholische Anteil“ mindestens 20 Prozent betragen, ist aber oft auch höher. Arabische Gelder über muslimische Hilfsorganisationen kommen hingegen ausschließlich Muslimen zugute. Ein zweiter Caritas-Schwerpunkt ist der Wiederaufbau nach der Überschwemmungskatastrophe.

Am Nachmittag hatten wir Gespräch in der Jüdischen Gemeinde (inkl. Besichtigung der einzigen noch voll genutzten Synagoge  sowie der ältesten Synagoge von 1581, die Museum ist und nur zum jüdischen Neujahr noch religiös genutzt wird). Das Osmanische Reich hatte im 16. Jahrhundert viele aus Spanien und Portugal vertriebene Juden aufgenommen. In Sarajevo wurden 1566 15.000 sephardische Juden angesiedelt. Nach der österreichisch-ungarischen Annexion kamen in dem 1880er Jahren noch aschkenasische Juden aus Polen und Galizien dazu, sodass es in Sarajevo bis zu 20.000 Juden gab. Vor dem 2. Weltkrieg gab es 12.000 Juden, von denen die meisten von den Nazis bzw. der Ustascha ermordet wurden, weitere gingen nach 1945 in die USA oder nach Israel. Interessant ist, dass ein sehr hoher Prozentsatz der bosnischen Juden aktiv im Widerstand tätig war: rund 800 kämpften bei den kommunistischen Partisanen Titos. Heute leben in ganz Bosnien ca. 1.100, davon in Sarajevo ca. 700 Juden, wobei es keinen einzigen Rabbi gibt (der für Bosnien zuständige lebt in Israel und kommt nur ab und zu ins Land).

Letzter Programmpunkt war der Interreligiöse Rat, in dem Muslime, Orthodoxe, Katholiken und Juden nach dem Konsensprinzip zusammenarbeiten, wobei die vier Präsidenten jeweils die Oberhäupter oder höchste Repräsentanten der vier Glaubensgemeinschaften sind. Auch im Sekretariat sind alle vier Religionen vertreten. Dazu gibt es noch 12 Regionalstellen, in denen aber (weil Juden nicht vorhanden) nur 3 Religionsgemeinschaften vertreten sind. Die Programme des Rates wenden sich hauptsächlich an Jugendliche, Frauen und Religionslehrer. Es geht um dauerhaften Frieden und Versöhnung, aber auch um Kooperation gegen den Vandalismus gegen religiöse Gebäude. Pro Jahr gibt es 50 bis 70 Übergriffe auf Kirchen und Moscheen, wobei die drei Religionsgemeinschaften ungefähr in gleicher Zahl betroffen sind. Es geht fast ausschließlich um Angriffe der jeweiligen Mehrheit gegen die jeweiligen Minderheiten (also in Banja Luka von Serben gegen Muslime und Katholiken; in Sarajevo von Muslimen gegen Serben und Kroaten oder in Mostar von Kroaten gegen Serben und Muslime).

Wenn man Sarajevo als besondere Stadt des interreligiösen und interkulturellen Zusammenlebens bezeichnet, so stimmt das für die Vergangenheit sicher, heute aber wegen der Bevölkerungsverschiebung nur noch bedingt: gegen Ende der österreichischen Herrschaft waren rund ein Drittel der Bewohner Muslime, ein weiteres Drittel Kroaten, ein Sechstel Serben und ein Zehntel Juden. 1991 – vor dem Bosnien-Krieg betrug der Anteil der Muslime knapp über 50  Prozent, 30 Prozent waren Serben und 7 Prozent Kroaten – die Juden waren ja zwischen 1939 und 1945 de facto verschwunden. Heute sind über 80 Prozent der Bewohner Muslime, der Anteil der Serben ist auf 10 Prozent geschrumpft – dazu kommen noch etwas weniger Kroaten. Die aktuellen Zahlen sind allerdings nicht bestätigt. Die letzte Volkszählung gab es 1991 – seither können sich die Volksgruppen auf keine neue Zählung einigen.

Conclusio

Auf Grundlage der Gespräche mit Vertretern bzw. Angehörigen von drei der vier Religionsgemeinschaften Bosniens (leider hatten wir keine orthodoxen Gesprächspartner) wäre es vermessen, die Situation im Land wirklich beurteilen zu wollen. Trotzdem habe ich einige Einsichten gewonnen – und mir zugleich aber auch Fragen gestellt: die grundlegende ist, wie aus Bosnien wirklich ein gemeinsamer, unabhängiger und zukunftsfähiger Staat werden soll. Die meisten Serben wollen die Abspaltung und den Anschluss an Serbien. Die Muslime wollen zwar einen gemeinsamen Staat, geben aber den Serben die Alleinschuld für die traurige Geschichte – und es gibt alle möglichen Museen und Denkmäler, die die Serben anklagen, weshalb man sich manchmal fragt, warum sie dann unbedingt mit ihnen einen gemeinsamen Staat haben wollen. Die Kroaten scheinen entweder auswandern zu wollen (viele sind ja schon ausgewandert) oder sich mit einer Nebenrolle in Bosnien abgefunden zu haben.  Nachdem der Zerfall Jugoslawiens nicht nur von den beteiligten Völkern, sondern auch von der internationalen Staatengemeinschaft zumindest akzeptiert, z. T. sogar aktiv betrieben wurde, stellt sich die Frage, warum dieser Prozess nun vor Bosnien halt machen soll bzw. warum die bosnischen Serben nicht dasselbe Recht auf Selbstbestimmung haben wie die anderen Völker des früheren Jugoslawiens einschließlich der Kosovo-Albaner.

Andererseits sind die Volksgruppen in Bosnien und Herzegowina räumlich nicht klar getrennt: In der muslimisch-kroatischen „Föderation“ ohnehin nicht und selbst in der noch am ehesten „ethnisch reinen“ Republica Srpska gibt es Minderheiten der anderen Volksgruppen, vor allem muslimische Enklaven in den Städten, so dass eine staatliche Trennung letztlich keine Lösung darstellen würde, sondern sich das Problem des Zusammenlebens verschiedener Bevölkerungsgruppen erst wieder auf einer anderen Ebene stellen würde.

Auch nach dem Bosnienkrieg erzählen die Menschen unterschiedliche Geschichten – und vor allem haben sie ein sehr unterschiedliches Geschichtsbild. Jede Volksgruppe sieht sich in erster Linie als Opfer der jeweils anderen Volksgruppe(n). Jene Geschichtsepochen, in denen man „Täter“ war, werden entweder vollkommen ausgeblendet oder anders interpretiert. Auffällig ist z. B., dass sowohl der Erste als auch der Zweite Weltkrieg (während dem die Stadt zum faschistischen kroatischen Ustascha-Staat gehörte), in denen Serben den höchsten Blutzoll erlitten haben, im Geschichtsbild der anderen kaum vorkommen und die eigene Rolle weitgehend ignoriert wird. Die osmanische wie auch die österreichisch-ungarische Vergangenheit wird von den meisten Muslimen eher verklärt gesehen, während sich die Serben als Unterdrückte betrachten. Umgekehrt fehlt es vor allem bei den Serben (aber nicht nur) an einer (selbst)kritischen Aufarbeitung des jüngsten Bosnienkrieges (1992 – 95). Wahrscheinlich ist es für eine gemeinsame Zukunft auch notwendig, dass man miteinander über die gemeinsame, aber so unterschiedlich bis gegensätzlich erlebte bzw. betrachtete Vergangenheit redet.

Am 12. Oktober sind wieder nationale Wahlen in Bosnien – und da befürchten viele, dass sich bei allen Volksgruppen wieder die nationalistischen Parteien durchsetzen, die schon bisher ein Haupthindernis für die nationale Versöhnung und für eine friedliche und demokratische Zukunft von Bosnien-Herzegowina waren. Andererseits gibt es aber auch keine realistische Alternative.

 

Balázs Németh

WIDER DIE BLENDER UND ETIKETTENSCHWINDLER

Die Frage nach den blinden Blindenführern beschäftigte Künstler und Denker seit der Antike. Das hat vielleicht damit zu tun, dass in früheren Zeiten besonders im Orient durch Augenkrankheiten verursachte Erblindung sehr häufig vorgekommen ist. Denker der griechischen Stoa meinten, dass die Ermunterung zum Schätzesammeln zur Blindheit führe. Und Mose verwies darauf, dass Geschenke den Weisen blind machten. Damit hat er deutlich den noch heute zu beobachtenden Zusammenhang zwischen Bestechung und Betrug aufgezeigt. Der holländische Maler Pieter Breughel d. Ä. hat in seinen Bildern mit biblischer Thematik stets die aktuelle Relevanz der biblischen Geschichte hervorgehoben, so auch beim „Blindensturz“, mit dem er zugleich auch die falsche Vorstellung entlarvte, dass Blindheit die Strafe für eine begangene Sünde sei. Denn die Blinden auf seinem Bild litten an speziellen Augenkrankheiten – wie heutige Fachleute erkannten – oder es waren ihnen die Augen ausgestochen worden als Strafe z. B. für eine falsche Zeugenaussage. Breughel hat mit seinem Bild aufgezeigt, dass Blindheit, zumindest zu seiner Zeit, Armut und Bettelstab bedeuteten. Das sollte uns aber auch heute zur Vorsicht mahnen, wenn wir am Straßenrand an einem blinden Bettler vorbeigehen und uns dabei sofort das geläufige Wort von der Bettelmafia einfällt.

Breughel hat mit seinem Bild jenen biblischen Text illustriert, in dem Jesus die Thematik von blinden Blindenführern aufgeworden hat. Anlass dazu war der Vorwurf der Schriftgelehrten, dass die Jünger die Reinheitsvorschriften missachteten. Als Antwort hat Jesus sie darauf hingewiesen, dass die wahre Sünde und die wahre Unreinheit darin bestünden, dass sie selbst die Gebote Mose verdrehten und verfälschten. Z. B. stehe im 5. Gebot, dass man Vater und Mutter ehren solle. Dieses Gebot richtete sich im besonderen an die mittlere Generation, damit diese für ihre alten und schwachen Eltern sorgen sollten. Das war ein bahnbrechender Aufruf zur Verantwortung den schwach Gewordenen gegenüber. Heute würde man das eine sehr wichtige Sozialmaßnahme nennen. Von dieser Regel gab es aber eine Ausnahme: nämlich wenn Vater und Mutter nicht mehr lebten, dann sollte stattdessen ein Opfer an den Tempel gegeben werden. Die Schriftgelehrten zur Zeit Jesu stellten diese Ausnahme jedoch generell als Alternative hin und öffneten damit im Namen Gottes Tür und Tor für eine missbräuchlich praktizierte billigere Lösung, was viele der Alten ins Elend und an den Bettelstab führte. Tatsächlich war dieser Missbrauch des 5. Gebotes durch die Schriftgelehrten sowohl ein Verrat an Mose' sozialer Weisung als auch eine Verhöhnung des Namens Gottes durch eine religiös klingende Begründung. Jesus bezeichnete die Schriftgelehrten darum als blinde Blindenführer. Es gibt auch noch andere Stellen, wo Jesus aufgezeigt hat, wie die Schriftgelehrten die 10 Gebote verfälscht haben.

Im Grunde genommen handelte es sich hier um nichts anderes als um eine doppelte Moral. Als Zeichen dafür nannte er, den Propheten Jesaja zitierend und wieder ganz aktuell, dass Glaube nicht eine Frage des Lippenbekenntnisses sei, sondern Taten verlange, die aus dem Wort Gottes herauswachsen. Auch der Apostel Paulus hat etliche Beispiele für diese doppelte Moral angeführt, deren Akteure zwar gegen das Stehlen predigten, aber selbst stahlen; die zwar andere belehrten, sich selbst aber nicht belehren ließen, und die zwar fremde Götter verabscheuten, aber selbst Tempelraub betrieben.

Dies sind alles Beispiele für einen Etikettenschwindel, den man weiterführend auch als Etikettenchristentum bezeichnen kann, das an den Weinbauern erinnert, der seinen Weinflaschen ein kunstvolles Etikett verpasst, aber auf den Flascheninhalt weniger achtet. Mit dieser Methode hat er dennoch oft Erfolg, denn die Menschen achten häufig mehr auf die Form als auf den Inhalt. Etikettenschwindel begleitete seit jeher auch das Christentum, bis heute. Wie oft meint man, den Glauben an der Zahl der Kreuze an den Straßenecken und an den Halsketten messen zu können, oder daran, ob in der Verfassung eines Landes ein Gottesbezug aufgenommen ist oder nicht. Wenn hinter all den Kreuzen und Gottesbezeugungen aber keine entsprechenden Taten stehen, dann kann man nur mit Jesaja sagen: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, ihr Herz hält sich fern von mir“.

Gleichzeitig mit der Verurteilung der Doppelzüngigkeit der Schriftgelehrten hat Jesus klar gesagt, dass er nicht gekommen ist, um das Gesetz aufzuheben, im Gegenteil: er wollte es von der verfälschten Interpretation befreien. Es ist wichtig, sich das vor Augen zu halten, denn ein gewichtiger Strang des christlichen Antisemitismus bestand und besteht darin, das Alte und das Neue Testament auseinanderzudividieren, um allein das „judenreine“ Neue Testament – wie das in der NS-Zeit genannt wurde – zur Heiligen Schrift zu erklären. Leider ist mancherorts dieses Gedankengut noch immer lebendig, und eben deshalb ist es so wichtig, diese biblische Geschichte über Reinheit und Unreinheit immer wieder zu erzählen.

Leider haben in unserer Zeit die alten Schriftgelehrten, also die Etikettenschwindler der Bibel, moderne Nachfahren gefunden und haben damit eine entsprechende Konjunktur angekurbelt. Dafür einige Beispiele:

Da ist zuerst einmal die Sache mit der Nächstenliebe, die in der Botschaft Jesu eindeutig auch die Feindesliebe einschließt. Sehr bald aber wurde die Feindesliebe fallen gelassen, und an deren Stelle trat bereits im späten Urchristentum die Bruderliebe. Wo aber ein Bruder ist, da muss auch ein Nichtbruder sein: der Andere, der Fremde, der Feind. So entstand das Lagerdenken, das zwischen uns und den Anderen eine scharfe Trennlinie zieht. Hier, wir vom Westen – und dort die Anderen – die Russen. Hier, wir die Christen – und dort die Anderen – die Muslime. Dort, wo die Feindesliebe ausgelöscht wird, entwickelt sich sehr rasch etwas anderes: der Kampf der Kulturen, Verschwörungstheorien, Feind- und Phantombilder. Wir vergessen gern die alte Wahrheit, die auch die Bibel bezeugt, dass zuerst Kooperation und Gemeinschaft und nicht Konkurrenz und Wettstreit die Entwicklung beflügelten. Der Philosoph der Aufklärung, Jean-Jacques Rousseau, sagte, dass der Konkurrenzkampf erst in dem Moment geboren wurde, als die erste Zaunlatte in die Erde getrieben wurde als Markierung zwischen mein und dein.

Schmerzlich spüre ich in diesen Tagen dieses Lagerdenken an den unterschiedlichen Wortmeldungen und Schuldzuweisungen angesichts der grauenhaften Ereignisse in der Ukraine und im Gazastreifen. Während die Kritik an Israel wegen seines maßlosen Bombardements sehr gedämpft ausfällt, weil das Land ja u. a. zum westlichen Lager gehört, ist das Urteil über Russland und Putin unvergleichlich viel härter, weil diese zum anderen Lager gehören. Wir sollten von Jesus, dem „Lagerzerstörer“, lernen, der einen wichtigen Ansatz der Nächstenliebe vorlebte, indem er sich in die Gedankengänge der anderen hineinversetzte, ohne deren Standpunkte von vornherein gutzuheißen. Standpunkt und Menschsein sind immer zweierlei Dinge. Das wäre auch heute ein guter Ansatz für Friedensstiftung.

Da ist des weiteren die Sache mit der Freiheit. Die Gesetze Mose begründen alle sozialen Verordnungen mit den Worten „Vergiss nicht, dass Gott dich aus der Sklavenschaft befreit hat“. Im Neuen Testament wird dieser Zusammenhang so ausgedrückt: Jesus hat dich erlöst und von deinen Sorgen befreit, damit du frei wirst, für deinen Nächsten zu sorgen. Mit der Zeit ist aber die Verantwortung für den Nächsten abhanden gekommen. Geblieben ist die eigenständige freie Entfaltung, von der die Berechtigung der Starken und Tüchtigen abgeleitet wurde, sich frei entfalten zu können, auch auf den Schultern der Schwachen und Benachteiligten. Das bildete die Basis für die moderne, sogenannte freie globale Weltwirtschaftsordnung, – oft mit der Freiheit eines Christenmenschen begründet – die eine immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich bzw. zwischen Stark und Schwach aufgerissen hat, und sie ist gerade dabei, alle atembare Luft und die letzten Reste ungestörter Natur von den Enkelgenerationen zu rauben. Die Worte der Bibel dazu sind deutlich: Ohne Verantwortung für die Schwachen ist der Mensch ein Gefangener und Gefesselter der Ichsucht.

Schließlich ist da noch die Problematik mit dem Menschenbild. In der Bibel ist immer von einem ganzheitlichen Menschen die Rede, Mensch also mit Leib und Seele als zwei absolut gleichrangigen und gleichwertigen Teilen. Am Ende des Urchristentums ist jedoch die Vorstellung von den „seelisch Armen“ entstanden, die nun – im Unterschied zu den materiell Armen – die wichtigere Kategorie von Armen darstellte. Den Leib überließ man den weltlichen Herren. Diese bleibende Weichenstellung war die Frucht der Leibfeindlichkeit der damaligen modischen Philosophie. Auf dieser Grundlage existiert noch heute der Unglaube, dass die Kirche für die Seele und den Sonntag, und die gesellschaftlichen Gesetze für das Leibliche und Materielle und für die übrigen Wochentage zuständig seien. Das ist wohl einer der Gründe, warum sich viele Benachteiligte und Unterdrückte von der Kirche verlassen fühlen und ihr den Rücken kehren.

Der Wunsch Jacques Delors', einem der früheren Kommissionspräsidenten der EU, Europa eine Seele zu geben, wurde von vielen in eine falsche Richtung gelenkt und als eine Abkehr vom Materiellen hin zum Religiösen gedeutet. Was können aber spanische und griechische Jugendliche, von denen mehr als 50 % arbeitslos sind, mit einer flügellahmen Seele anfangen? Ich habe mich immer unwohl gefühlt bei dem Wort „Seelsorger“. Ich betrachtete mich eher als einer, der sich um die Menschenfreundlichkeit Gottes sorgt.

Als Alternative zur Seele rücken immer mehr Nationalismus und Ethnizität als Heilsbringer in den Vordergrund. Das beschwört einen alten Ungeist, gegen den sich schon die Barmer Erklärung der Bekennenden Kirche in Deutschland 1934 mit den folgenden Worten gewandt hat: „Mit gleichem Ernst ist er [Jesus Christus] auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben“. Und das gilt auch heute, denn Gerechtigkeit und Menschenfreundlichkeit sind unteilbar.

Breughels Bild zeigt, wie der blinde Blindenführer selbst in die Grube gefallen ist, und wie alle anderen ihm folgen werden. Die Gefahr ist groß, dass eine gesellschaftliche Haltung, die auf einer doppelten Moral beruht und das Gebot Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung verrät bzw. verwässert, selbst in die Grube der Weltgeschichte stürzt und alle anderen dabei mitreißt. Das kann nur abgewendet werden durch eine Hinwendung zu einer gerechten und menschenfreundlichen Welt und Gesellschaft.

Breughels persönliche Einstellung in dieser Frage ist deutlich, denn im Hintergrund seines Bildes stellte er klein, aber unübersehbar eine Kirche dar – sicherlich als Zeichen dafür, dass dieses Umdenken eine zentrale Frage für alle Christen und Kirchen ist.

Dr. Balázs Németh, geb. 1931 in Budapest, ist evangelisch-reformierter Pfarrer und Oberkirchenrat i. R. Er ist ständiger Autor von „Kritisches Christentum“ und Vorstandsmitglied der „Aktion Kritisches Christentum“ (AKC).

 

KAROLY TOTH – EIN LEBEN FÜR DIE ÖKUMENE UND DEN FRIEDEN

Ein Nachruf von Adalbert Krims

Am 16. Juni ist Károly Tóth im 84. Lebensjahr in Budapest gestorben. Tóth war von 1977 bis 1991 Bischof der Reformierten Kirche des Donaudistrikts und von 1987 bis 1989 Leitender Bischof der Reformierten Kirche in Ungarn. Jahrzehntelang war Károly Tóth in führenden Funktionen der internationalen Christlichen Friedenskonferenz (CFK) tätig, von 1971 bis 1978 als Generalsekretär sowie von 1978 bis 1990 als Präsident. Von 1977 bis 1988 war Bischof Tóth außerdem Vizepräsident des Reformierten Weltbundes (RWB), und in den 1980er Jahren gehörte er dem Zentral- und dem Exekutivausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) sowie schon vorher der Weltkirchenrats-Kommission für internationale Angelegenheiten (CCIA) in Genf an. Nach seinem Rücktritt von allen offiziellen kirchlichen Funktionen hielt Tóth von 1991 bis 1994 theologische Vorlesungen als Gastprofessor in den USA und baute in Budapest mit privaten und kirchlichen Mitteln das Ökumenische Studienzentrum auf, das er bis zu seinem Tod als Präsident leitete.

 

Als „Aktion Kritisches Christentum“ kamen wir mit Károly Tóth 1974 in Kontakt, der uns durch unser Vorstandsmitglied Balázs Németh vermittelt wurde (Németh war Studienkollege von Károly Tóth auf der Theologischen Akademie in Budapest). Tóth bemühte sich damals, als neugewählter Generalsekretär der CFK, die nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die CSSR 1968 weithin abgerissenen Westkontakte der CFK wiederzubeleben und neue zu knüpfen. Bei der nächsten Allchristlichen Friedenskonferenz in Prag 1978 waren dann aus Österreich u. a. Univ.-Doz. Dr. Johannes Dantine (später Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche), Ulrich Trinks (Leider der Evangelischen Akademie Wien) und Adalbert Krims vertreten.

Károly Tóth hat auch mehrmals in der Zeitschrift „Kritisches Christentum“ publiziert. Sein erster Kommentar im Februar 1977 („KC“ Nr. 5) widmete sich dem Thema „Christen vor der Herausforderung des Marxismus“. Sein letzter Beitrag in einem „regulären“ Heft trug den Titel „Kirchen und 'Zigeuner' im heutigen Ungarn“ (Nr. 336/337, April/ Mai 2010). Schließlich schrieb er noch einen Artikel für das Sonderheft zum 80. Geburtstag seines Studienkollegen Balázs Németh: „Wer weder Herz noch Heimat getauscht hat“ („KC“ 349 a/Juli 2011).

Nach der „Wende“ in Ungarn 1990/91 distanzierte sich die neue Kirchenführung von Bischof Tóth, der als Kollaborateur der Kommunisten und damit als persona non grata galt. Erst im Laufe der Jahre sah man sein Wirken differenzierter. Die Festschrift zum 75. Geburtstag von Károly Tóth im Jahre 2006 wurde dann bereits vom Außenamt der Reformierten Kirche Ungarns herausgegeben, sozusagen auch als öffentliches Zeichen seiner Rehabilitierung.

Dass die Reformierte Kirche Ungarns, die die „Wende“ in gewissem Sinne als Rückwärtsentwicklung zu Nationalismus und Antikommunismus verstanden und vollzogen hat, ihren früheren Bischof schließlich doch rehabilitierte, lag wohl in erster Linie an der internationalen Reputation, die Tóth auch nach seinem Rückzug aus kirchenleitenden Positionen genoss. Der ehemalige Vorsitzende des Zentralausschusses des Weltkirchenrates, der deutsche Alt-Bischof Heinz-Joachim Held bezeichnete Tóth als einen „Brückenbauer zwischen den Kirchen in einem Horizont der politischen und theologischen Irritationen, in denen es so leicht immer wieder zu Misstrauen und Missdeutungen kommen konnte“. Und Held hob in seinem Beitrag in der Festschrift zum 75. Geburtstag von Károly Tóth auch die Schwerpunkte des früheren Generalsekretärs und Präsidenten für die Arbeit der Christlichen Friedenskonferenz hervor: „1. Die Überwindung der Krise des Jahres 1968; 2. die Einbeziehung der Probleme der Dritten Welt, wobei er das Stichwort ‚Frieden mit Gerechtigkeit nannte; und 3. die Zusammenarbeit mit den anderen ökumenischen Organisationen, aber auch mit weltlichen Friedensbewegungen.“

Auch der Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf, Olav Fykse Tveit, hob in seinem Kondolenzschreiben Tóths „herausragenden Beitrag zur ökumenischen Bewegung während einer schwierigen und komplexen Zeit“ hervor.

Der US-amerikanische presbyterianische Pfarrer Dwain C. Epps, der viele Jahre Direktor der Weltkirchenrats-Kommission für Internationale Angelegenheiten (CCIA) bezeichnete den Weg von Károly Tóth, der seit 1971 ebenfalls dieser Kommission angehörte, als „Gehen auf Zehenspitzen durch die Minenfelder des Kalten Krieges“. Epps würdigte insbesondere die Bemühungen Tóths, dem Weltkirchenrat Türen sowohl zu den Kirchen als auch zu den staatlichen Religionsämtern im Ostblock zu öffnen und so die ökumenischen Ost-West-Kontakte und den Dialog zu stärken. In diesem Zusammenhang hob Epps auch hervor, dass sich Tóth sehr für Reiseerlaubnisse von Kirchenvertretern aus dem Osten zu internationalen ökumenischen Begegnungen engagiert habe. Die „Laudatio“, die Dwain C. Epps anlässlich des 75. Geburtstages von Károly Tóth für die Festschrift geschrieben hatte, wurde gemeinsam mit einem kurzen Nachruf der Kirchenleitung unmittelbar nach dem Ableben des früheren Bischofs auf der Homepage der Ungarischen Reformierten Kirche veröffentlicht (reformatus.hu).

Károly Tóth war in seinen jahrzehntelangen verantwortlichen Tätigkeiten in der internationalen ökumenischen Bewegung immer ein Brückenbauer – zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd, zwischen den verschiedenen Konfessionen, aber auch zwischen Kirche und Staat im Osten sowie zwischen dem Weltkirchenrat und der Christlichen Friedenskonferenz. Gerade deshalb war er aber auch vielen Verdächtigungen, Anfeindungen und Missverständnissen ausgesetzt, die aber letztlich die Integrität seines Zeugnisses und seiner Person nicht untergraben konnten.