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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 448/449                                        Mai/Juni 2021

 

 

 

HUMANIST, CHRIST, SOZIALIST UND INTERNATIONALIST

 

Ein Nachruf auf Herbert Berger

 

Von Adalbert Krims

 

Am Abend des Karsamstags, 3. April 2021, ist Herbert Berger in Wien im Kreise der Famile gestorben. Ich habe ihn im Herbst 1971, also vor fast 50 Jahren, kennengelernt. Zuerst allerdings im Fernsehen: Im ORF gab es damals eine Se­ie über im Ausland lebende Österreicher. Im Sep­tem­ber sah ich eine Folge über einen österreichischen Priester in Chile, der in Elendsvierteln der Hauptstadt Santiago tätig war und Anhänger der Be­freiungstheologie war. Sein Name: Herbert Berger. Ich war sehr beeindruckt und wollte Kontakt zu ihm aufnehmen. Ich rief im Erz­bi­schöf­li­chen Ordinariat an und bekam seine Adresse. Ich schrieb einen Brief – damals gab es ja noch keine andere Möglichkeit der Kommunikation (außer dem für Überseegespräche viel zu teuren Telefon). Ich rechnete mit einer Antwort in ein paar Wochen. Es kam aber keine. Mehr als 2 Mo­na­te später bekam ich eine Einladung des Instituts für Internationale Zusammenarbeit (IIZ) zu einer Veranstaltung mit Kaplan Berger, der über seine Erfahrungen in Chile berichtete. Er war also inzwischen zurückgekehrt. Als ich mich vorstellte, entschuldigte er sich gleich, dass er me­inen Brief nicht beantwortet hatte, aber er habe bei der Vorbereitung seiner Rückkehr nach Wien ganz darauf vergessen.

 

Ab diesem Zeitpunkt irgendwann im November 1971 blieb ich mit Herbert Berger in Verbindung. Wir trafen uns öfters privat und er nahm im Februar auch am Seminar „Sozialismus als gesellschaftliche Verwirklichung christlichen Glaubens“ in Linz teil, bei dem der „Arbeitskreis Kri­ti­sches Christentum“ (AKC) gegründet wurde. Herbert war also auch eines der AKC-Gründungsmitglieder. Allerdings plante er, möglichst bald wie­der nach Chile zu gehen und er wollte auch mich davon überzeugen, das ebenfalls zu tun. „Allende braucht unsere Unterstützung!“ sagte er mir. Und ich antwortete: „Ich kann nichts, was man in Chile brauchen könnte. Ich kann nur schreiben, das aber nur auf Deutsch. Daher kann ich hier mehr für Chile tun als dort.

 

Herbert reiste im November 1972 wieder nach Chile – und wir blieben brieflich in Verbindung. Das wäre ihm dann fast zum Verhängnis ge­wor­den. Unmittelbar nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 schrieb er mir einen Brief, um mich genauer über die jüngsten Ereignisse in Chi­le zu informieren. Er hatte den noch nicht fertigen Brief in der Schreibmaschine eingespannt, als in seiner Abwesenheit die Militärpolizei seine Wohnung durchsuchte. Zum Glück konnte niemand deutsch, so dass der Brief in der Schreibmaschine unbeachtet blieb – er hätte zu­min­dest zu einer Verhaftung ausgereicht.

 

Kurze Zeit später musste Herbert Berger das Land verlassen. Nach seiner Rückkehr nach Österreich war er führend am Aufbau einer Soli­da­ri­tats­be­wegung für Chile sowie der Betreuung chilenischer Flüchtlinge beteiligt. Es entstand damals die „Chile-Solidaritätsfront“, die aus sozia­li­sti­schen, kommunistischen und christlichen Organisationen bestand (von christlicher Seite waren das die Katholische Arbeiterjugend, der Evangeli­sche Jugendrat H. B., die Solidaritätsgruppe engagierter Christen – SOG, die evangelische „Salzburger Gruppe“, die Gruppe „Christen für den So­­zia­lis­­mus“, sowie der „Arbeitskreis Kritisches Christentum“, später Aktion Kritisches Christentum). Herbert Berger, der gemeinsam mit mir die AKC vertrat, wurde einstimmig zum Präsidenten der Chile-Solidaritätsfront gewählt, Vizepräsidenten wurden Josef Hindels von den Sozia­li­sti­schen Freiheitskämpfern und Bruno Furch vom kommunistischen KZ-Verband. Herbert Berger gehörte 1974 auch zu den Initiatoren der Grün­dung der ökumenischen „Arbeitsgemeinschaft Christen für Chile“, die neben Informationsarbeit auch konkrete Hilfsprojekte in Chile unterstütz­te, und der er bis zu seinem Tod angehörte (bis 2018 redigierte er das 4mal pro Jahr erscheinende Informationsblatt).

 

Herbert machte aber auch wieder bei der AKC mit und war von Anfang an bei der im September 1975 erstmals erschienenen Zeitschrift „Kri­ti­sches Christentum“ dabei, in der er in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Beiträge veröffentlichte.

 

Leben und Wirken

 

Herbert Berger wurde am 1. August 1933 in Straß im Straßertal im Bezirk Krems-Land geboren. Nach der Matura an der Realschule in Krems 1951 arbeitete er in der elterlichen Fleischhauerei mit und machte parallel dazu die Ergänzungsmatura in Latein und Griechisch, die Voraus­set­zung für das Theologiestudium war. Von 1954 bis 1959 studierte er an der Universität Wien katholische Theologie und war dann nach der Prie­ster­wei­he im Juni 1959 als Kaplan und Religionslehrer in Niederösterreich und Wien tätig.

 

Herberts Wunsch war schon damals, als Missionar nach Lateinamerika zu gehen, doch stieß er damit bei seinem Erzbischof, Kardinal Franz König, zunächst auf taube Ohren. Erst im September 1967 bekam er die Bewilligung, sich an der katholischen Universität von Löwen (Belgien) auf einen Einsatz in Chile vorzubereiten. Vom Februar 1968 bis Oktober 1971 war Herbert Berger als Kaplan und Sozialarbeiter in Elends­vier­teln von Santiago tätig und arbeitete auch in einem religionssoziologischen Institut mit.

 

Nach seiner Rückkehr nach Wien im Oktober 1971 wurde Berger zu­nächst Beauftragter für Gastarbeiterfragen der Erzdiözese Wien und schrieb in dieser Zeit auch seine Dissertation über christliche Basisgemeinden in Santiago, mit der er im November 1972 zum Doktor der Theologie pro­mo­vierte. Unmittelbar danach ging er ein zweites Mal nach Chile, diesmal als Entwicklungsarbeiter des Instituts für Internationale Zusammen­ar­beit. Bis September 1973 leistete er Pastoral- und Sozialarbeit in Elendsvierteln von San­tiago und koordinierte die österreichischen Ent­wick­lungs­arbeiterInnen in Chile.

 

Nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 war Herbert als aktiver Unterstützer der sozialistischen Allende-Regierung auch persönlich ge­fähr­det. Er versuchte, politisch verfolgten Chilenen über die österreichische Botschaft die Flucht zu ermöglichen, was aber der Botschafter ver­hin­dern wollte. Herbert nahm damals direkten Kontakt zu Außenminister Rudolf Kirchschläger auf, was so manchem Flüchtling das Leben ret­te­te. Außerdem erreichte er durch persönliche Kontakte zu Kirchschläger und zum damaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky, dass die Regierung den Botschafter in Santiago auswechselte und politisch verfolgten Chilenen Asyl gewährte. Allerdings musste auch Berger selbst das Land ver­las­sen, weil ansonsten sein Leben in Gefahr gewesen wäre.

 

Nach seiner Rückkehr bot ihm die Erzdiözese kein für ihn adäquates Tätigkeitsfeld an. Einige Monate arbeitete er beim Innenministerium im Rah­men der Betreuung chilenischer Flüchtlinge mit und wurde dann im April 1974 Projektleiter am Institut für Empirische Sozialfor­schung (IFES). Von 1981 bis 1987 war er dann in der Bundeszentrale der SPÖ (Grundlagen- und Meinungsforschung) und anschließend bis zu seiner Pen­sionierung im September 1998 als Bereichsleiter im Dr.-Karl-Renner-Institut (Grundlagenforschung, Entwicklungspolitik und Migration) tätig. Erst 1987 wurde Berger auf seinen Antrag hin vom Vatikan offiziell aus dem Priesterstand entlassen und heiratete dann seine Lebensgefährtin Sigrun.

 

Neben seiner beruflichen Tätigkeit – und teils in Überschneidung mit ihr – war Herbert Berger aber immer in der Dritte-Welt-Solidarität engagiert. So war er 16 Jahre lang (1974 – 1990) Präsident der Österreichischen Chile-Solidaritätsfront. Mehrere Jahre war er auch führend im Österreichi­schen Informationsdienst für Entwicklungspolitik (ÖIE - heute „Südwind“), dem Österreichischen Nord-Süd-Institut und der Arbeits­ge­mein­schaft Entwicklungszusammenarbeit (AGEZ – Dachverband der entwicklungspolitischen NGOs – 3 Jahre auch als Geschäfts­führer) tätig.

 

Einen besonderen Stellenwert in der ehrenamtlichen Tätigkeit Bergers nahm neben Chile die Solidarität mit dem sandinistischen Nicaragua ein. Bereits vor der Revolution vom 19. Juli 1979 wurde in Österreich im November 1978 das Solidaritätskomitee für Nicaragua gegründet, dessen Eh­ren­schutz u. a. Bundeskanzler Bruno Kreisky und Caritas-Präsident Leopold Ungar übernahmen. Es ging dabei zunächst um die politisch-mo­ra­lische Unterstützung der nicaraguanischen Opposition gegen die Somoza-Diktatur, aber auch um humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge (die Re­gie­rung Kreisky verdoppelte damals die privaten Spenden für Nicaragua!). Das Komitee wollte aber auch zivilgesellschaftliches Solidari­tats­enga­ge­ment in Österreich für die sandinistische Revolution initiieren und koordinieren. Vor allem in der 1. Hälfte der 1980er Jahre entstand ein in Öster­­reich bisher nicht dagewesenes Geflecht von Solidaritätsaktionen – von Städtepartnerschaften bis hin zu den Solidaritätsbrigaden. Wichti­ges Ziel war auch, dass Nicaragua zu einem offiziellen Schwerpunktland der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit werden sollte, was schließ­lich auch gelang.

 

Als in Nicaragua die bürgerlichen Kräfte bereits im Jahr nach der Revolution die Regierung verließen und 1981 mit dem Wahlsieg von Ronald Reagan die USA ihre Politik gegen die Sandinisten verschärften, kamen auch bei Bundeskanzler Kreisky in Österreich Zweifel auf, ob Nica­ra­gua nicht zu sehr in Richtung sowjetischen Einfluss abdriftet. Herbert Berger spielte damals – zusammen mit Johanna Dohnal, aber auch Karl Blecha, Erwin Lanc u. a. – eine nicht unwichtige Rolle, um Kreisky von der Fortsetzung der Unterstützung für Nicaragua zu überzeugen. Her­bert war es, der für Kreisky Informationen aus dem Spanischen übersetzte und Besuche nicaraguanischer Politiker (nicht zuletzt von Ernesto Car­denal) vorbereitete und dann für Kreisky als Dolmetsch fungierte.

 

Berger war auch eine treibende Kraft bei der Gründung des Österreichischen Hilfskomitees für Nicaragua im Jahr 1983, in dem Bruno Kreisky den Ehrenvorsitz übernahm und Johanna Dohnal als Koordinatorin fungierte. Neben Informationsarbeit führte das Komitee ein integriertes Ent­wicklungsprojekt am Rio San Juan durch. 1984 erhielt das Hilfskomitee den Bruno-Kreisky-Preis für Menschenrechte und konnte das Preis­geld für sein Projekt verwenden.

 

Über das Renner-Institut organisierte Herbert Berger auch mehrere Studien- und Solidaritätsreisen nach Nicaragua, an denen auch SPÖ-Politi­kerIn­nen teilnahmen. Herbert war in den 1980er Jahren gewissermaßen das Scharnier zwischen der zivilgesellschaftlichen Nicaragua-Solidarität und der SPÖ – und er beeinflusste damit auch die offizielle Politik der österreichischen Bundesregierung gegenüber Nicaragua.

 

Herbert Berger setzte auch nach seiner Pensionierung 1998 sein Engagement für internationale Solidarität und Entwicklungspolitik fort und war an mehreren Versuchen beteiligt, überparteiliche zivilgesellschaftliche Plattformen aufzubauen, um innerhalb Österreichs die Politik in Richtung mehr soziale Gerechtigkeit zu verändern (z. B. Österreichisches Sozialforum, Forum Soziale Gerechtigkeit…).

 

Herbert Berger war sowohl in der katholischen Kirche als auch in der Sozialdemokratie immer ein kritischer Geist, der nicht einfach vorge­ge­be­nen Dogmen oder Parteibeschlüssen folgte. Ihm ging es nicht um Institutionen und schon gar nicht um Hierarchien, sondern um die Inhalte – und vor allem die konkreten Menschen. Was aber auch noch erwähnt werden muss: Sigrun, die Frau seines Lebens, war für ihn – in guten und in schwierigen Zeiten – Partnerin und Stütze, ohne die sein konsequentes Engagement und sein Durchhalten kaum möglich gewesen wäre.

 

Herbert war für mich seit fast 50 Jahren einer der engsten politischen und persönlichen Freunde. Ich habe mit ihm viele Stunden diskutiert und wir waren zusammen beim Heurigen. Ich habe mit ihm Studienreisen unternommen (u. a. Nicaragua und Guatemala 1987), Veranstaltungen und Se­mi­na­re besucht. Ich bin mit ihm früher aber auch ausgiebig gewandert. Die Erinnerung an ihn und sein Wirken wird immer bleiben!

 

 

MENSCHEN­BEGEGNUNG – GOTTESBEGEGNUNG

 

Autobiographische Notizen - Teil II

 

Von Jussuf Windischer

 

Wir haben im letzten Heft („KC“ 445/446, Februar/März 2021) den 1. Teil der autobiographischen Notizen von Jussuf Windischer unter dem Titel „Men­schen­be­gegnung – Gottesbegegnung“ gebracht.  Dort ging es um seine ersten 50 Lebensjahre, die u. a. Auslandseinsätze in Zimbabwe und Brasilien, den Aufbau eines Jugendzentrums in Innsbruck sowie seine Arbeit mit Obdachlosen und Drogenkranken umfassten. Der 2. Teil beginnt 1998 mit Aufbau und Leitung des Caritas-Integrationshauses in Innsbruck.

 

Caritas Integrationshaus

 

Begegnungen im Caritas-Integrationshaus halfen, die Vielfalt Gottes zu entdecken. BewohnerInnen, BesucherInnen, alle waren willkommen, un­ter der Voraussetzung, dass Interessierte die Hausregel akzeptierten: Respekt und Interesse. Diese Regel beinhaltet auch Respekt vor ver­schie­­denen Weltanschauungen, Religionen und auch Gottesbildern. Religiöse Haltungen waren auch lebbar und sichtbar. Im Haus gab es eine Ka­pelle für christliche Traditionen, einen muslimischen Gebetsraum, auch einen Kellerraum, wo sich selbst Menschen agnostischer und athe­i­stischer Tradition getroffen haben. In diesem Haus und noch nie wurde ich zu so vielen Festen, insbesonders religiösen Festen, eingeladen. Es wa­­ren Feste der verschiedensten Traditionen. Die meisten Feste waren Feste der Dankbarkeit – dankbar den Mitmenschen gegenüber, dankbar einem Gott gegenüber. Gefeiert wurden daselbst Hochzeiten, Geburtstage, positive Asylbescheide, bestandene Prüfungen, der 1. Mai, Dok­to­ra­te, aber auch Todesfälle. Zum Feiern kamen alle zusammen, oft auch im Dinnerclub bei bester Speise, bestem Trank. Es war die Präsenz Gottes in der Gemeinschaft und im Feiern. Für einige wurde die Kapelle zum Zufluchtsort. Sie war Tag und Nacht geöffnet. Flüchtlinge, Obdachlose, home­less people schliefen am Boden der Kapelle. Hiermit war dies auch heiliger Boden, Präsenz Gottes im Armen, der Zuflucht sucht. In der­sel­ben Kapelle strahlte Kerzenlicht beim Tabernakel, in dem das gebrochene Brot aufgehoben wurde und auch vor dem Gold der Ikonen. Ein ortho­doxer Georgier meinte, dies seien die Fenster zum Himmel, die Fenster zu Gott.

 

Justizanstalt

 

Als Seelsorger in der Innsbrucker Justizanstalt lernte ich viele Leute kennen, die Schuld, manchmal schwere Schuld auf sich geladen hatten. In vielen, sehr vielen Gesprächen, manchmal bis fünfzehn am Tag, lernte ich zu hören, zu horchen auf Gott. Für einige war ich der einzige Ge­sprächs­partner. Einige erzählten von ihrer Großmutter, welche noch über Gott reden konnte. Manchmal und langsam offenbarte sich ein Gott, dem man schwere begangene Schuld gestehen konnte, einem, dem man nichts vortäuschen musste. Eine Frau, die ihr Kind mit Messerstichen tö­tete, weinte bei den Treffen, es kam zu keinem Gespräch, bis sie einmal fragte, ob es einen Gott gäbe, der verzeiht. Ich konnte nur zu­rück­fra­gen, ob sie an einen solchen Gott glaube. Nach ein paar Tagen, beim folgenden Gespräch meinte die Frau, dass sie an diesen Gott glaube. Die Kinds­mörderin verkündete die Barmherzigkeit Gottes, dies unter vielen Tränen.

 

Ich lernte wieder eine Vaterunserbitte beten, bei jedem Sonntagsgottesdienst in der Kapelle: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben un­­seren Schuldigern“, übersetzend „Vergib uns unsere Verbrechen, wie auch wir vergeben unseren Verbrechern“. Die „Gemeinde hinter Git­tern“ war und ist eine Kirche, welche per se eine Gemeinschaft von Heiligen und Verbrechern ist. Ganz bescheiden steht man dann vor Gott mit den eigenen guten und auch Schattenseiten, vor einem Gott, der einem ebenbildliche Würde verliehen hat in Gemeinschaft mit abgeurteilten Ver­brechern. Jeder und jede ist auch Ebenbild Gottes: egal ob Teilnehmer, Justizwachebeamter oder Leiter des Gottesdienstes. Der Ruf lautete: „Herr erbarme dich, Gospodi pomului, Lord have mercy. Amen.“

 

Muttersprachliche Gemeinden

 

In der Begleitung der muttersprachlichen Gemeinden der Diözese Innsbruck bewunderte ich die Gastfreundschaft, aber auch die große Freude der Gemeinden an ihrer Muttersprache. Es gibt das Bedürfnis, in der Muttersprache zu beten, in der Sprache, die einem die Eltern beigebracht ha­­ben, in dieser Sprache auch die Botschaft Gottes zu hören, die Gebete zu sprechen, die viele meistens von der Großmutter oder vielleicht auch vom Großvater gelernt haben, in der Muttersprache zu singen.

 

Zugleich aber ahnte ich, dass Nationalsprachen Gottesbilder verdunkeln können. Es ist die nationale Verknüpfung, manchmal auch nationale Ver­götzung bzw. Nationalismen, welche Mensch und Gott überschatten können. Umso schöner war es aber, wenn sich an einem Sonntag der Völ­ker Gemeinden begegneten und sich bewunderten, wenn die ein oder andere sogar auf nationale Symbole, Fahnen, Abzeichen, etc. ver­zich­teten, wenn die weite Gottes offensichtlich und die menschlichen Engführungen besonderer Nationalismen hintangestellt wurden zugunsten eines erweiterten Gottesbildes.

 

Israel und Palästina

 

Ein Einsatz von drei Monaten in Israel/Palästina, organisiert von Pax Christi und EAPPI (Ecumenical Accompaniment Programm in Palestine and Israel) ließ mich im sogenannten Heiligen Land auch an Menschen und an Gott zweifeln. Auch wenn mich Landschaft und Erinnerungen an biblische Bilder zutiefst berührten, und das „Hier hat Gott gelebt“ oder die Offenbarung Jahwes (Exodus 20,2 - 3) dauernd begleitete, wurden meine Zweifel immer stärker. Wenn ich in Jerusalem in einer Bar ein Getränk einnahm, wissend, dass daselbst vor ein paar Wochen eine Bombe hochging und ein Terrorist „Allahu akbar“ gerufen hat, fragte ich mich, welchen Gott er gemeint haben könnte. Wenn wir bei Über­griffen, verübt von zionistischen Fanatikern aus illegalen Siedlungen in Palästina, von Palästinensern zu Hilfe gerufen wurden, wenn palä­sti­nensische Hirten mit Schusswaffen bedroht wurden, wenn Menschenrecht und Völkerrecht mit Füßen getreten wurde, und wir nur Zeugen wa­ren, dann standen wir meistens hilflos daneben. Wenn Fanatiker meinten, das sei ihr Land, das ihnen Gott versprochen habe, musste ich mich fragen: „Welchen Gott meinen sie wohl?“ Einen solchen Gott kann es nicht geben. Es blieben nur Trauer, Tränen und Gottverlassenheit.

 

Pax Christi

 

Pax Christi war und ist eine Schule der Gotteserfahrungen. Zentralanliegen von Pax Christi ist der Friede, die Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. Die Pilgerwanderung von La Verna bis Assisi, die Auseinandersetzung mit dem Hl. Franziskus war eine heilsame Erfahrung. Ober­halb der Einsiedelei des Hl. Franziskus steht geschrieben: „Ubi deus, ibi pax“ („Wo Gott ist, da ist Friede“). Ich konzentrierte mich beim Wan­dern auf diese Aussage, auf diese Gotteserfahrung. Es gibt wohl einen Gott im Frieden, einen Gott des Friedens.

 

Waldhüttl – die Vinziherberge

 

Als Pensionist konnte ich mit der Vinzenzgemeinschaft eine Notunterkunft (Waldhüttl) für Armutsflüchtlinge (Roma) aufbauen und Roma, die mit­tels Straßenzeitungsverkauf, mit Musik oder Gelegenheits­arbeit um das Überleben kämpfen, begleiten. Es schien, dass ich Gott auf der Straße suchen und finden kann. Er sitzt am Straßenrand, er bettelt, er kann auch lästig sein. Gott ist manchmal auch mühsam, aber er ist da. Beim Wortgottesdienst im Waldhüttl wurden Gottesbilder erweitert. Fürbitten halfen. Z. B., wenn eine Bewohnerin betete: „Ich bete für eine Frau, die sehr bös mit mir war und auf Roma geschimpft hat.“ Oder: „Ich danke Gott, dass ich nicht un­ter der Brücke schlafen muss.“ Wir be­ten, danken, preisen und bitten Gott mit Musik: mit Klavier, Geige und Gitarre. Das Gebet der Musik versteht fast jeder, da braucht es keine Über­­setzung. Die Melodien sind sehnsuchtsvoll. Gebet ist Sehnsucht. Vielleicht ist Gott die Sehnsucht.

 

Damit arme Leute einen schönen Platz haben, belebten wir das Wald­hüttl, den Bauernhof und die Um­ge­bung mit Gärten und Tieren, mit Hen­nen, Enten, Schafen und Hasen. Als wir Esel in Pflege übernahmen, meinte ein Rom, dass es gut sei, denn Esel seien heilige Tiere. Ich gestand, dass ich dies trotz theologischer Ausbildung nicht gewusst habe. Aron, ein Rom, erklärte mir, dass der Esel Jesus in der Krippe durch den heißen Atem rettete, auf der Flucht zur Seite stand und beim Einzug in Jerusalem Jesus trug. Der Esel trage die Last der Welt. Deshalb habe der Schöpfer seit Anbeginn der Schöpfung den Rücken des Esels mit einem Kreuz als Fellzeichnung gezeichnet und ausgezeichnet. Die Schöp­fung erzählt von Gott. Aron vermittelte mit seiner Erzählung in Tradition der Volksfrömmigkeit ein Gottesbild, erklärte, dass die Schöpfung von Gott erzähle – auch der Esel.

 

Ehe, Familie und Kinder

 

In Ehe und Familie lebt Gott. Roland Sublon, Professor an der Universität Strasbourg (Theologe, Arzt, Psychoanalytiker und Priester) erklärte uns Studenten, dass Bilder des Himmels nicht selten von Hochzeiten erzählten, dass Hochzeiten auch mit Liebe und Orgasmen in Verbindung gebracht werden können. Liebesgeschichten können auch göttliche Erfahrungen sein. Es sind Bilder des Bundes Gottes mit den Menschen.

 

Wir reisten mit einem Kind aus, bekamen in Brasilien 2 Kinder, dann noch eines wieder in Österreich: Geschwister, damals mit verschiedenen Staats­bürgerschaften.

 

Jede Geburt war auch ergreifendes Wunder: eine neue Menschengeschichte nahm ihren unwiderruflichen, ewigen Anfang. Das Bemühen, den Kindern Geborgenheit, Vertrauen und Hoffnung zu vermitteln, wurde zur Lebensaufgabe. Die Kinder stellten ihre Fragen, auch ihre Fragen nach Gott, Fragen, deren Originalität keine Grenzen kannte und kennt. „Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 18,3). Gut ist es, Kindern zuzuhorchen. Sie erzählen von Gott, oft unbefangen, oft hilflos, ohne großen An­spruch – oft auch lästig fragend. Das kritische Hinterfragen von Jugendlichen kann hart ausfallen. Es gibt Zeiten, da will niemand von Gott reden, es gibt andere Sorgen oder Freuden. Es gibt Zeiten, da bekennt sich plötzlich ein erwachsener Sohn als Atheist. Der andere hält viel von Gott und nichts von Kirche, der andere arbeitet in Kirche und Caritas. Jugendliche, so auch unsere inzwischen erwachsenen Söhne leben von vielen kritischen Infragestellungen. Gott sei Dank gibt es aber immer wieder die Begegnungen und Feste in der Familie. Gefeiert wird oft und viel, auch bei religiösen Festen gibt es Meinungsaustausch, Lieder, Texte und Riten und auch beste Speisen und besten Trank. Bei großen Festen waren manchmal auch Freunde und Freundinnen der Familie dabei. Sie brachten auch ihre Traditionen ein, manchmal waren es Texte aus dem Koran, manchmal Texte aus anderen heiligen Schriften. Immer wurden alle gebeten, etwas einzubringen, z. B. aus Literatur, Musik – Ge­danken, Symbole u. a. m. All das bereicherte Menschen- und Gottesbilder und bestärkte, dass wir gut zusammenleben möchten, nicht nur in der Familie, sondern auch in Solidarität mit der Menschheit.

 

Schlusswort

 

Zu guter Letzt: Das Leben ist ein Streifzug. Verschiedenste Menschenbegegnungen und Erfahrungen können bei der Gottsuche helfen. Manch­mal werden hiermit Götzenbilder abgebaut. Menschenbegegnungen bergen unendliche Dynamiken in sich. Sie gehen auch ins Herz. Augustinus meinte: „Unruhig ist unser Herz bis es ruhet in dir“. Vielleicht endet der Streifzug wirklich dann bei Gott, so hoffe ich.

 

Dr. Josef (Jussuf) Windischer, geboren am 12. 8. 1947 in Innsbruck, Studium der katholischen Theologie. Religionslehrer, Leiter mehrerer Sozialprojekte in Tirol, Ent­wick­lungshilfeeinsätze in Zimbabwe und Brasilien, Gefängnis- und Ausländerseelsorger in Tirol, Generalsekretär von Pax Christi Österreich (2011 – 16), seit 2012 Ob­mann der Vinzenzgemeinschaft in Tirol sowie Gründer und Leiter des Vinziprojekts „Waldhüttl“ (http://www.waldhuettl.at/). Jussuf Windischer ist auch AKC-Vor­stands­mitglied.

 

 

BUCHTIPP:

 

Bernhard Kreutner, „GEFANGENER 2959: DAS LEBEN DES HEINRICH MAIER – Mann Gottes und unbeugsamer Widerstandskämpfer“. Mit einem Nachwort von Michael Köhlmeier. ECOWIN-Verlag, Salzburg/München 2021, 256 Seiten.  Euro 23,55.

 

Es gab in der österreichischen katholischen Kirche nicht sehr viele Amtsträger, die wäh­rend des Nationalsozialismus aktiven Widerstand leiste­ten. Und die wenigen wurden nach dem 2. Weltkrieg zuerst verschwiegen, waren dann „umstritten“ – und eini­gen gelang später sogar die kirch­li­che Anerkennung bis hin zur Seligsprechung (wie z. B. Provikar Carl Lampert, Pfarrer Otto Neururer, Schwester Restituta Kafka oder auch der Laie Franz Jägerstätter). Zwischen 1938 und 1945 wurden insgesamt 724 österreichische Priester verhaftet, von denen 7 in Haft verstarben so­wie 15 zum Tod verurteilt und hingerichtet wurden. Mehr als 300 Priester wurden des Lan­des verwiesen, und über 1500 Priester wurde ein Pre­digt- und Unterrichtsverbot ver­hängt. Zu den bis heute immer noch eher wenig bekannten katholischen Wi­der­stands­kämpfern gehört der Prie­ster DDr. Heinrich Maier, der von 1935 bis 1944 als Kaplan in der Pfarre Gersthof im 18. Wiener Gemeindebezirk tätig war.

 

Maier wurde am 16. 2. 1908 in Großweikersdorf (Niederösterreich) in ärmlichen Verhältnissen ge­bo­ren und trat nach der Matura 1926 ins Wie­ner Priesterseminar ein, wo er das Theo­logiestudium begann. 1928 übersiedelte er an die Universität Gregoriana in Rom, wo er zusammen mit dem späteren Kardinal Franz König scholastische Philo­so­phie studierte und 1930 den Doktortitel erlangte. Dann setzte er in Wien sein Theo­lo­gie­studium fort und wurde 1932 zum Priester geweiht. Neben seiner Pfarr­tä­tig­keit widmete sich Heinrich Maier dem Religionsunterricht und war auch in der Ju­gendarbeit tätig (u. a. als Kurator des Österreichischen Pfadfinderkorps St. Georg und Präses der Marianischen Kon­gre­ga­tion): Maier galt als weltgewandt und intellektuell und interessierte sich u. a. für Kunst, Politik und soziale Fragen. Er war bei der Jugend beliebt und nahm am gesellschaftlichen Leben teil. Er beschrieb sich einmal selbst so: „Ich bin religiöser als manch anderer, aber ich bringe den Ker­zen­schlucker nicht zusammen.

 

Maier hatte auch zahlreiche internationale Kontakte und unternahm mehrere Rei­sen nach Westeuropa. Auch dadurch wurde er bald auf die Ge­fahr des Na­tio­nal­sozialismus aufmerksam – und er hielt ihn für unvereinbar mit dem Christentum. Sowohl der Rassedanke als auch das Führer­prin­zip widersprachen nach seiner An­sicht den Grundlagen der euro­päischen Zivilisation. Maier, der sich sicher dem „kon­­ser­vativen Lager“ ver­bunden fühlte, lehnte also den Nationalsozialismus von An­fang an ab und bekannte sich außerdem zu einem österreichischen Patriotismus. Für ihn war da­her nach dem „Anschluss“ Öster­reichs an Nazi-Deutsch­land klar, dass er aktiven Wi­derstand leisten müsse. 1939 schloss Maier sein Theologie­stu­dium ab und promovierte 1942 mit seiner Dissertation zum Thema „Kampf um den rich­tigen Kirchenbegriff im Spät­­­mi­t­tel­al­ter“. Darin legte er sein Kirchenverständnis so­wie das katholische Verhältnis zu Ge­­­­meinschaft und Einzel­per­sön­lichkeit dar, das nach seiner Auf­fassung in diametralem Ge­gen­satz zum Nationalso­zia­lis­mus (wie auch dem Kom­mu­nis­mus) stand.

 

Für Maier war der Widerstand gegen den Nationalsozialismus nicht nur eine politische, sondern auch eine zutiefst theologische Entscheidung. Al­lerdings verstand die Gestapo seine Dissertation nicht, so dass er einige Jahre unbemerkt ein Wider­stands­netz aufbauen konnte. Durch seine viel­fältigen gesellschaftlichen Kontakte lernte er auch Honoratioren – bis hinein in die NSDAP – kennen und er hatte auch Ver­bindungen ins Ausland. Nach Maiers Überzeugung konnte der Natio­nal­so­zia­lis­mus nur militärisch besiegt werden, weshalb er bewusst den Kontakt zu Ge­heim­­diensten der Alliierten suchte. Sein Ziel war es, einerseits die NS-feindlichen Grup­pen unter dem Banner eines freien Österreich zu erfas­sen und andererseits alles zu tun, um den militärischen Sieg der Alliierten zu beschleunigen.

 

Kaplan Maier baute gemeinsam mit dem Generaldirektor der Semperit-Werke Dr. Franz Josef Messner eine Widerstandsgruppe auf, deren en­ge­rem Kreis rund ein Dutzend Personen angehörten. Nach Einschätzung eines anderen bürgerlichen Wi­derstandskämpfers, Fritz Molden, war die Maier-Messner Gruppe „die vielleicht spek­­ta­kulärste Einzelgruppe des österreichischen Widerstandes“. Auch der US-Ge­heim­dienst hielt die Gruppe für „Amerikas effektivsten Spionagering in Österreich während des 2. Weltkriegs“. Die Gruppe hatte keine straffe Organisa­tions­struk­tur, sondern war nur lose miteinander verbunden und die Mitglieder waren in unterschiedlichen Bereichen tätig und hatten auch ver­schie­de­ne ideologische Ausrich­tun­gen. Das trug wahrscheinlich auch dazu bei, dass Heinrich Maier und seine Mit­streiter so lange unentdeckt blieben und viele ihrer Unterstützer nicht in die Fän­ge der Gestapo gerieten.

 

Die Messner-Maier-Gruppe verbreitete auch Flugblätter an Wehrmachtsange­hö­ri­ge mit Tipps, wie sie sich z. B. durch bestimmte Infektionen dem Fronteinsatz entziehen konnten, was für die Nazis den Tatbestand der „Wehrkraftzersetzung“ erfüllte. Ein weiteres Betätigungsfeld war die Ver­sorgung von Menschen, die im Unter­grund leben mussten oder auf der Flucht ins Ausland waren. Zentrales Anliegen war aber die Be­schaf­fung und Weitergabe von Informationen an die Alliierten, vor al­lem um Bombenangriffe der US-amerikanischen und britischen Luftwaffe weg von zivilen hin zu kriegswichtigen Zielen zu lenken. Maier ver­trat folgendes Prinzip: „Je­de Bombe, die auf Rüstungs­fabri­ken fällt, verkürzt den Krieg und verschont die Zi­vilbevölke­rung.“ Über Mittelsmänner hat­te die Gruppe Kontakte zu den Nie­der­las­sungen des US-amerikanischen mi­li­tärischen Nach­rich­tendienstes OSS (Office of Strategic Services) in Bern und Istanbul. Allerdings hatte die Deut­sche Abwehr, der Geheim­dienst der Wehrmacht, bereits 1941 einen Doppelagenten in das Istan­bu­ler OSS-Verbin­dungs­büro eingeschleust, was Ende März 1944 zur Ent­tar­­nung der Messner-Maier-Grup­pe führte. Mehrere Mit­glie­der der Gruppe wurden ver­haftet, darunter am 28. März auch die führenden Köp­fe, Semperit-Generaldirektor Messner in Budapest sowie Kaplan Maier in Wien direkt nach einer Messe in der Pfarr­kirche von Gersthof.

 

Mit der letzten Messe von Kaplan Maier beginnt auch der Roman von Bernhard Kreutner, der den einjährigen Leidensweg von Heinrich Maier von der Gestapo-Haft über das Polizeigefangenenhaus bis ins KZ Mauthausen und schließlich zu seiner Hinrichtung im Landesgericht Wien schildert. Da die Einvernahmeprotokolle der Ge­stapo und der Polizei nicht erhalten sind und es auch keine direkten Zeugen gibt, hat der Autor an­dere Gerichtsakte, Gestapo-Protokolle sowie Berichte und Do­­kumente von Zeitzeugen, darunter auch von Freunden und Weggefährten Maiers, studiert. Die Schilderung der Verhöre und Folterungen durch die namentlich bekannten Gestapo-Schergen sowie die Aussagen Maiers kommen damit der historischen Wahrheit sicher sehr nahe. Inwieweit das auch auf die Wiedergabe der Selbstgespräche von Heinrich Maier zu­trifft, bleibt offen. Aber da es sich ja nicht um eine wissenschaftliche Biographie, sondern um einen Roman handelt, fällt das unter „dich­te­ri­sche Freiheit“, wobei der Autor sich bemüht, die Gedanken von ­Hein­rich Maier möglichst authentisch wiederzugeben.

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Heinrich Maier wurde am 28. Oktober 1944 vom Volksgerichtshof unter Senats­prä­sident Dr. Kurt Albrecht zum Tod verurteilt und am 22. März 1945 wahrscheinlich als letzter Widerstandskämpfer vor der Befreiung Wiens durch die Rote Armee enthauptet. Seine letzten Worte: „Für Christus den König! Es lebe Österreich!“ Franz Josef Messner wurde noch am 23. April 1945 im KZ Mauthausen ermordet. Vier weitere Mit­glieder der Gruppe wurden zwischen Jänner und April 1945 hingerichtet, zwei zum Tod Verurteilten rettete der Einmarsch der Roten Armee das Leben.

 

Bernhard Kreutner ergänzt seinen Tatsachen-Roman über Heinrich Maier um Sach­kapitel über das zeitgeschichtliche Umfeld, die Rolle der Kirche, die De­nun­zianten und Konfidenten der Gestapo sowie den Umgang mit dem Widerstand in der Nachkriegszeit. Außerdem gibt es noch ein kurzes Nachwort des Schriftstellers Michael Köhlmeier, Literaturhinweise sowie einen Lebenslauf. Diese Einbettung des Lebens- und Lei­dens­weges von Heinrich Maier in den historischen Zusammenhang ist eine wichtige Ergänzung, allerdings stört hier die ziemlich unkritische Sicht des Autors auf die austrofaschistische Diktatur von 1934 bis 1938, die als „jahrelanger Unabhängigkeitskampf“ beschönigt wird. Die Aus­­schaltung der Demokratie und die politische Verfolgung wird nicht thematisiert, sondern lediglich darauf hingewiesen, dass die „inner­öster­rei­chische Spaltung“ den „Handlungsspielraum der Regie­rung Schuschnigg… eingeengt“ habe. Nichtsdestoweniger ist dem Autor zu­zu­stim­men, wenn er schreibt: „Der Umgang Österreichs mit seinen Widerstandskämpfern ist bis heute in vielerlei Hinsicht ein trauriges Kapitel der jün­­geren Geschichte. Er scheint von einer Mischung aus kurzfristig unmittelbarem Pragmatismus, Op­por­tu­nis­mus sowie einer Art unter­drück­tem Schamgefühl geprägt zu sein. Gleiches dürfte in Summe für die katholische Kirche gelten.“

 

Heinrich Maier, der außerhalb seiner Pfarre Gersthof fast nur in Fachkreisen, die sich mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus be­fas­sen, ein Begriff ist, wird durch dieses Buch hoffentlich einer breiteren Öffentlichkeit bekannt werden. Dieses Verdienst des Autors sollte trotz mancher kritischer Anmerkungen ausdrücklich hervorgehoben werden.

 

Adalbert Krims