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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 498/499                                                 Mai/Juni 2026                                         

 

 

Frei Betto:

TRUMP UND DER PAPST

In seiner arroganten Wut beleidigte Trump Papst Leo XIV., weil dieser seine wahnwitzige Kriegstreiberei kritisiert hatte. Verärgert erklärte der Möchtegern-Kaiser, Prevost sei nur dank ihm Papst geworden und müsse ihm daher Dankbarkeit entgegenbringen. Anders gesagt: Unterwerfung.

 

Konflikte zwischen Päpsten und Staatsoberhäuptern ziehen sich über Jahrhunderte der Geschichte und offenbaren eine beständige Spannung zwischen spiritueller Autorität und politischer Macht. Seit dem Mittelalter haben diese Auseinandersetzungen Grenzen geprägt, Kriege beeinflusst und die Rolle der Religion im öffentlichen Leben neu definiert.

 

Eine der symbolträchtigsten Episoden ereignete sich im sogenannten Investiturstreit des 11. Jahrhunderts. Papst Gregor VII. geriet mit Heinrich IV., dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, König von Italien und Herzog von Bayern, in Konflikt. Im Mittelpunkt des Streits stand die Frage, wem die Befugnis zur Ernennung von Bischöfen zustand: dem Papst oder dem Kaiser.

 

Der Streit gipfelte in der Exkommunikation Heinrichs IV. 1077 musste er sich der vom Papst auferlegten Demü-tigung unterziehen: Vor den Toren von Schloss Canossa in Norditalien wartete der Kaiser drei Tage lang im Schnee, in Lumpen gekleidet, um um Vergebung zu bitten. Dieses Ereignis symbolisiert die päpstliche Vorherrschaft über die weltliche Macht des Mittelalters.

 

Mit der Stärkung der Nationalstaaten entstanden neue Konflikte. Ein markantes Beispiel hierfür ist der Konflikt zwischen Papst Bonifatius VIII. und König Philipp IV. von Frankreich. Bonifatius verteidigte die Vorherrschaft der Kirche über die Könige, wie in der Bulle Unam Sanctam (1302) zum Ausdruck gebracht. Philipp reagierte entschieden und ordnete die Verhaftung des Papstes an.

 

Diese Aggression markierte die Schwächung der päpstlichen Macht und ebnete den Weg für die Periode, die als „Avignon-Papsttum“ bekannt wurde, als die Päpste unter starken französischen Einfluss gerieten.

 

Im 16. Jahrhundert, mit der Reformation, erreichten die Konflikte eine neue Eskalationsstufe. König Heinrich VIII. von England brach mit Papst Clemens VII., weil dieser sich weigerte, seine Ehe annullieren zu lassen, um eine neue einzugehen. Dies führte zur Gründung der Anglikanischen Kirche und zur Trennung von London und Rom.

 

Im 19. und 20. Jahrhundert nahmen die Konflikte einen deutlicheren ideologischen Charakter an. Papst Pius IX. stellte sich dem von König Viktor Emanuel II. angeführten Einigungsprozess Italiens entgegen. Der Verlust des Kirchenstaates – eines Gebietsverbundes in Mittelitalien, der von 756 bis 1870 direkt von Päpsten regiert wurde – markierte einen entscheidenden Wandel: Die Rolle des Papstes wandelte sich von der eines territorialen Herrschers hin zu einer spirituelleren.

 

Papst Pius XI. verurteilte den Faschismus 1931 in der Enzyklika Nonabbiamo bisogno“ (Wir brauchen nichts), in der er Mussolinis „Statolatrie“ kritisierte und die Menschenwürde verteidigte. 1937 bezog er erneut mutig Stellung, indem er in der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ auch den Nationalsozialismus verurteilte. Enzykliken tragen üblicherweise lateinische Titel, doch Pius XI. machte eine Ausnahme und gab ihr, wie bereits der Enzyklika gegen den Faschismus, einen deutschen Titel.

 

Trotz des 1933 mit der deutschen Regierung unterzeichneten Konkordats zum Schutz der katholischen Kirche verschärfte sich die nationalsozialistische Repression, und Pius XI. begann, Hitler die Stirn zu bieten. Exemplare der Enzyklika, die am Palmsonntag heimlich in deutschen Kirchen verlesen wurden, wurden später von der Gestapo beschlagnahmt, und die Pfarrer wurden verfolgt. Für Pius XI. war der Nationalsozialismus eine „rassistische Ideologie“ und Hitler ein „Wahnsinniger von widerlicher Arroganz“ – eine Bezeichnung, die auch auf Trump durchaus zutrifft.

 

Stalin, der die Sowjetunion drei Jahrzehnte lang (1922 – 1953) regierte, war in seiner Jugend orthodoxer Seminarist gewesen. Nachdem er sich dem Marxismus zugewandt hatte, wurde er Atheist und verfolgte nach seiner Machtergreifung eine religionsfeindliche Politik. Während des Zweiten Weltkriegs soll er angesichts katholischer Kritik am Kommunismus gefragt haben: „Wie viele Divisionen hat der Papst?“ Ähnlich wie Trump verkannte er die spirituelle und symbolische Macht des Mannes, der auf dem Stuhl Petri sitzt.

 

Während der Haft der Dominikanerbrüder in Brasilien, als wir von der Militärdiktatur des „Terrorismus“ beschul-digt und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurden (1969 – 1973), sicherte uns Papst Paul VI. seine volle Unter-stützung zu und schenkte uns einen Rosenkranz, dessen Perlen aus Olivenkernen aus dem Garten Gethsemane in Jerusalem bestehen. Der Papst kritisierte wiederholt die Menschenrechtsverletzungen in Brasilien und unterstützte die prophetische Haltung von Bischöfen wie Dom Helder Câmara, Dom Paulo Evaristo Arns und Dom Pedro Casaldáliga, die das Militärregime anprangerten.

 

Papst Johannes Paul II. unterhielt komplexe Beziehungen zu politischen Regimen, insbesondere im Kontext des Kalten Krieges, und sympathisierte mit der antikommunistischen Politik von Ronald Reagan und Margaret Thatcher. Obwohl der polnische Pontifex mit der sandinistischen Regierung Nicaraguas aneinandergeriet, knüpfte er während seines Besuchs in Kuba ausgezeichnete Beziehungen zu Fidel Castro.

 

Papst Franziskus hatte auch öffentliche Auseinandersetzungen mit politischen Führern zu Themen wie Einwanderung, Umwelt und sozialer Ungleichheit. Man sollte nicht vergessen, dass Franziskus während seines Pontifikats zweimal Kuba besuchte und die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der sozialistischen Insel und dem Weißen Haus vermittelte.

 

Die Auseinandersetzungen zwischen Päpsten und Staatsoberhäuptern im Laufe der Geschichte offenbaren einen andauernden Kampf um Legitimität und Einfluss. Während diese Konflikte einst Exkommunikationen und Kriege zur Folge hatten, manifestieren sie sich heute in diplomatischen und ethischen Debatten. Häufig kritisiert der Papst die nationale Politik im Namen humanitärer Werte.

 

In den USA haben Trumps aggressive und respektlose Äußerungen gegenüber Papst Leo XIV. scharfe Kritik von katholischen Würdenträgern hervorgerufen, darunter auch von langjährigen Verbündeten des Präsidenten. Dieser beispiellose öffentliche Streit hat Besorgnis über seine Auswirkungen auf die Unterstützung der Republikaner durch katholische Wähler im Vorfeld der Zwischenwahlen im November geweckt.

 

Die amerikanische katholische Hierarchie verurteilte Trumps Beleidigungen aufs Schärfste. Erzbischof Paul S. Coakley, Präsident der US-amerikanischen Bischofskonferenz, zeigte sich „bestürzt“ über die „abfälligen Worte“ des Präsidenten und betonte, dass „Papst Leo weder sein Rivale noch ein Politiker ist“. Kardinal Joseph William Tobin aus Newark warf dem Präsidenten vor, einen „besorgniserregenden Mangel an Respekt vor dem Glauben von Millionen von Menschen“ an den Tag zu legen.

 

Die Kritik beschränkte sich nicht auf progressive religiöse Führer. Bischof Robert Barron, eine prominente konservative Persönlichkeit und Mitglied von Trumps eigener Kommission für Religionsfreiheit, nannte die Äußerungen des Präsidenten „völlig unangemessen und respektlos“ und erklärte: „Ich denke, der Präsident schuldet dem Papst eine Entschuldigung.

 

Die Demokraten verurteilten den Präsidenten umgehend. Der Minderheitsführer im Repräsentantenhaus, Hakeem Jeffries, erklärte: „Gläubige Menschen werden niemals einen Möchtegern-König verehren.“ Und Senator Mark Kelly, selbst Katholik, nannte den Angriff „abscheulich“.

 

Am beunruhigendsten für Trump dürfte die Spaltung innerhalb der MAGA-Koalition sein. Die ehemalige Kongressabgeordnete Marjorie Taylor Greene, eine glühende Anhängerin Trumps, erklärte, sie verachte die Äußerungen des Präsidenten zutiefst: „Ich bete, dass sie sich nicht bewahrheiten.“ Auch der konservative Kommentator Riley Gaines kritisierte ein von Trump veröffentlichtes, KI-generiertes Bild, das ihn als Christus-ähnliche Figur bei der Heilung eines Kranken darstellte

 

Politische Analysten äußerten die Befürchtung, dass der Streit bei den Wahlen im November Stimmen katholi-scher Wähler in wichtigen Bundesstaaten wie Michigan, Ohio, Wisconsin und Arizona kosten könnte. Ein Mitbegründer der konservativen Gruppe „Catholic Vote“, die Trump bei der letzten Wahl unterstützt hatte, bezeichnete die Äußerungen des Präsidenten als „lächerlichen Fehler“. Vizepräsident JD Vance, der kürzlich zum Katholizismus konvertiert ist, verteidigte den Präsi­enten auf „Fox News“: „In manchen Fällen wäre es besser, wenn sich der Vatikan auf moralische Fragen beschränkte … und der Präsident der Vereinig­ten Staaten sich darauf konzentrierte, die amerikanische Politik zu diktieren.“ Außenminister Marco Rubio, ebenfalls ein hochrangiger Katholik in der Regierung, lehnte eine öffentliche Stellungnahme zu Trumps Kritik am Papst ab.

 

Quelle: www.freibetto.org, 29. 4. 26

 

Frei Betto, geboren 1944 als Carlos Alberto Libânio Christo in Belo Horizonte (Brasilien), ist Schriftsteller, politischer Aktivist, Befreiungstheologe und Dominikanerbruder. 1969 – 1973 wurde er von der Militärdiktatur wegen Menschenschmuggels aus Brasilien inhaftiert. Frei Betto ist weiterhin in der brasilianischen Politik aktiv. Er arbeitete in der ersten Regierung von Präsident Lula da Silva als Koordinator des „Null-Hunger-Pro­gramms“.

 

Betto hat 56 Bücher geschrieben, die in 23 Sprachen erschienen sind. 2013 verlieh ihm die UNESCO den José Martí-Preis. U. a. erhielt er auch den Alternativen Nobelpreis (2001) und den Bruno-Kreisky-Preis für Menschenrechte (1988).

 

 

WENN ISRAEL NICHT GESTOPPT WIRD, GIBT ES IN PALÄSTINA 2050 KEINE CHRISTEN MEHR 

Rabia Ali sprach mit Pfarrer Mitri Raheb in Bethlehem

Palästinensische Christen sehen sich unter der israelischen Besatzung einer existenziellen Krise gegenüber: Bewegungsbeschränkungen, wirtschaftlicher Zusammenbruch und zunehmende Angriffe durch extremistische Besatzer zwingen Familien zur Flucht, so der bekannte palästinensische Pastor und Theologe Mitri Raheb. Raheb warnte, dass die Christen innerhalb weniger Jahrzehnte aus Palästina verschwinden könnten, sollten die derzeitigen Bedin-gungen anhalten. „Die Lage verschlechtert sich derart, dass ich glaube, wenn dies so weitergeht, wird es bis 2050 keine Christen mehr in Palästina geben“, sagte Raheb, der auch Gründer und Präsident der Dar al-Kalima-Univer-sität in Bethlehem ist.

Im Gespräch mit der türkischen Agentur Anadolu aus der besetzten Stadt Bethlehem im Westjordanland sagte Raheb, das tägliche Leben unter israelischer Besatzung sei für viele palästinensische Christen zunehmend unerträglich geworden, was immer mehr Familien zur Auswanderung veranlasse. „In den letzten zwei Jahren sind über 200 christliche Familien aus der Re­gion Bethlehem ausgewandert und haben Palästina verlassen, weil sie um ihr Leben und das ihrer Kinder fürchten.“ Laut Raheb leben noch etwa 45.000 Christen im besetzten Westjordanland und weniger als 600 im Gazastreifen. Etwa 120.000 palästinensische Christen leben innerhalb Israels, neben rund 30.000 weiteren Christen, die größtenteils europäischer oder russischer Herkunft sind.

Bewegungsbeschränkungen

Raheb sagte, Israels sich ausweitendes Netz aus Militärkontrollpunkten und Straßensperren habe die Fortbewegung im besetzten Westjordanland für Palästinenser zu einem „Albtraum“ gemacht. „Rund um Bethlehem gibt es 54 Kontrollpunkte und Tore“, sagte er. „Auf Knopfdruck können sie (die Israelis) all diese Tore schließen, und so werden wir im Grunde zu Gefangenen in unserer eigenen Stadt.“ Er sagte, das Reisen zwischen palästinensischen Städten sei zunehmend schwieriger geworden, auch für Professoren seiner Universität, die von Ramallah nach Bethlehem pendeln – eine Strecke von rund 20 Kilometern. Da es ihnen verboten sei, durch Jerusalem zu fahren, seien sie gezwungen, Umwege von fast 70 Kilometern über mehrere Kontrollpunkte zu nehmen. „Ich habe nicht einmal eine Genehmigung, um nach Jerusalem zu fahren, das nur 10 Kilometer von Bethlehem entfernt ist, und der Hauptsitz unserer Kirche befindet sich in Jerusalem“, sagte er.

Während des Ramadan und der Karwoche, fügte er hinzu, sei es sowohl Muslimen als auch Christen untersagt worden, nach Jerusalem zu gelangen, um in der Al-Aqsa-Moschee und der Grabeskirche zu beten. „Europäische Christen durften die Kirche betreten, aber den ein­heimischen Christen, den dort ansässigen Christen, war dies nicht gestattet“, sagte er. Raheb erklärte, die Beschränkungen hätten auch Geistliche und Kirchenvertreter betroffen. Er führte den Fall von Kardinal Pierbattista Pizzaballa an, dem obersten katholischen Würdenträger in Jerusalem, dem der Zutritt zur Grabeskirche verwehrt wurde, um die Palmsonntagsmesse zu feiern.

„Solange Israel all das ungestraft tun kann und nicht zur Rechenschaft gezogen wird, solange es dafür keine Sanktionen gibt, wird es damit weitermachen“, sagte er. Raheb kritisierte zudem die seiner Meinung nach stille und selektive internationale Reaktion auf Angriffe auf christliche Stätten. „Stellen Sie sich vor, eine Synagoge würde angegriffen – die ganze Welt wäre in Aufruhr. Aber als die Kirche in Gaza ins Visier genommen wurde, gab es keine wirklich starken Stimmen, die dies nicht nur verurteilten, sondern auch Rechenschaft einforderten.“ Seit Beginn des Gaza-Krieges sind mehrere Kirchen unter israelischen Beschuss geraten, darunter die Kirche des Heiligen Porphyrius in Gaza-Stadt – eine der ältesten Kirchen der Welt –, wo bei einem israelischen Angriff im Okto-ber 2023 18 Zivilisten getötet wurden. Monate später tötete ein israelischer Scharfschütze laut Angaben lokaler Kirchenvertreter eine Mutter und ihre Tochter in Gazas einziger katholischer Kirche.

Schikanen und wirtschaftlicher Druck

Raheb warf der rechtsextremen israelischen Regierung vor, eine Atmosphäre zu fördern, die Angriffe auf Christen ermutigt. „Die derzeitige israelische Regierung … gibt tatsächlich grünes Licht für Angriffe auf Christen, weil dies Teil ihrer religiösen Ideologie ist“, sagte er. Er verwies auf das Argument des israelischen Ministers für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, wonach es nicht als Straftat gelten sollte, wenn israelische Juden Christen anspucken.

Raheb sagte, kirchliche Gruppen hätten allein in diesem Jahr mehr als 62 Vorfälle dokumentiert, die sich gegen Christen in Jerusalem richteten, darunter auch Fälle, in denen Geistliche in der Öffent­lichkeit angespuckt wurden. Er bezeichnete extremistische Besatzer als „Terroristen“, die darauf abzielen, Christen einzuschüchtern und sie aus Jerusalem und anderen Gebieten zu vertreiben, und verwies dabei auf den jüngsten Vorfall, bei dem ein jüdischer Mann gefilmt wurde, wie er eine französische Nonne im von Israel besetzten Ostjerusalem umstieß und trat. Er warf den israelischen Behörden zudem vor, eine Politik zu verfolgen, die darauf abziele, christliches Eigentum in der Altstadt von Jerusalem zu übernehmen. „Den Christen in Jerusalem gehören fast 40 % der Altstadt“, sagte er. „Die Israelis möchten diese Ländereien und diese Immobilien eigentlich besetzen und übernehmen.“ Raheb sagte, die Kirchen stünden unter wachsendem finanziellen Druck, einschließlich Versuchen, Steuern zu erheben und Bankkonten der Kirchen einzufrieren. „All dies sind Mittel, um palästinensische Christen einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen, die es wagen, ihre Stimme zu erheben“, sagte er.

Die Wirtschaft Bethlehems, die stark vom Tourismus abhängig ist, hat in den letzten Jahren ebenfalls schwere Rückschläge erlitten. „Bethlehem lebt vom Tourismus, und in den letzten vielleicht fünf Jahren kamen eigentlich keine Touristen mehr“, sagte er. „Die wirtschaftliche Lage wird sehr schwierig.“

„Ein radikalisiertes Israel“

Raheb sagte, die israelische Gesellschaft habe sich in den letzten zwei Jahrzehnten stark nach rechts verschoben, was extremistischen Politikern und Besatzern Auftrieb gegeben habe, die zunehmend Palästinenser ins Visier nehmen, darunter auch Christen. „Das Friedenslager in Israel gibt es nicht mehr“, sagte er. „Heute ist es die extreme Rechte in Israel, die an der Macht ist.“ Er argumentierte, dass der Krieg im Gazastreifen das Gefühl der Straf-freiheit unter israelischen Politikern, Soldaten und Besatzern noch verstärkt habe. „Niemand wird sie tatsächlich vor Gericht stellen oder sie auch nur … fragen, was sie tun. Sie genießen völlige Straffreiheit“, sagte er. „Tatsächlich werden diese Menschen, die Palästinenser ermordet haben, als Helden gefeiert.“

Raheb sagte, das Versagen der internationalen Gemeinschaft, Israel für den Völkermord in Gaza zur Rechenschaft zu ziehen, habe auch extremistische Elemente innerhalb der israelischen Gesellschaft ermutigt. Er argumentierte zudem, dass es Israel zunehmend unangenehm sei, dass palästinensische Christen ihre Erfahrungen im Ausland über kirchliche Netzwerke in Europa und Nordamerika teilen.

„Israel hatte über 70 Jahre lang ein Monopol auf die Darstellung der Ereignisse“, sagte er. „Jetzt stellen palästinensische Christen diese Darstellung tatsächlich in Frage, und als Christen haben wir Zugang zu Kirchen in der westlichen Welt, was Israel nicht gefällt, und deshalb glaube ich, dass sie uns loswerden wollen.“

In Verbindung mit den täglichen Einschränkungen und den sich verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen, so sagte er, habe das derzeitige Klima viele Familien davon überzeugt, das Land zu verlassen. „Alles wird so kompliziert, dass die Menschen denken: ‚Wir wollen nicht, dass unsere Kinder oder Enkelkinder in einer derart militarisierten Zone aufwachsen, in der unser Leben nichts zählt.‘“

Quelle: Anadolu Agency (www.aa.com.tr), 11. 5. 26

Mitri Raheb, geb. 1962 in Bethlehem,  ist Theologe, Autor zahlreicher Bücher  Von 1980 bis 1984 studierte er evangelische Theologie am Missionsseminar Hermannsburg, 1988 promovierte er an der Philipps-Universität Marburg zum Doktor der Theologie mit einer Dissertation zum Thema „Das reformatorische Erbe unter den Palästinensern“. Raheb war von 1988 bis 2017 leitender Pastor der Evangelisch-Lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem und ist Gründer (2006) und seither Präsident der Dar al-Kalima Universität in Bethlehem. 2011 – 2016 war Raheb Präsident der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heligen Land.

Mitri Raheb wurde mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter 2006 der Preis der Holy Land Christian Ecumenical Foundation, 2008 der Aachener Friedenspreis, 2011 der Deutsche Medienpreis, 2015 der Olof-Palme-Preis und 2017 in Köln der Toleranz-Ring der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste

Homepage: www.mitriraheb.org

 

BUCHTIPP

Manifest des Kollektivs <Anastasis> : Das Evangelium drängt zur Tat

„Steh auf, bewege dich und geh an die Arbeit“ sagt, frei übersetzt, Jesus im Markus–Evangelium (Mk 2,12) zu einem Gelähmten, den er aus dem Gefängnis seiner Bewegungslosigkeit befreit hatte. Die Evangelien erzählen Geschichten der Heilung immer als Geschichten des Sicherhebens als praktische Beendigung des Daniederliegens, damit aber auch als Anleitung zum Aufstand gegen die unmenschlichen Verhältnisse und bereiten damit das Verständnis von „Auferstehung“ als siegreichem Aufstand gegen den Tod vor. Der griechische Begriff für aufstehen, sich erheben und dann theologisch Auferstehung lautet: <Anastasis>.

Das Kollektiv <Anastasis> in Paris knüpft mit seiner Namensgebung direkt an die biblische Bedeutung an, er-weitert diese aber auch unmittelbar durch die Bezeichnung <Kollektiv> um eine erkennbare Bezugnahme auf die lange Tradition der Arbeiterklasse und anderer basisdemokratischer Bewegungen. Nicht das begeisterte und ergriffene Individuum, sondern das aus den Individuen eine Gemeinschaft formende Kollektiv ist das handlungsfähige Subjekt des Befreiungsprozesses.

Dieses Kollektiv <Anastasis> ist eine Gruppe mit mehrheitlich christlichem Hintergrund, die seit einigen Jahren, mit einem Ausgangspunkt im politisch wie weltanschaulich spannungsgeladenen Milieu der Pariser Vorstädte, theologisch-politisch aktiv ist. Das Kollektiv hat im Jahr 2025 ein Manifest veröffentlicht mit dem französischen Titel: L’urgence évangélique“, das nun unter dem Titel „Die Bedräng­nis des Evangeliums“ vom ITP in Münster auch auf Deutsch veröffentlicht wurde. Die Übernahme des Begriffs Bedrängnis in den deutschen Titel versucht dabei die doppelte Bedeutung von „Dringlichkeit(l’urgence) hervorzuheben, dass das Evangelium auf baldige Erfüllung drängt und damit aber auch seine Hörer unter gehörigen Druck setzt. Michael Ramminger hat in einem Vorwort ( S.9-18) hermeneutische und politische Verständnishilfen formuliert, die die Rezeption des Manifests in unserem Sprachraum erleichtern.

In welchen Auseinandersetzungen und wogegen soll nun die befreiende und weltverändernde Kraft des Evangeliums von Liebe und Gerechtigkeit unverzüglich in Gang gesetzt werden? Nicht lange begründet werden muss, dass beim derzeitigen Zustand der Welt die kapitalistische Produktionsweise und ihre zerstörerischen Folgen für die Menschheit und die Erde nicht nur für linke Christen, sondern für alle Menschen „guten Willens“ im Zentrum des Kampfes ums Überleben stehen und einen universalen Themenkatalog bilden. Das Manifest entfaltet einen Rahmen und seine erkenntnisleitende Relevanz für eine Analyse der Bedrohungssituation im Kapitel „Kapitalismus und Zerstörung der Welt“ (S.27-37) und behandelt dann drei Schwerpunkte und Tendenzen, auf die hier kurz eingegangen sei:

 a) Die verhängnisvolle Osmose einer Faschisierung des Christentums und einer Christianisierung des Faschismus (S.39-51). Diese beiden Tendenzen bilden in ihrer Wechselwirkung eine für den Weltfrieden bedrohliche explosive Mischung nicht nur in der momentanen Politik der US-Regierung, sondern als gefährliche Tendenz auch in Frankreich. Diese verfälscht sogar den biblischen Begriff des Nächsten, der alle Menschen einschließt, bis hin zu einem Ausschluss oder gar einer Verfolgung des ungeliebten Fremden. Andererseits stülpt sie der faschistischen Konzeption einer identitären Gesellschaft die christliche Idee von der Gemeinschaft der Heiligen als Maske über.

 b) Die gegensätzlichen Varianten einer „politischen Theologie“ (S.53-61). Zu unterscheiden sind historisch und systematisch zwei verschiedene Formen einer <politischen Theologie>: Erstens die Reflexion und Kritik durch Veränderung der politischen Verhältnisse im Lichte des Glaubens und der Theologie. Wir dürfen bereits die Verkündigung des Evangeliums und die darauf aufbauende Kritik von Reichtum und Ungerechtigkeit bei den Kirchenvätern als frühe Form einer politischen Theologie ansehen. Einfacher dürfte es fallen, die aktuellen Ausformungen einer Befreiungstheologie als Beispiel zu nehmen. Zweitens die Instrumentalisierung von Glaubensinhalten und theologischen Theorien zur Legitimation politischer Verhältnisse. An historischen Beispielen fehlt es nicht. Nehmen wir nur die Rechtfertigung von Ausbeutung und Rassismus im Kolonialismus und aktuell, wie schon erwähnt, die Vereinnahmung eines fundamentalistischen Christentums durch die US-Regierung.

c) die Schaffung einer Zivilisation der Liebe durch einen grenzüberschreitenden, effizient antikapitalistischen Glauben ( S. 63-74). Hier ist das Kollektiv beim Zentrum seiner Programmatik und kirchlichen wie allgemein theo-politischen Praxis angekommen. „Wenn die Kirchen sich zum Sprachrohr für die Rechte der Menschen, insbesondere der Unterdrückten, machen, erscheinen sie wie eine Konstellation einzigartiger Orte, an denen die Einheit der Menschheit wieder hergestellt wird, die wir aufgrund politischer Ideologien, Spaltungen zwischen Staaten und der Herrschaft von Klassen, Rassen und Geschlechtern aus den Augen verloren haben.“ (S.72)

Mit seinem Manifest bezieht das Kollektiv <Anastasis> einerseits Stellung gegen die resignativen und anpassungswilligen Inszenierungen des traditionellen volkskirchlichen Christentums, wie andererseits gegen den geistlosen Zynismus einer post­säkularen Gesellschaft, welche die Ressource Religion für die Grundlegung des Zusammenlebens meint ersatzlos streichen zu können.

Das Kollektiv hat seine ersten theologisch-politischen Bewährungsproben im spannungsgeladenen Pariser Milieu seit 2023 bestanden und markierte damit nicht nur einen ungeahnten Aufbruch im traditionellen französischen Katholizismus, sondern sucht für eine erweiterte Umsetzung und Ausweitung seiner Erfahrungen und zündenden Ideen auch international nach Bündnispartnern und Weggenossen. Dies kommt am Schluss des Manifests noch einmal deutlich zum Ausdruck:

„Unser tiefer Wunsch ist es, in unserem Land ein Christentum zu leben, das die Radikalität des Evangeliums ernst nimmt. …Unser Wunsch ist es, uns mit bereits bestehenden Initiativen und Bewegungen zu verbinden und Allianzen zu konkreten Themen zu schmieden.“ (S. 78)

Dieser Wunsch aus Frankreich trifft damit grenzüberschreitend uns alle, die daran glauben, dass eine andere Welt in der bestehenden möglich ist.. Nutzen wir also gemeinsam diesen Kairos!

Kuno Füssel

 

Kollektiv Anastasis: Die Bedrängnis des Evangeliums. Manifest für einen egalitären Universalismus als Alternative zur kapitalistischen Globalisierung.

Edition ITP-Kompass, Band 42, Münster 2026, ISBN 978-3-910882-05-8, 84 Seiten, Hard-cover, Preis: 16,80 €. Das Buch ist erhältlich beim Institut für Theologie und Politik, Friedrich-Ebert-Str. 7, D - 48153 Münster. kontakt@itpol.