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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 402/403                     November/Dezember 2016

 

 

 

GÖTZE GELD“ IST DER GRUNDLEGENDE TERRORISMUS

Papst Franziskus beim Treffen mit Volksbewegungen im Vatikan

Vom 2. bis 5. November 2016 fand in Rom das III. Welttreffen der Sozialen Bewegungen statt, zu dem Papst Franziskus eingeladen hatte.  (Das 1. Treffen fand Ende Oktober 2014 im Vatikan, das 2. im Juli 2015 in Santa Cruz/Bolivien statt). Die Konferenz im Päpstlichen Kolleg Maria Mater Ecclesiae, die vom Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden veranstaltet wurde, beschäftigte sich mit Umweltschutz, Migr­ation und Flucht. Unter den rund 200 Teilnehmenden aus Dutzenden Ländern war der frühere Präsident von Uruguay, Pepe Mujica. Bei einer großen Abschlussveranstaltung mit ca. 5.000 Teil­neh­merInnen aus allen Kontinenten der Welt und unterschiedlichster Weltanschauungen wurde dem Papst die von den VertreterInnen der Bewegungen erstellte Abschlusserklärung übergeben: „Die vom System au­sgeschlossenen, Männer und Frauen, die sich auf diesem III. weltweiten Treffen der Sozialen Bewegungen getroffen haben, erklären, dass der gemeinsame und strukturelle Grund der sozialen Krise und der Umweltkrise die Tyrannei des Geldes, d. h. des herrschenden kapitalistischen System und eine Ideologie ist, die die menschliche Würde nicht respektiert” – so die ersten Sätze der Erklärung. Beim III. Welt­treffen nahmen erstmals die Themen Demokratie sowie Flucht und Migration einen zentralen Stellenwert ein. Um gegen den Ausschluss von MigrantInnen und Geflüchteten sowie gegen die Frem­den­feind­lichkeit vorzugehen, forderten die TeilnehmerInnen ein universelles Bürgerrecht für alle, „die sich gezwungen sehen, ihren Her­kunftsort zu verlassen“.

Papst Franziskus ging in seiner Re­de darauf ein, bezeichnete das Mittelmeer als einen „Friedhof“ und verurteilte diese „schmachvolle Situation”. Als Hauptursache der Migration benannte er „ein ungerechtes so­zio-ökonomisches System und kriegerische Konflikte“, die viele von jenen mitverursacht hätten, die sich heute weigern, Geflüchtete zu empfangen. Auch zur aktuellen Krise der repräsentativen Demokratien fand der Papst klare Worte: „Die Kluft zwischen den kleinen Leuten und unseren derzeitigen Demokratie-Formen wird immer größer, weil Wirtschafts- und Mediengruppen sie mit ihrer enormen Macht zu do­mi­nieren scheinen.“ Unter der Überschrift „Terror und Mauern“ sprach er von einem „grundlegenden Terrorismus“, der aus „der globalen Kontrolle“ hervorgeht, „die das Geld über die Erde ausübt und die gan­ze Menschheit in Gefahr bringt.“ Er wies damit die These zurück, dass die Religionen alleine für fundamentalistischen Terrorismus verantwortlich seien.

Aus der Rede von Papst Franziskus:

Wer also regiert? Das Geld! Wie regiert es? Mit der Peitsche von Angst, von Ungleichheit, von wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, kultureller und militärischer Gewalt, die in einer niemals endenden Abwärts­spi­rale immer mehr Gewalt erzeugt. Wie viel Leid, wie viel Angst! Vor kurzem habe ich bereits gesagt, es gibt einen grundlegenden Terrorismus. Er geht hervor aus der globalen Kontrolle, die das Geld über die Erde ausübt und die ganze Menschheit in Gefahr bringt. Dieser Terrorismus ist der Grund für die daraus erwachsenden Formen des Terrorismus wie der Narko-Terrorismus, der Staatsterrorismus und für das, was manche fälschlicherweise ethnischen oder religiösen Terrorismus nennen. Kein Volk, keine Religion ist terroristisch. Zwar gibt es überall kleine fundamentalistische Gruppen. Aber der erste Ter­ro­ris­mus ist dies: „Du hast das Wunder der Schöpfung vertrieben, den Mann und die Frau, und hast das Geld an seine Stelle gesetzt.” (Pressekonferenz auf dem Rückflug von der Apostolischen Reise nach Polen, 31. Juli 2016). Das System ist terroristisch.

Vor fast hundert Jahren sah Pius XI. voraus, dass sich allmählich eine globale Wirtschaftsdiktatur herausbildet, die er als „Imperialismus des internationalen Finanzkapitals“ bezeichnet hat (Enzyklika. Qua­dra­ge­simo Anno, 15. Mai 1931 109). Die Aula, in der wir hier zusammen sind, wird „Paolo VI“ genannt. Und Paul VI. hat vor fast 50 Jahren die „neue missbräuchliche Form einer wirtschaftlichen Di­k­ta­tur im so­zialen, kulturellen und sogar politischen Bereich“ beklagt (Apostolischer Brief Octogesima adveniens, 14. Mai 1971, Nr. 44). Diese Worte meiner Vorgänger, die die Zukunft vorausahnten, sind hart, aber zu­treffend. Die Kirche und die Propheten haben schon vor Jahrtausenden gesagt, was heute so schockiert, wenn der Papst es in einer Zeit wiederholt, in der das alles noch nie da gewesene Ausmaße er­reicht hat. Die gesamte Soziallehre der Kirche und die lehramtlichen Äußerungen meiner Vorgänger rebellieren gegen den Götzen Geld, der statt der Menschheit zu dienen über sie herrscht, sie tyrannisiert und terrorisiert.

Keine Tyrannei kann sich halten, ohne unsere Ängste auszunutzen. Daher wird alle Tyrannei terroristisch. Sobald der Terror, der in den Peripherien mit Massakern, Plünderungen, Unterdrückung und Un­ge­rech­­tigkeit gesät wurde, in den Zentren durch verschiedene Formen von Gewalt explodiert, sogar durch abscheuliche, feige Attentate, verfallen die Bürger, die sich immer noch einige Rechte bewahrt haben, der Ver­suchung, sich fälschlicherweise durch physische oder gesellschaftliche Mauern abzusichern. Die Mauern schließen die einen ein und verbannen andere. Auf der einen Seite eingemauerte, erschrockene Bür­ger; auf der anderen Ausgeschlossene, Verbannte, noch Verschrecktere. Will Gott, unser Vater, ein solches Leben für seine Kinder?

Die Angst wird geschürt, manipuliert … Denn die Angst ist nicht nur ein gutes Geschäft für die Händler von Waffen und Tod, sie schwächt uns, sie wirft uns aus der Bahn, sie untergräbt unseren psychischen und spirituellen Schutz, sie macht uns unempfindlich gegenüber fremdem Leid und schließlich grausam. Sobald wir erfahren, dass man den Tod eines jungen Mannes feiert, der vielleicht den Weg verfehlt hatte, so­bald wir erkennen, dass der Krieg dem Frieden vorgezogen wird, sobald wir beobachten, dass Fremdenfeindlichkeit sich ausbreitet, sobald wir feststellen, dass intolerante Pläne an Boden gewinnen; dann ver­birgt sich hinter dieser scheinbar massiv sich ausbreitenden Grausamkeit der kalte Hauch der Angst. Ich bitte darum, dass wir für alle jene beten, die Angst haben, dass wir Gott darum bitten, ihnen Mut zu ge­ben und in diesem Jahr der Barmherzigkeit unsere Herzen zu erweichen. Barmherzigkeit ist nicht einfach, nicht leicht … sie erfordert Mut. Daher sagt Jesus uns: „Fürchtet euch nicht“ (Mt 14,27), denn Barm­herzigkeit ist das beste Gegenmittel gegen die Angst. Es ist viel besser als alle antidepressiven oder angstlösenden Medikamente. Viel wirksamer als Mauern, Gitter, Alarm­anla­gen und Waffen. Und es gibt sie umsonst: sie ist ein Geschenk Gottes.

Liebe Brüder und Schwestern, alle Mauern fallen. Lassen wir uns nicht täuschen. Ihr habt selbst gesagt: „Wir wollen weiter daran arbeiten, Brücken zwischen den Völkern zu bauen, Brücken, die es uns er­lau­ben, die Mauern von Ausgrenzung und Ausbeutung zu überwinden“ (Schlussdokument des Zweiten Welttreffens der Volksbewegungen, 11. Juli 2015 Sta. Cruz de la Sierra, Bolivien). Wir wollen uns dem Ter­ror mit Liebe entgegenstellen.

....

Ihr, die Organisationen der Ausgeschlossenen und viele weitere Organisationen aus anderen Bereichen der Gesellschaft, seid dazu berufen, die Demokratien, die eine tiefe Krise durchlaufen, wieder zu beleben und neu zu begründen. Verfallt nicht der Versuchung, euch in ein vorgegebenes Korsett einzupassen, das euch zu zweitrangigen Akteuren macht, oder schlimmer noch: zu bloßen Verwaltern des herrschenden Elends. In diesen Zeiten von Lähmung, Desorientierung und destruktiven Plänen kann die aktive Mitwirkung von kleinen Leuten, die das Gemeinwohl anstreben, mit Gottes Hilfe die falschen Propheten be­siegen, die nur Angst und Hoffnungslosigkeit ausnutzen oder magische Formeln von Hass und Grausamkeit oder von egoistischem Wohlstand und illusorischer Sicherheit verkaufen wollen.

Wir wissen: „Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt, werden sich die Probleme der Welt nicht lösen und kann letztlich überhaupt kein Problem gelöst werden. Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist die Wurzel der sozialen Übel.“ (Apostolische Exhortation Evangelii Gaudium, Nr. 202). Deshalb habe ich in Bolivien gesagt und wiederhole es hier: „Die Zukunft der Menschheit liegt nicht allein in den Händen der großen Verantwortungsträger, der bedeutenden Mächte und der Eliten. Sie liegt grundsätzlich in den Händen der Völker; in ihrer Organisationsfähigkeit und auch in ihren Händen, die in Demut und mit Überzeugung diesen Wandlungsprozess ‘begießen’.“ (Ansprache auf dem Zweiten Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz de la Sierra, Bolivien, 9. Juli 2015).

Wir haben diesen Bericht sowie die Auszüge aus der Papstrede der Internetseite des „Instituts für Theolo­gie und Politik“ in Münster entnommen (www.itpol.de). Dr. Michael Ramminger und Dr. Julia Lis haben als Vertreter des ITP an dem Welttreffen teilgenommen.

 

 

Aktueller Kommentar

DONALD TRUMP UND DIE FOLGEN

Von Adalbert Krims

Donald Trump bekam bei der US-Präsidentenwahl am 7. November zwar we­niger Wählerstimmen als Hillary Clinton, aber aufgrund des Wahlsystems wird er trotzdem der neue, 45. Präsident der Vereinigten Staa­ten von Amerika. Die offizielle Wahl durch die Wahlmänner ist am 19. Dezember und am 20. Jänner 2017 wird Trump das Amt von Barack Obama übernehmen. Als der US-amerikanische Immobilien-Un­ternehmer und Milliardär am 16. Juni 2015 seine Bewerbung um die republikanische Präsidentschaftskandidatur bekanntgab, wurde das in der Öffentlichkeit, ja auch innerhalb seiner eigenen Partei, kaum ernst genommen. Auch bei den parteiinternen Meinungsumfragen blieb Trump zunächst hinten. Allerdings nützte er den Sommer 2015 geschickt, um Aufmerksamkeit zu erzielen: er ließ sich den schon von Ro­nald Reagan gebrauchten Wahlkampfslogan „Make America great again“ patentieren. Er versprach Arbeitsplätze nur für US-Bürger sowie die Massenabschiebung von Zuwanderern aus Lateiname­rika, die er mit Drogen, Vergewaltigungen und Kriminalität in Zusammenhang brachte. Seine aggressive Rhetorik brachte ihm aber Kritik auch vom eigenen Partei-Establishment ein.

Auf islamistische Anschläge in Europa reagierte Trump im Herbst u. a. mit der Forderung, den „Islamischen Staat“ mit Bomben zu vernichten, bestimmte Moscheen in den USA zu schließen und Muslimen die Ein­reise zu verweigern. Bis Jahresende 2015 erreichte Trump bei Umfragen Platz 1 un­ter den republikanischen Bewerbern, vor allem in den Bereichen Terrorismusbekämpfung, Außenpolitik, illegale Ein­wan­de­rung und Führungsstärke. MIt Beginn der Vorwahlen bei den Republikanern Anfang Februar 2016 – und vor allem nach dem baldigen Ausstieg von Jeb Bush – verfestigte sich die Führungsposition von Donald Trump im republikanischen Lager. Zwar verlor er auch einige Vorwahlen an unterschiedliche Gegenkandida­ten (wie Cruz und Kasich), aber im Mai war er schließlich der einzige übriggebliebene Kan­di­dat der Republikaner. Seine häufigen umstrittenen öffentlichen Aussagen – vom „Mauerbau“ an der mexikanischen Grenze bis zu rassistischen Ausfällen – führten jedoch zu Distanzierungen von führenden Pa­rteifunktionären. Trotzdem wurde Donald Trump vom republikanischen Parteitag Mitte Juli offiziell zum Präsidentschaftskandidaten nominiert.

Mehr Schlammschlacht als Wahlkampf

Im Wahlkampf verschärfte Trump noch seine Rhetorik – und nahm in fast allen politischen Fragen Standpunkte ein, die noch rechts vom Mainstream der Republikaner angesiedelt sind. So leugnete er, dass es einen vom Menschen gemachten Klimawandel gäbe und kündigte an, dass er im Falle seines Wahlsieges die internationalen Klimaschutzabkommen kündigen würde. Neben der Abschiebung von Millionen ille­ga­ler Einwanderer sprach er sich auch für die Rückführung aller syrischen Flüchtlinge aus.

Wirtschaftspolitisch bekannte er sich zwar einerseits zum „freien Markt“, verlangte andererseits aber den Schutz von US-Produkten sowie Zollschranken gegen Importe z. B. aus China. US-Firmen, die Pro­duk­tionsstätten ins Ausland verlagert haben, sollten durch Strafzölle einerseits und Steuererleichterungen andererseits wieder in die USA zurückgebracht werden. Alle bestehenden Freihandelsverträge sollten neu verhandelt und zugunsten der USA geändert werden – getreu seinem Motto „America first“. Trump versprach auch, den Steuersatz für Unternehmen von 35 auf 15 Prozent zu senken sowie die Ein­kom­mens­steuer auf maximal 33 Prozent zu begrenzen und Niedrigverdiener durch Freibeträge zu entlasten. Laut dem US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ würden dadurch die reichsten US-Bürger pro Jahr 275.000 Dol­lar, die Ärmsten 128 Dollar sparen.

Was die Außenpolitik betrifft, so waren die Aussagen von Trump im Wahlkampf teilweise widersprüchlich. Die ausschließliche Orientierung an US-Interessen sollte jedenfalls zur Folge haben, dass die Bünd­nis­partner nicht mehr automatisch unter dem Schutzschirm der USA stehen, sondern selbst wesentlich mehr für ihre Verteidigung tun müssten – also massive Erhöhung der Verteidigungsausgaben der NATO-Staaten und Japan empfahl er sogar eine eigene Atombewaffnung. Bemerkenswert waren Trumps Distanzierung sowohl vom Irak- als auch vom Jugoslawienkrieg sowie seine freundlichen Töne gegenüber Moskau. Während er sich u. a. für eine Zusammenarbeit mit Russland und dem Iran im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ im Irak und in Syrien aussprach, lehnte er das Atomabkommen mit Teheran ab. Im Ge­gen­satz zu allen bisherigen US-Präsidenten bezeichnete er Jerusalem als „die ewige Hauptstadt Israels“ und stellte sich voll hinter die Regierung Netanyahu. Unklar blieb die künftige Fernost-Po­li­tik: einerseits hat Trump im Wahlkampf praktisch einen „Handelskrieg“ gegen China angekündigt, andererseits befüwortete er „freundschaftliche Beziehungen“ zum bevölkerrungsreichsten Land der Erde. Ins­ge­samt wurden Trumps Aussagen zur Außenpolitik von Experten als eher „isolationistisch“ eingeschätzt, al­so kritisch gegen­über militärischen Interventionen in der ganzen Welt bzw. der Rolle der USA als „Weltpolizist“.

Der Wahlkampf war jedoch nicht von inhaltlichen Auseinandersetzungen um die künftige Politik der USA geprägt, sondern von einer beispiellosen Schlammschlacht bis hin zu gegenseitigen Beschuldigungen von Sexskandalen. Abseits vom „offiziellen“ Wahlkampf breitete sich diese Schlammschlacht vor allem im Internet (und besonders in den „Sozialen Medien“) aus. Da wurden Falschmeldungen, gefälschte Fo­tos und Videos in Umlauf gebracht, die sich nach dem Schneeballsystem multiplizierten. Als ein Monat vor der Wahl 11 Jahre alte Videos mit sexistischen und frauenverachtenden Aussagen Trumps ver­öffent­licht wurden, wandten sich viele republikanische Parteikollegen von ihm ab – und in den meisten Medien wurde dies bereits als „Aus“ für den Kandidaten interpretiert. Aller­dings: die WählerInnen sahen das of­fen­bar nicht so drastisch – und dann kam 10 Tage vor der Wahl die offizielle Mitteilung des FBI-Direktors, dass die US-Bundespolizei die Ermittlungen über die „e-mail-Affäre“ von Hillary Clinton wieder auf­nimmt. 2 Tage vor der Wahl gab das FBI wieder „Entwarnung“, es gebe keine Hinweise auf mögliche strafbare Tatbestände. Durch die zeitliche Nähe zur Wahl war das gleich doppelte Werbung für Trump: zuerst die Aufnahme von Ermittlungen – und dann die kurzfristige Einstellung. Aufgrund des knappen Ergebnisses ist es durchaus möglich, dass die FBI-Aktion wahlentscheidend gewesen sein kann (wie im Clinton-Team vermutet).

Aber abgesehen von Zufälligkeiten, die aus dem Wahlsystem resultieren, sowie diversen „Enthüllungen“ während des Wahlkampfs gibt es auch tiefere Gründe für das Wahlergebnis. Im Vergleich mit früheren Prä­sidentenwahlen fällt auf, dass vor allem weiße (Fach)Arbeiter von den Demokraten zu den Re­publikanern abgewandert sind, was auf die Zugkraft der wirtschaftspolitischen Versprechen Trumps zu­rück­ge­führt werden kann (Arbeitsplätze für Amerikaner; Schutz vor Importen etc.). Ein weiterer Grund lag sicher im verbreiteten Rassismus im allgemeinen sowie der Islamfeindlichkeit im besonderen, die von Trump im Wahlkampf gezielt eingesetzt wurden. Wie auch europäische Rechtspopulisten inszenierte sich Donald Trump als Kämpfer gegen die „Eliten“, gegen das „politische Establishment“ (was angesichts seiner eigenen Stellung als Multimilliardär und seines Teams aus altgedienten Politfunktionären ziemlich eigenartig war, aber offenbar trotzdem wirkte). Und schließlich war Hillary Clinton als Gegenkandidatin nicht nur wenig glaubwürdig, sondern eben eine Vertreterin des „alten Systems“. Außerdem waren auch ihre Alternativen nicht besonders attraktiv: wirtschaftspolitisch neoliberal und außenpolitisch inter­ven­tio­nistisch (mehr als Obama). Dazu kam, dass auch der Versuch, Trump quasi als Agenten des russischen Präsidenten Putin abzustempeln, wenig Wirkung zei­te – zumal die „Moskau-Karte“ in früheren Wahl­kämp­fen eher von den Republikanern gegen die Demokraten eingesetzt wurde. Da hatte das Trump-Team übrigens mit der Unterstellung, das Ehepaar Clinton sei gewissermaßen „Pate“ des IS und der Djihadisten schon mehr Erfolg, obwohl auch diese Behauptung unsinnig war.

Natürlich werden Wahlkampfaussagen niemals eins zu eins in reale Politik umgesetzt. Aber zu meinen, dass ein Präsident Trump nichts mit dem Wahlkämpfer Trump zu tun haben wird, ist wohl auch eher Wunsch­denken, auch wenn dieses nicht nur von manchen Kommentatoren, sondern auch von führenden EU-Politikern genährt wird. Wie weit Donald Trump die USA und darüber hinaus die Welt verändern wird, lässt sich vor seinem Amtsantritt noch nicht genau abschätzen. Dass im Wesentlichen alles gleich bleibt oder sich gar vieles zum Besseren wendet, ist aber mit ziemlicher Sicherheit auszuschließen. Außer­dem ist zu befürchten, dass die US-Wahl auch den Rechtspopulisten in Europa Auftrieb gibt, was insbesondere im Hinblick auf die französische Präsidentenwahl im April 2017 eine eher düstere Aussicht ist (Le Pens erster Kommentar: „Heute die Vereinigten Staaten, morgen – Frankreich"). Trotzdem darf man nicht in Depression verfallen, sondern z. B. an Friedrich Hölderlin denken: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“ Anders ausgedrückt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“

 

Balázs Németh:

DIE REFORMATION RADIKALISIEREN – PROVOZIERT VON BIBEL UND KRISE

Die evangelische Welt bereitet sich auf das 500jährige Reformationsjubiläum im kommenden Jahr vor. Im deutschsprachigen Raum wurde als Eckpfeiler für dieses Jubiläum der Leitgedanke „Freiheit und Ver­ant­wortung“ vorangestellt. Etliche Theologen und Wissenschafter haben warnend darauf hingewiesen, dass die Versuchung groß ist – wie frühere Jubiläen gezeigt haben – dass neben dem Lob der „Freiheit“ der zweite Teil des Mottos, nämlich die „Verantwortung“, und damit verbunden die kritischen Stimmen, untergehen.

Der evangelische Theologieprofessor Ulrich Duchrow, Initiator von „Kairos Europa“, hat diese Gefahr rechtzeitig erkannt und hat daraufhin gemeinsam mit immer zahlreicher gewordenen Theologen und Kir­chen­männern und -frauen unterschiedlicher Konfessionszugehörigkeit und aus verschiedenen Ländern kommend 94 Thesen formuliert – in Anlehnung an Luthers 95 Thesen: „Die Reformation radikalisieren – her­ausgefordert von Bibel und Krise“. Zur Vertiefung und zur ausführlicheren Erläuterung die­ser 94 Thesen hat Duchrow, zusammen mit etlichen Co-Autoren, eine fünfbändige Aufsatzsammlung her­aus­ge­ge­ben.

Das Anliegen der Autoren der 94 Thesen ist bereits im Titel angedeutet: Sie wollen die Linien der Initialzündung der Reformation für unsere Zeit weiterführen, die verdrängten, verschwiegenen oder nicht ver­stan­denen Seiten des reformatorischen Gedankengutes wieder richtigstellen, ins Leben rufen und schließlich, für unsere Zeit und unsere Verhältnisse aktualisiert, relevant machen. Die Autoren wollten auf diese Art der reformatorischen Maxime „ecclesia semper reformanda“ nachkommen.

Der zweite Satz des Titels, „herausgefordert von Bibel und Krise“, verweist auf der einen Seite auf die biblische Botschaft selbst als Grundlage von Leben, Glauben und Kirche. Die Autoren bedienten sich bei ihren Überlegungen der Methode der sozialkritischen Bibelauslegung, die in Form der Kontextualität die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekte sowohl in der Welt der Bibel als auch in unserer Zeit ana­lysiert. Denn „radikal“ heißt nach Marx, zu den Wurzeln vorzustoßen und sie freizulegen.

Auf der anderen Seite haben die Autoren unter „Krise“ die globalisierte Wirtschaft verstanden, die durch die Akkumulation des Kapitals und durch die imperiale Explosion gekennzeichnet ist. Beides zusam­men be­trachtet fordert zu einer Radikalisierung der Reformation heute heraus. Die Thesen dazu werden anhand von sieben Eckpunkten detailliert erörtert.

1. Die Reformation begann mit der Entdeckung der Botschaft von der Befreiung des Menschen, wie sie Luther dem Galaterbrief des Apostels Paulus entnommen hat. Luther erkannte, dass Christus uns von der Macht der Sünde erlöst, d. h. befreit hat. Für ihn bedeutete Sünde die totale Ichbezogenheit des Menschen. Sie wurde allerdings als eine subjektive, persönliche, zumeist moralische Angelegenheit gesehen, bar jeg­­licher gesellschaftlich-struktureller Formen, wie z. B. eine ausbeuterische Wirtschaftsordnung. Die Thesen weisen hier, die reformatorische Erkenntnis komplettierend, auf die zentrale Grundmelodie des Alten Testamentes hin, auf die Exodus-Geschichte des Volkes Israel. Und in Verbindung damit auf die Einleitungsformel des 1. Gebotes: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland aus dem Diens­t­haus geführt habe.“ Es ist symptomatisch, dass Luther in seinem Kleinen Katechismus beim 1. Gebot diesen zentralen Satz ausgelassen hat, obwohl dieser auf die Befreiung von einer strukturellen Form der Sünde verwiesen hat. Die Bibel hat eine persönliche, aber auch eine gesellschaftlich–strukturelle Seite. Demzufolge zielt Befreiung heute auch auf eine Wirtschaftsordnung, die der Ausbeutung und der Fi­nanz­­manipulation ein Ende setzt.

2. Luther hat zu Recht Geldwirtschaft, Wucherei und die Praxis der damaligen Handelshäuser als Anbetung vom Mammon bezeichnet in Anlehnung an die Worte Jesu. Er erinnerte daran, dass die Bibel Wu­cher­zinsen verboten, Schuldenerlass und die Befristung der Schuldsklaverei gefordert hat. Allerdings wehte auch in den evangelischen Kirchen später ein heftiger Gegenwind zu dieser Forderung, ausgelöst durch die Übertragung der Augustinischen und Anselmischen Forderung der Begleichung jeglicher Schuld aufgrund des stellvertretenden Opfertods Christi auch auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Be­reiche. Diese Umformung wurde noch beflügelt durch die sogenannte Zwei-Reiche-Lehre, die einerseits zu einem Untertanengehorsam, anderseits zur Suspendierung von biblischen Maßstäben im sä­ku­la­ren Bereich führte. Reformation radikalisieren heißt also, im Sinne der biblischen Botschaft für eine ökonomische Demokratie und für eine neue Geld- und Eigentumsordnung einzutreten, die die Gleichheit vor Gott auf die soziale Ebene umsetzt.

3. In Luthers Schriften spielte die Theologie des Kreuzes eine zentrale Rolle. Sie bedeutete dienen statt herrschen, auch für die Nachfolger Christi. Allerdings zeigt die Geschichte, dass sowohl das Kreuz Christi als auch das Kreuz der Christen all die anderen Kreuze der Leidenden in der Welt verdeckten und unsichtbar machten. Gottes Mit-Leiden für die Welt muss relevant gemacht werden für alle leidenden Ge­schöp­fe auf unserem Planeten. Drei schockierende IIlustrationen zu den 94 Thesen fordern zur Solidarität auf: eine gekreuzigte Schwangere, ein gekreuzigter Campesino und ein gekreuzigter Soldat mit Gasmaske. Sie zeigen „dass bis heute viele Menschen auf vielfältige Weise den herrschenden Mächten zum Opfer fallen, und der gekreuzigte Jesus mit ihnen allen zutiefst verbunden ist.“ (These 25)

4. Luther wiederholte immer wieder, dass wir allein durch die Gnade Gottes gerettet wurden. Das muss allerdings auf die ganze Schöpfung ausgeweitet werden: „Ein diesseitiger Glaube wird dann ver­wirk­licht, wenn wir an Gottes Mission zur Erneuerung der Schöpfung teilnehmen“, heißt es in These 36. D. h. der Glaube hat auch eine ökologische Komponente, denn die Schöpfung ist Gottes Garten. Das be­trifft sowohl das Wirtschaften als auch den Lebensstil: „Leben im Überfluss zielt nicht auf Mehrhaben, nicht auf Akkumulation und Wachstum, sondern auf die Balance der Beziehungen“ lesen wir in These 40.

5. Die Autoren unterstreichen in ihren Thesen, dass Friede nicht so sehr eine Sache der Seele ist, wie man das oft versteht und auch in vielen Kirchenliedern singt, sondern er betrifft die äußeren Verhältnisse der Menschen, der Wirtschaft und der Welt. Der Friede ist – wie es in der Bibel heißt – Shalom, der sehr stark die Realisierung von gerechten Verhältnissen bedeutet. Die Reformation hat hier viel versäumt, vor allem den Bauern, den Juden, den Wiedertäufern gegenüber. Heute gehören auch Menschen anderer Kulturen und Religionen dazu, wie z. B. die Muslime. Friede ist immer Friedenspraxis, die jegliche Ge­walt, wie z. B. einen sogenannten „gerechten Krieg“, ausschließt. Der Gewalt muss Gewaltlosigkeit entgegengesetzt werden. Luther hat zwar die Gewalt minimalisiert, aber heute zur Zeit der Massenvernich­tungs­mittel klingt das anachronistisch. Was heute gefordert wird, das ist eine Friedenspraxis, die selbst Gottesdienst ist.

6. Am Ursprung der Reformation liegt Luthers Wiederentdeckung von Gottes Gerechtigkeit, nachdem er die Schriften des Apostels Paulus studiert hatte. Der Mensch ist vor Gott gerecht geworden aus­schließ­lich aufgrund des Erlösungswerkes Christi. Zu einem folgenschweren Missverständnis ist es dadurch gekommen, dass Luther diese Gerechtigkeit aus dem Glauben einer Gerechtigkeit aus dem Gesetz ge­gen­über­gestellt hat. Die Folgen waren verhängnisvoll. Mit dieser radikalen Ablehnung von Werkgerechtigkeit hat Luther das Mosaische Gesetz, die Tora und generell viele Passagen des Alten Testamentes als et­was durch das Neue Testament Überwundenes gedeutet. Er hat sich dabei irrtümlicherweise auf den Galaterbrief von Paulus berufen. Der Apostel war allerdings keineswegs gegen Gesetz und Tora, sondern nur gegen deren missbräuchliche Verwendung und Instrumentalisierung. Die Folgen von „Bücher des Alten Testaments Ende“, wie das jetzt auf einer stilisierten Luther-Werbefigur zum Reformationsjubiläum an­gedeutet wird, waren verheerend. Daraus entwickelte sich die Judenfeindschaft. Und so wurden auch die Keimzellen für den Antisemitismus gelegt. Diesem Missverständnis gegenüber stellte der reformierte Theo­loge Karl Barth fest, dass auch das Alte Testament Evangelium sei, und zwar in Form des Gesetzes, weil es sich an der Gerechtigkeit zum Wohl der Menschen orientiere. Das muss heute in unserem ge­sell­schaftlichen Leben zu einer gewandelten Praxis führen, und zwar im Sinne des Apostels Paulus: die Gerechtigkeit Gottes bewirkt das Einssein unter den Menschen, so dass ihre Unterschiede ge­sell­schaft­li­cher, religiöser, sprachlicher und geschlechtlicher Art relativiert werden. Die Reformation radikalisieren tendiert daher zu einer egalitären Gesellschaft.

7. Das reformatorische Verständnis vom Heiligen Geist hat bewirkt, dass die Kirche nicht mehr eine Institution, sondern eine menschliche Gemeinschaft geworden ist, die vom Heiligen Geist konstituiert wur­de. Leider ist mit der Zeit diese dynamische Offenheit verloren gegangen, und es dominierten zunehmend auch in den evangelischen Kirchen Hierarchie, Exklusivität, Absolutheitsanspruch, politische Interessen und auch alle übrigen Kennzeichen der Konstantinischen Ära. Als Luther das Kreuz zum Zeichen der Kirche erklärte, setzte er damit einen Maßstab, an der sie zu messen ist. „Um Kirche zu sein, muss sie sich verwundbar machen dadurch, dass sie an der Seite der Armen steht und für sie eintritt, dass sie ihren sozialen und politischen Status aufs Spiel setzt, indem sie öffentlich gegen ungerechte Strukturen und pol­i­ti­­sche Praktiken protestiert“. (These 84)

Die Autoren fassen und bündeln die Aussagen ihrer 94 Thesen mit den Worten Dietrich Bonhoeffers zusammen: „Beten und Tun des Gerechten unter den Menschen“. Das kann auch bedeuten, dass der Fall ein­­tritt, dass man mit anderen gemeinsam „dem Rad in die Speichen fallen“ muss (Bonhoeffer). Die Thesen werden mit dem Satz abgeschlossen, der den roten Faden aller bildet und auch den ihres Re­for­ma­tions­verständnisses: „Lasst uns gemeinsam mit anderen auf dem Weg der Gerechtigkeit und des Friedens gehen“.