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aus:
Frei
Betto:
WAS
VERSTEHEN WIR UNTER „KRISE“?
Derzeit
scheint alles in der Krise zu stecken: die Kapitalordnung, die Wirtschaft, die
Politik, die Wissenschaft, die Ethik, die Werte, die Religionen und, bei uns in
Brasilien sogar der Fußball. Kurz gesagt, wir befinden uns in einer
Zivilisationskrise, also in einer Krise unserer Lebensweise, unserer
Gesellschaftsorganisation und der Werte und Gesetze, die unser Leben bestimmen.
Es gibt kein klares Bild, insbesondere nicht mit Blick auf die Zukunft.
Es
kann eine Tragödie darstellen, deren Ausgang destruktiv sein kann wie im
griechischen Theater, oder ein Drama, dessen Ende gesegnet sein kann, wie in
der christlichen Liturgie, die die Osterauferstehung nach dem Karfreitag
feiert.
Die
Menschheit steht vor dieser Entscheidung: Entweder wir machen weiter wie
bisher und riskieren eine Tragödie unserer Zivilisation, oder wir beschreiten
einen neuen Weg, der sicherlich von Dramen geprägt sein wird, aber eine bessere
Zukunft verspricht.
Die
Erd-Charta, eines der wichtigsten UN-Dokumente zur Zukunft unseres Planeten,
erklärt: „Die Grundlagen der globalen Sicherheit sind bedroht; diese Entwicklungen
sind gefährlich, aber nicht unausweichlich. Wir stehen vor der Wahl: Entweder
wir bilden ein globales Bündnis zum Schutz der Erde und unserer Mitmenschen
oder wir riskieren unsere eigene Vernichtung und die Vernichtung der Artenvielfalt“
(Präambel). Dies ist die radikale Krise, vor der wir stehen.
Zunächst
einmal sollten wir klären, was wir unter Krise verstehen. Die meisten Menschen
verwenden das chinesische Schriftzeichen für Krise: sowohl als Risiko als auch
als Chance, was ich aufschlussreich finde. Ich bevorzuge jedoch die
vielschichtige Bedeutung von Krise im Sanskrit, da sie die Grundlage unserer
Sprache bildet und in anderen Wörtern Resonanz findet.
Im
Sanskrit stammt das Wort für Krise von „kir“ oder „kri“ , was
reinigen und säubern bedeutet. Von „kri“ kommt auch das Wort für Schmelztiegel,
der Schmelztiegel zur Goldraffination. Raffinieren bedeutet, elegant
ausgedrückt, auch dekantieren. Eine schwere Krankheit löst beim Betroffenen
eine tiefe Krise aus. Nach Überwindung der Krise überdenkt er den Sinn des Lebens
und entdeckt den Wert der alltäglichen Dinge neu. Krise bedeutet daher einen
entscheidenden Prozess, eine Reinigung von allem Unwesentlichen. Das Zufällige
bleibt zufällig.
Wenden
wir uns nun dem Wesen der Krise zu. Der erste, der sich eingehend mit dem
Zusammenhang zwischen Krise und Angst befasste, war Søren Kierkegaard
(1813–1855), der als einer der Begründer des Existentialismus gilt. Der Philosoph
und Theologe verfasste „Der Begriff der Angst“ (Vozes, 2010) sowie „Die
Krise“ und „Eine Krise im Leben einer Schauspielerin“. Für ihn ist
das Leben ein ständiger Prozess aus Ängsten und Krisen sowie aus der
Überwindung dieser Ängste und Krisen.
Ein
weiterer grundlegender Denker in der Krisenbewältigung war der spanische
Philosoph José Ortega y Gasset (1883–1955), bekannt als Urheber des
Ausspruchs „Ich bin ich selbst und meine Umstände“. Er verfasste 1942
einen Essay, der später unter dem Titel „Around Galileo Galilei: Schemes of
Historical Crises“ (Vozes 1989) veröffentlicht wurde. Darin zeigte er, dass
die Geschichte aufgrund ihrer Brüche und Wiederaufnahmen eine Krisenstruktur
aufweist.
Dem
Autor zufolge folgt dies folgender Logik: (1) Die herrschende Ordnung verliert
ihre klare Bedeutung; (2) es entsteht die Wahrnehmung, dass sich eine Mauer vor
uns erhebt, weshalb Zweifel, Skepsis und weitverbreitete Kritik vorherrschen;
(3) eine Entscheidung ist dringend erforderlich, die neue Gewissheiten und eine
andere Bedeutung schafft; doch wie soll man entscheiden, wenn die Lage unklar
ist? Ohne eine Entscheidung gibt es jedoch keinen Ausweg aus der Krise; (4)
Sobald die Entscheidung getroffen ist, selbst unter Risiko, eröffnet sich ein
neuer Weg und ein neuer Raum für Freiheit. Die Krise ist überwunden. Eine neue
Ordnung kann beginnen.
Dies
wird einen anderen Verlauf der Ereignisse nach sich ziehen. Dann, der Logik der
Krise folgend, wird auch diese Ordnung in eine Krise geraten. Und dies wird,
nach einem kritischen Prozess der Verfeinerung und Läuterung, die Entstehung
einer neuen Ordnung ermöglichen. So
entwickelt sich die Geschichte der Menschheit Schritt für Schritt.
Die
Krise hat auch eine persönliche Dimension, insbesondere die große Krise, die
durch den Tod symbolisiert wird. Sie offenbart zudem eine kosmische Dimension:
das Ende des Universums. Ich glaube, dieses Ende führt nicht zu thermischem Tod
und völliger Leere, sondern zu einer Explosion und Implosion in die höchste
Wirklichkeit.
Doch
jeder Reinigungsprozess verläuft nicht ohne Brüche und Umbrüche. Daher die
Notwendigkeit der Entscheidung. Entscheidung bedeutet einen Bruch mit dem Vorhergehenden
und leitet Neues ein. Lasst uns also die griechische Bedeutung von Krise neu
begreifen.
Im
Griechischen bezeichnet „krisis“ (Krise) den Entscheidungsprozess eines
Richters oder Arztes. Der Richter wägt die Argumente für und gegen eine
Erkrankung ab, der Arzt berücksichtigt die verschiedenen Krankheitssymptome.
Auf dieser Grundlage entscheiden beide über das zu verhängende Urteil oder die
zu behandelnde Krankheit. Dieser Entscheidungsprozess wird als Krise
bezeichnet. Sobald eine Lösung gefunden ist, ist die Krise überwunden.
Das
Johannesevangelium verwendet das Wort „Krise“ 30 Mal im Sinne einer
Entscheidung, was die meisten Übersetzer, die den Reichtum des ursprünglichen
Wortes „krisis“ nicht erkennen, mit „Gericht“ übersetzen. Tatsächlich erschien
Jesus als „die Krise der Welt“ (krisis tou cosmou), denn er zwang die
Menschen, sich für oder gegen seine Botschaft und seine Person zu entscheiden.
Brasilien
schiebt seine Krisen seit Jahrhunderten auf, weil seinen Führern der
historische Mut fehlt, Entscheidungen zu treffen, die mit seiner
verhängnisvollen Vergangenheit brechen. Verhandlungslösungen wurden und werden
weiterhin unter dem Vorwand der Regierbarkeit geschlossen (vgl. das Standardwerk
von José Honório Rodrigues, „Versöhnung und Reform in Brasilien“,
1965). Auf diese Weise werden die Privilegien der rückständigen Eliten subtil
bewahrt, und die große Mehrheit ist erneut dazu verdammt, in Elend oder Ausgrenzung
zu verharren.
Die
Krise des Kapitalismus ist berüchtigt. Wie Carl Polanyi in seinem Werk „Die
große Transformation“ (Campus, 2000) darlegte, ist aus einer Gesellschaft
mit einem Markt eine Gesellschaft des Marktes geworden. Alles wird zur Ware
gemacht (selbst menschliche Organe), etwas, das Marx bereits 1847
voraussagte und als „Zeit allgemeiner Korruption und universeller Bestechlichkeit“
bezeichnete („Das Elend der Philosophie“). Heute herrscht spekulatives
Kapital vor, das nicht einmal einen einzigen Nagel produziert, sondern nur Geld
und noch mehr Geld. Dies wird mit Sicherheit in einer beispiellosen Krise
enden, die Millionen armer Menschen grausam treffen wird.
Wie
Platon inmitten der Krise der griechischen Kultur treffend sagte: „Großes
geschieht nur im Chaos, in der Krise.“ Mit Entschlossenheit verschwinden
Chaos und Krise, und eine neue Ordnung kann entstehen. So endete Martin Heidegger,
zeitweise Nationalsozialist, seine Antrittsvorlesung als Rektor der Universität
Freiburg.
Hoffentlich
erwächst aus dieser planetaren Krise ein neues zivilisatorisches Unterfangen,
das hoffentlich inklusiver, humanitärer, spiritueller und fürsorglicher sein
wird. Andernfalls…
Quelle:
https://leonardoboff.org/, 2. 8. 26
Leonardo
Boff,
geboren 1938 in Concordia im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina, ist
Theologe, Philosoph, Schriftsteller und Mitbegründer der internationalen
Initiative „Erdcharta“. Boff schreibt u. a.
für das Magazin LIBERTA (ICL: https://www.revistaliberta.com.br)
Kuno Füssel
DIGITALE DIKTATUR ODER MENSCHSEIN IN WÜRDE?
Klare Worte von Papst Leo XIV. zum System der Künstlichen
Intelligenz
1) „Magnifica Humanitas -Großartige
Menschheit“
Unter diesem Titel hat Papst Leo XIV. am
25. Mai sein erstes großes Lehrschreiben veröffentlicht. Wer den Titel
angesichts der aktuellen Misere der Menschheit für eine fromme Übertreibung
hält, kann sich durch die genauere Lektüre eines Besseren belehren lassen.
Papst Leo XIII. hatte im Jahre 1891 in seiner Enzyklika
„Rerum Novarum“ die industrielle Revolution des 19.Jh. als
Herausforderung für eine Katholische Soziallehre erkannt und darauf reagiert..
Ebenso nimmt nun Papst Leo XIV., der mit seinem Namen bewusst bei Papst Leo
XIII. anknüpft, eine präzise und kritische Analyse der großen Umbrüche der
Gegenwart vor, in deren Zentrum der Vormarsch der KI steht, die alle unsere
Lebensbereiche erfasst.
Papst Leo XIV. verkündet programmatisch: Zuerst kommt
der Mensch, dann der technische Fortschritt. Damit setzt er den technologischen
Heilsversprechen die Heilszusagen der Reich-Gottes-Botschaft entgegen. Vor dem
Hintergrund dieser klaren Option skizziert er den Aufbau einer
dementsprechenden Gesellschaftsordnung, in der Liebe und Gerechtigkeit walten -„Zivilisation
der Liebe“ genannt - und nicht die Macht des Kapitals global neue Formen
der Sklaverei schafft, das Klima und die Umwelt zerstört und brutale Kriege
auslöst. Wie schon bei den Wortmeldungen seines Vorgängers Papst Franziskus
fand die neue Enzyklika spontan eine enorme öffentliche Beachtung. Eine
Umsetzung in gesellschaftliche Wirklichkeit müsste der Begeisterung aber auf
breiter Front folgen, damit sie ihren Zweck erfüllt..
Im Folgenden gebe ich zunächst einen
kurzen thematischen Überblick zum Aufbau der Enzyklika. Danach aber soll der
kritischen Analyse der KI und ihrer Wirkungen als Verkörperung und Verdichtung
des dominanten technologischen Paradigmas die Hauptaufmerksamkeit geschenkt
werden.
2) Der inhaltliche Aufbau der Enzyklika.
Ein kurzer Überblick
Im Einführungsteil und den beiden ersten
Kapiteln vermittelt Papst grundlegende Kenntnisse zur historischen Entwicklung
der offiziellen kirchlichen (katholischen) Soziallehre (=KSL), sowie ihre Grundlagen
und Prinzipien.
Im programmatischen Kapitel III,
überschrieben mit „Technik und Herrschaft. Die Größe der menschlichen Person
angesichts der Versprechen der KI“, entfaltet der studierte Mathematiker
Robert Prevost, nunmehr Papst Leo XIV., eine breitgefächerte Auseinandersetzung
mit der KI, die er keineswegs als Teufelswerk verdammt, sondern wegen ihrer
Verdienste und Schaffung neuer Möglichkeiten für Arbeit und Leben der Menschen
gebührend zu würdigen weiß.
Im Kapitel IV widmet sich Papst Leo dann
drei großen Bereichen, die er durch die Expansion und Verselbständigung der
verschiedenen KI-Systeme besonders gefährdet sieht: „Wahrheit, Arbeit und
Freiheit“.
Im Kapitel V wird die fundamentale.
Polarisierung zwischen der „Kultur der Macht“ und der „Zivilisation
der Liebe“ behandelt, auf deren Herausarbeitung ja die umfangreiche Kritik
des technokratischen Paradigmas in den vorangehenden Kapiteln bereits
fokussiert war. Waren die dort behandelten, mit der Innovation verknüpften
Faktoren von Ausgrenzung und Herrschaft schon alarmierend genug, so gilt nun
die Aufmerksamkeit dem „noch dramatischeren Thema des Krieges“. (Nr.182)
Im Schlussteil koppelt der Papst dann
seine Überlegungen noch einmal zurück an theologische Grundüberzeugungen wie
die Lehre von der Menschwerdung Gottes, in der er die stärkste theologische
Zurückweisung von Ideologien wie dem Transhumanismus sieht. Es ist sicher mehr
als eine routinierte Frömmigkeitsübung, wenn der Papst am Ende an das
Magnifikat (Lk 1, 46-56) als Lied der Hoffnung erinnert, in dem Maria, eine
junge Frau aus den Bergen Galiläas, den Sturz der Mächtigen besingt.
3) Das Schwerpunktthema der Enzyklika: Die
KI, ihr Ort, ihre Struktur und ihre Funktion als invasives System
Der Papst reagiert mit seiner Kritik der
KI erkennbar auf die in den letzten Jahren um die KI entfachte Hype und eine
durch vermeintlich rasante Weiterentwicklungen der KI begünstigte Tendenz, das
Projekt Mensch-Sein mehr oder weniger abzuschreiben. Vor allem aber beunruhigt
ihn, dass sich im digitalen Bereich durch die Verfügung über Plattformen,
Infrastrukturen, Daten und Rechenleistung eine Machtkonzentration in den Händen
weniger wirtschaftlicher und technologischer Akteure/Unternehmen gebildet hat,
die immer undurchsichtiger wird und sich der öffentlichen Kontrolle entzieht.
Diese Situation ruft zur „Prüfung auf, ob die Macht digitaler
Infrastrukturen und Algorithmen tatsächlich Teilhabe und Verantwortung
fördert, die Schwachen schützt, Chancengleichheit gewährleistet und auf das
Wohl aller ausgerichtet bleibt.“ (Nr.96) Diese Probleme und nicht so sehr
ein rein technisch-mathematisches Interesse leiten seine Auseinandersetzung mit
der KI und bestimmen seine Herangehensweise. .
Aber ein unmittelbares Problem jeder
Auseinandersetzung mit „KI“ liegt in der begrifflichen Unschärfe des
Sprachgebrauchs, der alleine schon durch den Singular „die KI“ insinuiert, es
handle sich um einen subjekthaften Akteur. Vielmehr geht es um einen Sammelbegriff,
unter dem sehr unterschiedliche technische Verfahren, theoretische Konzepte und
Unternehmen subsumiert werden. Es ist daher einleuchtend, wenn Papst Leo in
Nr.99 erklärt, dass es unmöglich ist, „eine eindeutige und umfassende Definition
von Künstlicher Intelligenz zu geben.“
Als
erstes wendet er sich dagegen, dass der Begriff Intelligenz vom Menschen auf
Maschinen übertragen wird, und entfaltet von dort aus den Schwerpunkt seiner
weiteren Analyse und seiner Einwände: „Diese Systeme ahmen bestimmte
Funktionen der Menschlichen Intelligenz nach. Dabei übertreffen sie diese oft
an Geschwindigkeit und Rechenleistung… Diese Leistungsfähigkeit hat jedoch
ausschließlich mit der Datenverarbeitung zu tun.“ (Nr.99) Erkennbar In der
Tradition des Philosophen und Mathematikers G.W. Leibniz (1646 1716)
stehend, der schon zu seiner Zeit den Denk-Maschinen die Fähigkeit des
Bewusstseins absprach, listet der Papst
dann ausführlich die fundamentalen Unterschiede und Defizite der Maschinen im
Vergleich mit dem Menschen auf: „Sogenannte künstliche Intelligenzen machen
keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz,
reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit,
Freundschaft und Verantwortung bedeutet. Sie haben auch kein moralisches
Gewissen: Sie unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse,… Sie können Empathie
oder Verständnis simulieren, aber sie verstehen nicht, was sie damit bewirken…
Auch wenn diese Werkzeuge als <lernfähig> dargestellt werden,
unterscheidet sich ihre Art des Lernens von dem einer menschlichen Person.“
(Nr.99) Vor diesem Hintergrund lässt sich aber auch besser nachvollziehen,
warum der Papst seiner Enzyklika diesen – nun gar nicht mehr pathetisch
klingenden – Titel gegeben hat.
Weil das KI-System diese Ausfälle und
Defizite hat, ist klar, dass der Einsatz der KI niemals eine rein technische
Angelegenheit sein kann. Eine zwingende Konsequenz liegt auf der Hand: „Wir
können KI nicht als moralisch neutral betrachten…. Wenn ein System so
konzipiert oder eingesetzt wird, dass es bestimmte Formen von Leben als weniger
wertvoll behandelt.., dann ist es nicht ein einfaches Werkzeug, das <gut
genutzt> werden kann: Es führt bereits ein Kriterium ein, das der
unveräußerlichen Würde des Menschen entgegensteht.“ (Nr. 104) Damit aber
die KI die Menschenwürde achtet, müssen die Verantwortlichkeiten klar benannt
werden, „angefangen bei jenen, die die Systeme entwerfen und trainieren, bis
hin zu jenen, die sie nutzen und ihnen konkrete Entscheidungen anvertrauen.“
(Nr.105)
Die Zuweisung von Verantwortung auf allen
Ebenen und die zum Schutz der Menschenwürde und des Gemeinwohls unumgängliche
institutionelle Regulierung des technokratischen, ökonomischen und politischen
Systems der KI gehören daher zu den Dauerforderungen des Papstes, welche die
ganze Enzyklika durchziehen.
Papst Leo lässt es aber nicht bei einer
eher moderaten Form seiner Forderungen bewenden, sondern spitzt sie erheblich
und kampfeslustig zu, indem er davon spricht, dass die KI „entwaffnet“
werden muss, wobei dieser Begriff mehrere Bedeutungsebenen umfasst: Zunächst
einmal geht es darum, die „KI der Logik des bewaffneten Wettbewerbs zu
entziehen“, der sich heute nicht nur des Militärs, sondern auch der
Wirtschaft und der Wissenschaft als Waffen bedient. Es lohnt sich, die weitere
Passage ganz zu zitieren, die zu den markantesten der ganzen Enzyklika zählt: „Entwaffnen
bedeutet, diese Gleichsetzung von technischer Macht und dem Recht zu herrschen
aufzubrechen. Entwaffnen bedeutet nicht, auf die Technologie zu verzichten,
sondern zu verhindern, dass sie den Menschen beherrscht. Es bedeutet, sie
Monopolen zu entziehen, sie hinterfragbar und anfechtbar und damit
lebensfreundlich zu machen, sie der Vielfalt menschlicher Kulturen und Lebensweisen
zurückzugeben… Daher reicht es nicht aus, sie zu regulieren: Sie muss
entwaffnet und lebensfreundlich gemacht werden.“ (Nr.110)
Wir sollten es dem Papst nicht übelnehmen,
dass er den Hauptfeind, den in all seinen Facetten konkret beschriebenen
globalisierten Kapitalismus, nicht ausdrücklich beim Namen nennt und nicht
sagt, dass das Kapital entwaffnet werden muss, damit der Mensch lebe. Ebenfalls
zu fragen wäre er, wie er es sich vorstellen kann, dass die von den
kapitalistischen Produktionsverhältnissen erlösten Produktivkräfte ein
menschenfreundliches Gesicht annehmen.
4) Was tun?
Dem System („Kultur“) der Macht,
das die KI zu seinem wichtigsten „Lebenselixier“ zu machen sucht, stellt
der Papst die „Zivilisation der Liebe“ als Gegenpol gegenüber, von der
er erwartet, dass sie gerade im digitalen Zeitalter durch jeden einzelnen genauso
wie durch die Gesellschaft und die Staaten verwirklicht wird.. Gemeint ist eine
„Gesellschaftsordnung, in der Gerechtigkeit und Nächstenliebe miteinander
verflochten werden und die Liebe zum Ordnungsprinzip des wirtschaftlichen,
politischen und kulturellen Lebens wird.“ (Nr.186) Bei der „Zivilisation
der Liebe“ handelt es sich nicht um eine naive und rührselige Utopie, sondern
es geht um ein anspruchsvolles Projekt. Zu dessen Durchführung schlägt der
Papst sieben konstruktive Schritte bzw. Methoden vor: Die Worte entwaffnen;
Frieden und Gerechtigkeit aufbauen; die Perspektive der Opfer einnehmen; einen
aufgeklärten Realismus praktizieren; den Dialog neu anstoßen; Diplomatie und
Multilateralismus ankurbeln; Beten und Hoffen (vgl. Nr. 210-228).
Dem ist nichts hinzuzufügen, bis auf die
boshafte Bemerkung, dass viele fromme Individuen und ganze kirchliche Kreise
meinen, mit dem siebten Schritt sei es schon getan. Aber auch da könnte allein
eine kämpferische Form des Betens sie eines Besseren belehren, wie das
Magnifikat beweist. Dem Beten müssen die Taten folgen, sonst bleibt das Gebet
ein leeres Wort. .Das wäre sicher nicht im Sinne des „Heiligen Vaters“.
Kunibert „Kuno“ Füssel, geb. 23. 9. 1941 in Trier, hat
Mathematik und Physik studiert, später Theologie in Münster bei Karl Rahner und
Johann Baptist Metz, bei dem er mit einer Arbeit über Wissenschaftstheorie
promoviert hat. Von 1971 bis 1982 war er Wissenschaftlicher Assistent von Metz
am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie und von Herbert Vorgrimler am Lehrstuhl
für Dogmatik. Von 1998 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2007 war Füssel Lehrer
für Mathematik, Physik und Religion an der Berufsbildenden Schule Wirtschaft in
Koblenz. Kuno Füssel hat sich als Befreiungstheologe international einen Namen
gemacht – vor allem auch durch seine „materialistische Bibellektüre“. Er ist
Autor zahlreicher Bücher.
AFRIKANISCHE PRIESTER SOLIDARISCH MIT PALÄSTINA
Stellungnahme afrikanischer Mitglieder des internationalen
katholischen Netzwerks „Priester gegen Völkermord“
Wir sind afrikanische katholische
Priester, sei es von Geburt an oder aus Berufung. Unser Kontinent kennt den
Krieg. Wir tragen die Erinnerung an die Bürgerkriege in Mosambik und Angola,
den Völkermord in Ruanda und die Kriege in Liberia und Sierra Leone in uns.
Heute erleben wir erneut Krieg im Sudan und Südsudan, im Osten der
Demokratischen Republik Kongo, in der Sahelzone und in Cabo Delgado im Norden
Mosambiks. Millionen von Menschen in ganz Afrika wurden gezwungen, ihre Heimat
zu verlassen, manche als Flüchtlinge, viele weitere als Binnenvertriebene in
ihren eigenen Ländern.
Wir sprechen daher über Palästina und den
andauernden Völkermord in Gaza nicht, weil das Leid der Afrikaner weniger
bedeutend wäre, sondern weil unser eigenes Leid uns gelehrt hat, das Leid
anderer zu erkennen. Nelson Mandela erklärte 1997: „Unsere Freiheit
ist unvollständig ohne die Freiheit des palästinensischen Volkes.“
Südafrika, eine Nation, die Apartheid und Enteignung kennt, hat kürzlich beim
Internationalen Gerichtshof Klage gegen Israel gemäß der Konvention über die
Verhütung und Bestrafung des Völkermordes eingereicht.
Da wir in unserer eigenen Geschichte die
Entmenschlichung erkannt haben, können wir uns ihr auch bei anderen Völkern
nicht entziehen. Völkermord ist nicht einfach gleichbedeutend mit Krieg: Laut
Völkerrecht bezeichnet er Handlungen, die mit der Absicht begangen werden, eine
nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu
vernichten. Gestützt auf die Argumente internationaler Juristen und weltweit
anerkannter Völkermordexperten sind wir der Ansicht, dass die Politik und das Vorgehen
der israelischen Regierung im Gazastreifen Völkermord darstellen.
Die südliche Tradition von Ubuntu erinnert
uns daran, dass unsere Menschheit eine Einheit bildet. Die Heilige Schrift
stellt dieselbe Frage in den ersten Seiten der Genesis: „Wo ist dein
Bruder?“ (Gen 4,9). Der Heilige Paulus bringt dieselbe Wahrheit zum Ausdruck:
„Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit“ (1 Kor 12,26). Kains
ausweichende Antwort – „Bin ich denn meines Bruders Hüter?“ – kann nicht
die Antwort von Christen sein, wenn ein anderes Volk vor unseren Augen leidet.
Jeder Mensch trägt das Bild Gottes (Gen 1,27); Würde wird nicht durch
Staatsbürgerschaft, ethnische Zugehörigkeit oder militärische Macht verliehen.
Das Zweite Vatikanische Konzil
zählt Völkermord zu den Taten, die „die menschliche Gesellschaft vergiften“
(Gaudium et Spes, 27). Besonders erschreckend an diesem Völkermord ist, dass es
für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Gazas keinen sicheren Weg in ein
sicheres Gebiet gab, sondern nur wiederholte Vertreibungen innerhalb eines
abgeriegelten Territoriums, von einem unsicheren Ort zum nächsten. Menschen zur
Flucht aufzufordern, wenn es keinen sicheren Zufluchtsort gibt, ist kein
Schutz.
Unsere Sorge um das Heilige Land schmälert
nicht unsere Sorge um Afrika. Die Bischöfe Mosambiks erklärten: „Mosambiks
Zukunft kann nicht auf Gewalt aufgebaut werden.“ Die katholischen Bischöfe
des Sudan und Südsudans bezeichneten die Tötung von Zivilisten
als „Sünde gegen Gott“ und warnten: „Rache ist keine Gerechtigkeit.
Kollektivbestrafung ist keine Stärke.“ Auch das Südliche Afrika
kennt die Apartheid, die von seinen Bischöfen bereits 1957 als „in sich böse“
verurteilt wurde. Diese Geschichte mahnt uns zur Wachsamkeit gegenüber Mustern
territorialer Trennung, Einschränkung der Bewegungsfreiheit und Enteignung. B’Tselem,
Human Rights Watch und Amnesty International kamen zu dem
Schluss, dass die israelische Politik gegenüber den Palästinensern einer
Apartheid gleichkommt, und 2024 urteilte der Internationale Gerichtshof,
dass die israelischen Maßnahmen eine „nahezu vollständige Trennung“
zwischen palästinensischen und Siedlergemeinschaften im Westjordanland und in
Ostjerusalem aufrechterhalten. Erzbischof Desmond Tutu sagte nach seinem
Besuch im Heiligen Land: „Es erinnerte mich sehr an das, was uns Schwarzen
in Südafrika widerfahren ist.“
Wir können die Apartheid in unserer
Geschichte nicht verurteilen und gleichzeitig die gleichen Muster, die den
Palästinensern angetan wurden, leugnen. Unsere Verurteilung richtet sich gegen
die israelische Regierung und die von ihr verantwortete Politik und Handlungen,
nicht gegen Juden oder das Judentum. Wir lehnen Antisemitismus und Islamophobie
entschieden ab. Wir verurteilen unmissverständlich die Tötung von Zivilisten,
die Geiselnahme und andere schwere Verbrechen, die von der Hamas und anderen
bewaffneten Gruppen am 7. Oktober 2023 begangen wurden. Doch diese Verbrechen
mindern weder Israels Verpflichtungen nach internationalem Recht, noch
rechtfertigen sie Völkermord oder Kollektivstrafen. Wir werden auf
Entmenschlichung nicht mit Entmenschlichung reagieren.
Auch Afrikas unmittelbare Interessen
stehen auf dem Spiel. Überwachungs-, Gesichtserkennungs- und automatisierte
Screening-Technologien wurden zur Kontrolle der Palästinenser entwickelt und
verfeinert und anschließend international – auch in Afrika – als „kampferprobt“
vermarktet. Afrikanische Länder haben die Gefahren solcher Technologien bereits
durch Systeme wie Pegasus erfahren müssen, und diejenigen, die diese Systeme
entwickeln, genehmigen und einsetzen, tragen weiterhin die moralische
Verantwortung für ihr Handeln.
Papst Leo XIV. forderte die „Abrüstung“
künstlicher Intelligenz und einen „entwaffneten und entwaffnenden Frieden“
– Forderungen, die, wie dieser Völkermord zeigt, untrennbar miteinander
verbunden sind. Wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, ist Frieden „das
Werk der Gerechtigkeit“ (Gaudium et Spes, 78).
Aus diesen Gründen und weil Völkermord
gestoppt und nicht erst im Nachhinein beklagt werden muss, fordern wir:
1. Die sofortige Einstellung der
völkermörderischen Politik und Aktionen im Gazastreifen sowie der Gewalt im
Westjordanland, mit vollem humanitären Zugang und Schutz für Zivilisten,
medizinisches Personal, humanitäre Helfer und Journalisten.
2. Das
Ende der Zwangsumsiedlung und der Zerstörung der für das zivile Leben im
Heiligen Land notwendigen Bedingungen.
3. Volle Zusammenarbeit mit internationalen
Justiz- und Ermittlungsmechanismen.
4. Die Aussetzung der Produktion von
Waffen und Technologien, bei denen ein hohes Risiko besteht, dass sie bei
schweren Verstößen gegen das Völkerrecht eingesetzt werden, sowie die
Überprüfung der von afrikanischen Regierungen erworbenen Überwachungs-, KI-
und Militärtechnologien.
5. Ethische Prüfung von Investitionen
durch christliche Institutionen, die mit schwerwiegenden Verletzungen der
Menschenwürde in Verbindung stehen, sowie nachhaltige humanitäre,
medizinische und traumatherapeutische Unterstützung für die Geschädigten,
verbunden mit Wahrheit, Rechenschaftspflicht und Wiedergutmachung.
und 6. Eine politische Zukunft, die auf
dem Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser und der Würde, Freiheit,
Gleichheit und Sicherheit sowohl der Palästinenser als auch der Israelis
beruht.
Als Afrikaner appellieren wir eindringlich
an unsere Regierungen und die Afrikanische Union: Wir können uns nicht auf das
Völkerrecht für die Palästinenser berufen und es gleichzeitig für Zivilisten im
Sudan, Südsudan, Ostkongo oder Cabo Delgado missachten.
Unser Appell beruht nicht auf der Annahme, palästinensische Leben seien
wertvoller als israelische oder afrikanische, sondern darauf, dass sie nicht
weniger wert sind. Unsere Antwort darf nicht Schweigen sein. Unsere Antwort
darf nicht Hass sein. Unsere Antwort muss Wahrheit, Gerechtigkeit,
Barmherzigkeit und wahrer Frieden sein, der niemals bloß die Abwesenheit von
Kämpfen bedeutet. Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, dass „Frieden nicht
einfach die Abwesenheit von Krieg ist“, sondern „ein Werk der
Gerechtigkeit“ (Gaudium et Spes, 78). Der Prophet Jesaja bringt
dieselbe Wahrheit zum Ausdruck: „Die Frucht der Gerechtigkeit aber ist
Friede“ (Jesaja 32,17).
Johannesburg, 21. August 2026
Im Namen von „Priests Against Genocide –
Africa“ (PAGA), dem afrikanischen Zweig des internationalen Netzwerks
„Priests Against Genocide“
Kardinal Stephen Brislin (Südafrika)
Pater Kufre Afangide, SPS (Nigeria)
Pater Matthew Charlesworth, SJ (Simbabwe)
Pater Hans-Joachim Lohre, MAfr (Frankreich/Mali)
Fr. Bonaventure Mashata, MAfr (Südafrika)
Fr. Mokesh Morar (Südafrika)
Abt Magloire Nkounga Tagne (Italien/Kamerun)
Quelle: https://www.religiondigital.org,
22. 8. 26
Association of Priests against Genocide:
https://associationofcatholicpriests.ie/
Das internationale katholische Netzwerk
„Priester gegen Völkermord“ entstand im August 2025 als Initiative einer Gruppe
katholischer Priester in Irland, die angesichts des andauernden Völkermords im
Gazastreifen, auch innerhalb der Kirche, nicht länger schweigen konnten.
Innerhalb kurzer Zeit wuchs das Netzwerk
auf über 2.200 Priester und Bischöfe von allen fünf Kontinenten an, die der
Wunsch vereint, Glaube, Gerechtigkeit und das Engagement für einen wahren und
dauerhaften Frieden zu vereinen.
BUCHTIPP
Hans Joas: Universalismus – Weltherrschaft und Menschheitsethos.
Suhrkamp-Verlag,
Frankfurt/M. 2025. 976 Seiten, € 48,--
Dies ist ein außergewöhnliches Buch. Es
umspannt 3000 Jahre mit detaillierten wissenschaftlichen Erörterungen und
stellt gleichzeitig die (Über-)Lebensfragen der Menschheit heute. Die
Schlüsselthese lautet: „Da das Ideal der gleichen Würde aller Menschen sich
keineswegs als organische Entwicklung moralischer Vorstellungen herausgebildet
hat, sondern eine schöpferische Reaktion auf politische Weltherrschaftsansprüche
ist, bleibt sein Schicksal prekär und wird dieses Schicksal auch weiterhin vom
Umgang mit den Kämpfen um Weltherrschaft abhängig sein“ (895). Die
Entstehung der frühesten Formen von moralischem Universalismus sieht J. in der
von Karl Jaspers so genannten Achsenzeit von ca. 800-200 v.u.Z. Hier formierten
sich Religionen und Philosophien in Eurasien, die einerseits die Universalität
der Imperien aufnehmen, dies aber kritisch gegenüber der politischen Macht tun:
israelischer Monotheismus (Propheten), griechische Vernunftethik (Platos Philosophenkönige),
die universalistische Aufladung kultureller Wertmuster in China (Konfuzius),
die ethische Askese in Indien (Buddha).
Das Christentum als Radikalisierung des universalistischen Potentials des
antiken Judentums ist die zweite Welle, gefolgt später vom Islam.
Die Imperien fordern aber die Religionen
und Philosophien nicht nur zu kritischen Reaktion heraus, sondern nutzen diese
auch als Ideologie für ihren imperialen Universalismus. Klassische Beispiele
dafür sind die Imperialisierung des Christentums durch Kaiser Konstantin am
Anfang des 4. nachchristlichen Jahrhunderts und der imperiale Konfuzianismus
der Han-Dynastie. Als 410 Rom vom Gotenkönig Alarich erobert wurde und sich das
Römische Reich seinem Ende zuneigte, rettete der Kirchenvater Augustinus den
Universalismus, ohne ein Imperium oder die Kirche zu sakralisieren (De civitate
Dei). Ebenso überlebte der Buddhismus den Zusammenbruch des Maurya-Reichs von
Kaiser Ashoka. Im Mittelalter geht es dann um „organische Sozialethik“, aber
auch um die Frage der Sakralisierung von
Herrschern. Dante entwickelt in dem Zusammenhang die Vorstellung einer
Universalmonarchie.
In der frühen Neuzeit gibt es eine
doppelte Herausforderung des Universalismus durch die neue Art der
Staatsbildung im Sinn von Machiavellis Entmoralisierung der Macht und durch neu
entdeckte Völker. Im Blick auf letztere wird der Kampf Bartholomé de las Casas
für die Menschenrechte der Indigenen ausführlich gewürdigt, ebenso die
beispielhafte Jesuitengemeinschaft in Paraguay.
Die amerikanische und französische
Revolution im 18. Jahrhundert und die Frage ihres Verhältnisses zu Religion und
Rationalismus werden in ihrer Zweideutigkeit für die Menschenrechte dargestellt
– auch in ihrem Verhältnis zur Globalgeschichte. Sie sind ein besonders
wichtiges Kapitel des moralischen Universalismus. Das gilt trotz des Fehlens
der Gleichberechtigung von Frauen und Sklaven. In diesem Zusammenhang ist die
Sklavenrevolution in Haiti wichtig.
Zentral ist das Kapitel 8 zum totalitären
Staat des Nationalsozialismus als Versuch, mit Gewalt jeden moralischen
Universalismus zu zerstören, und zur Entstehung einer transnationalen Menschenrechtsordnung
als Reaktion darauf (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte). Martin Luther
King und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung sind die Antwort auf weißen
christlichen Rassismus. Der gewaltfreie Widerstand gegen koloniale
Unterdrückung und Kastenwesen findet seinen reinsten Ausdruck in Gandhis
Unabhängigkeitsbewegung in Indien. Besonders hervorzuheben sind dabei seine
interreligiösen Bemühungen.
Mao Zedong wird als der große Widerspruch
zwischen säkularer universaler Utopie ohne Sakralität der Person und
gewaltsamer Vernichtung aller Religion dargestellt. Die Frage nach dem
Verhältnis des Islam zum moralischen Universalismus ist komplex, aber der
antikoloniale Kampf und wichtige Figuren wie Muhamad Iqbal mit seinen interreligiösen
Versuchen weisen klar in diese Richtung.
Im Schlusskapitel wird die Bedrohung der
Menschheit durch nuklearen Krieg und die Gefährdung der außermenschlichen
Lebewesen hervorgehoben. Sie ruft heute nach einem Universalismus ohne
Imperialismus.
Nur einmal (S.79) wird im Zusammenhang der
Achsenzeit die Frage aufgeworfen, ob nicht auch die Fragen des „Handels, des Geldes und des
Münzwesens“ behandelt werden müssten. Das wird dann aber abgelehnt mit dem
Hinweis, dass der historische Materialismus diese Frage diskreditiert habe
durch die These, alle Entwicklungen seien durch die ökonomischen Entwicklungen
determiniert. Damit blendet J. einen gesamten Forschungsbereich aus, in dem
nachgewiesen wurde, wie die Verwandlung des gemeinschaftlichen Wirtschaftens in
eine Geldvermehrungswirtschaft nicht nur den expansiven Charakter der Imperien
beeinflusst hat, sondern wie sie die sozialen Spaltungen und die
Individualisierung der Mentalität hervorrief, auf die die achsenzeitlichen
Philosophien und Religionen zentral antworteten. Durch diesen historischen Mangel versäumt er
auch systematisch, die zentrale Bedeutung des Kapitalismus für seine
Fragestellung nach dem moralischen Universalismus heute zu thematisieren. Denn
der kapitalistische Grundansatz, alles Wirtschaften auf die Profitmaximierung
zur Kapitalakkumulation auszurichten, erzeugt den Wachstumszwang, der vor allem
durch die von ihm verursachte Klimakatastrophe die Lebensbedingungen der
Menschheit zerstören wird, wenn der Kapitalismus nicht durch eine Wirtschaft im
Dienst des Lebens überwunden wird.
So würde ich Hans Joas einladen, zu diesem
Thema einen ebenso hochqualifizierten 2. Band zu seinem beeindruckenden 1. Band
hinzuzufügen.
Ulrich
Duchrow