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aus:
CHRISTEN
SOLLTEN DEM US-IMPERIALIS-MUS WIDERSPRECHEN
Von
Pfarrerin Lori Allen Walke
Wir wussten, dass 2026 kein
einfaches Jahr werden würde. Wir wussten, dass wir mit einer Verschärfung der
wirtschaftlichen Belastungen, weiteren Angriffen auf Wissen-schaft
und Medizin, einer steigenden Zahl von Amerikanern, die sich keine grundle-gende Gesundheitsversorgung leisten können, und
einer Politik rechnen mussten, die wie eine Brechstange eingesetzt wird, um die
Kluft zwischen Arm und Reich zu ver-größern, ganz zu
schweigen von den Zwischenwahlen, die die Eskapaden extremistis-cher
Randgruppen noch verstärken würden.
Doch dann erfuhren wir am ersten
Samstag des Jahres, dass die Vereinigten Staaten ein weiteres souveränes Land
angegriffen hatten. Sofort war klar, dass das Jahr noch schwieriger werden
würde als befürchtet. Für diejenigen, die am ersten Sonntag des neuen Jahres
auf der Kanzel stehen sollten, bedeutete dies, mindestens einen Teil des
Gottesdienstes umzugestalten.
Schließlich wäre es ein Pflichtversäumnis
der Geistlichen, nichts zu sagen (sei es in einem Gebet, einer Predigt oder
einem anderen Moment in der Versammlung), wenn unser Land gerade einen Überfall
auf das Kapitol von Venezuela durchgeführt hat, um dessen Präsidenten Nicolás
Maduro zu verhaften und die Kontrolle über dessen natür-liche
Ressourcen zu erlangen. Es wäre zutiefst unverantwortlich, dies nicht zu erwäh-nen, sich zu weigern, darüber nachzudenken, wie die
Werte des Evangeliums unsere Reaktion beeinflussen, und so zu tun, als wären
wir von der Gewalt, die in unserem Na-men ausgeübt
wird, nicht betroffen. Jesus hatte viel zu sagen über Wirtschaft, darüber, was
man nicht begehren sollte, und auch über gewaltfreie Strategien für einen
Regime-wechsel..
Maduro war zweifellos ein schrecklicher
und korrupter Diktator, und viele sind froh, dass er gestürzt wurde. Da aber
mehrere Dinge gleichzeitig wahr sein können, muss man auch sagen, dass die Entscheidung
der Trump-Regierung, in Venezuela einzumarschie-ren,
ebenfalls schrecklich und korrupt war. Schließlich ist gesetzlose und
unkontrollierte staatliche Gewalt falsch, egal ob der Täter Maduro oder Trump
ist. Solche Gewalt je nach Opfer als akzeptabel oder inakzeptabel zu bewerten,
ist Autoritarismus. Es bedeu-tet, ungezügelte
staatliche Aggression aufgrund von Personen zu billigen.
Sicherlich sollte die Ablehnung militärischer
Aktionen der USA nicht auf persönlichen Animositäten beruhen. Die Invasion
eines anderen Landes zur Aneignung seiner Res-sourcen (ein von der Trump-Regierung
wiederholt betonter Grund) und die unaufhörli-che
imperialistische Rhetorik sind alarmierend und verwerflich, nicht weil sie von
einem Präsidenten stammen, der durchweg alarmierend und verwerflich ist,
sondern weil die Invasion eines anderen Landes zur Aneignung seiner Ressourcen
und die unaufhörliche imperialistische Rhetorik (immer und ewig) alarmierend
und verwerflich sind.
Die Geschichte zeigt, dass der Imperialismus
seit jeher ein fester Bestandteil beider Par-teien
ist und dass die Regierungen beider Parteien gerne die Rechtsstaatlichkeit miss-achten,
wenn es ihnen passt. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Obama-Regierung
argumentierte, das Kriegsbefugnisgesetz gelte nicht
für ihren sich verschärfenden Luft-krieg in Libyen im Jahr 2011, da „die
Beteiligung der USA keine vollumfänglichen Kriegshandlungen darstellte“.
Dieselben Argumente werden immer dann vorgebracht, wenn wir uns nicht an den
Grundsatz „Behandle deine Nachbarn so, wie du selbst behandelt werden möchtest“
halten wollen.
Während sich unsere Nation und die
Welt in Echtzeit verändern, muss die Kirche aus Glaubensgründen ihre Stimme für
Gerechtigkeit und Frieden erheben. Angesichts der sich wandelnden Ereignisse,
der zunehmenden Präsenz weiterer Länder auf Trumps Wunschliste für Kolonien und
der Missachtung allen Rechts und aller Ehrenhaftigkeit durch seine Berater
müssen sich Christen – ob auf der Kanzel oder in der Kirche – aktiv an der
Debatte beteiligen und dabei stets dem Guten und Gerechten verpflichtet sein,
anstatt parteiische Propaganda unreflektiert zu wiederholen.
Lori
Allen Walke ist leitende Pfarrerin der Mayflower Congregational United Church of
Christ.
Quellle:
The Oklahoman, Oklahoma City, www..oklahoman.com, 13. 1.
26
ROMERO-PREIS FÜR LUIS ZAMBRANO
In einem feierlichen Festakt wurde in Graz
am 14. November der Romero-Menschrechtspreis an den peruanischen Priester und
Menschenrechtsaktivisten Luis Zambrano verliehen. Die Aus-zeichnung der
Katholischen Männerbewegung gilt als wichtigste österreichische Ehrung für
Engagement in den Bereichen Entwicklung und Menschenrechte in Afrika und
Lateinamerika. Zambranos jahrzehntelanger Einsatz für die Ärmsten im Hochland
von Peru wurde im Campus Augustinum in Graz unter Beisein von Diözesanbischof Wilhelm
Krautwaschl gewürdigt.
„Ich nehme diese Anerkennung nicht für
mich allein entgegen, sondern im Namen all jener, die in Peru Hunger und Durst
nach Gerechtigkeit leiden“, betonte Zambrano in seiner Dankesrede. Auch
nach der Preisverleihung bleibt er kämpferisch: „Werden wir den Mut
aufbringen, ein System infrage zu stellen, das nicht nur arbeitende Menschen
ausbeutet, sondern auch alte Men-schen als
überflüssig ansieht?“
Als Priester wünscht sich Zambrano eine
Kirche, „die aus den Ärmsten hervorgeht und für alle da ist, die Bürokratie
und Klerikalismus, übertriebene Diplomatie und Halbherzigkeit über-windet“.
Er ermutigte Gläubige in Peru und Österreich, die prophetische Kraft des
Evangeliums mutig zu verkünden.
Luis Zambrano, geboren 1946 in Peru, wuchs
in einfachen Verhältnissen auf. Nach Studien in Lima, Innsbruck und Tübingen
blieb sein Herz bei den Menschen seiner Heimat. Seit seinem Aufenthalt in
Innsbruck ist Luis mit der AKC in Verbindung. 1982 kehrte er als pastoraler
Mitarbeiter an den Titicaca-See zurück und begann seinen lebenslangen Einsatz
für gesellschaft-liche Randgruppen. In den
1980er-Jahren geriet er zwischen die Fronten von Armee und Terror-gruppen,
klagte Übergriffe und Unterdrückung an und setzte sich gegen die
allgegenwärtige Ar-mut ein: „Ich will nicht nur über Gerechtigkeit sprechen.
Ich will, dass Menschen sich gesehen fühlen.“
Mit Unterstützung der
entwicklungspolitischen Organisation SEI SO FREI betreibt er in Puno eine
Herberge für Obdachlose und Arme und gründete die Menschenrechtsorganisation
FEDERH („Fe y derechos humanos“ – Glauben und Menschenrechte). Sein Einsatz
brachte ihn immer wieder in Gefahr – zuletzt im Januar 2023, als er staatliche
Gewalt gegen friedliche Pro-teste von Indigenen und Kleinbauern öffentlich
machte.
Wir drucken auf den folgenden Seite die
Rede von Luis Zambrano bei der Romero-Preisverleihung in Graz ab:
Liebe Brüder und Schwester: Ich begrüße Euch von ganzem
Herzen. Ich komme aus Juliaca in Perú, einer Stadt,
die schwere Zeiten erlebt, aber deren Menschen die Hoff-nung
nicht verloren haben. Oscar Romero war mein Freund, mein Bruder, mein
Vater und mein Wegweiser. Meine Verbindung zu ihm begann im Juni 1977. Ich
kannte ihn nicht persönlich, aber durch seine tiefgreifende Bekehrung zum „Gott
der Armen und für die Armen Gottes“ spürte ich seine aufrichtige Liebe zu
den Armen.
In einem Interview bestätigte er diese Wende mit den
Worten: „Ja, ich habe mich geän-dert. Früher habe
ich nicht so gedacht.“ Diese Worte eines Bischofs, der den Mut hatte, sich
selbst zu hinterfragen und zu verändern, rührten mich tief. Ich hatte
nie zuvor von einem Bischof gehört, dass er sich zum Guten verändert hatte. Ich
schätze „sündige Hei-lige“ wie Romero und Bartolomé
de las Casas im 16. Jahrhundert. Menschen, die ihre Schwäche in Stärke
verwandeln. Von diesem Moment an verfolgte ich die Schritte die-ses guten Hirten Romero mit wachem Herzen.
Ich war damals in Innsbruck, im Canisianum.
Ich hatte Peru verlassen müssen, weil mei-ne Haltung
im Priesterseminar von Lima als verdächtig galt. Manche Erzieher sahen es als
gefährlich an, eine eigene Meinung zu haben oder die Kirche zu kritisieren.
Diese Haltung brachte mir Sanktionen ein. Schließlich entschieden sie, dass ich
niemals Prie-ster sein darf. Ich wurde von der
Theologischen Fakultät in Lima ausgeschlossen. Sie verstanden nicht, dass meine
Kritik aus Liebe zur Kirche – wie zur eigenen Mutter – war. Ich wollte die Kirche nicht zerstören,
sondern erneuern. Als letzte Maßnahme ver-teidigte
ich meine Menschenrechte mit einem Hungerstreik, bis Kardinal Juan Landá-zuri eingriff und ich dank seiner Hilfe mein Theologiestudium
beenden konnte.
Romero erlebte, wie erwähnt, 1977 eine tiefgreifende Wende.
Einst konservativ, ja sogar dem Opus Dei verbunden,
war er von den Reichen El Salvadors als Erzbischof durch-gesetzt worden – zum
Leidwesen vieler Gläubiger. Er war ein guter Mensch, doch zu-nächst fehlte ihm
das Bewusstsein für die soziale und politische Dimension des Evan-geliums.
Das änderte sich, als am 12. März 1977 sein Freund Rutilio
Grande – gemeinsam mit seinem Messdiener und seinem Sakristan – von einem
Militärkommando ermordet wur-de. Rutilio hatte sich
für die Rechte der Bauern eingesetzt und war Romeros Beichtva-ter.
Erschüttert von dieser Grausamkeit und berührt von der
Gnade Gottes, traf Romero eine Entscheidung, die sein Leben und das Schicksal
eines ganzen Volkes verändern sollte. Vor dem Leichnam Rutilios versprach er: „Wenn
sie dir das Leben genommen haben, weil du solche Dinge gesagt hast, werde ich
sie von heute an weiter sagen.“
Von diesem Tag an wurde Óscar Romero zur Stimme der Stimmlosen.
Er stellte sich schützend vor die Armen, die Verfolgten, die Vergessenen. In
einer Zeit, in der Angst und Gewalt herrschten, war seine Stimme aus der
Kathedrale San Salvador überall zu hören. Sonntag für Sonntag las er die Namen
der Ermordeten vor – es waren Hunderte, deren einziges „Verbrechen“ der Wunsch
nach Gerechtigkeit war. Seine Worte erschüt-terten
die Mächtigen und weckten die Gewissen der Welt auf.
Er wusste, dass dieser Weg zum Kreuz führte. „Wenn sie mich
töten“, sagte er, „werde ich in meinem Volk auferstehen.“ Und so geschah es.
Oscar Romero wurde am 24. März 1980 von einem Killer erschossen, als er die
Messe feierte. Wie Jesus, bezahlte er mit dem Leben – und gerade dadurch lebt
er weiter: in den Träumen und im Kampf derer, die an die Würde jedes Menschen
glauben.
Seine Seligsprechung am 15. Mai 2015 war für mich ein tief
bewegendes Ereignis. Ich hatte nur den brennenden Wunsch, dabei zu sein.
Plötzlich öffneten sich alle Türen und ich konnte teilnehmen. Als mich einige
fragten, wer mich eingeladen habe, antwortete ich: „Mich hat Óscar Romero
eingeladen.“
Heute führt uns dieser Geist Romeros hier in der Diözese
Graz zusammen – in einem Band der Solidarität, das Grenzen und Kontinente
überwindet.
Es ist die Solidarität der Katholischen Männerbewegung und
von „Sei so frei“, die ihren Blick auf Menschen und Organisationen wie „Glauben
und Menschenrechte“ (FEDERH) richtet. Diese Organisation, entstanden aus
der Peripherie Perus, kämpft im Altiplano von Puno für das, was für Romero
heilig war: die Verteidigung und Verwirklichung der Menschenrechte.
Ich nehme diese Anerkennung nicht für mich allein entgegen.
Ich nehme sie im Namen all jener entgegen, die in Peru Hunger und Durst nach
Gerechtigkeit leiden – die ihr Leben riskieren, um das Evangelium mit Taten zu
bezeugen. Ich nehme sie besonders im Namen der 50 ermordeten Peruaner und
Peruanerinnen an, davon 18 in Juliaca: die meisten
waren Jugendliche, die zwischen Dezember 2022 und März 2023 von der Re-gierung Boluartes getötet wurden – nur weil sie den Mut
hatten, ihre Stimme zu erheben und auf der Straße demonstriert haben. Die
Regierung und die Uniformierten behaup-teten, dass
Demonstrierenden Terroristen waren. Aber das war nur ihre Ausrede, um sie zu
töten. Diese Menschen waren keine Terroristen. Sie waren Bürgerinnen und
Bürger, die ihre Rechte verteidigten.
Edwin Poiré, der
Direktor von FEDERH, der uns heute begleitet, und ich waren Zeugen dieses Massakers.
Wir waren Zeugen einer unvorstellbaren Tragödie, die sich vor unse-ren Augen abspielte. Wenige Stunden vor dem Massaker
zelebrierte ein Franziskaner die Messe für jene Polizisten, die kurz darauf
unschuldige Menschen getötet haben. Die Religion wurde dazu missbraucht. Wir
sahen, wie Hubschrauber über Leute flogen, wie sie mit Schrotkugeln und Tränengas
die wehrlosen Menschen attackierten. Dem jungen Arzt Marco Samillán, der
sich wie ein barmherziger Samariter um die Verwundeten kümmerte, wurde in den
Rücken geschossen und dadurch getötet. Aber wir erlebten auch das Gegenteil von
Gewalt: die sofortige Hilfe von Ärzten und Pflegekräften für Hunderte von
Verletzten, die Solidarität zahlreicher Gruppen und Familien, die finan-zielle Unterstützung, aufmunternde Worte und über
viele Tage hinweg reichlich zube-reitete Mahlzeiten
für Angehörige und Freiwillige. Wir erlebten den mutigen Einsatz des jungen
Polizisten John Torres Yataco,
der, angewidert von dem Vorgehen seiner Vorgesetzten, trotz Drohungen und
rechtlicher Schritte den Dienst quittierte.
Heute, fast 3 Jahre nach dem Massaker, herrscht in unserem
Land noch immer Straflo-sigkeit. Keiner der Täter
wurde zur Rechenschaft gezogen, weil sie Polizisten sind. Wir erleben in Peru
eine schwere politische Krise. Der Kongress hat die Macht und alle Staatsorgane
an sich gerissen und kürzlich einen Abgeordneten, einen sexuellen Über-griff
und Korruption vorgeworfen und ihn zum Präsidenten Perus ernannt. Peru wurde
zuvor vom Terrorismus des Leuchtenden Pfads und der revolutionäre Bewegung
Tupac Amaru, sowie von Staatsterrorismus heimgesucht. Heute wird das Land von
kriminellen Banden angegriffen, die täglich Auftragsmorde verüben. Von Jänner
bis Ende August dieses Jahres gab es 30.000 Morddrohungen, 1513 Menschen wurden
ermordet, davon 67 Minderjährige und 56 Busfahrer wurden erschossen. Regierung
und Polizei sind nicht in der Lage, diese Welle der Gewalt mit Intelligenz und
Effizienz zu begegnen. In ihren eigenen Reihen herrscht Korruption. Hunderte
Polizisten sind Mitglieder dieser Banden und im Kongress beschließen
Abgeordnete Gesetze, die sowohl die Kriminellen als auch sie selbst schützen.
Ihr Ziel ist es, Geld und Macht anzuhäufen, um bei den Wahlen 2026 erneut zu
kandidieren und ihre Straffreiheit zu sichern.
Vor drei Jahren protestierten nur die Menschen im südlichen
Hochland, allen voran in Puno. Jetzt protestiert auch Lima. Ihr verzweifelter
Ruf ist: LASST UNS LEBEN! Wenn friedliche Märsche stattfinden, werden sie von
Tausenden Polizisten kontrolliert und aufgelöst. Wir sind eine völlig
schutzlose Bevölkerung und werden gleichzeitig vom Staat unterdrückt. In den
letzten Monaten sind es vor allem die Jungen, die 15- bis 25-Jährigen, die die
Bevölkerung dazu aufrufen, sich dieser Situation nicht zu ergeben, son-dern auf die Straße zu gehen und für das Leben zu
demonstrieren. Sie werden Generation Z genannt und sind ein Hoffnungsschimmer.
IN DIESEM AUGENBLICK PROTE-STIEREN TAUSENDE VON MENSCHEN AUS PERU SCHARF UND
VEHEMENT GEGEN DEN CONGRESS AUF DEN STRASSEN VON LIMA.
Ich bin nicht hier, um mich zu beklagen. Ich möchte, dass
die Menschen in Österreich, meiner Wahlheimat, und ihre Regierung aus erster
Hand erfahren, was in Peru wirklich geschieht. Ich möchte, dass die Kirche in
Graz und in ganz Österreich die schwierige Lage unserer peruanischen
Bevölkerung erkennt. Ich möchte eine tiefgreifende Erfah-rung
aus meinem Leben mit Euch teilen. Ich wurde an der Küste Perus, in Ica,
geboren. Schon als Kind liebte ich das Hochland und seine Bewohner. Das größte
Geschenk Got-tes in meinem Leben ist es, 43 Jahre
lang unter den Quechua und Aymarabevölkerung gelebt
zu haben. Meine Vorfahren sind teilweise Quechua, und ich betrachte mich als
Mestize mit einer indigenen Seele. Ich lerne jeden Tag von der Weisheit der
Quechua und Aymara. Sie, als Teil der indigenen Völker der Welt, leben drei
Werte, die die Welt retten können: die Liebe zu Gott oder dem Geist, die Liebe
zur Gemeinschaft und die Liebe zu Mutter Erde oder Pachamama.
So leben sie den „Buen vivir“, gutes Leben, sumaq kawsay oder suma jakaña. Das Leben von Oscar
Romero fiel mit dieser uralten Erfahrung und mit dem Leben und Wort Jesu
zusammen, wie es im Evangelium dar-gestellt wird. Dieser heilige Bischof lehrt
uns, dass die Hinwendung zu Gott notwendi-gerweise
die Abkehr von der Geldgier beinhaltet und dass die Umkehr in jedem Alter
möglich ist.
Dieser Gott ist nicht der Gott des Status quo oder des
Traditionalismus. Er ist der Gott des Wandels auf allen Ebenen, insbesondere
des sozialen Wandels. Diese Wandlung er-fordert die Option für die Armen, die
Entscheidung, sich mit den Armen und Ausge-grenzten
zu solidarisieren – Gottes eigene Entscheidung, wie sie in der Bibel offenbart
ist. Dieser prophetische Dienst, der in der Taufe seinen Ursprung hat, ist eine
persönliche und gemeinschaftliche Berufung, die notwendigerweise Verfolgung mit
sich bringt, wie in Lateinamerika zu sehen ist mit Hunderten von Märtyrern,
Frauen und Männer.
ICH FRAGE NOCH: Werden wir die Kraft und die Konsequenz
aufbringen, uns nicht mit der Preisverleihung zufriedenzugeben – so wichtig sie
im Bereich der Menschen-rechte auch ist –, sondern in Österreich, in Peru und
überall auf der Welt den Mut finden, das todbringende System des globalen
Kapitalismus in seiner gegenwärtigen neolibe-ralen
Ausprägung entschieden infrage zu stellen? Ein System, das nicht nur die
arbeiten-den Menschen ausbeutet, sondern auch die alten Menschen überflüssig
und entbehrlich behandelt. (Aparecida 65). Werden wir
als Gläubige den Mut aufbringen, die propheti-sche
Kraft des Evangeliums in der Kirche Österreichs und Perus zu verkünden – damit
sie Bürokratie und Klerikalismus, eine rein traditionsgebundene Pastoral,
übertriebene Diplomatie, Halbherzigkeit, Ausgrenzung, Unterwürfigkeit gegenüber
etablierten Mächten sowie die Kommerzialisierung von Sakramenten und Segnungen
überwindet? Werden wir, indem wir die Zeichen der Zeit deuten, erreichen, dass
der liturgische Dienst der Laien ernst genommen wird, die Stimmen von Kindern
und Jugendlichen Gehör finden und der Rat von Erwachsenen, älteren Menschen
und Menschen mit Behinderungen wertgeschätzt wird? Sodass eine Kirche entstehen
kann, die aus den Ärmsten hervorgeht und für alle da ist – eine Kirche, die
evangelisiert und selbst durch alle Menschen evangelisiert ist, die synodal
handelt, die im Großen wie im Kleinen Soli-darität
übt; eine Kirche, die inklusiv ist, die die unverzichtbare Rolle der Frau
stärkt, al-len Kulturen und Religionen offen
begegnet, die einfach lebt und den Dialog sucht?
Ich danke euch allen – ob nahe oder fern – von Herzen für
eure Anwesenheit und Mitwirkung. In diesem Stunden kommt mir ein Wort aus dem
Lukasevangelium (17,10) in den Sinn: „Wir sind unnütze Knechte; wir haben
nur unsere Schuldigkeit getan.“
Alfred Kirchmayr
CHRISTLICHE BEFREIUNGSBOTSCHAFT STATT KLERIKALER HERRSCHAFT
40 Jahre „Religionsverlust durch religiöse Erzie-hung“ von Erwin Ringel und Alfred Kirchmayr
Nachdem Erwin Ringel, der österreichische „Neurosenkavalier“
1984 die „Öster-reichische Seele“ auf die Couch gelegt hatte, schrieben
wir gemeinsam den nächsten Bestseller: „Religionsverlust durch religiöse
Erziehung“ (Herder, Wien 1985). Die erste Auflage von 7000 Stück war nach
drei Wochen (!) vergriffen. Der Verlag Herder bekam die Verärgerung maßgebender
Kirchenmänner zu spüren. Nachdem etwa 40.000 Stück verkauft waren, wurde das
Buch vertragswidrig nicht mehr ausgeliefert. Es folgten meh-rere
Auflagen, auch eine Taschenbuchversion von Herder, Freiburg. Insgesamt wurden
etwa 50.000 Stück verkauft. Der Verlag „Der Apfel“ hat es 2004 neu
aufgelegt. Leider ist es immer noch aktuell.
Im Jahr 1986 hat Erwin Ringel mit seinem Vortrag über unser
Buch im Großen Musik-vereinssaal mehr als 1000
Menschen ansprechen können. Das wäre heute undenkbar! Nicht nur im Vatikan
siegte die Reaktion! Der Aufbruch durch den Geist des Konzils und die Besinnung
auf das Wesentliche der Botschaft Jesu wurde in „Klerikalien“
– so nenne ich etwas boshaft die real existierende katholische Kirche – sehr
schnell verdrängt und vergessen.
Klerikalismus – infantile Angst vor Veränderung
Die Angst vor Veränderung und das unchristliche, klerikale
Selbstmissverständnis der Kirche verhinderten die wahrhaft notwendigen Reformen.
Die großen Chancen des christlichen Apostolates der Laien, die als getaufte und
gefirmte Christen selbstver-ständlich Gemeindeleitungen
übernehmen könnten und auch wollten, hat man nicht wahrgenommen.
Übrigens heißt im neutestamentlichen Kontext Laie (laos = das Volk) schlicht „zum Volk Gottes gehörig“
– und das ist schließlich auch der Papst und jeder Kleriker. Tausende
studierten in den Siebziger- und Achtzigerjahren Theologie. Pius X. hat
die Laien als „Feinde der Kleriker“ bezeichnet und selbst nach dem
Konzil wurden die so genannten Pastoralassistenten beiderlei Geschlechts von
den geweihten Herren möglichst unter-schieden. Die unchristliche Aufteilung,
etwas boshaft formuliert, in Herren und Knech-te, in
Kleriker und Laien wurde weiter leicht abgeschwächt festgeschrieben.
O Gott, was unsere Ruhe störet, gestatte nicht!
Der österreichische Pastoraltheologe Ferdinand
Klostermann begleitete als Experte für das christliche Apostolat Kardinal
Franz König am Zweiten Vatikanischen Konzil, gemeinsam mit Karl Rahner.
Die Historikerin Erika Weinzierl bezeichnete Kloster-mann als
bedeutendsten Theologen Österreichs im 20. Jahrhundert. Und dieser mutige Mann
sagte 1970 in oberösterreichischer Direktheit in seinem Vortrag bei den Salzbur-ger Hochschulwochen vor etwa 1000 Teilnehmer*innen:
„Wenn die katholische Kirche die häretischen Strukturen nicht radikal
verändert, ist jedes Reden von Reform Scheiße!“ Und häretisch ist vor allem
der Klerikalismus, der vatikanische Zentralismus sowie die Struktur gewordene
Angst vor der besseren Hälfte der Menschheit! Der Text eines alten Kirchenlieds
beschreibt immer noch das Klima im klerikalen Kirchenraum: „O Gott, was
unsere Ruhe störet, gestatte nicht!“
Die Kirche ist krank …
Das hat Kardinal Franz König 1984 in einer Ansprache an
junge Menschen gesagt: „Die Kirche ist krank. Sie kämpft ums Überleben.“
Er ging den möglichen Ursachen dieser Krankheit nach. Wir haben diese
analysiert und „therapeutische“ Anregungen gegeben.
Das ist unsere zentrale These: „Die katholische Kirche
befindet sich geschichtlich gesehen in einer ihrer größten Krisen … Sie kann
ihre Möglichkeiten, zum Heil der Menschen zu wirken, immer weniger erfüllen.
Obwohl gerade heute in vielen Menschen eine neue Sehnsucht nach Religiosität,
eine neue Suche nach Sinn und Orientierung aufbricht und die Kirche
diesbezüglich einen reichen Schatz in sich birgt, erscheint sie immer mehr
Menschen als unzugänglich, unzulänglich, unglaubwürdig, ja, nicht selten als
unmenschlich.“ (S. 7ff.)
Wir beschreiben die strukturellen und spirituellen Ursachen
dieser Pervertierung der Kirche. Drei „Komplexe“ wirken pathogen: ein
Autoritäts-, ein Männlichkeits- und ein Reinheitskomplex. Die herrschende
kirchliche Auffassung von Autorität und Gehorsam verachtet die Entfaltung
christlicher Mündigkeit. Die klerikale Sexual- und Ehe-Moral ist ebenso
unnatürlich wie unchristlich. Und eine tiefsitzende patriarchalische Grund-einstellung
führt zur faktischen Verachtung der Frauen. Aus alldem ergibt sich ein tief gestörtes
Verhältnis zu den modernen Wissenschaften, zu den Menschenrechten und zur Demokratie.
Sie werden goldene Worte darin finden …
Das kaum eine Woche alte Buch wurde am 3. 12. 1985 in der
TV-Sendung „Orientie-rung“ von Richard
Barta, Mitarbeiter und Freund von Kardinal König und Gründer der „Kathpress“, vorgestellt: „Grüß Gott, liebe
Zuschauer! Das ist kein Buch für Weih-nachten, das ist ein Buch fürs ganze Jahr
… Dem Verlag Herder sei dafür gedankt, dass er es gewagt hat, die kirchlicherseits keineswegs unumstrittenen Ansichten des
großen Psychotherapeuten in ein Buch zu fassen. Erwin Ringel hat dieses Buch
gemeinsam mit Alfred Kirchmayr geschrieben … Wenn man weiß, dass Kirchmayr,
Professor für Psychologie, von der Pastoraltheologie herkommt, weiß man auch
die Bedeutung dieser Gemeinschaftsarbeit richtig zu schätzen ... Ich kann nur
empfehlen, das Buch zu lesen. Sie werden goldene Worte darin finden. Und wenn
Sie mit diesen Worten nicht durch-wegs übereinstimmen, werden Sie zu einer
fruchtbaren Auseinandersetzung mit Fragen angeregt, die lebensbestimmend für
die ganzheitliche Entwicklung des Menschen sind. Für die Notwendigkeit einer
solchen Auseinandersetzung zitieren die Autoren einen un-verdächtigen
Zeugen, Papst Gregor VII.: ‚Christus hat nicht gesagt: Ich bin die Ge-wohnheit, sondern: Ich bin die Wahrheit. Und eine
Gewohnheit mag noch so alt und vertraut sein, sie muss der Wahrheit weichen‘.“
Christliche Mündigkeit und Konfliktfähigkeit
Das Buch löste neben viel Freude und Hoffnung auf
Veränderung auch Angst und Hass aus. Ein Ordenspriester schrieb einen wütenden
Brief an den Direktor des Verlages: „Dieses Buch … gehört nicht nur als
eines der widerlichsten auf den Index, sondern rein menschlich gesehen in den
Feuerpfuhl.“ In der „Furche“-Redaktion kam es zu heftigen Diskussionen mit
der Konsequenz, dass einer eher negativen Rezension eine sehr positive folgte.
In fast hundert Rezensionen im gesamten deutschen
Sprachraum wurde unser Buch be-grüßt und als
wohlwollende und notwendige Kritik verstanden, jenseits von Idealisie-rung
oder Entwertung. In Publik-Forum war dies zu lesen: „Mit diesem Buch ist den
Autoren eine meisterhafte Anleitung zu befreiendem Handeln in Sachen
christlicher Glaubensvermittlung gelungen. Eindringlich warnen die beiden
gleichsam vor dem re-ligiösen Selbstmord … Gewidmet ist dieses Buch allen, die an der
Kirche leiden. Sie werden sich über diesen Beitrag zu einer europäischen Befreiungstheologie
freuen.“
Doch die schauerliche Angst vor Veränderung und die
infantile Angst vor kultureller Vielfalt wird auch in der katholischen Kirche
auf lange Sicht überwunden werden. Mei-ne hobbymäßige
Beschäftigung mit der Paläoontologie stärkt mein Prinzip Hoffnung: Bevor die
Ammoniten ausgestorben sind, kamen Riesenammoniten. Und bevor die vati-kanisch-klerikale Herrschaft
aussterben wird, bläht sie sich nochmals riesig auf.
Denn die befreiende Botschaft Jesu lässt sich nicht
vernichten. Das letzte Konzil be-zeichnet die Aufgabe
der Kirche in der Welt von heute als eine umfassende Solidari-tätserklärung
mit allen Menschen, besonders mit den Armen und Bedrängten: „Freude und
Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten
aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.
Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen
Widerhall fände.“
DDr. Alfred Kirchmayr, geb. 1942, Theologe, Psychoanalytiker,
Humorexperte und Autor. Von 1968 – 1982 Mitarbeiter von Ferdinand Klostermann
und 1975 – 1994 von Erwin Ringel.