25. 1. 12
Kommentar
Obama, Pragmatiker ohne Resultate
Von Andreas
Geldner
Washington –
Politische Inszenierungen beherrscht Barack Obama immer noch. Clever hat
der US-Präsident den feierlichen Rahmen der alljährlichen Rede zur Lage der
Nation ausgenutzt, um sich für das kommende Wahljahr als politischer
Pragmatiker in Szene zu setzen.
Nach Obamas Rede kann man sich dem Eindruck kaum verwehren: Die Schuld an
der Blockade der amerikanischen Politik liegt allein bei den Republikanern. Mit seiner Rede zur Lage der Nation hat Obama die
Wahlkampfleitlinien vorgegeben. Von banalen Vorschlägen zur Deregulierung bis
hin zum Konzept einer Steuerreform – die politische Programmatik im letzten
Jahr seiner ersten Amtsperiode hat der Präsident sorgfältig darauf abgestimmt,
ob sie bei einer Mehrheit der Amerikaner populär ist.
In jüngster Zeit hatte Obama populistische Töne angeschlagen. Nun hat er
seine Rhetorik gedämpft –und damit raffiniert den Kontrast zu den
republikanischen Präsidentschaftsbewerbern unterstrichen, die in ihrem bitteren
Kampf um die Nominierung in immer schärferer Rhetorik gefangen
sind.
Man solle doch das politische Treibhausklima etwas abkühlen, sagte Obama.
Das ist ein Satz, der angesichts des jüngsten Aufstiegs von Newt
Gingrich, einem der aggressivsten republikanischen Scharfmacher,
besonders nachhallt. Seht her, ich bin doch gar nicht der Radikale, zu dem ihr
mich stilisierten wollt – so lautete die Botschaft des Präsidenten.
Obama glaubt immer noch, dass er die politische Mitte repräsentiert. In
praktische Politik hat er das aber in den vergangenen drei Jahren nicht
umsetzen können. Und es ist höchst unwahrscheinlich, dass sich in einem Wahljahr,
das die republikanische Opposition zum Schicksalsmoment für die Rettung
Amerikas stilisiert, daran etwas ändert.
6. 1. 12
Kommentar von Bernd Pickert
Auch wenn die US-Militärausgaben tatsächlich in den nächsten zehn
Jahren um jene knapp eine Billion US-Dollar sinken sollten, die derzeit in den
USA im Gespräch sind, das Land bleibt trotzdem die größte Militärmacht der
Welt, und das mit großem Abstand. Und: Ob wirklich im geplanten Umfang gekürzt
wird, ist längst nicht ausgemacht.
Denn schon stehen die Lobbyisten des militärisch-industriellen
Komplexes in den Startlöchern, um beide Parteien – und im Wahljahr auch deren
Präsidentschaftskandidaten – nach allen Regeln der Kunst zu bearbeiten. Ihre
Drohung mit Jobverlusten gerade in Regionen, die seit den letzten zehn Jahren
des expandierenden Militärhaushalts fast ausschließlich von Aufträgen des
Militärs leben, dürfte Wirkung zeigen.
Dass aber eine neue Militärstrategie greifen wird, scheint in
jedem Fall ausgemacht. Schon um die Jahrtausendwende waren große
Umstrukturierungen im Gespräch, war die Rede davon, die noch aus dem Kalten
Krieg stammenden Strukturen den neuen Herausforderungen anzupassen.
Das hätte schon damals empfindliche Kürzungen in einigen Bereichen
bedeutet. Der 11. September 2001 gab den Militärs die Möglichkeit, das Neue zu
tun, ohne das Alte zu lassen. Es wurde einfach expandiert.
Die Haushaltskrise schafft neuen Reformdruck. Nun wird strategisch
definiert, was nach Irak- und Afghanistankrieg schon jetzt gängige Praxis wird:
Drohnenkrieg statt Invasion, Luftschläge statt Counter-Insurgency.
Im Kern bedeutet das: Feinde vernichten, ohne Verantwortung für
Entwicklung zu übernehmen. Dafür braucht es weniger Soldaten. An dem Willen und
der Fähigkeit der USA aber, überall auf der Welt militärisch zuschlagen zu
können, ändert sich nichts.
29. 11. 11
Gastbeitrag
Die israelische Apartheid
Zwei Bevölkerungsgruppen leben in einem Gebiet. Eine
genießt alle Rechte, die andere ist ihrer Rechte beraubt. Das sind abscheulich
undemokratische Zustände.
Im Januar 1993 sagte Israels Premier
Jitzhak Rabin in einer Rede vor der Knesset: „Zusammen mit anderen Mitgliedern
der internationalen Gemeinschaft beobachten wir das Atomprogramm des Iran.
Niemand leugnet, dass die Möglichkeit, der Iran könne irgendwann Atomwaffen
besitzen, besorgniserregend ist. Dies ist einer der Gründe, warum wir jetzt die
Chance nutzen und den Frieden voranbringen müssen.“ Damals hatte Israel eine
Strategie, deren Umsetzung mit den Osloer Verträgen begann: das
Siedlungsprogramm zurückzufahren sowie die Behandlung seiner arabischen Bürger
zu verbessern.
Wären die Dinge anders gekommen, würde sich
heute vermutlich auch die Iran-Frage anders stellen. Doch die Oslo-Strategie
prallte auf eine andere, stärkere Ideologie: die von Gush Emunim, des „Blocks
der Getreuen“. Seit den 1970er-Jahren gibt er, mit kurzen Unterbrechungen, die
Basis für das Handeln israelischer Regierungen ab.
Die Strategie des „Blocks der Getreuen“ ist
klar und einfach: Die Besatzungsgrenzen nach dem Sechs-Tage-Krieg sind die für
Israel geltenden Grenzen. Die Palästinenser, die in diesen Gebieten leben
(soweit sie nicht geflohen sind oder vertrieben wurden), sind einem harten
Regime zu unterwerfen. Dies treibt sie in die Flucht oder führt zu ihrer
Vertreibung, beraubt sie ihrer Rechte und schafft eine Situation, in der
diejenigen, die bleiben, nicht einmal mehr Bürger zweiter Klasse sind. Für ihr
Schicksal interessiert sich niemand.
Die Ideologie des „Gush Emunim“ entspringt
religiösen, nicht politischen Motiven. Sie beharrt darauf, dass Israel für die
Juden bestimmt ist. Diesem Denken sind nicht nur die Palästinenser in den von
Israel besetzten Gebieten gleichgültig. Die palästinensischen Bürger Israels
werden ebenfalls diskriminiert, indem ihre Bürgerrechte beschnitten werden oder
ihnen die Staatsbürgerschaft entzogen wird. Es ist eine Strategie der Landnahme
und Apartheid. Trotz vieler Unterschiede zur ursprünglichen Verwendung des
Begriffs für die Unterdrückung der Schwarzen durch die Weißen in Südafrika gibt
es Gemeinsamkeiten zu den von Israel besetzten Gebieten: In einer Region leben
zwei Bevölkerungsgruppen, von denen eine alle Rechte und jeden Schutz genießt,
während die andere ihrer Rechte beraubt und von der ersten Gruppe unterdrückt
wird. Das sind abscheulich undemokratische Zustände.
Da ein Apartheid-Regime, zumindest nach
demokratischen Maßstäben, in sich ungesetzlich ist, kann es weder Opposition
noch Kritik dulden. Die Ideologie des „Blocks der Getreuen“ muss Kritik
unterdrücken und jeden Versuch unterbinden, ihrem eigenen Handeln
entgegenzutreten – auch dann, wenn dieses Handeln selbst illegal oder sogar
kriminell ist, nämlich der Aufrechterhaltung der Apartheid dient. Illegales
Handeln muss demzufolge legalisiert werden – sei es durch Gesetzesänderungen
oder durch die juristische Uminterpretation bestehender Gesetze. Vor diesem
Hintergrund kommt es derzeit zu hemmungsloser Verleumdung des Obersten
Gerichtshofs. Gegen Menschenrechtsorganisationen und Presse zieht man
juristisch zu Felde. In diesen Kontext gehört das Anti-Boykott-Gesetz. Es
verhindert, dass die israelische Apartheid so bekämpft wird, wie einst die
südafrikanische Apartheid bekämpft wurde. Im Obersten Gerichtshof sehen die
Gush-Emunim-Ideologen inzwischen ein Hindernis, das beseitigt werden muss. Vor
allem ärgert sie die Haltung des Gerichts in zwei Punkten: Es widersetzt sich
dem Wunsch, den Bau von jüdischen Siedlungen auf privaten Grundstücken in den
Palästinenser-Gebieten für rechtens zu erklären, und es lehnt die Rücknahme des
Regierungsbeschlusses über die Räumung der Siedlungen im Gaza-Streifen ab.
Im Übrigen, so argumentieren die Ideologen,
müsse die Interpretation der Menschenrechte durch Urteile des Gerichtshofs zu
dessen Abschaffung in der gegenwärtigen Form führen. Die Möglichkeit zum
Verkauf von Land aus dem Jüdischen Nationalfonds an arabische Bürger, die
Öffnung einer Schnellstraße für Palästinenser oder auch eine mögliche Korrektur
des Staatsbürgerschaftsrechts – solche Urteile widersprechen zentralen
Elementen in der Ideologie des „Blocks der Getreuen“: der Herabsetzung der
Palästinenser (in Israel und in den besetzten Gebieten) gegenüber den Juden und
ihre Degradierung zu Bürgern zweiter Klasse, zu quasi Nicht-Existenten oder –
im besten der Fälle – zu solchen, die aus dem Land fliehen.
Hat ein solches Israel eine Zukunft?
Jenseits der Frage, ob Moral und historische Erfahrung des Judentums solche
Zustände überhaupt zulassen, ist offensichtlich: die gegenwärtige Lage ist
unerhört instabil und gefährlich. Sie verhindert, dass Israel sein volles
Potenzial entfalten kann. Sie bedeutet ein Leben mit dem Schwert. Dieses
Schwert könnte eine dritte Intifada sein, ein Ende des Friedens mit Ägypten und
eine Konfrontation mit einer Atom-Macht Iran. Jitzhak Rabin hatte das
verstanden.
Amos Schocken ist Eigentümer und Herausgeber der
liberalen israelischen Zeitung Haaretz.
Übersetzung:
Nicole Lindenberg
10. 9. 11
Der Einsturz der Zwillingstürme
in New York ermöglichte es der US-Regierung, Kriege zu führen, die sie schon
lange hatte führen wollen.
Tony Blair hat noch nicht genug.
Jetzt setzt er den Regimewechsel in Iran auf die Tagesordnung. Als wären die
anderen von ihm im Rahmen der Krieg-gegen-den-Terror-Strategie mit
angezettelten Manöver in Irak und Afghanistan erfolgreich beendet. Als hätte
der Einsatz der Truppen dort Wellen des Einsatzes für Demokratie und Menschenrechte bewirkt.
Der bald nach den Angriffen vom 11. September ausgeweitete
Krieg gegen Terror hatte sich längst in einen Krieg gegen Staaten verwandelt,
die gegen die USA Stellung bezogen. Tony Blairs jüngste Erklärung knüpft da
nahtlos an. Es handele sich um eine Schlacht zwischen denen, die eine offene
Welt wollten, und denen, die sie – wie Iran – geschlossen hielten. Das hat mit
Terrorismus nichts mehr zu tun. Da geht es ganz offen um ganz andere Dinge.
Wenn Tony Blair erklärt, man müsse neben der militärischen Aktion auch Herzen
und Köpfe gewinnen, so zeigt das nur, wie katastrophal falsch die Gewichte
verteilt sind.
Das ist nicht das Erbe des 11. September 2001. Das ist,
was aus dem 11. September gemacht wurde: ein Krieg zwischen West und Ost, ein
bewaffneter Kampf der Kulturen.
Am elften September 2001 standen wir vor den Fernsehern –
was wir sahen, hatte uns von den Stühlen und aus den Sesseln gerissen – und
starrten auf Körper, die aus Wolkenkratzern fielen. Es waren Menschen, die sich
lieber umbrachten, als langsam im Rauch zu ersticken. Sie hatten keinen anderen
Ausweg mehr. Sie waren hilflos. Wir waren hilflos. An diesem Tag erlebten auch
die kräftigsten Optimisten unter uns die Zerbrechlichkeit unserer Existenz. Der
elfte September 2001 war ein Tag der Ohnmacht. Ein paar zu allem entschlossener
Verrückte genügten, um New York, um die Hauptstadt des zwanzigsten Jahrhunderts
aus dem Takt zu bringen.
Als die Zwillingstürme einstürzten, wuchs mit der
Ohnmacht die Wut. Die Wut auf die noch unbekannten Täter und die unbekannten
Hintermänner. Ohnmacht und Wut gingen eine gefährliche Verbindung ein. Von ihr
und ihrer machiavellistischen Ausbeutung lebte die amerikanische Politik der
nächsten Jahre. Kein Verfassungsbruch in den USA oder in anderen Ländern der
westlichen Hemisphäre, der jetzt nicht mit dem „Krieg gegen den Terror“ hätte
begründet und verteidigt werden können.
Kriege, die man schon lange hatte führen wollen, wurden
geführt. Kriegsgründe wurden fabriziert. Das Ergebnis: die Vereinigten Staaten
gespalten, der Westen ebenso. Unsinnig die Vorstellung, vor dem elften
September hätte es das alles nicht gegeben. Der elfte September hat die
Geschichte nicht geändert. Er hat lediglich eine neue Begründung für alte
Verhaltensmuster geliefert. Terrorismus hatte es immer gegeben. Auch religiös
motivierter Terrorismus war nichts Neues. Nach dem elften September aber wurde
ein neuer Roman erfunden.
Geschichte vom Krieg der Kulturen
Es war die Geschichte vom Krieg der Kulturen. So wurden
die Guten und die Bösen neu sortiert. Wer ein Land in einem Kreuzzug für den
Westen überfiel, tat das als einer der Guten, wer ein Haus im Namen des Islam
in die Luft sprengte, gehörte zu den Bösen. Dieser Roman, der die Menschheit
nicht nach ihren Taten, sondern nach ihren Begründungen für die Taten
unterscheidet, ist das verheerendste Erbe vom elften September.
Vor zehn Jahren sprangen Menschen aller Nationen und
Religionen aus den von Hitzewellen aufgesprengten Fenstern des World Trade
Centers. Unter den fast 2 800
Frauen und Männern, die die Türme unter sich begruben. waren Christen, Juden,
Muslime und Buddhisten, Sikhs und... und... Alle waren sie ohnmächtig. Wir alle
waren es. Und wir alle sind es. Das ist die Lektion des elften September. Es
gibt keine absolute Sicherheit. Ein paar Verrückte ohne Staat können Tausende
umbringen. Ein paar Verrückte mit Staat können Hunderttausende, Millionen
umbringen.
Dieses Gefühl erzeugt Wut. Die Verbindung von beiden hat
nach dem elften September ihre zerstörerische Kraft auf beiden Seiten entfaltet.
Im Kopf Tony Blairs wirkt sie weiter. Hoffentlich nur dort. Seit ein paar
Monaten gibt es eine ganz neue Lektion. Ohnmacht und Wut können sich auch mit
Klugheit und Geschick verbinden. Die Protestbewegungen in Nordafrika und
Kleinasien helfen heraus aus dem Erbe des elften September 2001. Die Frage von
Demokratie und Menschenrechten ist keine mehr von einem Krieg des Westens gegen
unterdrückerische Regime. Sie wird im Osten gestellt, und sie muss auch im
Westen gestellt werden. Zu leicht sind wir bereit, unsere Freiheiten aufzugeben
unter dem Vorwand, sie zu verteidigen. Der wirkliche Krieg der Kulturen – der
Kampf um Demokratie und Menschenrechte – findet in jeder Kultur jeden Tag
statt.
27. 8. 11
Gastkolumne
|
Unser
Autor (73) war Professor für internationale Politik an der Universität
Kassel. Foto: ND/Ulli Winkler |
Wieder muss ein Bösewicht
zur Strecke gebracht werden; ist er erst einmal erlegt, wird es Frieden, Glück und
Demokratie für das libysche Volk geben. Und auch der Rest der Welt kann sich im
Glanz seines moralischen Beitrags zur Gestaltung einer besseren Welt sonnen:
Mit rund 20 000 Einsätzen der NATO-Luftwaffe, der besten der Welt, gelang es
den libyschen Rebellen, bis Tripolis vorzurücken. Die in die Tausende gehenden
»Kollateralschäden« auf Seiten der Zivilbevölkerung werden vielleicht niemals
gezählt werden. Auch Moral hat eben ihren Preis.
Als die Protestwelle in den
arabischen Ländern Libyen erfasste, bildete sich im Ostteil des Landes ein
»Nationaler Übergangsrat«, den Frankreich umgehend und dann in der Folge rund
30 weitere Staaten als die »legitime Vertretung des libyschen Volkes«
anerkannten. Dass diese Legitimität sich weder auf Wahlen noch auf eine irgendwie
messbare Unterstützung durch das Volk berufen kann, ist eben den Umständen,
besser: dem Entscheidungsvermögen der westlichen Regierungen geschuldet. Dem so
legitimierten Rat werden nun die Auslandsvermögen Libyens übertragen, denn
Gaddafi hatte große Teile der Einnahmen aus dem Ölexport in der staatlichen
Libyan Investment Agency angelegt, während die Kleptokraten Mubarak und Ben Ali
das gestohlene Volksvermögen in Privateigentum ihrer Familienmitglieder
verwandelt hatten. So kann der Rat nun die ihm von den westlichen Freunden
gelieferten Waffen bezahlen.
In der pro-revolutionären
Begeisterung des Westens wird geflissentlich übersehen oder verschwiegen, dass
von den Mitgliedern dieses Rates gerade einmal ein gutes Viertel überhaupt
namentlich bekannt ist. Bekannt ist der Vorsitzende Mahmoud Djibril, ein in den
USA ausgebildeter neo-liberaler Ökonom. Bekannt ist, dass aus den Reihen der
Rebellen der »Oberkommandierende« Abdelfattah Younes mitsamt drei Vertrauten
bestialisch ermordet wurde. Seither scheint es kein gemeinsames Oberkommando
mehr zu geben, kämpfen doch in Tripolis unterschiedliche Gruppen und Milizen
unkoordiniert gegen die verbliebenen Soldaten und Anhänger Gaddafis.
Sicher scheint auch, dass
sich unter den drei Vierteln der unbekannten Mitglieder des Rates beinharte
Islamisten verbergen, die immer den Kern des Widerstands gegen Gaddafi bildeten
und aus deren Reihen die (nach Saudi-Arabien) zweitgrößte Zahl jener
Freiwilligen stammten, die in Afghanistan zuerst gegen die Sowjetunion, dann
gegen die USA kämpften und in Irak dem islamistischen Widerstand angehörten.
Die Kämpfe in und um
Tripolis und die offenbar beginnenden Massenhinrichtungen zeigen, dass die
Zukunft Libyens sich in Richtung der Auflösung zentraler Staatlichkeit bewegen
könnte, wo unter anarchischen Verhältnissen Stämme, säkulare und islamistische
Gruppen sich gegenseitig bekämpfen. Ob Implosion der Staatlichkeit oder Zerfall
in zwei oder vielleicht drei Staaten: Der Wiederaufbau der vernichteten
Infrastruktur und die vom Westen abhängigen neuen Regime öffnen den
internationalen Firmen endlich den ungehindertenZugriff auf die libysche
Ölproduktion und vielleicht auch endlich die Möglichkeit zur Spaltung des
einzigen Rohstoffkartells der »Dritten Welt«, der OPEC.
Gaddafis Sturz - Niederlage der UNO
Freude
über Ende der Kämpfe
Keine Freude über Sieg der NATO
Sorge um Zukunft der UNO
Kassel,
Berlin, 22. August 2011 - Zur voraussichtlichen Übernahme der Regierungsgewalt
in Libyen durch Rebellenverbände erklärten die Sprecher des Bundesausschusses
Friedensratschlag, Lühr Henken und Peter Strutynski, in einer ersten
Stellungnahme:
Sollten die libyschen Rebellenorganisationen nun auch in der Hauptstadt Tripolis
die Kontrolle und Macht übernehmen oder bereits übernommen haben, so ist zu
hoffen, dass die Kämpfe auch schnellstens beendet werden. Große Sorge besteht
hinsichtlich drohender Rache- und Vergeltungsakte der "Sieger" über
die Anhänger des gestürzten Machthabers Gaddafi. Der Krieg hat bisher schon zu
vielen Menschen - auf allen Seiten - das Leben gekostet, Hunderttausende zur
Flucht getrieben, große Teile der Infrastruktur des Landes zerstört.
Meldungen, wonach "die Rebellen" über das Gaddafi-Regime gesiegt
hätten, entbehren jeglicher Grundlage. Es war die NATO, die das militärisch
nicht eben starke Land sturmreif geschossen hat. Vom 31. März bis zum 21.
August hat die NATO 19.751 Einsätze geflogen; wie viele Angriffe bereits vorher
von Seiten Frankreichs, Großbritanniens und der USA geflogen wurden (sie
begannen ihren Krieg bereits am 19. März) ist nicht bekannt. Der Krieg gegen
das Regime Gaddafi hat über fünf Monate gedauert, doppelt so lang wie der NATO
Krieg gegen Jugoslawien im Frühjahr 1999. Damals hatten unter dem Schutz der
NATO-Bomber die UCK-Kämpfer die Gewalt über die serbische Provinz Kosovo
errungen.
Freude über den militärischen Sieg der NATO kann in den Reihen der
Friedensbewegung nicht aufkommen. Dazu sind den Bombenangriffen der NATO eine
zu große Zahl von Zivilpersonen zum Opfer gefallen, Häuser, Schulen,
Rundfunkstationen und andere Infrastruktureinrichtungen zerstört worden. Noch
vor wenigen Tagen starben bei NATO-Angriffen auf das Dorf Majer 85 Bewohner,
darunter Frauen und Kinder. Wie in solchen Fällen üblich erklärte ein Sprecher
der NATO, das bombardierte Dorf stellte "einen militärischen
Sammelplatz" dar und die NATO habe "zur Stunde keine Beweise für
irgendwelche zivilen Opfer". Am 8. August hat die UNESCO sich darüber
beschwert, dass bei einem Luftangriff auf eine Übertragungsanstalt des
libyschen Fernsehens drei Medienmitarbeiter getötet und 21 Menschen verletzt
wurden. Gewalt gegen Journalisten und Medienmitarbeiter verstoßen gegen
internationales Recht, insbesondere gegen die Resolution des UN-Sicherheitsrats
1738 (2006). Doch auch darin hat die NATO Erfahrung: Im Jugoslawienkrieg 1999
wurde die Rundfunk- und Fernsehanstalt in Belgrad bombardiert. Da die NATO
keinerlei Angaben über Opfer auf libyscher Seite macht, dringen nur sporadisch
Meldungen über sog. "Kollateralschäden" unter der Zivilbevölkerung
durch. Bekannt wurde z.B. der Fall eines Familienvaters, der am 20. Juni seine
Angehörigen bei einem NATO-Luftangriffe auf die libysche Stadt Sorman verloren
hatte und eine Klage gegen die NATO einreichte. Bei dem Angriff auf das
Wohnhaus waren insgesamt 15 Menschen getötet worden. Mitte Juli hatte die
libysche Regierung die bis dahin getöteten Zivilpersonen auf 1.108 beziffert.
Der Krieg der NATO zielte von Anfang an auf den Sturz des libyschen Machthabers
Gaddafi. Der "Schutz der Zivilbevölkerung" war lediglich ein Vorwand,
diesen Krieg zu führen. In Wahrheit ging und geht es der "westlichen
Wertegemeinschaft" um materielle und strategische Ziele:
1. Eine neue, neoliberal
ausgerichtete libysche Regierung befreit die westlichen Erdöl- und
Erdgaskonzerne von den Verträgen mit Gaddafi, die dem Regime durchschnittlich
89 Prozent der Einnahmen zuführten.
2. Eine neue Regierung
der "Rebellen", die in der Schuld ihrer westlichen Schutzmächte
steht, eröffnet multinationalen Wasserkonzernen die Möglichkeit, sich an der
Vermarktung des noch in Staatsbesitz befindlichen Nubischen Aquifer zu
beteiligen. Dieses größte Frischwasserreservoir der Welt unter der libyschen
Wüste ermöglicht die komplette Wasserversorgung des Landes mit einer Reichweite
von ca. 5.000 Jahren. Der Wert des Wassers liegt beim Fünffachen des Werts des
Erdöls und Erdgases.
3. Mit der Beseitigung
Gaddafis verschwindet ein wichtiger Motor der afrikanischen Einigung, die auf
eine ökonomische Selbständigkeit des schwarzen Kontinents abzielt - unabhängig
vom internationalen Währungsfonds und den Petrodollars.
4. Darüber hinaus könnte
eine westlich orientierte neue libysche Regierung helfen, den Einfluss Chinas
in Afrika zurück zu drängen. China investiert in Libyen mehr als in den anderen
afrikanischen Staaten. Der Westen sieht in der chinesischen Konkurrenz eine
Bedrohung des eigenen Einflusses und der Profitquellen westlicher Konzerne.
5. Eine prowestliche
Regierung in Libyen eröffnet für Großbritannien und die USA die Möglichkeit,
wieder – wie unter der Herrschaft des libyschen Königs vor 1969 –
Militärstützpunkte einzurichten.
Die Kriegshandlungen
gegen Libyen waren ursprünglich vom UN-Sicherheitsrat mandatiert worden
(Resolution 1973 vom 17. März). Die Resolution ermächtigte jeden Staat, der
will, zum "Schutz der Zivilbevölkerung" alle militärischen Mittel
einzusetzen und jeglichen Flugverkehr gewaltsam zu unterbinden – und forderte
eine "sofortige Waffenruhe". Der NATO-Einsatz hat binnen kürzester
Zeit diese Absichten in das Gegenteil verkehrt: Die Eroberung des Luftraums
wurde genutzt, um das Land aus der Luft zu bombardieren; geschützt wurden
ausschließlich die Verbände der Rebellen und die von ihnen eingenommenen
Städte; und jedes Waffenstillstandsangebot Gaddafis sowie die
Vermittlungsangebote der Afrikanischen Union oder Venezuelas wurden von NATO
und Rebellen postwendend abgelehnt.
Somit ist die UNO der eigentliche Verlierer dieses Krieges. Sie hat zugelassen,
dass die NATO ein Land überfällt und dessen Regime wegbombt. Auf der Strecke
bleiben die in der UNO-Charta verankerten Prinzipien des Gewaltverbots (Art.
2,4), der territorialen Integrität und staatlichen Souveränität (Art.2,2) und
der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der Staaten (Art. 2,7).
Unter Berufung auf eine besondere "Schutzverantwortung"
("Responsibility to Protect") hat der UN-Sicherheitsrat das Geschäft
der NATO besorgt und das Völkerrecht weiter ausgehöhlt.
Aus all diesen Gründen weigert sich der Bundesausschuss Friedensratschlag, in
die Jubelchöre des Westens über den entmachteten Despoten Gaddafi einzustimmen.
Der Preis, den das libysche Volk zahlen musste, ist hierfür zu hoch. Und das
beschädigte Völkerrecht wird nur schwer zu reparieren sein.
Für die weitere Entwicklung ist zu hoffen, dass
1. die Kämpfe sofort und
endgültig eingestellt werden,
2. neutrale Blauhelme der
Afrikanischen Union ins Land gelassen werden, die über eine Waffenruhe wachen
sollen, und
3. das libysche Volk als
Ganzes demokratisch über seine eigene Zukunft entscheiden kann.
16. 6. 11
"Nicht
auf diese Weise": Prag steigt endgültig aus dem geplanten
US-Raketenabwehrschirm in Europa aus - und macht keine Hehl aus seiner
Enttäuschung über die Regierung Obama.
An dem geplanten Raketenschirm der USA
in Europa wird Tschechien sich nicht mehr beteiligen. Verteidigungsminister
Alexandr Vondra erklärte am Dienstag in Prag nach einem Treffen mit dem
stellvertretenden US-Verteidigungsminister William Lynn, das bisher für den
Standort Prag vorgesehene Frühwarnzentrum werde dort nicht errichtet, nachdem
die Vorbedingungen hinfällig geworden seien.
Vondra verhehlte nicht seine
Enttäuschung über das Verhalten der US-Regierung von Präsident Barack Obama in
dieser Frage. In deren Planungen spiele Tschechien eine zu geringe Rolle, sagte
er der Nachrichtenagentur Associated Press. Man wolle eigentlich dabei sein,
"aber definitiv nicht auf diese Weise".
Der Vorgang markiert einen dramatischen
Wendepunkt in den Gesprächen über ein neues Raketenabwehrsystem, die Prag und
Washington seit Jahren führen. Ursprünglich ging das System auf die
Vorstellungen vom früheren US-Präsidenten Ronald Reagan über einen "Krieg
der Sterne" zurück. Obamas Vorgänger George W. Bush hatte das Konzept abgewandelt
und wollte einen Schutzschild für Europa und die USA gegen Angriffe mit
Interkontinentalraketen aus den sogenannten Schurkenstaaten wie Iran oder
Nordkorea errichten. Zu diesem Zweck sollte unter anderem in Polen eine
Stellung mit zehn silogestützten Abfangraketen errichtet werden. Für die
zugehörige Radarstation war als Standort ein Militärgelände im Wald bei Brdy
unweit der tschechischen Stadt Pilsen und der bayerischen Landesgrenze
vorgesehen.
Als im Januar 2009 der jetzige
Präsident Barack Obama die Regierung übernahm, ließ er eine neue
Bedrohungsanalyse anfertigen. Diese kam zu dem Ergebnis, die Gefahr gehe im
Falle Irans nicht so sehr von Langstreckenwaffen aus, sondern eher von Mittel-
und Kurzstreckenraketen. Er sagte deshalb die Projekte in Polen und Tschechien
ab und plant jetzt, eine Raketenabwehrstellung in Rumänien zu errichten. Der
Standort ist der Luftwaffenstützpunkt Deveselu. Er liegt unweit der Donau im
Süden des Landes, rund 200 Kilometer südwestlich von Bukarest. Wo die zugehörige
Radarstation unterkommen soll, beispielsweise im benachbarten Bulgarien, ist
noch nicht geklärt.
In Tschechien war diese Kehrtwende zum
Teil mit Erleichterung, zum Teil mit Skepsis aufgenommen worden. In mehreren
Meinungsumfragen hatten sich etwa zwei Drittel der Bürger gegen die
Radarstation in ihrem Land ausgesprochen, in der betroffenen Region hatten sich
Bürger und Gemeinden zu einer breiten Initiative formiert. Ein Kreis von
Politikern um den heutigen Verteidigungsminister Vondra, der der konservativ-liberalen
Partei ODS angehört, trat hingegen dafür ein. Auch der frühere Staatspräsident
Vaclav Havel sagte, Tschechien solle nun auf andere Weise an dem Raketenschild
beteiligt werden.
Im Hintergrund stand dabei der Wunsch,
das Land fest in die Verteidigungsstrategie der USA und der Nato eingebunden zu
sehen, damit Prag im Krisenfalle von dieser Seite auch stets auf Unterstützung
hoffen könne. Dies zielte insbesondere auf das Verhältnis zu Russland, dessen
Regierung die Raketen-Pläne der USA scharf kritisiert und als Bedrohung der
eigenen Sicherheit interpretiert hatte.
Auf der Grundlage dieser Überlegungen
hatten sich die Regierungen der USA und Tschechiens im vorigen Sommer
verständigt, in Prag solle die administrative Leitstelle eines Frühwarnsystems
für die Raketenabwehr untergebracht werden. Sie sollte Informationen sammeln,
analysieren und an die zuständigen Stellen weitergeben. Man wertete diese
Übereinkunft als Entgegenkommen der Vereinigten Staaten gegenüber den
Tschechen, und Vondra sprach im August 2010 von einem "ersten kleinen,
symbolischen Schritt".
Wie er jetzt sagte, haben die USA
allerdings nach dem Nato-Gipfel in Lissabon im vorigen November ihre Planungen
neu bewertet und beschlossen, diese Leitstelle der Regie der Nato zu
unterstellen. Daraufhin sei die tschechische Seite zu dem Schluss gekommen, das
ursprüngliche Angebot der USA sei damit hinfällig geworden. "Wir werden
jetzt andere Möglichkeiten suchen, wie sich die Tschechische Republik in
Zukunft in das System der Allianz eingliedern kann", sagte Vondra.
Sein Gesprächspartner, der
stellvertretende US-Verteidigungsminister Lynn, sagte dagegen, man könne nicht
davon sprechen, dass die USA ihr Angebot an Tschechien für eine Leitstelle des
Frühwarnsystems wieder zurückgezogen hätten. "Dies ist einfach eine
Angelegenheit, die durch die weitere Entwicklung überholt worden ist",
schilderte er die amerikanische Sichtweise. Es gebe aber eine Vielzahl anderer
Bereiche, auf denen sich die strategische Zusammenarbeit zwischen den USA und
Tschechien weiterentwickeln werde.
25. 5. 11
Armes Israel
Bettina Vestring
Benjamin Netanjahu
dürfte zufrieden mit seiner Reise nach Washington sein. Der US-Kongress hat ihn
beklatscht, die amerikanischen Juden haben ihn umjubelt, der amerikanische
Präsident ist vor ihm eingeknickt. All das hat Israels Regierungschef in
Washington erreicht, ohne selbst auch nur einziges Zugeständnis machen zu
müssen. Es wäre ein Triumph - wenn es nicht in Wahrheit eine Tragödie wäre.
Denn in seiner unsäglichen Blindheit und Arroganz ist Netanjahu dabei, Israels
beste Chance auf einen guten Frieden zu verspielen.
Einen neuen
Friedensplan, eine Vision vom künftigen Zusammenleben von Israelis und Arabern
hatte Netanjahu für seine Rede im Kongress angekündigt. Doch konkret wurde er
immer nur dort, wo er gegen die Palästinenser Stellung bezog: Nein zur Teilung Jerusalems,
Nein zu den Grenzen von 1967, Nein zur Aufgabe der größeren Siedlungen, Nein
zum Abzug aus dem Jordan-Teil, Nein zur Rückkehr von Flüchtlingen. Gewiss,
Netanjahu sprach auch davon, dass nicht alle Siedlungen gehalten werden
könnten, dass auch Israel schmerzhafte Kompromisse eingehen werde, dass es sich
großzügig zeigen werde. Aber Worte sind billig. Tatsächlich spielte Netanjahu
in Washington nur auf Zeit; Zeit, bis die Aufmerksamkeit der Supermacht
anderswo in Anspruch genommen wird.
Welch ein
Fehler! Denn in Wahrheit ist die Zeit überhaupt nicht auf Israels Seite. Wenn
nicht bald Friedensgespräche in Gang kommen, werden die Palästinenser womöglich
im September ihren eigenen Staat ausrufen. Dann tagt die UN-Vollversammlung, wo
sie sich vieler Sympathien sicher sein können. Das neue Palästina wird von umso
mehr Staaten anerkannt werden, je unnachgiebiger sich jetzt Netanjahu zeigt.
Auch in Europa erwägen zahlreiche Regierungen - nur nicht die deutsche, die
sieht sich gegenüber dem Staat Israel zu sehr in der Pflicht - die Anerkennung
dieses Palästinenserstaates.
Durch den
Umbruch in der arabischen Welt hat dieser Prozess ungeheuer an Wucht und
Geschwindigkeit gewonnen. Ägyptens Diktator Mubarak, der Israel gegenüber
wohlwollend eingestellt war, wurde gestürzt. Seine Nachfolger wollen sich nicht
mehr als Gefängniswärter für den Gaza-Streifen betätigen. Andere arabische
Despoten müssen inzwischen so sehr um ihren Thron bangen, dass sie für Israel
kein zusätzlichen Quäntchen Volkszorn riskieren wollen. Und entgegen aller
Erwartungen haben sich Fatah und Hamas, die gemäßigten Herrscher des
Westjordanlands und die radikalen Muslime in Gaza, auf die Bildung einer
gemeinsame Übergangsregierung geeinigt - zum Entsetzen der israelischen
Regierung.
Vor allem
aber stärkt der arabische Frühling den moralischen Anspruch der Palästinenser
auf einen eigenen Staat. US-Präsident Barack Obama bekräftigte in der
vergangenen Woche, dass die Völker in der arabischen Welt das Recht auf
Selbstbestimmung haben. Was aber für Tunesien, Libyen oder Syrien gelten soll,
kann den Palästinensern nicht auf Dauer verweigert werden. Zum Nakba-Tag am 15.
Mai, dem "Tag der Katastrophe", an dem die Palästinenser jedes Jahr
die Gründung des israelischen Staates betrauern, kam es zu Massendemonstrationen
an allen Grenzen Israels. Hunderte von palästinensischen Flüchtlingen drangen
aus Syrien in den israelisch besetzten Golan ein, über eine Grenze, die 38
Jahre lang dicht war. Für die erschreckten Israelis war es ein Vorgeschmack auf
das, was nach der Staatsausrufung zu erwarten sein könnte.
Obama,
Merkel, Cameron - sie alle verfolgen mit Sorge, wie sich die Ereignisse
beschleunigen; sie alle bedrängen Netanjahu, im eigenen Interesse so schnell
wie möglich Frieden zu schließen. Doch ist es Blindheit? Angst? Sturheit? Der
Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt? Jedenfalls hat Netanjahu eine
Mehrheit der Israelis hinter sich, wenn er Kompromisse ablehnt. Genauso gilt
das, urteilt man nach den stehenden Ovationen, die der israelische Premier
gestern erhielt, für die wichtigsten Politiker im US-Kongress.
So fehlt
Präsident Obama im eigenen Land der Rückhalt, Netanjahu zum Frieden zu zwingen.
Im vorigen Jahr schmetterte der Premier erfolgreich Obamas Forderung ab, Israel
solle den Siedlungsbau stoppen. Jetzt führte er den amerikanischen Präsidenten
ein weiteres Mal vor, als der verlangte, für einen Friedensschluss von den
1967er Grenzen auszugehen. Netanjahu bürstete ihn vor laufenden Kameras ab -
ein erstaunliches Spektakel. Aber kann es wirklich in Israels Interesse sein,
seinen wichtigsten Verbündeten auf diese Art zu schwächen? Netanjahu hatte
seinen Triumph in Washington. Doch sein Land wird noch lange dafür bezahlen.

10. 4. 11
Du kannst mit ihm nicht in
Deine Brasserie gehen', hat meine Frau gesagt, ,da hängen nur lauter Linke
herum. Geh' ins ,Le Lyrique'". Also sitzen wir bei strahlender Genfer
Frühlingssonne im Garten des Restaurants beim Grand Theatre, und Jean Ziegler,
weltberüchtigter Globalisierungskritiker, Kämpfer gegen Hunger und Rebell,
mustert seine Umgebung genau. "Hier essen die Banker und Konzernherren,
ich schau' immer, dass ich Distanz habe", sagt er. Weil die sind seine
Freunde nicht - und umgekehrt. Zu oft hat er sie "Raubgesindel des
globalen Finanzkapitals" genannt, das mit "Banken-Banditismus"
den Armen der Welt noch das Letzte nimmt.
Doch dann steht ein Vertreter der Kapital-Zunft von einem der Tische auf und
begrüßt Ziegler, der nach Eigendefinition sogar für die meisten
Sozialdemokraten zu radikal ist, herzlich. Sie tauschen Visit-Karten,
vereinbaren ein Telefonat. "Das hätte der früher nie gemacht", sagt
der 76-Jährige mit einer unüberhörbaren Zufriedenheit, "den
Bewusstseinswandel gibt's jetzt auch bei denen."
Einen Bewusstseinswandel hätte der zur Zeit für den UNO-Menschenrechtsbeirat
tätige Genfer Universitätsprofessor und Ex-Politiker auch in Salzburg im Auge
gehabt. Als Redner der Festspieleröffnung im Juli, von Landeshauptfrau Gabi
Burgstaller höchstselbst eingeladen - und wieder ausgeladen, wegen angeblicher
Nähe zu Muammar Gaddafi.![]()

KURIER: Herr Ziegler, was wollten
Sie in Salzburg eigentlich erzählen?
Jean Ziegler: Mich
hätte das Publikum fasziniert. Das sind ja die Geldsäcke, die dort sitzen. Die
hätten eine halbe Stunde lang zuhören müssen, bei geschlossenen Türen, die
hätten nicht weglaufen können.
Hätten Sie ihnen so garstige Sachen
gesagt, dass sie laufen wollen?
Ich hätte versucht, die kanibalische Weltordnung darzustellen: Alle drei
Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, eine Milliarde Menschen ist
schwerst unterernährt auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt. Und
dessen Weltlandwirtschaft laut Statistik problemlos 12 Milliarden Menschen
ernähren könnte.
Dabei heißt's doch immer, der Welt
gehen die Ressourcen aus.
Das ist schon lang nicht mehr so. Den objektiven Mangel, von dem Marx
glaubte, dass er uns Jahrhunderte begleiten wird ...
Der Club of Rome glaubte das noch in
den 1970er-Jahren.
Ja, aber den gibt es nicht, der ist überwunden. Und ein Kind, das an Hunger
stirbt, wird ermordet. Das ist kein Naturgesetz, wie die Neoliberalen glauben,
sondern Mord. Und das hätte ich sagen wollen.
Um den Festspielgästen den Appetit zu verderben?
Nein, weil die Kunst dank Infrakonzeptionalität eine Waffe ist.
Wie bitte?
90 Prozent von dem, was wir tun, kommt ja nicht aus dem Denken, sondern ist
affektiv, traumatisch, ist von Angst, Zuneigung, Leidenschaft bestimmt. Die
Emotion einer Mahler-Symphonie kann dem wohlbestallten Boss, der da sitzt mit
Krawatte und seinem Mercedes vor der Tür, seine ganze Sicherheit nehmen, ihn
aus seiner sozialen Rolle herausreißen. Es sind ja nur ganz wenige, die
wirklich Macht haben: Die 500 größten multinationalen Konzernen haben
vergangenes Jahr 52,8 Prozent des Weltbruttosozialproduktes kontrolliert. Und
einige Konzernherrscher sitzen in Salzburg und hätten vielleicht erwachen
können.
"Die Ausladung kam per Mail"
Dazu kommt's nicht jetzt. Wer hat Ihnen die Ausladung
wie mitgeteilt?
Die Frau
Burgstaller. Sie hat mir vor zwei Jahren für das Buch "Hass auf den
Westen" den Salzburger Zukunftspreis verliehen, und wir hatten viel
telefoniert, dass ich genau über das Thema reden sollte. Selbst der Titel
"Der Aufstand des Gewissens" kam von ihr. Die Ausladung kam per Mail.
Wegen Ihrer Nähe zu Lybiens Muammar
Gaddafi.
Was ein totaler Blödsinn ist. Ich war, wie andere Intellekutelle auch,
verschiedene Male bei Gaddafi eingeladen, weil meine Bücher auch auf Arabisch
erscheinen. Solche Einladungen nehme ich wahr, auch wenn sie von Halunken
kommen. Seinen Menschenrechtspreis habe ich abgelehnt.
Sie haben Gaddafi einen "völlig
Verrückten" und einen "Fall für den Psychiater" genannt. Woher
kommt dann das Gerücht?
Vom American Jewish Comitee bzw. deren Ableger UN Watch bei der UNO. Die
tragen mir nach, dass ich als Sonderberichterstatter der UNO einen scharfen
Bericht gemacht habe über Gaza, wo die Unterernährung etwa so ist wie im
Tschad. Weil ich vorher vom World Jewish Congress noch eingeladen war als
Belastungszeuge in Sachen Veruntreuung der Holocaust-Gelder durch Schweizer
Banken, haben sie mir das als Verrat ausgelegt. Hätte mich Frau Burgstaller,
die ja eine kluge Frau ist, angerufen, hätte ich ihr das erklären können.
Sie haben nicht mehr telefoniert?
Darüber will ich nicht reden. Aber die Gaddafi-Sache ist ja nur ein
Vorwand. Denn ich weiß, dass die Festspielpräsidentin Rabl-Stadler vorher den
Peter Brabeck getroffen hat ...
Den CEO von Nestle, einem Sponsor
der Festspiele.
Ja. Die Salzburger
Festspiele sind ja eine heilige Handlung, wie der Opernball. Den hätte ich
übrigens auch gerne einmal besucht, da gibt es viele schöne Frauen - aber da
werde ich nicht eingeladen. Jedenfalls kosten die Festspiele unglaublich viel
und brauchen Sponsoren. Und Nestle, UBS, Credit Suisse zahlen Millionen, damit
sie die Steuerhinterzieher aus Berlin oder sonstwo in die Logen setzen können.
Die Vorstellung, dass die dem Ziegler 30 Minuten zuhören müssen, war für die
natürlich ein Horror. Daher haben die wahrscheinlich ganz massiv auf die Frau
Burgstaller Druck gemacht.
Wenn Sie das
Nestle, UBS, Credit Suisse vorwerfen, fürchten Sie da nicht Klagen?
Ach, ich hatte neun
Prozesse am Hals, die meisten verloren, ich habe nichts mehr ...
Es heißt, sie hätten mehr als sechs
Millionen Franken Schulden wegen Schadenersatz, den Sie zahlen mussten.
Stimmt, das meiste wegen meiner beiden Bücher "Die Schweiz wäscht
weißer" und "Die Schweiz, das Gold und die Toten". Und meine
Immunität, damals war ich noch im Nationalrat, wurde aufgehoben. So etwas gab
es nicht seit 1901.
Auch Diktatoren haben Sie geklagt.
Ja, Pinochet zum Beispiel. "Faschist" kostete mich 2000 Franken
Buße, weil die erste Instanz in Genf, die Idioten, darin Verleumdung sahen.
Aber das war billig.
Und das teuerste Verfahren?
Den Geschäftsanwalt Hans W. Kopp hab' ich "Geier" genannt, und
der ging in die höchsten Instanzen. Da brauchen Sie einen Anwalt, und wenn Sie
nur den Fuß auf dessen Teppich setzen, sind Sie 20.000 Franken los. Für den
"Geier" hab' ich 350.000 Franken gezahlt - dabei ist der später
selbst verurteilt worden, wegen Betruges. Aber ich beklage mich nicht: Ich bin
selbst im Gerichtssaal ein unglaublich begünstigter Mensch, habe Unterstützer -
die portugiesische Putzfrau hat das nicht und ist nach so etwas zerstört.
Die schreibt aber auch kein Buch über
Geier.
Stimmt auch. Aber wenn man mit einem Buch das kollektive Gewissen ein wenig
stören will, dann muss man die Banditen benennen, sonst hört keiner hin.
Sie haben sich viele Feinde gemacht.
Haben Sie nie Angst um das eigene Leben?
Doch. Es gibt immer wieder Morddrohungen, jetzt ist gerade wieder so eine
Phase. Und ich wurde immer wieder bewacht. Aber in der Regel steht so ein
Bankbonze ja nicht in der Früh auf und sagt: "Ich hasse den Ziegler",
sondern der lässt seinen Anwalt kommen und sagt ihm: "Bring den zum
Schweigen." Und dagegen haben Sie keine Chance.
Sie stammen aus einem
calvinistisch-bürgerlichen Elternhaus und wurden der größte Kapitalismus- und
Globalisierungskritiker. Wie kommt so was?
Ich war unglaublich
begünstigt, hatte eine glückliche Jugend, mein Vater war Gerichtspräsident. Der
hat mich auch Gerechtigkeit gelehrt. Als ich ihm, ich war schon Nationalrat,
eine private Karte per Parlamentsporto schickte, hat er mich am nächsten Tag
aus dem Plenarsaal holen lassen und angeschrien, wie ich das tun könne. Ein
ehrlicher und liebevoller Mann. Und meine Mutter hat immer gesagt: Mach' die
Sach', tu, was Du kannst.
Wann kamen Sie darauf, dass die Welt
ungerecht ist?
Als Kind habe ich die Fabrikarbeiter gesehen, die schlecht angezogen auf
dem Velo zur Arbeit fuhren, ihre Suppe im Eisengefäß am Rücken. Oder die
Verdingbuben, die Kinder armer Bauern, die im zerschlissenen Gewand an reiche
Bauern zur Arbeit ausgeliehen wurden. Und mir ging es so gut. Da habe ich
gesehen: Da stimmt etwas nicht, warum? Aber es kam auch von meinen Eltern keine
Antwort, wegen dem verdammten Calvinismus, in dem alles vorbestimmt ist - man
kann nichts tun, mach Du nur gute Noten in der Schule.
Sie sind mit 18 von zu Hause weg
gelaufen.
Ja, da habe ich mich eigentlich ganz schlecht gegen meine Eltern benommen.
Ich bin nach Paris und dort in die kommunistische Jugendorganisation
"Clarité" eingetreten, habe in Les Halles Gemüskisten geschleppt und
nachts studiert.
Da trafen sie Jean Paul Sartre?
Die Zeitung der kommunistischen Jugend wurde von Sartre patroniert. Jeden
Donnerstag wurde ich als ganz Junger zur Sitzung von "Les Temps
Modernes" in Sartres Wohnung in der Rue Bonaparte eingelassen. Und als wir
jungen Kommunisten aufgelöst wurden, weil wir im Algerienkrieg denen im
Untergrund geholfen haben - ich habe immer meinen Pass "verloren" und
denen weitergegeben -, hat uns Sartre sozusagen übernommen. Und obwohl ich so
ein kleiner Trottel war, hat sich der auch mit mir ernsthaft unterhalten.
Der kleine Trottel ging dann in die
große Welt?
In den Kongo für die UNO. Die suchten Leute, die französisch konnten, aber
nicht Franzose waren. Und da war mein Schlüsselerlebnis: Im einzigen noch
funktionierenden und schwer bewachten Hotel in Kalina, wo wir wohnten und
gegessen haben, haben die Köche die Essensreste über den Stacheldraht auf den
Boulevard geworfen, der von den Slums in die Luxusviertel führte. Und da kamen
jeden Abend die halbverhungerten Menschen, sich die Reste holen. Die Kinder
sind die Zäune hoch, haben sich die Brotreste vom Stacheldraht gepflückt und
wurden von den Soldaten mit den Gewehrkolben weggedrückt. Da habe ich mir
gesagt: Was immer im Leben passiert, ich werde nie mehr auf der Seite der
Henker stehen.
Sie hießen damals noch Hans. Wie wurden
Sie Jean?
Im ersten Stock des Café Flore haben Simone de Beauvoir und Sartre
geschrieben, dort haben sie auch die Druckfahnen der "Temps Modernes"
redigiert. Als ich aus dem Kongo zurückkam, war ich bei Sartre. Der ließ sich
alles ganz genau erzählen und sagte, "schreib ein Essay". Das habe
ich dann der Simone de Beauvoir gebracht, sie hat es gelesen und streng
korrigiert, und bei der Namenszeile Hans Ziegler gesagt: "Hans, c'est pas
un nom, das ist kein Name. Wie ist die Entsprechung auf französisch?" Also
strich sie Hans durch und schrieb Jean hin. So kam ich in die große
Verlagswelt.
Kämpfen gegen die Ungerechtigkeit
wollten Sie dann in Kuba.
Ich war zu der Zeit auch bei den Zuckerbrigaden auf Kuba, diese romantische
revolutionäre Solidarität, und habe im Hotel Nacional Castro und Che Guevara
kennen gelernt, die uns oft beim Essen besuchten, um zu diskutieren. Und als
'64 die Zuckerkonferenz in Genf war, wurde ich mit meinem kleinen schwarzen
Morris für eine Woche als Chauffeur für Che Guevara engagiert. Am letzten Tag
fragte ich ihn, ob er mich mitnimmt nach Kuba. Und er zeigte auf die Stadt und
hat gesagt: "Da bist Du geboren, da ist das Gehirn des Monsters, da musst
Du kämpfen." Der hat mich - wohl zu Recht - für einen nutzlosen
Kleinbürger gehalten.
Seither kämpfen Sie hier.
Ja, und in meinem Büro hängt Ches Foto, auch Sartre schaut mich an, und
denen lege ich jeden Tag Rechenschaft ab.
Sie waren zehn Jahre Sonderberichterstatter der UNO
und sind jetzt im Menschenrechtsbeirat - wie kommt man dazu? Alte Kontakte?
Nicht
durch sozialistische Korruption, die ja sehr blühend ist, weil ich war denen
immer zu links, auch in der Sozialistischen Internationalen. Es braucht die
normative Kontrolle des wirtschaftlichen Handelns, es braucht die
Menschenrechte als höchstes Gebot. Entwicklungshilfe ist ein Blödsinn...
Das sagen Sie?
Entwicklungshilfe ist ein Blödsinn in einem Land, wo es keine Landreform
gibt - Guatemala ist ein Land mit hoher Entwicklungshilfe, und 1,8 Prozent der
Bevölkerung haben dort 57 Prozent des fruchtbaren Bodens. Nein, da gibt es nur
die revolutionäre Weltsicht, verstehen Sie?
Erklären Sie's mir.
Das meint nicht die bolschewikische Aventgarde, die sich dann
autonomisiert. Aber es braucht die Aventgarde, die dann demokratisch
legitimiert werden und verschwinden muss, aber erst, wenn der Gegner gebrochen
ist.
Und ausgerechnet die UNO war für Sie
das richtige Instrument?
Ich hatte ein Schulbuch für Frankreich über den Hunger in der Welt
geschrieben. Das kam gerade heraus, als UNO-Generalsekretär Kofi Annan 2000 die
Stelle eines Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung geschaffen
hatte. Kofi Annan kannte mich aus Genf und wollte mich dafür. Und die UNO ist
genauso wie der Nationalrat, in dem ich vorher war, die Bühne, auf der man eine
demokratische Legitimität hat. Aber das eigentliche Instrument ist die
Zivilgesellschaft. Nur die kann den globalisierten Raubtierkapitalismus, die
Finanzoligarchie brechen.
Als Revolutionär muss es sie schmerzen,
dass der Kapitalismus selbst in und nach seiner größten Krise durch
Finanzblasen eigentlich nicht in Frage steht.
Das Verbrechen ist ja noch viel schlimmer: Am 22. Oktober 2008 haben die 15
Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone 1700 Milliarden Euro bereitgestellt,
um das Kreditgeschäft der Banken wieder zu beleben. Und bevor das Jahr um war,
wurde das Budget des World Food Programms, das 71 Millionen Menschen
Nahrungsmittelhilfe gibt, von sechs auf drei Milliarden Dollar gekürzt. Das
heißt zum Beispiel: Keine Schülerspeisungen mehr in Bangladesch, die einzige
Nahrung dort für eine Million Kinder. Die dafür Verantwortlichen gehören vor
ein Nürnberger Verbrechertribunal.
Aber bleiben wir beim Kapitalismus:
Die Völker der kommunistischen Welt sind vor zwei Jahrzehnten mit fliegenden
Fahnen in den Kapitalismus geflüchtet.
Das schreiben die Kommunikationsfritzen der Konzerne. Breschnjew und seine
Komplizen haben mit Kommunismus nichts zu tun. Die waren so kommunistisch wie
ich buddhistisch bin. Die Völker sind aufgestanden gegen eine korrupte
Polizeidiktatur.
So wie jetzt in der arabischen Welt.
Aber bei uns?
Der Mensch weiß, was er nicht will. Schon die neun Forderungen des
kommunistischen Manifests waren alle negativ, kein Zehn-Stunden-Tag, keine
Arbeit am Sonntag, keine Fabrikarbeit für Kinder unter acht Jahren ... - Man
weiß genau, was man nicht will, das mobilisiert das Bewusstsein, und wenn die,
die die Negation verhindern wollen, uns unterdrücken, dann stehen wir eben auf
und nehmen uns unsere Freiheit. Was die Menschen mit der Freiheit machen, ist
das Mysterium der Geschichte.
Woran machen Sie das fest?
Das sehe ich, wenn bei einem G8-Gipfel hinter Stacheldraht in Heiligendamm
60.000 Menschen gegen den Raubtierkapitalismus auftreten.
Das sind aber insgesamt ein bisschen
wenig.
Sie verstehen nicht, was die Zivilgesellschaft ist. In der französischen
Revolution haben die Handwerker und Arbeiter mit selbstgebastelten Waffen die
Bastille erklommen, und das Volk hat die Gefangenen befreit. Das hat die Welt
verändert.
Sie rufen aber nicht zu den Waffen?
Aber nein, ich will nur sagen: Der Aufstand ist ein Prozess, der vom Erwachen
des Bewusstseins ausgeht. Und das erwacht zum Beispiel, wenn der Schweizer
Steuerzahler 61 Milliarden Dollar an die UBS zahlt, und sich deren Bonzen
wieder Milliarden an Boni an auszahlen.
Apropos Erwachen: Ist das Erwachen der
Ablehnung der Atomkraft ein nachhaltiges, oder bei der nächsten anderen
Katastrophe schon wieder vergessen?
Das waren fast biblische Ereignisse: Das Beben in Haiti und das in Japan, und
beide, das ärmste Land der Erde und eines der reichsten, waren und sind
machtlos. Nein, die Atomenergie gehört weg, die Möglichkeiten der alternativern
Energien sind da ...
Mit der auch viel Geschäft gemacht
wird.
Aber das Hauptgeschäft macht die Atomlobby, die jedes Restrisiko - wenn ich das
Wort schon höre - verharmlost. Und da sind wir jetzt tatsächlich im
Klassenkampf: Siegt die geldgierige Atomlobby, oder siegt die Vernunft der
Menschen? Da geht es wieder um die Zivilgesellschaft und um die Übersetzung des
erwachten Bewusstseins in reale politische Gestaltung.
Also nicht mit Waffen, sondern bei
Wahlen? Die Grünen in Deutschland haben schon ordentlich zugelegt.
Das geht auch durch Generalstreik, durch Besetzungen. Am Ende braucht es aber
eine politische Macht, die den Gang durch die Institutionen siegreich zu Ende
bringt. Wir haben schon viel erreicht, jetzt muss es umgesetzt werden. Sonst
bewahrheitet sich, was Levy-Strauss ja sagt: "Die Welt hat ohne den
Menschen begonnen, sie wird auch ohne ihn enden" - durch Selbstliquidation.
Das wäre schade, weil das Leben ist wunder wunder schön.
25. 2. 11
Leitartikel
Trugbilder einer Revolution
Die Freunde des geordneten Übergangs wünschen
Kontrolle über Erdöl und Suezkanal, folgsame Bundesgenossen. Der Rest ist
Rhetorik. So entsteht gerade keine Demokratie in Nordafrika.
Revolutionen erreichen früh jenen Wendepunkt,
an dem aus Hoffnung Enttäuschung und aus der Illusion, alles werde alsbald gut,
die ernüchternde Einsicht in die alltägliche Wirklichkeit wird. Aus der
gesellschaftlichen Erhebung gegen Despoten und volksferne Kasten muss erst −
wieder − Gesellschaft werden. Der Neubau ist schwierig; das verhasste
alte Machtgebäude abzureißen war dagegen einfach. Auswärtige Betrachter
verstehen das in der Regel nicht annähernd so schnell wie die handelnden
Subjekte. Kurz: Die oberflächlich einleuchtende Vorstellung, nach dem Sturz der
Ben Ali, Mubarak und (hoffentlich demnächst) Gaddafi könne man in kurzer Frist
mit einem neuen Regime die alten Geschäfte fortsetzen, ist Trugbild. Die
erlauchten Führer jener fremden Länder, die Veränderung nicht glauben nötig zu
haben, müssen sich hüten, darauf hereinzufallen, dass nun „neue Männer“
regieren und folglich alles zum Besten stehe.
Das Volk − die Millionenmasse der
bisher Machtlosen − hat in Tunesien und Ägypten die Despoten des Landes
verwiesen; das sind Etappensiege. Doch nicht das Volk hat die Macht gewonnen,
sondern das Militär, in Kairo abwartender Schiedsrichter während der Wochen
ununterbrochener Kundgebungen auf dem Befreiungsplatz. Militärs sind der Kern
der Übergangsregierung. Noch wissen sie, dass sie die aktuelle Machtposition
dem Volksaufstand verdanken; doch sie sind auch geprägt durch die Erfahrung,
dass seit 1952 die Macht uniformiert war, dass die Präsidenten Nasser, Sadat,
Mubarak Offiziere waren. Da liegt der Schluss nahe, dass dies umschlägt in ein
spezielles Sendungsbewusstsein. Und da gibt es noch keine Antwort auf die Frage
nach der gesellschaftlichen, öffentlichen, demokratischen Kontrolle über die
nun Herrschenden.
Die spontane, durch moderne
Kommunikationsmittel koordinierte (aber keineswegs verursachte) Volkserhebung
hat bisher nicht viel beantworten können, weil ihr die Organisation fehlt.
Selbst wenn am heutigen Freitag Millionen gegen Ahmed Schafik, den Premier des
Übergangs, und für ein Kabinett der Experten und Technokraten demonstrieren,
ist die Frage nach der demokratisch legitimierten Führung des Staats offen.
Große Einigkeit besteht nämlich nicht, außer in der Ablehnung der alten
Ordnung; angesichts der dringenden materiellen Probleme, die den tieferen Grund
der Massenbewegung bilden, reicht das nicht aus.
Gewiss liegen die Ursachen der verheerenden
Preissteigerungen für Grundnahrungsmittel außerhalb der Reichweite jeder
Regierung, die sich am Nil (und ebenso in Tunis) etablieren kann. Über die
Hälfte des Getreides muss importiert werden, da die eigene Anbaufläche allzu
knapp ist. Der Preis hängt am Weltmarkt, und nicht die Armut der Ägypter
bestimmt ihn, sondern andere Faktoren: die Hinwendung zu Bio-Treibstoffen; die
Dürre im chinesischen Weizengürtel; spekulative Termingeschäfte. Die weitere
Verarmung der ohnehin armen Mehrheit in Arabiens größtem Land hat buchstäblich
auch globale, kapitalistische Ursachen.
Die andere liegt in der ungleichen Verteilung
des Reichtums. Vom Militär eine grundsätzliche Veränderung zu erwarten, ist
realitätsfern; es geht um Vorrechte, Privilegien. Der Zusammenstoß der höheren
Dienstränge mit jenen, deren gewaltlose Entschlossenheit den Despoten verjagt
hat, steht auf dem Spielplan. Selbst ein integrer Übergangs- oder
Nachfolge-Präsident, ob Amr Mussa oder Mohammed el Baradei, wenn es dazu kommt,
kann ihn nicht vermeiden. Der zivilen Gesellschaft aber mangelt es an
formierten, in Parteien organisierten und im Volk verwurzelten Kräften; wohl
mit der Ausnahme der Muslimbrüder, die ihrerseits gespalten sind zwischen
weltoffenen und dogmatischen Tendenzen.
Und da hält sich die politische Öffentlichkeit
des sogenannten Westens an dem Strohhalm „geordneter Übergang“ fest. Eine
gründliche Selbsttäuschung. Der nötigen Unterstützung ziviler Gesellschaft
steht sie im Wege, die aus ihr abgeleiteten Rezepte kurieren gar nichts. Zudem:
Wenn Wahlen frei sind, kann das Resultat für den „Westen“ auch unerfreulich
ausfallen. Was dann? Doch wieder die Armee ranlassen?
Die Freunde des geordneten Übergangs wünschen
Kontrolle über Erdöl und Suezkanal, folgsame Bundesgenossen. Der Rest ist
Rhetorik. Schön, wenn alles sich auf Demokratie reimt.

19. 2. 11
Schüsse auf Demonstranten im mediterranen Benghasi, auf dem
Perlenplatz Manamas am Persischen Golf, in den engen Gassen von Sanaa. Das
alles passierte gestern in Libyen, Bahrain und Jemen, drei arabischen Staaten,
aber dreien, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Jemen ist Republik,
Bahrain Monarchie, die »Jamahiriya« Libyen nimmt gar für sich in Anspruch, gar
kein Staat im herkömmlichen Sinne, sondern eine »Gemeinschaft der Volksmassen«
zu sein. Sehr verschieden auch die Wirtschaftslage. In Bahrain liegt das
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bei 26 000 Dollar, in Jemen unter 1000.
Was alle genannten Länder dennoch eint und selbst auf die
Proteste im bettelarmen Jemen zutrifft – es handelt sich nicht in erster Linie
um Brotrevolten. Darum ging es auch zuvor nicht in Tunis und Kairo. Hier
manifestiert sich das Fehlen von Lebensperspektiven für Millionen von einzelnen
Menschen und damit ganze Gesellschaften. Und so werden wir Zeugen einer
Wutentladung über die Ohnmacht, daran etwas ändern zu können.
Das hat viel mit Demokratiedefiziten zu tun. Was die Libyer
oder Bahrainis vermissen, ist gewiss weniger der routinierte
Parlamentarismusbetrieb westlicher Prägung, sondern greifbare politische
Teilhabe. Daran mangelt es all den strukturell noch immer postkolonialen
Regimes, und es eint wiederum ihre Führer – mögen sie sich nun Revolutionsführer
nennen wie Gaddafi oder König wie der Herrscher von Bahrain.
25. 1. 11
KOMMENTARE
Keine Partner für Frieden
Inge
Günther
Nach zwanzig
Jahren Nahost-Friedensprozess hat die Devise "Weiterverhandeln wie
gehabt" keinen Sinn mehr. Die jetzt veröffentlichten Geheimprotokolle
legen den Schluss nahe, dass es einfach nicht genügend gemeinsame Positionen
gibt, um zu einer Zwei-Staaten-Lösung zu kommen. Die Palästinenser machten
immer mehr Zugeständnisse; die Israelis verlangen mehr. Und das trifft auch
schon auf die Regierungszeit Ehud Olmerts zu, der von allen israelischen
Premiers das am weitesten reichende Angebot gemacht hatte. In der
Netanjahu-Regierung darf über einen Kompromiss in Jerusalem nicht mal geredet
werden.
Das Paradoxe
daran: In der Konsequenz läuft das auf eine Ein-Staaten-Lösung hinaus, die für
keine Seite gut ist: nicht für die israelische, da sie den
jüdisch-demokratischen Staatscharakter gefährdet, nicht für die
palästinensische, dem schwächeren Part in einem binationalen Konstrukt. Ohnehin
trägt den unmittelbaren Schaden die moderate Autonomie-Regierung in Ramallah
davon. Ihre Existenzberechtigung gründet auf dem maroden Friedensprozess. Die
Hamas kann sich jetzt umso effektvoller als kämpferische Alternative
inszenieren.
Mag zwar
sein, dass Israel durch die Enthüllungen ebenfalls in Zugzwang gerät.
Liebermans Idee, den Palästinensern die Hälfte des Westjordanlandes zu
überlassen, ist allerdings ein Hohn. Partner für Frieden sind nicht in Sicht.
22. 1. 11
Kommentar zu Guantánamo
Im Schatten von George Bush
Vor zwei Jahren hat US-Präsident Barack Obama
angekündigt, das Lager Guantánamo binnen eines Jahres zu schließen. Nun jährt
sich der Bruch des Versprechens zum ersten Mal. Obama zahlt jetzt den Preis für
Bushs rechtsverachtende Politik
Was für ein fürchterliches Jubiläum. Vor zwei
Jahren hat US-Präsident Barack Obama angekündigt, das Lager Guantánamo binnen
eines Jahres zu schließen. Nun jährt sich der Bruch des Versprechens zum ersten
Mal. Obamas Order an seinem ersten Arbeitstag war mehr als eine schlichte
Schließungsverfügung, sie war Symbol für die Rückkehr der USA zu ihrer
Verfassung, zur unbedingten Rechtsstaatlichkeit. Sie markierte das Ende von
Präsident Bushs Maxime, das Ziel der Terrorbekämpfung heilige jedes, aber auch
jedes Mittel. Bushs Politik führte geradewegs zu Geheimgefängnissen, zu
jahrelanger Haft, ohne dass je ein Richter über die Gefangenen befunden hätte,
zu Isolation und Folter.
Auch Obama zahlt jetzt den Preis für Bushs rechtsverachtende
Politik. Angesichts der durch Folter erlangten Aussagen sind Gerichte kaum in
der Lage, fair über Guantánamo-Häftlinge zu urteilen. Und Obama kann es sich
aus vielerlei Gründen nicht leisten, mutmaßliche Terroristen einfach laufen zu
lassen. So wird Guantánamo noch für lange Zeit wie ein dunkler Schatten auf
Obamas Politik liegen. Und auf den USA.
13. 1. 11
Tunesien: Das
Regime und die EU
Getrieben von Furcht
Die tunesische Regierung
lässt die Proteste brutal niederschlagen. Europa toleriert die Unterdrückung
durch Präsident Ben Ali - aus Angst vor Flüchtlingen und Islamisten.
Das tunesische Modell ist am
Ende, nicht erst seit
den jüngsten blutig unterdrückten Unruhen. Dass Präsident Zine el-Abidine
Ben Ali den Innenminister als Sündenbock der Repression abgesetzt hat und
ankündigen ließ, alle Verhafteten würden freigelassen, bringt weder den
sozialen Frieden zurück noch das gepriesene Wirtschaftswunder von einst. Dieses
beruhte auf Ansiedlung von Zuliefer-Industrie für Europa, Billig-Tourismus und
Assoziierung mit der EU.
Wie sich jetzt zeigt, war dieses Modell nicht die
Lösung der Probleme, sondern langfristig eine ihrer Ursachen: Während sich die
Küstenregion entwickelte, blieb das Hinterland vernachlässigt, und immer mehr
Arbeitslose machten sich von dort auf den Marsch in die Städte.
Vergangene Woche, als die Protestwelle schon in
vollem Gange war, fand im Pariser Wirtschaftsministerium ein Kolloquium über
die Beziehungen zwischen den Ufern des Mittelmeers statt. Nur einer sprach vom
Aufruhr in Nordafrika: der tunesisch-französische Geschäftsmann Tarak Ben
Ammar, Filmproduzent, Berater von Silvio Berlusconi und Rupert Murdoch, Neffe
der zweiten Frau des tunesischen Staatsgründers Habib Bourguiba. Er kennt die
mediterrane Welt.
"Stellen Sie sich vor, dass in Algerien, Tunesien,
Marokko ein oder zwei Ahmadinedschads an die Macht kommen", sagte er.
"Das würde bedeuten, dass zwischen fünf und zehn Millionen Menschen
Nordafrika verlassen würden - per Schiff, auf Flößen oder schwimmend, um nach
Korsika, Sardinien, Sizilien oder an die Côte d'Azur zu gelangen." Jede
Destabilisierung der Heimatländer würde zudem zu schweren Spannungen in der
Einwanderer-Diaspora aus dem Maghreb in Europa führen.
Solche traumatischen
Vorstellungen sind der Grund für die französische - und europäische - Nachsicht
mit Ben Ali und dessen korruptem Polizeistaat. Tunesiens Staatschef gilt
weithin als Bollwerk gegen die islamistische Gefahr, wie einst der Iraker
Saddam Hussein, dem man aus den gleichen Gründen schlimmste Verbrechen nachsah,
wie die Giftgas-Angriffe gegen die Kurden in seinem Land.
Außenministerin Michèle
Alliot-Marie sagte in der Nationalversammlung, Frankreich dürfe sich
nicht dazu aufschwingen, Tunesien "Lehren zu erteilen". Dazu ist
Paris indessen gern bereit, wenn es um Probleme etwa in der Elfenbeinküste,
Iran oder Russland geht.
Die Ministerin deutete sogar an, Paris könne bei
einer Beruhigung der Lage in Tunesien helfen. Denn diese beruhe auf
"Techniken zur Wahrung der Ordnung", ein Gebiet, "auf dem wir
Fachkenntnisse besitzen". Gegenüber Maßnahmen des algerischen Regimes wird
Frankreichs vorsichtige Haltung mehr von schlechtem Gewissen wegen der
Kolonialisierung und des Befreiungskrieges bestimmt.
Ben Ali will offenbar den
Eindruck vermeiden, dass er sich durch Gewalt Konzessionen abringen lässt. Die
Freilassung der Verhafteten, falls es dazu kommt, und die Ablösung des
Innenministers dürften eher als Ventile gedacht sein, durch die ein Teil des
Druckes entweichen kann.
Denn gleichzeitig mit dem Minister wurde auch der
Kommandeur des Heeres abgesetzt, General Rachid Ammar. Er soll Hemmungen
gezeigt haben, Soldaten zur Unterdrückung der Unruhen einzusetzen, und nach
tunesischen Quellen generell gegen "übertriebene Gewaltanwendung"
gewesen sein. Ihm folgt Ahmed Chbir nach - der mutmaßlich schärfere Chef des
militärischen Nachrichtendienstes. Und in der Hauptstadt Tunis zog am Mittwoch
Militär auf.
Die tieferen Ursachen der Krise sind
Bevölkerungsdruck und Ressourcen-Armut. Sie sind selbst durch bessere Politik
nicht leicht zu beheben, weder durch Ben Ali, der sorgfältig verhindert hat,
dass Kronprinzen heranwachsen, noch durch die verkümmerte Opposition. Als
Tunesien 1956 unabhängig wurde, hatte es fünf Millionen Einwohner, jetzt sind
es gegen elf Millionen. So viele Jobs gibt es nicht.

KOMMENTARE
Tunesien im Schutz europäischer Kameraderie
Thomas
Schmid
Hunderttausende
Deutsche fliegen jedes Jahr an die Strände Tunesiens. Von diesem Sommer an
werden die Sonnenanbeter auf dem neuen Flughafen Zine El Abidine Ben Ali
landen, benannt nach dem seit 23Jahren amtierenden Präsidenten des Landes. Der
Airport wird auf eine Kapazität von 22 Millionen Passagieren pro Jahr
ausgebaut. Der Tourismus boomt. Die wenigsten Reisenden wissen vermutlich, dass
sie ihren Urlaub in einem Polizeistaat verbringen, in dem Wahlen gefälscht
werden, in dem die Presse geknebelt wird und in dessen Gefängnissen gefoltert
wird. Man kann es ihnen nicht verdenken. In den Medien kommt Tunesien
vornehmlich als Sonnenparadies vor. Über die Schattenseiten erfährt man äußerst
selten etwas.
Vermutlich
sind in Tunesien in den letzten Tagen mehr Menschen getötet worden als im Iran
im Zusammenhang mit den umstrittenen Wahlen von 2009. Der iranische Präsident
wurde damals von Politikern aller Couleurs weltweit scharf kritisiert. Seinen
tunesischen Amtskollegen aber fasst die internationale Diplomatie sehr behutsam
an. Man dankt ihm die gute Zusammenarbeit bei der Flüchtlingsabwehr und vor
allem, dass er die islamistische Gefahr gebannt hat. Potenzielle Terroristen
sind im Exil oder prophylaktisch im Gefängnis. Es wird also noch dauern, bis
der neue Flughafen Tunesiens umbenannt wird - auch dank der
europäisch-tunesischen Kameraderie.

Von Werner Balsen
In seinen Tagebüchern beschreibt
der Literaturwissenschaftler Victor Klemperer, wie sich in Deutschland nach der
Machtübernahme durch die Nationalsozialisten langsam die Sprache änderte. Wie
die Lüge oder allenfalls halbe Wahrheit zur weitgehend akzeptierten Tatsache
wurde, wie die Allgemeinheit die radikale Meinung über Minderheiten kaum
merklich übernimmt. Eine ähnlich schleichende Radikalisierung nehmen viele in
den Niederlanden wahr: Islamfeindliche Thesen, die vor einem Jahr als unerhört
galten, sind heute unspektakulärer Gesprächsstoff in Fernseh-Talkshows. Was in
öffentlichen Diskussionen vor kurzem noch jenseits einer allgemein
respektierten Schamgrenze lag, wird heute lässig ausgesprochen.
Für diese Veränderung steht der erklärte Islamfeind und Populist Geert
Wilders. Seine Partei für die Freiheit stellt die drittstärkste Fraktion im
Haager Parlament. Bei den Wahlen im Juni erzielte die PVV den höchsten
Stimmenzuwachs in einer zersplitterten Parteienlandschaft. Und seit der
Regierungsbildung im Oktober ist der scharfzüngige Islamhasser das Zünglein an
der Waage der niederländischen Politik. Seine Fraktion toleriert die Koalition
von Rechtsliberalen und Christdemokraten. Die ist damit ein Bündnis von
Wilders’ Gnaden: Er verschafft ihr die Mehrheit – von einer Stimme. Senkt er
seinen Daumen, steht sie ohne da. Das bringt den umstrittenen Politiker in eine
komfortable Position. Ohne direkte Verantwortung übernehmen zu müssen, kann er
die Regierenden nach seiner Pfeife tanzen lassen.
Nach einem knappen Vierteljahr fällt auf, dass Wilders von dieser
Möglichkeit noch wenig Gebrauch gemacht hat. In der Zweiten Kammer, dem
Parlament, hält er sich bislang zurück. Seine Auftritte sind weniger aggressiv
als in der vergangenen Legislaturperiode, er agiert eher defensiv. In der
Debatte über Immigration und Asylpolitik im Dezember schlug die PVV sogar neue,
fast verständnisvolle Töne an, und gab sich unerwartet kompromissbereit.
Wilders
hat Personalprobleme
Für die Zurückhaltung sind drei Gründe maßgebend. Erstens: Bislang ging es
noch nicht um sehr viel. Größere Gesetzesvorhaben stehen erst nach den
Provinzwahlen im März an. Deren Ergebnisse werden die Mehrheitsverhältnisse in
der Ersten Kammer beeinflussen. Die hat zwar bei weitem nicht den gleichen
Einfluss wie in Deutschland der Bundesrat, könnte aber von den
Oppositionsparteien genutzt werden, um der Regierung im Parlament das Leben
schwerer zu machen.
Zweitens: Wegen der anstehenden Regionalwahlen ist der ansonsten als
Scharfmacher bekannte Wilders derzeit vor allem mit Personalproblemen
beschäftigt. In den zwölf Provinzen – von Friesland im Nordosten bis Zeeland im
Südwesten – muss er rund 200 Kandidaten aufstellen. Das fällt extrem schwer;
denn er muss erkennen, dass viele eher zwielichtige Figuren bei ihm aktiv
werden wollen. Von seinen 23 Mitstreitern im Parlament sind mindestens sechs
schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Für Wilders eine Katastrophe; denn
deren Delikte sind genau jene, die die PVV-Propaganda den Einwanderern aus dem
Maghreb zuschreibt, die sie deshalb attackiert und nicht mehr im Land haben
will.
Drittens: Der charismatische Wilders, einer der begabtesten Rhetoriker im
Parlament, kann sich auch deshalb zurückhalten, weil die beiden
Regierungsparteien durch das Tolerierungsabkommen mit ihm deutlich nach rechts
gerückt sind. Das gilt vor allem für die Christdemokraten, bei denen viele eher
christlich-liberal gesinnte Mitglieder austraten, weil sie den Pakt mit der PVV
ablehnen.
So hat Wilders, auch ohne dass er im Parlament für Aufruhr sorgen muss,
wesentliche Ziele erreicht: Die Regierungsparteien haben sich verpflichtet, ihm
bei seinen Hauptthemen Einwanderung und Sicherheit entgegenzukommen. Auch sie
argumentieren schärfer gegen Kindergeld für Türken und Marokkaner, deren
Nachwuchs nicht in den Niederlanden lebt, wenden sich gegen muslimische
Schulen.
Damit tragen sie dazu bei, dass sich der Ton in der niederländischen
Gesellschaft verändert – langsam, aber merklich. Für Muslime ist es
unbehaglicher geworden im Land hinter den Deichen – exakt das, was Wilders
will. So ist Wilders’ Einfluss in den Niederlanden schon jetzt größer, als vielen
im Nachbarland lieb ist. Den Geist, den Rechtsliberale und Christdemokraten mit
ihrem Tolerierungsexperiment aus der Flasche gelassen haben, werden sie nicht
wieder einfangen können.

Kommentar zu START
Mühsame Abrüstung
Der
Abrüstungsvertrag mit Russland wird Realität: US-Präsident Obama hat gezeigt,
dass er zentrale Ziele auch gegen erbitterten Widerstand durchsetzen kann.
Kurz vor Weihnachten hätte Barack Obama alles verlieren
können. Doch in letzter Sekunde hat der US-Präsident doch noch ein paar
Republikaner im Senat finden können, die bereit sind, dem neuen
Abrüstungsvertrag mit Russland zuzustimmen. Obama, für seine Vision von einer
atomwaffenfreien Welt mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, kann damit an
seinem größten außenpolitischen Ziel festhalten.
Obama hat aber auch gezeigt, dass er zentrale Ziele auch
gegen erbitterten Widerstand durchsetzen kann. Hätte er für den Start-Vertrag
zu Hause keine Mehrheit gefunden, wäre es nach den Flops auf den Klimagipfeln
in Kopenhagen und Cancún für ihn sicher ziemlich schwierig geworden, überhaupt
noch mit anderen Staaten über Verträge zu verhandeln. Es hätte sich sicher kaum
noch ein Staatschef auf das Wort des US-Präsidenten verlassen wollen.
Gewonnen hat Obama aber kaum etwas. Ohne das Bekenntnis
der USA, das eigene Atomwaffen-Arsenal tatsächlich zu verkleinern, wäre wohl
kaum eine andere Atommacht bereit, bei der Verschrottung aller
Nuklear-Sprengköpfe mitzumachen. Der neue Start-Vertrag erfüllt also nur die
Bringschuld für weitere Abrüstungsgespräche. Die schwierigen innenpolitischen
Verhandlungen der letzten Monate lassen erahnen, wie schwer die nächsten
Schritte für Obama werden. Wie werden wohl die Republikaner, die jetzt mit Nein
stimmen, auf einen Vertrag reagieren, der alle Tests mit Atomwaffen verbietet?
Die Welt kann nur hoffen, dass es Obama dann wieder gelingt, genug Republikaner
auszumachen, für die der Weltfrieden nicht nur ein Ball im politischen Spiel ist.

Israels Siedler nutzen
jeden Augenblick. Seit dem 26. September, dem Tag, an dem das Bauverbot der
israelischen Regierung für Siedlungen in den besetzten Gebieten endete,
begannen sie mit der Errichtung von 1629 Häusern, für weitere 1116 legten sie
die Fundamente. Aber halt! Hatte nicht der amerikanische Präsident Israel
aufgefordert, den Häuserbau auf Palästinenser-Land einzustellen? Hatte nicht
Barack Obama sogar exquisite Kampfflieger angeboten, um wenigstens eine kurze
Verlängerung des Siedlungsstopps zu erreichen?
Israel zeigte sich
unbeeindruckt, von den Drohungen wie von den Versprechen. Premier Netanjahu gab
sich wenig Mühe, den Baustopp in seiner Koalition durchzusetzen. Ganz so, als
sei Israel nicht dringend auf amerikanische Hilfen und Sicherheitsgarantien
angewiesen. Doch das eigentlich Unfassbare geschah in Washington: Die
Supermacht gab klein bei. Ein Sprecher des State Department erklärte, man werde
die Sache mit dem Siedlungsstopp derzeit nicht weiterverfolgen.
So geht alles seinen
Gang. Obamas Nahost-Gesandter George Mitchell tingelt in dieser Woche wieder
zwischen Jerusalem und Ramallah hin und her als sei nie etwas gewesen. Barack
Obama hatte es anders machen wollen als seine Vorgänger, und besser. Doch immer
wenn es zur Machtprobe mit Netanjahu kam, gab Obama nach. Er ließ sogar zu,
dass die israelische Regierung seinen Vizepräsidenten Joe Biden brüskierte.
Warum diese Schwäche?
Sicher haben die Niederlage der Demokraten bei den Kongresswahlen im November
und der schlechte Zustand der amerikanischen Wirtschaft Obamas Ansehen
geschwächt, daheim wie in der Welt. Sicher ist auch, dass sich die größte
jüdische Lobby in den USA, die einflussreiche und finanzstarke Aipac, in der
Regel auf Netanjahus Seite stellt. Aber im Kongress hätte Obama während der
vergangenen zwei Jahre auf Unterstützung für eine härtere Linie gegenüber den
Siedlern zählen können. Nach Einschätzung der Organisation Americans for Peace
Now traf das sogar für die meisten jüdischen Demokraten zu. Im Verhältnis
zwischen den USA und Israel gibt es viele Hebel - politische, wirtschaftliche,
wissenschaftliche, militärischer, geheimdienstliche -, die die US-Regierung
hätte nutzen können. Barack Obama aber fehlten Entschlusskraft und
Durchsetzungswille.
Den Preis dafür zahlt
der amerikanische Präsident zunächst selbst. Seine Glaubwürdigkeit leidet; er
wird Schwierigkeiten haben, von Israelis wie von Arabern ernst genommen zu
werden. Auch die Palästinenser, deren Land von Siedlungen, Checkpoints und den
für die Siedler reservierten Schnellstraßen immer weiter zerhackt wird, gehören
offensichtlich zu den Verlierern.
Doch auch Israel wird
für seinen vermeintlichen Sieg bezahlen. Es kann ja nicht in Israels Interesse
sein, dass die USA im Nahen Osten als schwach wahrgenommen werden.
Siedlungspolitik ist auch nicht, wie es Netanjahu glauben machen möchte, ein
Thema zweiten Ranges das straflos beiseitegeschoben werden kann. Jede neue
Siedlung macht es schwieriger zu einer Zwei-Staaten-Lösung zu kommen. In einem
gemeinsamen Land mit den Palästinensern würden sich die Juden aber aus
demografischen Gründen bald in der Minderzahl befinden. Die Zeit ist nicht auf
ihrer Seite.
13. 12. 10
Leitartikel zum Klimagipfel
Heilsamer Schock
Die
Klimakonferenz hat mehr gebracht als befürchtet. Es wäre aber falsch, künftig
immer auf den Konsens aller Staaten zu hoffen. Fortschrittliche Länder müssen
auch allein vorangehen.
Der vor einem Jahr entnervt zurückgetretene
„UN-Klimaminister“, Yvo de Boer, hat recht: Es ist besser, nicht die Chefs die
Welt retten zu lassen, sondern lieber die Fachleute. Zum UN-Gipfel vor
Jahresfrist in Kopenhagen hatte er die Staats- und Regierungschefs eingeladen.
Obama und Co. sollten der Staatengemeinschaft ein wegweisendes
Kyoto-2-Protokoll bescheren und den drohenden globalen Fieberschub durch
beherztes Eingreifen aufhalten. Was als gute Idee erschien, ging, wie nicht nur
de Boer feststellte, gewaltig „nach hinten los“. Der Nachfolgegipfel in Cancún
hat nun gezeigt: Ohne die überschätzten Polit-Potentaten wäre es wahrscheinlich
viel besser gelaufen.
Deren Umweltminister haben die Scherben zusammengekehrt,
die die Elefanten im Kyoto-Laden angerichtet haben. Sie haben angefangen, den
UN-Klimaschutz-Prozess zu kitten. Cancún war, so gesehen, ein kaum mehr
erwarteter Erfolg. Das Ergebnis, das die Klima-Emissäre erzielt haben, liegt
zwar weit unter dem Anspruch, den man noch an Kopenhagen hatte. Aber mehr war
jetzt einfach nicht herauszuholen. Erstmals haben sich die 194 Staaten konkret
auf das Zwei- Grad-Limit für die Erderwärmung festgelegt. Außerdem wahrten sie
die Chance, Kyoto2 beim nächsten Gipfel in Südafrika noch rechtzeitig zu
verabschieden. Damit würde sich keine Lücke im globalen Treibhausgas-Regime
nach dem Auslaufen des ersten Klimavertrags Ende 2012 auftun.
Der Cancún-Beschluss ist eine Blaupause für weiteren
Fortschritt, mehr nicht. Weder ein Meilenstein noch eine Garantie für Erfolg an
der CO2-Abwehrfront. Doch man führe sich vor Augen, was ein
Scheitern von Cancún bedeutet hätte. Die Staatengemeinschaft hätte vor der
schwersten Bedrohung für das Leben auf dem Planeten kapituliert. Denn nichts
anderes bedeutet eine um durchschnittlich vier oder fünf Grad wärmere Welt, auf
die der Planet ohne CO2-Limit zusteuert – mit Extremwetter, Dürren
und Überflutungen, Hungersnöten und Klimaflüchtlingen. Die Weltgemeinschaft
hätte die noch vorhandenen Möglichkeiten negiert, die Katastrophe durch
intelligentes, kollektives und solidarisches Handeln abzuwenden. Die Welt würde
noch tiefer gespalten werden. Auf der einen Seite die reichen Industriestaaten,
die sich zu Klimawandel-Managern aufschwingen und sich mit Zäunen und
Patrouillenbooten abschotten, und auf der anderen die armen, ohnehin stärker
von den Treibhaus-Folgen betroffenen Länder.
Das lässt sich nun vielleicht noch verhindern. In Cancún
war das tiefe Aufatmen zu spüren. Zusammen mit dem Kyoto-Ansatz wäre auch der
ohnehin fragile Anspruch der „Vereinten“ Nationen über den Haufen geworfen
worden. Das Kyoto-Protokoll ist immerhin das Aushängeschild für einen wirksamen
UN-Vertrag. Der „Multilateralismus“ sei gerettet worden, lobte man sich selbst,
das Gegenmodell zum Powerplay der Mächtigen. Der Schock von Kopenhagen saß
tief; dort hatte eine kleine Gruppe um Obama und Co. ein Ergebnis zum Abnicken
vorgelegt. Der Schock saß so tief, dass sogar die USA und China jetzt dem
Kompromiss nicht im Weg stehen mochten.
Soweit, so gut. Aber hilft das auch dem Klima? Das
renitente Bolivien hat zwar beim nächtlichen Showdown den Rest der Welt bis
fast aufs Blut gereizt. Doch Delegationsleiter Pablo Solón hatte natürlich
recht: Das Ergebnis reicht nicht. Wird es nicht verschärft, saufen nicht nur
pazifische Inseln ab, dann, es mag pathetisch klingen, werden die Enkel die
heutige Generation verfluchen.
Deswegen wäre es falsch, die Lösung immer nur vom
nächsten oder übernächsten Klimagipfel zu erwarten. Vielmehr müssen Staaten und
Ländergruppen, die Klimaschutz ernst nehmen, auch alleine vorangehen. Zum Glück
sind es nicht wenige, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. Fortschrittliche
EU-Staaten gehören dazu, aber gerade auch bedeutende Schwellenländer wie China,
Brasilien und Südafrika; das oft für seinen Umweltfrevel heftig attackierte
China entwickelt sich rasend schnell zum Boomland der erneuerbaren Energien.
Die Vorreiter sollten bi- und multilaterale Kooperationen für Öko-Energien,
Energie-Effizienz sowie Waldschutz verabreden und so die Muster für grünes
Wachstum in den Regionen der Erde entwickeln, die Nachholbedarf beim Wohlstand
haben.
Mag sein, dass die USA dann irgendwann ihren ökologischen
Sputnik-Schock erleben, diesmal vielleicht durch chinesische Ökotechnik. Aber
dann können sie ja immer noch ein grünes Apollo-Programm auflegen.
9. 12. 10
Mission unerfüllt
Dietmar Ostermann
Ein Jahr ist
es diese Woche her, dass Barack Obama in Oslo der Friedensnobelpreis verliehen
wurde. Für das Nobelkomitee war es eine Wette auf die Zukunft. Der Preisträger
wurde nicht für erbrachte Leistungen ausgezeichnet, sondern für
außergewöhnliche Bemühungen um Abrüstung, Aussöhnung und ein neues Klima der
Zusammenarbeit - mithin für die gewaltigen Hoffnungen, die er weckte. Für Obama
war es, wie man heute weiß, der letzte Auftritt als messianische Lichtgestalt
der internationalen Politik. Mit dem Abstand eines Jahres ließe sich leicht
begründen, warum die Wahl des Nobelkomitees ein Fehlgriff gewesen sein soll.
Die Welt erlebt in diesen Tagen keinen mutigen, zupackenden Präsidenten der
USA, sondern einen, der überall auf dem Rückzug zu sein scheint, dem nichts
gelingt, der strauchelt, die Orientierung zu verlieren droht, der das Schiff
nicht mehr steuert, sondern hin und her geworfen wird von den Wogen.
Dabei hat
sich am Kurs nichts geändert. "Die heutige Welt ist eine Feuerprobe von
Herausforderungen, die die amerikanische Führung testen", hat Obamas Außenministerin
Hillary Clinton gerade in einem Aufsatz geschrieben. Clinton argumentiert
darin, dass eine zunehmend unübersichtliche Welt mehr denn je kollektive
Lösungen und internationale Kooperation erfordere, und dass nur eine Nation in
der Lage sei, dieses gemeinsame Handeln zu mobilisieren: die Vereinigten
Staaten. Das war und ist, auf den Punkt gebracht, die Obama-Doktrin.
Sie stellt,
einerseits, einen klaren Bruch dar mit den unilateralen Allmachtsfantasien
eines George W. Bush. Doch auch für Obama bleiben die USA die unverzichtbare
Nation, gleichsam Motor und Katalysator der Weltpolitik. Letztlich hat das auch
das Nobelkomitee so gesehen, als es dem Mann im Weißen Haus auftrug, aus der
Welt eine bessere zu machen.
Das waren
fromme Wünsche. Dass es mit der amerikanischen Führungskraft derzeit nicht weit
her ist, lässt sich fast täglich beobachten. Vorigen Monat beim Gipfel der G20
waren die USA das wirtschaftliche Sorgenkind. Jetzt auf der Klimakonferenz in
Cancún reisten Obamas Unterhändler mit leeren Händen an, weil der Präsident
sich daheim in der Klima-Frage nicht durchsetzen kann. Auch die nächste Runde
mit Russland zur Atomwaffenverschrottung droht ausgerechnet an Washington zu
scheitern, am Widerstand der Republikaner, die Amerikas bröckelnde Macht lieber
durch modernere Sprengköpfe absichern wollen.
Selbst die
vertraulichen Botschaftsdepeschen, deren Lektüre wir dem Dilettantismus
amerikanischer Datenschützer und Wikileaks verdanken, kann man als Nachweis
lesen, wie sehr die unverzichtbare Nation schwächelt. Die Räder der
amerikanischen Diplomatie drehen sich rege, doch sie drehen oft im Morast
einfach durch. "Amerika mangelt es an Einfluss", analysiert der kluge
Kolumnist Thomas Friedman bitter. Washington schlägt sich herum mit falschen
Freunden, unwilligen Alliierten, aufmüpfigen Rivalen. Pakistan spielt ein
doppeltes Spiel, das saudische Königshaus spricht mit gespaltener Zunge. Selbst
politische Zwerge wie Slowenien oder das Pazifik-Eiland Kiribati lassen sich
jeden Gefallen entgelten. Und alle sind jetzt sauer, weil Washington nicht mal
vertrauliche Absprachen unter Verschluss halten kann.
Nun gibt es
noch immer viele gute Gründe, keine voreiligen Abgesänge auf die Vereinigten
Staaten anzustimmen. Militärisch gibt es auf absehbare Zeit keinen ebenbürtigen
Rivalen. Erst in anderthalb Jahrzehnten wird Chinas Milliardenvolk mehr
produzieren als die USA. Kein Rivale ist so global aufgestellt. Niemand hat
mehr Verbündete, auch wenn sich dahinter oft Zweckgemeinschaften verbergen.
"Einige Regierungen machen mit uns Geschäfte, weil sie uns fürchten,
einige, weil sie uns respektieren, die meisten, weil sie uns brauchen",
sagt Pentagonchef Robert Gates. Das mag sogar stimmen. Doch es fällt zunehmend
schwer, noch nobelpreiswürdige Hoffnungen mit dem Namen Obama zu verbinden.
Zu bedrängt
ist der Präsident daheim von einer nach der Kongresswahl dramatisch erstarkten
Opposition, die ihm auch außenpolitisch kaum einen Erfolg gönnt. Zu
angeschlagen wirkt die schwächelnde Weltmacht in der internationalen Arena. Die
hehren Ziele sind in weite Ferne gerückt, die Aussöhnung mit der islamischen
Welt, die Abschaffung aller Atomwaffen. Umso wichtiger freilich ist die
Obama-Doktrin. Gelingt es dem Präsidenten, jenes Geflecht internationaler Beziehungen
zu knüpfen, mit dem sich irgendwann tatsächlich gemeinsam die großen Probleme
der Welt lösen lassen, dann wäre auch das eine historische Leistung.
------------------------------
Es fällt
schwer, noch nobelpreiswürdige Hoffnungen mit dem Namen Obama zu verbinden. Die
hehren Ziele sind in weite Ferne gerückt. Umso wichtiger bleibt die
Obama-Doktrin: internationale Beziehungen zu knüpfen.

KOMMENTAR VON GEORG BALTISSEN
Gut, dass es der US-Regierung nicht
gelungen ist, Israel zu einem weiteren Baustopp zu veranlassen. Das wäre
Augenwischerei gewesen. Ein zusätzlicher Baustopp von zwei oder drei Monaten,
wie ihn die US-Unterhändler von Israels Premier Benjamin Netanjahu gefordert
haben, hätte für die Verhandlungen nichts gebracht. Und eine Erfüllung der
israelischen Forderung, Jerusalem von einem solchen Baustopp auszunehmen, wäre
gar de facto einer Anerkennung des Status von Jerusalem als alleiniger und
unteilbarer Hauptstadt des Staates Israels gleichgekommen.
Eine solche Vorfestlegung in einem
der strittigsten Verhandlungspunkte eines zukünftigen Friedensabkommens hätte Washingtons
Verhältnis zu den arabischen Verbündeten, die Palästinensische Autonomiebehörde
eingeschlossen, über alle Maßen belastet. Die sind durch die
Wikileaks-Veröffentlichungen schon strapaziert genug.
So liegen die realen Macht- und
Bündnisverhältnisse wieder offen auf dem Tisch. Netanjahu behält die Oberhand,
Barack Obamas Friedensoffensive ist gescheitert. Eine Fehde mit der
siedlerfreundlichen Rechtskoalition in Israel wollte Obama sich nicht
aufhalsen.
Unbehaglich ist die Lage jetzt für
die palästinensische Autonomiebehörde und ihren Chef Mahmud Abbas. Der kann
eigentlich nur den Bettel hinwerfen. Ohne Siedlungsstopp keine Verhandlungen,
war seine in Stein gemeißelte Position. Sollte er wieder einknicken, wäre sein
Rest an politischer Glaubwürdigkeit und die seiner Fatah-Partei dahin.
Wahrscheinlich ist jetzt, dass das
Scheitern der USA eine Annäherung zwischen Fatah und Hamas zur Folge hat.
Bislang hatten ein US-Veto und das US-Geld die Bereitschaft der Fatah zur
Aussöhnung gebremst. Die Rücksichtnahme auf die USA dürfte deutlich schwinden.
Die Zeichen stehen auf Konfrontation.

9. 12. 10
So langsam droht Barack Obama wohl doch zur »lame duck«, zur
sprichwörtlichen lahmen Ente zu werden, ob nun innen- oder außenpolitisch. Erst
kippte der USA-Präsident im Streit um Steuererleichterungen für die Reichen und
Superreichen im angeblich eigenen Land Gottes um, und dann trat er bei der
Friedenssuche fürs sogenannte Heilige Land resigniert den Rückzug an.
Washington will künftig auf ein Kernelement seiner
Nahost-Politik verzichten und besteht nicht mehr auf den Baustopp für neue
jüdische Siedlungen in den Palästinensergebieten, nachdem sich der wichtigste
Verbündete in der Region einfach verweigert. Das ist ein herber Rückschlag für
die israelisch-palästinensischen Verhandlungen und erstickt die ohnehin vagen
Friedenshoffnungen in Nahost vielleicht vollends.
Palästinenserpräsident Mahmud Abbas jedenfalls spricht von
einer schweren Krise. Und wenn man in Washington jetzt über eine »andere
Taktik« nachdenken will, stellt sich die Frage, wo die eigentlich ansetzen
soll, wenn Israel durch den Siedlungsbau seine schleichende Landnahme
unbehelligt fortsetzt und vollendete Tatsachen schafft. Zur Konfliktberuhigung
und einem lebensfähigen, souveränen palästinensischen Staat führt das mit
Sicherheit nicht. Nicht nur in der Konfliktregion Nahost dürfte man sich
fragen, was ein Vermittler USA auch unter Obama inzwischen überhaupt noch wert
ist.

KOMMENTAR VON ANDREAS ZUMACH
Mit der am Sonntag beschlossenen
Initiative zur "Ausschaffung krimineller Ausländer" wird es in der
Schweiz für Menschen ohne eidgenössischen Pass immer ungemütlicher. Das genau
vor Jahresfrist beschlossene Minarettverbot und andere fremdenfeindliche
Initiativen der letzten Zeit hatten zunächst ja "nur" Menschen
betroffen, die die "falsche" Religion oder keine weiße Haut haben.
Oder die als Osteuropäer, Afrikaner, Asiaten und Lateinamerikaner nach
offizieller Schweizer Lesart nur einer zweit-und drittklassigen Kategorie von
Ausländern angehören.
Daher hatten die vielen Deutschen
und anderen EU-BürgerInnen in der Schweiz zu den seit Anfang des Jahrtausends
stetig zunehmenden fremdenfeindlichen Tendenzen in der Alpenrepublik bislang
auch geschwiegen.
Doch die Ausschaffungsinitiative
trifft unterschiedslos alle straffällig gewordenen Ausländer - mit Ausnahme von
Steuerflüchtlingen und anderen Wirtschaftskriminellen, die zum Reichtum des
Landes und seiner Banken beitragen. Das genau war auch die Absicht der
rassistischen Brandstifter und Schreibtischtäter - allen voran Weltwoche-Chefredakteur
Roger Köppel und sein geistiger Ziehvater und Finanzier Christoph Blocher -
ohne deren publizistischen und finanziellen Einsatz die Initiative keine
Mehrheit beim Stimmvolk erhalten hätte.
Bleibt zu hoffen, dass der Europäische
Gerichtshof die praktische Anwendung der neuen Bestimmungen verhindert, indem
er möglichst bald durch einen Urteilsspruch ihre Unvereinbarkeit mit der
Europäischen Menschenrechtskonvention feststellt.
Auch die EU sollte der Regierung in
Bern sehr schnell klarmachen, dass die neuen Bestimmungen gegen das bilaterale
Abkommen zur Personenfreizügigkeit verstoßen und mit der Suspendierung dieses
Abkommens drohen.

25. 11. 10
KOMMENTAR VON STEPHAN SCHULMEISTER
Seit Monaten verlangen "die
Märkte" von Ländern wie Griechenland, Portugal oder Irland Zinsen für
Staatsanleihen von bis zu 10 Prozent. Das nominelle Wachstum der Wirtschaft
dieser Länder und damit auch ihrer Steuereinnahmen ist aber viel niedriger. Auf
Grund der Zinseszinsdynamik wird die Staatsschuld daher weiterhin rascher
wachsen als das Bruttoinlandsprodukt.
Verordneter Sparwahnsinn
Dann muss man eben die
Staatsausgaben senken, fordern die Eliten. Das haben diese Länder gemacht, mit
dem Ergebnis, dass die Wachstumsrate weiter gesunken ist und der Zinssatz also
noch stärker darüber liegt. Kurz: Im Wechselspiel von immer höheren
Zinsforderungen der Märkte und einer belämmerten Symptomkur der Politik steuern
die Staatsfinanzen dieser Länder dem Bankrott entgegen.
Dies in heller Stunde erahnend,
schlug die Kanzlerin vor, die Inhaber der Staatstitel müssten sich an den
Rettungskosten beteiligen. Das mochten "die Märkte" nicht und setzten
die Zinsen nochmals hinauf. Nun geriet der Euro wieder ins Rutschen, also
Kommando zurück: Nur bei der künftigen Neuverschuldung ab 2013 sollten die
Gläubiger an den Kosten einer Staatspleite beteiligt werden - und auch nur
vielleicht, man kennt sich ja nicht aus.
Noch kann das Spiel also
weitergehen, und zwar so: Durch die "Doppelmühle" von Spekulation mit
"Credit Default Swaps" und mit Staatsanleihen treiben Banken wie
Goldman Sachs, J. P. Morgan, Deutsche Bank und viele Hedgefonds die Zinsen
in die Höhe. Diese "Finanzalchemisten" borgen sich bei der
Europäischen Zentralbank (EZB) Geld zu 1 Prozent Zinsen und kaufen damit jene
Staatsanleihen, deren Zinsen sie in die Höhe getrieben haben. Die hohen Zinsen
bezeichnen sie als "Risikoprämien", wenn aber das Risiko angesprochen
wird, dann bestehen sie auf 100-prozentiger Bezahlung, also auf Null-Risiko.
Fazit: Was durch enorme Entbehrungen
der Arbeitnehmer und Unternehmer in den Schuldnerländern eingespart wird, fließt
als Zinsertrag in die Taschen der "Finanzalchemisten". Und die
Staatsschuldenquote steigt und steigt.
Eine systemische Lösung muss beim
Zinsniveau ansetzen. Dieses sollte nach der "golden rule" der
Wirtschaftstheorie der mittelfristigen (nominellen) Wachstumsrate entsprechen,
wegen des hohen Schuldenstands aber etwas darunter liegen - also bei etwa 2
Prozent. Gleichzeitig müssten der europäische Zusammenhalt gestärkt und
national-egoistische Strategien verhindert werden.
Beides kann erreicht werden, und
zwar wie folgt: Der im Mai dieses Jahres geschaffene Rettungsfonds, der 750
Milliarden Euro mobilisieren kann, wird zum "Europäischen
Währungsfonds" (EWF) ausgebaut - gespeist aus Mitteln der
Euro-Zentralbanken. EZB und EWF geben eine Garantie für die Staatsschuld
sämtlicher Euroländer. Damit entfällt der Grund für Risikoprämien. Außerdem
legen sie das Zinsniveau für neue Euro-Staatspapiere fest.
Europäischer Währungsfonds
Neu ausgegebene Staatspapiere, die
zu diesen Konditionen keine privaten Abnehmer finden, werden vom EWF gekauft.
Doch die Staatspapiere werden genügend Anleger finden. Denn ein enormes Volumen
an Finanzkapital sucht ja dringend einen relativ sicheren Hafen. Der
Teufelskreis von Wucherzinszahlungen, verstärkten Sparbemühungen, Dämpfung des
Wirtschaftswachstums, steigender Verschuldung und noch höheren Zinsen ließe
sich so durchbrechen. Gleichzeitig würde ein europäischer Währungsfonds den
Zusammenhalt der Euroländer stärken und das effektive Zinsniveau senken.
Genau dies bezweckt die Politik der
US-Notenbank Fed, wenn sie langfristige (Staats-)Anleihen kauft: Sie übernimmt
die weniger liquiden Aktiva und gibt dem Finanzsektor dafür hochliquide Mittel.
Ihr Ziel: Sie will die Kreditvergabe verbilligen und die Deflationsgefahr
bannen.
In Europa wird diese Maßnahme
vielfach als "Gelddrucken" zu bezeichnet, das letztlich einen
Inflationsschub auslösen müsse - ein Indiz, wie sehr die Debatte auf das Niveau
der 1920er Jahre zurückgefallen ist. Nur wenn das Kreditpotenzial genützt
würde, entstünde zusätzliches Geld. Genau das ist aber bisher zu wenig der
Fall! Überdies: Erst wenn die Kapazitätsgrenzen erreicht sind, droht ein
stärkerer Preisauftrieb. Davon sind wir Jahre entfernt.
Der Markt beruhigt sich nicht
Doch lieber sehen die Eliten dem
zinseszinsgetriebenem Anwachsen der Staatsschuld zu und hoffen, "die
Märkte" würden sich beruhigen, wenn Irland oder Griechenland den
Rettungsfonds in Anspruch nähmen. Dass damit das Problem nur weitergeschoben
wird, weil die von "den Märkten" geforderten Zinsen untragbar sind,
wird nicht begriffen.
Weil nicht sein kann, was nicht sein
darf: Nach 30-jähriger Missionsarbeit sind die Eliten marktreligiös geworden.
Sie glauben an eine "unsichtbare Hand", die ähnlich wie die göttliche
Vorsehung alles zum Besten lenkt. Die manisch-depressiven Schwankungen von
Zinssätzen, Wechselkursen, Rohstoffpreisen und Aktienkursen wurden so als
unveränderlich, letztlich aber nicht schlimm hingenommen.
Dabei gibt es eine Lösung: Man nehme
die Fundamentalwerte der Wirtschaftstheorie als Richtgröße für eine
Stabilisierung von Zinssätzen, Wechselkursen und Rohstoffpreisen durch das
"System Politik". Der Zinssatz müsste der Wachstumsrate entsprechen,
der Wechselkurs der Kaufkraftparität. In einer solchen Welt gäbe es - wie
früher in den 1950er und 1960er Jahren - wieder mehr Sicherheit für
Investitionen, Finanzierung und Außenhandel. Es käme zu einem Wirtschaftswunder
in der Realwirtschaft.
Heute jedoch findet das
"Wirtschaftswunder" in der Finanzwelt statt. Mit dem Segen der
"unsichtbaren Hand" gelingt den Alchemisten das Doppelwunder: Durch
immer schnellere Spekulation bringen sie die wichtigsten Preise wie
Wechselkurse, Zinssätze, Aktienkurse und Rohstoffpreise in kleine und große
Schwingungen, und zur Absicherung gegen diese Turbulenzen verkaufen sie
Derivate aller Art. Beides mit hohem Gewinn. Hut ab zum Gebet.
STEPHAN SCHULMEISTER
Stephan Schulmeister ist Wirtschaftswissenschaftler und lebt in Wien. Derzeit hält er sich in Washington auf und forscht im Auftrag des Internationalen Währungsfonds - Abteilung Staatsfinanzen.

20. 11. 11
Auswege aus der Sinnkrise
Der Lissabonner Nato-Gipfel dient der Selbstbeschwörung.
Die Allianz feiert den Raketenschild, die Kooperation mit Russland. Ob aber die
Vorhaben überhaupt gelingen, steht nicht fest.
Politik wird oft in Hinterzimmern gemacht. Aber manchmal
braucht sie die große Bühne. Dort lassen sich Schulterschlüsse feiern und
Aufbrüche inszenieren. Wenn es gut läuft, sind die Zuschauer entzückt und die
Handelnden ergriffen.
In diese Kategorie dürfte auch der Nato-Gipfel fallen,
der gestern in Lissabon begann und heute endet. Dem Publikum will sich die Nato
als runderneuertes Militärbündnis für das 21. Jahrhundert präsentieren. Es soll
eine selbstbewusste Allianz sein, die niemanden bedroht und gegen alle
Unwägbarkeiten der Zeit gewappnet ist. Sich selbst wollen die beteiligten
Staats- und Regierungschefs vor allem Optimismus einimpfen: Alles wird gut,
auch wenn die Gegenwart trübe ist.
Die Gegenwart ist ein Krieg in Afghanistan, der nicht
gewonnen werden kann. Eine gigantische Staatsverschuldung in fast allen
Mitgliedsländern, die die Regierungen dazu zwingt, auch ihre Wehr-Budgets
drastisch zu kürzen. Und der Aufstieg neuer Mächte wie China und Indien, die
das Gefüge der Weltpolitik viel schneller durcheinanderwirbeln, als es die
Beschlusslage des Westens vorsieht.
Diesen Herausforderungen begegnet die Nato mit
Autosuggestion. Die Sicherheitslage in Afghanistan ist desolat, der Staat dort
nicht funktionsfähig. Dennoch will das Bündnis heute gemeinsam mit den anderen
Truppenstellern entscheiden, den Afghanen bis 2014 Zug um Zug die Verantwortung
für das Land zu übertragen. Bis dahin, heißt es in der Nato, werde man die
Region schon ausreichend stabilisieren und die Aufständischen zurückdrängen.
Tatsächlich will die Allianz nur noch einigermaßen
unbeschadet aus Afghanistan herauskommen. Den Zeitplan diktiert der
Wahlkalender: In den USA und in Frankreich werden 2012 neue Präsidenten
gewählt, im Jahr darauf bestimmen die Deutschen einen neuen Bundestag. Auf
beiden Seiten des Atlantiks ist das Volk mehrheitlich gegen den Krieg. Allein
das zählt.
Auch das neue Strategie-Konzept des Bündnisses dient vor
allem der Selbstbeschwörung. Das Grundlagenpapier soll beschreiben, wer die
Nato ist und wofür sie steht. Seit dem Ende des Ost-West-Konflikts weiß das
Bündnis dies nicht mehr so recht. Nun definiert sich die Nato als Allianz,
deren Kernaufgabe die gemeinsame Verteidigung bleibt und die sich zugleich
neuen Bedrohungen wie dem Terrorismus, dem Drogenhandel oder Internet-Attacken
stellt. Natürlich im Verbund mit anderen Akteuren wie der Europäischen Union
oder den Vereinten Nationen.
Dennoch wird ein kurzes Dokument mit einem Umfang von
einem guten Dutzend Seiten nicht ausreichen, um die Sinnkrise der Nato zu
beenden und alle 28 Mitgliedstaaten dauerhaft auf einen neuen Teamgeist zu
verpflichten. Die USA sind unter Präsident Barack Obama zu mehr
Multilateralismus bereit. Aber die Frage ist, ob das so bleibt, wenn Obamas
innenpolitische Macht weiter schwindet. Die nächsten Konflikte im Bündnis sind
ohnehin absehbar: Es will Hauptquartiere schließen und Personal abbauen. Sobald
es um das Wie und Wo geht, wird es vorbei sein mit der neuen Harmonie.
Und dann ist da noch Russland. Die Nato hofft auf einen
historischen Neustart in den Beziehungen zu Moskau nach all den Verwerfungen,
die der Georgien-Krieg mit sich gebracht hat. Tatsächlich ist es bemerkenswert,
dass zurzeit nicht nur die Russen an einem guten Verhältnis zum Westen
interessiert zu sein scheinen. Auch der Westen selbst spricht – zumindest
vorübergehend – in dieser Frage mit einer Stimme. Polen und Balten, die
traditionell Russland-skeptisch sind, scheinen die Chancen zu erkennen, die ein
Ausgleich birgt.
Das wichtigste gemeinsame Projekt soll künftig der
Raketenschild sein, der Europa gegen Angriffe von Staaten wie dem Iran schützen
könnte. Dieses Vorhaben erscheint ziemlich kühn. Nicht, weil Russland dafür der
falsche Partner wäre. Kühn deshalb, weil die Europäer sich jetzt aus
politischen Gründen auf ein militärisches Großprojekt festlegen, dessen Kosten
sie noch nicht abschätzen können. Wer sich vor Augen hält, welche Verrenkungen
die Europäer gerade unternehmen, um ihre nationalen Haushalte in den Griff zu
bekommen und die gemeinsame Währung zu retten, der ahnt, dass die Realisierung
des Projekts in weiter Ferne ist.
Das ist der Nato-Gipfel von Lissabon: Ein Militärbündnis
feiert sich schon jetzt für die Erfolge, die es sich für die eigene Zukunft
wünscht.

20. 11. 11
Das neue
strategische Konzept der NATO ist ein Dokument des Übergangs. Es enthält weder
Überraschungen noch wirkliche Neuerungen. Vielmehr werden die Praxis der NATO
bestätigt und künftige Einsatzbereiche nur vage angedeutet. Vor allem aber beginnt
es mit einer faustdicken Lüge, wenn festgestellt wird, die NATO sehe ihren
vornehmsten Zweck in der Verteidigung der Mitgliedstaaten gegen Angriffe von
außen. Die hatte es nicht in der Zeit des Kalten Kriegs gegeben, spätestens mit
Auflösung des Warschauer Pakts sind sie undenkbar geworden. Seit dem
NATO-Gipfel 1991 in Rom galten der Kampf gegen den internationalen Terrorismus
und die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, die militärische
Absicherung des freien Welthandels und des Zugangs zu lebenswichtigen
Rohstoffen sowie die Sicherung der Energieversorgung als erklärte Ziele des
Militärbündnisses. Festgehalten wurde an der Doktrin der atomaren Abschreckung
einschließlich des Vorbehalts eines »Erstschlags«. Mit dem Krieg um Kosovo
wurde zudem die strikte geografische Eingrenzung des Aktionsradius der NATO auf
den atlantischen Raum aufgegeben. Und in Afghanistan zieht die NATO alle
Register völkerrechtswidriger Kriegführung.
Die neuen
Elemente des Konzepts von Lissabon beziehen sich auf eine erweiterte
Bedrohungswahrnehmung. Da sind einmal die »feindlichen« Mittel- und
Langstreckenraketen, die das Bündnis erreichen können und gegen die ein
gemeinsames Raketenabwehrsystem installiert werden soll. Dafür hatte
Kriegspräsident Bush vorsorglich den ABM-Vertrag einseitig gekündigt – eine
Maßnahme, die von seinem Amtsnachfolger Obama nicht rückgängig gemacht wurde.
Gegen Bushs Raketenabwehrpläne hatte sich Widerstand geregt – nicht zuletzt
auch von der Bundesregierung; der neue Plan – in der Sache vergleichbar mit dem
alten – wird von den 28 NATO-Staaten abgenickt und erhält den Segen Russlands.
Die opponierende Türkei wurde dadurch zufrieden gestellt, dass Iran im Dokument
nicht ausdrücklich erwähnt wird. Alle Welt weiß aber, dass der Feindstaat Nr. 1
gemeint ist. Die zweite neue Bedrohung seien Cyber-Attacken, die sich gegen
Mitgliedstaaten oder NATO-Einrichtungen richten könnten. Die aufgeregte
Debatte, ob ein Militärbündnis die richtigen Instrumente bereithält, um mit dem
Problem umzugehen, ist von der Realität überholt: Zwei Tage vor dem Gipfel in
Lissabon begannen NATO-Übungen, in denen die Chancen der Reaktion auf
mehrfache, gleichzeitig vorgetragene Cyber-Attacken durchgespielt werden.
Die NATO
präsentiert sich gern als ein »System kollektiver Sicherheit«, das den
grundlegenden Werten von Demokratie, Freiheit und der Wahrung von
Menschenrechten verpflichtet sei und auf völkerrechtlicher Grundlage der
UN-Charta operiere. Sie kommt auf Samtpfoten daher, bleibt aber ein bis an die
Zähne bewaffnetes Bündnis, das 75 Prozent der weltweiten Rüstungs- und
Militärausgaben auf sich vereinigt. Ihre scharfen Krallen zeigte sie im Krieg
gegen Jugoslawien und seit neun Jahren im Afghanistankrieg. Längst ist aus dem
einstigen Verteidigungsbündnis ein Militärpakt geworden, der nach innen
Sicherheit verspricht, nach außen aber jederzeit zum Angriff fähig und bereit
ist. Die Welt kann erst aufatmen, wenn sich diese Kriegsallianz aus der
Geschichte verabschiedet hat. Daran müssen wir arbeiten.

KOMMENTAR VON SUSANNE KNAUL
Jeder Mensch ist käuflich, heißt es. Die Frage ist
nur, zu welchem Preis. Israels Regierung lässt sich großzügig bezahlen: 20
Kampfflugzeuge hat sie mit Washington ausgehandelt, um den Baustopp im
Westjordanland um drei Monate zu verlängern - möglicherweise. Stellt sich die
Frage: Wie viel wird da wohl ein ganzes Friedensabkommen mit den Palästinensern
kosten? Oder auch nur ein Truppenabzug aus den besetzten Gebieten, wenn man das
einmal hochrechnet?
Der Kuhhandel zwischen Washington und Jerusalem, der
sich abzeichnet, ist absurd. Israel wird dafür bezahlt, dass es den
Friedensprozess am Leben hält. Dabei wird Jerusalem gar keine Geste des guten
Willens abverlangt: etwa palästinensische Gefangene zu entlassen oder
Straßenkontrollpunkte zu räumen. Nein, die Regierung von Benjamin Netanjahu
soll einzig und allein dafür belohnt werden, dass sie die Friedensbemühungen
der USA für eine kurze Weile ausnahmsweise mal nicht sabotiert. Das lässt man
sich einiges kosten.
Zweifellos gibt es Situationen, in denen durch
Aufrüstung ein Frieden erkauft werden kann. Der damalige US-Präsident Bill
Clinton stellte einst mit gutem Grund eine umfassende Modernisierung der
israelischen Armee in Aussicht, wenn es zu einem Friedensabkommen zwischen
Syrien und Israel gekommen wäre - und damit zum Abzug von den Golanhöhen, die
für Israel strategisch wichtig sind. Doch es bedroht die Sicherheit Israels
nicht, wenn in den Siedlungen im Westjordanland die Bulldozer mal eine Weile
stillstehen - im Gegenteil. Strategisch macht das Angebot des Weißen Hauses,
einen Baustopp mit der Lieferung von Kampfflugzeugen zu belohnen, deshalb wenig
Sinn. Es ist nur ein Bestechungsversuch.
Der seltsame Zickzackkurs des US-Präsidenten Barack
Obama hat den Nahen Osten bisher nicht einen Schritt näher zum Frieden
gebracht. Und daran, so ist zu befürchten, wird sich auch in den kommenden drei
Monaten nichts ändern.

KOMMENTAR VON NICOLA GLASS
Es ist ein Grund zum Feiern, dass
Aung Suu Kyi wieder in Freiheit ist. Ein Signal für eine Demokratisierung
Birmas ist es aber nicht. Zum einen hätten die Militärs die populäre
Oppositionspolitikerin gar nicht erst einsperren dürfen. Zum anderen sitzen in Birma
immer noch über 2.000 politische Gefangene hinter Gittern - und die
Menschenrechtsverletzungen im Lande gehen weiter.
Die Junta hat Suu Kyi vor allem
deshalb freigelassen, um von der Kritik abzulenken, die die Wahlen vom 7.
November weltweit auf sich gezogen hatten. Die Stimmen, die den Urnengang
"massiv manipuliert" und "illegitim" nannten, sind noch
nicht verstummt. Doch ein Zeichen, dass das Regime einknickt, ist die
Freilassung deshalb noch nicht. Die Generäle, allen voran Juntachef Than Shwe,
lassen keinen Zweifel daran, wer die Regeln bestimmt. So legten sie es von
Anfang an darauf an, Suu Kyi von den Wahlen fernzuhalten. Nur zu gut wussten
die Militärs, dass sie keine Chance gehabt hätten, wäre der Urnengang wie
zuletzt 1990 frei und fair und Suu Kyi auf freiem Fuß gewesen.
Frei wird die Oppositionsführerin
auch jetzt nur so lange sein, wie es ihrem Erzfeind, dem Diktator Than Shwe, in
den Kram passt. Sollten er und sein Regime Suu Kyis offensichtlich ungebrochene
Popularität als Bedrohung der eigenen Macht empfinden, werden sie wieder einen
neuen Vorwand finden, um die Friedensnobelpreisträgerin festzunehmen.
Dass Suu Kyi jetzt "ohne
Auflagen" freigelassen wurde, bedeutet rein gar nichts. Ähnliches war ihr
schon 2002 zugesagt worden. Nur ein Jahr später wurde sie erneut verhaftet,
nachdem ihr Autokonvoi von juntatreuen Schlägertrupps attackiert worden war.
Danach nahmen die Militärs Suu Kyi in "Schutzhaft" - allen
internationalen Protesten zum Trotz.
Der Junta spielt in die Hände, dass
auf Suu Kyis Schultern zu viele Erwartungen ruhen. Viele im Volk sehen die
grazile Frau mit dem eisernen Willen als die Einzige an, die imstande sein
könnte, die zersplitterte Opposition zu einen und eine Aussöhnung mit den
ethnischen Minderheiten herbeizuführen. Eine solche Mammutaufgabe aber kann
kein Mensch allein bewältigen. Zumal dann, wenn seine Freiheit von der Gunst
eines grausamen Regimes abhängt.

KOMMENTAR VON NORMAN BIRNBAUM
Nur Historiker werden eines Tages bewerten können, ob diese
Kongresswahlen vom 2. November 2010 "historisch" - im Sinne von wichtig
- waren. Kurzfristig lässt sich nur feststellen, dass die Partei des
Präsidenten ihren größten Verlust im Repräsentantenhaus seit 1946 eingefahren
hat. Damals wurde Präsident Truman gleichwohl zwei Jahre später wiedergewählt.
Ob Barack Obama das auch gelingen wird, ist eine sehr offene Frage - immerhin
befindet sich seine Präsidentschaft schon seit einer ganzen Weile in der Krise.
Die Wahlbeteiligung lag schätzungsweise bei rund 40 Prozent.
Zum Vergleich: Bei der Präsidentschaftswahl von 2008 gaben noch 61 Prozent der
Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Die Wähler von heute waren älter und weißer.
Viele der Jungen, der Afroamerikaner und der Latinos - also genau diejenigen,
die Obama ins Weiße Haus gebracht haben - sind zu Hause geblieben. Frauen, die vor
zwei Jahren mehrheitlich für Obama votierten haben, verteilten jetzt ihre
Stimme gerecht auf beide Parteien.
Die bedeutsamsten Verluste erlitten die Demokraten in
Staaten wie Ohio, Pennsylvania, Wisconsin (die unverzichtbar für einen Sieg im
Jahre 2012 sein werden) - und zwar vor allem bei den Wählern aus der weißen
Arbeiterklasse. Von den Gewerkschaften überredet und mit Blick auf die
miserable Wirtschafts-Performance der Bush-Regierung hatten sie sich noch vor
zwei Jahren für einen Afroamerikaner, der den Wechsel versprach, entschieden.
Drückende Arbeitslosigkeit
Es
stimmt ja: die Regierung Obama hat mit ihren Rettungs- und Konjunkturprogrammen
die Wirtschaft vor einer noch schlimmeren Rezension, gar vor einem Kollaps
bewahrt. Aber dieses Argument zieht bei den Erwerbslosen nicht - und deren
tatsächliche Rate übersteigt die offizielle Zahl von neun Prozent bei weitem,
sie liegt nämlich bei 15 Prozent. Viele andere mehr fürchten, dass auch sie
bald ihren Job verlieren werden. Und sie sind wütend über die Konzessionen, die
diese Regierung den Banken gegenüber gemacht hat.
Ganz klar beherrscht die Wirtschaftskrise das nationale
Bewusstsein. Die brutale Rhetorik derer, die den Staat als übermächtig und
gierig darstellen, verstärkt die Unsicherheit und die Paranoia vieler
Amerikaner weiter. Gleichzeitig wirkt Obamas Appell, doch bitte mehr Geduld zu
haben, wie eine Bevormundung der ganz normalen Bürger von sehr weit weg.
Dennoch verfügt Obama, trotz der Niederlage, auch weiterhin
über reichlich Macht. Mit ihr und einer Mehrheit im Senat kann er die
Republikaner, die nun die Mehrheit im Repräsentantenhaus stellen, zu
Kompromissen zwingen. Viele Demokraten, die ihren Sitz verloren haben, hatten
mit der Tradition des New Deal ohnehin nichts am Hut - und die verbliebenen
werden von ihrem Präsidenten mehr Kampfgeist fordern. Immerhin vertreten die
meisten von ihnen eine Wählerschaft, die sich eine aktive und eingreifende
Regierungspolitik wünscht.
Bei den Republikanern ist nun der Kampf um die Nominierung
eines Kandidaten für die nächste Präsidentschaftswahl eingeläutet. Das vulgäre
Ressentiment von Sarah Palin sowie die Niederlage der unfähigen und dummen,
aber von ihr unterstützten Kandidaten hat die Republikaner die mögliche
Mehrheit im Senat gekostet. Und die Älteren unter den Republikanern sind sich
ziemlich im Klaren darüber, dass sich mit Kamikaze-Taktiken keine nationalen
Mehrheiten gewinnen lassen.
Ein Katholik aus New Jersey
Letztlich könnte es deshalb gut sein, dass am Ende so jemand
wie der Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, aufgestellt wird. Seine
hauptsächliche Leistung besteht darin, dass er den Bau eines dringend
benötigten Eisenbahntunnels in New York verhindert. Gleichzeitig dürfte der
neue kubanischstämmige Senator von Florida, Marco Rubio, die Hälfte der
Latino-Stimmen auf sich vereinigen können.
Die Spendengeber der Republikaner aus der Geschäfts- und
Finanzwelt haben ihre Prioritäten: Deregulierung, Steuersenkungen, die
sukzessive Abschaffung des amerikanischen Sozialstaats und die Privatisierung
all dessen, was von der öffentlichen Infrastruktur noch übrig ist. Chris
Christie, ein erzreaktionärer Katholik, der übrigens viel Ähnlichkeit mit dem
ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten Hans Filbinger aufweist, ist da genau der
Politikertypus, den die Republikaner mögen und brauchen.
Bald Streit um Sozialkürzungen
Im Januar wird dann das erste bedeutsame Ereignis auf den
neuen Kongress zukommen. Zuvor, nämlich im Dezember, wird die vom Präsidenten eingesetzte
Kommission über die Staatsverschuldung ihren Bericht vorlegen und damit
womöglich eine Debatte anstoßen, die einer Neuauflage vergangener Diskussionen
gleich kommt: Dann nämlich, wenn der Kongress fordert, den Rentnern ihre Bezüge
und staatlichen Zuschüsse für ihre Krankenversicherung zu kürzen. Man kann
davon ausgehen, dass die Antwort des Präsidenten auf diese Forderungen die
Themenagenda der nächsten zwei Jahre bestimmen wird.
Kritiker, welche die parlamentarische Demokratie von heute
vor allem für ein Ritual halten und jede Substanz vermissen, haben nicht ganz
unrecht. Die wichtigste Nachricht aus den USA in dieser Woche waren denn auch
nicht die Wahlergebnisse, sondern die verzweifelte Entscheidung unserer
Zentralbank, Fonds in Höhe von Hunderten von Millionen zu kaufen.
Begleitet wurde dieser Schritt von einer erstaunlich
ehrlichen Erklärung: nämlich, dass sich die wirtschaftliche Erholung bis auf
Weiteres verzögere. Indessen, und auch das blieb während des Wahlkampfs
unerwähnt, höhlen die finanziellen, moralischen und politischen Kosten des
Imperiums und seiner Kriege die Substanz der Nation aus. Nicht Sarah Palin,
sondern General Petraeus dürfte dem Präsidenten in den kommenden zwei Jahren
zur Plage werden.
Obama wollte diesen Job. Vielleicht schafft er es ja noch -
wie John Kennedy und Bill Clinton vor ihm -, endlich in sein Amt
hineinzuwachsen.
Übersetzung aus dem Amerikanischen von Ines Kappert
Norman Birnbaum, 1926 in New York geboren, lehrte
als Professor für Soziologie an der Georgetown University und beriet Robert
sowie Edward Kennedy. Er war Mitbegründer der New Left Review und
arbeitet heute unter anderem für The Nation.
4. 11. 10
Die Mitte der amerikanischen Gesellschaft hat sich von ihrer
einstigen Lichtgestalt Barack Obama abgewandt. Nach der Wahlschlappe wird der
Präsident lavieren müssen - zwischen Kooperation und Konfrontation mit den
Republikanern. Und: Er muss sich neu erfinden.
Die spinnen, die Amis!
So raunt es nun in Europa. Wer soll das auch begreifen? Gerade erst war
Washington, nach acht Jahren politischer Finsternis, wieder erstrahlt im Glanze
der Lichtgestalt Barack Obama. Der schwarze, smarte Präsident vollbrachte große
Dinge. Erst bewahrte er die Welt vorm Absturz in die globale Depression, dann
bescherte er seiner Nation eine historische Gesundheitsreform. Allein, genau
dafür straft ihn sein Volk nun ab - per Desaster bei den Kongresswahlen. So
viel Undank mag keiner verstehen, jedenfalls nicht an den europäischen Gestaden
des Atlantiks.
Die Zwischenwahlen gerieten zum
Referendum über zwei Jahre Obama - und die Republikaner triumphierten. Jene
Partei also, die scheinbar am Nasenring geführt und nach rechts gezerrt wird
von der rebellischen Tea-Party-Bewegung. Und in deren vorderen Reihen, so viel
Kunde ist in die Alte Welt gedrungen, tummeln sich vorwiegend absurde
Gestalten. Hysterische Anti-Etatisten, die den Staat als Quell allen Übels
sehen, inklusive der Massenarbeitslosigkeit, und Verschwörungstheoretiker, die
jedweden Klimaschutz als Komplott zur Zerstörung des American Way of Life
deuten. Deutsche reagieren, durchaus verständlich, besonders allergisch, wenn
sie etwa von dem Senator in spe aus Alaska hören, der seinen Landsleuten die
DDR samt Schießbefehl als Modell zur Bekämpfung illegaler Einwanderer am Rio
Grande empfahl. Oder wenn wir die Fotos von dem Kandidaten fürs
Repräsentantenhaus sehen, der daheim in Ohio nach Feierabend gern Krieg spielte
- in der Uniform einer am Holocaust beteiligten Division der Waffen-SS. Was
viele Europäer übersehen: Beide Herren wurden am Dienstag nicht gewählt.
Dennoch, aus solchen Anekdoten malen
sich viele, zu viele Europäer ihre Karikatur vom verirrten wie verwirrten
Amerika. Nur: Dieses Zerrbild stimmt nicht. Erstens müssen die Europäer
verstehen, dass Amerika schlicht anders ist - anders auch, als sie es sich
wünschen. Und zweitens ergibt jede Autopsie des demokratischen Massensterbens
von Dienstagnacht: Dies war kein Sieg der Rechten aus strotzender, eigener
Kraft. Dies war der Zusammenbruch der Obama-Koalition - weil der Präsident den
Rückhalt in Amerikas Mitte verloren hat.
In Westeuropa genießt Barack Obama noch
immer messiasgleichen Status mit Popularitätsraten von 80 Prozent. Im eigenen
Land hingegen muss der Prophet für jede Umfrage dankbar sein, die ihm
wenigstens halb so viel Sympathie bescheinigt. Deutsche und Franzosen,
Portugiesen oder Schweden tun sich unter allen Völkern wahrscheinlich am
schwersten, Obamas Probleme wirklich nachzuvollziehen. Nirgendwo sonst auf
Erden ist das, was Obamas Programm ausmacht, so selbstverständlich. Reformen
wie eine Krankenversicherung für alle, ein aktiver Staat sowie mehr Umwelt- und
Klimaschutz muten ihnen an wie eine nachholende Europäisierung, eine schlichte
Normalisierung. Millionen Amerikaner hingegen begreifen diese staatsgetragene
Agenda als kühn, ja als revolutionär. Was Obama als Modernisierung verordnet,
erleben viele als Systembruch. Und als unamerikanisch.
Politisch verheerend wirkt sich aus,
dass Obamas neuer Staat zu langsam und zu wenige Erfolge produziert. Mehr als
800 Milliarden Dollar Schulden sollten die Wirtschaft stimulieren - aber die
Arbeitslosigkeit verharrt bei fast zehn Prozent. Die Wall Street und Detroits
rostige Autoschmieden hat der Präsident mit Staatsgeld vor dem Bankrott
gerettet. Aber in diesem Jahr allein droht einer Million US-Familien der Verlust
des Eigenheims per Zwangsversteigerung.
Obama bedauert, referiert die
Sachzwänge. Vor zwei Jahren beflügelten seine Visionen, heute klingt derselbe
Mann oft merkwürdig blutleer. Damals begeisterte seine coole, selbstsichere
Gelassenheit, inzwischen wirkt derselbe Charakter kalt, arrogant, ja elitär.
Die Rechte mag viel schrillen Radau inszenieren und im Scheinwerferlicht der
Medien stehen. Aber auf der Rechten hatte dieser Präsident eh nichts zu
verlieren. Getragen war Obamas historischer Sieg 2008 von der Mitte der Nation
- den parteiunabhängigen Wählern und den Suburbanites in den Bungalows der
Vorstädte. Genau dieses Zentrum hat ihn nun aber verlassen.
Obama muss sich jetzt neu erfinden.
Vorbei sind die Zeiten seiner "transformativen Präsidentschaft", die
mit Großreformen das Land umpflügt und von Nachfahren später mit der Ära eines
Franklin D. Roosevelt oder eines Ronald Reagan verglichen werden möchte.
Projekte wie ein ehrgeiziges
Energiespargesetz oder ein neues Einwanderungsrecht werden mit den neuen
Mehrheiten unmöglich sein. "Obama 2.0" wird in Washington ein
instabiles Betriebssystem installieren. Der Präsident wird lavieren müssen -
zwischen Kooperation und Konfrontation mit den Republikanern. Amerika droht
eine Reformblockade. Das wird weder der Nation gerecht noch der Welt genügen.
Der Rest ist vage Hoffnung - auf eine baldige Linderung der Jobkrise und noch
einen Wandel in 2012. Falls Obama aus dem Schaden von Dienstagnacht klug wird,
könnte er in zwei Jahren wieder als Held dastehen - nicht mehr nur bei
Europäern, auch wieder unter seinen Amerikanern.

KOMMENTAR VON Bernd Pickert
Die Demokraten von US-Präsident Barack
Obama sind am Dienstag haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammt. Sie
haben zwar, wie alle Umfragen prognostiziert hatten, das Repräsentantenhaus
verloren, den Senat aber knapp halten können. Allerdings: Politik können mit
diesen knappen Mehrheiten beide Seiten nicht machen. So ist der Wahlausgang vom
Dienstag vor allem der Beginn des Wahlkampfes für 2012, wenn Präsident Obama
wiedergewählt werden möchte.
Die große Frage ist, auf welcher
Grundlage ein solcher Wahlkampf eigentlich geführt werden soll. Denn das
eigentliche Desaster für die Demokraten liegt darin, dass ein Großteil der
Wechselwähler, die noch vor zwei Jahren den triumphalen Sieg Obamas und klare
Mehrheiten der Demokraten in beiden Häusern des Kongresses ermöglicht hatten,
diesmal republikanisch gestimmt hat und dabei, das zeigen die
Nachwahlbefragungen, den Kernargumenten der Republikaner gefolgt ist. Die sind:
Wir brauchen eine kleinere Regierung, die Staatsausgaben müssen gekürzt werden,
diese Regierung überdehnt ihr Mandat, wofür immer wieder die Gesundheitsreform
als Beispiel genannt wird.
Die Vorwürfe sind in sich
widersprüchlich: Einerseits wird Obama vorgehalten, sich nicht ausreichend um
die Wiederbelebung der Wirtschaft gekümmert zu haben, andererseits wird sein
787-Milliarden-Dollar-Konjunkturprogramm als zu teuer kritisiert. Einerseits
sollen die Staatsausgaben gekürzt werden, andererseits soll in Jobs investiert
werden. Es ist das Vorrecht einer jeden Opposition, unschlüssige Kritik zu
äußern. Aber ab Januar müssten die Republikaner mit ihrer neuen Mehrheit im
Haus eigentlich Verantwortung mitübernehmen, und da geht solch ein Unsinn nicht
mehr. Bloß: sie werden es nicht tun. Ihr einziges Ziel wird es sein, Obama
keinerlei Siege zu gönnen, die ihm 2012 helfen könnten.
So ist dieser
Wahlausgang mehr als nur ein Referendum über die bisherige Amtszeit Barack
Obamas, er ist auch eine Absage an die Reformfähigkeit der USA. Obama ist bei
seinem vielleicht wichtigsten Wahlversprechen, der Veränderung des Systems der
politischen Entscheidungsfindung, tatsächlich gescheitert.
Auf Obama und die Demokraten kommt
jetzt die schwierige Aufgabe zu, der zweiten Hälfte seiner ersten Amtszeit ein
Thema zu geben, das am Wahltag 2012 positiv angenommen werden kann. Stillstand
ist keine gute PR-Idee für einen Amtsinhaber, zu großen Veränderungen wird es
aber nicht reichen. Viel zu spät, nämlich erst in den letzten Wochen des
Wahlkampfes, hat Obama damit begonnen, leidlich volksnah zu verteidigen, was er
in den letzten 21 Monaten zustande gebracht hat. Wenn er diesen
Kommunikationsfaden mit einer neuen Idee aufrecht erhält, kann er wiedergewählt
werden.

2. 11. 10
Entgrenzung nach rechts
Der Tabubruch vollzieht
sich leise, aber stetig. Etwa ein Viertel der konservativen Regierungen in der
EU ist heute von Rechtspopulisten und Nationalisten abhängig.
Niederlande, September 2010: Der Rechtspopulist Geert
Wilders stützt die Minderheitsregierung von Christdemokraten und Rechtsliberalen
in Den Haag.
Lettland, Oktober 2010: Der konservative Premier Valdis
Dombrovskis versucht, das post-faschistische Bündnis Alles für
Lettland/Vaterland und Freiheit ins Kabinett aufzunehmen.
Italien: Zum wiederholten Male bildet Silvio Berlusconi
eine Koalition mit Separatisten.
Dänemark: Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen wird –
wie sein Vorgänger – von der fremdenfeindlichen Partei Pia Kjærsgaards
toleriert.
Bulgarien: Der konservative Regierungschef Bojko Borissow
stützt sich auch auf die rechtspopulistische Partei namens Ataka.
Ungarn: Die Jungen Demokraten gewinnen mit
nationalistischen Parolen die Wahlen. Ihr Vorsitzender, Viktor Orban, ist
Vizepräsident der Europäischen Volkspartei, Christdemokrat, wie die anderen
auch.
So viel Rechtsaußen war im gemeinsamen Europa noch nie.
Die Wahlerfolge sind auf der politischen Landkarte von Antwerpen bis Warschau,
von Stockholm bis Bern mit kräftigen Farben markiert.
Auch früher gab es vereinzelt rechtsextreme Parteien in
Parlamenten; der Unterschied zu heute: Sie waren im Gegensatz zur
weichgespülten, populistischen Variante nie an Regierungen beteiligt. Begonnen
hat diese Entwicklung vor über zehn Jahren, als in Österreich Jörg Haiders
Partei zum Koalitionspartner der christdemokratischen ÖVP aufstieg.
Diese Entwicklung hat zwei Facetten. Zum einen die
ideologische: Ihre Bestandteile sind Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit bis
hin zu Rassismus und Antisemitismus, neuerdings auch verstärkt durch
Antiislamismus. Vorherrschend ist ein ausgeprägtes Freund/Feind-Denken und die
klare Tendenz zur Ausgrenzung von Minderheiten. Auch die Relativierung des
Nationalsozialismus findet sich in weiten Teilen des rechtspopulistischen
Lagers.
Die Parteien dieser Couleur sind ihrem Wesen nach destruktiv
und oppositionell. Sie sind gekennzeichnet durch einen Führerkult, und ihre
inneren Strukturen haben mit einer breiten demokratischen Mitgliederbeteiligung
meist nichts zu tun: Die Männer und Frauen an der Spitze lassen sich gern durch
Akklamation huldigen. Offiziell bekennen sie sich zum demokratischen
Rechtsstaat, tatsächlich entleihen sie sich auch Elemente aus undemokratischen
Systemen. Die größte Wirkung erzielen sie durch eine Vergiftung des
gesellschaftlichen Klimas, was in einer Reihe von EU-Staaten schon deutlich zu
spüren ist. Immer häufiger werden Tabubrüche ins Extreme ausgedehnt. Der
angerichtete Schaden in der Verschiebung des politischen Spektrums nach rechts
ist nur schwer reparabel.
Zum anderen die strategische Facette: Etwa ein Viertel
aller christdemokratischen Regierungen in der EU ist schon heute von
Rechtspopulisten und Nationalisten abhängig. Parteien aus der politischen
Familie von Angela Merkel und Horst Seehofer, der Europäischen Volkspartei
(EVP), haben die Entgrenzung nach rechts vollzogen. Das ist in der europäischen
Nachkriegsgeschichte völlig neu: ein Tabubruch, bei dem salonfähig gemacht
wurde, was bisher von einem Cordon sanitaire belegt war. Im Unterschied dazu
zeigt die gemeinsame Haltung gegen den Vlaams Blok durch Christdemokraten,
Liberale und Sozialisten in Belgien, dass rechten Kräften der Weg zur Macht
nicht geöffnet werden muss.
Es ist die Machtfrage, um die es geht. Die
Christdemokraten beanspruchen in Europa fast alle wichtigen Führungspositionen
– den Kommissionspräsidenten, den EU-Ratspräsidenten und selbstverständlich
auch den Nato-Generalsekretär –, stützen sich aber zu Hause auf Kräfte, die mit
diesem Europa nichts zu tun haben wollen.
Apropos nichts zu tun haben wollen: Aus der
christdemokratisch-konservativen Fraktion im Europäischen Parlament sind im
vorigen Jahr die britischen und tschechischen Parteien ausgeschieden und haben
sich mit nationalistischen Parteien zu einer eigenen Gruppierung
zusammengeschlossen. Euroskeptisch ist noch die mildeste Bezeichnung für ihre
Haltung zur EU.
Im „dunklen“ Jahrzehnt, den 1930er Jahren, sind rechte
Kräfte erst salon-, dann regierungsfähig geworden. Auch wenn Geschichte sich
nicht wiederholt, so fängt das Bild des gemeinsamen Europa heute an, sich
einzutrüben. Der Rechtspopulismus ist zu einer tendenziellen Bedrohung der
Demokratie und damit auch der europäischen Integration geworden. Die
Christdemokraten werden als Gretchenfrage die Zusammenarbeit mit Geert Wilders,
Pia Kjærsgaard, Ataka und anderen für sich und vor der Öffentlichkeit
beantworten müssen: Ihr weit nach rechts abgedrifteter Spitzenmann Viktor Orban
wird als ungarischer Ministerpräsident am 1. Januar 2011 die
EU-Ratspräsidentschaft übernehmen.
Axel Schäfer ist
Europaexperte und stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.