27. 9. 11

 

Analyse


Der Papst führt einen Scheindialog

 

Der Rummel um den Papstbesuch entspannt sich - jetzt wird Bilanz gezogen. Der Begriff „Missverständnis“ ist das Codewort der letzten vier Tage.

 

Von Joachim Frank

Die Kirche ist wesentlich ein Kommunikationsunternehmen. Kein Wunder also, dass vor dem Besuch Papst Benedikts XVI. in Deutschland viel von „Dialog“ und „Begegnung“ die Rede war. Am Ende aber ist der Begriff „Missverständnis“ das Codewort dieser vier Tage. Von denen hatten Gast und Gastgeber eine so unterschiedliche Vorstellung, dass sie konsequent aneinander vorbeigeredet haben. Damit ist nicht gesagt, dass Benedikts Ermutigung, den Glauben zu vertiefen und entschlossener zu bezeugen, bei den Katholiken verhallt wäre. Ergriffenheit und Begeisterung war ihnen anzumerken, als sie mit dem Papst Gottesdienst feierten und ihn von einem guten Gott predigen hörten, „der nie anderes will als dein wahres Glück“.

Dennoch hat Benedikt von Station zu Station deutlicher werden lassen, dass sein Verständnis von Begegnung die Rendezvous-Verbindung auf ICE-Bahnhöfen ist: Zwei Züge brausen aus verschiedenen Richtungen heran, halten kurz nebeneinander und fahren dann weiter. Zwar öffnet Zugchef Benedikt die Türen, um Passagiere des anderen Zuges aufzunehmen. Er hindert auch niemanden daran, auszusteigen. Aber der Netzbetrieb, der Verkehr auf anderen Gleisen, das ist für ihn irrelevant. Abweichungen von seinem Fahrplan, Richtungsänderungen gar kommen ihm nicht in den Sinn.

Reformforderungen werden scheinkommuniziert

So konnte es geschehen, dass die wechselnden Gesprächspartner nacheinander ihre Wünsche und Reformanliegen – eigentlich permanent dieselben – vortrugen, ohne je auf Resonanz zu stoßen, schon gar nicht auf positive. Das Verlesen vorgefertigter Manuskripte geriet damit zu einer ans Absurde grenzenden Scheinkommunikation, das Ideal der „hörenden Kirche“ verkam zur Parole „Ohren auf Durchzug“.

Nur wer sich darüber vor dem Besuch einer Täuschung hingegeben hat, kann jetzt enttäuscht sein. Für Benedikt gilt unerschütterlich: Auf den rechten Glauben kommt es an, auf die reine Lehre und die heilige Kirche. Die Beziehung zu Gott, sagt Benedikt, gehört an die erste Stelle, nicht unter „ferner liefen“. Dort hingegen rangieren Demonstranten, Protestanten, „Kirchenträumer“. Doch, ja, es darf sie natürlich alle geben in einer pluralen Gesellschaft. Aber für die Zukunft der Kirche tragen sie nach Ansicht des Papstes nichts Entscheidendes bei.

Diese Haltung legte er schon in Erfurt an den Tag, wo er den Ruf nach Fortschritten in der Ökumene als Basar-Mentalität desavouierte. Noch schärfer wurde er zum Ende seiner Reise in Freiburg. Sorgen wegen des Vertrauensverlusts der Kirche oder der zunehmenden pastoralen Probleme aufgrund des Priestermangels überging der Papst komplett. Stattdessen geißelte er die Gottferne kirchlicher Apparatschiks sowie materielle und strukturelle Verfettung.

Distanz zur Welt wird zur Weltfremdheit

Damit griff der Papst auf, was er fast wörtlich bei seinem Besuch in Bayern gesagt hatte. Einen fünf Jahre alten Text zu wiederholen, das hat 2011 aber etwas Verräterisches: Der Missbrauchsskandal hat im Kirchenregiment Benedikts XVI. keine Spuren hinterlassen. So wird er einer Lage nicht gerecht, die selbst Wohlmeinende als größte Krise der vergangenen Jahrzehnte bezeichnen. Überdies brüskiert der Papst jene Bischöfe, die zur Krisenbewältigung einen „Dialogprozess“ ausgerufen und Benedikts Besuch als Bestandteil interpretiert haben. Alles Quatsch, beschied der Papst sie jetzt, allen voran den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch: Das eigentliche Skandalon des Christentums ist die Botschaft vom gekreuzigten Gott, die Krise der Kirche ist eine Krise des Glaubens, alle Reformbegehren offenbaren nur Oberflächlichkeit und Aktionismus, durch den das „Mysterium der Kirche“ weltläufig gemacht werden soll.

Benedikt hantiert gern mit solchen Gegensatzpaaren. So kristallin sie wirken, so nebulös sind sie in Wahrheit. Im Pochen auf Glaubenstreue etwa bleibt geflissentlich außer Acht, dass die Herausforderung für Christen besteht, Glaubenswahrheiten in die Gegenwart zu übersetzen. Hier muss es eine Variationsbreite legitimer Lebens- und Stilformen geben. Andere strittige Positionen der Kirche, etwa die Sexualmoral, gehören überhaupt nicht zum Glaubenskern und beeinflussen doch erheblich das Leben des Christen und die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Botschaft. Die von Benedikt propagierte Distanz zur Welt droht hier in Weltfremdheit umzuschlagen. Eine solche Kirche mag nach innen fest geschlossen stehen, für Nicht-Christen und die säkulare Gesellschaft wird sie immer weniger anschlussfähig.

Das Gespräch über all das hat der Papst für sachfremd erklärt, ins Läppische gezogen oder komplett verweigert. Ein Stück Autismus. Und das an der Spitze eines Kommunikationsunternehmens.

 

 

 

 

9. 9. 11

 

Evangelische Kirche

"Wir sind nicht die Insel der Seligen"

Interview

 

Artikelbild: "Evangelische Geistliche sind der Heiligen Schrift verpflichtet und dem Bekenntnis der Kirche, aber nicht der kirchlichen Autorität" - auch nicht seiner, weiß Bischof Michael Bünker. - Foto: STANDARD/Hendrich

 

Michael Bünker, Bischof der evangelischen Kirche, über die Sorgen der großen Schwesterkirche, abwählbare Bischöfe und Krisen, die man nicht vergeuden sollte

STANDARD: In der katholischen Kirche herrscht gerade ein Konflikt zwischen denen, die Reformen wollen, und denen, die alles so bewahren wollen, wie es ist. Wie genau beobachten Sie in der evangelischen Kirche diese Diskussion?

Bünker: Wir beobachten das schon genau, auch weil es für uns immer von Bedeutung ist, wie es der Schwesterkirche geht. In Österreich spielt das auch wegen der Größe der katholischen Kirche eine Rolle.

STANDARD: Glauben Sie, werden Reformen kommen, eine Abspaltung, oder wird alles im Sand verlaufen?

Bünker: Ich bin kein Prophet. Die evangelische Kirche ist gekennzeichnet davon, dass wir die ständige Reform zu unseren Kirchengrundlagen zählen. Ich kann das auch für die europäischen evangelischen Kirchen sagen, die sich ständig in Reformprozessen befinden. Das hängt damit zusammen, dass unsere Verfassung nicht nach göttlichem Recht eingeführt wurde, sondern nach menschlichem Recht und daher veränderbar ist. In unserer österreichischen Kirchenverfassung steht auch, dass die Verfassungsbestimmungen immer an der Heiligen Schrift zu prüfen sind.

STANDARD: Das zeigt sich etwa wo?

Bünker: Zum Beispiel hat Martin Luther die Frauenordination noch nicht eingeführt. Aber im Lauf der Zeit sind wir draufgekommen, dass dieser Reformschritt nötig ist - auch mit Konflikten, aber im Endeffekt positiv.

STANDARD: Es wäre besser, die katholische Kirche würde den Reformprozess nicht im Keim ersticken?

Bünker: Alle Kirchen durchlaufen Reformprozesse. Das ist etwas, was immer notwendig ist. Und eine Krise ist immer eine Chance. Never waste the crisis!

STANDARD: Die evangelische Kirche entstammt selbst einem Reformprozess innerhalb der katholischen Kirche. Wie unterscheidet sie sich in den Strukturen?

Bünker: In der evangelischen Kirche gibt es eine Beteiligung aller auch an den Entscheidungsprozessen. Das Recht der Gemeinden, selbstständig ihre Pfarrer wählen zu können, war etwa ein Grundanliegen der Reformation. Das war nicht einem politischen Zeitgeist geschuldet, sondern der Einsicht, dass sich Gemeinden an der Entscheidung beteiligen sollen. Es gibt auch das Priestertum aller Gläubigen, wie das bei uns heißt. Als die Bild-Zeitung geschlagzeilt hat: "Wir sind Papst" - das haben wir immer schon gewusst. Nur brauchen wir keinen Papst.

STANDARD: Im Sinn von "Wir wollen nicht Papst sein"?

Bünker: Nein, wir wollen nicht Papst sein. Luther hat gesagt: 'Alles, was aus der Taufe kriecht, ist Priester, Bischof und Papst.' Es gibt keine Hierarchie über die Taufe hinaus.

STANDARD: Alle sind Gottes Stellvertreter auf Erden?

Bünker: Jeder steht unmittelbar vor Gott. Das ist wesentlich am Protestantismus. Wenn es um die Seligkeit geht und um das Gewissen, kann sich niemand vertreten lassen - dann steht jeder Mensch selbstständig, mündig und aufrecht vor allen Autoritäten. Natürlich auch vor Gott.

STANDARD: Droht der evangelischen Kirche auch ein interner Konflikt?

Bünker: Die evangelische Kirche ist nicht die Insel der Seligen. Wir haben Konflikte etwa in der Frage um die Verteilung der Arbeit von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern. Oder es geht um sexual-ethische Fragen wie den Umgang mit Homosexualität. All das führt oft zu heftigen Diskussionen. Sie sind aber auch immer eine Möglichkeit, um notwendige Schritte durchzuführen und in der Reform den eigenen Grundsätzen noch besser zu entsprechen. Evangelische Geistliche sind der Heiligen Schrift verpflichtet und dem Bekenntnis der Kirche, aber nicht der kirchlichen Autorität.

STANDARD: Was bedeutet das?

Bünker: Es gibt viel mehr Freiheiten. Die Bischöfe werden gewählt - und können wieder abgewählt werden.

STANDARD: Profitiert die evangelische Kirche von den Problemen der Katholiken im Sinn von steigenden Mitgliedszahlen?

Bünker: Wir wollen nicht von den Problemen in anderen Kirchen profitieren.

STANDARD: Klar, aber tun Sie es?

Bünker: Ich habe das nicht nachgeprüft. Im Zuge der Missbrauchsfälle kann man sagen: kaum.

STANDARD: Sie machen den katholischen Reformern also auch kein Angebot?

Bünker: Nein. Ich wünsche mir, dass alle Christen in ihren Kirchen eine gute Heimat finden.

STANDARD: Sie glauben nicht, Sie hätten die bessere Heimat?

Bünker: (lacht) Ich bin davon überzeugt, dass sich die evangelischen Kirchen redlich und glaubwürdig bemühen, das umzusetzen, was im Neuen Testament steht und was Jesus wollte, und wie es einen menschenwürdigen Umgang geben kann.

STANDARD: Eine sanfte Antwort.

Bünker: Ja, ich bin ja auch sanft. (Saskia Jungnikl, STANDARD-Printausgabe, 9.9.2011)

 

 

 

Pfarrer-Initiative

"Zu viel Macht für einen Einzelnen"

Sebastian Pumberger

derstandard.at, 03. Juli 2011 17:56

 

Artikelbild:  "Genaugenommen fordern wir nichts, wir kündigen an, was wir selber tun." - Foto: STANDARD/Corn

Helmut Schüller probt den Aufstand gegen Rom - Im Interview spricht er über den "starken Bremsvorgang" in der Kirche

Die "Pfarrer-Initiative" veröffentlichte vor wenigen Tagen einen "Aufruf zum Ungehorsam". Darin kündigte sie wegen der "römischen Verweigerung einer längst notwendigen Kirchenreform" unter anderem an, sich öffentlich für die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt auszusprechen, das Predigtverbot von Laien zu missachten und sich solidarisch mit jenen Kollegen zu zeigen, "die wegen einer Eheschließung ihr Amt nicht mehr ausüben dürfen, aber auch mit jenen, die trotz einer Beziehung weiterhin ihren Dienst als Priester leisten". Mit Helmut Schüller, einem der Proponenten der Pfarrerinitiative, sprach Sebastian Pumberger über den provokanten Aufruf.

derStandard.at: Herr Schüller, Sie haben mit ihren Mitstreitern von der "Pfarrerinitative" vor wenigen Tagen den "Aufruf zum Ungehorsam" veröffentlicht. Warum?

Schüller: Wir arbeiten als Pfarrerinitiative seit fünf Jahren. In dieser Zeit hat sich nichts bewegt. Wir haben uns gesagt, wir müssen deutlicher werden und selbst Schritte in Richtung Kirchenreform setzen.

derStandard.at: Was kritisieren Sie an der derzeitigen Kirche?

Schüller: Wir kritisieren die Zusammenlegung von Pfarren. Man schafft dadurch Großpfarren, wo Seelsorge und Nähe zum Menschen nicht mehr möglich sein wird. Die Verknappung der Leitung der Gemeinden wird nicht ernstgenommen und der Zugang zum Priesteramt nicht erweitert, zum Beispiel in Richtung verheiratete Männer oder Frauen. Es herrscht hier keine Mitbestimmung. In der Aufwertung des Laiens geht es eher rückwärts. In dem Aufruf haben wir Dinge genannt, die wir unmittelbar tun und mit unseren Gemeinden tun können.

derStandard.at: Wie ist die Reaktion der Amtskirche auf diesen Aufruf?

Schüller: Offiziell liegt uns nur eine Stellungnahme von Bischof Kapellari aus Graz vor, der mit Kardinal Schönborn abgesprochen sein soll. Das ist das einzige, was wir aus der Kirchenleitung gehört haben. Sonst gibt es überwiegend positive Kritik aus dem Kreise der Pfarrer und der Bevölkerung. Natürlich gibt es auch negative Kritik.

derStandard.at: Kann die Amtskirche auch kirchenrechtlich gegen Sie vorgehen?

Schüller: Natürlich muss man auch damit rechnen. Ich möchte nicht vorformulieren was die Kirchenoberen tun könnten. Das kommt darauf an, wie man unser Handeln einschätzt. Wir selbst sagen, dass sind verantwortbare Schritte, die wohl im Gegensatz zu herrschenden Regelungen stehen. Diese werden aber vermutlich, wenn es einmal zu Reformen kommt, als selbstverständlich betrachtet werden. Wenn man die Kirchengeschichte anschaut, dann war es häufig so, dass etwas angefangen hat, das zuerst verpönt und Jahre und Jahrzehnte später allgemeine Lehre war.

derStandard.at: Die Aufwertung der Laien geht eher zurück, sagen Sie. Warum wird das, was im 2. Vatikanischen Konzil begonnen hat, nicht weiter forciert?

Schüller: Es gibt unter den Klerikern bis hinauf zum Papst die Angst, dass man an Macht und Einfluss verlieren könnte. Vielleicht ist es auch die Angst vor der eigenen Courage. Das 2. Vatikanische Konzil hat auch Öffnung bedeutet und das bedeutet Unsicherheit vor neuen Wegen. Die verspätete Auseinandersetzung mit der Moderne bringt vieles ins Wanken, das jahrhundertelang so behauptet wurde. Da gibt es nun auch Strömungen, das Ganze wieder einzudämmen.

In der Entscheidungsstruktur der Kirche können einige wenige vielen ihre Vorstellungen aufdrücken. Die Einstellung eines Mannes, des Papstes und seiner Umgebung, bestimmt die Entwicklung. Das ist nicht nur zu viel Macht, sondern auch zu viel Verantwortung für einen Einzelnen. Die Bischöfe, die sich nun gebunden fühlen, die nur das tun, was der Papst ihnen ermöglicht, sind in diesem System eingebaut. Deswegen haben wir es mit einem starken Bremsvorgang zu tun. Bei den Laien hat man begonnen, sehr zaghaft positive Schritte zu setzen, die scheinen manchen zu weit zu führen.

derStandard.at: Einige Bischofsernennungen waren in letzte Zeit nicht ganz unumstritten. Braucht es ein demokratischeres System der Mitbestimmung der Laien?

Schüller: Ja, selbstverständlich. Es ist völlig unhaltbar, dass die, die es am meisten ausbaden müssen, nämlich die Gemeinden und die Pfarrer, bei der Frage, wer Bischof wird, draußen sind. Man verzichtet auf eine Menge Verstand, denn gerade die Getauften und Gefirmten bringen in die Kirche sehr viel Weltverstand mit. Es ist nicht nur so, dass es zu wenig Einfluss gibt, bei denjenigen, die die Folgen dann tragen, sondern es ist auch völlig intransparent. Das ist völlig inakzeptabel.

Die Ordensgemeinschaften wählen seit Jahrhunderten ihre Äbte und niemand würde behaupten, dass sie den Glauben verwässert haben. Sie glauben immer noch an Gott und die Auferstehung Christi. Und trotzdem muss alle paar Jahre ein Abt neu gewählt werden. Dieser muss sich verantworten und muss Rechenschaft ablegen. Das ist ein Element, das in unserer Kirche völlig fehlt. Weder der Papst noch ein Bischof legen Rechenschaft darüber ab, was sie entscheiden. Diese Dinge entsprechen jedoch nur den zivilisatorischen Fortschritten, die wir mittlerweile haben. Teilhabe an Entscheidungen ist eine Grundsache des modernen Gemeinwesen, warum sollte das nicht in der Kirche auch so sein?

derStandard.at: Sehen Sie den Grund für die aktuelle Krise auch im Mangel an Reformen?

Schüller: Es ist sicher ein Mangel, wenn sich die Kirche den Belastungen der modernen Zeit nicht stellt. Natürlich ist die offene Verweigerung des Eingehens auf die moderne Lebenseinstellung eine schwere Beeinträchtigung im Handeln der Kirche.

derStandard.at: Üben Sie in Probstdorf die Dinge aus, die Sie in dem Aufruf proklamiert haben?

Schüller: Ja, das ist alles schon Realität. Ich kann von guten Erfahrungen berichten. Es wird nichts zerstört und aufs Spiel genommen. Ich denke dieser Weg wird in der Gemeinde von der ganz klaren Mehrheit mitgetragen.

derStandard.at: Glauben Sie, kann eine Veränderung beim Zölibat in den nächsten Jahrzehnten umgesetzt werden?

Schüller: Ich würde mich nicht auf Zeitspekulationen einlassen, manchmal können Dinge sehr schnell gehen. Unmut artikuliert sich heute sehr schnell, dadurch können neue Dinge entstehen. In dem Augenblick, in dem immer deutlicher wird, was die der Kirche verbundenen Menschen wollen, könnte es noch viel schneller gehen. Noch dazu, wenn sich Bischöfe, die in eine ähnliche Richtung denken, vernetzen würden. Die momentane Situation ist der unendlichen Geduld vieler geschuldet. Es wird einfach hingenommen. In dem Augenblick in dem es klarere Worte gibt, und die sich gegenseitig verstärken, können Dinge sehr schnell in Bewegung kommen. Auch beim Zölibat.

derStandard.at: Gibt es auch nicht offizielle Gespräche wo Bischöfe weiter gehen?

Schüller: Wir haben mit den Bischöfen, die mit uns sprechen wollten, Gespräche geführt. Sie haben Verständnis gezeigt für unsere Fragen. Manchmal habe ich mir gedacht, sie denken mehr als sie positiv dazu sagen wollen. Die Bischöfe sammeln diese Frage und sagen uns nicht, was sie selbst davon halten. Da haben wir an der Basis noch keine Klarheit. Die Bischöfe haben sich noch nicht deklariert. Sehr häufig bekommen wir die Antwort: "Das will Rom nicht." Wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir auch einmal wissen, was die Bischöfe nicht wollen.

derStandard.at: Nachdem Sie den Aufruf veröffentlicht haben, welchen Schritte planen Sie jetzt?

Schüller: Genaugenommen fordern wir nichts, wir kündigen an, was wir selber tun. Das ist etwas Neues. Wir schicken nicht einen Brief ab und warten auf Antworten. Wir haben begonnen, bestimmte Schritte zu setzen. Wir hoffen, dass viele sich auf ähnliche Weise äußern und dies auch so tun. Wir hoffen auch auf ein Aufgreifen dieser Schritte von der Kirchenleitung. Wir werden sehen, was sich als Reaktion auf den Aufruf tut. Es kommt jetzt sehr darauf an, dass alle die diese Schritte gutheißen, das deutlich nach außen kundtun. Dann wird mehr weitergehen. (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 3.7.2011)

 

HELMUT SCHÜLLER, war Generalvikar der Erzdiözese in Wien und ist heute Pfarrer in Probstdorf.